Nnterhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 234. Dienstag, den 4. Dezember. 1906 451 Der Sumpf. Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. War er doch sein Leben lang ein Landmann gewesen! Und nun hatte er seit drei langen Jahren keinen ländlichen Anblick gehabt, keinen ländlichen Laut vernommen. Mit Ausnahme jenes langen Marsches bei der Rückkehr aus dem Gefängnis, als er zu ermattet gewesen war, um auf irgend etwas zu achten, und der wenigen Male, als er sich in den städtischen Parks ausgeruht hatte, während er im Winter nach Arbeit suchte, hatte er buchstäblich keinen Baum gesehen. Und jetzt war ihm zumute, wie einem Vogel, der von einem Sturm aufgehoben und davongetragen wird; jeden Augen- blick blieb er stehen und starrte irgend etwas voll Ver- wunderung und Entzücken an: eine Herde Kühe, eine Wiese mit Ganseblümchen, Hecken voll blühender wilder Rosen, singende Vögelchen auf den Bäumen. Dann kam er zu einer Farm und näherte sich ihr, nach- dem er sich sicherheitshalber mit einem Stock bewaffnet hatte. Der Farmer schmierte einen vor der Scheune stehenden Wagen, und Jurgis ging auf ihn zu.„Ich möchte gern ein wenig Frühstück haben," sagte er. „Wollen Sie arbeiten?" fragte der Farmer. „Nein," sagte Jurgis,„arbeiten will ich nicht." „Dann können Sie hier auch nichts kriegen," sagte der Farmer grob. „Ich wollte dafür bezahlen," bemerkte Jurgis. „O!" sagte der Farmer: dann fügte er sarkastisch hinzu: „Nach sieben Uhr morgens wird bei uns kein Frühstück serviert." „Ich bin sehr hungrig." sagte Jugis ernst.„Ich möchte mir gern etwas zu essen kaufen." „Fragen Sie die Frau," erwiderte der Farmer, indem er über seine Schulter nickte. Die„Frau" war zugänglicher, und für eine kleine Münze erwarb Jurgis zwei dicke Butter- brote, ein Stück Pudding und zwei Aepfel. Er ging davon, indem er den Pudding verzehrte, weil er sich am schlechtesten tragen ließ. Nach wenigen Minuten kam er an einen Fluß, er kletterte über einen Zaun und ging auf einem Waldweg am Ufer entlang. Bald darauf fand er einen behaglichen Platz, und dort verschlang er seine Mahlzeit und löschte feinen Durst mit Flußwafser. Dann lag er stundenlang da und tat nichts weiter als schauen und genießen, bis ihm ganz schläfrig wurde und er sich im Schatten eines Busches niederlegte. Als er erwachte, schien die Sonne ihm heiß ins Gesicht. Er stand auf und reckte die Arme, und dann starrte er das vorübergleitende Wasser an. Gerade vor ihm war ein tiefer, stiller und geschützter Tümpel, und plötzlich kam ihm ein überwältigender Gedanke. Er konnte ein Bad nehmen! Das Wasser war frei, und er konnte hineinsteigen,— ganz tief hinein! Und das würde das erste Mal sein, daß er wieder tief ins Wasser hineinging, seit er Litauen verlassen hatte! Als Jurgis zuerst nach den Schlachthöfen ging, war er so rein gewesen, wie ein Arbeiter es sein kann. Aber später- hin, als er krank und kalt, hungrig und entmutigt war, und seine Arbeit ekelerregend und seine Wohnung voll Ungeziefer war, hatte er sich im Winter überhaupt nicht mehr gewaschen und im Sommer auch nur so viel von seinem Körper, wie in eine Waschschüssel hineinging. Im Gefängnis hatte er ge- badet und sich abgeduscht, aber seitdem nie wieder,— und jetzt wollte er schwimmen Das Wasser war warm, und er plätscherte vor lauter Freude wie ein kleiner Junge drin herum. Dann setzte er sich nahe am Ufer ins Wasser und begann sich abzuscheuern,— ganz langsam und methodisch, Zoll für Zoll, mit Sand. Nun er einmal dabei war, wollte er es gründlich machen und sehen, wie ihm zumute sein würde, wenn er rein war. Er schrubbte sich sogar den Kopf und kämmte die sogenannten„Krumen" aus seinem langen, schwarzen Haar, indem er den Kopf so lange wie möglich unters Wasser hielt, um zu sehen, ob er sie wohl alle töten könnte. Darauf sah er sich nach der Sonne um, und da sie noch so schön warm schien, so nahm er seine Kleider vom Ufer herunter und begann sie Stück für Stück zu waschen: als der Schmutz und das Fett stromab floß, grunzte er vor Befriedigung und spülte alles noch einmal durch, in der wilden Hoffnung, daß er auch den Dllngergeruch loswerden könnte. Er hing alles auf: und während seine Sachen trockneten, legte er sich wieder in die Sonne und tat abermals einen langen Schlaf. Sie waren oben heiß und steif wie ein Brett, als er aufwachte, und nur unten noch ein wenig feucht: aber er war hungrig, und so zog er sie an und machte sich wieder auf den Weg. Er hatte kein Messer, aber mit einiger Mühe brach er sich einen derben Stock, und so bewaffnet kehrte er auf die Landstraße zurück. Nach einiger Zeit erreichte er eine große Farm und bog in den Weg ein, der auf den Hof führte. Es war gerade Nachtmahlzeit, und der Farmer wusch sich an der Küchentür die Hände.