NnterhaMmgsblatt des Aorivürls Nr. 219� Sonnabend, den 10. November. 1906 (?!achdruil vcrbolen.) m Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Auiorisicrie Uebcrsetzung. Jurgis' Seele kam nicht von den allerschlimmsten Möglich- keilen los. Er sah Ona krank und gemartert, Marija ohne Stelle, den kleinen Stanislovas, unfähig sich Arbeit zu ver- schaffen, wegen des Schnees, die ganze Familie auf die Straße hinausgefagt. Allmächtiger Gott! Würde man sie wohl wirklich auf die Straße jagen und sie dort verhungern lassen? Würde ihnen selbst dann niemand helfen? Würden sie im Schnee umherwandern, bis sie vor Kälte umkamen? Jurgis hatte zwar niemals eine Tote auf den Straßen herumliegen sehen, aber er hatte erlebt, daß Leute aus ihren Wohnungen ausgewiesen wurden und auf Nimmerwiedersehen ver- schwanden, und obwohl es ein Hülfsburcau in der Stadt gab und eine Wohltätigkeitsorganisation für die Schlachthöfe, so hatte er doch niemals davon gehört. Sie annoncierten ihre Tätigkeit nicht, denn sie konnten die Anforderungen, die an sie herantraten, ohnedies kaum befriedigen. So ging es weiter bis zum Morgen. Tann kam wieder eine Fahrt im Polizeiwagen, zusammen mit dem betrunkenen Frauenmißhändler, dem Tobsüchtigen, mehreren„einfach Be- trunkenen" und„Biersalon-Rowdies", einem Einbrecher und zwei Männern, die verhastet worden waren, weil sie in den Schlachthöfen Fleisch gestohlen hatten. Mit diesen Menschen zusammen wurde er in einen großen, übelriechenden, weiß- getünchten Raum hineingetrieben, der gedrängt voll von Zu- schauern war. Vornan, aus einer Estrade hinter einem Gc- länder faß ein dicker, roter Mann mit blatten Flecken auf der Nase. Unser Freund begann zu begreifen, daß er bor Gericht gestellt werden sollte. Er überlegte, wessen man ihn anklagen werde, und dachte darüber nach, ob sein Opfer Wohl tot sei, und was man in dem Falle mit ihm anfangen werde. Ob man ihn hängen würde oder vielleicht zu Tode prügelit? Gewundert hätte er sich über nichts, denn er wußte nicht viel von Gesetzen. Toch hatte er immerhin genug davon gehört. um zu vermuten, daß der lantsprechende Mann auf der Bank der berüchtigte Richter Eallahan sei, von dem man in Pöcking- town nur mit angehaltenem Atem zu sprechen pflegte. „Pat" Eallahan—„Knnrr-Pat", wie man ihn genannt hatte, bis er die Richterbank bestieg— hatte seine Lausbahn als Schlachterjunge und notorisch schlechter Arbeiter begonnen. Er hatte sich auf die Politik gestürzt, sobald er eine Rede halten konnte, und hatte zwei Aemter bekleidet, bevor er alt genug war, um zu wählen. Wenn Scully der Taumeir war, so war Pat Eallahan der Zeigefinger der unsichtbaren'Zand, mit der die Packherren die Leute ihres Distrikts niederhielten. Kein Politiker in Chicago durfte sich rühmen, mehr Vertrauen bei den Packherrcn zu genießen: er hatte schoi» lange mit dem Geschäft zu tun— er war der städtische Geschästsagent des alten Turham, eines Selfmademan, gewesen und hatte als solcher schon in alten Zeiten, als ganz Chicago unterm Hammer war, im Magistrat gesessen.„Knurr-Pat" hatte diese städtischen Aemter jedoch sehr bald aufgegeben: er legte nur Wert aus eine einflußreiche Parteistelluug und widmete alle übrige Zeit seinen Bordellen und Diebeshöhlen. Doch seit einigen Jahren, seit seine Kinder erwachsen waren, hatte et angefangen, mehr Wert craf Achtbarkeit zu legen: deshalb war er Richter geworden, wozu et sich wegen seiner streng konservativen Gesinnung und seiner Verachtung aller„Nu3- länder" ganz besonders eignete. Jurgis saß fast zwei Stunden lang da und starrte im Saal umher. Er hoffte immer noch, daß irgend jemand von der Familie kommen werde, aber er ward enttäuscht. Endlich wurde er vorgerufen, nnd ein Rechtsanwalt trat ihm im Namen der Gesellschaft gegenüber. Connor sei in ärztlicher Bchaudlimg, erklärte der Rechtsanwalt in kurzen Worten und ersuchte Seine Ehren, den Angeklagten acht Tage festzuhalten. —„Dreihnndert Dollar"(Bürgschaft), sagte Seine Ehren knrz und bündig. Jurgis starrte verwirrt bald auf den Richter, bald aus den Anwalt.„Haben Sie irgend jemand, der für Sie gnt- sagen würde?" fragte der Richter, und ein Schreiber, der neben Jurgis stand, erklärte ihm, was das bedeute. Jurgis schüttelte den Kopf, und eh' er sich klar gemacht hatte, waS geschehen war, wurde er bereits von mehreren Polizisten ab- geführt. Sie brachten ihn nach einem Zimmer, wo andere Gefangene warteten, und hier mußte er den Schluß der Sitzung abwarten. Tann folgte eine lange, bitterlich kalte Fahrt nach dem Disttiklsgefängnis, das im Norden der Stadt und Wohl neun bis zehn Meilen von den Schlachthäusern cnt- fernt liegt. Hier durchsuchten sie Jurgis und ließen ihm mir sein Geld, das in fünfzehn Cent bestand. Tann führte man ihn in ein Zimmer und gebot ihm, sich zum Baden zu entkleiden. worauf er eine lange Galerie entlang gehen mußte, an welcher die vergitterten Zellentüren