Unterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 218. Freitag, den 9. November. 1906 (Nachdruck verboien.Z 29i Der Sumpf. Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. 16. Als Jurgis wieder hoch kam, ging er ganz ruhig mit. Er war erschöpft und halb betäubt, und außerdem sah er die blauen Uniformen der Polizisten. Er fuhr unter Aussicht von einem halben Dutzend von ihnen in einem Patrouillen- wagen, hielt sich aber in möglichster Entfernung von ihnen, wegen des Düngers. Dann stand er vor dem Pult des Sergeanten, gab Namen und Adresse an und sah. daß man ihn wegen Körperverletzung notierte. Auf dem Wege nach seiner Zelle wurde er von einem stämmigen Polizisten erst mit Verwünschungen überschüttet, weil er in einen falschen Korridor einbog, und als er nicht flink genug war, noch mit einem Fußtritt traktiert. Trotzdem hob Jurgis nicht einmal die Augen auf,— er lebte seit zwei und einem halben Jahr in Packingtown und wußte, was die Polizei zu bedeuten hatte. Es hätte einem das Leben kosten können, wenn man ihnen hier in ihrer innersten Höhle Trotz geboten hätte: wahr- scheinlich wären gleich ein Dutzend iiber ihn hergesallen und hätten ihm das Gesicht zu Brei zerschlagen. Es wäre sogar nickts Besonderes gewesen, wenn er bei dem Kanipf einen Schädelbruch davongetragen hätte,— in dem Fall würde ganz einfach im Bericht gestanden haben, daß er betrunken gewesen und hingefallen sei, und kein Mensch würde jemals etwas Näheres erfahren oder sich auch nur danach erkundigt haben. So fiel also eine verriegelte Tür hinter Jurgis ins Schloß, und er setzte sich auf eine Bank und vergrub das Gesicht in den Händen. Er war allein, er hatte den Nachmittag und die ganze Nacht zum Nachdenken vor sich. Anfangs war er wie ein übersättigtes wildes Tier, er befand sich in einem Zustand dumpfer, halb betäubter Be- friedigung. Er hatte den Schuft ganz nett zugerichtet,— nicht so gut, wie er es gekonnt hätte, wenn sie ihm einen Augenblick länger Zeit gelassen hätten, aber immerhin ganz nett: seine Fingerspitzen prickelten noch vom Kontakt mit der Kehle d-'s Menschen. Aber dann fing er, als seine Krästc zurückkehrten und seine Sinne sich aufklärten, ganz allmählich an, weiter als an seine augenblickliche Genrigtming zu denken, er begriff, daß Ona nicht damit geholfen war, daß er den ,. Hoiss" beinah umgebracht hatte,— darnit war das Grauen- hafte, das sie erduldet hatte, nicht wieder gut gemacht, sie würde die Erinnerung daran doch ihr Leben lang mit sich herumtragen. Sie würde dadurch nicht satt werden und das Kind ebensowenig, lind was ihn selbst betraf,— Gott allein mochte wissen, was aus ihm werden würde. Die halbe Nacht ging er in seiner Zelle auf und ab und rang mit diesem furchtbaren Gedanken: und als er ganz er- schöpft war, legte er sich zum Schlafen nieder, nur um zu entdecken, daß sein Gehirn ihn zuin erstenmal in scincin Leben keine Ruhe ließ. In der Zelle neben ihm war ein Betrunkener, der seine Frau geprügelt hatte und eine Zelle weiter ein Tobsüchtiger, der fortwährend laut kreischte. Um Mitternacht wurden die Türen jenen Unglücklichen geöffnet, die heimatlos und bebend in der bitteren Kälte davorstanden, und sie drängten sich herein und füllten alle Gänge. Einige von ihnen streckten sich auf den kahlen Steinfliescn aus und fingen sofort an zu schnarchen, andere bliebet? wach, lachten und schwatzten, fluchten und zankten. Tie Luft war ver- pestct von ihrem Dunst, trotzdem bekamen einige von ihnen Jurgis in ihre Nase und verwünschten ihn mit wilden Flüchen, während er in der Ecke seiner Zelle lag und das Pochen in seinen Schläfen zählte. Man hatte ihm sein Abendbrot gebracht, das aus „flukker and dope" bestand— nämlich aus dicken Scheiben trockenen Brotes auf einem Zinnteller und Kaffee, der..dope" genannt wurde, weil man ihm ein leichtes Betäubungsmittel beigemischt hatte, um die Gefangenen ruhig zu halten. Jurgis hatte das nicht gewußt, denn sonst würde er das Zeug vox lauter Venwcifluna beruntergegossen haben; jetzt bebte jeder Nerv in ihm vor Scham und Wut. Gegen Morgen wurde es still im Gefängnis, und er stand auf und begann wieder auf und ab zu gehen, und da erhob sich in seiner Seele ein rotäugiger, grausamer Teufel und riß ihm die Herz- fasern aus. Er litt um seiner selbst willen— was machte sich ein Mann, der in Durhams Düngermühle arbeitete, aus allem, was die Welt ihm antun kann. Bah! Was war irgend eine Gefängnistyrannei im Vergleich zu der Sache, die geschehen war und nicht ungeschehen gemacht werden konnte— deren Erinnerung sich niemals verwischen würde! Das Grauen davor brachte ihn fast dem Wahnsinn nahe, er streckte die Arme zum Himmel empor und flehte um Erlösung, aber davon konnte ihn nichts erlösen,— keine Macht des Himmels konnte die Vergangenheit auslöschen. Sie glich einem Geiste, der sich nicht unterdrücken ließ, sie verfolgte ihn, packte ihn und schlug ihn zu Boden. O, wenn er es hätte voraussehen können! Aber das war es ja eben, er hätte es voraussehen müssen, wenn er nicht ein Narr gewesen