„Bitte, Herr," sagte Jurgis,„kann ich etwas zu essen bekommen? Ich kann zahlen." Worauf der Farmer unverzüglich entgegnete:„Wir füttern hier keine Land- streicher. Machen Sie, daß Sie fortkommen!" Jurgis ging ohne ein weiteres Wort, doch als er um die Scheune herumkam, erblickte er ein frisch gepflügtes und ge- eggtes Feld, das der Farmer mit jungen Pfirsichbäumen bc- pflanzt hatte, und im Vorübergehen riß er eine ganze Reihe mit den Wurzeln heraus,— es waren wohl hundert Bänmchen geworden, als er das Ende des Feldes erreichte. Das war seine Antwort, und es war ein Beweis für seine Stimmung: von jetzt an wollte er kämpfen, und wenn ein Mann ihn schlug, so würde er jedesmal sein Teil davon- tragen. Jenseits des Obstgartens durchquerte Jurgis ein Gehölz, kam dann über ein Feld mit Wintergetreide und befand sich dann plötzlich auf einer anderen Landstraße. Nach kurzer Zeit erblickte er. eine andere Farm, und da der Himmel sich zu bewölken begann, bat er hier um Nachtquartier und um Essen. Als der Farmer ihn zweifelnd ansah, fügte er hinzu: „Ich will gern in der Scheune schlafen." „Na, ich weiß nich," fagte der andere.„Rauchen Sie?'� „Manchmal," erwiderte Jurgis,„aber ich werde es draußen tun." Als der Mann seine Einwilligung gegeben hatte, fragte er:„Wieviel wird es kosten? Ich habe nicht viel Geld?" „Na, ich denke, zwanzig Cent fürs Abendbrot," sagte der Farmer.„Fürs Schlafen werd' ich Ihnen nichts anrechnen." Jurgis ging also hinein und setzte sich mit dem Ehepaar und einem halben Dutzend Kinder zu Tisch. Es war ein reichliches Mahl: gebackene Bohnen, Kartoffelpüree, zer- zerschnittener und gestobter Spargel, eine Schüssel Erdbeeren, große, derbe Brotschnitten und ein Krug Milch. Ein solches Bankett hatte Jurgis seit seinem Hochzeitstage nicht mehr mitgemacht, und er gab sich alle Mühe, den Wert seiner zwanzig Cent herausschlagen. Sie waren alle zu hungrig, um zu sprechen: aber nachher saßen sie auf den Stufen und rauchten, und da begann der Farmer den anderen auszufragen. Als Jurgis ihm aus- cinandergesetzt hatte, daß er ein Arbeiter aus Chicago sei und noch nicht recht wisse, wohin er gehen wolle, sagte der Farmer:„Warum bleiben Sie.nicht hier und arbeiten fiir mich?" „Ich sehe mich jetzt nicht nach Arbeit um," versetzte Jurgis. „Ich werd' Sie gut bezahlen," sagte der andere, indem er die stäminige Gestalt mit den Augen maß,—„einen Dollar pro Tag und freie Station. Arbeiter sind hier jetzt fürchterlich rar!" „Gilt das für Sommer und Winter?" fragte Jurgis rasch. „N— nein," erwiderte der Farmer,«später als bis zum November könnt' ich Sie nich' behalten. Dazu ist die Farm nicht groß genug." „Ach so," sagte der andere.„Ich dachte mir's schon. Wenn Sie Ihre Pferde zum Herbst nicht mehr brauchen, jagen Sie sie dann in den Schnee'raus?"(Jurgis hatte nämlich angefangen, selbständig zu denken.) „Das is' nich' ganz dasselbe," versetzte der Farmer, dep die Pointe wohl verstand.„Es wird doch in den Winter» monaten irgend'ne Arbeit geben, für einen starken Kerl ttrie Sie,— in den großen Städten oder sonstwo,"�- „Fa." fogte JurgiS,„das denken sie alle; und darum MNen sie alle in die Stadt, und wenn sie da betteln oder stehlen müssen, um nur zu leben, dann fragen die Leute, warum sie nicht aufs Land gehen, wo die Arbeiter so rar sind." Ter Farmer dachte eine Weile nach. „Aber wenn Ihr Geld nun alle wird?" fragte er.«Tann werden Sie doch wohl'ran müssen?" „Das wollen wir abwarten," versetzte Jurgis,„und dann werden wir ja sehen." Er schlief lange und fest in der Scheune und frühstückte dann noch sehr üppig mit der Familie; es gab Kaffee und Brot und Haferbrei mit gestobten Kirschen, und dafür nahm ihm der Farmer, der sich vielleicht ihres gestrigen Gesprächs erinnerte, nur fünfzehn Cent ab. Tann sagte Jurgis Lebe- wohl und ging seines Weges. So fing sein Landstreicherleben an. Es kam selten vor, daß er so anständig behandelt wurde wie von jenem Farmer, und deshalb zog er es mit der Zeit vor, die Häuser zu ver- meiden und auf den Feldern zu schlafen. Wenn es regnete, suchte er sich einen verlassenen Schuppen, wenn es ging, und wenn das nicht gelang, so wartete er bis zum Dunkelwerden und schlich sich dann, mit deni Stock in der Hand, leise an irgend eine Scheune heran. Meistens gelang ihn, das, eh' der Hund ihn witterte, und dann versteckte er sich im Heu und war bis zum Morgen in Sicherheit; gelang es aber nicht und wurde er von dem Hunde gestellt, so nahm er den Stock zur Hand und trat einen geordneten Rückzug an. Jurgis war nicht mehr der kraftstrotzende Mann, der er einst gewesen war, aber seine Arme waren noch stark, und es gab nur wenige Farmerhunde, die er mehr als einmal zu schlagen brauchte. Nach einiger Zeit gab es Himbeeren und dann Brom- beeren, die ihm halfen, sein Geld zu sparen, und es gab