Nnterhaltungsblatt des Horwarts Nr. 224. Sonnabend, den 17. November. 19VL (Nachdruck verboten.) 831 Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. So kam er schließlich zu den Schlachthöfen, zu den schwarzen Nauchvulkanen, zu dem brüllenden Vieh und dem Gestank. Und als er einen überfüllten Stratzenwagen sah, konnte er nicht widerstehen, sondern stieg auf und verbarg sich, unbemerkt von dein Kondukteur, hinter einem anderen Mann. In zehn Minuten hatte er seine Straße erreicht und sein Haus. Er kam im Laufschritt um die Ecke herum. Da war endlich das Haus,— doch plötzlich blieb er stehen und starrte es an. Was war nur mit dem Hause? Jurgis blickte zweimal genau hin; dann sah er ganz verwirrt die danebenliegenden Häuser an, und das Schank- lokal an der Ecke. Ja, es war ganz recht,— er irrte sich nicht, ganz gewiß nicht. Aber das Haus— das Haus hatte eine andere Farbe! Er ging ein paar Schritte näher heran. Ja: es war grau gewesen, und jetzt war es gelb! Die Fensterrahmen waren rot gewesen, und jetzt waren sie grün! Es war alles frisch gestrichen! Wie sonderbar das aussah! Jurgis ging noch näher heran, hielt sich jedoch an der anderen Seite der Straße. Plötzlich übermannte ihn eine furchtbare Angst. Seine Knie schlotterten, und in seinem Kopf schwirrte es. Neue Farbe am ganzen Hause und neue Wetterdächer, wo die alten schadhaft geworden waren, und der Agent war böse gewesen! Neue Schindeln auf dem Loch im Dach sogar— auf dem Loch, das ihm sechs Monate lang das Leben zur Last gemacht hatte,— weil er kein Geld hatte, um es machen zu lassen, und keine Zeit, um es selber zu machen, und weil das Regenwasser durchtropfte und die Schüsseln und Töpfe überliefen, die er hingestellt hatte, um es aufzufangen, so daß der ganze Boden durchnäßt wurde und der Mörtel sich aufzulösen begann. Und nun war es heil- gemacht! Und die zerbrochene Scheibe war ersetzt! Und Gardinen hingen an den Fenstern— neue weiße, steife und blanke Gardinen! Da öffnete sich plötzlich die Haustür. Jurgis stand wie angewurzelt, seine Brust wogte,— so heftig rang er nach Atem. Ein Knabe war herausgekommen, ein fremder Knabe, — ein großer, dicker, rosiger Bengel, desgleichen man in seinem Hause nie gesehen hatte! Jurgis starrte den Jungen wie gebannt an. Er kam pfeifend die Treppe herunter und schob mit den Füßen den Schnee fort. Unten blieb er stehen, nahm eine Handvoll vom Boden auf und lehnte sich an das Geländer, während er einen Schneeball machte. Gleich darauf blickte er auf und sah Jurgis, und ihre Blicke begegneten sich, es war ein feind- seliger Blick, denn der Knabe schien zu denken, daß Jurgis einen Verdacht in bezug auf den Schneeball habe. Als Jurgis sich langsam anschickte, über die Straße hinüber auf ihn zu zugehen, blickte er sich rasch um, als ob er auf Flucht sänne, blieb dann aber doch stehen. Jurgis hielt sich an dem Geländer fest, denn er fühlte sich nicht ganz sicher auf den Beinen.„Was— was machst Du hier?" stieß er mühsam hervor. „Ach was!" sagte der Junge. „Du—" Jurgis begann nochmals:„Was machst Du hier?" „Ich?" entgegnete der Knabe zornig.„Ich wohne hier." „Du wohnst hier?" keuchte Jurgis erblassend. Er war kreideweiß und klamnierte sich nur noch fester ans Geländer. „Du wohnst hier? Wo ist denn meine Familie?" Der Knabe machte ein verwundertes Gesicht.„Ihre Familie?" fragte er. Jurgis kam auf ihn zu.„Ich— dies ist mein Haus!" rief er laut und erregt. „Nanu!" sagte der Knabe. Dann öffnete sich plötzlich die Haustür, und er rief:„He, Mal Hier ist ein Kerl, der sagt, daß dies Haus ihm gehört." Eine dicke Jrländerin erschien auf den Stufen.„Was gibt s?" fragte sie. Jurgis wandte sich zu ihr.„Wo ist meine Familie?" rief er verzweiflungsvoll aus.„Ich habe sie hier verlassen. Dies ist mein Haus! Was machen Sie hier in meinem Hause?" Dir Frau starrte ihn erstaunt und angstvoll an, sie muß gedacht haben, daß sie es mit einem Tollhäusler zu tun hätte, denn Jurgis sah wie ein Wahnsinniger aus.„Ihr Haus!" wiederholte sie. „Mein Haus!" kreischte Jurgis.„Ich wohnte hier, sag ich Ihnen!" Die Frau starrte ihn erstaunt und angswoll an, sie muß noch niemand gewohnt, das ist ein neues Haus. Man sagte es uns, man—" „Was haben Sie mit meiner Familie gemacht?" schrie Jurgis außer sich. Der Frau schien ein Licht aufzugehen, vielleicht hatte sie ihren eigenen Verdacht über das,>vas„man" ihr gesagt hatte. „Ich weiß nicht, wo Ihre Familie ist," sagte sie.„Ich habe dies Haus vor drei Tagen gekauft, und es war niemand hier, und man sagte mir, es wäre ganz neu. Wollen Sie wirklich im Ernst behaupten, daß Sie es jemals gemietet hatten?" „Gemietet!" keuchte Jurgis.