Zlnterhaltimgsblatt des Horivärts Nr. 232� Freitag, den 30. November. 1906 lNachdnick verboten.) 43] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebcrsctzung. Die großen Werke setzten sich in Bewegung— man der- nahm ein mächtiges Regen und Rollen, Knarren und Hämmern. Ganz allmählich wurde alles sichtbar: Himmel- hohe, schwarze Gebäude waren verstreut zu sehen, lange Reihen von Läden und Schuppen, kleine Eisenbahnen, die sich nach allen Richtungen verzweigten, kahle, graue Schlacke unter den Füßen und Ozeane von wogendem schwarzem Rauch in der Luft. An einer Seite entlang lief eine Eisenbahn �nit einem Dutzend Gleisen; an der anderen Seite lag der See, wo die Dampfer anlegten, um Ladung einzunehmen. Jurgis hatte Zeit, sich umzusehen und über alles nach- zudenken, denn es dauerte zwei Stunden, eh' er vorgelassen wurde. Er ging in das Bureaugebäude hinein, wo er von einem Aufseher ausgefragt wurde. Der Oberaufseher sei beschäftigt, hieß es, aber der Aufseher werde versuchen, Jurgis eine Stelle zu verschaffen. Er hatte noch nie in einem Stahl- werk gearbeitet? Er war aber bereit, jede Arbeit zu über- nehmen? Nun, dann wollten sie gehen und sich erkundigen. So traten sie denn einen Rundgang an, und so seltsame Dinge bekam er da zu sehen, daß Jurgis die Augen vor Staunen immer weiter aufriß. Er zerbrach sich den Kopf, ob er sich wohl jemals daran gewöhnen werde, an einem solchen Orte zu arbeiten, wo die Luft von donnerndem Getöse erbebte und Dampfpfeifen an allen Seiten zugleich ihre Warnungssignale erklingen ließen; wo Miniaturlokomotiven auf ihn zu stürmten und siedende, brodelnde, weißglühende Metallmassen an ihm Vorüberschossen und Explosionen von Glut und flammenden Funken ihn blendeten und ihm das Gesicht versengten. Die Männer in diesen Werken waren alle schwarz von Ruß, hohläugig und abgemagert; sie arbeiteten mit fieberhaftem Eifer, stürzten hierhin und dorthin und verwandten kein Auge von ihren Aufgaben. Jurgis klammerte sich an seinen Führer wie ein verängstigtes Kind an seine Wärterin, und während dieser einen Werkführer nach dem anderen anrief und fragte, ob er noch einen Mann brauchen könne, starrte er um sich und staunte. Sie kamen zu den Bessemer Schmelzöfen, wo Stahl- platten angefertigt wurden, in einem gewölbten Raum von der Größe eines stattlichen Theaters. Jurgis stand, wo der Balkon des Theaters hätte sein können, und gegenüber, bei der Bühne, gewahrte er drei riesengroße Kessel, die groß genug gewesen wären, um Höllenbrühg für alle Teufel der Unterwelt darin zu kochen; sie waren mit etwas Wcißeni, Bleichendem angefüllt, das brodelte, spritzte und brüllte, als ob ein ganzer Orkan hindurchführe; man mußte laut schreien, um sich in diesem Raum verständlich zu machen. Flüssiges Feuer sprang aus diesen Kesseln heraus und sprang unten gleich Boinben nach allen Seiten auseinander; und es ar- beiteten da Männer, die dem Anschein nach so unachtsam waren, daß Jurgis vor Schreck der Atem verging. Dann ertönte eine Pfeife, und ain Vorhang des Theaters voriibcr glitt eine kleine Lokomotive mit einer Wagenladung von irgend etwas, das in einen der Behälter hineingetan wurde; und dann ertönte eine andere Pfeife unten auf der Bühne. und ein anderer Zug fuhr rückwärts an die Kessel heran; und mit einemmal, ohne die geringste Warnungspause, begann einer der ungeheueren Kessel zu schwanken und zu kippen und spie einen Strahl zischender, heulender Flammen aus. Jurgis fuhr entsetzt zurück, denn er meinte, es müsse, ein Un- fall sein. Und dann stürzte eine weiße Flammensäulc herab, blendend wie die Sonne, rauschend wie ein mächtiger Baum, der im Forst gefällt wird. Ein Sturzbach von Funken jagte durch das ganze Gebäude, überströmte alles und verbarg es dem Auge, und dann blickte Jurgis zwischen den Fingern seiner Hand hindurch und sah, daß aus dem Kessel eine Kaskade von lebendigem, hüpfendem Feuer herausglioll, eine Masse von unterirdisch weißer Farbe, die den Augapfel ver- sengte. Weißglühende Regenbogen leuchteten darüber, blaue, rote und goldene Lichter tanzten ringsum; abtzr der Stroni selbst war weiß, unsagbar weiß! Aus dem Lande der Wunder flutete er hervor, dieser Strom des Lebens; und die Seele wallte aut bei seinem Anblick und entfloh auf ihm rasch und unaufhaltsam zurück zu jenem fernen Lande, wo Schönheit und Schrecken wohnen. Dann kippte der große Kessel leer zurück, und Jurgis sah zu feiner Erleichterung, daß niemand verletzt war, und folgte seinem Führer in den Sonnenschein hinaus. Sie kamen zu den Hochöfen und durch Walzwerke, in denen Barren von Stahl hin- und hergeschlcudert und wie Käse zerschnitten werden. Rund umher und bis oben hin schwirrten riesenhafte Maschinenarme, drehten sich riesenhafte Räder, dröhnten riesenhafte Hammer; bewegliche Kräne knarrten und stöhnten oben in der Luft, reckten eiserne Hände hinab und packten eiserne Beute,— es war, als ob man irn Mittelpunkte des Erdballes stände, wo die ganze Maschinerie der Zeit sich im Kreise dreht. Nach einiger Zeit kamen sie an den Ort, wo