Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 230. Mittwoch, den 23. November. 1906 Machdruck verboten.) 411 Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Was dieser Zufall für ihn bedeutete, wurde Jurgis erst ganz allmählich klar; denn es stellte sich mit der Zeit heraus, daß diese Maschinenfabriken zu denjenigen Anstalten ge- hörten, auf die Philanthropen und Reformatoren mit Stolz hinweisen. Man kümmerte sich hier um die Arbeiter; die Arbeitssäle waren groß und luftig: es gab eine Restauration, in der sich die Arbeiter gutes und billiges Essen kaufen tonnten; außerdem ein Lesezimmer und anständige Räume, in denen die jungen Mädchen ihre Ruhestunden verbringen konnten. Auch war die Arbeit nicht annähernd so schmutzig und ekelerregend wie in den Schlachthöfen. Mit jedem Tage entdeckte Jurgis mehr von diesen Dingen,— Dinge, die er nie erwartete, ja die er sich nie hätte träumen lassen!— und schließlich kam ihm die Fabrik wie eine Art Himmel vor. Es war ein ungeheures Etablissement, das hundert- und sechzig Morgen Landes umfaßte und fünftausend Leute beschäftigte; es brachte jährlich etwa dreimalhunderttausend Maschinen hervor,— einen großen Teil aller Ernte- und Mähmaschinen, die im Lande gebraucht wurden. Jurgis sah davon natürlich nur sehr wenig,— es war alles Spezial- arbeit, ebenso wie in den Schlachthöfen; von den Hunderten einzelner Teile einer Mähmaschine wurde jeder für sich her- gestellt und ging manchmal durch hundert Hände. Wo Jurgis arbeitete, stand eine Maschine, die gewisse Stahlstücke von etwa zwei Ouadratzoll Größe zerschnitt und formte; die Stücke fielen auf ein Tablett heraus, und die Menschenhände hatten weiter nichts zu tun. als sie in geraden Reihen auf- zubauen und die Tabletts dann und wann zu wechseln. Dies tat ein einziger Knabe, der mit Blicken und Gedanken völlig in der Arbeit aufging und dessen Finger so rasch hin- und herflogen, daß das Geräusch der aneinander klappernden Stahlstücke wie die Musik eines Schnellzuges klang, wie man sie nachts im Schlafcoups zu hören pflegt. Dies war natür- lich Stückarbeit, und es war außerdem dafür gesorgt, daß der Knabe nicht faulenzte, denn man ließ die Maschine so rasch arbeiten, wie es im Hinblick auf k>ie äußerste Ge- schwindigkeit menschlicher Hände möglich war. Dreißig- tausend solcher Stücke gingen täglich durch seine Hände, neun oder zehn Millionen pro Jahr— wie viele in einer Lebens- zeit, das mögen die Götter wissen! Dicht neben ihm saßen Männer über schwirrende Schleifsteine gebückt und legten die letzte Hand an die Stahlmesscr der Erntemaschinen; sie nahmen sie mit der rechten Hand aus eineni Korb, drückten erst eine, dann die andere Seite an den Stein und ließen sie dann mit der linken Hand in einen anderen Korb fallen. Einer von diesen Männern erzählte Jurgis, daß er in den letzten drei- zehn Jahren täglich dreitausend Messer geschliffen habe. Im Nebenraum befanden sich wunderbare Maschinen, die lange Stahlstangen ganz allmählich verschlangen, abschnitten, die Stücke faßten, sie mit Köpfen versahen, schliffen und polierten, durchbohrten und dann in einen Korb fallen ließen,— vollständig bereit zum Zusammenfügen der Maschinenteile. Aus eiuer anderen Maschine gingen Taufende von stählernen Niet- nägeln hervor, die zu diesen Bolzen paßten. An anderen Stellen wurden alle diese verschiedenen Teile in Farbentröge getaucht und zum Trocknen aufgehängt; dann wurden sie auf Rollwagen in einen anderen Saal befördert, wo sie von einer Anzahl von Männern mit roten und gelben Streifen versehen wurden, um auf den Erntcfeldcrn einen freundlichen Eindruck zu machen. Jurgis' Freund arbeitete oben in den Gießsälen, und seine Aufgabe bestand darin, die Gußformcn für einen be- stimmten Teil herzustellen. Er schaufelte schwarzen Sand in einen eisernen Behälter, hämmerte ihn fest zusammen und stellte ihn zuin Hartwerden beiseite; dann wurde er heraus- genommen und geschmolzenes Eisen hineingegosien. � Dieser Mann wurde auch pro Form bezahlt, oder vielmehr für jeden tadellosen Guß, so daß nur etwa die Hälfte seiner Arbeit in Berechnung kam. Man konnte ihn mit Dutzenden von an- deren Männern zusammen so angestrengt arbeiten sehen, als ob er von einer ganzen Schar von Dämonen besessen wäre; seine Arme flogen hin und her, wie die Treibachsen einer Lokomotive, sein langes, schwarzes Haar hing wirr um den Kopf, die Augen traten aus den Höhlen, und der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht herab. Wenn er den Sand�in den Behälter geschaufelt hatte und die Hand nach dem Stampfer ausstreckte, um ihn festzustampfen, so geschah es nach Art eines Kanoeführers, der einen Stromwirbel hinabschicßt und beim Anblick eines unterm Wasser hervor- schimmernden Felsens nach einer Stange greift. Den ganzen Tag über arbeitete der Mann auf diese Weise; sein einziger Gedanke bestand darin, daß er versuchen wollte, statt