Anterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 227 Freitag, den 23� November. 1906 (Nachdruck verboten.) 33] Der Sumpf. Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Jurgis vermochte die Flasche kaum zu halten, so zitterten seine Hände. „Nur keine Angstl" sagte der Wirt,„runter damit!" So trank Jurgis denn ein großes Glas Whisky und wandte sich darauf, dem Geheiß des anderen folgend, dem Buffett zu. Er aß, soviel er mochte, und stopfte es mit mög- lichstcr Geschwindigkeit in sich hinein, und dann, nachdem er versucht hatte, seinen Dank zu stammeln, ging er hin und setzte sich an den großen Ofen, der initten im Zimmer stand. Aber etwas so Angenehmes konnte nicht von Dauer sein hier auf dieser harten Welt. Seine durchweichten Glieder fingen an zu dampfen, und der entsetzliche Gestank des Knochendiingers verbreitete sich im Saal. In etwa einer Stunde würden die Packereien geschlossen werden und die Arbeiter würden essen wollen,— und das würden sie nicht in einem Rauin tun, der nach Jurgis roch. Außerdem war es Sonnabendabend, und späterhin würden eine Geige und ein Waldhorn erscheinen, und dann versaninwlten sich stets hinten im Saal die Familien aus der Nachbarschaft und tanzten und ergötzten sich an Wiener Würstchen und Lagerbier, bis zwei oder drei Uhr morgens. Der Wirt räusperte sich inehr- mals und bemerkte dann:„Hörett Sie, Jack, ich fürchte, Sie werden das Lokal räumen müssen." Er war an den Anblick menschlicher Wracks gewöhnt, dieser Schankwirt: er„feuerte" jeden Abend Dutzende von ihnen hinaus, die genau ebenso hohläugig, verfroren und jammervoll aussahen wie dieser. Aber das waren alles Leute, die sich aufgegeben hatten und nicht mehr mitzählten, während Jurgis noch mitten im Kampf drinsteckte und sich noch allerlei bewahrt hatte, was an einen anständigen Menschen erinnerte. Als er gehorsam aufstand, überlegte der andere, daß er stets ein solider Mensch gewesen sei und viel- leicht noch wieder ein guter Kunde werden könne.„Sie haben sich'n bißchen viel zugemutet, das sehe ich schon," sagte er.„Kommen Sie nur mit." Hinter dem Lokal lag die Kellertreppe. Sie hatte oben und unten je eine mit starkeiu Vorlegeschloß versehene Tür und eignete sich daher vortreff- lich als stilles Quartier für einen Kunden, der vielleicht noch wieder zu Gclde kommen konnte, oder eine politische Größe, die man nicht mit einem Fußtritt hinausbefördern wollte. So verbrachte Jurgis die Nacht. Ter Whisky hatte ihn nur halb erwärmt, und er konnte trotz aller Erschöpfung nicht schlafen: er nickte wohl einmal ein, fuhr aber gleich wieder zitternd vor Kälte in die Höhe und erinnerte sich wieder an alles. Stunde auf Stunde verging, bis ihn nur noch der Klang von Musik, Lachen und Singen, der von oben herab- kam, zu überzeugen vermochte, daß es noch nicht Morgen war. Als es allmählich still wurde, machte er sich darauf gefaßt, hinausgejagt zu werden: als das nicht geschah, fing er an, sich den Kopf zu zerbrechen, ob der Mann ihn wohl der- gcssen habe. Endlich, als er die Stille und Ungewißheit nicht mehr zu ertragen vermochte, stand er auf und hämmerte an die Tür: der Besitzer erschien, gähnend und mit beiden Händen die Augen reibend. Er hielt sein Lokal die ganze Nacht hin- durch offen und schlummerte nur dann und wann während eines freien Moments. „Ich muß nach Hause," sagte Jurgis.„Ich ängstige mich um meine Frau,— ich kann nicht länger warten." „Warum zum Teufel haben Sie das nicht früher ge- sagt?" sagte der Mann,„ich dachte, Sie hätten kein Zuhause, wo Sie hingehen könnten." Jurgis ging hinaus. Es war vier Uhr morgens und noch völlig dunkle Nacht. Der Schnee lag etwa vier Zoll hoch auf den Straßen, und noch immer fielen die Flocken rasch und dicht hernieder. Er schlug die Richtung zu Aniele hin ein und machte sich im Laufschritt auf den Weg. Das Küchenfenster war erleuchtet und die Rouleaus herabgelassen. Die Tür wurde geöffnet und Jurgis stürmte hinein. Aniele, Marija und die anderen Frauen hockten noch! immer am Herd, genau wie zuvor: es waren noch mehrere andere hinzugekommen,. wie Jurgis bemerkte,— auch fiel es ihm auf, daß es ganz still im Hause war. „Nun?" fragte er. Niemand antwortete ihm: alle starrten ihn mit bleichett Gesichtern an. Er rief nochmals:„Nun?" Und dann sah er beim Schein der schwelenden Lampe, daß Marija, die ihm zunächst saß, langsam den Kops schüttelte.„Noch nicht," sagte sie. Und Jurgis stieß einen Schreckcnsruf aus 7„N o ch nicht?" Marija schüttelte wieder den Kopf. Der arme Mensch stand ganz versteinert da.„Ich höre sie gar nicht," stammelte er. „Sie ist schon lange still," erwiderte Marija. Es trat wieder eine Pause ein, die plötzlich von einev Stimme von oben her unterbrochen wurde:„Hollo, Sie da unten!" Mehrere der Frauen rannten ins Nebenzimmer, während Marija auf Jurgis zusprang.