Aepfel in den Obstgärten und Kartoffeln in der Erde,— er merkte sich bald die Stellen und füllte sich nach Dunkelwerden die Taschen. Zweimal gelang es ihm sogar, ein Hühnchen zu fangen, und dann feierte er jedesmal ein Fest, einmal in einer verlassenen Scheune und das andere Mal an einem ein- samen Fleck am Flußufer. Wenn alle diese Dinge fehl- schlugen, brauchte er vorsichtig ein wenig von seinem Gelde auf, machte sich aber keine Sorge darüber,— er sah ja, daß er sich mehr verdienen konnte, sobald er nur wollte. Eine halbe Stunde Holzhacken auf seine emsige Art brachte ihn, eine Mahlzeit ein, und wenn der Farmer gesehen hatte, wie er arbeitete, so versuchte er häufig, ihn zum Bleiben zu be- wegen. Aber Jurgis wollte nicht bleiben. Er war jetzt ein freier Mann, ein Freibeuter. Tie alte Wanderlust chatte sein Blut in Wallung gebracht, er war trunken von den Freuden des ungebundenen Lebens, von den Freuden des Suchens, des schrankenlosen Hoffens. Es gab Unfälle und Unbequemlich- leiten,— aber es gab wenigstens immer irgend etwas Neues; und man denke nur, wie einen, Manne ums Herz sein mußte, der jahrelang an einem Ort eingesperrt gewesei, war und nichts anderes gesehen hatte, als eine endlose Flucht von Bretterbuden und Fabrikgebäuden, und der nun plötzlich unter freiem Himmel losgelassen wurde und jede Stunde neue Landschaften, neue Ortschaften und neue Menschen kennen lernte: einein Manne, dessen ganzes Leben darin bestanden hatte, den ganzen Tag über eine einzige Sache zu tun, bis er so erschöpft war, daß er nichts weiter zu tun vermochte, als sich niederzulegen und bis zum nächsten Morgen zu schlafen,— und der nun plötzlich sein eigener Herr war, der arbeitete, wie und wann es ihm gefiel, und jeden Tag ein neues Abenteuer erlebte! Und jetzt kehrte ihm auch Kraft und Gesundheit und die Verloren gegangene Jugendfrische zurück mit all ihren Freuden und ihrer Macht— die er betrauert und schier vergessen hatte. Sie kehrte ganz plötzlich zurück, mit einem Ruck, der ihn verwirrte und erschreckte; es war, als ob seine tote Kind- heit lachend und rufend zurückgekehrt sei. Nun er genug zu essen bekam und es ihm nicht mehr an frischer Luft und ge- funder Bewegung fehlte, wußte er morgens beim Erwachen oft nicht, wohin mit dieser überfließenden Tatkraft; dann reckte er die Arme und lachte und sang alte heimatliche Lieder, die ihm jetzt beim Wandern allmählich wieder einfielen. Dann und wann konnte er freilich nicht umhin, an den kleinen Antanas zu denken, den er nie wiedersehen würde, dessen zarte Stimme er nie wieder hören würde, und dann fing der Kampf mit dem alten Ich von vorne an. Und H, der Nacht erwachte er manchmal aus einem Traum, in dem Ona ihm erschienen war, und er streckte die Arme nach ihr aus und netzte die Erde mit feinen Tränen. Aber am Morgen stand er auf und schüttelte sich, und dann ging es wieder weiter und mitten hinein in den Kampf mit der Welt. Er fragte nie, wo er wäre oder wohin er ginge; er wußte, daß das Land groß genug war und daß er keine Gefahr lief, bis� ans Ende zu kommen. Und natürlich konnte er stets soviel Gesellschaft haben, wie er wollte,— überall, wo er hin- kam, gab es Männer, die genau so lebten, wie er lebte, und denen er sich anschließen konnte, wenn es ihm gefiel. Er war noch ein Neuling in dieser neuen Lebensweise, aber sie waren nicht zurückhaltend, sondern lehrten ihn alle ihre Kniffe,— welche Städte und Dörfer man besser vermied, lehrten ihn die Bedeutung der heimlichen Zeichen an Mauern und Zäunen, die Stellen, wo man stahl und wo man bettelte, und die, wo man beides tun konnte. Sie lachten darüber, daß er die Idee hatte, das, was man ihm gab, mit Geld oder Arbeit zu bezahlen, denn sie bekamen alles, was sie haben wollten, ohne irgend etwas dafür zu leisten. Tann und wann kampierte Jurgis mit einer ganzen Bande von ihnen an irgend einem einsamen Fleck im Walde und ging nachts mit ihnen auf Raub aus. Und dann„fraß wohl einer einen Narren an ihm", und sie zogen zusammen weiter und hielten wochenlang zueinander und tauschten Erinnerungen aus. Viele dieser berufsmäßigen Landstreicher waren natür- lich ihr Leben lang verdorben und haltlos gewesen. Aber die große Majorität gehörte zu denen, die einstmals Arbeiter gewesen waren und toie Jurgis einen langen Kampf gekämpft hatten, um schließlich zu der Ueberzeugung zu kommen, daß alles umsonst sei und daß man es aufgeben müsse. Späterhin begegnete er noch einer anderen Sorte von Männern, aus deren Reihen das Heer der Landstreicher seine Rekruten empfing: das waren heimatlose Wanderer, die noch nach Arbeit suchten, und zwar auf den Erntefeldern. Von diesen Leuten gab es wahre Heerscharen, sie stellten das ungeheure überzählige Arbeiterheer der menschlichen Gesellschast dar; sie schienen nach dem