der Gefangnisbewohncr lagen. Ties vw für die letzteren immer ein großes Ereignis— diese Besichtigung der neuen Ankömmlinge, die splitternackt vorüberzogen, und es fehlte nicht an den mannigfachsten unterhaltenden Bemerkungen. Jurgis mußte länger ini Bade bleiben als alle anderen, weil die Aufseher hofften, ihm auf diese Weise ein wenig von seinen Phosphaten und Säuren zu entziehen. Tie Gefangenen bewohnten die Zellen zu zweien, aber heute blieb einer über, und dieser ciue war er. Tie Zellen lagen etagcnwcise übereinander, an langen Galerien. Seine Zelle war etwa fünf zu sieben Fuß groß: sie hatte einen steinernen Fußboden, in den eine schwere Holz-- bau! eingemauert war. Ein Fenster war nicht vorhanden, — alles Licht kam von einigen Fenstern her, die dicht unter der Decke an einem Ende des Hofes lagen. Es waren zwei Bettstellen da. die übereinander lagen und je eine Matratze und zwei wollene Decken enthielten: diese Decken waren steif von Schmutz und wimmelten von Flöhen, Wanzen und Läusen. Als Jurgis die Matratze aufhob, entdeckte er darunter eine ganze Lage umherrennendcr Kellerasseln, die ebenso erschreckt zu sein schienen wie er. Hierher brachte man ihm wieder„cknkkorg and dope" nnd eine Schale mit Suppe. Viele Gefangene ließen sich ihr Essen aus dem gegenüber liegenden Restaurant bringen, aber dazu hatte Jurgis kein Geld. Manche hatten Bücher zum Lesen und Karten zum Spielen und dabei noch Kerzen, um sie nachts zn brennen: aber Jurgis war ganz allein in seiner Dunkelheit und Stille. Er konnte wieder nicht schlafen: wieder quälten ihn dieselben Gedanken, die immer in der- selben Wahnsinn erregenden Prozession � durch seine Seele zogen und sie peitschten' wie Knutenhiebe seinen nackten Rücken. Als die Nacht hereinbrach, stürmte er in seiner Zelle hin und her wie ein wildes Tier, das sich die Zähne an de» Stäben seines Käfig? ausbeißt. Tann und wann warf er sich in seiner Verzweiflung gegen die Wände der Zelle und schlug mit beiden Händen dagegen. Sie zerrisien und ver- letzten ihm die Hände— sie waren ebenso kalt und unbarm- herzig wie die Menschen, die sie erbaut hatten. In der Ferne befand sich eine Kirchturmuhr, die ciue Stunde nach der anderen verkündete. Als es Mitternacht war, lag Jurgis mit dem Geficht auf den Armen am Boden nnd horchte. Anstatt nach Sem zwölften Schlage zu ver- sttnnnien, begann die Glocke plötzlich zu läuten. Jurgis hob den Kopf empor. Was hatte das wohl zu bedeuten? Ein Feuer? Gottl Wenn hier im Gefängnis ein Feuer aus- bräche! Aber dann erkannte er einen gewissen Rhythmus im Klang der Glocke: eS war ein regelrechtes Läuten. Und es schien die ganze Stadt zu erwecken— rings umher, nah und fern erklangen Glocken, eine wilde, tönende Musik. Wohl eine Minute lag Jurgis starr vor Staunen da, bis es ihm mit eincmmal klar wurde, was es zu bedeuten hatte,— daß dies das Einläuten des Weihnachtsabends war! Weihnachtsabend— er hatte es vollständig vergessen! Da brachen alle Schleusen auf, eine Flut von Erinnerungen und Schmerzen stürmte auf seine Seele ein. Im fernen Litauen hatten sie Weihnachten gefeiert: es kam ihm vor, M ob es gestern gewesen sei ei Kar wieder ein kleines Kind und sab mit seinem verlorenen Bruder und seinem der- storbenen Vater in der Hütte im tiefen, schwarzen Forst, wo der Schnee Tag und Nacht herabfiel und sie von der Welt abschnitt und begrub. Es war zu weit für Sankt Nikolaus bis Litauen, aber es war nicht zu weit für Frieden und Wohl- gefallen für alle Menschen, nicht zu weit für die wunderbare Vision vom Christkind. Und selbst in Packingtown hatten sie es nicht vergessen: stets war wenigstens ein schwacher Strahl davon in ihre Finsternis hcreingesalleu. Den vorigen Weihnachtsabend und ersten Weihnachtstag hatte Jurgis den ganzen Tag auf den Schlachthöfen gearbeitet, während Ona rastlos Schinken verpackte: und dennoch hatten sie Kraft ge- funden, um mit den Kindern aus der Avenue spazieren zu gehen und die Ladcnfcnster zu bewundern mit ihren aus- gepuhtcn Christbäumen und ihrer strahlenden elektrischen Beleuchtung. In einem Fenster waren lebendige Gänse ge- Wesen, in einem anderen allerlei Wunder aus Zucker— rosa und weiße Stangen, die groß genug siir einen Menschen- fresscr waren, und Kuchen mit kleinen Engeln darauf: in einem dritten lagen lange Reihen fetter mit Papierrosetten geschmückter Truthähne, und daneben hingen Kaninchen und Eichhörnchen: in einem vierten befand sich ein wahres Feen- Zand von Spielzeug,— entzückende Puppen in rosa Kleidern und wollige Schafe und Trommeln und Helme. Und sie brauchten nicht einmal ganz leer heimzugehen. Das letzte Mal hatten sie einen großen Korb mitgehabt und viele Einkäufe gemacht: einen Schweinebraten, und einen Kohlkopf. und ein Roggenbrot, und ein Paar Pulswärmer siir Ona, und eine quiekende Gummipuppe, und ein grünes Füllhorn voll Zuckcrsachcn, das an den Gashahn gehängt und