zweiund- zwanzigeinhalb dreiundzwanzig Cent pro Stunde zu der- dienen; und dann wurde seine Arbeit vom Schätzmeister notiert, und triumphierende Jndustriegrößen rühmten sich dieser Erfolge bei ihren Festessen und erzählten, daß unsere Arbeiter fast doppelt so viel leisten wie die irgend eines an- deren Landes. Wenn wir die größte Nation sind, die jemals von der Sonne beschienen wurde, so scheint das einzig und allein daran zu liegen, daß wir unsere Tagelöhner zu einer wahren Raserei anzutreiben verstehen. Es gibt jedoch auch einige andere Dinge, durch die wir uns auszeichnen,— z. B. unseren Getränkkonsum, der sich auf ein und eine viertel Milliarde Dollar pro Jahr beläuft und sich alle zehn Jahre verdoppelt. Es gab eine Maschine, die eiserne Platten stampfte, und eine andere, die ihnen mit einem mächtigen Stoß die Form des Sitzteiles des amerikanischen Farmers verlieh. Dann wurden sie auf einen Rollwagen geladen, und Jurgis hatte die Aufgabe, sie nach dem Saal zu befördern, wo die Ma- schinen„versammelt" wurden. Das war für ihn das reine Kinderspiel, und er bekam dafür einen Tagelohn von einem Dollar und fünfundsiebzig Cent. Am Sonnabend bezahlte er die fünfundsiebzig Cent, die er Aniele wöchentlich für die Benutzung ihres Bodenraumes zu zahlen hatte; auch löste er seinen Mantel wieder ein, den Elzbieta während seiner Ge- fängniszeit ins Leihhaus gebracht hatte. Das war ein wahrer Segen. Man kann in Chicago nicht mitten im Winter ohne Mantel un, hergehen, ohne da- für büßen zu müssen, und Jurgis mußte täglich fünf oder sechs Meilen gehen oder fahren, um zu seiner Arbeit zu ge- langen. Es traf sich zufällig, daß dieser Weg halb nach einer, halb nach der anderen Richtung ging, so daß man bei einer Fahrt umsteigen mußte; das Gesetz schreibt vor, daß für die Uebcrgangsstationcn Umsteigekarten gegeben werden sollen, aber die Eisenbahngesellschaft hatte diese Bestimmung geschickt umgaugeit, indem sie verschiedene Eigentümer vorschützte. So mußte er, wenn er fahren wollte, nach jeder Richtung zehn Cent zahlen, und so gingen zehn Prozent seiner Einnahme an diese Großmacht über, die ihre Gerechtsame vor langer Zeit durch Bestechung des Stadtrats erhalten hatte, trotz des allgemeinen lauten Widerspruchs von feiten des Volks, der fast in einen Aufstand ausartete. So müde er abends war, und so dunkel und bitterkalt die Morgenstunden waren,— Jurgis zog es doch im allgemeinen vor. den Weg zu Fuß zu machen; in den Stunden, in denen andere Arbeiter zu fahren pflegten, hielt das Straßenbahnmonopol es für ratsam, so wenige Wagen einzustellen, daß die Leute sich an jeden Fuß- breit anklammerten und oft auf dem schneebedeckten Dach des Wagens kauerten. Die Türen konnten natürlich nicht ge- schlössen werden, und so war es in den Wagen fast ebenso kalt wie draußen; Jurgis hielt es daher wie viele andere für richtiger, sein Fahrgeld für ein Getränk und ein zweites Frühstück auszugeben, um sich zu seiner Fußwanderung zu stärken.. � Aber dies waren alles nur Kleinigkeiten für einen Mann, der aus Durhams Düngermühle entkommen war. JurgiS begann tviedcr Mut zu sammeln und Pläne zu machen. Sein Haus hatte er verloren, aber dafür war auch die furchtbare Last der Miete und Zinsen von seinen Schultern gefallen. und wenn Marija erst wieder gesund tvar, dann wollten sie von vorn anfangen und sparen. In dem Saal, worin er arbeitete, war ein Mann— ein Litauer wie er selbst,— von dem die anderen nur in bewunderndem Flüsterton sprachen wegen der fabelhaften Dinge, die er ausführte. Den ganzen Tag üfcct saß er an der Maschine und machte Bolzen; und abends ging er in eine Schule, um Englisch zu studieren und Lesen zu lernen. Da er eine Familie von acht Kindern be- saß und sein Verdienst deshalb nicht ausreichte, diente er außerdem noch an Sonnabenden und Sonntagen als Wächter; er mußte als solcher alle fünf Minuten auf ,mei Knöpfe drücken, die sich an den entgegengesetzten Enden des Gebäudes befanden, und da der Weg ihm nur zwei Minuten kostete, so konnte er zwischen diesen Wanderungen immer drei Minuten lang studieren. Jurgis war ein wenig eifersüchtig auf diesen Menschen, denn das war gerade das, wie er es sich vor zwei oder drei Jahren erträumt hatte. Vielleicht konnte er es doch noch einmal so weit bringen, wenn sich ihm nur eine Gelegen- heit bot; er konnte die Aufmerksamkeit auf sich lenken und ein geschickter Facharbeiter werden, oder gar ein Meister; das war in dieser Fabrik schon manchmal vorgekommen. Wenn Marija z. B. eine Stelle in der Abteilung für Garbenbänder bekäme I Dann konnten sie alle in diese Gegend ziehen und die Gelegenheit wirklich ausnutzen. Mit einer solchen Hoff- nung vor Augen verlohnte es sich der Mühe, zu leben! Eine Stelle zu haben, wo man wie ein Mensch behandelt wurde— bei Gott! er wollte ihnen schon zeigen, wie sehr er das zn schätzen wußte! Er lachte vor sich hin, als er daran dachte, wie er sich an seine jetzige Arbeit klammern wollte. Und dann eines Nachmittags, am neunten Tage seiner Anstellung, sah er, als er seinen Mantel holte, daß eine Gruppe von Männern vor einem an der Tür befestigten Plakat ver- sammelt war. und als er hinging und fragte, was es gäbe, sagten sie ihm, daß die Abteilung der Maschinenfabrik, in der er arbeitete, vom nächsten Morgen ab bis auf weiteres ge- schlössen sein werde. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten� Me das pctroUum entstand. Von Dr. Karl Reimer. Wieder find die Tage gekommen, in denen der trauliche Lampenschein uns viele Stunden hindurch Ersatz bietet für das frühe Verschwinden der leuchtenden Sonnenschcibe. Es mag eine garstige Zeit gewesen sein, als sich der Mensch zur Erleuchtung seiner Wohnräume mit dem Kienspan und der Unschlittkerze be- ynügen mutzte, und selbst die Rüböllampe,' wenngleich schon ein erheblicher Fortschritt, verbreitete nur ein mattes Dämmerlicht, das uns heute sehr wenig behagen würde. Um so dankbarer mützcea wir sein, datz wir im Petroleum ein Beleuchtungsmittel besitzen, das. wenn es auch von anderen Lichtarten in der Leuchtkraft über- troffen wird, doch ausreichend die Dunkelheit um uns her zer- streut. Aber wir sind ein eigennütziges Geschlecht. Wir nehmen die Schätze der Natur als selbstverständliche Geschenke hin, und so fragen wir auch beim Petroleum nicht danach, woher es stammt und wie es sich bildete. Das Petroleum ist, so sonderbar es klingt, ein« Gab« des Meeres. Das wird schon dadurch artgedeutet, datz die Petroleumdistrikte oftmals mit Salzlao statten vergesellschaftet sind. Das Salz ist aber zweifellos ein Produkt des Meeres. Aber es finden sich noch andere Hinweise vor, datz die Stoffe, aus denen das Petroleum hervorging, im Meer abgelagert wurden. So ist das Petroleum vorwiegend in Gesteinsschichten anzutreffen, die ehemals vom Wasser durch die Absetzung und Anhäufung von mineralischen Schwebestoffen aufgebaut wurden, Itud dies« Gesteine, enthalten zugleich zahlreiche Reste von Meerestieren verschiedener Art. Bei- fpiclsweise ist der galizischc Mcnilitschicfer, der sich über die dortigen Pctroleumlagerstätten hinzieht, massenhaft durchsetzt mit Resten von Fischen, die zu den Heringen zu rechnen sind. Andere Gestcinsartcn der Pctroleumgebiete wieder dürfen als der zurück- gebliebene Niederschlag von �Myriaden von Meerurtierchen an- gesehen werden, deren feste Schalen und Panzerchen sich zu laug- gestreckten Bänken zusammenschlössen. Die Ablagerung derjenigen Stoffe, aus welchen sich das Petroleum entwickelte, geschah nicht nur ein einziges Mal, sondern sie wiederholte sich mohrfach. Die petroleumführenden Schichten gehen von Gesteinsbildungen, die aus verhältnismäßig junger Zeit entstanden, bis unter die Lagerstätten der Steinkohlen hinab. In Rumänien bedarf es noch heute nur einer Flachbohrung, um zu der obersten Petroleumansammlung zu gelangen. Aehnlich ver- hielt es sich früher in Galizien und Baku. Gegenwärtig mutz man aber hier die Bohrungen bis zu SOO Meter und darüber hinab- führen. Noch tiefer hinab reichen mitunter die Bohrungen in Pcnnsylvanien. Und oft sind gerade die untersten Ansammlungen die reichsten. Zahllose Jahrtausende hindurch war demnach das Meer tätig, um den Grund zur künftigen Bildung von Petroleum zu legen. Aber die einzelnen, übereinander angeordneten Petra- keumlagerstätten stehen nicht miteinander in unmittelbarem Zu- sammenhang. Sie werden vielmehr durch Gesteinsschichten von ein- ander getrennt, die nicht petroleumhalttg find. Es mutz also von Zeit zu Zeit ein Wechsel in den Verhältnissen eingetreten sein, von denen die Anhäufung der petroleumliefernden Stoffe abhing. Dieser Wechsel äußerte sich dadurch, datz das Meer eine gewisse Periode hindurch aus seinem alten Verbreitungsgebiet verdrängt wurde, so datz nun dort, wo vordem seine Fluten rauschten, festes Land auftauchte. Während dieses Zeitraumes entstanden Auf- lagerungcn auf dem Festland. Das Land senkte sich dann abermals und wurde von neuem vom Meer überflutet. Nun setzte das Meer wiederum Stoffe ab, die geeignet waren, später Petroleum zu bilden. Nach Jahrtausenden wurde das Land wieder frei vom Meer, und neue Ablagerunyen breiteten sich über ihm aus. Dann wurde es abermals vom Meere begraben, das seine Arbeit von neuem auf- nahm, indem es, wie schon vorher, Stoffe absetzte, die die Bildung von Petroleum ermöglichten. Dieses Spiel schuf in der Vergangen- heit jene Ucbereinandcrlagerung von petroleumhaltigcn und petroleumfreien Gesteinsschichten, wie wir sie jetzt in der Erdkruste antreffen. Die Stoffe, die sich auf dem Boden des Meeres niederschlugen und später das Petroleum lieferten, waren die Leiber toter See- tiere. Wie in der Gegenwart unablässig Millionen von Tieren. von den winzigen Ruderkrebien und Wurzelfüßern angefangen bis zu den Walen hinauf, im Meer absterben und in die Tiefe hinab- sinken, so