unerbittlichen Systzem der strengen Natur ins Leben gerufen, um die Gelegenheitsarbeit der Welt zu verrichten: alle die Aufgaben, die unregelmäßig und vorübergehend waren und doch getan werden mußten. Sie wußten natürlich nicht, daß dies ihr Los sei; sie wußten nur. daß sie Arbeit suchten, und daß ihre Beschäftigung nie vine dauernde war. Im frühen Sonnner waren sie in Texas, und wenn die Ernte dort beendigt war, zogen sie mit der Jahreszeit weiter nach Norden, bis sie im Herbst in Manitoba endeten. Tann suchten sie die Lager der Holzfäller auf, wo es Winterarbeit gab, oder, falls das nicht gelang, nahmen sie ihre Zuflucht zu den Städten und lebten von dem Wenigen, was sie sich erspart hatten, und von den vorübergehenden Beschäftigungen, die sich ihnen boten: Löschen und Laden von Dampfern und Güterwagen, Gräbenziehen und Schneeschippen. Waren mehr von ihnen vorhanden, als nötig war, so starben die Schwächeren an Hunger und Kälte,— wieder gemäß dem rauhen System der Natur. Es war gegen Ende des Monats Juli, in Missouri, als Jurgis. mitten in die Erntearbeit hineingeriet. Hier gab es Getreide, an dessen Hervorbringung die Menschen vier oder fünf Monate gearbeitet hatten, und das ihnen verloren gc- gangen lväre, wenn sie nicht andere Menschen finden konnten, die ihnen acht oder vierzehn Tage bei der Ernte halfen. Des- halb hallte der Schrei nach Arbeitern durchs ganze Land, Agenturen wurden eröffnet, und die Städte mußten die Mehr- zahl ihrer männlichen Bevölkerung hergeben, selbst die studierende Jugend wurde waggonweise herbeigeholt, und an einigen Stellen hielten die Farmer die Eisenbahnzüge an und schleppten ganze Wagenladungen von Männern mit Ge- walt davon. Nicht, als ob sie nicht ordentlich gezahlt hätten! Jeder Mann konnte zwei Dollar Tagelohn bei freier Station bekommen, und die besten Arbeiter erhielten zweieinhalb bis drei Dollar. Das Erntefieber lag in der Luft, und kein Mensch, der auch nur eine Spur von Lebensgeist besaß, konnte sie ein- atmen, ohne angesteckt zu werden. Jurgis schloß sich einem Arbeitertrupp an und arbeitete von Tagesanbruch bis nach Dunkelwerden— achtzehn Stunden pro Tag,— und das vierzehn Tage lang ohne Unterbrechung. Dann hatte er eine Summe beisammen, die in alten, elenden Zeiten ein wahres Vermögen für ihn gewesen wäre; aber was sollte er jetzt damit anfangen». lFortsetzung folgt.) — 935— Der(Zarten dee Laubenkotomften. Dezember. Es läßt sich niemand gern ins Handwerk pfuschen, und doch gibt es Allerwelismenschen, die alles machen. Ein solches Universal- aenie war der selige Herr v. Schirp in Berlin, von dem man jähre- lang an den Litfaßsäulen lesen konnte, daß er nicht nur alles machte, sondern auch alles am billigsten machte. Als Junge bin ich auch ein solcher Tausendkünstler gewesen, ich habe allen meinen Tanten und Cousinen die Töpfe geflickt, die Uhren wieder zum Laufen gebracht, Stuhlbeine geleimt und, wenn es sein mußte, auch einen kranken Kanarienvogel operiert. Herr Prietzke ist. wie man zu sagen pflegt, auch ein heller Junge, der gewissermaßen auch alles macht, obwohl er sich als Geldgießer selbst nicht gern in seine Arbeit pfuschen oder hinein- reden läßt. Als jüngst seiner Frau der Pricmeltopf vom Fenster- gesimse fiel, sie hatte gerade mit dem großen Reinemachen be- gönnen, das Ende November beginnt und zwei Stunden vor Weih- nachten beendet ist, machte sich Prietzke sofort daran, das Fenster- gesimse mit einem sogenannten Sicherheitsgitter zu versehen. Daneben leimte er auch den Topf und zwar derart, daß, falls er doch noch einmal herunterfallen sollte, er sicher nicht wieder an der geleimten, sondern an einer ganz anderen Stelle in Scherben geht. Das ist aber nicht alles, was Prietzke leistet, wenn er abends heimkommt. Er benutzt nun die langen Winterabende zur An- fertigung verschiedenartiger Gartengerätc und zur Reparatur der vorhandenen, natürlich zum Aerger seiner Frau, da er alle diese Arbeiten in der Küche zu erledigen pflegt. Mit Eintritt des Herbstes hatte seine Harke etwa das Aussehen eines zahnlosen Mundes. Prietzke hatte nämlich mit seinem angeborenen Orb- nungssinn so auf der Parzelle hcrumgeharkt, daß die Zinken zu seinem eigenen Erstaunen schließlich vollständig von der Bild- fläche verschwunden toaren. Zuerst konnte er sich das gar nicht erklären, dann aber stellte er durch eine an den vorhandenen Zinkenresten vorgenommene mikroskopische Untersuchung fest, daß es sich um sogenanntes Pavpelholz handele, das sich leicht schneiden läßt, aber auch leicht abnützt. Er hat sich nun daran gemacht, die stoppelartigen Ueberreste unter VeNvendung des Hammers und eines kurzen Eisenstahes aus dem Stiel herauszuschlagen! und durch neue aus Akazienholz zu ersetzen. Ich hatte ihn zuvor aber erst auf das richtige Holz gebracht. Akazienholz