Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 231. Donnerstag> den 29 November. ,906 (Nttlhdnick verboten.) 421 Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair. Autorisierte Uebcrsetzung. 21. So wurde es also gemacht! Nicht einmal eine Kündi- gungsfrist von einer halben Stunde! Die Abteilung wurde ganz einfach geschlossen. Es war schon mehrnials geschehen, wie die Männer ihm sagten, und es würde auch wohl immer so bleiben. Sie hatten alle Erntemaschinen, die in der Welt gebraucht wurden, gemacht, und mm mußten sie warten, bis sich einige von ihnen abgenutzt hatten! Es war keines Menschen Schuld,— es war nun einmal so; und Taufende von Männern und Frauen wurden mitten im Winter vor die Tiir gesetzt, um von ihren Ersparnissen zu leben, falls sie welche gemacht hatten, oder zu sterben. Es gab schon Zehntausende von Menschen in der Stadt, die obdachlos waren und um Arbeit bettelten, und nun kamen noch mehrere Tausend dazu I Jurgis ging mit seinem fälligen Arbeitslohn in der Tasche nach Hause; er war vollständig zerschmettert, und das Herz wollte ihm brechen. Wiederum hatte man ihm eine Binde mehr von den Augen gerissen, wiederum eine Grube enthüllt, die unter seinen Füßen verborgen gewesen! Was nützte es, daß die Arbeitgeber freundlich und anständig waren,— wenn sie ihn nicht beschäftigen konnten, da mehr Erntemaschinen gemacht waren, als die Welt kaufen konnte. Was für ein teuflischer Hohn lag darin, daß ein Mann sich abplackte, um seine Heimat mit Erntemaschinen zu versorgen, und dann hinausgeworfen wurde, weil er seine Aufgabe zu gut erfüllt hatte! Er brauchte zwei Tage, um über diese furchtbare Ent- täuschung hinwegzukommen. Er trank nicht, weil Elzbieta sein Geld in Verwahrung genommen hatte lind ihn zu gut kannte, um sich von seinen zornigen Forderungen einschüchtern zu lassen. Er blieb jedoch oben auf dem Boden und ließ seiner üblen Laune freien Lauf. Was nützte es denn auch, sich abzumühen, um Beschäftigung zu finden, wenn man doch weggejagt wurde, ehe man gelernt hatte, seine Arbeit ordentlich zu tun? Aber dann ging ihr Geld wieder auf die Neige, und der kleine Antanas weinte, weil es auf dem Boden so schrecklich kalt war uud weil er Hunger hatte. Außerdem ließ Madame Haupt ihm keine Ruhe, sondern drang darauf, ihr Geld zu bekommen. So machte er sich denn wieder auf den Weg. Zehn Tage lang irrte er hungrig nnd verzweifelt in den Straßen und Gassen der ungeheueren Stadt umher und suchte nach Arbeit. Er versuchte sein Heil in Läden und Bureaus, in Restaurants und Hotels, bei Werften und auf Bahnhöfen, in Warenhäusern und Mühlen und in Fabriken, wo Pro- dukte erzeugt wurden, die durch die ganze Welt gingen. Dann und wann bot sich vorübergehend eine Aussicht,— aber immer gab es Hunderte von Bewerbern, und er kam nie an die Reihe. Nachts verkroch er sich in Schuppen, Kcllerräumcn und Tor- wegen,— bis plötzlich gegen Ende des Winters wieder grimmige Kälte eintrat mit eisigem Sturm und fünf Grad Frost bei Sonnenuntergang, und die Kälte die ganze Nacht hindurch noch zunahm. Da kämpfte Jurgis wie ein wildes Tier, um in die Polizeistation der Harrisonstraße einzu- dringen, und schlief auf dem Korridor mit zwei anderen Männern auf einer Treppenstufe zusammengedrängt. Er mußte in dieser Zeit manchen Kampf bestehen: um einen Platz dicht vor den Fabriktüren, und dann und wann kam es zu förmlichen Bandenkänipfen. Er fand z. B. heraus, daß das Geschäft des Handgepäcktragens für Reisende eine Art Vorkaufsrecht war. Sobald er sich dazu meldete, fielen acht oder zehn Männer und Knaben über ihn her und zwangen ihn, die Flucht zu ergreifen, wenn ihm sein Leben lieb war. Da sie den Polizisten stets bestochen hatten, nützte es absolut nichts, an diesen zu appellieren. Daß Jurgis nicht geradezu verhungerte, verdankte er lediglich den kleinen Summen, die ihm die Kinder brachten. Und auch dies war etwas sehr Ungewisses. Erstens war die Kälte fast ärger, als die Kinder zu ertragen vermochten; und zweitens waren sie auch beständig in Gefahr, von Neben» buhlern geprügelt und a lsgcplündert zu werden. Auch das Gesetz war gegen sie,— der kleine Vilimas, der elf Jahre alt war und wie ein Achtjähriger aussah, wurde von einer strengblickenden Dame mit einer Brille auf der Straße an- gehalten, um zu erfahren, daß' er zu jung sei, um Zeitungen zu verkaufen, und daß sie einen Polizisten auf ihn aufmerksam machen werde, wenn er nicht sofort aufhöre. Außerdem wurde die kleine Kotrina eines Abends von einem fremden Mann beim Arm gepackt und überredet, ihm in einen dunklen Keller zu folgen; sie riß sich los, aber diese Erfahrung hatte sie der- artig geängstigt, daß sie nur mit Mühe zu bewegen war, wieder an die Arbeit zu gehen. Schließlich fuhr Jurgis eines Sonntags, da es doch nichts nützte, nach Arbeit zu suchen, als bli er Passagier auf der Straßenbahn nach Hause. Es stellte sich heraus, daß man ihn schon seit