hielt auch in der fernen Vergangenheit unter den Meeres- bowohnern ununterbrochen der Tod eine reiche Ernte, und alle diese tierische Substanz, die auf den Meeresboden hinabglitt, vurde vom Schlamm aufgefangen und umhüllt. Dieser Prozeß, Jahrtausende hindurch sortgesetzt, mutzte schon erhebliche Massen tierischer Stoffe auf dem Meeresboden aufstapeln. Aber dort, wo sich heute die Petroleumgcbiete erstrecken, halfen noch besondere Umstände dabei mit, um die Anhäufung von Tierkörpern zu begünstigen. Tie See- tiere vertragen nur einen bestimmten Salzgehalt des Wassers. Geraten sie in Wasser von ungewöhnlich hohem Salzgehalt, so sterben sie ab. In Buchten und Becken nun, die sich von der großen tzeanfläche durch Landzungen abgeschnürt haben und mit ihr nur noch durch einen schmalen Kanal tn Verbindung stehen, nimmt der Salzgehalt mit der Zeit mehr und mehr zu. da das Wasser ver- dunstet, während das Salz gelöst zurückbleibt. Eine solche Ab- schnürung des Kaspischen Meeres ist die Adschidarjabucht. Es führt zu ihr vom Kaspischen Meer ein 5 Kilometer langer Kanal hin, der aber nur IM bis IVO Meter breit ist. Vom Kaspischen Meer fließt in die Bucht unausgesetzt eine große Waflermettge, die zahllose Tiere mit sich fortreißt. Da der Salzgehalt der Bucht 17 Prozent beträgt, während das Kaspische Meer nur einen Salzgehalt von 1 Prozent aufweist, so werden alleJTiere, die in die Bucht hinein- gelangen, getötet. Selbst die kolossalen Scharen von Fischen, die zum Laichen in die Bückt einziehen, sterben darin ab. So häufen sich auf dem Boden der Adschidarjabucht immer von neuem gewaltige Massen tierischen Materials an. Man kann daher diese Bucht als ein im Entstehen begriffenes Petroleumgebiet betrachten. Dieselben Verhältnisse, die sich heute bei dieser Bucht geltend machen, bewirkten in der Vorzeit die Bildung von Petroleumlagcr- stätten. Dort, wo man jetzt Petroleum findet, dehnten sich ehemals Buchten und Strandseen ans, die vom Meer zum größten Teil abgeriegelt waren und mit ihm nur noch durch enge Durchlässe zusammenhingen. In Pennshlvanien lassen sich die Petroleumgebiete verschiedentlich deutlich als alte Mcerbuchten erkennen, hie tief in das Gebirge eingriffen. Das ungeheure Pctroleumgebiet, das sich vom Fuß der Karpathen durch die Moldau und Walachei nach der Krim und dein Kaukasus hinzieht und sich bis zum Aralsee fortsetzt, ist eine Schöpfung des Meeres, das im Tertiär sich über diese ganze Länderstrecke ausbreitete. Dieses Meer wich allmählich zurück und löste sich dabei in einer Reihe von einzelnen Becken auf, als deren letzte Reste sich noch heute das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und der Aralsee erhalten haben. In diesen Becken wuchs der Salz- aehalt mehr und mehr, und so wurden sie zur Grabstätte unzähl- barer kleiner und größerer Seetiere und damit zu Bildungsherden des Petroleums. Natürlich vergingen große Zeiträume bis diese Binnenseen völlig eintrockneten. Ihre lange Erhaltung aber be- günstigte gerade die bedeutende Ansammlung von Tierkörpern. Wenn in dem galizischen Meerbecken jährlich so viel Heringe gu Grunde gingen, als gegenwärtig' in den nördlichen Meeren gefaruyn werden, so waren nach einer angestellten Berechnung etwa 2500 Jahre nötig, um dasjenige tierische Material anzusammeln, welches dem Petroleumvorrat Galiziens endspricht. Die vom Meerschlamm umhüllten Tierkörper erfuhren nun Umsetzungen, deren Endergebnis das Entstehen des Petroleums war. Die Muskulatur und alle anderen Teile, die sich aus stick- stoffhaltigen Etweitzstoffen zusammensetzten, wurden durch die Ver- wcsung völlig zerstört, die stickstofffreien Fette hingegen unterlagen einem Verseifunysprozetz, so datz sie sick zu Fettwackts umwandelten, der dann durch Druck und Wärme in Kohlenwasserstoff und. Wasser zerffel. Aus den Kohlenwasserstoffen ging dann das Petroleum hervor, das bekanntlich im wesentlichen aus flüssigen Kohlenwagcr- stoffen besteht. Je nach dem Druck und der Temperatur, die zu- sammen wirkten, wurden verschiedenartig« Kohlenwasserstoffe er- zeugt. Hierdurch erklären sich die kleinen Abweichungen in der Zusammensetzung der einzelnen Petroleumsorten. Daß dies der wirkliche Verlauf war, hat das Erperiment bewiesen. Fischtran, der unter einem Druck von 10 Atmosphären erwärmt wurde, lieferte ein Gemisch von Kohlcntvasscrstoffen, das mit den: ungereinigten Petroleum durchaus übereinstimmte. Aber auch Befunde in der Natur sprechen für einen derartigen Entstohunysprozctz. In Kanada hat man in Kalkablagerungen die gekammerten Schalen von Arnmoniten, einer Gruppe ausgestorbener Tintenschnecken, mit kleinen Mengen von Petroleum angefüllt vorgefunden, das nur aus den Fettstoffen dieser Tiere herrühren konnte. An der ägypttschen Küste des Roten Meeres ziehen sich auf langen Strecken Korallen- bänke hin, deren Erbauer auf der Wasserseite leben und weiter wachsen, auf der