gehört zu den härtesten Holzarten und ubertrifft das der Eiche noch entschieden an Widerstandsfähigkeit. Akazicnpfosten überdauern ein Menschen- alter in-der Erde, bevor sie abfaulen, sind aber schwer zu haben, doch an Waldrändern und an Feldgehölzen bietet sich immer Gelegenheit, geeignete Aeste zur Anfertigung von Harkenzinken zu schneiden. Man kann sie im frischen Zustande zu Zinken verar- beiten, die man dann trocknen läßt. Solche Zinken, die man nie an gekauften Harken findet, halten bei ständigem Gebrauch, je nach Beschaffenheit des Bodens, 2 bis 3 Jahre stand. Aus gleicher Holzart fertigt sich Prietzke jetzt auch sogenannte Pflanzhölzer, mit deren Hülfe er Gemüse- und Sommerblumenpflänzlinge setzt. Er versieht die Spitze dieser Hölzer mit einem Messingmantel, da ihm dieses Metall als Gelbgießer näher wie Stahl und Eisen liegt und da es außerdem beim Arbeiten in der Erde blank wird und bleibt. So wie es hier Prietzke macht, sollte es jeder machen, der eine Parzelle bewirtschaftet. Es empfiehlt sich auch, alle zunächst nicht mehr zur Verwendung gelangenden Gerätschaften aus der Laube herauszunehmen und in Sicherheit zu bringen, zumal Lauben- einbrüche im Winter an der Tagesordnung sind. Man stelle aber die Gerätschaften, namentlich Spaten, Schaufel und Harke, nicht so wie sie sind, daheim in den Keller, sondern man befreie sie mit Schmirgelpapier von anhaftendem Rost und reibe sie danach zum Schutze gegen neues Rosten mit Petroleum oder gewöhnlichem Maschinenöl ein. Genau so verfährt man mit dem Gartenmesser, der Gartenscbere und der Baumsäge, welch letztere auch, wo es not tut, wieder mit einer Feile gehörig geschärft wird. Herr Prietzke interessiert sich jetzt auch für die Obstkultur und zwar für die richtige. Von Erdbeeren hat er ja bereits ein ganzes Beet auf der Parzelle, er meint aber, das seien keine richtigen Obstfrüchte, weil-sie nicht an den Bäumen wachsen. Er hat zwar einmal etwas von Baumerdbeeren im Inseratenteil eines Witz- Wattes gelesen, von denen jeder jährlich, ich weiß nicht wie viele Liter Früchte bringen soll, war aber helle genug, um herauszu- finden, daß es sich hier um Bauernfang handelt. Auf den Leim ,st er also nicht gegangen, aber zu mir. um mich zu fragen, was er neben Erdbeeren von Obstsorten noch anpflanzen könne. Ich habe ihn, zunächst zu Himbeeren und Brombeeren geraten. Bronv- beeren findet man auf Oedländereien und an Eisenbahndämmen. Himbeeren in den Laubwaldungen, aber es lohnt sich nicht, weder diefe noch die schmackhaften Walderdbeeren auszugraben, denn erstens kann man trotz aller Schlauheit dabei erwischt werden und sich wegen Waldfrevels eine Strafe zuziehen, für die man sich von vornherein das beste hätte kaufen können. Und zweitens schlagen alle Walderdbeeren, in den Garten verpflanzt, vollständig aus der Art, ihre Früchte entwickeln sich nur spärlich und ohne das an ihren natürlichen Standorten eigene Aroma. Die schönen Sorten aber, mit den verlockenden großen Früchten, sind auf die Garten- kultur zugeschnitten. Ich empfehle sie den Laubenkolonisten von allen Obstsorten in erster Linie, weil sie schon vom zweiten Jahre ab nach der Pflanzung ganz beachtenswerte Erträge geben. Bei Stachelbeeren und Johannisbeeren ist dies nicht der Fall, diese lassen, ebenso wie Weintrauben, drei bis! vier Jahre auf die erste mitsprechende Ernte warten. Nun haben aber Brombeeren und Himbeeren, die beide einer Pflanzcagattung aus der Familie der Rosengcwächse angehören, also auch nahe Verwandte der Edelrosci sind, eine unangcnehnw Eigenschaft, die in gewissem Maße auch manchen Menschen eigen ist, sie bleiben, trotzdem sie keine Beine haben, nicht da, wo man sie hinsetzt. Die gleiche Stelle bietet diesen rasch- wüchsigen und rasch zehrenden Gewächsen nicht lange auskömm- lichen Lebensunterhalt, sie saugen den Boden aus und schieben sich weiter. So erscheinen dann vom zweiten Jahre ab überall Schoß- linge aus den Wurzelrhizomcn, den-das Erdreich flach durch- ziehenden Wurzelstämmen, hervorgehend. Da kommt ein Schößling mitten aus dem Weg heraus, dort einer aus dem Erdbeer- oder Kohlbeet. Man muß dann immer hinterher sein, um den Nach- wuchs da, wo er umnöglich ist, auszugraben. In neuerer Zeit ist es aber auch gelungen, Sorten zu züchten, die keine Ausläufer treiben, also da bleiben, wo man- sie hinsetzt, und man kann sie auch jahrelang auf derselben Stelle stehen lassen, wenn es nicht an reichlicher Düngung fehlt.. Ich war selbst gezwungen, in meinen Pflanzungen alle alten Sorten auszumerzen, womit ich zwei Jahre zu tun ljatte, da aus den kleinsten Wurzelstückchen, die im Boden bleiben, junge Schößlinge hervorgehen. Jetzt habe ich nur noch eine amerikanische Brombcer- und eine ebensolche Himbcersorte, die keine Wurzelbrut entwickeln, sich