Stahl- schienen gemacht wurden; und Jurgis hörte ein heiseres Tuten hinter sich und sprang einem Rollwagen aus dem Wege, auf dem ein weißglühender Metallklumpen von Maunesgröße lag. Plötzlich gab es einen Krach, und der Rollwagen hielt, und der Metallklumpen stürzte auf eine bewegliche Platt- form, wo er von stählernen Fingern und Armen gepackt wurde, die ihn mit Stößen und Püffen in die richtige Lage brachten und ihn in den Bereich der ungeheueren Walzen beförderten. Dann kam er auf der anderen Seite zum Vorschein, und wieder entstand ein Krachen und Klirren, und dann ging er kopfüber wie ein mächtiger Pfannkuchen und wurde wieder gepackt und durch eine andere Walze zurückgejagt. So klapperte er unter betäubendem Getöse hin und her und wurde immer dünner, flacher und länger. Der Metallklumpen be- nabm sich wie ein lebendes Wesen; er wollte diese wilde Jagd nicht initiuachen, aber er befand sich in den Händen des Schick- sals, er taumelte weiter, und sein Kreischen, Klappern und Zucken war wie ein wilder Protest. Nach einiger Zeit war er laug und dünn, wie eine große rote Schlange, die dem Fegefeuer entfloh; und als er jetzt durch die Walzen glitt, hätte man darauf geschworen, daß er lebendig sei,— er wand und schlängelte sich, und Krümmungen und wilde Zuckungen fuhren durch seinen Körper und rissen ihn durch ihre Gewalt fast voneinander. Er fand keine Ruhe, bis er kalt und schwarz war— und dann brauchte er nur noch zerschnitten und gerade gereckt zu werden, um für die Eisenbahn bereit zu sein. Und am Ende dieser Schienenwandcrung bot sich die er- sehnte Arbeitsgelegenheit für Jurgis. Tie Schienen mußten von Männern mit Hebebäumen fortbetvegt werden, und hier konnte der Meister noch einen. Mann brauchen. So zog er denn seinen Rock aus und ging unverzüglich an die Arbeit. Er brauchte jeden Tag zwei Stunden, um zu den Werken hinzukommen, und das kostete ihm einen Dollar und zwanzig Cent die Woche. Da das für die Dauer unmöglich war, so wickelte er sein Bettzeug zusammen und nahm eS mit, und einer seiner Mitarbeiter führte ihn zu einem polnischen Logierhaus, wo er für zehn Cent die Nacht auf dem Fuß- boden schlafen durfte. Seine Mahlzeiten nahm er in Schank- lokalen ein, und am Sonnabendabend ging er nach Hause — mit dem Bettzeug und allein— und brachte den größten Teil seines Arbeitslohnes seiner Familie mit. Elzbieta be- klagte diese Einrichtung, denn sie fürchtete, daß er sich daran gewöhnen werde, ohne sie zu leben, und einmal in der Woche war auch nicht sehr oft für ihn, um sein Kind zu sehen; aber es ließ sich nun einmal nicht anders einrichten. In den Stahl- werken gab es keine Arbeit für Frauen, und Marija war jetzt wieder arbeitsfähig und hoffte von Tag zu Tag, in den Schlachthöfen Beschäftigung zu finden. Nach acht Tagen hatte Jurgis das erste Gefühl von Hülflosigkeit und Betäubung in dem Schienenwerk verloren. Er gewöhnte sich daran, seinen Weg zu finden, alle Wunder und Schrecken gelassen hinzunehmen und zu arbeiten, ohne das Dröhnen und Klirren zn hören. Von blinder Furcht ging er bald ins andere Extrem über, er wurde waghalsig und gleichgültig, wie die anderen Arbeiter, die im Arbeitseifer nur wenig an sich selbst dachten. Wenn man darüber nach- dachte, war es überaus wundK'bar, daß all diese Leute sich so intensiv für ihre Arbeit interessierten, wie sie es taten; sie hatten keinen Anteil daran— man bezahlte sie für jede Stunde und zahlte nicht mehr, weil sie sich für die Arbeit interessierten. Außerdem wußten sie, daß man sie beiseite werfen und vergessen würde, wenn ihnen ein Unfall zustieß, — und doch eilten sie auf gefahrvollen Richtwegen an ihre Arbeit, doch bedienten sie sich der verschiedentlichsten Mc- thoden, die allerdings rascher und wirksamer, aber auch viel gewagter waren. An seinem vierten Arbeitstage sah Jurgis, wie ein Mann vor einem Wagen stolperte und fiel, und wie ihm der Fuß abgequetscht wurde; und bevor er drei Wochen dagewesen war, erlebte er ein weit schlimnieres Unglück. Es gab da eine ganze Reihe von Backsteinhochöfen, durch deren unzählige Sprünge und Risse der weißglühende flüssige Stahl hindurchleuchtete. Einige von ihnen wölbten sich bedenklich nach außen, dennoch arbeiteten Männer vor ihnen, die blaue Brillen aufsetzten, wenn sie die Türen öffneten und schlössen. Eines Morgens, als Jurgis vorüberging, entstand in einem der Hochöfen ein breiter Riß, aus dem sich ein Stroni.flüssigen Feuers auf zwei der Männer ergoß. Als sie sich schreiend am Boden wälzten, stürzte Jurgis hinzu, um ihnen beizustehen, und er büßte dabei den größten Teil seiner Haut in seiner einen Handfläche ein. Ter Arzt der Gesellschaft verband ihm die Hand, doch sonst bedankte sich niemand für seine Tat. und er mußte acht Arbeitstage versäumen, ohne einen Pfennig Lohn dafür zu beziehen. �Glücklicherweise verwirklichte sich gerade jetzt Elzhietas Hoffnung, und� sie erhielt die Erlaubnis, jeden Morgen um fünf Uhr den Fußboden in den Bureaus eines der Packherren scheuern zu helfen. Jurgis kam nach Hause, hüllte