„Warte hier!" rief sie, und die beiden blieben bleich und zitternd stehen und lauschten. Nach einer Minute wurde ihnen klar, daß Madame Haupt die Leiter herunterkletterte: sie schalt und drohte dabei fort- während, und die Leiter knarrte protestierend. Nach einigen Augenblicken kam sie zornig und atemlös unten an, und sie horten sie ins Zimmer hereinkommen. Jurgis war einen Blick auf sie, wurde kreideweiß und taumelte. Sie hatte die Jacke ausgezogen, tM einer von den Viehtötern in den Schlachthäusern. Ihre Arme und Hände waren mit Blut besudelt, und auch ihre Si'leidcr und ihr Gesicht waren mit Blut bespritzt. Sie stand schwer atmend still und blickte um sich; niemand gab einen Laut von sich. „Ich Hab mein möglichstes getan," begann sie plötzlich. „Ich kann nichts mehr tun: es hat keinen Sinn mehr." Wieder tiefe Stille. „Es ist nicht meine Schuld," sagte sie.„Sie hätten'neu Doktor haben müssen und nicht so lange warten— es war ja schon viel zu spät, als ich kam." Noch einmal trat atemlose Stille ein. Marija klammerte sich mit aller Kraft ihres einen gesunden Armes an Jurgis. Da wandte sich Madame Haupt plötzlich an die alte Aniele.„Sie haben ivohl nicht irgend etwas zum Trinken, was?" fragte sie.„Ein bißchen Kognak?" Aniele schüttelte den Kopf. „Herr Gott!" rief Madame Haupt.„Was für Menschen! Vielleicht geben Sie mir wenigstens etwas zu essen? Ich habe seit gestern morgen nichts bekommen und habe mich hier fast zu Tode gearbeitet. Hätt' ich gewußt, daß es so stände, dann wär' ich nie im Leben für so'n bißchen Geld her- gekommen." In diesem Augenblick drehte sie sich um und gewahrte Jurgis. Sie drohte ihm mit dem Finger.„Sie verstehen mich doch?" sagte sie.„Das Geld müssen Sie mir trotzdem bezahlen! Es ist nicht meine Schuld, daß Sie mich so spät holen, daß ich Ihrer Frau nicht mehr helfen kann. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Baby zuerst mit einem Arm zum Vorschein kommt und ich es nicht retten kann. Ich Hab' es die ganze Nacht versucht, und noch dazu da oben, wo es schlimmer ist wie im Hundcstall: und dabei nichts anderes zu essen, als was ich in meinen eigenen Taschen mitgebracht hatte!" Hier stockte Madame Haupt einen Augenblick, weil sie Atem holen mußte: und Marija, die die dicken Schweiß- tropfen auf Jurgis' Stirn sah und fühlte, wie er am ganzen Leibe zitterte, sagte mit tiefer Stimme:„Wie geht es Qua?" „Wie es ihr geht?" wiederholte Madame Haupt.„Wie soll es ihr denn gehen, wenn Ihr sie so hinsterben laßt? Ich sagte es Ihnen ja schon, als Sie nach dem Priester schickten. Sie ist jung, und sie hätte es durchhalten können und wieder ganz gesund und kräftig werden, wenn man sie nur richtig BcTjönbcIt hätte. Sie hat sich tapfer gewehrt, das Mädchen,— sie ist noch nicht ganz tot." Jurgis stieß einen wilden Schrei aus.„T o t?" „Sie wird natürlich sterben," sagte die andere zornig. „Das Baby ist schon tot." lFortsetzung folgt.1 Hue den Berliner Kunftfalond. Von E. S ch y r. In Ermangelung von Ueberraschungen-- wo sollen die vielen neuen Bilder herkommen, die der Berliner Kunstmarkt braucht— beschränkt sich der Kunstsalon G u r l i t t darauf, eine Auswahl guter, älterer Bilder zu bringen. Natürlich verliert dadurch die Ausstellung das Markante, Neuartige, was besonders deswegen zu bedauern ist, weil dieser Salon seit seiner Neueröffnung im vorigen Jahre eigentlich nichts hervorragend Charakteristisches gebracht hat. Doch was an Sensatjon abgeht, das wird ersetzt durch die Tüchtigkeit der Leistungen von Zküustlern, die augenblicklich wieder von neuem geschätzt find. An erster Stelle steht Anselm Feuerbach. Und zwar ist es ein Porträtbild der Schustcrsfrau Nana, seines italienischen Modells, deren klassische Schönheit Fenerbach immer wieder zu neuen Entwürfen begeisterte. Diesmal sehen wir den Kopf vom Rücken aus im Profil. Der schwere dunkle Haarknoten liegt in voller Schönheit und Pracht, geschmückt mit einer aus der dunkelen Haarmasse tief leuchtenden goldenen Spange, auf dein Nacken. Diese Nackenpartie ist vollendet gemalt, das Fleisch leuchtet in herrlichem, blühendem Ton. Das weiße Hemd gibt den abschließenden Rahmen. Wundervoll hebt fich das alles von dem matten, stumpfgrünen Hintergrund ab. ein Werk voll ruhiger, bewußter Meisterschaft, malerisch und zugleich monuinental. Das andere Porträt stammt aus der Pariser Zeit des Malers; eS ist momentaner, skizzenhafter und zerfließt in den Umriffen zu einem feinen, malerischen Grau. Die Züge treten aber auch hier lebendig und in voller Form heraus. Gegenüber hängt ein dekoratives Bild von Böcklin, Melancholie benannt. Eine Farbenstimmung voll Klarhvit und Frische. Das Bild ist vollwertig übersetzt ins Malerische, in die Farbe. Diese Farbe hat jene küble Reife, die BöcklinS beste Bilder auszeichnet.