aber deshalb auch nicht von heut und morgen in beliebiger Zahl vermehren lassen. Die Brom- beere heißt Lucretia, sie bringt pechschwarze, bis 3� Zentimeter lange Früchte von heidelbecrartigcm, säuerlichem Geschmack. Sie sind zur Reifezeit das Labendste, was man genießen kann. Tie mehrere Meter lang werdenden Triebe dieser Sorte sind faden- dünn, liegen auf dem Boden und müssen, oamit die Früchte zur Reifezeit nicht schmutzen, hoch gebunden werden. Sie sehen an den girlandenartig gebundenen Schnüren prächtig aus, und bilden so lebende Fruchtgirlanden, denen zur Reifezeit schwer zu wider- stehen ist. Meine Himbeere ist eigentlich schon keine waschechte Himbeere mehr, sondern aus einer Neigungsehe zwischen einer Brombeere und einer Himbeere hervorgegangen, sie heißt Logan Berry. Von der Himbeere hat sie das schöne Blatt, das übrigens, wie Oft Rinde, prächtig tief rot gefärbt ist, und die rote Fruchtfarbe, von der Brombeere die stattliche Größe der Früchte und das angenehm säuerliche Aroma. Ich habe diese Himbeere an Spaliere gepflanzt, an welchen ich die Triebe fächerartig aufbinde. Bei der Kultur dieser Beerensträucher ist zu beachten, daß man die Triebe im Hochsommer fast wachsen sehen kann, so schnell schießen sie empor. wenn auch wicht so schnell wie die Triebe des Bambusrohres, bei welchen es vorkommen kann, daß man einen am Abend auf die Spitze gehängten Hut am nächsten Morgen nur mit Hülfe einer Stehleiter wieder herunterholen kann— immerhin erreichen sie bis vier Meter Länge in einem Jahr. Was in dem einen Jahre gewachsen ist, blüht und fruchtet im nächsten. Nach der Fruchtreife sterben diese Triebe langsam ab und werden dann dicht über dem Boden fortgeschnitten. Nun darf man aber nicht annehmen, daß dann die Sträucher von der Bildfläche verschwunden seien, bei Leibe nicht. Im Vorsommer haben sich neben den blühenden und fruchtenden Trieben bereits neue Schöße aus dem Boden heraus- gehoben, die bei Brombeeren gleich in der Stärke eines Schuster- daumens herauskommen. Diese bilden den Ersatz an Fruchtholz für das nächste Jahn und werden, nachdem die abgetragenen ent- fernt sind, gleichmäßig verteilt an daS Spalier angeheftet. Pflanzt man nun jetzt Brombeeren und Himbeeren— sie können den ganzen Winter hindurch bei frostfreiem Boden gepflanzt werden— so ist es vorteilhaft, die diesjährigen Triebe nach der Pflanzung dicht über dem Boden wegzuschneiden, so daß nichts mehr von den ge- pflanzten Gträuchern zu sehen ist. Die versetzten und deshalb in ihrem Wurzclvcrmögen gestörten Pflanzen haben eben nicht die 'Kraft, gleich im nächsten Jahre normale Blüten und Früchte zu entwickeln, deshalb schneidet man die Triebe weg. Damit erreicht man bei gutem Boden gleich im ersten Jahre die EntWickelung eines kräftigen Triebes, der dann im nächsten Jahre befriedigenden Fruchtertrag bringt. In meinem praktischen„Taschenbuch für Gartenfreunde' habe ich durch Abbildungen veranschaulicht, wie frisch gepflanzte Brom- beeren gcfchnitten werden sollen, wie sie gewöhnlich falsch ge- schnitten werden und wie der nächste Trieb bei richtigem Schnitt aussieht. Die Himbeeren und speziell auch die Brombeeren ver- langen einen mindestens 60 Zentimeter tief gelockerten und gut gedüngten Boden, sie haben eben einen unverwüstlichen Appetit, und wenn sie den nicht stillen können, so ist und bleibt ihr Wachstum ein kümmerliches. Meine Brombeeren kamen in rigoltes, reichlich mit Mist gedüngtes Erdreich; sie haben Triebe wie Kletterbäume entwickelt, an denen man aber nicht emporklettem kann, da man sich an den verdammten Stacheln die Hände und Hosen zerreißt. Der Fruchtertrag von vier Pflanzen war im vorigen Jahre groß, in diesem Jahre enorm; ich konnte ihn nicht zwingen, und mein Arbeiter durfte sich aus dem llebcrfluß Brombccrwein fabrizieren. Wenn er jetzt gelegentlich einen großen Affen hat. ist es nicht meine Schuld, denn Bronibeerwein gehört zu den starken Getränken, die nicht im Magen bleiben, sondern in den Kopf steigen und, wie ma zu sagen pflegt, hier alles aus dem Häuschen bringen. Max Hesdörffer. kleines fcuülcton* Caruso in Altägypte». Dem von der Damenwelt des alten Europa angebeteten, von der des neuen Amerika vor den Kadi ge- zogenen Tenor Caruso ist drüben Unheil widerfahren. Er sagt nun. Konkurrenzneid und gemeine Verleumdung sei die Ursache seiner Verurteilung. Run, schon in Altägypten hat ein Kuustgenosse deS italienischen Sänger? ähnliche Ersahrungen machen müssen. Aus der Zeit des Pharao Psammetich, wo das politische Aegypten im Niedergange, das geistige aber in Blüte war, besteht ein giftiges Spottgedicht ans dem damals berühmten Tenor Aminptah, das ebenso gut auch gestern geschrieben sein könnte. Ganz wie heute baten die Reichen, um ihre Gäste zu unterhalten, die berühmten Künstler gegen