von einem Dutzend Paar Augen voller Verlangen angestarrt wurde. Selbst ein halbes Jahr an den Wurstmaschincn und Knochenmühlen war nicht imstande gewesen, den Gedanken an Weihnachten in ihnen gänzlich zu ertöten. Es würgte Jurgis in der Kehle, als er sich erinnerte, daß'noch an dem Abend, an welchem Ona nicht nach Hause gekommen war, Tcta Elzbicta ihn beiseite genommen hatte, um ihm eine alte Neujahrskarte zu zeigen, die sie in einem Laden für drei Cent erworben hatte— schmutzig und verblichen war sie ge- Wesen, aber bunt und mit Engeln und Tauben verziert. Sie hatte die Flecke sorgsam abgewischt und wollte die Karte auf den Kamin stellen, so daß alle Kinder sie sehen könnten. Wildes Schluchzen erschütterte Jurgis bei dieser Erinnerung — ach, sie verbrachten das Fest in Elend und Verzweiflung, denn er lvar im Gefängnis,' Ona war krank und das Haus verödet. Ach, es war zu grausam! Wesbalb ließ man ihn denn nicht wenigstens in Ruhe? Weshalb läuteten sie nun, nachdem sie ihn ins Gefängnis gesperrt hatten, die Glocken. um ihn an das Christfest zu erinnern? lFortsctzung folgt.) lNrtrfjdvuck BcvSoIcn.) Das CbryPantbcmumfest in Japan. OaS Chrhsanthemum, eine Blume, die seit etwa zwei Fahr- zehnten bei uns die Modeblume des Herbstes ist, stammt aus Japan, rvo ihre Pflege seit Jahrhunderten betrieben wird und wo die Lieb- haberei für diese Blume eine allgemeine bei Arm und Reich ist. Der Japaner ist ein großer Naturliebhaber, und alles, was mit der Natur im Zusammenhang steht, ist ihm ganz besonders ans Herz gewachsen, dies bezeugt er in mannigfacher Weise. Vor allem durch die Pflege seiner Gärten, in denen sich stets ein Stück japa- nischer Landschaft widerspiegelt, wie auch durch die Pflege der Blumen in seinem Heim. Einen großen Teil der arbeitsfreien Zeit widmet der Japaner dem Blumentultus, und er hat es weit gebracht auf diesem Gebiete. Allein nicht nur durch die stete Be- schäftigung mit Blumen und Pflanzen legt der Japaner von seiner Naturliebhaberei Zeugnis ab, sondern auch bei sonstiger Gelegen- heit weiß er seiner Verehrung für Floras Kinder Ausdruck zu der- leihen. So bei den hohen Festen. Einen ganz besonderen Wert legt der Japaner auf seine fünf Wlumcnfeste. Zum Fest der Jahreswende schmückt er die Straßen mit Kiefer. Bambus und Münte(Prunus Mume); diese drei Pflanzen gelten ihm als segenbringend, und besonders die roten und weißen Blüten des Prunusbaumes dürfen am Neujahrstage in keinem Hause fehlen. An einem anderen Feste, dem sogenannten ..Mädchenfest", ist die Pfirsichblüte(Prunus persiea) die Haupt- blume. Auch die Zeit der Kirschblüte gibt dem Japaner Anlaß ,gu eineist Feste. Jung u»d Alt wandert hinaus in die„Baum- blüte", um sich der pocsiereichen Pracht zu erfreuen. Die japanischen Kirschen sind lediglich Zierbäume, sie setzen kein Obst an. Dem „Knabenfeste" ist die Blüte der Schwertlilie oder Iris geweiht In der Umgegend von Tokio ziehen sich weite Felder hin, die nur mit Schwertlilien bestanden sind und die am Tage des Knabenfestes ihren Zweck erfüllen, indem sie das Material zum Schmuck des Hauses liefern. Das bedeutungsvollste aller Blumenfeste ist aber dem Japaner da» Chrysanthemum- oder Kikufest, welches am neunten Tage deS neunten Monats begangen wird. Das Chrysanthemum gilt als das Symbol des langen LebenS, und darum ist dem Japaner keine andere Blume so sehr ans Herz gewachsen als gerade das Chry- santhemum, das ja auch als Wappenblume geführt wird. Das Chrysanthemumfest zieht eine fröhliche, festlich gekleidete Menge auf die Blumenmärkte und in die Gärtnereien, wo das Kiku ganz besonders gepflegt wird. Das Chrysanthemum hat als Blume mancherlei Vorzüge, es ist hart und widerstandsfähig, so daß es unter den in Japan gekannten Kältegraden nicht leidet, es ist leicht zu kultivieren, und dann wechselt vor allen Tingen seine Blume sowohl hinsichtlich der Form, wie auch in der Farbe in mannigfaltiger Weise. Größe, Form und Farbe der Blüten bei den verschiedenen Spielarten schaffen hier einen Wechsel wie kaum bei einer anderen Blumengattung. Mancher japanische Gärtner hat die Chrysanthemumzucht zu einer Spezialkultur gemacht, und solche Gärtnereien bezw. Gärten sind zum Chrysanthemumfest be- sonders lebhaft besucht, weil es hier das deutbar Beste zu schauen gibt. Daß dem Japaner das Chrysanthemum sehr viel gilt, daS ergibt sich auch aus dem Umstand, daß keine zweite Blume so häufig als Tekorationsmotiv in japanischer Kunst zu finden ist, als die Kikublume. Die höchsten Triumphe feiert die Chrysanthemumzucht in den kaiserlichen Gärten zu Jedo(Tokio), und darum gilt es nicht nur als eine besondere Ehre, sondern es stellt auch ein hohes Vergnügen in Aussicht, wenn eine Einladung zum Chrysanthemumfest in diesen Gärten erlangt wird. Die Gäste versammeln sich im Schlosse und werden truppweise zum Park geleitet. Sobald die Papiertvände in ihren Rinnen auseinander