- Herbst- landschaft. Rostroter Blätterschmuck an den Bäumen, Weiß- glänzende Birken. Ein dunkeler. grüner Rasenteppich. Der Himnrel blaut in Herbstklarheit. Im Vordergrund sitzt auf moosbewachsener Bank eine weibliche Figur. ein Symbol voller Lebendigkeit des Ausdrucks. Sie sieht in eine» blauen Spiegel, den sie vor sichern der Hand hält, uad Erinnerungen ziehen vorüber. Die violetten Schuhe, der blaue Mantel, das helle Haar— alles wirkt ausdrucksvoll im farbigen Eindruck mit. Und ganz hinten, seitlich— gewissermaßen ein Ausschnitt des Lebens, das sich so fern abspielt— italienische Villen, terrassenfönuig sich aufbauend, weißschimmernd und Leute dabei in bunten, strahlenden Gewändern. Dagegen schneidet in diesen, Zusammenhange Ludwig von Hofmann mit seinen phantastisch-dekorativen Entwürfen nicht so gut ab. Trotz der Farbigkeit keine reiche Stimmung, vielmehr etwas Monotones, Ungelöstes. Hofmann wiederholt sich selbst zu sehr. Wie frisch wirkt dagegen daS große Bild des Schweden Liljefors, der ohne phantastische Dekoration durch einfache Nachbildung der Natur eine hohe Schönheit erreicht.„Birkhühner im Reif." Der Bau», ist tief verschneit und bereift. Die Sonne muß scheinen, denn der Reif schimmert rosig. Und in dieser rosig strahlenden Pracht, die beinahe mit dem Glanz von Frühlingsblüten leuchtet, sitzen die dunkelfarbigen Hühner wie eingebettet. Eine ganze Reihe von Bildern des Münchener Malers Fritz v. U h d e— lachender Frauenkopf, ein Trinker und religöse Stoffe— wirken hier plötzlich ein wenig matt. Man sieht, wie die Zeit auch das Sehen verändert. Dieser feine Künstler verdankt sein Ansehen seiner zurückhaltenden Art, die Farben sehr malerisch zu einander zu stimmen. Heute aber sind wir derbere Farben gewöhnt. Doch ,st auch jetzt noch die Treue der Natur gegenüber und das Künstlerische hinreichend genug betont, so daß man in den, llrteil über den Künstler, der sein Ansehen init Recht besitzt, nicht schwankend wird. Jeder Künstler hat seine Zeitmission, und die hat Uhde ersüllt. Er hat eS verstanden, Farben so fein zu einander zu stimmen, wie wenige zu seiner Zeit, und immer vermied er die grellen Effekte. Daun sind noch einige kleine Bildchen von T h o m a(Frankfurt) da, phantastischer Art,„Wundervögel", die in blauer, warmer Luft über grüner Landschaft schweben,' von eigenen, Reiz, still und reif in der farbigen Stimmung. Das große Bild„Sorent" hat viel Schönheiten in der Wiedergabe der sonnigen, graudunsiigen Atmo- sphäre. Ein eigener Künstler ist Reifferscheid(Düsseldorf), der dunkle Interieurs malt; alle Formen und Gegenstände sind zurückgehalten und doch fühlen wir die Gegenwart der Erscheinungen. Die Farben— etwa ein Akt, dessen Schatten voll auf die weiße Wand fallt, ein hell von der Lampe beleuchtetes Gesicht— treten markant und doch weich heraus. Intime Stimmungen, die nachhaltiger Wirkung sicher sind. Das Resultat der Ausstellung ist also: nichts Neues, doch diel Gutes, dem das Alter nicht geschadet hat. m Auch der Kunstsalon C a s s i r e r läßt es an den eigentlichen Ueberraschungen und Sensationen fehlen. Auch er nimmt eigentüm- licherweise die alte Kunst zu Hülfe. Die altei, Meister: Nieder- länder, Italiener, Spanier, müssen die Räume füllen, da die moderne Kunst anscheinend im Stich läßt. Wahrscheinlich steht augenblicklich der Kurs für alte Bilder wieder einmal hoch. Immerhin find vier Liebermanns verkaust, was bei den hohen Preisen, die dieser Salon für Bilder dieses Künstlers einhält, sehr respektabel ist. Unter den alten Bildern ist ein Goya am interessantesten, ein Staatsmann in Uniform; der Rock ist dunkel, nur mit etwas düsterem Gold be- setzt. Der Hintergrund ist ebenfalls dunkel, mit grünlichem Ton; entschieden und doch weich find die ins Rötliche spielenden Gesichts- färben behandelt. Liebern, ann und Leistikow vertreten die modenie Kunst. L i e b e r n, a n n ist ein Künstler, der mit fabelhaftem Spürfinn die alte Kunst wertet, ihre Feinheiten in die moderne Welt hinüber« rettet. Zugleich kennt er die moderne französische Kunst wie wenige und zieht auch hier ein Fazit. Man sieht hier deullich zivei Richwngslinien. Die Zeit des unbedingten Realismus, Einflüsse der Holländer und Franzosen wie Millet. Da malt Liebermann anspruchslose Ausschn,tte aus der Natur, meist Dünen- und Strandbilder. Er erreicht in den hier gebotenen Stücken eine eigene Feinheit, die beinahe schon Virtuosität»st. Diese zarten und feinen Töne in dem mattarünen und grünen Gras in den Dünen I Diese Weichheit und Kraft, dies« Fülle der Nuancen. trotzdem alles aufs einfachste reduziert scheint. Den feinen, grauen Tönen des Strandes gesellt fich das matte Spielen der Farben auf dem Wasser hinzu, das manchmal in weißen Wellenkämmen eine entschiedenere Betonung erfährt. Die weiche, silbrig blaue Lust ist vorzüglich gemalt. Unendlich frisch gibt Liebern, ann immer den Himmel; weiße, sich ballende Wolken vor blauem Grunde. Das alles hat eine Ungezwungenheit, Klarheit und Frische, eine weite Perspektive, die bewundernsivürdig sind. Und sehr reizvoll ist. wie Liebermann die Körper als Farbcnflecke benutzt, wie er Kinder in die Dünen hineinstellt, mattrosa einmal, dann violett gekleidet, oder Badende ,m Wasser. Immer umspielt die Lust mit einer seltenen Reinheit die Körper. Tritt man näher hinzu, so sehen wir ein feines Jneinanderspielen zartester Nuancen; treten wir zurück, so haben wir in voller Schönheit den Bildeindruck. Gerade diese Bilder legen Zeugnis von der unennüdlichen Arbeit und dem sicheren Blick des Künstlers ab.