Nnterhaltungsblatt des Torwarts Nr. 220. Dienstag, den 13. November. 1906 (Nachdruck verbalen.) Sl] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Aber nein, nicht für Jurgis läuteten die Glocken— das Weihnachtsfest galt nicht für ihn, er zählte einfach nicht mehr mit. Auf ihn kam es nicht an: er wurde beiseite geworfen wie ein Stück Abfall, wie das Gerippe irgend eines Tieres. Es war fürchterlich, fürchterlich! Seine Frau konnte am Verhungern sein, sein Kind am Sterben, seine ganze Familie konnte in der Kälte umkommen,— und dcrweile läuteten sie ihr Christfest ein! Und welch ein bitterer Hohn darin lag,— alles das gehörte zn seiner Strafe! Man brachte ihn an einen Ort, wo der Schnee nicht hineindringen konnte, wo die Kälte ihn nicht das Mark in den Knochen erfrieren lassen konnte,— weshalb ums Himmels willen brachten sie nicht feine Familie ins Gefängnis und ließen ihn draußen, wenn er nun doch einmal bestraft werden sollte? Deshalb konnten sie keine bessere Strafart für ihn erfinden, als drei schwache Frauen und sechs hülslose Kinder dem Frost und dem Hunger zu überantworten? Das war ihr Gesetz, das war ihre Gerechtigkeit! Jurgis stand hoch aufgerichtet, bebend vor Zorn, die Hände geballt und die Arme gen Himmel gereckt: seine ganze Seele flammte auf in Haß und Empörung. Zehntausend Flüche über sie und über ihre Gesetze! Ihre Gerechtigkeit! Die war eine Lüge, eine Lüge, eine scheußliche, brutale Lüge, ein Ding so schwarz und hassenswert, daß es nur für eine Welt böser Träume geschaffen schien! Es war alles Betrng und ekel- haftcr Hohn! Es gab keine Gerechtigkeit, es gab nichts auf der Welt, was auch nur an Recht erinnerte,— es war alles Gewalt und Tyrannei, der Wille und die Macht, beide rück- sichtslos und unbeschränkt! Sie hatten ihn mit ihrer Ferse in den Staub getreten, sie hatten sein inneres Wesen vcr- zehrt: sie hatten seinen alten Vater ermordet, sie hatten seine Frau zugrunde gerichtet und zerbrochen, sie hatten seine ganze Familie gcdemütigt und ruiniert: und nun sie mit ihm fertig waren, hatten sie keine Verwendung mehr fiir ihn: und weil er sich gegen sie aufgelehnt hatte, weil er ihnen im Wege war, hatten sie ihm dies angetan! Sic hatten ihn hinter eiserne Gitterstäbe gesetzt, als ob er ein wildes Tier gewesen wäre, ein Ding ohne Sinn und Verstand, ohne Rechte, ohne Zu- Neigungen, ohne Gefühle. Nein, nicht einmal ein Tier würden sie so behandelt haben, wie sie ihn behandelten! Würde irgendeiner, der auch nur halbwegs bei Sinnen wäre, ein wildes Tier fangen und die Jungen dem sicheren Hunger- tode überlassen? Diese Mitternachtsstundcn waren verhängnisvoll für Jurgis: in ihnen lag der Keim seiner Auflehnung, seiner Rebellion gegen alle Gesetze und seines Unglaubens. Er war nicht klug genug, um das soziale Verbrechen bis zu seinem fernen Ursprung zurück verfolgen zu können— er konnte nicht sagen, daß es das ist, was die Menschen„System" nennen, was ilm zu Boden drückte, daß es die Packherren, seinen Herren und Meister, waren, die das Landesgesetz er- kauft hatten und ihm nun von ihrem Richtersitz aus ihren brutalen Willen als gutes Recht zu fühlen gaben. Er wußte nur, daß ihm Unrecht geschah und daß die Welt ihm Unrecht zugefügt hatte: daß Gesetz und Gesellschaft sich mit all ihren Machtmitteln als feine Feinde erklärt hatten. Und mit jeder Stunde wurde es schwärzer in seiner Seele, mit jeder Stunde regten sich in ihm neue Tränine von Rache, von Trotz, von wildem, rasendem Haß. „Gleich gift'gcm Kraut die schlimmste Tat Blüht auf in Zuchthausluft; Und was der Mensch noch Gutes hat, Verliert dort 5traft und Duft. Der Schmerz bewacht das schwere Tor, Verzweiflung hält die Hut davor." So schrieb Oskar Wilde in seiner„Ballade vom Zucht- haus zu Reading"� „Ich weiß nicht, ob Gesetz gerecht, Ob es ein Unrecht doch, Wir hier im Zuchthaus wissen nur. Daß unsre Mauern hoch, Die Höll' zu hehlen tun sie wohl, Denn Dinge drin geschehen, Die Gottessohn und Menschensohn Nicht sollten jemals sehen." 17. Um sieben Uhr am nächsten Morgen wurde Jurgis herausgelassen, um sich Wasser zum Aufwaschen seiner Zelle zu holen,— eine Pflicht, die er gewissenhaft erfüllte, während die meisten Gefangenen sie so nachlässig ausübten, daß die Aufseher schließlich einschreiten mußten, weil der Schmutz zu groß wurde. Dann bekam er wieder„ckukkor anck dope". und nachher gestattete man ihm, sich drei Stunden lang in einem langen Hof mit Zementwänden und Glasdach Be» wegung zu machen. Hier war es gedrängt voll von Zucht- Hausbewohnern. An einer Seite des Hofes war die Stelle, wo die Gefangenen Besuche empfangen durften, doch waren sie durch zwei auf Schrittlänge von einander stehende Draht- gittcr von ihrem Besuch getrennt, so daß es unmöglich war, den Gefangenen