Landseitc aber absterben und austrocknen, so daß hier ein durchlöcherter Kalkfels übrig bleibt. In den Löchern dieser Kalkfelswande sammelt sich nun soviel Petroleum an, daß es von den Fellahs ausgeschöpft und als Brennstoff verwendet wird. Dieses Petroleum entsteht aus der Zersetzung der Fettstoffe aus den Leibern der abgestorbenen Korallentierchen. War das Petroleum in der Vorzeit im Untergrund des Meerbodens gebildet, so wurde es von den grohen Sandbänken, die heute die ergiebigsten Quellen der Petroleumfundstätten darstellen, aufgesaugt oder es sickerte in Spalten und Klüfte hinein, bis es auf größere Hohlräume stieß die es als natürliche Reservoirs allmählich ausfüllte. Fkleines Feuilleton. Von Orden und Ehrenzeichen. ES ist in den letzten Jahren gar viel von jenen glänzenden Dingen die Rede gewesen. Was muß man tun, umsein hochbeglückter Ordensträger zu werden? Hier ist nach wirklichen Vorgängen eine Anleitung. In einem westdeutschen Fürstenlande hielt sich als Buchhandlungsgehülfe ein junger Mann auf, der sich in der„Gesellschaft" durch Verfassen von Ballgedichten vorteilhaft bekannt gemacht hatte; er nannte die lieben Mädchen des Balles„Grazien", worauf er den Blüten- reim„Akazien" machte. Der Erfolg dieses Gedichtes gab ihm Mut, im Staatsblatte des Reiches ein Prcislied zu singen auf die land- schaftlichc Schönheit des Landes und die Herzensgüte seines Herrschers— solche sind ja stets an allen Tugenden reich. Seine Hoheit, der das Kunstwerk ins Auge fiel, wurde gerührt über die Schönheit seines Reiches und die Güte seines durchläuchtigen Herzens. Ein Hofbeamter bot dem Jünglinge den Hausorden an — oder falls ers wünschte, wie es bei seinem Einkommen wohl möglich sei, ein hochfürstliches Geschenk, da ja bei dem glänzenden Talente des Dichters späterhin der Orden doch wohl noch nach- käme. Der Dichter zauderte nicht, und da er sich gerade mit seinem Chef gezankt hatte, nahm er das Geschenk und verließ das besungene Land, sonst— wäre er Ordensritter. Ja, die Gedichte! Das ist es. Damit hat es ja der Feld- scherssohn Schiller vom nippigen Bürgerlichen zum Herrn von Stande gebracht. Diese Erfahrung machte sich ein ebenfalls her- vorragender Dichter Süddeutschlands zunutze, als vor 25 Jahren Kaiser Wilhelm der Große den bekannten, gerade jetzt gefeierten Erlaß gegeben hatte. Jener Poet verfaßte ein Loblied auf den Kaiser und feinen eigenen Landesherrn, der den Seinen den Erlaß seinerseits warm empfohlen hatte. Das Poem ließ der Dichter auf Seide drucken mit Goldbuchstaben und in purpurnen« Samteinbande mit untertänigster Widmung. überreichen. Und siehe— der Orden kam. Da bald andere Fürsten den Berliner Erlaß ebenfalls„zur Nachachtung" empfahlen, so erhielten auch diese nach entsprechender Namensänderung das gleiche Gedicht in Samt und Seide— und der Orden kam. Der Dichter erschien auf dem nächsten Winter- balle mit einem halben Dutzend von Sternen, dieser glückliche Mensch. Ein anderer Ordensmann war nicht selbst von der Muse beschattet worden, aber seine Frau Rosalie dichtete für das Blättchen ihres Mannes alles Nötige. Da geschah es, daß im fürstlichen Hause eine königliche Hoheit das Licht der Welt er- blickte. Frau Rosalie feierte die hohe Tat des Storches in schwung- vollster Weise, das Vlättchcn erschien als Fcstnummer. Das Gedicht der Seinigen ließ der Herausgeber recht hübsch auf feinstes Papier«nit Goldrand drucken und durfte es dem erlauchten Papa überreichen. Der Orden kam. Bald darauf wurde eine hohe Frau des Nachbarstaates auch von einein Prinzen, Frau Rosalie aber von einem, dem ersten bis auf die Namen ähnlichen Glückwunsch- gedichte entbunden. Und der Orden kam. Das für alle Teile so freudige Ereignis wiederholte sich fünfmal. Da glaubte der Herr Verleger und Dichteringemahl, es sei nötig, seinen literarischen Ruhm noch auszubreiten und erbot sich zur Leitung einer großen Zeitung. Deren Verleger hatte hohe Achtung vor dem Ordens- manne, bald, alsbald sah er, daß dessen Kenntnisse Geflunker waren. Der Zauber der Orden war für diesmal gebrochen— aber der Gute trägt sie noch und die Bürger sind stolz auf den �.ausgezeichneten" Mitbürger. O. K. Flugversuche in früheren Zeiten. Von der„Er- oberung der Luft" spricht bei Gelegenheit der neuen Flugversuche Santos Dumonts W. E. Garrett Fisher in einem inter- essanten Artikel der Londoner„Tribüne", in dem er auch von Flugversuchen in früheren Zeiten berichtet. Es ist fraglich, ob die Flugleistungen des Brasilianers nicht schon von einer Reihe von früheren Experimenten überboten worden sind, von denen die Geschichte nur unsichere Berichte überliefert hat. Schon seit langen« haben die Menschen versucht, aus einen« genauen Studium des Vogelfluges die Konstruktion einer einfachen brauchbaren Flug- Maschine zu finden. Bischof Wilkins, einer der ersten, die sich mit dem Problem der Fliegekunst wissenschaftlich beschäftigt habe««, hat eine Anzahl von Tatsachen gesammelt, die das beweisen.