Hlnterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 233� 46� Mittwoch� den 5. Dezember. 1906 Der Sumpf. Noman von Up to n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Furgis hätte es freilich auf eine Bank bringen können, und vielleicht hätte er sogar Glück gehabt und es wieder bekommen, wenn er es brauchte. Aber Jurgis war jetzt ein heimloser Mensch, der auf dem ganzen Kon- tinent umherwanderte: was wußte er von Banken und Schecks und Kreditbriefen? Wenn er das Geld mit sich herum- getragen hätte, würde man ihn wahrscheinlich eines Tages beraubt haben: was konnte also er Besseres tun, als es ge- nießen, solange er es hatte? An einem Sonnabend ging er mit seinen Genossen in eine Stadt hinein, weil es regnete. und weil ihm kein anderer Aufenthaltsort zu Gebote stand, begab er sich in ein Schanklokal. Und da gab es Menschen, die ihn zum Trinken einluden und die er wieder einladen »mißte, und es wurde gelacht und gesungen, und alle Welt war guter Dinge: und dann tauchte plötzlich hinten im Saal ein fröhliches, rottvangiges Mädchengesicht auf und lächelte Jäirgis an, bis ihm das Herz bis in den Hals schlug. Er nickte ihr zu, und sie kam und setzte sich zu ihm, M»d es wurden wieder Getränke bestellt; und dann ging er mit ihr hinauf in ein Zimnier, und das wilde Tier in ihm erwachte und briillte, wie es seit der ersten Dämmerstunde der Zeit in den Dschungeln gebrüllt hat. Und dann kamen die Erinnerungen und die Scham, und er war froh, als andere hinzukamen,— Männer und Fraiten; und es wurde wieder getrunken, und die Nacht verging in einem wüsten Taumel. Im Gefolge der Armee von überflüssigen Arbeitern befand sich ein zweites Heer, ein Heer von Frauen, die ebenfalls dein rauhen Natur- system gemäß um ihre Existenz kämpften. Weil es reiche Männer gab, die dem Vergnügen nachjagten, hatten sie Herr- lich und in Freuden gelebt, solange sie jung und schön waren; und später, als sie von dem jungen Nachwuchs verdrängt wurden, gingen sie hinaus und folgten der Fährte des Ar- beiters. Manchmal kamen sie auf ihre eigene Hand, und der Schankwirt teilte sich mit ihnen in den Verdienst: und manch- mal»varcn sie in den Händen von Agenten, genau so,»nie der Arbeiter. Sie waren um die Erntezeit in den kleineren Städten, in den Wintermonaten in der Nähe der Holzlager, in den anderen Zeiten in den großen Weltstädten; zog ein Regiment ins Lager, war eine Eisenbahn oder ein Kanal im Bau, wurde irgendwo eine große Ausstellung vorbereitet, war das Weiberheer am Platz und wohnte in Schuppen, Schanklokalen und Logierhäusern, sehr oft zu achten oder zehnen vereinigt. Am anderen Morgen hatte Jurgis keinen Cent mehr und begab sich wieder auf die Wanderschaft. Er fühlte sich elend und angewidert, aber seinem neuen Lebensplan ent- sprechend ließ er dieses Gefühl nicht auskommen. Er hatte sich wie ein Narr benommen, doch das ließ sich nun nicht mehr ändern,— er tonnte nichts weiter tun, als dafür sorgen, daß es nicht noch einmal vorkani. So»narschierte er denn weiter, bis die Bewegung und die frische Luft seine Kopfschmerzen verscheuchten und seine Kraft und sein Frohsinn zurückkehrten. So ging es ihm jedesmal, denn Jurgis war noch immer eine impulsive Natur und seine Freuden- waren ihm noch nicht zum Geschäft getvorden. Es würde noch lange dauern, bis er der Mehrheit der Landstreicher gleichen würde, die umher- wanderten, bis das Verlangen