wäre! Er schlug sich mit beiden Händen vor den Kopf und verwünschte sich selbst, weil er Ona hatte arbeiten lassen, wo sie gearbeitet hatte, weil er sie nicht vor einem Schicksal bewahrt hatte, von dem alle Welt wußte, wie häufig es war. Er hätte mit ihr fortgehen müssen, und wenn sie auf den Straßen von Chicago umgesunken und in den Rinnsteinen vor Hunger gestorben wären! Und jetzt— ach, es konnte ja nicht wahr sein! Es war zu ungeheuerlich, zu grauenhaft! Es>var eine Sache, die sich nicht ertragen ließ, jedesmal, tvenn er versuchte, darüber nachzudenken, wurde er von neuem Schauder erfaßt. Nein, es war nicht möglich, unter dieser Bürde nicht zusammenzusinken, unter ihr zu leben! Für Ona würde es keine Lebensmöglichkeit mehr geben. Er wußte, daß er ihr vergeben, daß er sie ans.Knien anflehen konnte, und daß sie ihm doch nie wieder ins Gesicht sehen könnte, nie wieder seine Frau sein würde. Die Schande würde sie töten. Eine andere Erlösung gab es nicht, und es war das Beste fiir alle beide, wenn sie starb. Das war klar und einfach, und doch— der Mensch ist nun einmal unlogisch! Jedesmal, wenn er diesem grauen- vollen Gedanken entfloh, geschah es nur, um sich zu peinigen und zu jammern, weil Ona verhungert? würde. Sie hatten ihn ins Gefängnis eingesperrt und würden ihn dort lange festhalten— Jahre hi»d??rch vielleicht! Und Ona würde gewiß nicht wieder zur Arbeit gehen, gebrochen und vernichtet wie sie?var. Und vielleicht würden a?tch Elzbieta und Marija ihre Stellen verlieret?. Wenn dieser höllische Satan, dieser Eonnor, Lust bekommen sollte, sie zu ruinieren, so würden sie alle weggejagt werden. Und selbst wenn er es nicht tat, konnten sie doch nicht existieren, selbst wenn sie die Jungen wieder aus der Schule nahmen, konnten sie die Schulden ohne ihn und Ona nicht bezahlen. Sic hatten nur noch wenige Dollar. Sie hatten eben erst die Hauszinsen bezahlt, und zwar mehr als zwei Wochen zu spät. Also ntußte sie in acht Tagen abermals bezahlt werden! Und dazu würden sie kein Geld haben, und dann würden sie das Haus ausgeben?nüssen, nach dem langen, herzzerreißenden Kampf! Schon drei?nal hatte der Agent erklärt, daß er keine weitere Verzögcr?lng dulden werde. Vielleicht war es schlecht von Jurgis. an das Haus zu denken, wo es doch so ganz andere, unsagbare Dinge zu bedenken gab, aber wie sehr hatte er??m dieses Hauses »villen gelitten, wie sehr hatten sie alle gelitten! Es bedeutete für sie die einzige Hoffnung. Sie hatten all ihr Geld hinein- gesteckt. Und sie Ware?? Arbeitsleute, arme Leute, deren Geld ihre einzige Stärke, das innerste Wesen von Leib und Seele war— das, wovon sie lebten und an dessen Mangel sie starben. � Und sie würden es alles verlieren: ntan wurde sie auf die Straße setzen, und sie würdet? sich in irgend e?ttem eisigen Bodenraum verkriechen müssen und zusehen,»nie sie leben oder sterben konnten. Jurgis hatte die ganze Nacht— und noch viele weitere ganze Nächte— um hierüber nachz?ldet?ken, und er sah die Sache mit all ihren Einzelheiten, er durchlebte sie, als ob er mit dabei gewesen wäre. Sie würdet? ihre Möbel verkaufen, und dann würden sie Schulden machen, bis tnan ihnen in den Läden den Kredit verweigerte. Sie würden — 870— ein wenig von Szedvilas borgen, dessen Delikatessengeschäft ebenfalls dem Ruin entgegenging. Die Nachbarn würden kommen und ein wenig helfen. Die arme kranke Jadvyga würde ein paar Pfennige bringen, wie sie es stets tat, wenn Leute am Verhungern waren, und Tamoszius Kusleika würde ihnen den Ertrag eines Fiedelabends bringen. So würden sie sich durchquälen, bis er aus dem Gefängnis herauskam. Aber würden sie denn wissen, daß er im Ge- sängnis war? Würden sie imstande sein, irgend etwas über ihn zu erfahren? Würde man ihnen erlauben, ihn zu be- suchen? Oder würde es einen Teil seiner Strafe ausmachen, daß man ihn über ihr Schicksal im Ungewissen ließ? lFortsetzung folgt.) tNochtonck verboten.) Scbmucfe-, Gebärden- und 'Crommelfpracbe der Naturvölker. Bon Dr. I. Wiese. n. Ein eigentümlicher Humor herrscht, wenn im Kampfe der Tod bei den Schivar�en seine Einkehr hält; Geschrei und Gesang er- tönt und fortwahrend verhöhnen sich die Gegner. Man kann dem Reger in aetvihcn Lagen Mut nicht absprechen, es ist aber mehr ein fatali, tischer Mut. Im allgemeinen ist der Reger dagegen feige, und dies betoeist er in gefährlichen Lagen recht drastisch. indem dann in der TodeZangst gcwifse Schließmuskeln an zwei verschiedenen Körperteilen den Dienst versagen. Be, Weibern macht sich dies im gegebenen Falle mehr einseitig bemerkbar. Die Angst malt sich aus dem Gesichte wie bei den Weißen. Doch ist aus- fallend, mit welchem Gleichmut ein Todesurteil entgegengenommen wird. Der Verurteilte bittet niemals um Gnade. Es ist den Negern ganz undenkbar, daß er auf seine eigene Bitte hin am Leben gelassen merdcn könne. Ter zum Tode Verurteilte läßt sich meist auf Hände und Füße nieder, drückt den Zeigefinger auf die Erde und leckt den daran haften gebliebenen Staub ab zum Zeichen, daß er sich unterworfen und