gleiten und den Blick auf die Garten- anlagen freigeben, bietet sich dem Auge ein malerisches Bild dar, das ein französischer Marineoffizier in seinen Reiseerinnerungen mit folgenden Worten schildert:„Auf Schirmen, auf Porzellan bat wohl jeder bisweilen, ohne sie ernsthaft zu nehmen, solche unwahr- scheinlichen Landschaflen erblickt. Seen und Jnselchen in falscher Perspektive zusammengedrängt, voller Bäume, die statt grün zu sein, in der Grellheit ihres Kolorits Blumenbllndeln gleichen. Aus den geöffneten Türen eines Saales heraustretend, befinden wir uns auf einem Hügel, der eine weite Ausdehnung beherrscht, in der jene Dinge als Wirklichkeit dastehen. Zwischen nahe vor UNS herabhängenden Nadelholzzweigen liegt es vor uns: flaches Garten- land, samtener Rasen. Felsgruppen, Bäche, über welche sich Brücken in hohem Bogen wölben, laubumkränzte schlummernde Seen, zu tiefem Waldesschatten führende endlose Alleen. Hier und da schmücken silberfarbene Bambusen die Rasenhänge mit fast weißer Vegetation. Rote Ahorne, wahrhafte Korallenbäume, wechseln mit mir unbekannten Strauchgruppen, deren Blattwerk an das ge- sättigte Violett der Skabiose mahnt. Weit jenseits dieser künstlich gestalteten Szenen umschließt sie ein Horizont hoher Hügel und wahrhaften Waldes in glücklicher Nachbildung einer durchaus wilden Natur. Wie überrascht eine solche Wildnis mitten in einer Stadt, wie groß erscheint eiiSe solche Herrscherlaune! Seltsame Stille weht über diesem schwer zugänglichen Garten, so schweigend und jcbl doppelt melancholisch liegen sie in der Herbstbeleuchtung da." Die Wege des Gartens sind mit Matten belegt, einer von ihnen führt zu einem riesenhaften Zelt von leichter Bambuskonstruktion. drapiert mit zartvioletten Seidenschleiern, in die große seltsame Rosetten, die heraldischen Chrysanthemum darstellend, eingewirkt sind. Das ist der Ort der Blumenausstellung. Hier stehen die Sammlungen von Chrysanthemum, es sind natürliche Blumen, aber sie haben kaum den Anschein, solche zu sein. Geometrisch regel- mäßig nehmen sie ihren Stand in Ouinkunx(durchbrochene An- ordnung) ein, aus Erdterrassen, welche eine leichte Moosdecke glatt bekleidet. Jede Staude besteht nur aus einem Stengel, und jeder Stengel trägt nur eine Blume. Aber eine Blume bou erstaunlicher Größe ohne Ausnahme von schönem Farbenton und auserlesener Gestalt. Die eine zeigt breite, fast fleiscknge Petalen(Blumen- blätter), die so regelmäßig gebaut sind, daß man eine große rote Artischoke zu sehen glaubt. Ihre Nachbarin gleicht einem krause» Kohlkopf von heller Bronzesarbe. Wieder eine andere entfaltet, in blendendem Gelb strahlend, tausend kleiner, zarter Blumenblätter, die wie eine Garbe von Goldfäden aufsteigen und sich dann nieder- beugen. Es gibt Blumen darunter, die weiß wie Elfenbein, andere, die blaß malvenfarben oder vom gesättigslen Amarantrot find; eS gibt panachierle, zart abgetönte und der Hälfte nach verschieden gefärbte. Schwer hält es, sich die Mühe zu vergegenwärtigen, die es gekostet hat, solche Rieseichlumen zu züchten. Van dieser Blumenausstellung führt ein Schatiengang zwischen einer Anhöhe voll riesiger Crhptomerien(japanische Cypresse) unL einem schwermütigen Teiche voller Lotos zu einem Hügel hinan. Dieser Hügel ist ein einziges von Chrysanthemum rosa gefärbtes Blumenbeet, von dem aus-cher Blick nach allen Richtungen hin in die Waldfernen des Parkes streift. Seitwärts vom Blumenbeek, in hohen, leichtgebauicn Kiosken befinden sich Blumenausstellungen, in welchen sich die verschiedenartigsten Behandlungsarten der Pflanze offenbaren. Hier stehen in künstlerischen, wertvollen Vasen die Chrysanthemum, nach bestimmten Regeln gezogen, denen man die monatelange Arbeit nicht ansehen kann, deren es bedurfte, um die Stempel in ganz genau festgelegte Linienführung wachsen zu lassen. Hier stehen auch Pflanzen, die nicht einstcmpclig gezogen werden, sondern die an hundert Stempel aufweisen, alle mit voll- kommencr Symmetrie um einen Mittelstamm gruppiert oder in einer Fläche fächerförmig gezogen, an der Spitze eines jeden Zweiges mit einer weit erschlossenen Blüte gekrönt, die nie im Verwelken, nie auch erst im Knospen begriffen ist, sondern immer auf dem gleichen, ephemeren Höhepunkt der Entwickclung steht. Es ist klar, zur selben Stunde mutz all diese Schönheit, die ja so unendlich viel Sorgfalt gekostet hat, verblühen und verschwinden. Jede dieser Chrysanthemum trägt aus einem Papicrstreifen ihren Namen, Namen, die wiederum Zeugnis ablegen von dem tiefen Natur- Verständnis, das dem Japaner eigen ist: der Bcrgnebcl, die Herbst- Wolke, Schneeflocke auf der Kiefer, die zchntausendmal mit Gold- staub Bestreute, Herbstliche AHornblätter in der Abendsonne. Ein Gastmahl, an dem auch die Kaiserin teilzunehmen pflegt, bcschlietzt den ersten Tag des Chrhsanthcmumfcstes. Am anderen Tage öffnen die Tore des kaiserlichen Gartens