nach Trunk und Weibern sie übermannte, und auch dabei dann mit voller Uebcrlegung zu Werke gingen und aufhörten, sobald sie ihren Preis heraus- hatten. Im Gegenteil, so sehr Jurgis sich auch abmühte, er konnte es nicht lassen, sich mit Gewissensbissen herumzuplagen. Sein Gewissen war ein Geist, der sich nicht unterkriegen ließ. Es überfiel ihn an den unerwartetsten Orten; inanchmal trieb es ihn soweit, daß er sich betrank. Eines Abends wurde er von einein Gewitter überrascht und suchte Zuflucht in einem kleinen Hause, das draußen vor der Stadt lag. Es war eine Arbeiterwohnung und der In- haber»var ein Slawe wie er, ein»»euer Auswanderer ans Weißrußland. Er hieß Jurgis in seiner heimatlichen Sprache herzlich willkommen und forderte ihn auf, sich ans Küchen- feuer zu setzen, um seine Sachen zu trocknen. Er hatte kein Bett für ihi», aber es lag Stroh auf dein Boden, und da konnte er übernachten. Die Frau des Arbeiters kochte das Abend- essen und ihre Kinder spielten auf dem Fußboden umher Jurgis saß und tauschte allerlei Gedanken über die alte Heimat aus und über die Orte, wo sie gewesen waren, und die Arbeit, die sie verrichtet hatten. Dann wurde gegessen, und iiachher saßen sie und rauchten und redeten weiter über Amerika, und wie sie es fänden. Aber mitten in einem Satz hielt Jurgis inne, denn er sah, daß die Frau ein großes Becken mit Wasser bereitstellte und sich daran»nachte, ihr jüngstes Kind auszuziehen, um es zu baden. Tie anderen waren schon in eine Kammer gekrochen, wo sie schliefen, aber das kleinste mußte erst noch gebadet werden, wie der Mann erklärte. Die Nächte fingen an, recht frostig zu werden, und seine Mutter, die das amerikanische Klima noch nicht kannte, hatte das Kind für den Winter eingenäht. Dann»var es wieder warm geworden, und das Kind hatte irgend einen leichten Hautausschlag bekommen. Der Arzt hatte gesagt, sie müsse es jeden Abend baden, und die törichte Frau glaubte ihn! Jurgis achtete kaum auf diese Auseinandersetzung: er sah nur auf das Kind. Es war etwa ein Jahr alt: ein stämmiger kleiner Bursche mit»veichen, fetten Beinchen, einem kugelrunden Bäuchlein und kohlschwarzen Augen. Der Aus- schlag schien ihn nicht sehr zu genieren, und er war außer sich vor Entzücken über sein Bad, strarnpelte und krüinmte sich, kicherte vor Wonne und zupfte bald au der Nase seiner Mutter, bald an den eigenen kleinen Fußsvitzchen. Als sie ihn in die Wanne hob, setzte er sich mitten hinein und grinste, indem er im Wasser plantschte und wie ein kleines Schwein- chen quiekte. Er sprach russisch, wovon Jurgis ein ivenig verstand: er sprach es mit dem drolligsten Baby-Dialekt, und jedes Wort rief Jurgis irgend ein Wort seines eigenen der- storbenen Söhnchens ins Gedächtnis zurück und schnitt ihm wie ein Messer ins Herz. Er saß regungslos da, mit kramps- hast verschlungenen Händen: aber ein Sturm sammelte sich in seinen» Busen, und eine Flut stieg hinter seinen Augen empor. Und schließlich konnte er es nicht»nehr ertragen, sondern verbarg das Gesicht in den Häirden und brach in Tränen aus, zuin Schrecken und Staunen seiner freundlichen Wirte. Und die Scham darüber und sein Schmerz überwältigten Jurgis derartig, daß er plötzlich aufsprang und in den Regen hinaus rannte. Er ging rasch die Landstraße hinab, weiter und iminer weiter, bis er zu einem finsteren Wald kam, tvo er sich ver- kroch und sich fast die