drei Tagen erwartete,— es war eine Aussicht auf Arbeit für ihn vorhanden. Es war eine ganz komplizierte Geschichte. Der kleine Juozapas, der in diesen Tagen vor Hunger fast von Sinnen gewesen war, hatte sich auf die Straße begeben, um zu betteln. Juozapas hatte nur ein Bein, da er als kleines Kind von einem Lastwagen überfahren worden war; aber er hatte sich einen Besenstiel verschafft und ihn als Krücke unter den Arm geschoben. Er war mit anderen Kindern zusammengetroffen und mit ihnen zu Mike Scullys Ablagerungsplatz gegangen, der in der Nähe lag. Hierher kamen jeden Tag viele hundert Wagenladungen von Abfällen und Kehricht aus den Straßen in der Nähe des Sees, wo die reichen Leute wohnten; und in diesen Haufen wühlten die Kinder nach Nahrungsmitteln, — da gab es Brotrinden, Kartoffelschalen, Apfelreste und Bratenknochen, alles halb gefroren und ganz verdorben. Der kleine Juozapas stopfte sich erst selbst den Magen voll und brachte dann noch eine ganze Zeitung voll für Antanas nach Hanse, den er gerade fütterte, als seine Mutter hinzukam. Elzbieta ivar entsetzt, denn sie hielt es nicht für möglich, daß diese Nahrung ans den Ablagerungsplätzen bekömmlich sein könne. Als Juozapas jedoch am nächsten Tage ganz wohl war und vor Hunger zu weinen begann, gab sie nach und er- laubte ihm, wieder hinzugehen. Und an dem Nachmittage erzählte er, als er nach Hause kam, von einer Dame, die ihn von der Straße aus angerufen habe, während er mit einem Stock in den Haufen wühlte. Eine wirklich feine Dame, sagte das Kind, eine wunderschöne Dame! Und sie hatte alles wissen wollen: ob er die Abfälle für seine Hühner hole, und weshalb er mit einem Besenstiel gehe, und woran Ona gestorben sei, und weshalb Jurgis ins Gefängnis gekommen wäre, und was Marija fehle, und überhaupt alles! Zum Schluß hatte sie gefragt, wo sie wohnten, und gesagt, daß sie ihn besuchen und ihm eine schöne Krücke mitbringen werde. Sie hatte einen Vogel auf dem Hut gehabt, erzählte Juozapas, und eine lange Velzschlange um den Hals. Und am nächsten Morgen kam sie wirklich und kletterte die Leiter hinauf und stand auf dem Boden und starrte um sich und wurde ganz bleich, als sie die Blutfpuren sah an der Stelle, wo Ona gestorben war. Sie sei eine Distriktspflegerin. hatte sie zu Elzbieta gesagt, und sie wohne in der Ashland Avenue. Elzbieta kannte das Haus, das Bureau laA über einem Materialwarcngcschäft; man hatte ihr bereits geraten, sich dorthin zu wenden, aber sie hatte sich nicht entschließen können, denn« sie dachte, es müsse etwas mit Religion zu tun haben, und ihr Priester sah es nicht gern, wenn sie sich mit Andersgläubigen zu schaffen machte. Es waren reiche Leute, die da hingezogen waren, um sich nach den armen Leuten zu erkundigen: aber was das den Armen helfen sollte, das war schwer zu begreifen. Das sagte Elzbieta ganz naiv, und die junge Dame lachte und wußte nicht recht, was sie darauf ant- Worten sollte: sie stand und starrte um sich und dachte an eine zynische Bemerkung, die jemand ihr gegenüber gemacht hatte: daß sie am Rande des Höllenpfuhls stehe und Schneebälle hinunterwerfe, um die Temperatur herabzumindern. Elzbieta war froh, daß sie jemand hatte, der ihr zuhörte, und sie erzählte all ihre Bekümmernisse— was Ona zu- gestoßen sei, und vom Verlust ihres Hauses und Marisas Un- fall, und wie Ona gestorben sei, und daß Jurgis keine Arbeit finden könne. Beim Zuhören füllten sich die Augen der hübschen jungen Dame mit Tränen, und mitten drin fing sie plötzlich an zu schluchzen und verbarg das Gesicht an Elzbietas Schulter, ohne sich daran zu kehren, daß die arme Frau einen schmierigen Morgenrock an hatte und daß der ganze Bodenraum von Flöhen wimmelte. Tie arme Elzbieta schämte sich, daß sie eine so traurige Geschichte erzählt hatte, und die junge Dame mußte sie flehentlich und inständig bitten, bis sie sich bewegen ließ, weiter zu erzählen. Das Ende vom Liede war, daß die Dame ihnen einen Korb mit Eßwaren schickte und einen Brief, den Jurgis an den Herrn abgeben sollte, der Oberaufseher in einer der Anlagen der großen Stahlwerke von Süd-Chicago war.„Er wird Jurgis etwas zu tun geben," hatte die junge Dame gesagt, und dann unter Tränen lächelnd hinzugefügt:„Wenn er es nicht tut, wird er nie mein Mann werden!" Die Stahlwerke lagen fünfzehn Meilen nach Süden, und es war wie gewöhnlich so eingerichtet worden, daß man zwei Fahrkarten lösen mußte, um hinzukommen. Weit und breit loderte der Horizont von den feurigen Zungen, die aus ganzen Reihen himmelhoher Schornsteine emporschössen,— denn es war stockdunkel, als Jurgis eintraf. Tie riesenhaften Werke, die für sich eine kleine Stadt ausmachten, waren von Pali' saden umgeben: und schon warteten etwa hundert Männer an dem Tor, wo die neuen Arbeiter angenommen wurden. Bald nach Tagesanbruch fingen die Pfeifen an zu ertönen, und dann erschienen mit eiuemmal Tausende von Menschen: sie