sich noch einmal zu einem Feste zweiten Ranges, die Beamten Jedos kommen, um sich die Blumcnhcrrlichkeiten anzuschauen, und dann bleibt der Garten für die Außenwelt wieder auf Monde hinaus geschlossen. ti. kleines Feuilleton. Eine lustige Ranggcschichte. In keinem Lande spielt bekannt- lich die Klassen- und Rangordnung eine so grotze Rolle wie in Rußland. Neben dem Adel, der in die beiden Gruppen des Per- sonen- und Erbadels zerfällt, existieren noch eine große Zahl an- derer Gruppen; so die Erb- und Pcrsonen-Bürger, jede in mehreren Klassen,. die Kaufleute in mehreren Gilden, die Stadtbürgcr in kveitcren Ilntcraruppcn, die Klassen der Geistlichen, die Krons- und Privatbaucrn, die Kosaken usw. uslm Allein der„Tschin", die Bc- amtenschaft, ist in zwei parallelen Doppelreihen von je 14 numc- ricrtcn Rängen oder Graden eingeteilt. In der offiziellen russischen Welt sind die bürgerlichen Aemtcr und selbst die geistlichen Würden den militärischen Graden gleichgestellt, vom Fähnrich und Kollegien- rcgistrator, w-clche die unterste Sprosse der Leiter einnehmen, bis zum Feldmarschall und Kanzler, die allein auf der höchsten stehen. Diese schöne Rangordnung hatte Peter L, der sogenannte„Große", eingeführt, aus Zweckmäßigkeit und im Interesse des allrussischen Zarats. Für den Westeuropäer hat zwar diese Bewertung der Person und ihres Ansehens nach dem Grade oder Amtstitcl allein etwas Komisches; daß jedoch die peinliche Anwendung dieses Prin- zips unter Umständen vor unnützen Höflichkeiten und langweiligen Zeremonien schützen kann, dafür erzählt der Franzose Lcroy- Bcaulieu in seinem großen Werke über„Das Reich des Zaren und die Russen" das folgende hübsche Beispiel, das er von dem Feld- Marschall Fürsten Barätinski selbst hat. Ein Generalmajor, Brigadegsciurral(4. Klasse), reiste im Winter im Kaukasus. Kommt ihm nachts in einem Paß ein an- derer Reisender entgegen. Der Weg ist verschneit, die durch Schlitten eingefahrene Bahn schrnal, es ist unmöglich, aneinander vorübcrzufahren. Die Leute des Generalmajors, die es mit einem Fremden niedrigeren Tschins zu tun zu haben meinen, werfen den Schlitten des andercn�der in seilten Mantel gehüllt im Schlummer liegt, kurzweg um. So pflegte man unter solchen Umständen zu verfahren; einer der Schlitten wurde auf die Seite gelegt, um den anderen passieren zu lassen. In unserem Falle schlägt der andere den Mantel zurück. Er ist ein Generalleutnant, dritte Klasse! Sofort sind die Leute daran ihn aufzuheben, und ohne ein Wort zu sagen, ohne ihren Herrn zu fragen, werfen sie nun den Generalmajor in den Schnee.� Man sieht, jedes Ding kann unter Umständen seine Vorteile haben, so unnütz und lächerlich es im allgemeinen auch sonst sein kann.— Theater. L e s s i n g- T h e a t e r.„Ritter Blaubart". Märchen- stück in fünf Akten von Herbert Eulenberg. Die beiden ersten Akte boten Stimmungsvolles und Spannendes; es schien, ein eigenartiger dichterischer Grübelsinn habe nach dem Märckien ge- arrffen, um in ihm das Walten dumpfer, unheimlicher, den Menschen knebelnder Instinkte in frei-symbolischer Gestaltung darzustellen. Fernblicke taten sich auf. Der starke Beifall ließ vermuten, daß das Publikum den Absichten des Dichters in williger Anteilnahme nachgegangen war. Aber der Erfolg versprechende Abend endete mit argem Fiasko. WaS Eulcnbcrg zu sagen hatte, das war in diesen beiden Aufzügen enthalten; daS weitere war nur ein mattes, verflachendes Sichwiederholen, ein stil- und zweckloses Gemisch der altbekannten Märchenzüge mit schwülstigem verstiegenen Wortbombast. DaS Unheimliche verzerrte fich zur Nerven peinigenden Fratze. Und das Prcmiercnpublikum, das neulich im Deutschen Theater den Greinerschen„LiebeSkvnig", ein Stück von vielfach ber- wandter Prägung, welches ganz ähnlich nach bedeutenden Ansätzen ins Wesenlose zerflattert, ruhig bis zum Schlüsse über sich hatte tt> gehen lassen,— das selbst völlig leeren Machwerken gegcnübek bei noch so provozierendem Klatschen Demonstrationen zu vermeide» pflegt, wurde hier widerspenstig. Als der Vorhang nach dem dritte» Aufzug fiel, klang in den Beifall ein entschiedenes Zischen, und in dem vierten kam es bei offener Szene zu einem häßlichen Theater- skandal. Es sah so aus, als ob ein Teil der Zuschauer durch laute Störungen das Weiterspiel unmöglich machen wollte, ja. als ob der Sturm von vornherein geplant gewesen wäre. Die Hervorrufe am Schlüsse waren in der Hauptsache wohl nur der Ausdruck des Pro- testcs gegen ein derartig ungualifizierbares Verhalten. Der Blaubart, wie er der Phantasie des Autors vorschwebte, ist der geborene Mörder, den eine pervers wollüstige Zwangsvorstellung, vor der ihm selber graust, von Bluttat zu Bluttat treibt, ein vom Bewußtsein seiner eigenen Scheußlichkeit verfolgter Jack der Auf- schlitzer im Märchengewande. lind das Motiv der Zwangs- Vorstellung, an welcher alle vernünftige