„Gekauft habe ich es» Bezahlt habe icg es! Es gehört mir! Und Sie— mein Gott! Können Sie mir nicht sagen, wo die Meinen ge* blieben sind?" Es gelang ihr endlich, ihm begreiflich zu machen, daß sie von nichts wußte. Jurgis war so wirr im Kopf, daß er nicht imstande war, die Sachlage zu fassen. Es war, als ob seine Familie aus dem Leben fortgerissen wäre— als ob sie sich als Traum-Menschen enthüllt hätten, die nie existiert hatten. Er war halb betäubt,— doch plötzlich erinnerte er sich an Großmutter Majauskiene, die im nächsten Block wohnte. Die mußte es wissen! Er drehte sich um und rannte davon. Großmutter Majauskiene kam selbst an die Tür. Sie schrie auf, als sie den bebenden, wirr aussehenden Jurgis gewahrte. Ja, ja, sie konnte es ihm sagen. Die Familie war umgezogen, sie waren nicht imstande gewesen, die Zinsen zu bezahlen, und da hatte man sie in den Schnee hinausgejagt, und das Haus war frisch angestrichen und schon nach acht Tagen wieder verkauft worden. Nein, sie hatte nicht gehört, wie es ihnen ging, aber sie konnte ihm sagen, daß sie wieder zu Anicle Jukniene gezogen waren, bei der sie gewohnt hatten, als sie zuerst herkamen. Wollte Jurgis nicht herein- kommen und sich ausruhen? ES war wirklich zu arg,— ja, wenn er nur nicht ins Gefängnis gemußt hätte.— Und so wandte Jurgis sich ab und taumelte davon. Er kam nicht weit— gleich hinter der Ecke verließen ihn die Kräfte ganz und gar, er setzte sich auf die Stufen eines Schanklokals, verbarg das Gesicht in den Händen und zuckte am ganzen Körper vor unterdrücktem, träncnloscm Schluchzen. Ihr Heim! Ihr Heim! Sie hatten es verloren! Schmerz, Verzweiflung und Wut überniannteu ihn,— waS bedeuten selbst die qualvollsten Vorstellungen über alles mögliche gegen diese herzzerreißende, zerschmetternde Wirk- lichkeit— gegen den Anblick von fremden Menschen, die sein Hans bewohnten, ihre Gardinen an seine Fenster hängen und ihn mit feindseligen Augen anstarrten! Es war un- geheuerlich— es war undenkbar— sie durften es nicht tun— es konnte nicht wahr sein! Man denke nur,— was hatte er in dem Hause durchgemacht,— was für Qualen hatten sie alle um dieses Heims wegen gelitten,— welchen Preis dafür gezahlt! Er machte die ganze lange Qual noch einmal durch. Die Opfer, die sie zu Anfang gebracht hatten, die dreihundert Dollar, die sie zusammengescharrt hatten, alles, was sie auf der Welt besaßen, alles, was zwischen ihnen und dem Hunger- tode stand! Und dann die Plackerei, von Monat zu Monat, um die zwölf Dollar zusammenzubringen, und die Zinsen, und von Zeit zu Zeit die Steuer, und alle anderen Kosten. und die Reparaturen, und wer weiß was alles! Hatten sie denn nicht alle Scelenkräfte an die Bezahlung des Hauses gesetzt? Sie hatten mit ihrem Schlveiß und Blut dafür ge- zahlt,— ja, mehr noch, mit ihrem Herzblut! Dede Antanas war über den Kampf, das Geld zu verdienen, gestorben,— N Ware heute noch kräftig und lebendig gewesen, wenn er nicht in den Durhamschen dunklen Kellern hätte arbeiten müssen, um seinen Anteil zu verdienen. Und Ona hatte auch Gesundheit und Kraft hergegeben, um es zu bezahlen,— sie war gebrochen und zugrunde gerichtet, alles um des Hauses Millen, und auch er selbst war vor drei Jahren ein großer, starker Mann gewesen und saß hier jetzt zitternd, zerschmettert, gebeugt und weinend, wie ein hysterisches Kind. O, sie hatten ihr alles verloren in diesem Kampf,— sie hatten ihr alles darangesetzt, und sie waren unterlegen, sie waren unterlegen! Alles, was sie bezahlt hatten, war dahin, jeder Cent Geldes. Und ihr Haus war weg,— jetzt waren sie wieder da an- gekommen, wo sie angefangen hatten, waren hinaus- geschleudert in den kalten Winter, um zu erfrieren und zu verhungern! Jurgis erkannte jetzt die ganze nackte Wahrheit,— er sah sich selbst durch die ganze lange Folge von Geschehnissen hindurch als ein Opfer blutdiirstiger Geier, die ihin die Ein- gewcide herausgerissen und ihn verschlangen, als Opfer von Teufeln, die ihn gequält und gefoltert hatten und ihn dabei voller Hohn verlachten und verspotteten. O mein Gott, wie grauenhaft das alles war, wie ungeheuerlich, wie scheußlich und teuflisch schlecht es war! Er und die Seinen, hiilflose Frauen und Kinder, die sich abmühten, um nur zu leben, un- wissend, Hülflos und verlassen, wie sie waren,— und die Feinde, die ihnen auflauerten, die hinter ihnen herschlichen und nach ihrem Blut lechzten! Jenes erste lügenhafte Zirkular, jener glattzüngige, geschmeidige Agent! Und all die Fallstricke: die Extrazahlungen, die Zinsen und alle die anderen Abgaben, die sie nicht zu bezahlen vermochten und auch nie zu zahlen versucht haben würden! Und dann alle die Kniffe ihrer Herrn und Meister, der Packherren, dieser Tyrannen, die sie beherrschten,— das Schließen der Ab- teilungcn, der Mangel an Arbeit, die unregelmäßigen Arbeits- Zeiten und grausamen Ueberstunden, das Vermindern der Löhne, das Steigen der Preise! Die