strömten aus den benachbarten Bierkneipen heraus, sie sprangen von vorübersäusenden Bahnwagen herab,— es war, als ob sie in dem bleichen Dämmerlicht aus der Erde hervor- wüchsen. Eine ganze Flut von ihnen ergoß sich ins Tor hinein, und dann trat wieder langsam Ebbe ein, bis nur noch einige verspätete Leute angelaufen kamen: und nun ging nur noch der Wächter auf und ab; und die hungrigen Fremden stampften mit den Füßen und bebten vor Kälte. Jurgis gab seinen kostbaren Brief ab. Der Torhüter war mürrisch und fragte ihn nach allen möglichen Dingen, aber er blieb dabei, daß er von nichts wisse: und da der Brief vorsichtigerweise versiegelt war, so blieb dem Torhüter nichts anderes übrig, als ihn an die Persönlichkeit zu senden, an die er gerichtet war. Ein Bote kam zurück und sagte, Jurgis solle warten, und so trat er denn ins Tor und war vielleicht nicht so mitleidig, wie er es beim Anblick der weniger Glück- lichen hätte sein sollen, die ihm mit gierigen Augen nach- blickten. (Fortsetzung folgt.) MeUs neuester Roman. Von M. Beer. Wells ist einer der bekanntesten englischen Schriftsteller der Gegenwart. Er steht jetzt im Alter von 40 Jahren und hat bereits an die zwanzig größere Werke geschrieben: Novellen, Romane, soziologische Abhandlungen und Utopien. Er war ursprünglich Ladcngehülfe, studierte aber in seiner freien Zeit Naturwissen- schastcn und wurde ein Schüler Huxleys. In England, wo man das Gymnasial- und Univcrsitätsstudium mit wenig Formalitäten durchmachen kann, gelang es Wells, sich eine gründliche natur- wissenschaftliche Bildung anzueignen und seine Prüfungen glänzend zu bestehen. Er war indes nicht zum Professor oder zum Techniker geboren. Seine ungemein reiche Phantasie, sein lebendiger Stil und sein harter, frühzeitiger Kampf mit der Armut führten ihn zum Naturwissenschaftlichen und sozialen Roman. Da bei ihn, die Phantasie alle anderen geistigen Fähigkeiten überwiegt, so ist er weniger zur kalten Zergliederung der Gesellschaft geneigt als zum Aufbau neuer und besserer Gesellschaftsformen. Die Hebel unserer Zeit werden von ihm eher empfunden als im ursächlichen Zusammenhang verstanden. Hinzu kommt noch, daß der moderne englische Roman hauptsächlich psychologisch ist. Man sieht in ihm nicht das Leben, sondern die Wirkungen des Lebens auf das Denken und Fühlen einzelner Menschen. Der englische Roman- schriftsteller zergliedert moderne Seelen, aber nicht die sie um- gebende Welt. Der neueste Roman von Wells:„ln the Days of tlie Comet" (In den Tagen des Kometen) besteht aus tiefen sozialkritischen Empfindungen und aus Schilderungen von Seelenzuständen gegen- wärtiger und künftiger Menschen, die an zahlreichen Stellen in Sprachformen von berückender, ursprünglicher Schönheit gegossen sind. Es ist die Seelengeschichte eines durch Erfahrung und Studium geläuterten Mannes, der die letzte Krisis der kapita- listischen Gesellschaft und die Umwandlung in die kommunistische Gesellschaft mit erlebt hat. Von den äußeren Vorgängen der Wirt- schaftlichen und politischen Revolution hören wir nur einen schwachen Widerhall: Trusts, Streiks, sozialistische Agitation, deutsch-englische Seeschlacht werden nur wie Episoden behandelt. Desto mehr hören wir von der Verworrenheit, Unwahrhastigkeit und Hast des kapitalistischen Denkens; Neid und Haß, die das gegenwärtige Gefühlsleben peitschen und zu Tode verwunden; da- gegen von der krystallklaren Durchsichtigkeit, Sicherheit und Ruhe des künftigen Denkens: vom Wohlwollen und Frieden, von der Freudigkeit und sonnigen Wärme des Empfindens am Morgen der großen Umwandlung. Die ganze Natur nimmt an diesem Wechsel teil und entfaltet ihre ganze Pracht vor dem wunder- freien Blicke des neuen Menschen. Die geistige Neugcburt der Menschheit vollzieht sich plötzlich während des Erscheinens eines Kometen, der eine eigenartige Helligkeit und Atmosphäre ver- breitet. Die Begriffe und Gefühle des Privateigentums ver- schwinden. Die Besitzenden sehen den Unsinn des ganzen egoistischen Ringens ein. Die englischen Admirale lassen inmitten der See- schlacht das Feuer der Panzergeschütze einstellen und die deutschen Soldaten reichen den auf englischer Seite kämpfenden Franzosen die Hand menschlicher Freundschaft. Eilen wir indes den Ereignissen nicht voraus. Wir sehen einen rüstigen Greis, William Leadford, der die Erinnerungen seines merkwürdigen Lebens niederschreibt. Obwohl ihm der schriftliche Gedankenausdruck von Jugend auf leicht ist, fällt ihm die Niederschrift seines Buches etwas schwer, da er dabei mit zwei verschiedenen Welten von Begriffen zu tun hat. In seiner Jugendzeit, zu Ende des 19. Jahrhunderts, dachte und fühlte man so ganz anders. Und nur mit Mühe kann er seinen Seelenzustand von damals rekonstruieren. Und nur dank dem Umstand, daß seine jugendliche Liebe mit wichtigen Ereignissen bei der Um- Wandlung zusammenhing, kann er jetzt seiner Aufgabe einiger- maßen