dem Urteil gefügt hat. Meist lautlos unv sehr gefaßt empfängt er bei der Hinrichtung den Todesstreich. AlS eigentlichen Trost sagt sich der Reger:«man stirbt nur einmal." Bei traurigen Anlässen, z. B. bei dem Tode eines Ber- wandten, stützt der Reger das Kinn in die Hand, ohne den Ell- bogen mit der anderen Hand zu unterstützen, und schüttelt den Kopf. Weinen und Tränen vergießen sieht man den Reger nur höchst selten. Das Kisuaheli hat nicht einmal ein Wort für„weinen", Diese Spracke drückt«s aus mit„Kulia madschosie". d. i. ivörilich „Tränen schreien". Die Trauer des Negers gibt sich kund durch Haarausrausen und unangenehmes, plärrendes und wimmerndes Heule», wobei ein sehr gleichgültiges Gesicht zur Schau getragen wird, so daß es auf Fremde einen geradezu komischen Eindruck macht. In Trauer oder Verzweiflung die Hände zu ringen, ist dem Reger vollständig fremd. Dagegen sind dem Reger, der seine freudigen Erregungen so lebhaft kund gibt, Aeußerungen der Liebe und Zärtlichkeit fremd. Der Kuß ist ihm völlig unbekannt, und lein Regerkind hat je ein zärtliches und liebevolles Kosen seiner Mutter empfunden. Die ganze Behandlung des Kindes ist eine geschäftsmäßige und gleich- gültige. Dem zarten Geschlecht gegenüber gestattet sich der Reger öffentlich und in Gegenwart Tritter niemals die geringst« Zu« traulichkeit, und hierin sticht er vorteilhaft von manchem zivili- fiertcn Weißen ab. Das einzige, was er sich erlaubt, besteht im Anstarren des Weibes, das, einen Gefallen gefunden hat. Tie Weiber aber verstehen das Kokcttiercii sehr gut, und, abgesehen von großer Sinnlicksteit und Lüsternheit im Ausdruck, geben sie ihren weißen Schwestern darin wenig nach. Wohl noch interessanter als die Zeichensprache ist die T r o m m e l s p r a ch e, in der sich die Naturvölker ein großartiges Mittel geschaffen haben, sich auf weite Entfernungen zu unter- halte». Leo Frobenius, dieser ausgezeichnete Forscher auf dem Gebiet der Völkerkunde, der augenblicklich wieder im schwarzen Erdteil«veilt, um ethnographische und ethnologische Studien zu machen, hat dieser Trommclsprache ein längeres Kapitel in seiner „Völkerkunde" gekvidmet. Cr führt uns in den afrikanischen Ur- wald, wo ödes Schtveigen, Hunger, Krankheit und sonstige Rot auf ihre Opfer lauern. Schachmatt liegt da ein Forscher, der an der Spitze einer Ab- teilung von Haussay-Soldaten durch das Armvimigebiet marschierte. Er blieb in dem Dorfe liegen, in einem verlassenen Dorfe, mitten -im Urwalde. Seine Leute, die bis dahin ziemlich müde und matt waren, fingen nun aber mit einmal an, hier aufzuleben; während der Chef selbst immer mehr zusammenfiel, begannen sie schon abends fröhliche Tänze auszuführen.„Wie kommt es," fragte er, „daß es Euch mit eine». Male so viel besser geht?" Keine Antwort, sie grinsten nur— eS war ein verlegenes Grinsen. Sie sagten auch nichts, bis der Führer selbst eines Tages eine Entdeckung machte, eine fürchterliche Entdeckung: Die Leute hatten fich auf dir Lauer gelegt, hatten von den Einwohnern, die dem eigenen Dorfe entflohen unv nunmehr im weiten Walde versprengt waren, dann und wann einen gefangen, gebraten und verspeist. Der Chef kenn gerade dazu, als sie einen Burschen geknebelt hatten, und ih» eben zu ihrem in einem enb- legenen Winkel versteckten kannibalischen Kochplatz schleifen wollten. Der Offizier brauste auf, riß den Jüngling an sich, nahm ihn mit in seine Hütte. Wenn sein eigener Vorrat auch kärglich Ivar, so gab er ihm doch einige Bissen davon ab, dann ließ er ihn laufen. In der nächsten Nacht wachte er von einem Geräusch auf. Der Bursche war herangeschlichen und hatte ihm einige Bananen und ein Huhn gebracht. In der nächsten Nacht wiederholte sich das. Da hielt ihn der Offizier fest und hängte ihm ein zerbrochenes Opernglas als Geschenk um den Hals. Nun war alle Zurückhaltung von ihm gewichen. Es begann ein eifriges Pantomimenspiel. Und siehe, eine Verständigung gelang. Soviel war dem Chef klar geworden, daß der Neger seine Standesgenosseu veranlassen wollte, mit dem Europäer einen Lcbensmrttelhandcl zu eröffnen. Aber das Wie» das konnte er nicht verstehen. Dann erhob sich der Bursche plötzlich und zog ihn an seinen. Kleid ersetzen hinter sich her. Sie schritten bis zu einem Baume, der quer vor dem Versammlungs- Hause in der Mitte des Dorfes lag. Er war nur an einer Stelle, nämlich am Ende, aufgeschlitzt und ausgehöhlt. Der Bursche er- griff zwei Hölzer, die im Innern der trogartigen Höhle ruhten und begann auf den Schiitzrandern zu trommeln, bald lang trillernd, bald kurz abgesetzt, bald mehr reibend, bald mehr hackend. Sofort hatte der Offizier den Sinn ergriffen. „Es war mir in diesem Momente, als sänken die Fesseln dieser öden Einsamkeit," so schreibt er selbst,„von meinen Gliedern. In dieser Oede, in der jeder Vogelschrei, jedes gesprochene Wort wie ein fremder Laut klingt, da dröhnte mit einem Male ein Vokalkonzert vor meine Ohren, das ich sofort als die angeborene, oder ans dem Wesen des Waldes entspringende Sprache begriff, wenn ich sie