Unbarmherzigkeit der sie umgebenden Natur, der Hitze und Kälte, des Regens und Schnees, die Unbarmherzigkeit der Stadt und des Landes, worin sie lebten, der Gesetze und Gebräuche, die sie nicht zu verstehen vermochten! Alles dies hatte zusammengewirkt und und der Gesellschaft in die Hände gearbeitet, dieser Gesell- schaft, die sie als Opfer ausersehen hatte und nur eine günstige Gelegenheit abwartete. Und jetzt war mit dieser letzten scheußlichsten Ungerechtigkeit der Moment gekommen, man hatte sie hinausgejagt mit Kind und Kegel, und hatte ihnen das Haus genommen und es wieder verkauft! und sie konnten nichts tun, Hände und Füße waren ihnen gebunden, — das Gesetz war gegen sie, die ganze Maschinerie der Gesell- schaft stand ihren Unterdriickern zur Verfügung! Wenn Jurgis auch nur die Hand gegen sie erhoben hätte, wäre er ohne Gnade wieder in jenen Stall für wilde Tiere zurück- gekehrt, aus dem er soeben entflohen war! sFortsetzung folgt.) 8d)dTe!-Knefe von S. K r e o Iv s k i. II. WaS nun schcffel selbst anging, so beschäftigte er sich sehr ernst mit eigenen Zukunftssorgen. Es war das letzte Semester. Am 18. März 1847 erfolgte seme Exmatrikulation. Wenig später nahm der junge Kandidat von Heidelberg Abschied, um sich im Karlsruher Elternhause auf sein Exainen vorzubereiten, oder wie er sieben Monate nachher schreibt, die„juristischen Begriffe wie Heringe in das Fast seines Kopfes hinein zu marinieren". Aber so ganz nnd gar vermochte er doch nicht in der Juristerei zu versimpeln. Dafür sorgte schon sei» schönheitsdnrstigcr Wandertrieb und— noch etwas. In ihm war der Poet aufgegangen:„ein Schock Bummelliedcr", die um jene Zeit als„Lieder eines fahrenden Schülers" ohne Autor- namen in den fliegenden Blättern erschienen, gab davon Kunde. Doch wenn er beim Abschied von der Universität beschlossen hatte,„der Welt vollständig ihren Lauf lasten" zu wollen— jetzt traten die politischen Zeitereignisse dazwischen. Das Jahr 1848 hatte bcgomien. Sie bewirkten auch bei Scheffel„eine so gewaltige Spannung und Aufregung, daß der Sinn für alles andere aufhörte". Es war ihm fortan(Brief an Schwanitz vom 26. Februar)„un- möglich, Nechtswissenschaft ochsen" zu können.„Es ist zwar noch mehr ein dunkles Gefühl, als klares Bewußtsein, daß es auch bei uns losgehen werde und müsse— aber der allgemeine Instinkt in diesen Punkten hat gewöhnlich eine sehr wahre Grundlage. Eni- weder bleibt's in Frankreich, nach der Abdankung Louis Philipps ruhig,— nun, dann wird die Tatsache, daß einmal wieder das Volk dem— nach der roten Adler- theorie„von Gott eingesetzten" Königtume seine wahre BasiS, den VolkSwillen gezeigt und auf Verlangen mit Waffen aller Art schriftlich nachgewiesen hat,— ihren Nachhall in Deutsch- land nicht verfehlen und ein starkes AuSrufungszeichen zum Wechsel des bisherigen Systems sein. Oder die Franzosen verordnen sich als Aderlaß auf den Pariser Schrecken hin einen Krieg mit Deutsch- land, dann wird die Sache jedenfalls gut. Dann tritt an die Stelle von unseren, schauderhaft papiernen Leben, Akten und Zeitungs- schmierereien die frische Tat;— und was zu tun ist, weiß man nur zu gut"... Scheffel träumt schon von einen,„heiligen Kriege", vom„Liegen auf der Feldwacht" oder vom„ftischen Reitergefecht". Dann gibts natürlich auch„kein Examen mehr". In der badischen Abgeordnetenkammer wurde es nun sehr lebendig:„die Galerien des Ständesaales sind gewöhnlich so besetzt, daß man Mühe hat, Platz zu finden.... Auf der äußersten Linken, eigentlich als selbständige Partei, steht ganz allein der Abgeordnete Heckcr. Er ist der Löwe der Opposition, aber zugleich schon über die sonstige Opposition hinausgeschritten. Er will alle die Fragen, die das Programm unserer politischen nnd sozialen Zukunft bilden, ohne Rückhalt, ohne Scheu vor Hindernisien in, gegenwärtigen Staats leben realisiert wissen;— geht's nicht, so soll's brechen.... Er ist von der Umgestaltung der politischen, so auch von der der sozialen Zustände lebendig durchdrungen; darum ist er von der ganzen Kammer allein der Mann des„viexten Standes";— so hat er gegen die Staatsunterstützung der drei Fabriken gestimmt, weil's ihn, recht ist, wenn die Fabriken zugrunde gehen und durch Arbeiterassoziationen daS kleine Gewerbe wieder zu Bedeutung und Selbständigkeit kommt gegenüber dem großen Kapital und seiner Macht.