sich in mehrere wollene Decken, um sich warm zu erhalten, und der- brachte die Tage, indem er abwechselnd schlief und mit dem kleinen Antanas spielte. Juozapas wühlte täglich stunden- lang in den Ablagerungshaujen umher, und Elzbieta und Märija waren aus der Jagd nach Arbeit. Antanas war jetzt anderthalb Jahre alt und eine wahre kleine Sprechmaschine. Er lernte so rasch, daß es Jurgis, wenn er Sonnabends nach Hause kam, immer schien, als ob er ein neues Kind vorfände. Er setzte sich dann hin und lauschte und starrte ihn an und rief entzückte Staunensrufe aus:„Palauk! Muma! Tu mano szirdele!" Der kleine Bursche war jetzt wirtlich die einzige Freude, die Jurgis auf dieser Welt geblieben war,— seine einzige Hoffnung, sein einziger Lebenstriumph! Gott sei Tank, Antanas war ein Knabe! Und er war so zäh wie ein Kienspan und aß wie ein Wolf! Nichts hatte ihm geschadet, nichts konnte ihm schaden; er war durch alle Leiden und Entbehrungen unversehrt hin- durchgekommen; nur noch schriller klang seine Stimme, noch energischer packte er das Leben an. Er war ein Kind, das zu regieren keine Kleinigkeit war, dieser kleine Antanas! Aber daran kehrte sein Vater sich nicht,— er beobachtete ihn mit befriedigtem Lächeln. Je streitlustiger er war, um so besser! Er wird noch manchen Kamps zu bestehen haben, um durchs Leben zu kommen. lFortsetzuug folgt.) Von cler(Zeige. . Wie die Orgel der Inbegriff eines ganzen Orchesters, so ist die Geige die Krone aller Instrumente. Dies kleine unscheinbare Ding — und doch das schloerste von allen I Aber lerne«S bemeistern— was gibt'S dann noch, das dankbarer, unbegrenzter wäre als Spenderin tieffter Wunder und höchster Seligkeiten im Märchenreich der Töne? Singt wo von ungefähr ihr weicher Klang durch sommer- liche Lüste— wie entzückt er das Herz! Selbst in die Nacht des Wahnsinns ergießt sich der Ton von einer Geige als gütig be- sänstigeuder Bändiger eines zerrütteten Geiste». Wer denkt da nicht an Nikolaus Lenau, wenn er in der Jrrenzelle zu Döbling die ängstlich entlaufenen Lämmer seiner irren Seele ins meisterliche Spiel seiner über alles geliebten Geige bannte I Wunderbar heimatlich wie ihr Gesang mutet uns auch ihr Name an. Geige, Siedell— wann und wo erhielt das Instrument zum erstenmal ose Benennung? Man hat gemeint, daß eS seinen Ursprung aus dem lateinischen Italien(„Lckss�,„fidula"), oder aus dem pro- den?alischen„fideille" genommen. Diese Vermutung ist aber nicht stichhaltig.„Ich glaube"— schreibt der an der GillldslislI School of Musio in London als Profeffor tätige Paul Stoeving in seiner reizvollen Monographie: .Bon der Violine"(Berlin- Groß- Lichterfelde 1S06. Chr. Friedr. Vieweg. G. m. b. H.)—„ich glaube, daß daS Wort Fiedel, Vedel oder Viedel(fidla) ebenso echt urdeutsch(d. h. germanisch, skandinavisch oder angelsächsisch), als llckss lateinisch und fiäula nur vermutlich lateinisch ist". Ja, es läßt sich vermuten, daß der Name möglicherweise ein indogermanisches Idiom, wie viele andere, und daß Fiedel und Mos durch das Band eines gemeinsamen Ur- sprimgeS an den Ufern des Indus verbunden sind. Zu dieser An- ficht konunt Stoeving im Hinblick auf den Geigen bogen. Daß dieser aus dein Osten gekommen ist, wo er bereits seit Fahr- huuderten, vielleicht Jahrtausenden existierte, steht fest. Darin liegt aber auch wohl ein Fingerzeig auf den Hersprung der Violine. In bezug hierauf hat die Forschung bisher keinerlei appodiktische Beweise zur Stelle schaffen können. Höher hinauf als bis etwa uni die Mitte des neunten Fahrhunderts unserer Zeitrechnung laffen sich keine dokumentarischen Beweise für die Existenz von Bogeuinstrumenten beibringen. Griechen und Römer besaßen solche nicht. Unter den Abbildungen von miisikallschen Instrumenten bei den Acghptern und Chaldaern suchen wir nach einer Art vorgeschicht» licher Geige ebenfalls vergebens. Es fehlt da überall der Bogen. Saiteninstrumente, die nach alttestamentarischen Andeutungen bei den Hebräern zur Zeit ihrer babylonischen Gefangenschaft gebrauch- sich waren, wurden mit den Fingern gezupft. Es bleibt also wohl dabei, das Indien das Heimatland der Streichinstrumente ist. Es müßte denn sein, man forschte noch bei den Chinesen, die ja un- zählige Musisinstrumente haben, oder auch bei den Koreanern, Japanern. Vorläufig muffen wir bei den Indern stehen bleiben. Ein Justiument, wie es dort die Bettler und Pandarons seine Art wandernder Eremiten) mit sich führen, bewahrt das Britische Museum zu London auf. Es entspricht genau einer Beschreibung, die Fstis von dem .Ravanastron" gibt. Ein schmaler Zylinder aus Sykomorcnholz— auf einer Seite offen, auf der anderen mit einem Stück Schlangen- haut, als Resonanzboden dienend, bedeckt— ist von einem oben flachen und unten abgerundeten Stab durchschuitten, welcher den Dienst eines Halses und Griffbrettes versieht und an seinem oberen Ende zurückgebogen und mit Wirbeln versehen ist. Zwei Saiten sind am anderen, unteren Ende befestigt und über einen winzigen, ans dem Resonanzboden stehenden und leicht