auch noch nicht verstand. Ich hatte wochenlang mit meinen nordischen Negern diese Straße durchzogen. Im Norden hatte ich ihr Wesen verstanden. Hier im Süden waren sie mir fremd geworden. Mir war das Ganze fremd geblieben, diese wilde Einsamkeit, dieses wilde Schil'eigcn, die scheuen, immer flüchtigen Eingeborenen. Aber in diesem Augenblicke, als RufiroS Pautenschläge erschallten,� da begriff ich mit einem Male den Geist dieser Szenerie, da löste sich das vordem unendlich erscheinende «ckwcigen in einer halbnielancholische» Klappersprache auf. Und als nun aus den verschiedensten Windrichtungen die verschiedensten Klappertöne antworteten, bald aus jener Ecke ein Spruch, bald von jener Seile ein Gemurmel, da stieg das beseligende Gefühl in mir auf. daß ich selbst in diese Umgebung jetzt hineingewachsen sei» daß ich ihr Verständnis gewonnen habe, daß ich vor meinen eigenen kannibalischen� Leuten sozusagen gerettet wäre." In der Tat änderte sich die Situation mit diesem Momente. Am nächsten Morgen kamen die Eingeborenen in ihr Torf zurück» schleppten von den entlegenen und verborgenen Feldern Bananen uild Hühner herbei, ja. sie schafften sogar Teile eines am vorigen Tage m einer Falle gefangenen Elefanten heran, und alle Rot war fürs erste gehoben. Als in demselben Kriege der Gouverneur Five einst spät abends auf der Rückkehr in sein Lager in einem c-nlegeneu Torfe des Bisakogebicies die Mitteilung auf dem„Trommellele- arapbcn" anfgegeben hatte, man möchte ihm sein Abendessen auf- vetvahren, trat er, als er dann nach einigen Stunden daheim anlangte, die Tische gedeckt an. Die Nachricht war schon lange vor sei»er Ankunft und kurze Zeit nach der Aufgabe des„Tele- gramms angelangt. Tic Nachricht hatte gelautet:„Abend Aula Matadi ankommen, nicht alles aufessen I" In senieM Verkehr mit Beamten, Reisenden und Missionaren im Kongogcbiet Halle Frobenius festgestellt, daß die eigenartige Tonsprache fast im ganzen zentralen Afrika westlich der Seenkette gehandhabt wird. Vordem war es aber schon lange bekannt, daß die Dualla in der deutschen� Kolonie Kamerun ebenfalls eine der- artige außerordentlich ausgeprägte Signalsprache besitzen und bei den verschiedenste» Fällen zur Anwendung bringen. Durch den kilometerweit reichenden Klang der Paulo unterhalten die Dörfer sich über die intimsten Angelegenheiten. Man neckt sich, man er- klärt sich den Krieg, man macht sich Mitteilungen über Gesundheits- zustand, Palaver, und GerichtSsitzilngcn,— ja, man schimpf fich sogar. Es ist bemerkenswert, daß jede Beschimpfung durch den Trommcltelegrapb strenger bestraft wird als eine solche durch Wort oder Tat. Die Sprache selbst wird hervorgebracht und differen- ziert durch Schläge an verschiedenen Stellen der Pauke. Es gibt vier verschiedene Töne. Diese Töne lmm man auch mit dem Munde nachahmen, und sie ergeben dann eine Sprache, die von der des alltäglichen Lebens absolut abweicht. Beispiele: To-go-lo-gu-lo-go-Io- gu-lo-madiba sim Dualla)— Wasser, Meer, Fluß;?o-lo-gu-Io-go-lo oder to-lo-gu-lo-go-lo- Ävambo ba Motumba sim Dualla)—- Prozeß, Verhandlung. Man kann das Getrommelte nicht nur leise bei geöffnetem Munde auf die Wange klopfen, sondern man vermag es auch zu pfeifen und das erinnert uns daran, daß die Hornbläser der Aschauti in ihre Signale ebenfalls einen bestimmten Sinn hinein- legen. So bläst das Horn deS Königs selbst:„Ich übertreffe alle Könige der Welt." Das Motto des Chefs der Staatspolizei lautet: „Bobie schläft nicht, er wacht für den Reichserhaltcr, in her Hand des ReichserhalterS wacht etwas." Und diese Sprache, eine selbständig entwickelte Silbensprache» bedeutet«inen großartigen Schatz im Kulturbesitzc der allerdings nicht sehr zahlreichen Naturvölker, die sie besitzen. Am aus- gebildetsten dürfte sie in den westlichen Gegenden des äquatorialen Afrika sein, doch ist sie kaum weniger verbrettet in Ozeanien, das heißt in den Jnselländern, die nordwestlich und nordöstlich von Neuguinea liegen. Geben stch doch auf Neu-Pommern die ein- zelncn Dörfer auf solchen Tronuneltelegraphen Nachricht über werte Streiken hin. Ein weiteres Gebiet der Trommeltelegraphie ist das Dal des Amazonenstromcs und Mexiko. Aehnliche In- jtrnmente besitzen auch die NordwestaWerikaner. Das Instrument, das einen solchen Berfeht ermöglicht, hat in Afrika ein sehr verschiedenartiges Aussehen. Im südlichen Kongogebiet wird es im allgeineinen umgehängt oder getragen. Im nördlichen dagegen steht es auf der Erde auf vier Beinen oder es ruht aus untergelegten Hölzern. Im Süden kommen zwei Formen nebeneinander vor. Ein walzenförmiges Instrument und ein kastanienartiges, dessen Basis jedoch breiter ist als die nach oben gerichtete Schlitzfläche. Fm Norden liegen die runden, ans- gehöhlten Baumstämme in den Dörfern und unter dem Dache des Vimsammlangshaufcs direkt auf der Erde. Sie find bis einein- halb Meter lang. Im Rubi gebiet müht man sich erst gar nicht lange damit ab, den Schallkörper von dem umgehauenen Baume zu lösen. Es tommt vor, daß die Trommel weiter nichts