Einsicht abprallt, kehrt dam» in wechselnden Formen bei den Kindern des Grafen Nikolaus wieder, der im Kontrast dazu das Bild der klaren, nüchtert», tüchtigen Gesundheit repräsentiert. Fröstelnd, von der Pein der Ein- samkeit gehetzt, tritt Blaubart in das Zimmer, in dem er den Gräfe» und dessen Sohn als nächtliche Gäste beherbergt. Er sehnt sich nach Gesell- schaft, um die furchtbaren Erinnerungen zum Schweigen zu bringet». Doch sie lassen ihn nicht, sie zwingen ihn zu der Erzählung, lvie er sein erstes Weib in den Armen eines Freundes überraschte und zum erstenmal Mörder Ivard. Voll Entsetzen wendet sich der Vater ab, während der Jüngling de» düsteren, aus labyriuthisch wirre Jrrgänge der Seele deutenden Worten wie bezaubert lauscht. Man sieht Blaubart, wie er das bcrborgene Verließ, wo die abgeschlagene» Häupter seiner Frauen liegen, aufsucht, wie sein entartetes Verbrecher» Hirn sich in dem Angedenken an die zerstörten Reize berauscht. Hier kulminierte Rittners geniales Spiel, er gab dem Gräßlichen bis Illusion der Wahrheit. Auch die Hochzeitsfeicr Blaubarts mit der Grafentochtcr enthielt, so sprunghaft die Szenenfühnmg war, eindrucksvolle Momente. Der gütige Alte sieht die Kinder mit offenen Augen ins Verderben rennen. Seinen Werner hat die Freundschaft, seine Tochter die Liebe Blaubarts blind gemacht, der ältere Sohn wütet gegen den eigenen Körper in blöder Trunksucht. Hüls- reich streckt er nach ihnen die Vaterhände aus, aber sinnlose Triebe reißen sie im Strudel fort, jeden dem sicheren Verhängnis entgegen. Gepeitscht von Reue, in Angst, er werde auch dieses Mädchen, vor: den» er Rettung vor dem eigenen Ich erhoffte, töten, will Blaubart fliehen, aber die Begierde zwingt ihn zurück, und Judith, die fich fürchtet, die den Vater eben noch um Schutz bat, stürzt willenlos in seine Arn». Damit war, ivas Eulenberg symbolisierend den, Stoffs abgewinnen konnte, erschöpft, der Rest charakterisierte sich, wie schon gesagt, als eine theatralisch aufgeputzte und dabei gänzlich bühneiiniiwirksame Nachbildung der gleichgültigen Geschichte. Es war schade um das ausgezeichnete Spiel, vor allem auch der Driesch, die die Judith verkörperte, die»nalerischen Dekorationen� die man für eine verlorene Sache eingesetzt hatte. llt. Kunst. e. s. Die Neuerwerbungen i in Kaiser Friedrich- Museum. ES sind zwar n»r verhältnismäßig wenig Stücke, die das Miiseiim erworben hat: sieben Bilder; drei spanische, zwei niederländische, zwei italienische. Dafür ist aber jedes in seiner Art bedeutend mid interessant, und es ist charakteristisch, daß sie insgesamt der Zeit angehören, die schon stark der Gegenwart sich nähert. Von Z u r b a r a»(1593— 1632) ist das Porträt eines Knabe» in Rüstung. Die farbige Erscheinung steht vornehm auf dem matt- schwarzen Grad. Das Gesicht ist sehr lebendig gemalt. DaS Bild, das von der kräftigen, temperamentvollen, in dem dunklen glühende» Kolorit recht spanischer Art dcS Künstlers vorzügliche Vor- stellung gibt, ist auch insofern wichtig, als Zurdarau sehr selten ein Porträt malte, sondern fast nur Ecenen aus dem geistlichen Leben. Murillo(1617—82) erscheint gegen diese eSkelische Art weich, auch nicht so charakteristisch. Die Werke dieses überaus fruchtbaren Malers haben eine wohltuende Wärme des Kolorits. In der loeichen, wohligen Gelassenheit ähneln sie Stafaels gemäßigten Typen. Murillo prägt den Typus der Maria als einer Spanierin. Seine Engel sind Sevillanerinncn. Die„Anbetung' wirlt etivas inatt. Die„Musikanten" von VelaSquez(lö90 bis 1600) gehören zu den Genrestücken. mit denen dieser geistvolle Künstler, der augenblicklich wieder so modern ist, seine Tätigkeit als Maler begann. Der scharfe Realismus zeigt sich in der genauen Beobachtung der Typen aus dem Volke. Zwei Musikanten spielen, am Tisch sitzend, ein Junge reicht ihnen ein GlaS Wein, im Hintergrunde fitzt ein Affe. Neben diesem Realismus aber ist es die rein- malerische Anschauung, die zur Bewunderung nötigt. Die Vereinigung dieser beiden Prinzipien, die sich sonst befehden, Naturtreue und Farben- schönheit, stellt Velasquez auf den hohen Platz, den die Kunstgeschichte ihm einräumt. Er verschmilzt vollste Naturtrcue und maleiischeS Raffinement zu einer restlosen Einheit und selbst dem Häßlichsten verleiht er dadurch einen Schimmer von Schönheit. Unser Bild stellt eine Hannonie gelblich brauner, schwarzer und hellgrauer Töne dar. Jeder bunte Akkord fehlt. Dadurch wirkt daS Bild unendlich vornehm. In eine andere Welt führen uns die beiden Niederländer. JoostvanCleve(1. Hälfte des 16. Jahrh.) ist als Porträt- maler bedeutend. Seine Gemälde finden sich weit zerstreut, ein — 81 Zeichen, bafe e* sehr geschätzt wurde. Er lebte zur Zeit HolbeinS. Seine Altarbilder sind unausgeglichen, seine Porträts dagegen leben-wachr. lräitig, dabei farbig wie zeichnerisch sehr sicher. Wie das Fraiienporträt zeigt, das auf