irgend etwas zuzustecken: hier wartete JurgiS voller Angst, aber es kam niemand, um ihn zu sehen. Bald nach seiner Rückkehr in die Zelle öffnete ein Auf- scher die Tür, um einen anderen Gefangenen hereinzulassen. Es war ein schmucker junger Mensch mit hellbraunem Schnurr- bart, blauen Augen und einer hübschen Figur. Er nickte Jurgis nachlässig zn, um sich dann, als die Tür sich wieder geschlossen hatte, mit kritischer Miene umzusehen. „Na, Kam'rad," sagte er, als fein Blick abermals auf Jurgis fiel,„Guten Morgen!" „Guten Morgen," sagte Jurgis. „Pech, gerade zu Weihnachten, was?" fügte der andere hinzu. Jurgis nickte. Der Ankömmling trat auf die Betten zu und besichtigte die Decken, er lüftete die Matratze und ließ sie mit einem Schrcckensruf fallen.„Herrgott!" sagte er,„das ist denn doch die allerschlimmste bis jetzt!" Er blickte wieder zu Jurgis hin.„Sieht aus, als ob diese Nacht keiner drin geschlafen hätte. Konntcn's wohl nicht aushalten, was?" „Ich hatte diese Nacht keine Lust zum Schlafen," sagte Jurgis. „Wann sind Sie hergekonimen?"- „Gestern.".. Ter andere sah sich nochmals um und rümpfte dann die Nase.„Ein ganz verteufelter Gestank hier in dem Lokal," sagte er.„Was ist das nur?" � „Ich bin es," sagte Jurgis. „Sie?" „Ja, ich." „Haben Sie sich denn nicht waschen müssen?" „Ja, aber dies wäscht sich nicht ab." „Was ist es?" „Dünger.". „Dünger? Ten Teufel auch, was sind Sie denn?' „Ich arbeite in den Schlachthöfen,— wenigstens tat ich es bis neulich, es steckt mir in den Kleidern." „Das ist mir denn doch neu!" sagte der Andere.„Ich dachte, ich war schon mit allen Sorten zusannnengekommen. Warum sitzen Sie drin?" „Ich habe meinen Herrn geschlagen." „Aha, so liegt die Sache! Was hatte er getan?• „Er— er hatte mich gemein behandelt." „Ich verstehe schon. Sie sind wohl, was man einen red- lichcn Arbeitsmann nennt?" „Was sind Sie denn?" fragte Jurgis. „Ich?" Der andere lachte.„Sie nennen mich einen Einbrecher," sagte er. „Ach!" sagte Jurgis. „Geldschränke und so was," sagte der andere. „Ol" sagte Jurgis erstaunt und starrte den Gefährten in scheuer Verwunderung an.„Soll das heißen, daß Sie sie aufbrechen,— daß Sie— daß— ,$ci,7' la�te m attdekS,«das behaupten die Leute." Er sah nicht älter aus als zwei- oder dreiundzwanzig, obwohl Jurgis mit der Zeit herausfand, dah er dreißig Jahre alt war. Er sprach wie ein gebildeter Mann, als ob er ein sogenannter Gentleman wäre. „Sind Sie deswegen hier?" fragte Jurgis. „Nein," sagte der andere.„Ich bin wegen groben Un- sugs hier. Sie sind wütend, daß sie keine Beweise finden." „Wie heißen Sie?" fuhr der junge Mensch fort, nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten.„Ich heiße Duane,— Jack Duane. Ich habe mehr als ein Dutzend, aber dies ist mein Gesellschastsname." Er setzte sich auf den Boden, lehnte sich an die Wand, kreuzte die Beine und fuhr fort, sich in un- befangenem Ton zu unterhalten; er stand sehr bald mit Jurgis auf ganz freundschaftlichem Fuß,— er war augenscheinlich Weltmann, der es gewohnt war, sich beliebt zu niachen, und sich nicht zu erhaben dünkte, um sich mit einem einfachen Arbeiter einzulassen. Er fragte Jurgis aus und wußte bald alles über sein ganzes Leben,— alles, bis auf das eine Unsagbare, und dann erzählte er allerlei aus seinem eigenen Leben. Er erzählte sehr gern Geschichten, aber seine Geschichten zeugten nicht gerade immer von auserlesenem Geschmack. Daß man ihn ins Gefängnis gesteckt hatte, schien seiner Laune keinen Abbruch zu tun; er hatte, wie sich bald herausstellte, schon zweimal„gebrummt", und er faßte die ganze Sache von der humoristischen Seite ans. Ein Mann. der so viel mit Wein, Weib und aufregenden Berufsarbeiten zu tun hatte, durfte sich schon eine kurze Ruhezeit gönnen. (Fortsetzung folgt.) lNaihdriül verböte») Bin Vergessener. Von A n t o n F e n d r i ch. Ms ich noch in die Volksschule ging, hatte ich einen Lehrer, der, wenn einer der Schüler falsch gerechnet hatte, immer sagte: „Nach Adam Riese ist zweimal zwei vier und sechsmal vier vier- undzwanzig." Wir Kinder wußten zwar nicht, wer dieser Adam Riese war, hielten aber diesen häufig gehörten Satz von dem Adam Riese, oder dem Riesen Adam für einen Scherz des Lehrers und lachten dazu, ohne zu wissen warum. Da ich schon an und für sich keine besondere Liebe zu der sogenannten exakten Wissenschaft, der Mathematik habe, so ging es weit über die zwanziger Jahre hin- aus, bis ich so viel wußte, daß dieser Adam Riese in Annaberg in Schlesien bei den dortigen fürstlichen Bergwerken Rechenmeister war und ein großes Buch über das Rechnen geschrieben habe. So gewissermaßen als ausgleichende Gerechtigkeit für meine Miß- achtung der Mathematik verfolgte mich nun jahrelang eine wahre Sucht, von diesem