Seele ausweinte. Ach, welch eine Qual »var das, welch ein verzweifelter Schinerz, wenn das Grab der Vergangenheit sich öffnete und die Gespenster seines alten Lebens hervorkamen, um ihn zu geißeln! Welch ein Ent- setzen, einzusehen, was man gewesen war und nun nie wieder sein konnte,— zu sehen, wie Ona und sein Kind und sein eigenes totes Ich die Anne ausstreckten und nach ihm riefen, über den bodenlosen Abgrund hinüber; und zu wissen, daß man sie auf immer verloren hatte, und sich zu winden und im Psuhl der eigenen Verworfenheit zu ersticken! 23. Als es Herbst wurde, trat Jurgis den Rückweg nach Chicago an. Die ganze Wanderfreude»var dahin, wenn»nan im Heu nicht mehr warm»vurde; und gleich Tausenden von anderen täuschte er sich selbst, indem er sich einbildete, daß er dem großen Haufen znvorkommcn werde, indem er früh hciinkehrte. Er brachte fünfzehn Dollar mit, die er in einem seiner Stiefel verborgen hatte: diese Summe hatte er den Schankwirten vorenthalten, nicht aus Gewissensrücksichtcn, sondern aus Angst vor dem Gedanken, daß er zur Winterszeit in Chicago eimnal keine Arbeit finden würde. Er reiste mit»nehreren anderen Männern zusammen auf der Eisenbahn, indein sie sich bei Nacht in den Güterwagen versteckten, iminer darauf gefaßt, jeden Augenblick ohne Rück- ficht auf die Fahrgeschlvindigkeit des Zuges hinausgeworfen zu werden. Als sie in Chicago ankamen, verließ er seine Gefährten, denn er hatte Geld und sie hatten keins, und ck ivollte alle Kräfte für den Kampf aufsparen. Er wollte alle Geschicklichkeit und alle Listen austvenden, die er durch Er- fahrung erlernt hatte, und er wollte stehen, wer mich sonst fallen mochte. In guten Nächten wollte er im Park schlafen, oder auf einen» Lastwagen oder in einer leeren Tonne oder Kiste, und wenn es regnete oder kalt war, wollte er sich in einen: Zehn-Cent-Logierhaus auf ein Bört legen oder für drei Cent in irgend einem Torweg übernachten. Essen wollte er in irgend einer Volksküche, fünf Cent pro Mahlzeit, und keinen Pfennig mehr,— um sich nur zwei oder drei Monate am Leben zu erhalten: und in der Zeit mußte sich ja irgend eine Arbeit für ihn finden. Seine sommerliche Reinlichkeit mußte er natürlich drangeben, denn aus dem ersten Nachtquartier würde er ja mit Ungeziefer bedeckt herauskommen. Es gab keinen Ort in der Stadt, wo er sich auch nur das Ge- ficht waschen konnte, es sei denn, daß er sich ans Seeufer hinabbegeben hätte,— und der See fror nun auch bald zu. Erst ging er in die Stahlwerke und die Maschinenfabrik, nur um zu finden, daß seine Stellen längst besetzt waren. Er hütete sich Wohl, sich auch nur in die Nähe der Schlacht- öfe zu wagen,— er war jetzt ein alleinstehender Mann, wie er zu sich selbst sagte, und das wollte er bleiben, er wollte seinen Lohn für sich behalten, wenn er eine Stelle fand. Dann begann der lange, ermüdende Rundgang in Fabriken und Warenhäusern: er war den ganzen Tag auf den Beinen und eilte von einem Ende der Stadt zum anderen, um immer wieder zu finden, daß zehn bis hundert Menschen ihm zuvor- gekommen waren. Er sah auch in den Zeitungen nach, aber von glattzüngigen Agenten ließ er sich nicht mehr hinters Licht führen. Ueber deren Kniffe hatte man ihn ausführlich belehrt, während er sich auf den Landstraßen herumtrieb. Schließlich fand er wirklich durch eine Zeitung die er- sehnte Gelegenheit, nachdem er sich fast vier Wochen lang