— Eine andere Serie Bilder zeigt den Einfluß van Goghs. Derbe, breite Striche, wie hin- gehauen. Helle, entschiedene Farbigkeit; als Kontrast ein dunkler Grund. Holländische Straßen, alte dunkle Häuser mit bunten, Schmuck. Auch hier sieht man deutlich, wie Liebermann die malerische Wirkung aus der Wirklichkeit herausdestilliert. Er unter- streicht, er konzentriert, er zieht ein Resultat. Die Natur erscheint nur als Unterlage, um das Spiel der Farben zu ermöglichen. So scheint der Künstler das Bild schon in, Kopfe zu haben und die Natur dient ihm nur als Anhalt. Doch trotz aller Verve, trotz aller Extra- vaganz merkt man auch hier die Zucht, den Willen. Und wenn Liebern, ann kein ursprüngliches Genie ist, so ist er doch ein Talent allerersten Ranges. Im Mittelpunkt der Sammlung steht mit Recht ein männliches Porträt, ein Herr mit graumeliertem Bart und roten Backen. Das Bild ist monumental ge- nialt, eine kühle Harmonie in Schwarz und Grau. Schwarz der Anzug, grau der Hintergrund; daS Rot auf dem Gesicht wirkt neben dem Grau des Bartes besonders fein. Locker und doch kräftig sind die Pinselstriche neben einander gesetzt; Leidenschast in jedem Strich, die doch immer gebändigt ist. Nichts zu viel, nichts zu wenig. Ein Zurückführen der Vielheit auf die Einfachheit der malerischen Wirkung. Auch L e i st i k o w hat diese beiden Tendenzen: das Fein- Malerische und das Dekorative. Leistikow ist der Künstler der Landschaft; ihr lauscht er die feinsten Reize ab. Etwas Sehnsüchtig- Sentimentales, zugleich Schönheitsdurstiges ist ihm eigen. Er versenkt sich mit hingebender Inbrunst in die Feiertagsschönheiten der Natur. Die beiden oben angedeuteten Richtungen haben ihre Begründung in den verschiedenen Gegenden, die der Künstler porträttert. Die dänische Küste zeigt weiche Schönheiten im Atmosphärischen. Demgemäß schwelgt Leistikow hier in einer weichen, lyrischen Schönheit der Töne. Wie die Farben auf den, Wasser spielen, reich, mannigfaltig, äußerst lebendig, und doch wie von einem matten Schleier überzogen, der alles dämpft. so daß die Segelschiffe in der blauen Luft des weichen Abends auf dein matt funkelnden Wasser wie zarte Erscheinungen stehen. das ist seltene Harmonie. Kräftiger wird Leistikow, wenn er die Mark wiedergibt. Helle, grüne Büscher und Sträucher am Ufer, hellblaiie Seen,' eine kräftige, klare Lilft über allen Dingen. Mit breiten Strichen malt Leistikolo diese sich offen und unverstellt gebende Schönheit. Diese Kraft steigert sich ins Dekorattve, und die Natürlichkeit wird zum Stil in den Landschaften, in denen die Kiefern rot und gelb glühen, der See in breiter Kontur umrissen als Fläche fich dehnt»md ein tiefes Sonneiinntergangslicht alle Dinge mit eigentümlichem Leben tränkt. Leistikow liebt die Natur, das merkt man. Er gibt sich in ihr und zwar restlos, mit zarter Empfindung, mit voller Hingabe, mit bändigender Meisterschaft. Ist er anch im einzelnen nicht so reich wie - 907— Aebermanns intellektuelles Talent, so hat er wieder ein anderes dafür: Tiefe der Empfindung, die ihn eigene Wege weist, und Ur- sprünglichkeit. Man kann sagen— wenn auch Gradunterschiede be- stehen bleiben— Leistikow ist ein Künstler. Liebermann wird es. Damit ist zugleich angedeutet, daß Leistikow immer auf einer Linie bleibt, während Liebermann, wächst, reicher wird, seine Kräfte aus spannt, um soviel wie möglich zu umfassen. Kleines f euilleton« rg. Herbstmirgen. In der Rächt war ein heftiger Regen niedergegangen. Gegen die Scheiben schlug's, als gösse zemand mit Eimern dagegen, lieber meinem Kopfe, auf dem Dache, plätscherte es in stürzenden Bächen und fiel klingend und trommelnd in die Regenrinne. In dunstfeinem Sprühen drang's durch alle Fensterritzen und pfiff höhnisch, in langgezogenen Tönen, dazu. Der Luftstrom ging durch meine Dachkammer, raschelte in einer Zeitung, die auf dem Tische lag, und fuhr mit leisem, schneidenden Pfeifen zum Schlüsselloch der Tür hinaus. Dazu gurgelte es im Schornstein, wie eine alte heisere Orgel, und auf dem Boden klappte irgend ein Brett in regelmäßigen Intervallen gegen die Wand. Gegen Morgen ward's stiller. Da stand ich auf und ging ins Freie. Noch klammerte dichte Finsternis sich an Haus und Baum, an Zaun und Hecke. Ein wenig wehte es noch, stoßweise, und man spürte zuweilen etwas Nasses auf der Nase. Dann aber wurde es finz still, und kein Tropfen fiel mehr. Nur der Fuß spürte die euchtigkeit, wenn er in einen weichen Brei zu versinken schien oder mit Vehemenz in eine tiefe Pfütze platschte. Laternen gibts in unserem wilden Vorort nur in spärlicher Anzahl; außerdem brennen sie nicht, wenn