abgerundeten Steg gespannt. Ein Bogen von Bambusrohr, an dem die Haare an einem Ende roh durch einen Knoten, am anderen mittels Bast gehalten werden, vervollständigt die Ausstattung. Ob man in diesem Instrument den bescheidenen llrahn der Violine zu erblicken Hab«, läßt fich nicht beweisen, doch vermuten. Nächst den Indern haben die Perser und Araber seit alters die Pflege der Musik betriebe». Zweifellos steht fest, daß diese letztere« Völker sich die Verbesserung der Musikinstrumente angelegen sei» ließen; und es ist wohl möglich, daß sie auch Bogeninstnuneute ge» kannt haben. DaS Rebab ist jedenfalls ihre Erfindimg, da sie ein diesem ähnliches Bogeuinstrument noch heute benutzen. Es ist birnenförmig, hat zwei oder auch drei Seiten, in Quarten gestimmt, und ist oftmals mit reichen Schnitzereien und zwei halbmondförmigen Schalllöchern in der Decke ausgestattet. Dies Rebab war im Mittel- alter durch ganz Europa bekannt. Es hieß in Frankreich u. a.: radsl, rebec und g i g u e; in Portugal und Spanien: rodet, robis, arrabis; in Italien: rabeba, rebeba; in Deutschland: Eebec, Rebelai.i und Geige, ohne Bünde. Hier hören wir zum ersten Male das anheimelnde Wort Geige, das augenscheinlich dasselbe Instrument bezeichnet wie das altfranzösische gigue, eine Ableitung von gigot— Hammelkeule, womit wohl die Form des Instruments eine gewisse Aehnlichkeit besessen haben muß. In England endlich stoßen wir auf die Namen niblbls, rebec und manchmal auch crowcl Die älteste Darstellung eines solchen auf europäischem Boden verpflanzten Lebabs ist auf eineni Manustript aus dem Anfang des v. Jahr» Hunderts zu unS gekomnien. Die Aehnlichkeit mit dem vorhin de- schriebencn Rebab ist unverkennbar. Ob däS Rebab wirklich die alleinige älteste europäische Stepräsentaittin des Gcigcngeschlechts ist, /steht nicht fest. Als solche könnte eher das Wslsh crwth angesprochen werden, dessen Vorfahrin die Chrotta gewesen sein soll. Eine andere Abbildung eines Spielers aus dem 11. Jahr- hundert zeigt ein dreisaitiges Crwth von wesentlich veränderter Form. Daß übrigens die Angelsachsen lange vor den walliser Barden mit der Fiedel)rebec or crowd, nicht crwth) bekannt waren, ist eine nachweisbare Tatsache. Auf welchen Wegen Rebab und Bogen nach Europa gebracht wurden, dafür laffen sich wahrscheinlich die„fahrenden Leute" ansprechen. Das find der Clown, der Kasperllheater- mann, die Wandemden Minstrels und Musikanten. Sie zogen ja durch alle Welt. Was erscheint da natürlicher, als daß sie das Rebab rasch fich aneigneten und es auf diese Weise auch nach Deutschland brachten. Seit dem Anfang des 9. bis über die Mitte des 11. Jahrhunderts hinaus ist dieS Miisikinstrmnent ihr Begleiter gewesen. Dann tritt ein anderes auf. Wir sehen eS auf Bilder« mittelalterlicher Orchester aus dem 11. Jahrhundert. Es ist nicht, wie das Rebab birnenförmig mit ausgebauchtem Rücken; es ähnelt der Gitarre. Es hat einen sonoren Körper, aus Brust und Rücken oder Decke und Unterdecke und Seiten oder Zargen gebildet, und hat mehr oder weniger ausgeprägte Bogen oder Ausbuchtungen an beiden Seiten. Mit dem Rebab teilt das Instrument manchmal den Schnitt der Schalllöcher(ein C oder Halbmond), der an einen orientalischen Ursprung oder wenigstens an einen Aufenthalt in den östlichen Ländern erinnert." Und■ dies Bogeuinstrument führte bei seinem Austreten in Deutschland den Namen Fiedel oder Vedel. Zweifellos ist es die Vorläuferin der Violine. Und da eS. nach der ältesten bildlichen Darstellung zu schlieven, eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Gaudock der russischen Landbevölkerung und mit einer Art Geige, die noch in Teilen von Norwegen und Island aufweist, so wird man annehmen dürfen, dasi die Fiedel ihren Weg vom Osten und Norden nach dem Süden und Westen genommen hat, zum Unterschied vom Rebab oder Rcbec, das vom Süden und Südwesten her nach Norden kam. DaS nun folgende Zeitalter der Troubadours und Ritter war auch des armen Spielmanns goldene Erntezeit. Znnächft ziehen die Spicllcute in kleinen Banden durchs Land.»Die Fiedel über den Rücken ge- schwangen, in auffallenden, Gewände, mit einer Pfauen» oder Hahnenfeder auf dem Hute, in kurzem Rock und engen Hosen":— so sehen wir den Spielmamr.auf dein Trumscheidt" auf ernem Bilde, lleberall, wo waS los war spielten sie auf. Auch zogen sie zu den Burgen empor, um dort zu musizieren. Manchmal hielt sich ein Ritter i mann sogar seine eigene Bande von Spielleuten, die ihm überall hin nachfolgten. Aller« dings—.in den Lugen der Welt standen diese fahrenden Musikanten oder Spielmäuner noch immer im niedrigsten Ansehen. Nur ein Schritt trennte sie von den, ausgesprochenen Sttolch, Lump und Bösewicht. Trotzdem galten die Spielleute doch in den Augen des Volkes viel. Ihnen schloffen sich gern die fahrenden Schüler an, zuweilen auch wohl ein entlaufener Mönch oder ein wirtschaftlich heruntergekommener oder sonst unglücklicher Edelmann, der das Leben eine? wandernden Minsttels(Sängers) und Musikanten wählte. Zu den letzteren Klaffen