ver- geblich abgemüht hatte. Es war eine Bekanntmachung, daß hundert Arbeiter gewünscht würden, und obwohl er die Sache für„Schwindel" hielt, ging er doch hin, weil es in der Nähe war. Er fand eine endlose Reihe von Menschen vor: aber da gerade ein Lastwagen die Reihe durchbrach, der zufällig aus einer Seitengasse hervorkam, ergriff er die günstige Ge- legenheit und sprang vor, um sich einen Platz zu sichern. Die Männer bedrohten ihn und suchten ihn hinabzustoßen, aber er fluchte und lärmte, um womöglich einen Polizisten aufmerksam zu machen, und da zogen sie es vor, ihn in Ruhe zu lassen, da sie wußten, daß sie sonst alle„geflogen" tvären. Eine oder zwei Stunden darauf ging er in ein Zimmer hinein und trat vor einen großen Jrländer, der hinter einem Pult stand. „Schon in Chicago gearbeitet?" fragte der Mann: und mochte es nun ein guter Geist sein, der ihm den Gedanken eingab, oder ein Instinkt seines eigenen verschärften Ver- standes,— jedenfalls bewog ihn irgend etwas, rasch:„Nein, Herr" zu erwidern. „Wo kommen Sie her?" „Kansas City, Herr." „Irgendwelche Referenzen?" „Nein, Herr. Ich bin nichts weiter wie ein gewöhnlicher Arbeitsmann. Aber ich habe kräftige Arme." „Ich brauche Leute für schwere Arbeit,— es ist alles unter der Erde: Tunnels für Telephonleitungen. Vielleicht haben Sie dazu keine Lust?" „Ich bin bereit, Herr— mir ist alles recht. Wieviel Lohn gibt es?" „Fünfzehn Cent für die Stunde." „Abgemacht, Herr." „�11 riAlltl Gehen Sie zurück und geben Sie Ihren Namen an." Schon nach einer halben Stunde war er bei der Arbeit, tief unter den Straßen der Stadt. Ter Tunnel war ein wenig merkwürdig, wenn man bedachte, daß er nur für Telephondrähte dienen sollte: er war etwa acht Fuß hoch und hatte einen geebneten Boden, der auch fast acht Fuß breit war. Er verzweigte sich nach unzähligen Richtungen und bildete ein vollständiges Spinngewebe unterhalb der Stadt: Jurgis ging mit seiner Abteilung etwa eine halbe Meile bis zur Stelle, wo sie arbeiteten. Noch seltsamer war der Ilmstand, daß der Tunnel elektrisch erleuchtet war und eine doppel- gleisige, schmalspurige Eisenbahn enthielt! Aber Jurgis war nicht da, um Fragen zu stellen, und dachte weiter nicht darüber nach. Es sollte noch fast ein ganzes Jahr vergehen bis er die volle Wahrheit über diese Sache erfuhr. Der Stadtrat hatte einen stillen, harmlosen kleinen Antrag durchgehen lassen, der einer Gesellschaft das Recht verlieh, unterirdische Telephonleitungen herzustellen, und daraufhin hatte eine große Gesellschaft sich darangemacht, ein ganzes Netz von Untergrundbahnen für Güterverkehr unter der ganzen Stadt hindurch zu führen. Es gab in der Stadt eine Vereinigung von Arbeitgebern, die ein Kapital von Hunderten von Millionen repräsentierte und nur ge, bildet worden war, um die Arbeiterverbindungen, die Gewerk, schaften, zu vernichten. Die Fuhrmannsunion beunruhigte sie ganz besonders, und wenn diese Fracht-Tunnelbahnen erst vollendet waren und alle großen Fabriken und Warenlager mit den Bahnhöfen in Verbindung setzten, dann hatten sie die Fuhrleute an der Kehle. Tann und wann tauchten allerlei Gerüchte und Klagen auf, und einmal sah sich der Stadtrat genötigt, ein Komitee zur Untersuchung zu schicken,— aber dann wurde jedesmal ein kleines Vermögen darangesetzt und die Gerüchte verstumniten, bis die Stadt eines Tages voller Schrecken erwachte und der vollendeten