man ihr Licht braucht. Andere Lampen tauchten zuweilen auf: in den Häusern. Vereinzelte, schwache Schimmer die einen kleinen hellen Dunstkreis um die Fenster zogen. Dort rüsteten sich Arbeiter zum frühen Tagewerk. Eine Strecke vor mir hastete schon einer in der Richtung zum Bahnhof; ich sah ihn nicht, sah nur eine schwebende Laterne, die sich eilig entfernte. Ich ging in anderer Richtung. Und als ich zu den drei Pappeln kam, die sich schlank und mächtig aufrecken, sah ich in den Wipfeln den ersten feinen Schimmer des aufgehenden Tages. Dahinter, im Osten, ein kleines helles Fleckchen, von tiefdunklen Wolken umgeben. Und dieser helle Fleck breitete sich aus, wuchs und wuchs, drängte das Dunkel vor sich her und schob es nach beiden Seiten. Langsam kam der Tag. Und doch auch wieder schnell.� Vorhin lag's wie eine einzige dunkle Masse am Wege. Jetzt löst sie sich in einzelne Massen auf. Jedes Haus, jede Baumgruppe, jedes Ge- büsch wächst in verschwommenen Umrissen heraus. Eine dicke Rauch- säule steigt, auf— aus dem Ofen des Bäckers— und zeichnet sich ab von dem schwach dämmernden Grunde des Himmels. Tie Landstraße hinab. Hinter mir bleiben die Häuser. Ein Stück Weges geht's durch den Kiefernwald, der die Straße zu beiden Seiten wie mit hohen Mauern säumt. Dann öffnet sich rechts der Wald, und man steht wie vor einem weiten brodelnden Kessel. In mächtigen Schwaden wallt der Nebel über die Wiesen, hebt und senkt sich, ballt sich, zerfließt und fügt sich zu neuen Gestalten, die um die alten morschen Weiden tanzen. Der helle Fleck am östlichen Himmel hat sich zu einem grauen Meer geweitet. Von dort fließt die Dämmerung»n breiten Strömen über die Erde und verdrängt die Nacht. Immer schärfer heben die Konturen des düsteren Kiefernwaldes sich ab vom weißen Nebel der Wiesen. Die entblätterten Laubbäume der Landstraße recken ihr kahles Astgerippe in deutlichen Umrissen gegen den grauen Himmel, und ein einsames Bauernhaus zeigt scharf seinen spitzen, ver- schnörkelten Giebel mit der Wetterfahne. Stimmen dringen herüber, eine Wagcnkctte klirrt. Eine Peitsche knallt. Schon kommt mir im Trabe ein Milchwagen entgegen. Eine Frau, bis zur Nasenspitze in Tücher gehüllt, führt ihn. Die Nüstern der Pferde stoßen einen dampfenden Atem aus. An den Beinen spritzt der Straßcnschlamm hoch. Kurz vor dem Bauerngehöft endet der Wald. Hier dehnt sich die weite Fläche der Aecker, im Hintergrunde von einer bäum- bestandenen Hügelkette begrenzt. Dort schimmert zuweilen die weiße Wand eines Hauses heraus. Oder ein rotes Ziegeldach hebt sich aus dem Grün. Aus den Schornsteinen ziehen weiße Rauch. fäden, und mischen sich mit dem blaugrauen Dunst, der die Hügel einhüllt. Ueber die braunen Ackerschollen wandert eine Wolke dahin. Zwei weiße, dampfende Pferde sind's; ein Pflug durchschneidet den Acker und zieht Linie auf Linie in dem feuchten Grund. Der Knecht pfeift vor sich hin. Die Mütze im Nacken, die hellen Augen froh in der ersten Kraft des jungen Tages, die Peitsche geschultert, so schreitet er gemächlich die Furchen entlang. Nun hat die Morgendämmerung sich den Himmel erobert. Nur im Norden und Westen steht noch ein schmaler dunkler Streifen am Horizont. Ein eintöniges Grau mit einem leichten gelben Ueberton wölbt sich über Feld und Wald. Dick steht die Luft, trübe und schwer. Ein herber, feuchter Erdgeruch steigt aus den Schollen. Schwarzfleckige Blätter modern am Wege. Sie fielen von den Bäumen an der Landstraße, die nun in trostlos- kahler Reihe ihre '.ceren, schwarzen Aeste ausstrecken. Das Gras am Straßenrand liegt beschmutzt und tot. Tie Gebüsche am Graben lassen kraftlos die nassen Zweige hängen. Aber einen Schritt weiter, ins Feld hinein, dort sprießt schon wieder neues, kräftiges Leben: grün stehen die kurzen-Halme der Wintersaat in weiter schimmernder Fläche. An jedem Halm hängt noch ein blinkender Tropfen der Nacht. Zwischen den Halmen spazieren geflügelte Räuber hrrum: Krähen mit weißblauem Ge, fieder, die nun schreiend auffliegen, um sich ein Stück loeiter von neuem niederzulassen. Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber daS Frühstück schmeckt ihnen doch. Die Landstraße biegt rechts ab. am Hügel vorbei. Ein Fußweg geht bergan. Durch eine Tannenschonung erst. Dann über eine Lichtung mit perlenbehangenen Wacholdcrstauden und rötlichem Haidekraut. Hier hat das Regenwasscr tiefe Rinnsale in den sandigen Weg geschnitten. Dann kommt Kiefernhochwald. Der nachtliche Sturm hat Aeste und Zweige in Menge herabgeriss.n und ganze Riesen gefällt. Ueber den Weg liegen die Bäume und recken ihr Wurzelwerk in die Luft. Oben ein schmales Plateau mit freier Ausficht nach allen Seiten. In der Ferne, über den Wiesen, stehen noch niedrig die weißen Nebel. Eine Weidengruppe ragt über sie hinaus. Der Wald ringsum ist eingehüllt in blaue Schleier. Um jeden Baum. der einzeln auf dem Felde steht, um jeden Strauch schwebt ein Dunstwölkchen. Auch die Wolke auf dem Acker wandert noch. Der Pflug zieht unermüdlich seine Furchen. Im Osten streckt ein schmaler Waldstrcif sich hin: hochstämmige Föhren mit. kurzem breitem Wipfel. Hinter den braunen Stämmen wird's hell, ganz hell. Ein gelber Schimmer breitet sich aus, immer leuchtender werdend. Und plötzlich spaltet sich die graue Dunstwand des Himmels, und ein glühender Strom rinnt am Horizont entlang. Hinter den hohen Stämmen flammt's auf wie von riesigem Feuer und gießt purpurne Wellen über Himmel und Erde. Der Wald scheint zu brennen. Feurige Lava fließt die braunen Furchen des Ackers entlang. Der Pflug blitzt im Strahl der Sonne. Gesang dringt herauf. Kühn und kräftig. Das ist der Knecht mit den hellen Augen. Er grüßt den Morgen...