gehörten die Troubadours und Minnesänger. Doch herrschte zwischen ihnen und dem gewöhnlichen Volk der fahrenden Sänger und Epielleute ein strenger Unterschied. Sie waren in der Regel die Dichter und Komponisten ihrer Lieder. DaS Singen und Spielen überließ er seinem Minsttel oder Jongleur. Dieser hieß„Trouveur Bautard", wenn er die Dichtung seines Herrn in Musik setzte. Die soziale Stellung der Minsttels war etwas besser als die ihrer deutschen Kollegen. Sie taten sich zu einer Gesellschaft„L» Confrerie des Menetriers" in Paris zusammen und bewttkten später auch in anderen Ländern eine den Fiedlern und Pfeifern zustatten kommende Veränderung. Die Spielleute fiedelten sich als Zunft in den Städten an. Die Minnesänger, noch mehr die Minsttels und Epielleute waren es also, die in erster Linie daS Verlangen nach Instrumenten und in zweiter das nach ihrer Vervollkommnung hervorriefen. So hat dem» nach der Fiedler des 1l. und 12. Jahrhunderts wirklich ein großes Verdienst an der endlichen Schaffung der B i o l i n e. Es»st ein weiter Weg der Entwickelung von der Fiedel bis zur Geige. Die erstere war bis zum Anfa»tg des 13. Jahrhunderts besonders in Südeuropa sehr verbreitet. DaS bezeugen Berordinmgen, die das Biolaspielen bei Nacht verbieten(Bologna, England), sowie zahl- lose poetische Verherrlichungen»md Abbildungen. Diese lassen die Fiedel in verschiedenen Veränderungen sehen; nämlich:.manchmal wie die spanische Guitarre angewandt(ohne Bogen), manchmal mit dem Bogen gestrichen»md endlich auch mittels eines auS kolophoniertcn Pserdehaaren bestehenden Rades gespielt, welches im Schallkörper angebracht war. In dieser letzteren Gestall war es in Frankreich unter dem Namen„viälls"(augenscheinlich eine Ableitung von dem Worte„viole"), in Deutschland als .Bettlerleyer", in England als.Hru-dy-gurdz� bekannt.' Es gab Baßviolen. Tenor« und Diskantviolen usw. nnt wechselnder Saitenzahl. Daneben bis ins 16. Jahrhundert hinem verschiedene Gruppen von Violen mit besonderen Kennzeichen; so in Italien die.Viola, di spalla*(z. B. auf Raffaels Gemälde.Apollo im Parnaß"); ferner die„Viola bastarde"(mit 6 Saiten), zwischen den Knien gespielt, die„Viola di lira" und die„Viola di bardone", .ein etwas ungeheuerlich aussehendes Ding mit 6 Saiten, unter welchen nicht weniger als 22 mittlingende Satten Hinliesen'; endlich gab es noch die.Viola d'amour*, die noch heutzutage gelegentlich in Konzerten zu Gehör gebracht wird. Die Konstruktion aller dieser großen Jnslrumenle führte übrigens zur Einstigung von Eckllvyen, die einen wichtigen weiteren Fortschritt in der Jnsttumentalbaullmst be» zeichnen. Durch sie wurde nämlich eine vorher unmögliche Per- mehrung der Spmumng des Resonanzkörpers und damit eine freiere Ueberttag»mg der Saitenzitterung erzielt. Nun war endlich das Zeitalter für die Bioline gekommen, an deren Erschaffung das Reuerwachen des'geistigen und künstlerischen Ledens in Europa— die Renaissance l— ihren Anteil gehabt hat. Nun machte sich das Verlangen nach einem Bogeninstrument von praktischerer, Hand» licherer und anmutigerer Form als die alten Armviolen gellend. Als Schöpfer der modernen Violinform werden Gaspar da Salo und Gaspar Duiffoprugcar angesehen. Für letzteren— er stammte aus Freistng und Tieffenbrucker war sein echt bafuwarischer Name— darf aber daS Prioritätsrecht erhoben werden. Es waren richtige Geigen, die er baute,„wenn auch etwas schwerfällig in den Verhültmsien. mit den bekarmten charakteristischen Kennzeichen, den abgerundeten Schultern, den ausgeprägten Biegungen und den Ecken an den Seiten, den Schwellungen von Decke und Boden, der Schnecke und den k-Löchern. Außerdem waren sie von ausgezeichneter Arbeit: die Rückseiten reich mit Holz eingelegt und mit in Oel gemalten Madonnen« und Heiligenblldern(owie mit farbigen und goldenen Wappen geschmückt; die Seiten bedeckten Sprüche»md die Intarsien- Aederchen waren zart und oft doppelt »md in Arabesken anslanfend ausgeführt.' Fünf Biolinen von Tieffenbrucker find bekannt. Auf ihren Jnschriftenzetteln stehen die Jahre 1610—1217. Eine dieser Violine» befindet sich in Aachen. Tieffenbrucker starb zwischen 1570/71 in Lyon„in Elend und Schulden". Für Gaspar da Salo— er hieß eigentlich Gaspar Bertolotti— spricht wieder der Umstand, daß bei Auszählung der anläßlich einer Oper„Orfeo" von Monleverde in Mantua 1607 benutzten Instrumente unter anderem auch zwei Violinen genannt sind, also die erste Urkunde über das Wort Violine erbracht ist. Daß mn Gaspar da SaloS Zeit oder schon früher der Musikinstrumentenbau in Brescia und Cremona blühte, ist erwiesene Tatsache. Gasparos Schüler Giovanni Paolo Maggin i beschränkte sich hmiptfächltch auf den Geigenbau. Die Violine scheint also damals schon allgemein im Gebrauch gewesen zu fem. Unter den Meistern des Geigenbaues nehmen ferner Andrea Amati nebst seinem Sohn Nicola in Cremona und Andrea Guarneri einen hohen Rang ein. Beide sind durch fünf oder mehr berühmte Namen verrreten. Als größter Meister denticher Zunge tritt»ms der Tiroler