Adam Riese mehr zu erfahren. Zuerst gelang es mir, eine? seiner Bildnisse, in Albrecht Dürerscher Art gezeich- net, zu verschaffen. Danach muß er ein Mordskerl mit einer ge- wältigen Nase gewesen sein, von deren Wurzel sich nach der Stirne zu tiefe kritische Falten zogen. Dazu zwei kleine Aeuglcin und ein gewaltiger Bart. Das ganze Gencht war eine Mischung von Raubritter, Kaufmann und Gelehrten. Später fand ich in einer Bibliothek ein Buch, welches den Titel führte: „Rechnung nach der lcngc, auf den Linihcn und Feder. Dazu forteil und bchcndigkcit durch die Proportiones, Practica genannt, Mit gründlichem Unterrcicht des visircns. Durch Adam' Niesen, im tbög Jahre. Cum gratia und privilcgio Caesario. Gedruckt zu Leipzig durch Jacobum Berwaldt." Es ist ein Ouartband mit 196 Seiten. Tarin war auch das Bildnis dieses fast mystischen Rechners enthalten und noch mehr erfuhr ich aus einem Bericht über die Progymnasial- und Rcalschulanstalt zu Annaberg aus dem Jahre 1855, worin ein Anstaltslehrer namens Beriet eine sehr sorg- faltige Arbeit über Adam Riese geschrieben hat. Hiernach ist Adam Riese 1492 geboren, aber sein Geburtsort ist unbekannt, jedenfalls nicht Annaberg, da dies erst 1496 ge- gründet wurde. Wahrscheinlich stammt er aus Stafselstcin in Franken. Im Jahre 1522 ließ er zu Erfurt zuerst sein kleines Rechenbuch drucken unter dem Titel:„Rechnung auf der Linien und Federn", d. h. Rechnung auf einem Rechenbrett mit Zahl- Pfennigen und Rechnungen und Ziffern. 1525 erschien die zweite Ausgabe mit dem Schlüsse:„Datuni auff sanct Annaberg, Diens- tag nach Martini. Im Jar �I.D. XXV." Damals lebte Adam Riese also bereits in Annaberg, war Bergbeamtcr, und zwar von 1528 bis 1536 Rcceßschreiber, als welcher er die geführten Rech- nungen zu prüfen, die Extrakte über das Ausbringen der Erze an- zufcrtigen und die geschlossene Ausbeute in ein Buch(Receßbuch) einzutragen hatte, darauf von 1536 ab Gcgenschreiber, in welcher Stellung er das Gegenbuch zu führen hatte, in welches die Namen der Gewerbe eingetragen wurden, die an den verschiedenen Gruben Kuxe(Anteil, Aktien) haben. Neben seinem Amte hielt Adam Riese(um 1532) eine Privatschule, in welcher er seine Rechenkunst kehrte. Riefe starb 1559, Seine Söhne Abraham und Jakob Risse waren als Rechenmeister nicht minder bekannt, namentlich stand der erstere in großem Ansehen und auch dessen Söhne Heinrich und Karl Riese erhielten den Ruf ihres Großvaters aufrecht. Beriet widerlegt in seiner interessanten Arbeit noch ein mit Adam Riese in Beziehung gebrachtes Gerücht, nämlich, daß er der Zweifler an der Auferstehung gewesen, zu dessen Belehrung die berühmte Linde auf dem Gottesacker zu Annaberg gepslanzt worden. Die Bedeutung von Adam Riese für die praktische Rechnung, besonders in Gcschäftsangclegcnhciten, wird durch eine hübsche Arbeit von Dr. M. Scman klar. Durch die Römer war das bei ihnen gebräuchliche Zahlen- system, nach welchem bestimmte Buchstaben eine bestimmte Menge von Einheiten bezeichnen, ohne ihren Wert mit ihrer Stelle zu ändern, auch zu den Völkern gekommen, die sie durch die Macht ihrer Waffen nicht nur ihrer Herrschaft unterwarfen, sondern denen sie auch ihre Sprache aufdrängten. Auch nach Teutschland kam durch die Verhältnisse, in welchen dies zu dem Frankcnreiche stand, und durch Einführung des Christentums, wenn auch nur zu- nächst in die Kirchen, die lateinische Sprache und mit dieser das römische Zahlensystem. Nach diesem Zahlensystem wird z. B. die Jahreszahl 1864 geschrieben: NDCCC CXIV, wie wir nach unserer jetzigen Methode die Additionsaufgabe: 1666 und 566 und 166 und 166 und 166 und 56 und 16 und 1 und 1 und 1 und 1 schreiben würden. Die Rechnung mit so geschriebenen Zahlen lvar eine äußerst umständliche. Nun ging von den Arabern nach ihrem Eindringen in die Pyrenäische Halbinsel ein geloaltiger Einfluß auf den Westen Europas aus. Zunächst lernte man durch sie die mathematischen und astronomischen Werke der Griechen in lateinischen Ueber- sctzungcn kennen und nebenbei fand das sogenannte arabische, eigentlich indische Zahlensystem allmählich Eingang. Zuerst— so scheint es— erhielten wir um 986 von diesem Zahlensysteme, nach welchem durch eine sinnreiche Verwendung des Stellenwertes mit wenig Ziffern alle Zahlen auf einfache Weise geschrieben und die Rechnung außerordentlich erleichtert wird, Kenntnis durch Gerbcrt, der in Spanien bei den Arabern ernste Studien gemacht hatte, später(999), als Sylvester II. den päpstlichen Stuhl bestieg. Es dauerte indessen einige Jahrhunderte, che das neue Zahlensystem neben dem alten zur Geltung kam. Im Jahre 1262 erschien eine Abacus(das Rechenbrett) betitelte Schrift des Lconardus Pisanus. Der Verfasser erzählt, daß sein Vater, ein