gerecht werden. Er war Angestellter bei einer Privatbank und bezog ein Wochengehalt von 29 M. Seine Mutter war Witwe, arm und demütig. Er war schon als Junge rebellisch, zweifel- süchtig, besuchte naturwissenschaftliche Abendkurse, verlor seinen Gottesglauben und wurde Sozialist. Die Welt bestand damals aus einer Minderheit von Gesicherten und aus einer großen Mehr- heit von Ungesicherten, die jenen mit Leib und Seele Untertan waren. Willie Lcadfords Sozialismus bestand in einem heftigen Haß gegen die Gesicherten. Er las viel: Marx, Engels, Darwin, Carlyle, Heine, Nietzsche, aber es wäre ihm schwer gefallen, klar zu argumentieren. Denn nur wenige Menschen konnten damals klar denken. Veraltete, ungenügende Formeln, hochtönende Schlag- Worte, verlegene Berufungen auf große Namen, gärende Leiden- schaften und verlogene Ausflüchte verwirrten und vergifteten den gegenseitigen Gedankenaustausch. Nicht einmal unter Liebenden kam es zu einer aufrichtigen Aussprache. Mit 17 Jahren verliebte er sich in seine Jugendfreundin Rellie, die Tochter eines Herr» schaftlichen Gärtners. Er hatte keine richtige Auffassung von seinen Empfindungen:„Wir waren tatsächlich ohne Vorbereitung auf das Erwachen der Empfindungen der heranreifenden Jugend. Gegenüber der Jugend verharrte die Welt in einer Verschwörung stimulierenden Schweigens. Man wurde in den neuen Gefühls- kreis nicht eingeführt. Man las über diese Dinge in Büchern, man erhielt zufällig einen Einblick in sie, man staunte und ver- gaß, und so wuchs man der kommenden Erschütterung entgegen. Dann kamen eigenartige Empfindungen, neue alarmierende Be- gicrden, Herzensstürme; ein unerklärliches Gefühl des Sich« Hingebens begann die rein egoistischen Gelüste der Jugend in fremdartiger Weise durchzudringen. Wir waren wie irregeführte Reisende, die ihr Lager in einem trockenen Strombette einer tropischen Gegend aufschlugen. Bald sahen wir uns knietief und halstief in der Flut." Williams Liebe war unglücklich. Nellie, ein gesundes, hübsches Mädel, folgte den Lockungen Verralls, des Sohnes der Herrschaft, bei der ihr Vater als Gärtner angestellt war. Der junge Verrall studierte in Oxford, war gut entwickelt und reich. Er flüchtete mit Nellie nach einem Seebadeorte. Die Eltern des Mädchens waren über das Geschehene ganz trostlos, aber was tun? Zu seiner Frau wird sie der junge Herr wohl nicht machen; und gegen die Herrschaft ausmucken, hieße den Gärtnerpostcn verlieren. Willie ist bei diesen Lamentationen der Eltern anwesend; seine Erbitterung wird noch heftiger und er be- schließt, das flüchtige Liebespaar aufzusuchen und niederzuschießen. Unmittelbar vor dem ihm zugestoßenen Unglück in der Liebe hatte Willie seinen Chef um eine Aufbesserung des Gehalts ge- beten. Das Ansuchen wurde abgeschlagen. Die Industrien waren durch Streiks und Lockouts lahmgelegt, es kam jju Straßenaufläufen, Zusammenstößen, woran Willie als Rächer der Un- gesicherten teilnahm. Und um diese ganze soziale Konfusion noch zu verschlimmern, stand England am Borabend eines Krieges mit Deutschland. Unter diesen Umständen war an eine Gehaltsauf- bcsserung nicht zu denken. Willie kündigte und wurde brotlos. In dieser verzweifelten Stimmung zog er aus zur Rache. Er verließ eine Gegend, wo Klasse gegen Klasse im Kampfe stand und wanderte mit einem geladenen Revolver in der Tasche. Je mehr er sich der Küste Ostenglands näherte, desto vernehmbarer hörte er den Kriegsdonner der Flotten Englands und Deutsch- lands.„Ein großer Antagonismus war seit einigen Jahren im Werden begriffen und wuchs langsam und ruhig und nahm mit den Jahren klare Formen an; zuweilen verschwand er von der Oberfläche, um dann um so nachdrücklicher hervorzutreten:„es war der Antagonismus zwischen Teutschland und England. Wenn ich an das wachsende Zahlenverhältnis derjenigen meiner Leser denke, die schon ganz der neuen Ordnung angehören, so fühle ich eine große Schwierigkeit, die unverständlichen Konfusionen niederzu- schreiben, die von ihren Eltern wie etwas Selbstverständliches hin- genommen wurden. Da waren wir 41 Millionen Briten in einem Zustande unbeschreiblicher zielloser ökonomischer und moralischer Verwirrung, und wir hatten weder den Mut>noch die Energie oder die Intelligenz, sie zu verbessern; und unsere Angelegenheiten waren hoffnungslos verknüpft mit den verschiedenartigen Kon- fusionen von noch 350 Millionen Personen, die zerstreut über die Erdkugel lebten; und dort waren gegen uns<50 Millionen Deutsche, die sich in nicht besseren Zuständen befanden; und die lärmenden kleinen Geschöpfe, die die Zeitungen leiteten, Bücher schrieben, Vorträge hielten und in jener Zeit des Wcltwahnsinns das natio- nale Gewissen repräsentierten, waren in beiden Ländern geschäftig an der Arbeit, um die aufgehäuften materiellen, geistigen und moralischen Energien der beiden Völker in ein kriegerisches, alles vernichtendes Unternehmen zu