grauen Grund gesetzt ist. in den Farben Braun und Schlvarz. Im Gesicht ist ein aasgesprochener Charakter geprägt. In die gleiche Zeit führt uns Anronis Moor itl>l2— 7b). Er hat einen reicheren malerischeu Vortrag, doch Uut'I diese wahrscheinlich von Italien stammende reichere Malweise iricht so eigen. Vorzüglich ist auf diesem Bilde die Hand der sich auf den Ti>ch stützenden Frau, weiß auf grün. G u a r d i(1712— 1793� und T i e P o l o(IGlkj— 1770} sind Vertreter der spätvenezianistben Malerei, die schon in die moderne Zeit hi»einlveist. Ihre Malweise hat etwas Anflösondcs. Man denkt schon au dm Jnrpressionisinus. Guardi malt Straßcnbilder. ans denen er die grauen Hänserreil>en sehr geschickt als gleichmäßigen Hinter- ginind verwendet, um daraus die Farbeuvunkte der bunten iiostüme mit viel Geschmack und Lebendigkeit wwkeu zu lassen.. Noch mehr betont Tiepolo den malerischen Charalter. Tie silbrige Luit Venedigs ist� in seinen dekorativen Bildern. die stark aus malerische Gesamt- tvirkuiig hiu angelegt sind, leicht und hell ist der Farbeucharatker. Er verwendet viel Blau und Rot in hegen Nuancen. Nur im Vardergninde führt er genauer aus, doch auch hier dominiert die rein malerische und nicht gegenständliche Wirkung. Hinten verliert sich alles in dunstiges Grau, das dennoch die Gegenständ« erkenne» läßt. So erhebt Tiepolo schon bedeutsam die Skizze zum vollen Bildwert. Erziehung und Nnterricht. Hand- und K op s a rb e i t. Die großen sogialistischcn lltopisten habet! den hohen erziehlichen und sittlichen Wert der Handarbeit mit Nachdruck hervorgehoben. Neuerdings hat William Morris wesentlich vom füirstletischtu Gesichtspunkte aus i» seinem Idealbild der Zukunft die Handarbeit verherrlicht als Quelle künstle- tischen Schassens und freudigen Lebensgenusses. Der Bedeutung, die der Handarbeit als Erziehungsmittel und als notwendigc menschliche Äetätigrmg zukowint, können sich auch die beamteten Pädagogen nicht mehr entziehen. Direktor Dr. Pabst behandelt in Hcn 4L der.Umschau" die Frage vom physiologische» und pädagogischen Standpunkte. Die Ausbildung des Echrrns als des Organs nickt bloß für das Denken, sondern auch für das Wollen und Handeln des Mensche». führt er auS. erfolgt nur unter Mitwirkung der Sinne und der körperlichen Betätigung des Kindes. Tie Empsindungszcllen und ebenso die Bewegung.-zellen des Gehirns entwickeln sich durch lläbuug und bleiben unentwickelt, wenn diese Itcvung fehlt. Tie übliche Unterscheidung zwischen Kopfarbeit und Handarbeit ist falsch, denn eS gibt keine Art der Hand- arbeit, die nicht zu gleicher Zeit mehr oder weniger Kopfarbeit er- forderte. Deshalb sind körperliche Bewegungen, Spiel, Turnen und Handarbeit notwendig zur Eruwickclung des Gehirns, sie sind Mittel zur Gewinnung der motorischen Begriffe, die den Mensche» zum Handeln führen und die das Wesen seines Charakters begründen. Aber die feinere Handarbeit wirkt anders auf das Gehirn ein wie die grobe Arbeit bei der Bewegung großer Muskel- gruppen, imd die ausgebildete Hand ist ein seines Sinnesorgan, ähnlich wie Auge uch) Ohr. Die Haichgeschicklichkeit hat ihren Sitz nicht eigentlich in der Hand, sondern im Kops und Gehirn und geeignete Handübungen sind eine Form geistiger Erziehung. Außer dem Gehirn kommt für die motorischen Bewegungen noch das Rückenmark in Frage, von dem aus die unbewußten Reflex- Bewegungen dirigiert werden. Die erziehliche Einwirkung, auf beide Organe kann nur im. jugendlichen Alier stattfinden, und des- halb ist die Einführung geeigneter Handbetätigung im System der. �ngcndcrzichung z» fordern. Die Zkotweudigkeit einer solchen läßt sich auch auf anderem Wege nachweisen. Tie Eefahrnng lehrt und alle großen, genialen Erzieher(Eomenins, Rousseau,"Pestalozzi, Fröbel u. a.) haben es erkannt, daß die körperliche Erziehung mit der geistigen' Hand in Hand gehen muß und daß die körperliche Betätigung des Kindes eine Vorbedingung ist für seine geistige Entwickelimg, von der sie nch nicht treimeu läßt. Die Herstellung .einfacher Gegenstände, wie sie im sogenannten Handfe rtigk c i t S unt e r- richte geübt wird, ist dnrchans kerne mechanische Sache, die für die Erziehung wertlos wäre oder etwa mir dem Zwecke dienen könnte, für eine handwerksmäßige Tätigkeit vorzubilden. Man kann im Gegenteil behaupten, daß in einer solchen Betätigung unter Umständen mehr-zeistbildcude Momente liegen, als in manchen Formen des Sprachunterrichts. Psychologisch ausgedrückt ist das Sprechen als eine motorische Erregung gewisser Muskeln von der Handbctätigung nur darin unterschieden, daß beide von verschiedenen Gehirnzewtrrrr ausgehen; somit sind auch für die Ausbildung des Geistes leide Prozesse im Grunde genommen nahezu gleichwertig. Auch der Prozeß dcS Denkens vollzieht sich vielfach, wie z. B. beim Künstkcr, Techniker, Naturforscher usw.. durchaus nicht in den sprachlichen Formen, der Komponist denkt in Tönen, der Künstler und Techniker in Raunrsormcn. der Natur- forscher in den Forntcn sinnlicher Erscheinungen, die mit der Sprache nichts zu tun haben. Aber wie wir in tinserer Kultur überhaupt das Wort überschätzen, so geht auch unsere Erziehung einen verkehrten Weg, wenn sie die Ausbildung der Hand und die der Sinnesorgane vernachlässigt. Die Erziehung der Zukunft wird hieraus Rücksicht nehntcn müssen, und zugleich wird sie als eine 76- Erziehung zur Arbeit und durch Arbeit eine Reihe von GesichtZ- punkte» in den Vordergrund stellen müssen, die in unserem heutigen ErziehungZshstem nicht zur Geltung kommen können.