ist als der untere Teil eines 15— 20 Meter langen gefällten BaumeS. Die Abanza dagegen, die im Knie des ZIbangi wohnen, geben ihren Signalpauken oftmals zierliche Gestalt, z. B. die von Tieren oder Menschen. Aber der gcfävie Baum ist gar nickt notwendig; einige Stämme nordöstlich der Bakuba begnügen sich damit, einen stehen- den Baum ein wenig auszuhöhlen. An vielen Stellen des Waldes trifft man derartig hergcrichtete Riesen. Neberall, wo eine Elefantenfalle, eine gute Jagdposition ist. wo auf der anderen Seite ein Fährmann �zum fleberholen hcrbeitelegraphi ert werden kann, sind derartige Signalstationen angelegt. Im Gegensatz zu diesen Rieseninstrnmentcn, zu diesen etwas natürwüchfigeu Signal- Wesen stehen allerliebste und zierliche kleine Instrumente des Nordens.. Als der verdienstvolle Professor Schwcinfurth im Jahre 1870 zu den berühmten Mangbattu a|s erster vorgedrungen war, be- schrieb er den Bogen ihrer Jnstrunieute folgendermaßen: „Ihr Bogen ist im ailzcmeu'.en 1 Meter lang, hat zur Sehne einen Strang von einfach gcspa,Icncm spanischen Rohr, der an Spannkraft sede Schnur übertrifft. Ein eigentümlicher Apparat zeichnet indes diese Bogen vor allen anderen bekannten aus, indem zum Schutze der Finger gegen den Zurüchprall der Sehne in Ge- palt eines Weberschiffleins ein ausgeböhUcs Hölzchen in der Mitte am Vogen befestigt ist. Der Pfeil gleitet beim Zielen stets durch die mittleren Finger hindurch." In seiner Arbeit über die afrikanischen Bogen schrieb 1891 Profcffor Ratzel: „Würde nicht die Autorität Schwcinfurths für die Bezeich- nung Bogen stehen, so würde dieses Anhängsel an ein Musikinstin-' ment wie die Gorra denken lassen."— Diese Gorra ist ein im südlichen Afrika gebräuchliches Seiteninstrument, bestehend aus einem einfachen Bogen, auf dessen Sehne eine Kürbisschale hin- und her- gezogen und die von der Tehncnausatzstcllc aus geblasen wird. Frvbenius hat einem solchen Instrument lange Zeit vergeblich nachgestrebt, bis cS ihm genau an dem Wendepunkt des vorigen Jahrhunderts gelang, ein solches zu erhalten, den: dann im vorigen Jahr ein zweites folgte. Sowie er das erste sah, war ihm klar, das schwcinfurths Angabc nicht richtig sein könne, da bei Wagercchthaltcn des Bogens das Gift unbedingt zur Erde tröpfeln und so das Instrument Verlasien muß, da andererseits die Spann- art dieser Logrtronucn ein odstitzanilel gegen das Zurückprallen unnötig macht. Sogleich fiel ihm die Aehnlichleit dieses Apparates mit den Holzpauken auf. Schon die dunkle Färbung am Schlitz deutete darauf bin, daß hier fettige Ncgcrfiuger vielfach herum- getastet hatten. Und richtig, von cinem Berichterstatter(de Hertogh) erhielt er folgende Nachricht:„Dieser kleine Apparat, der zuweilen den Bogen der Amadi, Abarmbo, Maugbattu, Äsaude. Bangbas angefügt ist, dient dazu, sich z. B. im hohen Grase zu verständigen; die Eingeborenen haben eine Sprache, die durch leichte Schläge, die mit dem Pfeil oder einem kleinen Stöckchen gegen den Apparat geführt werden, ausgedruckt wird. Sic benutzen diese Sprachart aus ihren großen Holzpauken." Wir haben also hier ganz kleine Apparate der Trommelsprache vor uns. Die ozeanischen Instrumente sind verschiedenartiger als die afrikanischen. Da sind zunächst diejenigen von Java und Sunt- bawa, die aus Banibusstückcn bestehen. Diese sind außerhalb eines Gliedes derartig am Halme abgetrennt, daß ein durch zwei Knoten- scheidelvändc geschlossener Raum erhalten wird, der nun durch Längsausschlitzcn zu einer Bambuspauie gestaltet wird. Diese Instrumente werden in den Bäumen aufgehängt. Auf Java werden durch Schläge gegen sie die Affen auf der Futterstclle zusammen- gerufen. Unser Gewährmann nimmt an, daß die Entwickelung folgenden Weg eingeschlagen hat: Anfangs gaben diese Völker Mitteilungen durch Schläge gegen Bamlrnshalme. Dann schnitt man einzelne Glieder heraus und hängte sie auf. Diese hängenden Formen wurden zunächst durch Holzpauken ersetzt. Dies ist die Philippinen- art. Dann kam die Hölzpauke in liegende Form. Wie diese Instrumente ciitstaiidc» sind, lehrt uns ei» kleines Merkmal: die Eriefform an den Enden. Da ist zunächst das Instrument von Borneo. Es ist noch ein„Ohr" erhalten. Das ist ein Ausläufer jener Hängevorrichtung, die man bei der Bambuspauke von Sum- bawa erkennt. Die nächste Form der Entwickelung hat nun schon zwei Ohren oder Griffe. Diese beiden bleiben auf den Admiralitäts- inseln und auch Neuguinea, wo es entzückend geschnitzte Jnstru- mente dieser Art gibt, bis nach Neu-Pommern hin. Dann ver- schwinden die Grifft dem Osten zu. Einige seltsame Formen gibt es noch in der Südsee. Da ist die Pahu, die Kriegsglocke von Neu- seeland, die in den Wachttürmen der Festungswerke ausgehängt war und deren dumpfe Klänge zur Nachtzeit den Feind der- kündeten, daß die Dorfbewohner auf ihrer Hut, und den Dorf- bewohnern selbst, daß ihre Wachen in eifriger Umschau begriffen wären. Ihr Klang war sehr melancholisch; die starken schweren Streiche unterbrachen mit einer feierlichen Einförmigkeit die Ruhe der Nacht, als od sie verkünden wollten, daß sie das TotcngelSnte wären für manchen, der am kommenden Morgen fein Ende finden würde. Ferner find da die mächtigen stichenden Holzpauken der Neu- Hebriden zu erwäbnen. die aus ganzen Baumstümpfen bestehen, die in die Erde gelassen find und weit über ManneSgröße haben. Ganze Walder von solchen Baumtrommcln gibt es. Ost find sie oben hübsch geschnitzt, stellen Vögel, Menschen und Reliefs von Schiffen dar. Amerikanffche Instrumente dieser Verwandtschaft sind in europäischen Museen sehr selten. Besonders zu beachten ist das Tepo- nazlli der alten Mexikaner. Bei festlichen Gelegenheiten wird es noch heute in der Stadt Tcpoztlan in der Provinz von Morekos gebraucht.