Handelsmann, der größere Reisen durch Aegypten, Syrien, Griechenland und Sizilien usw. gemacht, dabei die ver- schiedenen Rcchnuiigsmcthodcn dieser Länder kennen gelernt und sich überzeugt hatte, daß die arabische oder indische Methode vor allen anderen den Vorzug verdiene, ihn in der Kunst des Rechen- bretts unterrichtet habe. Deshalb wolle er die Sache so deutlich als möglich vortragen. Tics geschieht in der angeführten Schrift und dabei setzt cr nicht nur klar und deutlich auseinander, wie diese Methode anzuwenden, sondern auch, wie der Nebergang von den bestehenden Verhältnissen zu der neuen Rechnungsweise zu bewirken sei. Die Veränderung machte nur langsame Fortschritte, namcnt- lich drang das arabische Zahlensystem bei den mangelhaften Schul- einrichtungen nur allmählich in das Volk. Wer Rechnungen aus- zuführen halte, bei denen eine Reduktion notwendig wurde, bei denen z. B. Pfennige in Groschen oder diese in Taler oder Gulden umzuwandeln waren, bediente sich eines Rechenbrettes mit Zahl- Pfennigen. Dies ist nach Adam Riese die sogenannte„Rechnung auf den Lihnien";„die Rechnung aus der Feder", d. h. die jetzt gewöhnliche Rcchnungsmethode mit arabischen Ziffern war nur wenigen bekannt, geschweige geläufig. Tie Rechnungen in den Rendanturen und bei dem Kastenwesen überhaupt wurden zu Adam Riese's Zeiten noch mit römischen Zahlzeichen ausgeführt. Tie älteste Urkunde, in welcher sich mit arabischen Ziffern ge- schriebcne Zahlen befinden, soll vom Jahre 1527 sein. Adam Riese's Hauptverdicnst besteht nun darin, daß cr die Rechnung aus Breit und der Feder bei uns zu einem Allgemein- gut gemacht hat. Zu der Rechnung auf der Linie gehört bei Riese ein Rechen- brett, welches in einer viereckigen, durch Linien in Fächer ein- geteilten Tafel bestand. Ein Rechenbrett für Geldrechnungen, bei denen es sich z. B. um Pfennige, Silbergroschen und Taler handeln würde, brauchte nur drei von oben nach unten laufende Reihen von Abteilungen zu haben. Diese Abteilungen hießen Bankiere und wurden durch von links nach rechts gezogene Linien in Fächer geteilt, deren um so mehr nötig waren, um je größere Summen es sich handelte. Beim Addieren stimmt Riese mit unserer jetzigen Rechnungs- weise überein. Bei dem subtrahieren wird beim sogenannten Borgen anders verfahren. Riese subtrahiert dann von 16 und addiert den Rest zu der zu kleinen Ziffer des Minuenden, er sagt aber nicht, daß dadurch die nächsthöhere Stelle des Minuenden um eine Einheit vermindert sei, sondern vermehrt die nächstfolgende Stelle des Subtrahenden um eine Einheit. Bei dem Multiplizieren werden vier verschiedene Arten durch- geführt, von denen die dritte die jetzt gewöhnliche ist. Bei 6cm Dividieren wird das jedesmal zu subtrahierende Produkt nicht hingeschrieben. « Das war also Adam Riese, der Rechenmeister des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Was mir mancher niederer und höherer Schulmeister an Geschmack an der Mathematik ge- nommen, das hat mir der alte Adam Riese, der ein heiterer Kopf gewesen sein mutz, wieder gebracht in seinem Büchlein über die Rechenkunst. Dort kommt auch ein jeder, Christ oder Heide, auf seine richtige Rechnung und wird nicht von den schauerlichen Phan- tasten der höheren Mathematik, wo sich z. B. die Parallelen im Unendlichen schneiden, mitgerissen. Darum habe ich diesen alten Kauz lieb gewonnen, und als jüngst einer meiner Buben nach Hause kam mit der Frage, was denn der Adam Riese sei, weil der Lehrer ihn wegen einer falschen Rechnung ausgelacht und gesagt habe:„das heitzt nach Adam Riese"--—(weiter kam der Bub nicht, weil er zu heulen anfing), da beschloß ich, es wenigstens einem Teil der Väter unserer Volksschülcr zu sagen, wer dieser oft genannte und doch vergessene Mann eigentlich war. Was hier- mit geschieht._ Kleines f euületon» st. Friedrich„der Große" über seine Ehe.— Während des Brautstandes mit der ihm von seinem Vater aufgezwungenen Heirat mit der Prinzessin Elisabeth-Christine von Braunschweig-Bevern schrieb der zwanzigjährige nachmalige Friedrich IL am 4. September 1731 an den bekannten General v. Grumbkow einen im 72. Band der von K. Koser herausgegebenen Veröffentlichungen aus den Staatsarchiven enthaltenen Brief, worin folgende Stellen vorkommen:„Man will mich durch Stockschläge verliebt machen; aber zum Unglück habe ich nicht die Natur der Esel,»nd ich fürchte sehr, man wud aus diese Weise bei mir nichts ausrichten.