— Hecker ist durch und durch Republikaner und sieht im konstitutionellen Staat nur den Ucbergang zur reinen De- mokratie.".., Inzwischen, während Scheffel dies schrieb, hatten sich in Paris die Straßenkämpfe vom 23. bis 24. Februar ereignet. Schon am 27. Februar abends berichtet er an Schwanitz:„Frankreich Republik— die Tnilerien gestürmt... in dem Komitee, was an der Spitze der Regierung steht, sitzt Louis Vlanc und neben ihm ein einfacher ouvrier(Arbeiter) I— Damit wäre eine neue Phase in der Ge- schichte Europas angetreten. Du kannst Dir kaum denken, wie sich bei uns in Baden die Gedanken krenzen.... Morgen haben wir Kammersitzung; unsere Opposition hat heut' in Mannheim eine Ver- sammlung von Bürger» berufen.... Ich bin überzeugt, daß wir in ein paar Wochen Prcßfreiheit, Geschworenengerichte usw. er- halten." Schon zwei Tage später, am 20. Februar, jubelt er:„Der heutige Schalttag kann mit roter Kreide im Kalender angezeichnet werden. Die Pariser Barrikaden bringen auch uns wenigstens einen Teil ihrer Errungenschaft;— in der heutigen Kammersitzung ver- kündeten die Minister die Vorlage von Gesetzentwürfen über Preß- srciheit, Geschworenengerichte, Volksbewaffnung I Das ganze weitere Programm der Volkswünsche wird mit seiner Erfüllung auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.... Wenn unsere Regierung den, neuen Grundsatz:„Hilf dir selbst, so wird dir der Himmel helfen!" treu bleibt, so haben wir in Baden bald einen Muslerstaat auf demokratischer Grundlage, und das zieht das übrige Deutschland nach..." Mit dieser Hoffnung sollte es freilich nichts werden, obwohl bald der Rebellionstanz begann. Der Schilderung dieser unmittelbar erlebten tumnltuarischen Borgänge in Baden und Karls- ruhe sind eine große Reihe weiterer Briefe gewidmet. Scheffel verurteilt da besonders das Treiben seiner früheren Unibersitäts- freunde Karl Blind, Steinmetz und Michel. Ihr Vorhaben, die Revolution in Karlsruhe praktisch zu machen, daS Schloß an- zugreife» und die Republik in Baden zu proklamieren, wurde zwar durch vorzeitige Verhaftung der Komplotteure vereitelt; aber Scheffel, der aus seiner„Zuneigung zu einer demokratischen und freien Gestaltung der Zustände" soivie auS seinen»„Haß gegen alle Romantik in der Politik" kein Hehl gemacht, empfindet eine ebenso heftige als„tiefe sittliche Indignation gegen solche Revoluzzer, „die sich auch als Apostel der Freiheit stempeln wollen, denen sie aber nicht im Herzen, sondern im Magen sitzt". Natürlich hat sich Scheffel freiwillig in Dienst der Bürgerwehr gestellt;„mit feiner alten Potsdamer Muskate, die ein Bajonett von 2I/3 Fuß Länge" hatte, sowie seines Vaters alten, Landwehrsäbel stand er auf Wacht- Posten oder machte Strcifpatrouille in den Hardwald und an de» anstoßenden Gärten. Jede Stunde war man des LosbruchS der Straßenkämpfe gewärtig, zuinal, als das Ministerium der Aus» wältigen Angelegenheiten in Brand gesteckt worden war. Es ge- schah indeffen nichts von Belang. Am 3. März kann er Schwanitz melden, daß die ersten zensurfreien Zeitungen erschienen sind, und begleitet diese Post mit einem„gewaltigen Gruß zum Anfang einer neuen Zeit in Deutschland". Zwei Tage später traten in Heidelberg unter Führung von Jtzstein und Karl Wclcker, dem früheren Freiburger Universitätsprofessor, 51 konstitutionell gesinnte Männer zusammen, um über den Aufruf an die gesamte Nation zur Bildung einer deutschen Nationalversammlung zu beraten. Wenig später, am 31. März, wurde in Frankfurt a. M. daS sogenannte Vor- Parlament, am 18. Mai die Nationalversammlung eröffnet. Dort treffen wir Scheffel als Sekretär des badischen Gesandten Karl Welcher wieder. AuS der Ohnmacht der Regierungen gegenüber dem Parlament schöpft er neue Hoffnungen.„Wir haben", schreibt er am 24. Mai,„mehr Terrain sür die Republik in Deutschland, als Ich mir vor vier Wochen noch träumen lieh, und siegesbewußt setzt er hinzu,„sie wird auch nicht mehr lauge auf sich warten lassen. Ich wenigstens sehe die konstitutionelle Staatsform nur als einen Durchgangspunkt an; wenn man sie mit ihren Fiktionen und Um- schleierungen näher ins Auge faßt, so ist sie eigentlich schon die Republik, nur in einer Weise, die mit dem Königtum, das sie de facto nicht beseitigen konnte, einen äußerlichen Frieden abgeschlossen hat; denn sobald die Deduktion.von Gottes Gnaden' an die Luft gesetzt ist, hat da? Königtum seine Basis Verloren— und dem Prinzip des Volkswillens als lex suprerna des Staates gegenüber läßt sich die Erblichkeit der obersten Re» gierungSwürde nicht mehr rechtfertigen..; diese juristische Definition Scheffels sowie seine Abneigung gegen den Absolutismus und„Dynastienwahn" war gewiß ehrlich. Er fühlte sich auch nicht minder wahrhastig als Republikaner. Trotzdem ging seine republi- konische Anschauung nicht über die aller damaligen Ideologen des Bürgertums hinaus. Dies Bürgertum sträubte sich, mit der Arbeiterschaft, also mit dem eigentlichen Volke gemeinsame Sache zu machen. So hoffte auch Scheffel, daß die politische Umwandlung auf friedlichem Wege,„mit den Waffen des Gesetzes" erreichbar sei, wollte aber die Republik beileibe nicht aus den Händen Heckers, Struves oder der„Hertongh- schen Kolonne" geschenkt