Tatsache gegenüber- stand. Natürlich gab es einen ungeheuren Skandal: es stellte sich heraus, daß die städtischen Protokolle gefälscht und daß noch allerlei andere Verbrechen begangen worden waren, und einige von den bedeutendsten Kapitalisten von Chicago wanderten ins Gefängnis— bildlich gesprochen natürlich! Tie Stadträte erklärten, daß sie gar keine Ahnung von der Sache gehabt hätten, obwohl der Haupteingang zu den ganzen Tunnelbauten sich hinter dem Bierausschank eines dieser Stadtväter befand. Jurgis arbeitete in einem erst kürzlich eröffneten Tunnel und wußte daher, daß er für den ganzen Winter Beschäftigung haben würde. Er war so erfreut, daß er sich einen vergnügten Abend niach»e und sich dann mit dem Rest des Geldes in einem Hause einmietete, wo er mit vier anderen Arbeitern zusamnien auf einer großen Strohmatratze schlief. Das kostete einen Dollar die Woche, und in einem Speisehaus, das dicht bei seiner Arbeit lag, bekam er für vier weitere Dollar gute Beköstigung. Auf die Weise blieben von jedem Wochenlohn vier Dollar über,— nach seinen Begriffen eine ganz undenkbare Summe! Zu Anfang mußte er für seine Werkzeuge bezahlen, die er zum Graben brauchte, und dann mußte er sich ein paar derbe Stiefel kaufen, weil die seinigen in Stricke gingen, und ein Flanellhemd, weil dasjenige, das er den Sommer hindurch getragen hatte, vollständig in Fetzen war. Er dachte acht Tage lang darüber nach, ob er sich auch einen Mantel kaufen sollte. Er wußte von einem, der einem jüdischen Kragenknopf-Hausierer gehört hatte, der im Zimmer nebenan gestorben war: die Wirtin hatte ihn zurückbehalten, um sich für die nicht bezahlte Miete zu entschädigen. Doch beschloß Jurgis schließlich, sich ohne ihn zu behelfen, da er den Tag über unter der Erde arbeitete und nachts im Bett lag. Tics war jedoch keine glückliche Entscheidung, denn sie veranlaßte ihn noch häufiger, ins Schanklokal-zu gehen. Von jetzt an arbeitete Jurgis von sieben Uhr bis halb sechs, mit einer halbstündigen Mittagspause, so daß er das Tages- licht nur noch an Sonntagen erblickte. Abends gab es keinen anderen Zufluchtsort fiir ihn als ein Schanklokal: es gab in der ganzen Stadt keinen anderen Raum, wo es hell und warm war, wo er ein bißchen Musik hören oder sich mit einem Kameraden unterhalten konnte. Er hatte jetzt kein Heim, das er hätte aussuchen können: er hatte nichts, was ihm teuer war,— nichts als die sogenannten„Freunde", die sich an seinen Lastern beteiligten. Am Sonntag waren die Kirchen geöffnet.— aber es gab eine Kirche, in der ein übelriechender Arbeiter, dem allerlei Ungeziefer am Halse herumkroch, sich niedersetzen konnte, ohne zu sehen, daß die Leute von ihn: wegrückten und ärgerliche Gesichter machten? Er hatte natürlich seine Ecke in einer muffigen, wenn auch ungeheizten Stube, niit einen: Fenster, das einer zwei Fuß entfernten fensterlosen Mauer gegenüber lag, und dann hatte er die kahlen Straßen, durch die der Wintersturm hindurchpsiff, und außerdem hatte er nur die Schanklokale,— aber er mußte natürlich trinken, um da bleiben zu können. Wenn er dann und wann irgend etwas trank, so stand es ihm frei, es sich behaglich zu machen, mit Würfeln oder schmierigen Karten zu spielen, am Billard um Geld„Pool" zu spielen oder eii:e mit Bier befleckte rosa„Sportzeitung" mit Bildern von Mörderi: und halbnackten Frauenzimmern zu studieren. Für derartige Freuden gab