graste Summen zu Gaste; die Geheimen Kommerzien» räte des NillandeS glichen darin ganz denen von heute. DaS mutz wohl argen Neid erregt haben, denn das Spottlied auf den so gefeierten Aminptah ist äntzerst bösartig. Es heistt im wesentlichen:.Immer noch prahlt Du, aber jeder verachtet Dich, Du Lump. Ein Schwein ist anständig. Du bist ein elender Laster» schlauch. Gold ist Deine Stimme, aber Du verkauft't sie. Ekelhafter, für Gold, das aus Mistpfützen herbeigeholt ist. Einen Namen trägst Du, wie ein Fürst, Du bleibst aber doch der schundige Sohn eines Knechtes. Die Weiber schicken Dir verliebte Blicke, vcrbuhlte Briefe lassen fie den Schreiber schreiben. Meinst Du, tocil die Prinzessin nach Dir schickt. Du seist etwas Besseres. Du Knechts oh n? Bilde Dir doch nicht ein. datz Du von den Reichen Deiner Schönheit wegen eingeladen wirst. Ziw Harfe sollst Dil ihnen Deine Lieder singen. Der Geruch des Reichtums aber hat Dich verrückt gemacht. Beim reichen Ziegelbäcker warst Du eingeladen um an seinem Tische für die Gäste zu singen. Perfisches Gold und Türkise nahmst Du, Du hast aber gefressen wie ein Schwein und so gesoffen, datz Du Ekelhafter unter die Tische gerollt bist und die Knechte Dich den Knechtsohn an den Küsten hinausschleppten, wo die Hunde liegen..." Danach scheint der gefeierte Säuger Altägyptens wohl eine reiche Kundschaft, aber einen sehr schlechten Ruf gehabt zu haben. Datz Aminptah das perfische Gold und die Türkise zurück- gegeben habe, davon besagt keine Schrift etwas, auch nicht, ob ein ägyptischer Hofarzt dem geschmähten Musensohn.plötzliche Gehirn- störuug" bescheinigt hat. Theater. Schillertheater kl.: Mathias Gollinger, Lustspiel in 4 Aufzügen von Oskar Blumenthal und Max Bern» stein. Das Schiller-Theater, das sich in der angenehm gesicherten Lage befindet, an dem Premierenwettlauf nicht teilnehmen zu müssen, stellt, von den Klassikervorstcllungen abgesehen, sein Re- perwir aus einer Nachlese der neueren Jahrgänge der Bühnen- Produktion zusammen,— einer Nachlese, die vielleicht schon allzusehr den Unterhaltungsbedürfnisscn seines Publikums Rechnung trägt. Der Aufführung des früher im Thaliatheater gespielten„Hochtouristen", dessen ausgelassene Lustigkeit eine solche Erneuerung mit Fug und Recht verdiente, liest die Direktion in dieser Woche einen, auch am Maststabe des anspruchlosen Schwänkegenres gemessen, ziemlich mageren Lückenbüster folgen: den in München abgelehnten„Mathias Gollinger" von Blumenth/»l und Bernstein. Die Auwren, der Berliner Lustspielfabrikant und der Münchener Rechtsanwalt, wollten den charakteristischen Kon- traft der beiden Städte» in deren Lebenszuschnitt zugleich der allgemeinere Gegensatz von norddeutsch-preustischer Korrektheit und süddeutscher Gemütlichkeit sich wiederspiegelt, durch ein paar Typen illustrieren. Die fliegenden Blätter und dann in schärferer Tonart der Simplicissimus haben das dankbare Thema un- gezählte Male und oft in sehr drolligen Anekdoten variiert. Ueber "ine Sammlung anekdotisch aneinander gereihter Züge bringt es auch das Stück nicht hinaus. Der Szenenführung fehlt jedZ Spur von lustspielmästiger oder auch nur schwankhafter Verve der Erfindungskraft, den Berliner Figuren Blumenthals auch jeder Ansatz eigener Farbengebung und Komik. Was das Stück trotzdem über Wasser hielt, ja ihm zu einem lauten Lacherfolg verhalf, war der brillante Humor, mit welchem Leopold Thurner den biederen nach Berlin verschlagenen Brauereibesitzer Gollinger spielte. Aus dieser Rolle, einem Kompendium der so oft ver- spotteten Münchener Bierehrlichkeit, ergänzt durch einen starken Zusatz„goldenes Herz", schuf er eine Gestalt von überaus er- götzlicher Natürlichkeit. Den billigsten Scherzen gewannen seine frappierende Nuancierung in Ton und Miene zündende Wirkung ab. Das entschädigte für vieles. Ein weiterer mildernder Umstand war Gusti Beckers frisches und niedliches Spiel in der Rolle der Rcsi. du Lessing-Theater:„Der heimliche König"; romantische Komödie in vier Akten von Ludwig Fulda. Titel und Theaterzettel liesten etwas im Stile jener fatalen Märchen- spiele befiirchten, die seit dem grasten Erfolg von Hauptmanns .