(Der König hatte dem Kronprinzen Vorwürfe gemacht, weil er nicht oft genug an seine Braut schrieb.) Man sollte sich doch nur ein wenig daran erinnern, datz man mir diese Ehe nolens volsns proponiert hat und datz ihr Preis meine Freiheit gewesen istl Aber ich glaube, datz das dicke Frauen- zimmer, die würdige Frau Herzogin, mir diesen Possen spielt.... Ich wünsche von Grund meiner Seele, datz sie der Teufel frikassiereit möge I Ich will nicht hoffen, datz der König sich in meine Angelegenheit mischen wird, wenn ich verheiratet sein werde. Die Heirat macht majorenn, und sobald ich es bin, bin ich der unumschränkte Herr in metnem Hause und nieine Frau hat nichts zu befehle»; denn nie und nirgend auf der Welt darf eine Frau das Regiment führen. Ein Mann, der sich durch Weiber regieren lätzt, ist für mich der größte Kujon. Ich ver- heirate mich als galanter Mann, das heitzt, ich lasse die Madame handeln, wie eS ihr gut dünkt, und ich für mein Teil tue auch was mir gefällt, und es lebe die Freiheit I... Sie werden mir zugeben, datz Gewalt und Liebe zwei grundverschiedene Dinge sind und datz die Liebe sich niemals erzwingen lätzt. Ich liebe das Geschlecht, aber meine Liebe ist sehr unbeständig: ich will sie nur zun: Genuß, und dann verachte ich sie. Urteilen Sie nun, ob ich von dem Holze bin, aus welchem man gute Ehemänner schnitzt! Ich werde rasend bei dem Gedanken, einer werden zu müssen, aber ich mache aus der Not eine Tugend. Ich werde nicin Wort halten, ich werde mich verheiraten; aber hernach ist die Geschichte auch fertig, und Guten Tag, Madame, und guten Wcg I" Theater. Schiller- Theater 0.„Die Verschwörung des F i e S k o zu Genua." Ein republikanisches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Friedrich Schiller. Das Schiller- Theater feierte den Geburtstag des grotzen Mannes, nach dem eS sich be- nennt, durch eine Aufführung deS„Fiesko". Es lvar ein Akt der Pietät, dies Jugendstück, das auS den, Kreise aller Schiller-Dramen am seltensten gespielte, im Bühnenbilde von neuem zu vergegen- wältigen. Pietätvoll, mit rauschendem Beifall, der dem Gedächtnisse des Dichters galt, folgte die das HauS bis ans den letzten Platz erfüllende Zuschanennenge. Schließlich aber bestätigte das Experiment doch wieder nur, datz die Bedingungen einer unmittelbar lebendigen Theatcrwirkung in diesem Werke nicht gegeben sind, datz auch eine von allen hier mit unter- laufenden Unvollkonmienhcitcn des Spiels geläuterte Darstellung den fehlenden Kontakt nicht würdig herstellen können. Dem Freiheitspathos des„republikanischen Trauerspiels" fehlt die feurige Empfindung, die in den beiden anderen revolutionären Jugend- dramen, in den„Räubern" und in„Kabale und Liebe" loht, es fehlt die Wucht ergreifender sich steigernder Kontraste, die rythmische Bewegung in dem Fortgang. Was Schiller in dem Vorwort zum„FicSko" als sein Ziel bezeichnet,„die kalte un- fruchtbare Staatsaltion aus dem menschlichen Herzen hinaus- zuspinnen und eben dadurch an das menschliche Herz wieder an- zuknüpfen... von der erfinderischen Intrige Situationen für die Menschheit zu entlehnen"— ist nicht erreicht. Die Intrige zer> splittert sich in ein Gewirr von Kreuz- und Oucrzügen und über- wuchert mit ermüdendem Detail den inneren Konflikt, dessen bcdcut- same Ansgestaltung der äußeren Handlung allein Gehalt und Einheit hätte leihen können. Viel zu lange gibt sich dieser FicSko als Genutz- mensch, als ein von rein persönlichem Machtstreben geleiteter Verschlvorer als datz man dann dem plötzlichen Erwachen seines republikanischer Gewissens Glauben beizumessen, den Zwiespalt zwischen politischem Ehrgeiz und polittsche», Idealismus für mehr denn ein aufgebauschtes Spiel mit Worten zu halten vennöwte. Es ist ein rasch und ein- druckslos in dem Geräusch der Haupl- und Staatsaktion vorüber- huschendes Moment. Und das Genuesische Republikanertuni selbst, durch die anderen Verschworenen. Verrina an der Spitze, repräsentiert, erweckt nicht größere Anteilnahme, als der Scheinkonflikt in des Helden Brust. Der Glanz, den dieses Stichwort Republik in des jungen Schiller von der römisch- griechischen Ueber- liefcrung, den Erzählungen Plutarchs bewegter Phantasie umschwebte. ist verblaßt; eS deckt so viele grundverschiedene Zustände, daß es so ohne weitere Bestimmtheit als Losung ausgesprochen, wie hier im Stücke, feine klare Vorstellung und keinen Nachhall des Gefühls er- zeugt. Nur weil der Dichter den Genueser Aristokraten Verrina über die Art des Regiments, die er als„Republik" erstrebt, be- Harriich schweigen läßt, konnte er ihn zum Vertreter eines höheren politischen Prinzips erheben. Und dies Abstrakte schmälert selbst- verständlich den Eindruck dieser im übrigen markantesten Gestalt. Den Frauen fällt im Stück die unglücklichste Rolle zu. Sie alle sind bar jcde-s eigenen Naturlautes, nur Mundstücke einer überhitzten strudelnden Rhetorik. Die hochmütige Jmperiali, mit der FieSko spielt, um durch die Maske des sorglosen Don Juan den Argwohn, datz er geheime Anschläge vor- bereite, von sich abzuwenden. Eleonore, seine