lenken. Und ich muß hinzufügen — obwohl sie es kaum glauben werden—, daß es damals keinen lebendigen Menschen gab, der imstande gewesen wäre zu erklären, was für Gutes, was für einen ausgleichenden Vorteil ein Krieg zwischen England, und Deutschland hätte bringen können, wenn England das Deutsche Reich vernichtete oder wenn England in diesem Zusammenstoße zu Grunde ginge. Das ganze war in der Tat eine enorme wahnsinnige Einbildung, eine jeder Vernunft spottende fixe Idee; es war im Makrokosmos der Nation etwas merkwürdig ähnliches dem verworrenen Gefühle der Eifersucht und des egoistischen Zornes, das den Mikrokosmos meines individuellen Wesens beherrschte. Es zeigte das Uebergewicht des gemeinen Gefühlslebens über das intellektuelle Leben an,— das Erbe, das wir von unseren tierischen Ahnen erhielten." Nach langem Suchen fand der junge William Leadford das Liebespaar in einem Seeorte Ostenglands. Der Krieg war bereits ausgebrochen. Und der Komet, den die Astronomen schon seit Monaten erspäht hatten, näherte sich rasch der Erde. Leadford traf das Liebespaar am Strande, und begann in wahnsinniger Weise auf die Davoneilenden loszufeuern. Er rannte nach, aber er stieß auf etwas und fiel. Der Komet war der Erde schon so nahe, daß seine eigenartige grüne Atmosphäre die Menschen schwadenartig umfaßte.„Der Rauch quirlte um meine Knie. Im Gehirn stürmte es, und vergeblich war mein Widerstand gegen den herniederschwebenden grünen Vorhang, der fiel, fiel, fiel, Falte um Falte. Alles wurde dunkler und dunkler. Ich machte noch eine letzte gewaltsame Anstrengung und stürzte platt zu Boden. Und siehe! Der grüne Vorhang war schwarz, und die Erde und alle Dinge verschwanden." Es war die Stunde des Uebergangcs vom alten zum neuen geistigen Leben. Es war die Neugeburt der Menschheit. William Leadfort erwachte aus einem erfrischenden Schlafe.„Ich fuhr nicht plötzlich aus dem Schlafe auf, sondern öffnete meine Augen und lag sehr bequem und blickte auf eine Reihe scharlachroter Mohnköpfe, die gegen einen flammenden Himmel glühten. Es war der Himmel eines prachtvollen Sonnenaufganges, und ein Archipel goldgerandeter Purpurinseln schwamm in einer See von Goldgrün." Auf über zehn Seiten schildert Wells das Erwachen der neu- geborenen Natur. Mit jeder höheren Stufe des Erwachens der- liert die Sprache an träumerischer, farbenschillernder Poesie und gewinnt an Kraft und Präzision,, die dem neuen Menschen alles Staunen und Wundersuchen aus den Augen wischt und sie auf eine reine, durchsichtige Welt blicken läßt. Auf seinem ersten Rundgang trifft er Melmount, den Oberkommandierendcn der britischen Flotte, der am Fuße leicht verwundet war und ihn ersuchte, eine Botschaft an die Flotte zu überbringen. Auch dieser kriegerische Secherr ist umgewandelt und bekennt jetzt, daß seine frühere patriotische Propaganda„verdammter, nichtsnutziger Un- sinn" war. Sie unterhielten sich mit„der Offenheit, die dem menschlichen Verkehr geziemt." Leadford erzählte ihm sein« Lebensgeschichte, und Melmount schilderte ihm das Intrigenspiel, das dem englisch-deutschcn Zusammenstoß vorhergegangen war. Beide gingen den Strand entlang und sahen die Leichen der zer- schossenen Seeleute. Melmount wurde von einem tiefen Schmerze über das Geschehene ergriffen und beschloß, dem Kriege für immer ein Ende zu machen. Das Erwachen wird allgemein und wir haben wieder an die zwanzig Seiten Seelenschilderungen Über die Umwandlung, die bei verschiedenen Menschentypen vorgeht. Mel- mount beruft die Minister zu einem Kabinettsrat und alle kommen friedfertig. Da war Lord Adisham(Balfour), Carton(Asquith), Earl of Richover(Lord Rosebery), Gurker(Goschen) und noch andere, mjnder bekannte Persönlichkeiten, die vom Verfasser mit bitterer Ironie gezeichnet werden. Aber nachdem einmal der Bc- griff des Privateigentums hinweggefegt war. gelangen sie auch zu einer klaren Auffassung der Dinge. Alle kamen übercin,„daß sich nunmehr alles leicht in Ordnung bringen lasse." Auch der Krieg mit Deutschland verschwand aus dem Geiste der Menschen und war eine erschöpfte Episode. Der ganze Plan der Neuordnung der Welt wurde in allen Einzelheiten entworfen. Alles wurde neu- gemacht. Und in dieser neuen Ordnung traf William Leadford seine Nellie wieder. Sie war schöner und reiner geworden. Verroll war mit ihr; auch er war von der alten sinnlosen Begierde befreit, und seine schöne Gestalt offenbarte einen Geistesadcl, den sie früher nicht hatte. Nellie sprach freimütig und erklärte ihrem alten Lieb- Haber, die Flucht mit Verroll sei ein Irrtum gewesen. Sie er- zählte in einfachen Worten, sie hätte Leadford immer geliebt, aber Verrall gefiel ihr besser, da er weise war und vornehmer ausschh. Jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie sah, daß ihr Herz immer Leadford gehörte. Verrall hörte dieses Geständnis ruhig an und meinte, sie sei frei nach ihrem Gutdünken zu handeln. Die