— Theater. Neue freie Volksbühne sün Deutschen Theater): «Mutter M e w S', niederdeutsches Drama von Fritz Staden- Hägen. Das Leben der Kleinstadt- und Landbewohner spielt sich höchst einfach ab. Zu Konflikten, die weitere Wellenschläge als über einige dörfische Sippen verursachen, kommt es selten. Die große Welt erfährt davon nichts. Oder wenn ja einmal, dann ist's wenig genug. Man regt fich deshalb auch nicht auf. Wundert fich höchstens, oder urteilt voreilig, weil man jener Schichte fremd gegenübersteht. Da tut sich der Dramatiker doppelt schiver. Holt er von dort her seine Stoffe und Probleme, so heißt es für ihn: Bei der Stange bleiben. Jedwedes.Hineingeheimuissen" verbietet fich, falls er ehrlich und ausrichlig erscheinen will, ganz von selber. Tut er das nicht, sondern beschränkt sich auf realistische Treue, so pflegt er nichtsdestoweniger einseitiger Beurteilung zu begegnen. Ich fürchte, daß auch über«Mutter MewS" die Ansickiten sehr auseinandergehen werden. Die Fabel des Stückes ist kurz folgende: Der Fischer Wilhelm Mews lebte mit seiner Frau Elisabeth in den ersten sechs Jahren der Ehe glücklich und einträchtig. Elisabeth geht zwar nicht restlos in der Hauswirtschaft auf. Sie liest gern; sie sucht Befriedigung und Freude in der Belehrung aus populär« wissenschaftlichen Schriften. Der Mann wehrt ihr das nicht. Wozu auch? Sie versieht ja ihre häuslichen Pflichten. Mutter Mews, die oft ms Haus kommt, hat aber stets an der Schwiegertochter was auszusetzen, mäkelt und krakelt in einem fort. Elisabeth ist nun keine gleichgültige Kreatur; sie leidet darunter, je länger, desto mehr. Sie wird die Ahnung nicht los, daß die Schwiegermutter schließlich noch ihr eheliches Glück zerstören werde. Der Mann greist nicht ein. Seiner Mutter mag er das Halls doch nicht ver» bieten; er ist ihr doppelt verpflichtet: fie hat ihm ja all ihr Geld geborgt, damit er fich einen Elver kaufen konnte. Ein» mal ist Mutter Mews nach kurzem Verweilen gegangen. MewS lriegt cS nun aber mit der Angst; er fürchtet, daß ihn fortan in seinen geschäftlichen Unternehmungen das Glück verlassen werde. Elisabeth bezwingt sich also noch einmal, die Alte wieder zurück- zuholen— um des lieben Friedens willen. Mutter MewS bleibt natürlich wie sie war— die Reibung zwischen den beiden Frauen nimmt ihren heftigeren Fortgang. Da ist im Hause auch noch ein jüngerer Bruder des MaimeS. Elisabeth übt auf ihn einen wohl, latigeii Einfluß ans. Früher hat er getrunken: sie hat ihn ganz von dieser Leidenschast abgelenkt. Und er folgt ihr; es webt zwischen den beiden so etwas wie kameradschaftliche Zuneigung. Weiter nichts. Die Alte kann Hugo nun schon lange nicht recht ausstehen. Er weih: sie hat einst den Vater dem Hause entfremdet. Durch ihr Sticheln und Kräkeln, bis er fich dem Trünke ergab. Mit den Söhnen wars genau so gewesen. Hugo steht auf Seite Elisa« beths. Eines Tages kommts zur Katastrophe. Mutter MewS sagt ihr nämlich verblümt: fie zweifle, ob Wilhelm Mews wirklich der Vater seiner zwei Kinder sei. Elisabeth gerät außer sich, fie will mit der FriedenSstöreriMnicht mehr eine Rächt unter einein Dache bleiben. Entweder die geht— oder sie. Ueber daS kommt MewS heim. Die Alte soll nun gerade bleiben— so will erS. Elisabeth, der MewS nach einem brutalen Angriff verwehrt hat, die beiden Kinder mitzunehmen, geht fort, geradenwegs ins Wasser. Ms Tote wird sie kurz darauf zurückgebracht. Hugo überhäuft seine Mutter mit heftigen Vorwürfen und Anklagen, daß sie cS sei, die Elisabeth zum Selbstmord getrieben habe."Dann nimmt er das vorhandene Geld und geht, zum erstenmal nach langen Monaten, ins Wirts- haus. Wilhelm folgt ihm Beide werden Trinker. So schließt das Drama.— Eigentlich ist der Inhalt dürftig. Und so dürftig ist auch die Handlung. Erst im fünften Akt wird sie dramatilch, erregt sie unsere Teilnahme. Aber der Schluß befriedigt wieder nicht ganz. ES müßte, so erwartet man, anders kommen. Freilich, in dem Wort Wilhelms: daß nicht die Mutter, sondern er Schuld am tragi- schen Ende seines Weibes habe, liegt die Lösung. Mutter Mews ist im Grunde eine brave gute Frau, sie hat nur schlechte Gewohnheiten. Würde ihr Verstorbener ihr energisch entgegengetreten sein, so wäre alles besser gewesen. Aber er war nicht Mann genug. Wilhelm war's ebenso wenig. Er durste die Mutter niemals gegen seine Frau Oberwasier gewinnen lassen. In der lebenswahren Zeichnung dieser Frau hat Friß Stavenhagen sein unleugbares Talent bewiesen. Das ganze Milieu ist nicht minder echt, und auch die anderen Personen sind keine blutlosen Schemen. Nur für ein fünf- aktigcs Drama ist das alles doch ein bißchen zu wenig.