— Kleines f euilleton* Aus de« Dasei« der Schmirrcnkowiidiante» Die Außenwelt erfährt selten, wieviel jammerndes Elend sich allabendlich auf den Brettern häuft, die fäffchlicherweffe„die Welt" bedeuten. Schminke ist alles:— die Schönheit, das Rot der Gesundheit und aus den Wangen, der Reichtum, den die falschen Edelsteine und prunkvollen Gewänder zeigen, die Tiraden der Leidenschaft, das Flüsterwort der Liebe. Nichts als Schein und Schemen, womit die Blößen des Menschlichen, Allzuntenschlichen, daS„hinter den Kulisien" spielt, nur notdürftig verhüllt sind. Dem forschenden Blick werden die dem KüisitlervoN anhaftenden Schwächen, aber auch deren sozial« Ursachen, sofon klar, wenn er durch die künstlich aufgeführten Scheidewände hin- durch dringt..Man braucht bloß die Artisteu- und Thealerpresie zu durch- stöbern, d. h. wieder, nur die paar Blätter im großen Haufen, denen an der wirtschaftlichen und moralischen Befierung des Künstler- standes gelegen ist. Um die Zeit, wenn die winterliche Theater- saison ihren Ansang nimmt, pflegen auch allerhand Begleit- erickeinungen aufzutreten, die für gewisie moralische Begriffe und Auschaumtgen des Bühneitpersonal im Umtriebe charakteristisch flnd. Wie es übergenug Theawrrmternehmer gibt, welche sich aus der rückfichtsloiesten Ausbeulung und Brotlos, nackung von künstlerischen und lechnischen Bühnenarbeiter» kein Gcwisie« machen, so gibt'S allerdings auch unter diesen letzteren leichtfertige Elemente genug, dft durch verwerfliche Handlungen das Ansehen ihres Standes untergraben. Daß es Leute gibt, dft zu gleicher Zeit mit verschiedenen Bühne» Kontrakte abschließen, fft nichts Neues. Viele Direktoren machen dasselbe, nur in umgekehrter Form. In Berlin ist es ja allgemein gebräuchlich, daß bei Premieren irgend eine„berühmte" künstlerische Zugkraft mitwirkt. Sie tut einige Male gegen eine ihrer„Berühmtheit" angemessenen TageSgage mit und tritt dann dieselbe Hauptrolle an irgend eine Mittelmäßigkeit ab. Solche und andere Täuschungen bezahlt lediglich das Publikum. Draußen, in der„Provinz", werden aber meistens die„Schmicren"-Unrcn,ehmer von ihren eigenen T ruppen mitgliederu geprellt und nicht selten zur Ader gelassen. Das Fernbleiben, wie das„Durchbrennen" engagierter Seilte hängt auch dort mit dem„Vorschuß-"Unwesen zu- fornmen. Reisegeld muß gewährt werden. Borschüffe auf Gage werden meistens verlangt und auch oft gegeben. Wenn hinftimach ein Mitglied nicht kommt, oder nachdem es an Ort und Stelle«inen Gagenvorschuß erhalten hat, plötzlich auf Riminerwiedersehen„ver- duftet", so ist dos nichts Seltenes. Wenigstens liefern dafür Beweise eine erkleckliche Zahl von„Warnungen"," die die geprellten Theater- lciter im Inseratenteil der Fochblnttcr zu veröffentlichen pflegen. So fanden sich in nur 5 zwischen dem 88, September bis 86. Oktober erschienenen Wocheimumineni des Berliner„Theater-Kurier" nicht weniger als 16 solcher Warum, gen. Bald betreten sie Kvntraklbrüche in einfacher Form— d. h. die Durchbremicr hinterließen weder Zechschulden, noch Boffchüsie, die unabgearbcitct blieben. Bald sind es Koutraktbrüche„unter erschwerenden Umständen". Sie zu verschweigen oder bloß diskret anzudeuten, laffen sich die lvenigiteu Geschädigten herbei. MeisftnS wird der verursachte Schaden ziffermäßig ausgedrückt. Manchmal wirkt so eine„Wannmg" belustigend. Einer„Direktion" im Sächsischen ist nur ein Anfänger „vor der Vorstellung durchgegangen". Welch immenser Schaden I— Je eine im Hessischen und Posenschen weiß zu melden, daß— in dem eine» Falle— durch plötzliche Abreise des Künstle rpaareS Soundso die„Somitagsvorstellung in Frage gestellt" wurde, in dem andere», daß zwei weibliche Mitglieder,„nachdem sie Krankheit vor- geschwindelt hatten", sich französisch empfohlen haben. Eine Theater- — 8' WreTtoriu warnt„alle Kollegen vor Abschluß" mit ihrem— Kasten- »eist. Er„lieb sich telegraphisch 15 SD?, zur Reise schicken", kam dann nicht. Andere sind nicht minder grobe Bösewichte. Da geht einer während der Vorstellung— was auch in Berlin vorkommen soll—„böswillig" auf und davon.„Eine gut- besuchte Vorstellung(Bis früh um fünse)" musjte deswegen ausfalle». Außerdem betrauert die Direktion„einen Vorschuß von über 75 M.", der unbeglichen mitgegangen ist.