er sein Geld aus: und so lebte er während der sechs Wochen und drei Tage, in denen er sich für die Kaufleute von Chicago abplackte, um sie instand zu setzen, der Fuhrmann-Union das Genick zu brechen. Bei einer unter solchen Umständen durchgeführten Unter- nehmung kümmerte sich selbstverständlich kein Mensch um die Wohlfahrt der Arbeiter. Durchschnittlich kosteten die Tunnel- arbeiten pro Tag ein Menschenleben und mehrere Verstümme- lungen; doch kam es selten vor, daß mehr als zehn oder zwanzig Leute etwas von diesen Unfällen erfuhren. So kam es, daß eines Wends als Jurgis mit seinem Trupp zum Ausgang' zurückkehrte, eine Lokomotive mit einem beladenen Waggon um eine der vielen sdharfen Ecken herumgesaust kam, ihn an der Schulter traf und mit solcher Gewalt gegen die Wand schleuderte, daß er besinnungslos liegen blieb. Als er die Augen wieder öffnete, vernahm er daL Klingeln des Krankenwagens. Man brachte Jurgis in das Bezirkshospital, wo ein junger Arzt ihm den Arm einrenkte und verband; dann wurde er gewafdicn und in einem Krankensaal mit zwanzig bis dreißig verstümmelten oder verletzten Männern zu Bett gebracht. Jurgis verbrachte sein Christfest in diesem Hospital, und es war das angenehmste Christfest, das er bisher in Amerika erlebt hatte. Es gab alljährlich allerlei Skandale in diesem Institut, da die Zeitungen die Aerzte beschuldigten, phantastische Experimente mit ihren Patienten zu machen; aber Jurgis wußte nichts davon,— seine einzige Klage be- stand darin, daß man ihm konserviertes Fleisch zu essen gab, was kein Mensch, der jemals in Packingtown gearbeitet hatte, auch nur seinen Hund zu fressen geben würde. Jurgis hatte oft darüber nachgedacht, wer wohl das konservierte„Corned Bees" und das„Roastbeef" aus den Packereien äße; nun be- gann er zu begreifen,— es war also dazu da, von Behörden und Lieferanten gekauft und von Soldaten und Matrosen, Gefangenen und Anstaltsbewohnern, von Baracken-Leuten und Eisenbahnarbeitern gegessen zu werden. Nach vierzehn Tagen war Jurgis wieder so weit, daß er aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Daß er voll- kommen hülflos und völlig unfähig war, sich sein Brot zu verdienen, war ein Umstand, der den Vorsteher des Kranken- Hauses ebensowenig anging wie irgend einen anderen Menschen in Chicago. Es traf sich zufällig, daß er an einem Montag verletzt worden war; er hatte also gerade seine Miete und Pension für die vergangene Woche bezahlt und fast gar kein Geld übrig behalten. Er hatte kaum fünftindsiebzig Cent in der Tasche und bekam nun noch anderthalb Dollar für den Arbeitstag, an dem ihm der Unfall zugestoßen war. Er hätte die Gesellschaft vielleicht auf Schadenersatz verklagen können, aber das wußte er nicht, und die Gesellschaft hütete sich wohl, ihn darauf aufmerksam zu machen. Er ging hin und holte sich sein Geld und seine Geräte, die er für fünfzig Cent ver- setzte. Tann ging er zu seiner Wirtin, die seine Schlafstelle vermietet hatte, und dann zu der Speisehauswirtin, die ihn prüfend betrachtete und allerlei Fragen stellte. Da er auf mindestens zwei Monate hinaus ganz erwerbsunfähig war, beschloß sie sofort, ihm keinen Kredit zu geben. So ging Jurgis denn auf die Straße hinaus. Er befand sich in einer siirchtbarcn Lage! Es war bitterkalt, und der> Schnee trieb ihm ins Gesicht. Er hatte keinen Mantel und keinen Ort, wohin er gehen konnte, und dabei hatte