„Es wird berichtet", so schreibt er,„daß ein englischer Mönch, genannt Elmerus, schon zu Wilhelm des Eroberers Zeiten Flügel für sich gefertigt habe, mit denen er wohl eine Achtelmeile weit fliegen konnte; auch wissen wir. daß ein„weiser Mann" von der Spitze des Markusdoms in Venedig sich in die Luft schwang und wie ein Vogel dahinsegelte; ein ähnlicher Fall wird aus Nürnberg be- richtet. Busbequius teilt die genauen Einzelheiten von einem Versuch mit, den ein Türke in Konstantinopel sehr erfolgreich unter- nahm." Die Sehnsucht nach Ueberwindung der Erdenschwcre, die in der griechischen Phantasie die Sage vom Himmelanfliegenden Dädalus erstehen ließ, ist durch das ganze Mittelalter hindurch mit dem Glauben an magische Kräfte und übernatürliche Zauber- kunst genialer Geister verknüpft. Der Mantel des Faustus, mit dem er stolz wie ein Adler aus Sturmesflügeln dahinsaust, gehört zu dem Bilde des lveiscn Meisters, das damals so viele zu der- wirklichen trachteten. So wird berichtet, daß ein„zauberhafter Mann" namens Gianbattista Dante aus Perugia mehrere Male um den Trafimenischen See herumflog, von großen Schlvingen getragen, bis einer feiner Flügel ihm versagte, er herabstürzte und ein Bein brach. Das erste genau beobachtete Experiment dieser Art unternahm in den« Jahre 1742 der Marquis von Watteville, der von seinem Hause in Paris quer über die Seine fliegen wollte. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich versammelt, um dem Schau- spiel beizuwohnen. Wirklich vollführte der Marquis auch den größeren Teil seines Planes, bis ihn gerade über dem Strom die Kraft verlies und er in ein Boot auf dem Flusse herabstürzte. Innerhalb des 19. Jahrhunderts sind dann eine ganze Anzahl gut überlieferter Flugversuche auf kleine Strecken unternommen worden, unter denen die Erfolge des Franzosen Le Bris, der in den fünfziger Jahren seinen„künstlichen Vogel" konstruierte, den ersten Platz einnehmen. Trotzdem sind bis in die neueste Zeit Zweifel über die Glaubwürdigkeit dieser aus der Vergangenheit überlieferten Fälle erhoben worden, bis endlich die Experimente von Lilienthal das Prohlem der Flugtechnik wissenschaftlich erklärten und die Möglichkeit dieser allgemein für Mythen gehaltenen Er- Zählungen erwiesen. Technisches. Technische Kräfte der Zukunft. Einer der be-> rühmtesten Vertreter des Jngenieurwesens, Professor Oliver Lodge, hat sich bei einem Festessen der Gesellschaft von Ingenieuren an der Universität Birmingham zwischen Fisch und Braten in Phantasie-! voller Weise, aber anscheinend in vollem Ernst, über die Energie» quellen ausgesprochen, die dem Menschen für die Zukunft noch zu Gebote stehen werden. Es sind jetzt nach feiner Versicherung viele solcher Energiequellen entdeckt«Vörden, die««och nicht im geringsten Grade verwertet werden, und Lodge beneidet die Jugend, die noch» bevor sie diesen Planeten verlassen haben wird, Zeuge von der Benutzung von Kräften sein wird, die jetzt auch ein Großmeister der Technik höchstens ahrien könne. Der Weltäther z. B. muß eine große Menge von unbcnrchter Energie enthalten, die eines TageS vom Menschen in Vorspann genommen werden wird. Manche Leute glauben noch jetzt, daß dieser Weltäther auf der Einbildung des Menschen beruhe, aber Lodge ist vielmehr der Ueberzeugung, daß der Aether der einzige wirklich im Weltall existierende Grund- stoff ist, von dem alle anderen Dinge nur Abwandlungen und Ver- ändcrungen darstellen. Die Energie, die durch die neuen wissen- schaftlichen Forschungen entdeckt worden ist, sollte eigentlich nicht als Energie des Aethers, sondern als Energie der Atome bezeichnet werden. Ferner nennt Lodge es eine der größten und zugleich gewinirbringcndsten Aufgaben der Zukunft, Licht ohne Wärme her- zustellen. Als eine Uirmöglichkeit kann die Löfung dieser Aufgabe nicht bezeichnet werden, denn das Glühwürmchen erzeugt solches Licht, und viele andere niedrige Lebewesen gleichfalls. Die Ent- deckung der Energie der Atome ist zur Tatsache getvorden, und es ist jetzt die Sache des Ingenieurs, Mittel zu ihrer Verwertung zu ersinnen. Es ist allerdings oft genug darauf hingewiesen worden, daß alle bekannten Vorrichtungen zur Erzeugung von Licht als noch sehr unzulänglich bezeichnet werden müssen, weil noch immer der größte Teil der dabei aufgewandten Energie in der Form von Wärme verschwendet wird und für den eigentlichen Zweck der Beleuchtung verloren geht. Biologisches. Schutzfärbung oder Zufall? Wohl jedem der sich auch nur oberflächlich mit naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigt hat, ist bekannt, welche wichtige Rolle die als Schutzfärbui«g, Farben- anpassung, Mimikry oder Nachäffuirg bezeichneten Fälle im Tier- reiche spielen. Namentlich in sogenannten populären Schriften findet man iminer eine große Anzahl solcher verineintlicher oder auch wirklicher