Flucht mit Nellie sei eine unedle Tat gewesen. Nach einer langen Diskussion, in der viele lehrreiche Bemerkungen Über Frauenliebe, über das Wesen des Mannes und Über die werdende neue Welt gemacht werden, beschloß William Leadford. die Gesellschaft Nellies zu meiden. Er verband sich mit Anna Reeves:„Wir gingen zum Rate unserer Gruppe— sie wurde Kommune K?nannt— und Anna wurde mir in Ehe gegeben. In einem Jahre gebar sie mir einen Sohn. Wir sahen uns oft und wir unterhielten uns zu- sammen. Sie wurde meine Freundin und ist immer meine Freundin geblieben... Nach einiger Zeit erwachte meine alte Liebe zu Nellie... Und Anna war nicht eifersüchtig." Das Buch schließt mit einem Epilog, in dem die geistige Um» Wandlung der Menschen so weit gediehen war, daß der heutige Begriff der Ehe vollständig entschwunden war.— Kleines feuületon* Der fingende Teekessel der Japaner. Wer daran gezweifelt haben sollte, daß die Japaner neben ihren hervorragenden kriegeri- scheu Eigenschaflen auch eine gemütvolle und poetische Veranlagung besitzen, wird sich von seinem Vorurteil vielleicht durch die merk- würdige Tatsache bekehren lassen, daß im Reiche des Mikado Tee- kessel verfertigt werden, die eigens zun« Singen eingerichtet sind. Jeder richtige Teekessel hat eigentlich die Verpflichtung, in gc- wisser Art zu fingen, und man hat jedenfalls bald nach der Ein- führung des Teegenusses nach Europa hcrausgefimden, daß in diesem Geräusch etwas außerordentlich Anheimelndes und Behag- liches liegt. Dieser Empfindung müssen die Japaner nun wohl in noch höhcrem Grade zugänglich sein, denn sonst hätten sie nicht bei der industriellen Herstellung von Teekesseln darauf besondere Rücksicht genommen. Im nördlichen Teil der japanischen Haupt- insel Nippon liegt als Hauptort einer Provinz die Stadt Morioka, die seit langer Zeit eine gewisse Berühmtheit durch die Fabrikation der in jedem japanischen Haushalt unentbehrlichen eisernen Kessel besitzt. Die Kunstfertigkeit und der praktische Sinn der Japaner hat einen erstaunlichen Formenreichtum in diesen Kesseln geschaffen, und man kann in einem einzigen Geschäft mehrere Dutzend ver- schiedenc Muster sehen, die häufigsten Formen find jedoch zylindrisch, kugelig und birnenförmig. Einige dieser Kessel, die zum Kochen von Teewasser auf Holzkohlenfeuer benutzt werden, haben nun die Eigenschaft, mit einem zitternden oder trillernden Ton zu singen, wenn das Sieden beginnt, und dieser Ton stellt sich als eine Ver- oinigung verschiedener Noten dar, deren Tonhöhe sich nach der Form und der Größe des Kessels richtet. Wie der japanische Gelehrte Nagaoka der„Nature" mitteilt, werden verschiedene Vorrichtungen zur Erzeugung dieser Tcckeffelmusik angewandt. Im großen und ganzen ist das Verfahren folgendes. Im Innern des Kessels ist der Boden fast eben, aber es sind daran vier Stücke Eisenblech von VA Zentimeter im Quadrat und etwa einem halben Millimeter Dicke durch japanischen Lack angeleimt, der sogar die Temperatur von kochendem Wasser auszuhalten vermag. Zwischen dem Boden des Kessels und diesen kleinen Blechplatten befindet sich ein Ab- stand von nahezu einem halben Zentimeter Dicke. Die Platten sind fast in einer Ebene und stehen so dicht zusammen, daß zwischen ihnen nur dünne Schlitze freibleiben. Wenn der Kessel mit Wasser gefüllt ist, so bleibt Mischen diesen Platten etwas Luft zurück. Je stärker aber der Boden erhitzt wird, desto mehr Dampf entwickelt sich, der durch die Schlitzen zwischen den Platten am Boden cnt- weicht. Indem das Wasser nun allmählich unter und zwischen die Platten eindringt und die dort zurückgebliebene Luft vertreibt, wird es gleichzeitig unmittelbar in Dampf verwandelt. Dieser Vorgang erfolgt zunächst ruckweife, wird aber bald stetig. Er bildet die eigentliche Ursache für die klangvollen Töne, die mit dem Geräusch gewisser Insekten vergleichbar sind. Die Form des Kessels scheint auf die Tonhöhe einen bestimmenden Einfluß auszuüben. Soll der Kessel laut singen, so muß das Feuer derart bemessen werden, daß die Austreibung der Dampfblasen von dem Boden des Kessels in guter Uebereinftimmung mit den Schwingungen der Kcsselwände steht. Eine zu schnelle und zu starke Eehitzung beeinträchtigt den Erfolg. Die Kesselschmiede von Morioka scheinen großen Wert auf diese Eigenschaft ihrer Waren zu legen, und manche Fabrikanten haben ihre eigene Spezialität darin. Dcraruqe Kessel sind schon viele Jahrhunderte in Japan in Gebraust Theater. Thalia-Theater:„Eine lustige Doppclehe". Schwank von Kurt K r a a tz. Gesangstcxte von Alfred Schön- f e l d. Musik von Paul Lincke. Der Rentier Ludwig Reimers und der Lysol-Romandichter Müller haben beide in zweiter Ehe ihre Frauen aus erster Ehe gewcstsselt, ohne es zu wissen. Sie. sehnen sich aber noch immer uach ihren vorigen Frauen. Zufällig nimmt der„Dichter" im Rcimcrsschen Hause Wohnung. Die junge Gattin Nummer zwei de-Z diel älteren Rentiers