er nur zwei Dollar und fünfundsiebzig Cent in der Tasche und wußte genau, daß er sich in den nächsten Monaten keinen Cent ver- dienen konnte. Ter Schnee bot ihm jetzt auch keine Chance; er mußte zusehen, wie andere emsig und kräftig schaufelten— und ihm war die linke Hand an der Seite festgebunden! Er dlirfte nicht einmal drauf rechnen, sich durch allerlei kleine Gelegenheitsdienste das Leben zu stuften, weil er sich nicht gegen seine Nebenbuhler wehren konnte. Es läßt sich nicht mit Worten ausmalen, welche Todesangst ihn befiel, als er dies alles bedachte! Niemand würde wegen seiner Schwäche auf ihn Rücksicht nehmen. Selbst wenn er sich aufs Betteln legte, war er im Nachteil, aus Gründen, die er nur allzubald kennen lernen sollte._(Fortsetzung folgt.) Sicbcrbeitöfprcngrtoffe. Die furiM-arc Explosion der Roboritfabril in Witten a. d. Ruhr lenkt augenblicklich die Aufmerksamkeit von Hunderttausendcn auf ein Gebiet technischer Arbeit, für das bisher außer den Fachleuten kaum jemand Interesse hatte. Abgeschcn von dem schmerzlichen Mitgefühl für die zahlreichen Opfer der Katastrophe war der erste Eindruck, den die Nachricht in Fachkreisen verursachte, ein geradezu verblüstender: das Roborit, einer der erprobtesten und in Deutsch- la:id außerordentlich viel verwendeten ÄckZerheitssprengstoffe, mit dem man seit bald Lv Jahven die besten Erfahrungen gesammelt hat, soll die Ursache so furchtbarer Explosionen gewesen sein! Das ist mehr al? unwahrscheinlich, das grenzt an Unmöglichkeit. Man wird sich hüten, ein bestimmtes Urteil abzugeben, bevor die gericht- liche Untersuchung zu Ende geführt ist! hat die Gesellschaft außer Roborit im geheimen noch explosionsgefährliche Sprengstoffe her- gestellt ohne tveobachtung der Kahl reichen Vorsichtsmaßregeln, die I ein solcher Betrieb erfordert, ist die entschliche Verwüstung das bö, absichtigte Werk eines verbrecherischen Anschlages gewesen? Die Untersuchung wird es lehren; darf man Vermutungen Raum geben. so kommt der zweite Fall kaum ia Betracht. Sicherheitssprengstoffe sind' seit etwa 20 Jahren im Gebrauch. Als der bekannte schwedische Ingenieur Alfred Nobel durch einen glücklichen Zufall auf den Gedanken kam,, das unhandliche und wegen seiner hohen Explosionsgefahr kaum verwendbare Nitro« glyzerin mit Kiesclguhr zu verniengcn, da verdrängte der ncuge« wonnene Sprengt off, Dynamit genannt, alle früheren Spreng. mittel in kürzester Zeit. Indes tvar die Verwendung des Dtzimmils sowie der später von demselben Nobel erfundenen Gelatincdynamits doch bedenklich, sobald inan in Gruben mit Schlagwettern arbeitete. Schlagende Wetter sind bekanntlich in Stcrnkohlenwerken auf« tretende Gemische wn Kohlenwasserstoffgasen(Grubengas oder Sumpfgas) und Kohlenstaub, die bei Annäherung auch der kleinsten Flamme heftig explodieren und schon in zahlreichen Fällen die Ur- fachen sckstoeren Unglücks geworden sind. Gründliche Ventilation, Vorsicht mit der Beleuchtung(Sicherheitslampen) und den Spreng- stoffen sind notwendige Schutzmittel. Im Jahre 1885 traten Fach» lcute aller bergbautreibeuden Nationen Europas zusammen, um die Sprengstoffe hinsichtlich ihrer Wettersicherheit zu prüfen. An« fangs versuchte diese internationale Schlagwetteftommission die Sicherheit von Pulver- und Dynamitschüssen zu erhöhen, kam aber dann zu dem Resultat, daß sowohl Pulver wie Dynamit in Gruben mit Schlagwettern überhaupt