— �>nuioristischeS. — Kindermund Fremder:.Wie ich höre, habt Ihr eine photographische Dnukelkanuncr im Hanfe— kann ich hinein?"— Der kleine Moritz:.Rein, jetzt iS der Bater drin l'— Fremder:.Was macht den» der dort?"— Moritzk:.Mosel- wein — Lakonisch. Wie geht's, mein Lieber?" .Nun— lvie soll's geh'n?...'uml so,'mal so— und meistens geht's so!" .So so?... Sie sehen aber doch gar nicht so aus!* — Der P a r v e n n.„Die Einrichtung bei mir zu Hause sollten Se sehen!... Wo man hinspnckt, trink man e' Künstwerk (.Fliegende Blätter.") Notizen. — Für die Uraufführnng von Maxim Gorkis jüngstem Werk:„ D i e F e i u d e", die am Dienstag, den 2t>. d. Mts.. im Kleinen Tdeater statisindet, wurden verschiedene Ren- Engagements gerrosfcii. In einer der weiblichen Hauptrollen wird Fräulein Klara G o e r i ck e vom Leipziger Schauspielhause de- butteren. — Im Lo�tzing-Theater wird am Sonnabendabend V/.y Uhr zum eisten Make die Operette.Tie Fkedeimaus" auf- geführt. Nachmittags 3 Uhr eröffnet da? Märchen„Rotkäppchen" den Reigen der Kinder- und Weihnachtsmärchenvorstcllmigen. — Für das Kaiser Friedrich-Musenm wurde ei» Porträt der Herzogin Margareta von Parma von dem vlämischen Maler Antonis Mar(1512—1573) erworben. Das Bild zeichnet sich durch kräftige Charakteristik und warmes reiches Kolorit aus. — Die Rembrandt-AuS st eilung im königlichen Kupfer« stiSlabinett ist nur noch bis Sonntag, den 11. i. W.. geöffnet. Von Montag ab bleibt der Ausstellungsraum zur Vorbereitung einer Ausstellung von Ansichten ans Alt-Berlin für einige Tage geschloffen. — F» der Vorderasiatischen Gesellschaft erstattete Prof. Hugo Win ckler Bericht über die Ausgrabungen zu Boghazköi im Innern von Kleinasien. Sie bieten wichtige Eni- deckungen für die Geschichte Klemasiens in der Epoche der Cheta- oder Hattiherrschaft(1500— 1100 v. Chr.). Das AusgrabungSgebiet erwies sich als die alte Hauptstadt der Cheta. Zahlreiche Tontaseln, die offenbar ein Archiv bildeten, ergebe» Ausichlüffe über die innere» und äußeren Berhältnifse des großen Reiches, das mich Beziehungen zu Aegypten mttcrhielt. Bemerkenswert ist n. a., daß in einer Art Kataster auch vielfach Frauen als HauSvorstände aufgeführt werden. Die lvcitcre Verarbeitung des reichen Materials dürfte»och manche interessanten Aufschlüsse dielen. *— Kapitän Arnundsen bat die Heimreise von seiner letzten Polarfahrr angetreten. Er bringt ForschuugSberichte mit. aus denen. wie er versichert, hervorgeht, daß er den'm a g n e ti s ch e n Pol erreicht hat. was der Hanptzlvcck seiner Reise war. Er befitzt auto- malisch aufgenommene photographische Aufzeichmnigen der Be- wegnngcn seiner Instrumente. Daß er den magnetischen Pol er« reicht habe, schließt er daraus, daß die Kompaßnadeln sich nicht mehr bewegten. Die Bearbeitung dcS von ihm gesammelten Materials wird ungefähr drei Jahre in Anspruch nehmen. — Die teure Kuh. Ter.Franlf. Ztg." wird aus Rom diese lnstige Geschichte berichtet: In eurem ist Italien allen andere» Ländern überlegen: in der Zahl der kostenlosen StaatStelcgrannne. Kürzlich suchte der Ministerpräsident diesem Uebermaß zu steuern. indem er Einschränkung anbefahl. Nichtsdestoweniger erließ jüngst der Nnterpräfekt von Corlcone in Sizilien eine amtliche Zirkuiardcpcsche an alle Präfekturcn und Polizeiämter des Reiches— dreihundert Adressen'—, worin er die Beschlagnahme einer Kuh anordnete, die ihrem Herrn entlaufe» war. Die dreihsmdcrt Telegramme wurden ab- gesandt, ohne-daß es einem Telegraphisten eingefallen wäre, darüber nachzudenken, wie die Kuh über die Meerenge dorr Mcffmn hätte ans daS Festland kounncn können. Die Geschichte wäre wohl wie so viele andere ruhig hrngegangen. wenn nicht ein sozialistisches Matt Lärm geschlagen hätte. Folglich mußte etwa? geschehen. Der llnterpräsekt wird zur Rede gestellt, er gibt seine llütat zu, erklärt es aber für ein Verschen, daß sein Rundtelegramm, da° nur für die Insel bestimmt Ivar, zum Kontinent hinübe'rwandern konnte. Aber öaS half ihm nichts. Herr Giolitti mußte ein Beispiel statuieren. und der Nnterpräfekt hat mm 507, KV Lire aus eigener Tasche zu bezahle». Lerantwortl. Redatteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorträrtsBuchdruckerei u.Verlag�mjtaltPaul Singer LcCo..BerliikSVk.