„Die Brüder von St. Beruhard" hat auch eine voigtländische Direktorin ausfallen lassen müssen, weil ihr ein schauspielerisches Ehepaar mit— 10 M. Borschuß durchgebrannt ist. Einem Theater in Westfalen sind gleich auf einmal fünf Mitglieder kontraktbrüchig geworden; einer darunter ist „durchgegangen mit 85 M. Vorschuß, von dem er 43 M. zurückzahlte". Drei andere Direktoren in Ostpreußen, Rheiubayern und Oberpfalz annoncieren einfach, ohne langes Lamento: der eine, daß ihm der „Thcatermeister mit 70 M. Vorschuß durchgegangen"; der andere, daß der Schauspieler Soundso„nach Entpfangnahme der Gage, kurz vor der Vorstellung durchgebrannt" ist. Dem Oberpfälzer„Herrn Direktor" wird allerdings auch der leidenschaftloseste Theaterlicbhaber keine Courtoisie gegen daS zarte Geschlecht nachrühmen. Konnte er schon nicht verschiveigcn, daß ihm Fräulein Paula X.„mit Vorschuß durchgebrannt" sei." so brauchte er die Dame doch nicht gleich als „Braut deS OperetteutenorS Soundso" auszustellen. Dieser Zug kleinlichster Rache setzt der Eifersucht eines gekränkten Nebenbuhlers die Krone auf. ES ist doch ein starkes Stück von Selbsthülfe, zu dem manche Theaterleiter greifen. Daß durch solche Warnungen zuweilen selbst ein talentierter Bühnenkünstler in seinem ferneren Fortkommen ge- fäbrdet werden kann, ist sicher; allerdings wird auch leichtfertigen Dilettanten und geriebenen Gelegenheitsmachern das Handwerk gelegt. Andererseits kommt es höchst selten vor, daß um ihr Engagement und ihre Gage schnöde betrogene Mimen skrupellose Theaterunternehmer mit der gleichen Waffe bedrohen. Noch äugst- licher hüten sie sich vor Strafanzeigen gegen bankerottierende oder durchbrennende Direktoren. Cosi fan tutto(So machen's alle) heißt es da gewöhnlich. Und weil die Leutchen von den Brettern über den Kapitalismus als Ausbeuter und geschworenen Feind aller Kunst am lvenigsten nachzudenken Pflegen, so lassen sie meistens auch iminer gerade die geriebensten direktorialen Schivindler— laufen. Aus dem Tierlcbeu. kl. Auf die Schädlichkeit des Kiefernspinners macht die kaiserliche biologische Anstalt für Land- und Forstwirt- fchaft aufmerksam. Der träge, plump gebaute Falter von braun- grauer Farbe hat seine Hauptflugzeit Mitte Juli. Bisweilen ver- schiebt sich diese jedoch um einige Wochen, so daß man den Haupt- flug dann schon Ende Juni oder, wie es besonders nach mehr- jährigem Raupenfraße der Fall ist, noch zu Anfang August wahr- nehmen kann. Tagsüber sitzen die Falter gewöhnlich ruhig an der Rinde der Kiefern der Wetterseite abgekehrt und nicht selten von der in der Nacht stattgehabten Begattung her noch zusammen- hängend, so daß das Männchen kopfabwärts hinter dem mit dem Kopfe nach oben gerichteten Weibchen sitzt. Bald danach beginnen letztere ihre Eier in kleinen Häufchen von etwa 50 Stück an die Rinde, die Nadeln und niederen Acste abzulegen, bis ihr Vorrat von 100 bis 200 Stück erschöpft ist. In längstens 3 Wochen sind die Raupen da, die unverzüglich mit dem Nadelfraß beginnen. Beim Eintritt kühlerer Witterung gehen die Raupen am Stamme herunter und überwintern in der Bodendccke. Sie haben dann eine durchschnittliche Größe von 3 Zentimeter. Im März, bis- weilen auch schon im Februar, seltener erst im April, erwachen sie aus ihrer Erstarrung und bäumen wieder auf. um dann für Wochen oder gar Monate ihr Vernichtungswerk an den Nadeln auszuüben. Die ersten Puppen findet man bereits im April; bei der Mehrzahl der Raupen erfolgt die Verwandlung im Juni und vier Wochen danach schlüpfen die Falter aus. Als natürliche Feinde des Kiefernspinners kommen einige Schlupfwespen, die kleineren insektenfressenden Vögel, Krähen, Eichelhäher und Nachtschwalbcn, dann von Säugetieren Fuchs, Dachs und Schwarzwild in Betracht. Da diese natürlichen Feinde aber nicht in genügender Weise aufräumen, so ist eine intensive Be- kämpfung anzuraten. Als solche nennt die biologische Anstalt eine zweckmäßig durchgeführte Leimung(Anlegung von Leimringen), die spätestens Ende März beendet sein muß.— Hygienisches. u. Desinfektionsbriketts. Ein zur Desinfektion von Wohnräunien sehr bewährtes Mittel ist das Formaldehyd; seine Anwendung war aber bisher nicht so verbreitet, wie sie es wohl verdient, weil die Anwendung mit recht großen Unbequemlichkeiten verbunden war. Nunmehr jedoch wird ein sehr bequemes Verfahren - Vetioenoung von Formaldehyd angegeben. Man verfertigt nämlich feste Briketts aus Paraformaldehyd, einem chemischen Körper, der be, semer Verbrennung das so nützliche Formaldehyd in Gas- form liefert; an diesen Briketts ist eine einfache Zündvorrichwng angebracht. Will man min einen Raum desinsiziereii, in dem sich ein Mensch befunden hat. der an einer ansteckenden Krankheit litt, so braucht man nur eine seiner Größe entsprechende Zahl solcher DeS- lnfekttousbriketts in ihn zu legen und in Brand zu setzen; allmählich verbrennen sie und reinigen dadurch den betreffenden Raum von allen Krankheitskeimen. Diese Art der Desinfektion eignet sich für '2— alle Arten von menschlichen AufenthaltSräumen, ja sogar für Eisen- bahnwagen und Droschken