haben. Weil man zum Teil glaubte, diese letztere würde bei Au, ein paar Stunden von Karlsruhe, herüber- brechen, so war Scheffel von Frankfurt heimwärts geeilt, um seinen Posten in der Bürgerwehr einzunehmen. Pfingsten nahm er dann an der großen Studentenversammlung in Eisenach und auf der Wartburg teil und ging im Juli mit Welcker in den„Raubstaat Lauenburg" als Legationssekretär. Es handelte sich darum, die dortigen Landstände von ihrer dänenfreundlichen Haltung im Kampfe der benachbarten schleswig-holsteinischen Herzog- tümer gegen Dänemark abzubringen. Am 31. August stieg Scheffel in Heidelberg ins Examen, das er bestand. Dann ging er wieder nach Frankfurt. Er hatte Großes vom Parlament erwartet, Rasch folgte bei ihm der Katzenjammer. Und so schreibt er denn am 11. August 1849 von Herdelberg— sehr resigniert:„Seit ich am 16. September zu Frankfurt den Waffenstillstand von Malmö verwerfen hörte und am 18. oben auf dem Dom zu Frankfiirt stand und die Barrikaden aus der Erde wachsen und den Sturm und Kampf um dieselben herum gesehen habe, da habe ich den Glauben an das Volk auf beiden Teilen und die Poesie der Revolution verloren, und was im Oktober zu Wien und im November zu Berlin vorging, hat mir ihn nicht wieder- gegeben." Die Niederwerfung der Revolution durch die Reichs- trnppen und die Preußen erfüllte ihn vollends mit Unmut und Ekel. Es war alles so ganz anders gekommen. In Baden wie im „großen" Deutschland:—„nichts wurde zustande gebracht. Die Verwcrstmg der RcichSvcrfassung trägt ihre Früchte, der alte Dynastie- Wahn verhunzt das schöne Land, und das Universalheilmittel da- gegen, die Republik, ist unmöglich geworden durch ihre eigenen Ver- tretet, die diesen Begriff allmählich zum Synonymon von Skandal erhoben haben".... Was ihn selbst betraf, so hatte er sich durch seine aktive Teil- nähme an der Revolution ziemlich um die Aussicht auf seine richtet- liche Karriere gebracht. Er figurierte„ja auch auf der roten Liste als Wühler aus den Märztagen", hatte ja auch einmal eine politische Rede gehalten und war Begleiter WelckerS nach Frankfurt und Rastatt gewesen.... Deshalb mochte eS eine Ueberraschung für ihn sein, als ihm, nach voraufgegangener Bewerbung, mit Beginn des JahreS 1850 der Posten eines Dienstrevisors beim Bezirksamt in Säckingen zugewiesen wurde. Den Schmerz über das völlige Scheitern der Revolution hat Scheffel lange nicht verwinden können. Er blieb Partikularist und stiller Prenßenfeind, bis ihn seine steigenden Erfolge als Poet vom Staatsdienst weg in die Freiheit des Kunst- und Weltlebens führten. Jene republikanische Anwandlung hat auf seine dichterische Produktion keinerlei Einwirkung verübt— es war lediglich eine vielleicht später als Jugendeselei empfundene Episode gewesen.... kleines f ciuUeton. Staub und Durchsichtigkeit der Atmosphäre. Mit Hülfe des von dem englischen Physiker John Aitken konstruierten Apparates ist «s möglich, die Menge des in der Luft frei schwebenden Staubes zahlenmäßig zu bestimmen. Man darf dabei jedoch nicht nur an die groben Staubteilchen denken, welche uns das durch ein Fenster in ein Zimmer flutende Sonnenlicht offenbart. Es sind vielmehr die zahllosen feinen Partikelchcn gemeint, die sich überall, uns gänzlich unsichtbar, auch in der„reinsten Atmosphäre" vorfinden. Die Messungen, die mit Aitkens Apparat in Zimmerluft angestellt wurden, ergaben das bemerkenswerte Resultat, daß ein Kubikzenti- metcr Zimmerluft nicht weniger als 1,3 bis 5 Millionen Staub- tcilchcn enthält. Am Boden, wo sich die größte Staubmcnge vor- findet, ist diese Zahl oft genug gemessen worden. In freier Luft und auf hohen Bergen vermindert sie sich ganz außerordentlich. Die niedrigste bisher beobachtete Zahl wurde in Kingakrloch in Schottland mit etwa 200 Staubteilchen pro Kubikzentimeter fest- gestellt; jedoch haben wir kein Mittel zu entscheiden, ob dies die niedrigst mögliche ist. Selbst in den oberen Luftschichten scheint Staub zu existieren, da sich in großen Höhen Wolken bilden. Diese Etaubbildung selbst in den höchsten Regionen de« meteorologisch noch in Betracht kommenden Luftschichten ist eS vornehmlich, welche die Durchsichtigkeit der Luft und damit die Fernsicht in erheblichem Matze beeinflußt. Mechanische Trübungen der Atmosphäre werden allerdings auch durch Dunst und Nebel hervorgerufen, doch stehen diese bis zu einem gewissen Grade ein Abhängigkeitsverhältnis zur Temperatur, zur Feuchtigkeit und zum Vorhandensein von Staub. Alle diese mechanischen Trübungen wirken deshalb mindernd auf die Durchlässigkeit der Luft ein, weil ein Teil der auf sie fallenden Lichtstrahlen zurückgeworfen wird. ein anderer Teil aber durch Brechung in seine Bestandteile zer- legt wird, so daß nur für das Auge weniger wirksame Tcilstrahlcn gesehen