Jakob Stainer entgegen. Sein Leben war Not, Gefängnis und Wahnsiim im Aller, den» er 1683 erlag. Er soll seine Violinen um— 12 M. das Stück verkauft habe»», um nur existieren zu können. Und doch gehören seine Instrumente zu den herrlichsten Erzeug»»»»«,. Der größte aber von allen Meistern ist der Crcmonenser Antonio Stradidari. Nach ihm,»md überhaupt als eine faszinierende Persönlichkeit, leuchttt Guiseppe Gurneri del Gesu hervor, lieber den Geigenbau in Frankreich, England, D«ltschland bis heute, über das Geheimnis der alten Cremonenscr Meister, was Formgebung, Holz, Lack. Ton- erzeugung betrifft, über die Entwickelung des Geigenspiels, dessen Koryphäen, Mufikliteratur usw. in Europa erzählt Paul S to ev ing in seinem Eingangs genannten Werke so viel des Jntereffanten und Schönen, daß wtt nur raten können, sich selbst an dieser köstlichen Quelle Belehnmg und angenehmes Ergötzen zu holen. Die Violine, dies kleine Ding, so einfach und doch:— welch großartiges Wunder- werk l DaS klingt und fingt, das jubelt»md weint, das lacht und trillert, wenn Meisterhände daran rühren. Dann erwachen alle großen Genien des Spiels: ein Viotti Corelli, Tartini, Paganini, Bbriot, Lauterbach, Ernst, Joachim, HelmeSberger s tntti quanti, um der Violine als ihrer Erweckerin sowie als aller Menschheit holdeste Trösterin zu huldigen. X. kleines Feuilleton. Mittelalterliche Scherz- und Spottnamen. Bürgerliche Zunamen finden sich schon Anfang des 13. Jahrhunderts in einzelnen städtt« scheu Urkunden vor, jedoch nur sehr spärlich. Im ällesten Frank- furttr Bürgerbuche von 1811/12 beträgt die Zahl der nach bloßen Vornamen angegebenen Bürger noch 66 Proz., 1861 dagegen nur noch 34 Proz. aller vorhandenen Namen. Die Bürgermeister deS 14. Jahrhunderts loerden noch allgemein in den damalige!» Urkunden nur mit ihren Vornamen angeführt. Je mehr natürlich die mittelalterliche Stadt wuchs, um so mehr wurde es nötig, die einzelnen Bürger durch Zunamen näh« zu bezeichnen, die zunächst entweder nach der Heimat (Sachs, Schwab, Coneze Frankenford 1366) und dem Gewerbe Schmidt, Müller) oder dem städtischen Wohnplatze gewählt wurden. wie Weeze an dem Felde(Frankfurt 1330), Konrad an der Ecken 1338, Harttnud mitten in dem Dorf 1340, Kule by der Bach 1344, Gerlach unter der Lynden 1346. Bald aber finden sich auch Zu- namen, die der Gestalt der Bezeichneten ihr Dasein verdanken, zum Beispiel der kahle Wigand(Frankfurter Bürg er buch 1348). Volez Spitzebart 1334, Coneze Kruinpstix. Hans Zegenbart 1380, Albrecht Langnase 1354. Ebenso»vachsen sich die Bezeichnungen von besondere« Eigenschaften zum Kamiliennanieii aus, Henrich one Angest(ohne Angst), Konrad Brolich, Heinrich Frischgemud, wie auch an besondere Borkomnmisie Namen«»»knüpfen, wie Hehle Durchdenbusch, Hehle Kackildanz. Jacob mit der lieben Dubin(Taube), Eule Wursteirbendil. Hehle Drittehalbphuird. Breiten Spielraum findet d« mittelallerliche Humor bei der Namensgebung, denen Geivohnheiten des ursprünglichen Trägers zu Grunde liegen. So Hannsechin Schenke in das Glas, Frankfurt 1487, Ebirlin Lerencruch 1362. Heinrich Bechercr 1338, Suchewin 1346, Gerhard Windrang 1348, Heinrich Nuneglocke(Weinglocke), Heimekin Dusentherese. Heinrich Surmilch. Solche Spott- und Scherzname»» waren im 14.-16. Jahrhundert recht allgemein. Daher finden sie sich nicht nur als Familiennamen in den Städten, sondern auch als Zu- m,d Spitziiamen im Rittertum und Adel. Eine reiche Auswahl derselben ergeben die westfälischen Adelsregister und Urkunden jenes Zeitabschnittes. Es kommen da vor: 1436 Johann Bentyncck der„Onbefcheydene', 1330 Tetniar v. Bockenforde gen. Zuckerfaß, 1443 Henrich Kobbairod„de Slüper", 1409 Deidert v. Mekelinghusen- Schnapünmie, 1862 Gerhard v. Mengede-Schudüvel. 1460 Elisabet v. Moddenhorst«D»nvel, 1428 Johann v. Oevete-Klopnagel, 1369 Hnnold von Plettenberg-Plaffen- dreck, 1410 Johcum Graf von Solms-SpriiiginSleben oder Ziegenbart, 1350 Johann Bullenspit-de Hunt, 1689 Wilhelm voi» Vhffhanß- Süverich. 1423 Heinrich Wrede-Supetut, 1463 Ja»» Bogt von Aspe- Pepersack usw.— a. a, Kunst. Die Ausstellungen des Kunst salo ns Ca SP er haben eiiren eigenen Charakter. Man könnte ihn einen Vorläuf« von Cassirrr nennen. Er gibt die französische Kunst aus der Mitte dieses Jahrhunderts und bereitet so auf die französischen Künstler der Gegenwart vor, die der Salon Cassirer bringt. Das ist von W-rt. Diese älteren Künstler sind schon historisch geworden. Es ist gut, ihren Wert noch einmal abzuwägen. Da ist von Göricault(1701—1824) ein vorzügliches Bild, dessen Stoff ganz aus dem Leben gegriffen ist. Arbeiter, die einen Lastwagen aus dem Steinbruch auf den Weg lenken. Voller Kraft und Leben! Zwar ist das Kolorit noch dunkel, doch heben sich die Gestalten und die Tiere malerisch heraus. Fr omentin ist als Pfcrdemaler bekannt■, er machte die damals anhebende Orient- malerei begeistert mit. Ein kleines Bildchen, auf dem vor hoher, brauner Mauer ein Araber ganz klein in rotem Kostüm steht, zeigt. lvie fein dieser Künstler die