— Gespielt wurde vorzüglich. Auguste Sch önfeldt bot als Mutter Mews eine glänzende Leistung' Neben ihr standen Hedwig Mangel �Elisabeth), Grete Berget(Liesbeth Nibbe), Albert S t e i n r ü ck(Wilhelm Mews), der auch die Regie führte und Paul Biensfeldt(Hugo). Den ausgezeichneten Darstellern galt wohl zunächst der lebhafte Beifall. Aber doch darf man sagen, daß in Fritz Stavenhagen ein schöne? Talent allzu ftüh dahin- gegangen ist, bevor es Zeit hatte, sein Bestes zu geben. o. k. Schauspielhaus:„Das G lashau s', Lustspiel in drei Aufzügen von Oskar Blumenthal. Seitdem Blumen- ithal sich die anmsanten Einfälle, die manchen seiner früheren Schwanke zu verdientem Lachcrfolg vcrhalfcn, abgewöhnt hat, ist er reif geworden für das König!. Schauspielhaus. Seine leere Reiubrandlsche Kostüm- und VcrSkomödie, mit der er in der vorigen Saison das- moderne Repertoire dieses offiziellen Kunsiinstitutes verzierte, zeigte lbei aller trübseligen Oede der Erfindung wenigstens im leichten wcchselvollen Fluß der Reime noch eine an lbesscre Zeiten erinnernde Gett>andtheit; sein neuestes Schauspiel- Hausprodukt ist Langeweile schlechthin unter konsequentem Verzicht auf Putz utw Ablenkungsmittel. Mühselig und vcrdrosien, wie die Szenenführung, schleppt die geschwätzige Konversation sich hin, die letzten Lichterstümpfchen sind erloschen. Man muß bedauern, daß der Autor die Warnungen vor dem Glashause der Ocffcntlichkcit —'das Leitmotiv der Komödie— so wenig beachtet hat. Den jungen Leuten,-denen hier so eindringlich die menschenfreundliche Weisheit gepredigt wird: Male und dichte, wenn Du es einmal nicht lassen kannst, zu Hause, aber verschone das Publikum mit Stümpereien, gibt er das schlechteste Beispiel. Die malenden und dichtenden Personen, die hier von ihrem Ehrgeize geheilt werden, sind für ihren Mangel an Geist durch einen Ucberflutz von Renten aufs angenehmste entschädigt. Und die splendide Gebelaune des Dichters macht selbst vor dem simplen Jurnalisten, der den Warner zu spielest und am Schlüsse die fällige Berlobung zu exekutieren hat, nicht Halt. Noch bevor er seinen Antrag ausspricht, hat der Mann der Feder durch Freunde als würdige Statte feines künftioen Glückes eine hochherrschaftliche Villenwohnung im Grunewald für sich mieten lassen. Noblesse steckt an. Seine Erwählte ist ein Agrarierfräuleim das in der Unschuld ihrer achtzehn Jahre ein Drama verbrochen hat und diese Schreckenstat durch die Vermittelung eines Spekulanten, der die Ausbeutung der kommenden, noch unbekannten, aber zahlUNgs- fähigen Genies als lukratives Geschäft betreibt, auf einer Berliner Versuchsbühnc zur Aufführung bringen will. Die zwei ersten Akte lang glaubt sie, trotz-der Beredsamkeit des Doktors, an ihr Drama, im dritten an die Liebe, was beides gleichmäßig wenig unterhaltend wirkt. Ein Rentier Guhl und Gemahlin, die beide den Pinsel schwingen, werden bereits im zioeiten Akt kuriert. Um die Gattin über den Spott zu trösten, den ihr Gemälde in der AuS- stellung erregte, kauft er es heimlich mit einem Tauscndmarkschcin an, und sie benutzt den braunen Lappen dazu, seinem Malerherzcn dieselbe Freude zu bereiten. Entdeckung und Bekehrung, schleuniger Entschluß zur Flucht aus der Ocffentlichkeit.—• Der Versuch einer Satire auf das moderne Uebermenschtum-Getue in der Literatur bletbt in mageren, unverarbeiteten Ansätzen stecken. Wie blaß nimmt sich die Figur des indivi-duälitütsbegeistcrten Dachpappen- ßbrikanten-Söhnchcns, das dem Spekulanten in die Netze geht und nn durch Sperre der mütterlichen Gelder ins Kontor zurückge» trieben wird, gegenüber dem Original, dem Edekniarchisten-Jiing- ling im Bahrschen„Meister" ans! Aehnlich ist es um die betagte Gutsbesitzerdame, die bei dem Verleger ihre„Sehnsüchte" und „Dränge" in Buchform erscheinen läßt, bestellt. Die Satire be- gnügt sich mit dem. ivas zu beliebigem Gebrauche am allernächsten liegt. Auch der Gestalt des Spekulanten in Genie gewinnt der Autor nur äußerst dürftige, in einigen Schlagworten sich resllmie- rendc Komik ab. Di« Darstellung, wie eS Regel in solchen Stücken, war sehr gc- schickt. Was irgend möglich, holten die Schauspieler, darunter erste Kräfte des Hauses, aus ihren Rollen. fcerauS. Das Publikum gefiel sich in dem üblichen Premierenboifall. ckt. Literarisches. Jakob David ist in Wien am letzten Dienstag dem Lungen- krebs erlegen. Unter den Vertretern des literarischen Jung-Oester- reichs ist er an erster Stelle mit zu nennen. Die spezielle Wiener Note besitzt seine dichterische Produktion nicht, obwohl er seit seiner Universilätszeit, nunmehr also seit etwa dreißig Jahren in Wien seinen festen Wohnsitz hatte. Jakob Julius David war am 6. Februar 18ö9 zu Weitzkirchen(Mähren) als Sohn armer Juden geboren. Seine erste Jugend verlebte er aber in Fnlnek, dem Hauptort des sogenannten„Knhländchens", wo einst die mährischen Brüder ihr Bistum gehabt hatten. Der Knabe war viel von Krankheit geplagt. Eigentlich ist David niemals gesund gewesen. Seit seinem vier- zehnten Jahre trat, als Folge eines Kopflhphns, Schwerhörig- keil hinzu, die über des Dichters Gemüt den Schleier stetiger Schwermut breitete und ihm den Lebensweg nur noch bitterer machte. 