sanfte edelmütige Gemahlin, die im letzten Akt plötzlich auf die Straße ins Getümmel der Kämpsenden eilt, sich in den Mantel des getödteten Daria hüllt. um dann in der Verkleidung von ihrem eigenen Manne nieder- gestochen zu werden,— endlich Verrinas von Doria entehrte Tochter, die der Vater, bis sie gerächt sein wird, ins unterste Gewölbe des Hauses verbannt, wo sie„winseln, heulen, die Zeit mit ihrem Grame lähmen," Qualen wie daS„gichterifche Wälzen deS sterbenden Wurmes" erdulden soll. Herr Richard Wirth lvar ein Fiesko von gutem Durch- schnitlsschlag, der mit beschränkten äußeren Mitteln klug zu schalten wußte. Die Rollen der Verrina, Bourgognino, Andreas Doria fanden in den Herren Pategg, Päschke und Treu tüchtige Vertreter. Andere Vertreter ließen manches zu wünschen übrig. I» der ganzen Vorstellung sprach sich redliches Bemühen auS. dt. Märchen spiele. Zn den Vorboten der Weihnachtszeit ge- hören in Berlin auch Theaterauffllhrungen für Kinder, meist mit Beziehung auf daS Fest und mit so viel Musik, wie man sich dabei eben leisten will. Diesmal hörten wir am vergangenen Sonnabend imLortzing-Theater das Märchenspiel mit Gesang und Tanz in 4 Bildern und einem Versspiel(Der Weihnachtsengel), betitelt:„Rot- k ä p p ch e n". Autzerdem wird imZentral-Theater seit einiger Zeit gleichfalls ein Märchen für Kinder gespielt:„Prinzetz chen Neugier". Bei diesem ist der Text von C. Pohl, anscheinend ohne eine Vorlage; bei jenem nach der bekannten Grimmischen Vor- läge von O. Will. Die Musik stammt beim„Prinzetzchen" von S. Moritz, beim„Rotkäppchen" von C. Piepe. Dort ivohl die reichhaltigere Komposition, wenigstens nach der thematischen Seite; hier ein bemerkenswertes Bemühen, durch Klangfarben zu wirken. Im übrigen ist ein Eingehen auf Einzelheiten weniger Ivichtig als noch ein paar Worte über die allgemeine Seite der Sache. Aus den vielen Erörterungen meist unseliger Art über die ebenfalls meist unselige Kunst im Lebe» des Kindes haben wir kurz folgendes Er- gebnis gewonnen. ES ist schwerlich viel dagegen, wohl aber viel dafür zusagen, datz man den Kindern künstlerische Eindrücke bietet, und zwar gerade auch solche vom Theater. Nur lätzt man die Sache besser ganz bleiben, als datz man sie falsch anfaßt. Auf falschen Wegen befindet man sich, wenn von den Anforderungen an künst- leriiche Qualität auch nur daS geringste nachgelassen wird, oder aber die Kinder über ihre Höhe des Verständnisses hinauSgerissen werden. Beide Mißgriffe ergeben sich auch dadurch, daß den Kindern statt möglichst einfacher, elementarer, charakteristisch scharf ge- zeichneter Züge ein zn reichliches Vielerlei dargeboten wird. Die beiden hier zu kennzeichnenden Aufführungen und in der Regel auch andere dieser Art enthalten gewiß einen grotzen Auf- wand von lobenswerten Bemühungen. Allein sie bemühen sich meistens wieder um zn vielerlei. WaS nur gerade erreichbar ist, wird beispielsweise in den Rahmen der Erzählung vom Rotkäppchen hineingepfropft. Und schließlich weiß man nicht:. soll der Kunst oder Erholung oder Unterhaltung oder was sonst oder alles zusammen sein? Sodann fehlt es doch etwas sehr an der künstlerischen Qualität. Die Darstellenden sind großenteils Anfänger oder Amateure oder dergleichen; sie spielen, was die Gebärdensprache betrifft, mit Eifer, allerdings auch mit dem in solchen Fällen naheliegenden Uebercifer, sprechen aber allcrmeistens so nngefchult, datz selbst daS Hören erschwert wird.(Im L or tzin g« Theater machte davon besonders Grete Neumann eine Ausnahme, und Franziska G r e b e spielte nicht übel.) Endlich das Publikum: die Kinder im ganzen mit mehr Kunstanstand lauschend, als ihre erwachsenen Begleiter I sz- Medizinisches. D i c Beribcrikrankheit in Jap an. Während des russisch-japanischen Krieges lieferte die Beriberikraulheit den größten Prozentsatz unter den im japanischen Heer vorkouimen- den Krankheiten. Sowohl dieses Mal als zur Zeit des chinesisch- japanischen Krieges litten etwa ein Viertel der im Hospital auf- genommenen kranken Soldaten an Beriberi. Der japanische Ober- stabsarzt SSimose gibt an, daß im letzteren Kriege die Sterb- lichkcit an Beriberi ISmal größer war als die an Verletzungen; wie sich das Verhältnis im rujsisch-japanischen Kriege gestaltete. ist noch nicht festgestellt. Nicht nur im Kriege, sondern auch nn Frieden ist Beriberi diejenige Krankheit, die in Japan die meisten Opfer fordert, und es ist daher sehr natürlich, daß die japanischen Acrzte gerade dieser Seuche ihre besondere Aufmerksamkeit zu- wenden. In dem Archiv für Schiffs- und Tropenhygiene ,st jetzt eine zusammenfassende Darstellung der von Professor Minro rn Tokio im russisch-japanischen Krieg gesammelten Erfahrungen über Beriberi veröffentlicht worden. In