Farben des Orients enipfand. Dies waren Vorläufer der Moderne, die nnt der„Schule von Barbizon" entscheidend einsetzte. Barbizon ist ein Ort in der Nähe von Paris. Dort fanden sich eine Reihe Künstler zusammen. Künstler, die aus ihrer Kunst jede Pole entfernen wollten. Sie wollten Wahrheit. Millet, der Bauernmaler, steht an ihrer Spitze. In der Landschaft vermieden sie das Effektvolle; man wollte intim, einfach sein. Die Holländer, die ihre Landschaft so anspruchslos und doch malerisch sahen, waren die Vorbilder. Diesen Zusaiiimenhang erkennt man vor den Bildern dieser Schule ganz deutlich. Corot (1796—1875) ist einer der bedeutendsten. Er hat der Natur gegen- über ein anßerordentlich feines Empfinden. Er umkleidet alle Dinge der Natnr mit Poesie. Dieses Poesische aber nierkl man nicht an dem Inhalt, sondern in der Art, wie er das Gesehene darstellt. Ausierst zart und verschwommen gibt er den Eindruck. Das atmo- sphärische Licht umspielt weich und kosend Baum und Strauch. Er vernieidet die lineare Kontur. Einen Baum gibt er als Masse, als Ganzes, als farbigen Eindruck. Ein silbrig zartes Licht ist in seinen Bildern. Mit Vorliebe malt er schlanke, junge Bäumchen auf hellen Wiesen. Ein wenig merkt man noch das Nachwirken des Rokoko z Walteaus malerische Wiedergabe der Natur wirkt nach. Daneben aber steht etwas ganz Neues, die moderne Sehnsucht nach der Natur, das beinahe übertriebene sensible Mitempfinden, das Aufgehen in der Natur. Duprö (1811—89) ist dramatischer. Seine Beleuchtungsstudien— mit Vor- liebe räumt er dem Himmel und dem Wvlkciispiegel einen breiten Raum ein— sind voller Bewegtheit. D a u m i e r(1898—79) ist phantastischer, zugleich schärser, da er einer der ersten Karikaturisten ist. Aber nicht seine scharf sattrischen anklagenden Blätter, in denen er für die Besitzlosen eintritt, kommen hier in Betracht, sondern seine Bilder. Seit der Weltausst-inng in Paris 1999 weist man, dast Daumier ein Maler war. Ak? Beispiel dient hier das kleine Bildchen „Don Ouixote". Ein Werk von fabelhafter Wirkung. Das Phan- tastische darin von tiefer Glut, das Malerische ganz eigen. In einer düsteren Felslandschast liegt vorn auf dem Weg ein ver- endender Gaul. Hinten— die Nacht dunkelt schon— naht der Ritter, lang, hager, mit dem kleinen dicken Sancho. Nur die Silhouette ist gegen den Himmel zu sehen. Trotz der Kleinheit macht das Bild einen großen Eindruck, ein Be- weis, dast der Künstler, um die groste Wirkung zu erreichen, sinn- gemäst die Szenerie vereinfachte. Der erste Beginn einer dekora- tiven Malerei, die auf den grasten Eindruck ausgeht. Noch schlichter als Corot ist Daubignh<1811—1889), der nichts will als den getreuen Eindruck der Landschaft. Sein Grün ist von einer saftigen Frische, der Himmel von einer wunderbaren durchsichtigen Bläue. Unendlich ist der Horizont. Auch D i a z<1897— 1876) gehörte zu der Schule von Barbizon. Man kann ihn als Vorläufer des Impressionismus bezeichnen, so ftmkelt und flirrt es auf seinen Bildern. Zugleich behält er einen monumentalen, ruhigen Eindruck bei. Er lästt an Renoir denken. Rsit Vorliebe malt er Waldesdickicht, goldig-grün leuchtend. Und darin Mädchen mit heller Toilette. Und diesen Gegensatz, das Prunkende der Stoffe im Dämmrigen, arbeitet er virtuos heraus' und erreicht dabei eine Feinheit, einen Schmelz namentlich in den weißen und Hellrosa Tönen, der immer wieder entzückt. Dabei sieht er von o/lem Kleinlichen ab. Auch er betont, wie alle diese Künstler, im Kleinen den monumentalen Eindruck. B u l f i e l d und S i§ l e y leiten schon in die moderne Zeit über. Sie lösen den Bildeindrnck in ein Gewirr farbiger Striche und Tupfen auf. Bnlfield malt Marktszenen. Sislelz zieht in die freie Natur, er bevorzugt Häuser am Wasser, Dörfer zwischen Wiesen. Bei einem Standbild von Roger, das feine graue Töne hat, denkt man an Liebermann. Mit feinstem Geschmack sind die hellen Töne der Toiletten verwandt. Die weiche, matte Luft ist vorzüglich gegeben. Alles ist auf groste Kontraste zurückgeführt, der breite graue Strand, der mattblaue Himmel, die Meercsfläche grünlich miffchimmernd. Und darin das kleine bunte Gclrabbel der Menschen in prickelnder Farbigkcit. M. Röbbeke stellt eine ganze Reihe von Kopien nach alten Meistern aus. Das find keine Kopien mehr. Es sind Nach- schöpfungen, die selbst künstlerischen Wert haben Alle Tonschönheit ist erhalten, jede Eigenheit im Strich bewahrt. Ein ganz>cltener Fall! So ist hier Gelegenheit geboten, ohne viel Mühe einen Kursus in der älteren französischen Landschaftsmalerei durchzumachen. Fäden gehen von hier ans nach vor- und rückwärts. Wir sehen die Ver- bindung mit der Vergangenheit, mit Watteau und mit Holland. Wir sehen den Ausblick in die Zukunft, die für uns nun schon Gegenwart geworden, wo die Rainen Courbet, Manct, Monct, Renoir und andere als würdige Nachfolger zu nennen sind. Ich möchte diese Ausstellung als eine der interessantesten in diesem Monat bezeichnen. o. s, Psychologisches. Seelische Vorgänge und Blutdruck. Wohl jeder hat