ist Frauenrechtlerin, hängt die Wirtschaft an den Nagel und reist zu einem Kongrest, wo sie einen bestellten Vortrag halten will. Für ihren Gatten hat sie auf vierzehn Tage eine Wirtschafterin beschafft. Die trifft alsbald ein. Es ist Reimers erste Gattcn, die von ihnr vor längerer Zeit geschieden wurde und deren Aufenthaltsort dem Rentier unbekannt geblieben war. Sein Rechtsanwalt soll sie ausfindig machen. Weit drunten in Ungarn hat ein reicher Paprikaonkcl das Töchterlein Ludwig Reimers aus erster Ehe zur Universalerbin eingesetzt. Weide: die verflossene Frau Rentiere und Tochter sind nun da. Un- erwartet trifft nun aber auch der reiche Onkel aus der Putzta mit seinem Neffen ein, den er Ludwig Reimers Tochter zum künftigen Gatten, auserkoren hat. Währenddessen ist Reimers Gattin rascher als beabsichtigt war, vom Frauenkongreh zur gekehrt, und aueli der Lysoldichtcr begegnet hier nicht bloh seiner jc�wjcn, sondern gleichzeitig auch seiner ersten Frau. Dieser Rattenkönig von Zu- fällen muß ja über kurz oder lang zu einer furchtbaren Explosion führen. Kurt Kraatz hat hierfür reichlich gesorgt. An komischen Ver- tvechselungen und Situationen ist wahrlich kein Mangel. Sie haben den Vorzug, weder neu, noch besonders geistreich zu sein; aber sie wirbeln so toll durcheinander, daß man au? dem Lachen nicht heraus- kommt— obwohl alles glatter Blödsinn ist. Am Schluß stehen die üblichen drei glücklichen Liebespaare auf dem Plan. Nur die Beiden Gullaschleute gehen leer aus. Dafür gibts Zigeunermusik, Czardastänze usw. Die Gesangstexte hat Alfred Schönfeld auf dem Gewissen, und Paul Vincke gab die Musik her. Sie strotzt nicht gerade von Originalität, ist aber einschmeichelnd melodiös, prickelnd und flott. Die Leiermänner Berlins können sich freuen: vs gibt ein paar neue Walzen. Und die Direktoren des Thalia- thcaters dürfen sich ebenfalls zu ihrem Kassenzugstiick gratulieren. Die Herren Rieck(Dichter Müller), Thielscher(Rentier Reimers), Emi)l Sondermann(Ferenz Porkany) und die Damen Helene Ballot(Blanka Reimers), Else Wannovius(Charlotte Müller) und Lisa Weise(Gertrud) werden schon für den Tauererfolg nach Kräften zu sorgen wissen. e. k. Literarisches. Das Elend der Kritik. Im„Literarischen Echo" wendet sich Ferdinand Gregor! gegen das ungerechte Lob, das neuen Büchern imt übervollen Händen gespendet wird und unterzieht die Methoden, wie neue Dichter förmlich gezüchtet werden, berechtigter Kritik. Er spricht von„Dichtcrfabrikcn" und weist auf die lächerliche lleberschätzung der Ausstattung hin.„Unsere Verleger leben jetzt zum Teil von den Zeichnern und den Papierfabrikanten, nicht von den Dichtern(es sei denn, daß diese auch noch die Kosten der Drucklegung tragen)." „Es ist natürlich viel leichter, mit Zuhülfenahme gutgelaunter Nanien und Eigenheiten um das Werk eines noch Unbekannten herum zuschreiben, als diesen Unbekannten für sich zu erfassen und mit ein paar Worten bekannt zu machen. Wer sich aber nach der Lektüre eines jeden Buches ernsthaft fragt, ob der neue Mann überhaupt was zu sagen hat oder ob er nur reimt und erzählt, weil tausend andere das tun; wer sich weiter fragt, ob einige seiner Metaphern die Kraft persönlichen Schauens ausströmen, ob er nach eigener Form ringt, und schließlich, ob er die Mutter- spräche mit Liebe und Ehrfurcht behandelt, der wird Stoff genug haben für ein paar Sätze, die dem Dichter nützen und das Publikum nicht irre führen. Es liegt nicht in der Ockonomie der Schöpfung, daß jeden Monat ein großer Dichter geboren werde (und die Geschichte weist uns ja deutlich darauf hin); wer aber naiv die Bücherbesprechungen der meisten Zeitungen durchgeht, muß glauben, daß jede Woche drei Genies erstehen." Die Versicherung auf Gegenseitigkeit, die geschäftlichen Be- ziehungcn der Kritiker mit den Verlegern und noch manches andere hätten in diesem Zusammenhange gleichfalls als Ursachen angeführt werden können. Vor allem aber wäre�zu untersuchen, warum es so wenig ernsthafte Kritiker gibt und in dem Getriebe der Literatur von heute geben kann. Kulturgeschichtliches. lieber die Entstehung der Saiteninstru- m e n t c. Auf der britischen Raturforscherversammlung, die in New Uork tagte, sprach Prof. Ridgeway über den Ursprung von Guitarrc und Geige. Es stehe fest, daß sie. wie alle Saiten- instrumcntc, aus dem Bogen hervorgegangen seien, aber die Form sei noch nicht erklärt und der Resonanzboden sei eine spätere Zutat zu der einfachen Harfe oder Guitarrc, den ursprünglichen Saiten- instrumcntcn. Nach der griechischen Sage habe Hermes den er- zürnten Apollo dadurch besänftigt, daß er ihm eine Ehclys geschenkt habe, ein Instrument, das er selbst aus einer Schildkrötenplatte gemacht habe, über das er dann Saiten spannte. Daß die In- strumentc nicht nur in der Sage existierten, wissen wir aus Pausanias, der berichtet, daß man in Arkadien Schildkrötenpanzer zur Herstellung der LvraS benutzte, und noch heute kommen ähn- liche Guitarrcn in den Mittclländern vor. In Afrika benutzte man als Resonanz Kürbisse bei der Herstellung der Saiteninstrumente. In nördlicheren Ländern, wo es keine Schildkrötenschalen gab, griff man zum Holze als Ersatz, und so entstanden Violinen, Guitarren und Mandolincn. Namentlich letztere gehen noch auf die Form des SchildkrötenpanzerS zurück. HumoristisiheS. Enten: Wir journalisieren und redigieren, Wir geben den Wolkenkuckucksheimer Anzeiger heraus, Wir Enten. Wir erzählen den Lesern, daß Preußen Immer noch munter in der Welt voran, Wir Enten.