„Versunkene Glocke" Jahr für Jahr in der Pemierenreihe auf- tauchen und begraben werden. Um so angenehmer war die Ueber- raschung, da nach dem ersten etwas schlagenden Akte das Kostüm sich als geschickt gewählte Maskerade einer lichtvoll und spannend ' durchgeführten, mit allerhand recht aktuellen Beziehungen ge- pfefferten Satire erwies. Das Stück vereinigt in glücklicher Ver» schmclzung den Spott des Fuldaschen„Talisman" und seiner Robinson-Komödie. Der die Augen alles Volkes blendende Zauber ist hier der Königstitel, der nicht nur einen Hohlkopf, auch eine ausgestopfte Puppe zum Gegenstand ehrfürchtigster Bewunderung macht. Und dem Hirten, dem„heimlichen König", der das Volk zum Siege leitet, ergeht es ähnlich wie dem simplen Kontoristen in Robinsons Eiland. Wenn die Gefahr vorüber, dann gilt nicht mehr der Mann, sondern Rang und Titel. Statt ihres Retters erhebt die Menge einen stammelnden Idioten auf den Thron, den Prinzen Lanzelot, dessen einziges Verdienst sein Stammbaum ist. Was dort mehr ein Scherz, wird hier zum wuchtigen, an den Fundamenten monarchischen Aberglaubens rüttelnden Hohn. Das Publikum ging offenbar mit großem Interesse mit. Jede Pointe wurde mit verständnisvollem Lachen begrüßt. Ganz besonders war der ewig begeisterte harfenschlagende Barde, dessen unnachahmlich swlze Haltung alle Herrlichkeiten der Sicgesallce lebendig in Erinnerung rief, ein Quell der Heiterkeit. Der Herzog Urgan, der salbungsvolle Herr Hofpredigcr und ein paar andere Schranzen, die bei dem Tode S. M. Artus X. den Verlust ihrer Macht fürchten, beschließen, daß der große Herrscher zu ihrem und des Volkes Wohl offiziell weiter zu leben habe. Niemand aus der Menge sah ihn, niemand wird ihn ver- missen, wenn man nach wie vor die dicht verhängte Sänfte durch die Straßen tragest läßt und statt des armen Trottels eine Holz- figur hinein setzt. Als das Volk verlangt, der Gottgesalbte solle heiraten, damit ein Erbe für den Thron geboren werde, nützt der Herzog die Konjunktur, indem er sein Töchterlein der Puppe zur Gattin gibt. Höchst amüsant sind die Verhandlungen. Das sehr durchtriebene Fäulein hat ihr festes Programm: Wenn sie mit dem Holzklotz sich vermählen soll, muß sie als heimlichen Ersatz zugleich auch einen ganzen 5!erl, den schönen grossen Hirtenburschen, den der Vater ins Gefängnis sperrte, zum Mann bekommen. Dann werde der gewünschte Erbe rechtzeitig erscheinen. Im 3. Akt hebt sich das leichte Spiel zu stark dramatischen Akzenten. Der junge Bursch, der, weil er nun einmal das Mädchen liebt, die ihm an- getragene Rolle akzeptiert hat, ergrimmt aufs tiefste, als der Herzog, dem Befehl der nachbarlichen Angelsachsen gehorchend, die alte Menschensteuer erneuern will und gar Sigune sich bereit erklärt, als Königin das Dekret zu verkünden. Sie möchte seinem Zorne trotzen, aber im entscheidenden Augenblick versagt ihr die Kraft, und Peredur tritt in der riesenhaften goldenen Rüstung des Ahnherrn Artus mit geschlossenem Visier vor das Volk, es zum Kampfe wider die fremden Bedränger entflammend. Vom Schlüsse sprachen wir bereits. Sigune, nach ihres Gatten Rückkehr aus dem ruhmvollen Feldzuge, macht dem Puppenspiele ein Ende; und während die Massen empört, daß sie unter einem Ihresgleichen die Schlachten gewonnen haben sollen, dem letzten jammervollsten Sprößling deS Geschlechts huldigen, schart sich ein kleiner Haus um Peredur und sein Weib. Er wird sie übers Meer nach freien Küsten führen. Ein in der Hauptsache vortreffliches Spiel erhöhte die Wir- kung. M a r r s Hirte war ein Prachtexemplar urwüchsig ungehobelter Kraft, Ida Wüst, eine muntere kecke Sigune. Den Herzog, der im Stück nur in ganz allgemeinen Zügen charakterisiert ist, repräsentierte Reicher mit seiner feinen Kunst. Nach jedem der drei- letzten Akte rief langanhaltcnder Applaus den Dichter. ät. Mnfik. Um einer guten Musik willen erwähnen wir gern, daß am vergangenen Sonnabendnachmittag im Lortzing-Theater 'wieder eines der bereits als typisch gekennzeichneten Zaubermärchen für Kinder zum ersten Male aufgeführt worden ist.„Peter und Paul reisen inS Schlaraffenland": d. h.: die beiden Lehrjungen des Schustermeisters Kneipp finden den Weg ins Schlaraffenland mit Hülfe des bösen Geistes der Faulheit, Schien- drianus. Gegen diese kämpft um die Kinder die gute Fee der Arbeit und des Fleißes, Laborosa. Die Kinder werden ihr ge- hören, sobald sie von sich selbst aus das Bedürfnis nach Arbeit empfinden. Tatsächlich wird ihnen oas Schlaraffenland wider- wärtig, und so sind ihre Seelen gerettet. Man anerkennt gerne, daß diese spontane Wendung das Schulmeisterliche, das nun einmal dem größten Teil unserer Kinderliteratur anhaftet, erträglicher macht. Man interessiert sich wohl auch dafür, wie die nicht cigent- lich berufsreifen Kräfte, die das Stück spielen, sich mit der Aufgabe abfinden, Schauspielkunst zu treiben; die zappelige Karikierung steht dabei voran.— Der Komponist ist der Wiener Franz L e h a r, seit 1896 durch mehrere Werke und uns neuerdings besonders durch seine„Lustige Witwe" bekannt. Manchmal erweckte seine Musik das Bedürfnis, sie nochmal zu hören, womöglich in würdigerem Rahmen; einige volkslicdartige Weisen, sodann auch Marsch- und Tanznummern verdienen umsomchr Interesse, als an schlichten Stücken dieser Art nicht eben Ucberfluß herrscht.— sz. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagsanstaltPaul Singer öiEs., Berlin