werden. Die Wirkung des Staubes auf die Durchsichtigkeit der Luft hängt in erster Linie von seiner Menge ab, dann aber auch von der Feuchtigkeit, die einen sogar wesentlich ändernden Einfluß ausübt. Bei vielem Staub ist in der Regel die Durchsichtigkeit gering; aber selbst bei 5060 Staubteilchen pro Kubikzentimeter kann sie chön klar sein. Vergleicht man Tage mit gleichen Staubmen/en, o findet man, daß die Durchsichtigkeit mit der Feuchtigkeit schwankt. Von zwei Tagen mit gleichen Staubmengen pro Kubik- Zentimeter war der eine mit einer Erniedrigung des feuchten Thermometers um 13 Grad klar, während der andere mit nur 2 Grad Erniedrigung eine sehr dicke Luft aufwies. Die Feuchtigkeit allein scheint zwar keinen Einfluß auf die Durchsichtigkeit der Luft zu haben, aber sie steigert die Wirkung des Staubes, weil sie die Größe der Staubteilchen erhöht. Die kleinen Staubpartikelchen bilden nämlich, wie man sowohl theoretisch als durch den Versuch beweisen kann, Kerne für die sich'bildenden Nebeltröpfchen, begünstigen somit nicht nur die Nebelbikduna, sondern vergrößern auch die in der Luft schwebenden Teilchen und tragen dadurch dazu bei, die Ilndurchlässigkeit der Atmosphäre zu erhöhen. Durch die Temperatur wird nun wieder die abändernde Wirkung der Feuchtigkeit beeinflußt. Dieselbe Erniedrigung des feuchten Thermometers, welche mit einer bestimmten Zahl von Staubteilchen eine dicke Luft von 15 Grad geben würde, wird eine klarere Luft geben, wenn die Temperatur niedriger ist. Die ge» steigerte Verdickung der Luft bei höheren Temperaturen rührt von dem gesteigerten Dampfdruck her, der es gestattet, daß die Teilchen mehr Feuchtigkeit anziehen. Literarisches. „Der I n d u ft r i e b a r o n", von Upton Sinclair. „Geschichte eines amerikanischen Millionärs",(deutsche Uebersetzung im Verlage von A. Sponholtz, Hannover, Preis 2 M.) ist eine kleine Erzählung, die vor fünf Jahren entstand, wie der Verfasser in seinem Vorwort sagt. Damals erschien ihm das Werk als „revolutionäres Dokument", und er muhte sich das Urteil gefallen lassen:„Unmöglich, es herauszugeben!" Jetzt erscheint es ihm selbst als eine„ruhige Darlegung weit verbreiteter Ansichten. Er macht darauf aufmerksam, daß erst die letzten Jahre eine Reihe von sensationellen Enthüllungen über das Treiben der amcrika» nischen Finanzmächte brachten, und daß er in diesem Werke daraus noch nicht schöpfen konnte. Noch in lebendiger Erinnerung ist das Aufsehen, das die Untersuchung über die Verhältnisse der New Dorker Versicherung, gesellschaften verursachte. Welche ungeheure Verschwendung wurde da entdeckt! Man entdeckte da einen Sumpf von politischer Korruption! Tie großen Geldinstitute geben Hunderttausende von Dollar für die Wahlfonds her; die Bestechung von Gesetzgebern wurde geschäftsmäßig betrieben. Andere Enthüllungen folgten, Der Standard-Oel-Trust wurde bloßgestellt und überführt, wie er durch geheime Verträge mit den Eisenbahnen Millionen er« schwindelt. Große Sensation erregten die Publikationen des. Finanziers Lawson über.„Die tollgewordcne oder rasende Finanz", Amerika ist das Land der Millionäre. Der Bundessenat in Washington heißt oft nicht anders als„Klub der Millionäre". Im Kabinett sitzen gegenwärtig vier Millionäre. In der Nelq Yorker Börsenstraße Wall Street wimmelt es von Millionären« Und es gibt viele Tausende armer Teufel, die sich heute noch im Dollarlande dem süßen Traum hingeben, sie könnten es auf die eine oder die andere Weise auch einmal zum Millionär bringen. Für die letzteren ist nichts interessanter, als eine der wunder, samen und rührenden Geschichten, die so bielfach von einem amerikanischen Millionär erzählt werden; nämlich, wie er als kleiner Junge barfuß herumlief und Zeitungen verkaufte, um seine kranke Mutter zu ernähren, und wie er dann im Laufe de« Jahre durch Fleiß und Sparsamkeit, durch Gebete und durch—. Schlauheit e,ne Million nach der anderen anhäufte. Die Geschichte eines amerikanischen Millionärs, die uns. Sinclair erzählt, ist von anderer Art. Mit etwas flüchtigen Strichen skizziert der Verfasser den Lebenslauf des Millionärs Robert van Reusselaer— man kann an Rockefellcr oder einen anderen Multimillionär dabei denken. Schon als Baby Robbie, wie sein Kosename heißt, verfügt er über Erstlingskostüme, big einen Wert von etwa 17 000 Dollar haben. Wir sehen den Knabem. von Dienern und Lehrern umgeben; er wächst heran, hält sich Pferde und Hunde, raucht die feinsten Zigaretten und erlebt da» erste Liebesabenteuer. Robbie hat ein gutes Herz und will„sie" heiraten. Jetzt mischt sich aber Papa ein und setzt seinem Sohne auseinander, daß man„doch nicht alle Frauen heiratet, die man liebt". Daisy, seine Liebste, verschwindet, und Robbie macht eine Europareise. Dann sollte er studieren, aber