1866 verlor David seinen Vater, der ein Mann von gewalt- tätigem Sinne gewesen war. Nach seinem Tode zerfiel der Wohl« stand, und gänzliche Verarmung zog ein. David hatte also von früher Jugend an mit Not und Entbehrungen aller Art zu kämpfen gehabt. Trotzdem brachte er seine philosophischen Studien an der Wiener Universität zum Abschluß. Dann hieß es: sich im Leben zu behaupten. Das Lehrfach war ihm ja infolge seines Gehörfehlers ohnehin verschlossen. So betrat er die Laufbahn des Journalisten und Schriftstellers. Er mußte in der kapitalistischen Presse fronen. m„Reuen Wiener Journal" hatte er unter Ingrimm ausländische agespolitik und die Theaterkritik zu behandeln, obwohl er alle« andere denn ein Journalist tvar. Dazu war er zu schwer, zu ernst und zu— aufrecht. Zuletzt lächelte ihm noch ein wenig das Glück; unter dem Ministerium Koerber erhielt er eine Sinekure an der offiziösen.Abendpost". Eine poetische Natur war er. Aber ihr ging die grazile Leichtigkeit der Wiener ab-; sie besaß Erdenschwere. David ivar ein einsamer Mensch, konnte sich nie so recht mitteilen. DieS Merkmal durchzieht auch seine Schriften. Er schrieb„sehr schwer unter starken Wehen". Er trug seine Stoffe, nach eigenem Geständnis, „ins Endlose" mit sich, ehe er sich entschließen konnte, sie„abzustoßen". Anfangs stand er unter dem Einfluß der Dichtungen des Schweizers Konrad Ferdinand Meyer. Es kostete ihn Mühe, jene Einwirkung zu überwinden; aber er überwand sie, weil es ihn immer zur Totalität drängte. David hat eine reiche Produktivität entfaltet. In seinen Erzählungen(„Höferecht",„Die Wiedergeborenen",„Pro- bleme",„Frühschein",„Troika" usw.) bevorzugt er Stoffe ans dem deutschen Mittelalter. Seine Personen tragen tiefen Ernst und Re- signation zur Schau. Soziale Probleme werden wohl meistens angeschlagen; sie bilden aber nicht die Hauptsache. Das ist jedoch der Fall in Davids Roman„Am Wege sterben". Es wird darin das Zigennertum unter der Wiener Studentenschaft geschildert.„Helden" sind aber alle, die da„am Wege sterben". Die? ist übrigens das einzige Werk, das ans Wiener Boden spielt. Als spezifischer Lyriker hat sich David in Gedichten bewährt. Da kommt seine schwermütige Art, sein Ein- samkeitslcben am reinsten zur Geltung. Und auch sein Notleben. Die Sorge war ja sein„getreuester Begleiter" geblieben— bis an; Ende: „Ich Hab' kein Haus, üch Hab' kein Nest, Ich Hab' kein' Hochzeit und kein Fest; Ich Hab' kein Hof, ich Hab' kein Feld, Ich Hab' kein' Heimat auf der Welt. Am Himmel selbst der Schauerstrich, Den fürchten sie nicht so wie mich; Mir aehts nicht gut, mir gchtS nicht schlecht— Und so gerade so ists recht"... David hat auch mehrere Dramen geschrieben. Sein Schauspiel „Neigung" rst hier vor mehreren Jahren im Verein der„Neuen freien Volksbühne"— Giampietro spielte die Hauptrolle— mit schönem Erfolge zur Aufführung gekommen. Ein anderes Stück: „Ein Regentag" entbehrt zwar des eigentlichen dramatischen Nervs; doch ist eS dadurch für David charakteristisch, daß hier, in Kitty, ein urwienerisches leichtsinniges Mädel mit genialen Strichen gezeichnet wird. Der große Erfolg ist dem Schaffen Davids versagt geblieben. Er beugte sich eben niemals der Mode des TageS. Das spricht mehr als alles andere für seinen hohen schriftstellerischen Charakter. Ihn hielt„die Zustinimuiig Wissender" aufrecht. Und aufrecht wäre David auch ferner durchs Leben gegangen— wenn ihm ein solches beschieden gewesen wäre. Unserem Leserkreise ist David vertraut. Sowohl im Unter- halrungsblatte wie in der„Neuen Welt" haben sie ihn kennen und schätzen gelernt und sich seiner Gaben gefreut. Im Unterhaltungs« blatt erschienen u. a. von ihm die Erzählungen„Das Blut"(Jahr- gang 1899) sowie„Das Ungeborene"(Jahrgang 1905). Die„Neue Welt" brachte den Roman„Am Wege sterben"<1901) und die Er- Zählungen„Die Troika"(1902),„Der Uebergang",„Die Hanna" (1904). Auch während seiner letzten Krankheit hörte Jakob David nicht auf zu schaffen. Seine Krankheit selbst nahm er zum Gegen- stände einer Schilderung, die in der„Neuen Rundschau" erschien. Ein Band Essays„Vom Schaffen" wird bei Diederichs in kurzem erscheine». Vcrantw. Redakt.: Earl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerIagsanstaltPaulSingerScCo.,BerlinLW.