Anpassungserscheiirungcn angeführt. Daß es in der Tat in der Natur Fälle von wahrer Mimikry gibt, wird heuzutage wohl kein Naturforscher ernstlich in Abrede stellen«vollen, daß aber auf der anderen Seite mit der sogenamrten Schutzfärbung ein rechter Unfug getrieben und vieles in die Natur hincingeheimnist wird, lvas gar nicht in ihr liegt, kai«n ebenfalls keinem Zweifel unterliegen. Als eines der überzeugendsten Beispiele für Farbenairpassung wurde unter den Vertretern unserer heimischen Tierwelt von� jeher der allbekannte Laubfrosch angeführt. Gleich vielen seiner näheren und entfernteren Verwandten aus den Klassen der Aniphibicn und Reptilien, wie beispielsweise manchen Molchen, bor allem aber dem Chamäleon, kommt auch dem Laubfrösche die Fähigkeit zu, seine Farbe zu wechseln von einem l-chten Hellgrün durch alle Schattie- rungcn hindurch bis zu einer fast blauschwarzen Färbung. In der Haut der Tiere finden sich nämlich zwei verschiedene Arten von Farbstoffzellen oder Chromatophoren. Die Chromatophoren stellen kontraktile(zusammenziehbares Zellen dar, in deren Zcllsafte bei der einen Art hellgelbe Farbstoffkörnchen liegen, während die andere blauschwarze enthält. Aehnlich den Muskelzellen werden auch die Farbstoffzellen von dem Gehirn oder Rückenmark aus zu ihrer Tätigkeit angeregt, die in Ausdehnung und Zusammenziehung besteht. Nehmen wir den Fall an, die hellgelben Farbstoffzellen zögen sich zusammen und gleichzeitig damit erfolgte eine Aus- dehnung der dunklen Chromatophoren, so würde natürlich die Haut des Laubfrosches eine dunkle Farbe annehmen, während im entgegengesetzten Falle die Färbung des Tieres eine lichtgrüne bis hellgelbe werden kann. Durch eine lange Reihe von Beobachtungen war man nun zu dem Schlüsse gelangt, dah der Laubfrosch willkürlich oder reflex- artig seine Farbe zu verändern vermöchte, je nach dem Farben- tone der Unterlage, auf der er sich zufällig gerade befände. Man meinte also, dah die Tiere auf grünem Laube oder Gras sitzend, ebenfalls eine grüne Färbung annähmen, auf dem bräunlich dunklen Erdboden dagegen oder auf irgend einer anderen dunklen Unterlage sollte auch die Haut der Frösche regelmäßig einen blau- grauen bis schwärzlichen Ton erhalten. Die Hervorrufung dieses merkwürdigen Farbwcchscls sollte, wie es ja auch anzunehmen nahe lag, durch Vermittelung des Gesichtssinnes erfolgen. Niemand zweifelte ernstlich, dah'man es hier mit einem prächtigen, beweiskräftigen Beispiele von Schutzfärbung und Farbenanpassung zu tun hätte. Um so überraschender sind die Re- sultate, zu denen der Jenenser Physiologe Professor Biedermann nach genauer Untersuchung dieser Verhältnisse geführt wurd» Biedermann gelang es nämlich einwandfrei nachzuweisen, daß das Auge, der Gesichtssinn, bei dem Farbenwechsel des Laubfrosches überhaupt keine Rolle spielt, sondern daß eine Veränderung in der Färbung lediglich durch bestimmte Tastempfindungen hervor- gerufen wird. Setzt man nämlich die Frösche aus eine glatte Unter- läge, so nehmen die Tiere bald eine schöne hellgrüne Färbung an. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob ihre Umgebung ebenfalls grünlich oder ganz dunkel gefärbt erscheint. Ist dagegen der Boden, aus ' dem die Tiere sitzen, von rauher oder körniger Beschaffenheit, so wird die Färbung der Tiere eine blauschlvarze, unbekümmert ob es sich um schwarze Erde oder um weißen Stubensand handelt. Wir sehen also, daß von einer Farbcnanpassung des Laubfrosches an seine Umgebung nicht wohl gesprochen werden kann, daß es sich vielmehr um eine reine Zufälligkeit handelt, wenn die Farbe des Tieres mit der der Unterlage übereinstimmt. Wenn dieser Zufall in der Natur dennoch so häufig eintritt, so liegt es daran, daß viele Laubblätter- eine glatte Oberfläche haben, die Gartenerde aber von körniger Beschaffenheit ist, und so die geeignete Um- färbung hervorrufen. Interner fast ebenso großen Zahl von Fällen wird aber dieses Schutzmittel seine Hülfe versagen. Man sieht aus diesem Beispiele, daß man mit der Deutung eines Falles als Mimikry recht vorsichtig sein muß, und was wir hier beim Laubfrösche kennen lernten, gilt sicher auch für zahl- reiche andere Beispiele vermeintlicher Schutzfärbung. So haben andere Forscher darauf aufmerksam gemacht, daß für viele Sckmcttcrlinge und andere Insekten, welche oft täuschend trockenes Holz, Blätter oder Gezweigc in Gestalt und Farbe„nachahmen", dieses schöne Schutzmittel dennoch gänzlich unnütz ist, da ihre Hauptfcinde die Nacht zu ihren Jagdzügen wählen und ihre Beute gar nicht mit Hülfe des Gesichtssinnes, sondern dank ihres feinen Geruchs erspähen. Zuletzt muß cuMich noch weiter erwähnt werden, daß nianche infolge von Farbenanpassungen schwer zu entdeckende Tiere, mit einer geradezu geflissentlichen Bosheit diejenigen Gegen- stände meiden, an welche sie angepaßt erscheinen, und wohl in den Mimikrvkäftcn der Naturalienhandlungcn, niemals aber in der Natur sich auf solche Gegenstände niederlassen. So sucht, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Schmetterling, Latoeals nupta, wie W o l f f mitteilt, dessen Flügel täuschend die Färbung und Zeichnung einer dunkclgrauen, flechtenübcrzogenen Wand„nach- ahmen", msi Vorliebe sich recht helle Mauerflächen, auf denen er deutlich gesehen werden kann, als Ruheplatz aus.