sckion an sich und anderen die Beobachsimg gemacht, daß unter dem Eindruck gewisser seelischer Erregungen auch unser körperlicher Zustand frischer und kräftiger wird. Die Franzosen A. Binet und A. Waschidi haben nun den Einfluß von seelischen Vorgängen auf die körperliche Täsigkeit genau bestimmt, indem sie experimentell untersuchten, wie die Kraft, mit der das Blut durch unsere Adern gepreßt wird, von seelischen Vorgängen abhängt. Da? Resultat dieser interessanten Messungen ist, daß heftiger Schmerz den Blutdruck ebenso steigert, als wäre das Blut dem Mehrdruck einer Quecksilber- säule von 15 Millimetern Höhe ausgesetzt. Ernnidende Sinnes- anstrengungen und schwierige Kopfrechnniigen steigern den Druck, um 29 Millimeter Quecksilber, eine belebte Unterhaltung vermehrt den Blutdruck um 39 Millimeter Quecksilber•, starke Gemütsbewegungen steigern den Blutdruck um denselben Bettag, den große körperliche Erregungen zur Folge haben. In beiden Fällen betrug die so hervorgerufene Blutdrucksteigerung 33 Millimeter Quecksilber. Notizen. — Im Neuen Schauspiel hause wird im Dezember jeden Mittwoch- und Sonnabendnachmittag die Goldncrsche Weih- nachtskomödie„Aschenbrödel" zur Aufführung kommen. — Dr. O. D. Potthof veranstaltet unter Mitwirkung der Frau Betsy Schott(Gesang) am 14. Dezeurber im Architektenhause einen„Abend moderner Dichtung". Das Programm ent- hält u. a. Originalbeiträge Leonid Andrejews und Maxim GorkiS, sowie eine Szene aus Thomas Manns„Fiorenza". Karten bei Bote u. Bock. — Die bereits angekündigte Ausgabe der gesammelten Werke Gerhart Hauptmanns ist jetzt im Verlage von S. Fischer in Berlin in 6 Bänden erschienen.(Preis geb. 24 M., geb. in Halbpergament 39 M.) Jeder Band enthält„die nach ihrer Grundstimmung zusammengehörigen Werke", die dann chronologisch geordnet sind. So der 1. Bd. z. B. die Werke mit„sozial- kritischem Einschlag" wie die Dramen:„Vor Sonnenaufgang",„Die Weber",„Der Biberpelz",„Der rote Hahn"; der 6. Bd. die reinen Märchendramen. Die Texte sind, revidiert, identisch mit denen der Einzelausgaben. Die„Weber" und der„Fuhrmann Hendschel" liegen in der der Schriftsprache angenäherten Fassung vor. Der bei W. Drugulin vorgenommene Druck ist in einer schönen, breiten alten Fraktur gehalten. Einband und Titelvignetten sind in ein- facher vornehmer Art von E. R. Weist entworfen. — Von den Wiesbadener Volksbüchern sind bis jetzt 87 Bündchen erschienen. Die meisten kosten je 19 oder 16 Pfennige und enthalten Erzählungen usw. auch von modernen Autoren, die noch nicht frei sind, wie: W. H. Riehl, Heinrich Hansjakob, Peter Rosegger, Stifter, Jensen, Hans Hoffmann. Marie von Ebner- Escheubach, Klara Viebig, Louise von Franxois, Gottfried Keller, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Ilse Fapan, Adolf Wilbrandt, Anette von Droste-Hülshoff, Tolstoi, Muellenbach, Grillparzer, Liliencron, Björnson, Julius Sttnde, Charlotte Niese, Carmen Sylva, Fritz Lienhard. Jedes Bändchen ist mit einer über den betreffenden Schriftsteller und seine Werke orientierenden Vorrede versehen. Die Bündchen leisten an Papier und großem Druck alles mögliche. — Die„wirkliche" Wissenschaft. Der„Frankfurter Zeitung wird aus Dortmund folgende nette Geschichte berichtet: Das wahre Muster eines.populär-ivissenschafllichcn Vorttags must eine Rede gewesen sein, die am letzten Sonntag hier in einer Ver- sanimlung des Volksvereins für das katholische Deutschland Herr Dr. Meffert von der Zentralstelle des Volksvereins in M.-Gladbach gehalten hat über„Die Abstammung des Menschen". In dem Bericht der ultramontanen„Trenionia" heißt es nämlich darüber: „In gemeinverständlicher, oft von köstlichem Hunior gewürzter Rede zeigte er(Dr. Meffert) praktisch an einem Menschen- und Affenskelett die Unfinnigkeit der Lehre von der Abstammung des Menschen vom Affen. Unsere heutige lvirklichc Wissenschaft... sei über die Abstammungslehre längst einig und' stimme mit der Schöpfungslehre, wie da? Christentum sie lehre, überein. Stürmischer Beifall lohnte den Redner für seine fast iVJtündigen, begeisterten Ausführungen." Dieser Dr. Meffert kann es bei einiger Geschicklichkeit noch weit bringen. — Der Nobelpreis soll nach einer Meldung des„Svenska Tagbladet" für Chemie dem Pariser Professor Henri Moisson lu d für Physik dem Professor Thomson in Cambridge zuerteilt werden. Das gleiche Blatt bestätigt das Gerücht, dast der Nobelpreis für Medizin an die Professoren Golgi in Pavia und Namon y CaUal in Madrid, und der Nobelpreis für Literatur an den italienischen Dichter Giosue Carducci verliehen werden soll. Fortschritte der drahtlosen Telegraph! e. Wie die Zeitschrift„Pioneer" aus Indien ineldet, haben die Versuche mit drahtloser Telegraphie zwischen Peshawar und Lundikotal zu völlig befriedigenden Ergebnissen geführt; sie beweisen die wichtige Tatsache, dast die Zwischenlagerung höherer Berge kein Hindernis für eine ungestörte Verständigung zwischen zwei Orten in bergiger Gegend bildet. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Singer LrCo..Berlin