erster Reihe geht daraus her- bor, daß der wahre Erreger dieser Krankheit noch nicht gefunden ist. Da man den Verdacht hegte, daß die Nahrung bei den Er- krankungcn an Beriberi eine Rolle spielte, hat man es an ein- schlägigcn Ernährungsversuchen nicht fehlen lassen, es stellte sich aber heraus, daß die Ab- und Zunahme der Bcriberierkrankungen im wesentlichen von der Jahreszeit und von der allgemeinen Körpervcrfassung der Soldaten abhängig war. Mit jeder An- strengung bei geschwächtem Körper nahm die Zahl der Beriberi- kranken zu. Der Rasenunterschied spielt in bezug aus die Dls- position zu Beriberi eine große Rolle, denn unter den zahlreichen russischen Gefangenen wurde kein einziger Beriberisall beobachtet. Durch längeren Transport verschlimmert sich d,e Krankheit. ,m Gc- birge aber tritt in den meisten Fällen ein- schnelle Beperung ein. Ethiiogtiiphisches. Zwei Jahre unter den Kannibalen Neu- Guineas. Unter diesem Titel veröffentlich der cnglische Natur- forscher A. Pratt ein interessantes Buch, in dem er über seine Forschungsreisen in den noch kaum bekannten Gegenden Neu- Guineas berichtet. Er hat in diesem Neuland der Naturforschung zwei Jahre hindurch den Vögeln, Schmetterlingen und anderem ähnlichen Getier nachgeforscht und ist in dieser friedlichen Be- schäftigung in enge Berührung mit den Menschenfressern gekommen, die hier noch fern von aller Kultur ihr Leben führen. Schöne Sammlungen hat er zusammengebracht. Aber am meisten inter- essieren uns doch die Erfahrungen, die er mit den Einwohnern machte, und die interessanten Schilderungen, die er allenthalben von diesen Wilden entwirft. Sein einziger weißer Gefährte während der Reise war sein sechszehn Jahre alter Sohn, zugleich seine Hauptstütze in allen Geschäften des Fangens und Sammclns, wozu sich die Eingeborenen nur wenig eigneten. Immerhin kamen die Wilden dem Forscher freundlich entgegen, wenngleich sie ihm freilich oft jede Hülfe verweigerten, deren er für den Transport seiner ausgedehnten Sammlungen so notwendig bedurfte. Dazu kamen die Anstrengungen und Mühen, die das Wandern durch die bergige Landschaft mit ihrem üppigen Pflanzcnwuchs be- reitete, die mannigfaltigen unangenehmen Ileberraschungen beim Lagern in der tropischen Waldesnacht, in der sich ein tausend- fältigcs Leben bisweilen recht unangenehm regte und der nicht selten eintretende Mangel an gesunder und kräftiger Nahrung. Ein wahres Glück war es für Pratt, daß der mächtigste Mann jener wilden Gegenden, der Häuptling der Epa, Mavai, die Sonne seiner Huld über ihn leuchten ließ und ihn mit allen Mitteln unterstützte. Dieser Mann, der als der mächtigste Zauberer und Herr der Erde bei seinen Untertanen das höchste Ansehen genießt, „überschattete mich mit seiner Gunst," so schreibt der Forscher. „und befahl in allen feinen Dörfern an,„für Parti zu arbeiten"; so versuchten nämlich die Epaleute meinen Namen auszusprechen. Allein dadurch wurden mir bereitwilligst die Kräfte zur Vcr- fügung gestellt, deren ich zu meinem Marsch in das Innere be- durfte, und so bewerkstelligte ich denn meine Reise, ich möchte fast sagen, auf den Schultern der Epamänncr,-Frauen und-Kinder. Der Häuptling selbst nahm eine Kiste auf seine Schulter, ohne sich damit etwas von seiner Würde zu vergeben und ließ sich nachher eben so majestätisch meine Geschenke gefallen." Tie Stämme, die Pratt besuchte, weisen ganz verschieden- artige Rasscnmcrkmale auf und auch ihre Sprache ist außerordent- lich verschieden, so daß Dörfer, die ganz nahe beieinander liegen, eine völlig von einander abweichende Mundart aufweisen. Pratt mußte den Plan, auch in Holländisch-Neu-Guinca seinen Forschungen nachzugehen, aufgeben, weil die Tugeri, ein grau- samcr Stamm von Kopfjägern, ihn feindlich empfingen. Diese furchtbaren und blutgierigen Wilden, die das Kopfabschncidcn mit größter Geschicklichkeit und Sorgfalt betreiben, bedienen sich dazu eines BambuSmcsscrs, das einfach aus einem von dem Stamm ab- gelegten Stück Rohr besteht und„eine natürliche Schneide so scharf wie der feinste Stahl liefert". War es unter diesen Umständen dem Naturforscher nicht geheuer, nach einem ersten Rekontcr noch weiter Beziehungen mit den Tugeri anzuknüpfen, so bekennt er doch, auch bei ihnen trotz ihrer Wildheit primitive Ansätze von Höflichkeit gesunden zu haben,„da es bei ihnen Sitte ist, den Fremden ihre eigenen Frauen zur Verfügung zu stellen". Einer der interessantesten Stämme ist das Volk von Hanuabada, ein gc- fälliger und nicht unschöner Stamm, dessen Frauen sich durch wundervolle Töpferarbeiten auszeichnen. Sie leben in Glashütten mit Strohdächern, die auf einem Unterbau von Pfählen 16 bis 26 Fuß hoch in der Luft oder auch über dem Wasser errichtet werden. Die Männer sind vorzügliche Seeleute und treiben mit den von ihren Frauen gefertigten Töpferwaren einen ausgedehnten und gefährlichen Handel. Mit ihren langen schmalen KanoeZ fahren sie in einer kleinen Flottille über das Meer, um die zer- brechlichen Kostbarkeiten, die sie in ihren Kähnen mit sich führen, an fremde Stämme zu verhandeln. Bevor sie abfahren, finden große Festlichkeiten statt.