— Notizen. — In den K a m m e r s p i e I e n des Deutschen Theaters wird als nälbste Novität B.Shaws Komödie„Mensch und Ueber- m e n s ck" am Dienstag, den 4. Dezember, herausgebracht. — Ein sanfter Durchfall war das Schicksal der im Münchener Schaufpielhanse aufgeführten DiebeSkomödie:„Meister Joseph" von Eberhard König. Lilie itcron kam in einer von der Hamburger „Literarischen Gesellschaft" im Stadttheater veranstalteten Matinee als Dramatiker zu Worte. Sein Versdrama„Knut der Herr' mit dem Nachspiele„Der Nachezng" bietet bunte Bilder aus der frühen dänischen Geschichte, die manche dichterische Schönheiten ent» halten, aber der dramatischen Verve entbehren. — Die Oper„Salome" von Richard Strauß wurde nun- mehr auch in München aufgeführt. Sie erlebte unter MottlS Leitung und Wirks Regie, die sich schon bei der Uraufführung in Dresden bewährt hatte, stürmischen Ersolg. —„Tiefland", Musikdrama von Eugen d' A l b e r t, Text von Rudolf Lothar, fand in Frankfurt starken Beifall. — Ein neues Landes museum, das Alfred Messel. ein Sohn Darmstadts erbaut hat, wurde in Darmstadt ein- geweiht. Ein neuer Theatertrust. Die Chicagoer„Tribüne" meldet, daß in der Stadt am Michigan-See die größte Theatervereinigung der Welt im Entstehen begriffen ist. Der neue Trust soll 3öt) Schau- spielhäuser in den Bereinigten Staaten umfassen, in allen großen Städten von New Dork bis San Francisco, von Portland in Maine bis New Orleans. Das Theatereigentum des Trusts wird auf 50 Millionen Dollar geschätzt. Allen großen Schauspielertruppen werden die Spieltouren vorgeschrieben und das ganze Theater- geschäft wird unter einer einheitlichen Leitung stehen. Bücher- Emlauf. B j ö r it st j e r u e Björnson. Mary. Roman(Albert Langen, München). Max Eyth, der Schneider von Ulm, Roman, 2 Bde. (Deutsch eVerlagSanstalt, Stuttgart u. Leipzig). Geh. 8 M., geb. 10 M. Gustav Naumann, Vom Lärm auf dunkeln Gassen, Roman.(S. Fischer Verlag, Berlin.) Geh. 4 M., geb. 5 M. Frhr. von Schlicht, Mobil, Roman.(Alb. Langen, München.) Oskar Wilde. Dorian Grahs Bildnis, deutsch von F. O. G r e v e, billige Ausgabe(I. C. C. Bruns Verlag, Minden). 2 M. H. G. Wells, W e nir der Schläfer erwacht, Auto- risierte Uebertragung von F. P. G r e v e.(I. C. C. Bruns Verlag, Minden.) Geh. 4,2ö M. Stijn StrenvelS, Sommerland-Novellen.(I. C. C. Bruns Verlag, Minden.) 2,25 M. Karl Böttcher, Einakterzhklus.(Max Zieger, Leipzig- Stötteritz.) Georg Brandes, Gegenden und Menschen(Albert Langen, München). Georg Brande-?, Erinnerungen, Kindheit und Jugend(Albert Langen, München). Die Kultur, herausgegeben von C. G u r l i t t: Die m o d e r n e M u s i k und R i ch. S t r a u ß von Oskar B i e.— Leben mit Menschen von A. Holitzscher(Bard, Marquardt u. Co., Berlin). Die Literatur, herausgegeben von G. B r a n d e s. D a S Nibelungenlied von M. Burckhard(Bard, Marquardt u. Co., Berlin). Moeller van der Bruck, Die Deutschen. 3. Band: Ver- schwärmte Deutsche.(I. C. C. Bruns Verlag, Minden.) 3 M. Schopenhauer u. Nietzsche, ein Vortragszyklus von Gg. S i m m e I.(Duncker u. Humblot, Leipzig.) Charles Baudelaire, Zur Ae st h etil der Malerei und der bildenden Kunst, übersetzt von Max Bruns (I. C. C. Bruns. Minden) 2.50. M. Schaff st eins Volksbücher für die Jugend: Die beiden Seelöwen von I. F. C o o p e r bearb. von W. S p o h r(Schaffstein, Köln). 2 M. Meister Martin der Küfer und seine Gesellen. Erzählung von E. T. A. H o f f m a n n, für die reifere Jugend herausgegeben von W. S p o h r(H. u. F. Schaffstein, Köln). 1 M. Der abenteuerliche SimplizissimuS für Schule und Haus, bearbeitet von Guido Hölber(H. und F. Schaffstein, Köln). 2 M. Blumen märchen, Bilder, Texte und Lithographie von Ernst K r e i d o l f(H. u. F. SchaMein, Köln). 1,25 M. Steht auf, ihr lieben Kinderlein, Gedichte aus älterer und neuerer Zeit, für Schule uud Haus ausgewählt von Gustav Falke und Jakob Sörenberg(H. u. F. Schaffstein, Köln). 2 Mark. Strabantzerchen, Bilder und Reime von HanS v. V o l k m a n n(H. ü. F. Schaffstein, Köln). 5 M. ZäpfelKerns Abenteuer, eine deutsche Kasperlegeschichte, frei nach Collodis italienisch« Puppenhistorie Pinochio von O. I. B i e r b a u m, mit 65 Zeichnungen von A. Schmidhammer (H. u. F. Schaffstein, Köln). 4 M. Kling-Klang Gloria, Deutsche Volks- und Kinderlieber, ausgewählt und in Musik gesetzt von W. L a b l e r, illustriert von H. Lefler u. I. Urban(Freytag u. Tempsky, Leipzig u. Wien). Verantwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSingcrLiCo..BerlinL>V.