es wird offenbar, daß er sein Examen nrcht bestehen würde, und er kehrt nach New Uork zurück. Hier sehen wir ihn als„Gentleman" leben. Sinclair schildert uns in einer eigenen ironisierenden Weise, wie Robbie herrlich und in Freuden lebt und ein guter Kerl dabei bleibt. Als er z. B. mit dem„Grünen Gespenst", seinem Automobil, einen Knaben über- fährt und tötet, macht er die Eltern des Kindes durch seine fürst- llche Freigebigkeit„auf immer zu glücklichen Menschen". Natürlich ist Mister van Reusselacr auch ein eifriges Kirchen- Mitglied: er gibt sogar Unterricht in einer Sonntagsschule. Ein Sport.der vielfach von reichen Leuten in Amerika geübt wird. Von Rockcfeller ist bekannt, daß er selbst in einer Sonntagsschule Bibeluntcrricht gibt. Van Reusselaer verjubelt seelenvergnügt seine dreimalhundert- tausend Dollar jährlich, also beinahe jeden Tag tausend Dollar. Das geht so drei Jahre lang; dann hat sein würdiger Herr Papa eine ernste Unterredung mit ihm und erinnert ihn daran, daß er „Pflichten gegen die Gesellschaft" habe und daß„das Menschen- leben eine Schlacht" sei. Der Vater ist einer der ersten Kapitalisten des Landes, und dies„Geschäft" soll der Sohn auch lernen. Es dauert auch nicht lange, so versteht er es überraschend gut und führt einige Börsen- eoups aus. über die der Alte staunt. Robbie wird Präsident einer großen Jndustrie-Aktiengcsellschaft in Hungerville— ein sehr be- zeichnender Rame. Zuerst wird alle Konkurrenz aub dem Felde geschlagen, dann wird rücksichtslos gegen die Arbeiter vorgegangen. Ein Streik bricht zusammen, die Gewerkschaft wird vernichtet. Groß ist das Elend und die Not in Hungerville,„man sah blasse, kränkliche Kinder, gebeugte, abgezehrte Frauen und Männer, die wild und hohläugig dreinblickten". In einem krassen Gegensatz dazu stehen die Schilderungen von ausschweifendem Luxus und der großen Verschwendung in der Gesellschaft des Millionärs, der seine Freunde zu einer Ver- gnügungsfahrt auf der Jacht„Komet" eingeladen hat. Interessant sind die Kapitel über Wall Street, die New Dorkcr Börse. Die gewaltigen Kämpfe zwischen den Finanzriesen erregen hohe Spannung. Leider wirkt die mangelhafte deutsche Ueber- setzung des Werkes sehr störend und macht auch hier manche Vor- gänge unverständlich. An der Börse ist van Reusselacr in seinem Element; er ist ein Draufgänger. Einmal riskiert er seine ganzen Millionen in einem schweren Ringen mit einem großen Syndikat von Geldmännern. Das nimmt den ganzen Mann gefangen und als der Entschcidungs- tag herannaht, vergißt er alles, auch daS furchtbare Geheimnis seines Lebens, das ihm am Abend vorher enthüllt wurde und ihn aufs tiefste erschütterte. Er hat erfahren, daß seine eigene Tochter seine Geliebte geworden ist, die Tochter, die aus dem Per- hältnis mit Daisy, der längst Vergessenen, hervorgegangen war. In seiner Verzweiflung betrinkt er sich und taumelnd kommt er am Morgen deS großen Entscheidungstages in sein Kontor, um den Börsenfeldzug zu leiten. Er spekuliert auf Baisse. Er der- kauft Aktien, deren Wert er auf SO einschätzt und die jetzt auf 157% stehen. Entweder fallen sie oder er ist verloren! Die Auf- regung ernüchtert ihn; in der aufs höchste gesteigerten Spannung vergißt er alles andere, gibt nach wohlerwogenen Plänen seine Befehle, und als die Aktien beginnen zu fallen, als der Sieg in Aussicht steht, da reißt ihn die Leidenschaft mit sich, er stürzt sich wie toll in die Menge und schreit„trunken und blind vor Leiden- schaft: Runter, runter mit ihnen? Auf sie! Nieder mit ihnen! Drauf, drauf!"— Die Aktien fallen auf 76, van Reusselacr ist der reichste Mann in New Dork. Auf dem Schlachtfelde sieht es frei- tich grausig auS; da waren„Männer, die weinten, Männer, die fluchten, Männer, die sich die Haare rauften, und Männer, die rhre Fäuste zum Himmel reckten,— lauter Männer, die alles ver- loren hatten, was sie besaßen und jetzt dem Ruin und Hungertode ins Auge sahen; es war ein furchtbares, ein höllisches Schauspiel". Nach diesem Triumphe begibt sich der Millionär auf seine Jacht „Komet" und fährt in Sturm und Unwetter aufs Meer hinaus. Die Jacht zerschellt an einer felsigen Küste und der Multimillionär kommt elend ums Leben. Dies in kurzen Zügen der Inhalt des vorliegenden neuen Werkes, da? in der deutschen Uebersetzung viele Mängel und Fehler zeigt, die seinen Wert beeinträchtigen. Arthur Baar. Hygienisches. Molkereien und Volksernährung. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit der Zunahme der Sammelmolkereien und der Gründung der Milchverwertungsgenossenschasten der Absatz und der Konsum der Milch sich sehr gehoben hat. Denn diese Ein- richtungen erleichtern den Absatz der Milch und der erleichterte Absatz bewirkt wieder, daß die Landwirte auf eine Erhöhung der Milchproduktion bedacht sind. In Preußen nimmt die Zahl der Molkereien ständig zu, besonders im Osten, in Bayern stieg die Zahl der Genossenschaften vom Jahre 1303 bis 1903 von 5Ri ayf 856, der Wert der Erzeugnisse von 46 Millionen auf 59 Millionen. So crfeulich diese Zunahme nun auch zu begrüßen ist, so haben die Molkereien doch auch hygienische Nachteile im Gefolge. Manchmal läßt die Reinlichkeit zu wünschen übrig; durch die Inspektionen preußischer Kreisärzte ist festgestellt worden, daß in den Molkerei- räumen manchmal allerlei häusliche Verrichtungen vorgenommen werden, Wäsche gebrüht und Viehfutter bereitet wird, ja von noch viel unappetitlicheren Tingen wird in den JnspektionSberichten er- zählt. Sehr bedenklich ist auch die Verwendung hygienisch nicht ein- wandfreien Wassers zum Spülen der Gefäße. Durch Sammel- Molkereien ist auf diese Weise wiederholt der Typhus übertragen worden. Als ein weiterer hygienischer Nachteil in den Molkereien muß es angesehen werden, daß vielfach in den Familien der Milch- Produzenten ichir noch Magermilch von sehr geringem Fettgehalt genossen wird und daraus den Kindern Schaden in der Ernährung droht. Namentlich in Bayern gingen Hand in Hand mit Zunahme der Molkereien und der Käsercigenossenschaften Klagen über den Rückgang der Ernährung und die körperliche Entwicklung der bäuer- lichen Bevölkerung. DaS bayerische Staatsministerium weist daher darauf hin, daß die Verbesserung der Milchverwertung und die Ausbildung des Käserciwesens, die vielfach eine Erhöhung deS Gewinnes zur Folge haben, für den Viehbesitzer oft den Anreiz bildeten, alle verfügbare Milch in Geld umzusetzen, daS Milch- bedürfnis des eigenen Hausstandes hintanzusetzen und sich mit Magermilch und anderweitigen Fettsurrogaten zu begnügen. Auch der Alkoholismus werde auf diese Weise befördert. Humoristisches. — Glücklicher Zufall. Passagier(dessen Koffer einer Dame auf den Kopf fällt, als er eben im Begriffe ist, das Eisen- bahncoupv zu verlassen:„Welch ein Glück... den Hütt' ich bei- nahe vergessen I" — Klassische Figur..... WaaS, der kleine Dicke dort ist der berühmte Dichter? I.. Na. d e r sieht aber gar nicht auS wie ein Poet 1"—„Erlauben Sie, der Mann besitzt doch epische Breite und die dramatische Kürzel" — Gestörte Illusion.„Sie. in diesem Teich sind ja gar keine Fischöl"— Warum sagen Sie mir denn daS?.. Jetzt macht mir'S ganze Angeln schon keine Freud' mehr!" — Ein anderer Fall. Autor(bei der Premiere): „WaS? Ich soll mich nicht hinaustrauen? Ich?... Ich bin im letzten Feldzug drei Stunden im Kugelregen gestanden I"— Direktor:„Ja, aber damals haben Sie noch nichts gedichtet gehabt I"(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Der Goethe-Verein veranstaltet diesen Winter zwanzig künstlerische Veranstaltungen, und zwar Sonntag nachmittags 3 Uhr im Saale der Secession, Kurfürstendamm M8/9. Jedes Programm bildet eine geschlossene Einheit. Jahreskarte 6 M., Einzelkarten BO und 30 Pf. Die erste Veranstaltung am 25. November wird Goethe gewidmet sein(Einleitende Worte von Leo Berg, Rezitation und Gesang). Ferner sollen Rembrandt, Liliencron, Beethoven, Heine, Bach nsw. behandelt werden.— Die Idee kann bei richtiger Durch- führung sich als sehr fruchtbar erweisen. —„König OedipuS", eine„Umarbeitung" des Sophokles- schen Dramas von Hans Hamburger, erwies sich im S l u t t- g a r t e r JnterimS-Theater als eine banale Profanierung deS ge- waltigen Stoffes. — Ein Riesenspiegelteleskop von zweiundeinhalb Meter Oeffnung wird in der neuen kalifornischen Sternwarte auf dem Mount Wilson aufgestellt werden. Der neue Apparat wird an optischer Kraft das größte bisher existierende Linsenteleskop um das Doppelte übertreffen. — Ein neuer Damensport. Die erste weiße Frau, die den Ruhm für sich in Anspruch ninnnt, Afrika durchquert zu haben, Madame Cabro, die Gattin des Obersten Cabra von der belgischen Armee, ist soeben wieder in Belgien eingetroffen. Madame Cabra verließ ihre Heimat zusammen mit ihrem Gatten im April 1905, reiste von Neapel nach Dar-es-Salam und ging von da nach Zanzibar, Mombasa und Entebbe, der Hauptstadt von Uganda. Von da aus reiste sie mit ihrem Gatten bis zum Albertsee und nach Mahagi im Kongostaat. überschritt die Ruwenzorikette und wandte sich dann den Kongofluß abwärts nach der Küste. Madame Cabra erklärt, daß sie keine nennenswerten Gefahren und Entbehrungen habe überstehen müssen, aber einige Erlebnisse hätten sie sehr belustigt, besonders das Er« staunen der Eingeborenen beim Anblick der ersten Weißen Frau, die sie sahen. Ein Führer, der sie auf einer Strecke ihrer Reise begleitete, erklärte sogar, er hätte bisher nicht daran geglaubt, daß cS weiße Frauen gäbe. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.Verlagianstalt Paul Singer ScCo., Berlin LM