„Die Frauen des Dorfes legen ihre weiten Grasröcke an, umwinden sich gegenseitig über und über mit Girlanden und drehen sich in wilden wirbelnden Tänzen. Dazu singen sie die leidenschaftlichen mißtönenden Lieder, die sich so zahl- reich bei den Wilden der Neu-Guineischen Küste vorfinden, und stärken sich in dem atemlosen Taumel ihres Reigens mit Speise und berauschendem Trank. So lange die Händler unterlvcgs sind, herrscht in Hanuabada Trauer und Stille. Die Frauen verrichten traurig ihr Dasein und schließen sich des Nachts in den einsamen Hütten ein, bis endlich ein Freudentag die Rückkehr der Männer verkündet und ein neues Fest anhebt." Besonders ist dem Forscher die große musikalische Begabung bei vielen dieser Wilden auf- gefallen, die zum großen Teil klangreiche und klare Stimmen be- sitzen und ein sehr feines Gehör haben. Es ist bei ihnen ein merk- würdiges System mannigfacher Rufe und Schreie ausgebildet, durch die sie sich mit ihren weithin schallenden Stimmen allerlei Nach- richten übermitteln,„eine Art drahtlose Telegraphie der Wildnis". Ein solch bedeutungsvoller Klang, der etwas ganz Bestimmtes be- sagen will und gegen andere genau abgestimmt ist, gellt hell durch die reine Lust und hallt von Dorf zu Dorf, von Fels zu Fels, weiter. Als eine besondere Merkwürdigkeit hat sich Pratt ein von Spinnen gewebtes Fischnetz gemerkt, das die Eingeborenen von Walch gebrauchen.„Etwa haselnußgroße Spinnen mit behaarten schwarzbraunen Beinen weben in den Wäldern dieses Gebietes große starke Gewebe, die ziemlich dauerhaft sind und eine große Widerstandskraft besitzen. Die Eingeborenen machen sich den Fleiß dieser Tier zunutze und stützen die Gewebe mit langen Bambus- stöcken; dann nehmen sie sie herab und gebrauchen sie nun als Netze beim Fischen, ohne daß das Wasser oder die Fische sie irgend- wie verletzen könnten." Humoristisches. — Dem Verdien st e seine Krone. Der König von Norwegen überreicht dem Hauptmann von Köpenick den Friedens- preis der Nobelstiflung. weil e-Z ihm in unübertrefflicher Weise ge- lungen ist, den MilitariSnms lächerlich zu machen. — Die Dankadresse.„--- Sie, hochverehrter Herr Bürgermeister, haben es fertig gebracht, daß der Name Köpenick weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden ist, Ihnen ist e» gelungen, die Blicke der ganzen Welt auf uns zu lenken. Sie haben von neuem das schöne Dichterwort wahr gemacht: In der Beschränktheit zeigt sich erst der Bürgermeister!" — Das Verhör.„Js denn euch verdammten Schafsköppcn gar nischt aufgefallen an dem falschen Haupwiann?"—„Zu Befehl, Herr Major, es ist uns aufgefallen, daß er so anständig lvar. Er hat nicht eininal geschimpft." — Die Tochter des Bürgermeisters.„Ich bin nur froh, daß der Hauptmann nicht um meine Hand angehalten hat." (Köpenick-Nummer des„Simplizissinrus".) Notizen. — Im Neuen Schauspielhause am� Nolleudorfplatz findet am 16. November die Er st a u f f ü h r u n g von Matz Drehers „Hochzeitsfackel" statt. — Am 22. November beginnt Frau Cäcilie S ch in i d k u n z eine Reihe rezitatorischer Vortragsabende im Kunstsalon Paul Cassirer mit Volks- und Kuustballaden heimischen und fremden llr- sprunges. Dr. May Runge wird den Abend mit einem Vortrag über die Ballade einleiten. — Georg v. Ompte das Gesellschaftsstück„Gräfin Sophie" erwies sich im Hamburger Thalia-Theater als bühnenunwirksam. —„Strandrecht", eine drciaktige Oper von Frau Smyth, wurde im Leipziger Stadttheater freundlich auf- grnoimnen. — Ein neuer Roman von Upton Sinclair wird binnen kurzem unter dem Titel„Der Jndustricbaron" gleichzeitig englisch, deutsch und in 12 weiteren Sprachen erscheinen. Der Roman schildert die amerikanische Plutokratie, zeigt, wie sie Geld macht und wozu sie Geld verivendet. Es ist ein Anklagebuch wie„Der Sumpf". — Für Adolf Menzels Ehodowiecki- Bild bot die Berliner Nationalgalcrie 75 000 M. Der Verein Berliner Künstler, dein das Bild gehört, hat aber noch nicht den Zuschlag erteilt. — Die äußeren Höfe und Räume der Wartburg in Eiscuach werden auf großherzogliche Anordnung hin wieder unentgeltlich für den Besuch geöffnet. Der Schacher ist also für diesmal noch ver- hindert. — In Paris fand ohne weiteren Erfolg ein inter» nationaler Kongreß zur Schaffung von Arbeitergärten statt. Verantivortl. Redaltcnr: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagZanftalt Paul Singer LcCo., Berlin 2W,