- Wir berichten, daß Witte wieder eine Milliarde Gepumpt bekommt auf westlichen Börsen, Wir Enten, Und daß der ewige Friede Geschützt ist durch ewige Rüstung, Wir Enten; Dazu braucht man wirklich als Journalist Kein Examen gemacht zu haben. („Lustige Blätter.") Notizen. — Das 66. Jugendkonzert in Berlin findet Sonnabend, den 1. Dezember, nachmittags 4 Uhr, in der Singakademie statt. In diesem Konzert soll zum erstenmal der Versuch gemacht iverden, den jungen Zuhörern einige Werke der Kammermusik näher zu bringen. Die Garderobe ist für alle Besucher frei. Einlaßkarten werden durch die Schulleiter und durch den Leiter der Jugend» konzerte, Max Battke, Charlottenburg, Hardenbergstraße 38, ausgegeben. — Der Goethe-Verein veranstaltet seinen zweiten öffent- lichen Kunstnachmittag zu volkstümlichen Preisen am Sonntag, den 2. Dezember, nachmittags 4 Uhr, im Saale der Secession, Kur- fürstendamm 203/9. Der Nachmittag ist R e m b r a n d t gewidmet. Dr. Richard Hamann hält den Vortrag über Rembrandt, dessen Hauptwerke durch Lichtbilder vorgeführt werden. Eintrittskarten zu 50 und 30 Pf.(Dauerkarte 6 M.) sind bei Wertheim, Leipzigerstraße, Plothow, Kantstr. 21, Rcinike, Lietzenburgerstr. 11, in der Buch- Handlung des Westens, Tauenzienstr. 12a., sowie in den mit Plakaten belegten Handlungen und Sonntags an der Kasse von 2 Uhr ab erhältlich. — Bruno Paul wird nun doch trotz der Opposition der reaktiv- nären Presse, die eS unerhört fand, daß der„Simplicissimns"- Zeichner in Berlin eine beamtete Stellung einnehme, zum'Direktor der Berliner Kunstgewerbeschicle berufen werden. Paul hat sowohl als Karikaturist ivie als kunstgewerblicher Zeichner und Organisator seine Bedeutung längst erwiesen. In München soll noch zuletzt ver- sucht worden sein, da? starke Talent in einer staatlicben Stellung München zu erhalten. Jedenfalls wird der erst 34jähriae Künstler ftische Anregungen genug in die Berliner Kunstgewcrbcschnle mit- bringen. AIS Mitglied der Mnuchener Vereinigten Werkstätten für Kunst und Handwerk hat Paul Treffliches geleistet und in seinen Entwürfen für Möbel und Innendekoration Sachlichkeit und Stil- geftihl bewiesen. Hoffentlich läßt er sich seine weitere Mitarbeit am „Simplicissimus" nicht als königlich preußischer Direktor verbieten. — Von I. I. Davids Schriften wird durch einen engeren Freundeskreis eine Gesamtausgabe vorbereitet. — Suzanne D e s p r ö s, die beste Vertreterin moderner Schauspielkunst in Frankreich, erzielte in Köln als Nora einen starken Eindruck. — Der„Eindringling", ein antiklerikales Drama von BlaSco Jbanez, wurde in Madrid mit starkem Erfolge auf- geführt. Der amerikanische Danksagungstag. Alljährlich um die Zeit, wenn wir in Preußen unseren Bußtag haben, feiern die Amerikaner ihren Danksagungstag, der diesmal auf den 29. November fällt. Der Präsident erläßt regelmäßig eine Botschaft an das Volk, in welcher der Tag festgesetzt wird, der Tag des Dankes dafür, daß es der liebe Herrgott mit den Amerikanern Ivieder mal recht gut gemeint habe. Die Arbeit ruht im allgemeinen, alle Geschäfte sind geschlossen; die Gläubigen laufen in die Kirchen, Spiel und Sport und Fest- mähler sind überall an der Tagesordnung. Man preist die Prosperität im ganzen Lande mit Tausenden von schönen Reden und richtet allerorten— Armenspeisungen her. Am Danksaguugstage findet sich am' leichtesten eine Gelegenheit für arme Teufel, an einer wohlbcsctzten Tafel sich einmal satt zu essen. Manchmal ist sogar Nachftage nach„würdigen" armen Leuten für die Teil- nähme an Festmahlern, die von Kirchcngemeinschastcn und frommen Vereinigungen veranstaltet werden. Im Notfalle holt man auch „Unwürdige" von der Straße herein, damit die christlichr Liebe damit prunken kann. Die Heilsarmee bettelt schon wochenlang vorher an allen Straßenecke» und prahlt dann mit den Tausenden, die sie am Danksagungstage gespeist habe. Der allgemeine Festbraten ist „Roast Turkey"; auf keiner Tafel darf der gebratene Truthahn fehlen, dazu kommen Pasteten und Pudding und andere Herrlich- leiten. Alle großen Zeitungen veranstalten Festausgaben und er- zählen ihren Lesern mit Stolz, daß es nirgends in der Welt sich so gut leben lasse wie in den Vereinigten Staaten. Verantwortl. Redakteur: HanS Weber» Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Verlin LW.