und hat dabei noch den Vorzug großer Wohlfeilheit. Technisches. DaS elektrische Begräbnis. Seit einigen Jahren hat die Gesellschaft für elektrische Eisenbahnen in der amerikanischen Großstadt Clcveland(Staat Ohio) einen besonderen elektrischen Wagen für Leichenkondukte bauen lassen und dem Publikum zur Verfügung gestellt. Die Annahme der Unternehmerin, daß diese Einrichtung ivie alles Neue und Eigenartige bei den amerikanischen Landsleuten lebhaste Anerkennung finden werde, hat sich als zu- treffend bewährt, denn der elekttische Leichenwagen hat so viel zu tun bekommen, daß er jetzt den Ansprüchen gar nicht mehr genügen kann, und die Gesellschaft hat sich entschließen müssen, noch ein neue« elektrisches Vehikel zu dem gleichen Zweck herzustellen, das selbst- verständlich noch schöner und noch praktischer ausgestattet werden mußte. Nach einer Beschreibung der Fachzeitschrift„Eclairage Electrique" hat das neue Elektromobil eine Länge von 1b Meter und emhält zwei Plattformen, die von beiden Seiten der Straße bestiegen werden können und einen Raum für die Fahrgäste in zwei Abteilungen, deren eine für die näheren Angehörigen des Verstorbenen, die andere für die Freunde bestimnit ist. Die erstcren finden dort 10 Sessel vor, die stilgerecht mit Schwarz überzogen sind, während das andere Abteil nur 12 gewöhnliche Sitze enthält. Neben diesem Raum be- findet sich ein anderer, der zwei Särge aufzunehmen vermag und ganz schwarz ausgekleidet ist. Im vorderen und Hinteren Vorraum ist sogar für Waschgelcgeuheit gesorgt. DaS Ganze wird von einem Wagengestell getragen, daS mit vier elektrischen Motoren ausgerüstet ist. Eine einmalige Inanspruchnahme deS Wagens kostet 40 M. für daS alte und 60 M, für das neue Gefährt. Die unternehmende Ge- scllschaft stellt auch daS begleitende Personal und versichert, daß eS aus den ältesten Beamten der Gesellschaft ausgewählt sei und allen Anforderungen der Höflichkeit und Dezcnz genüge. Die Neuerung«- sucht der Amerikamer macht eben auch vor dem Tode nicht Halt, und der elektrische Wagen ist ein würdiges Gegenstück zu der elektrisch geschaukelten Wiege. Kohlenschneidemaf�hinen kommen nach dem Bericht der englischen Grubeninspektoren in den britischen Kohlenbergwerken iminer häufiger in Anwendung, 1003 waren erst 043 Maschinen im Gebrauch, 1904 bereits 755, 1905 schon 940. Diese 940 Maschinen lieferten mehr als 8 Millionen Tonnen Kohle. Da sich der Gesamt- ertrag Großbritanniens auf 230 Millionen Tonnen beläiist, so liefern die Kohlcnschneidcmaschinen immer erst ctiva den 30. Teil. Bei den Maschinen, die gegenwärtig in Gebrauch sind, werden 500 mit Preß- luft bedient, 44« mit Elektrizität. Notizen. — lieber„die inter nationale HiilfSsp räche in ihrer Bedeutung für Wissenschaft, Technik und Verkehr" sprach am Mittwoch in der Aula ber neue» Handelshochschule Professor Dr. O st w a l d, der bekannte Physiker aus Leipzig. Ausgehend von dem Geiste der praktischen Wiffenschaft und der wissenschaftlichen Praxis, der für das 20. Jahrhundert charakteristisch sein werde, suchte er nachzuweisen, daß die künstliche Sprachbilduug über die Phase der stürmischen EntWickelung hinaus sei und daß die definitivei« Grundlagen gelegt seien. In diesem Kampfe um? Dasein habe sich „Esperanto", das Werk des Dr. Sainenhof. das alle Forde- rungen der Einfachheit und Eindeutigkeit befriedige, zu behaupten gewußt. Aufgabe der Wissenschast, die gemäß ihrem internationalen Charakter auch einer internationalen Sprache bedürfe, sei es nun- mehr, die sieghafte künstliche Sprache, die von einigen Hunderttausend Anhängern bereits gesprochen werde, anzuerkennen und unter ihre Konttolle zu nehmen. Die interessanten Ausführungen, die zum Teil gegen den Prof. Diels, den Rektor der Berliner Universität und Mitglied der Berliner Akademie, einen lebhaften Gegner des Esperanto, gerichtet waren, fanden in der Diskussion manche Ergänzung. Esperanto wurde in einigen Stichproben vorgeführt. �„Der Dorftyrann", eine Bauernkomödie von Hermann Hoppe, wird am Sonntag, den U.d.M., am konigl. Theater zu Potsdam aufgeführt. Der Verfasser, ein schlesischer Uhrmacher, hat fein Stück im heimischen Diakekt ab- gefaßt. — Beruard S h a w L neuestes Drama:„tbo dootors d i 1 e m m a U wird am 20. November im Londoner Court theatro aufgeführt werden. Der Satiriker geht darin den Aerzten zu Leibe, von denen nicht weniger»vie sechs vorkommen. — Graf Keßler hat seinen Rücktritt als Museumsdirektor in Weimar nehmen müssen. Die Hofpartei hatte, wie die Zeitschrift „Kunst und Künstler" mitteilt, gegen ihn intrigiert, weil er die Zeich- nungen des großen französischen Bildhauers Rodin auszustellen ge- wagt hatte. Die verletzte Hoffittlichkeit ist also geahndet. Die „Kunststadt" Weimar aber, die vor einigen Jahren noch kein Modell in ihren Mauern duldete, ist um eine Blamage reicher und um einen verständigen Anreger ärmer. Berantwortl. Redakteur: HauS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrci u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo.,BerlinZVk»