ausgeschaltet werden müßten. Damit machte sich aber Ersatz notwendig und die Technik ging an die Her« stellung von SicherhettS- oder richtiger Wettersicherheitsspreng« stoffen. Frankreich hatte die Frage zuerst angeregt und verlangts von einem Sprengmittel, das in Schlagwettcrgruben zur Vcrw n« dung kommen dürste, folgende Eigenschaften: der Sprengstoff muß bei der Explosion detonieren, die Explosionsgase(Schwaden) dürfen weder brennbar noch giftig sein; mau muß ihn ohne Gefahr Hand- haben können und beim Lagers darf er sich nicht zersetzen: endlich soll die Explofions- oder Flammentcmperetur für Arbeiten im Gestein 1900 für Arbeiter in Kohle 1500• nicht übersteigen. Andere Länder legen der Flammeittemperatur nicht diese höhe Be- deutung bei, sie rechnen mehr mit der Dauer und Länge der Flamme; jedenfalls, und das ist sehr wichtig, kann man aus der Ziisammenfetzung des Sprengstoffes allein fein Verhalten gegen Schlagwetter nicht annähernd so sicher beurteilen, als es auf Grund praktischer Versuche möglich ist. Deutschland, England usw. lassen nur die als Sicherheitssprengstoffe gelten, welche in Ver« suchsstrecken eine Prüfung bestanden hoben. Die Anzahl dieser Sicherheitssprengstoffe ist heute sehr groß, man zählt weit über hundert, von denen etwa die Hälfte Nitro- glyzerin, den Hauptbestandteil des Dynamits, enthält. In den meisten ist Ammoniaksalpeter der Hauptbestandteil. Lange, farblose Säiilenkristalle bilde.tb und von scharfem, stechendem Geschmack ist das salpetersaure Ammoniak in Waffer leicht löslich und findet in der Industrie verschiedenartige Verwendung. Im Feuer verpufft da?«alz, ohne. zu explodieren und man mischt ihm deshalb andere Stoffe bei, welche ihm diese Fähigkeit verleihen. Nächst Nitroglyzerin kommen vor allem in Betracht Nirrozellulose, Kali« und Naironsalpeter, Holzkohle und Holzmehl, Naphtalinverbindungen usw. Sowohl die nitroglyzerinartigen wie auch die freien Sicher» heitssprengstoffe, zu diesen letzteren zählen die Roborite, scklvaiitcn sehr in ihrer Zusammensetzung und um ein ungefähres Bild zu geben, ist es, so gern ich Zahle» oermeide, schon nötig, einige zu nennen: Die von der Sprengstoff A.-G. Karbonit, Hamburg, herge- stellten Ammonkarbonite haben nach Oskar Guttmaa 3,8 bis 4 Proz. Nitroglyzerin, 32 Proz. salpekersaures Ammoniak. 10 Proz. Kalisalpeter, 0,2 Proz. Nitrozellulose und 4 Proz. Weizenmehl resp. an Stelle des letzteren Holzkohle und Stärke. Die von der gleichen Firma hergestellten Karbonite enthalren 25— 30 Proz. Nitroglyzerin, 25— 30 Proz. Natriumsalpcter und etwa 40 Proz. Weizen- meyl, der Rest ist doppeltchromsaureS Kali. Als gebräuchlich« Nitroglyzerinhaltige sind noch zu nennen Kohleiftardonit, von der- selben Firma hergestellt, Sicherheitsgelatinedynamit, fabriziert von der Westfältsch-Anhaltffchen Sprengstoff A.-G., ferner Wittenberger Wetterdynannte(25 Proz. Nitroglyzerin). Die meisten dieser Sicherheitssprengstoffe werden in Großbritannien und Frankreich hergestellt. Sicherheitssprengstoffe, deren Hauptbestandteil Ammontaksal- peter ist, kommen, wenigstens in Deutschland, weitmehr in Betracht. Zu nennen find: Ammonit, Bellftte, Dahmeaite, Roborite, Westfalrte, Riqropotoder, Petroklastit usw. Roborite, hergestellt von der Roborit- fabrik Witten a. Ruhr, sind zwei im Handel: Roborit 1/V bestehend aus 82,5 Proz. Ammoniaksalpeter, 5 Proz. Kalisalpeter, 5 Proz. Am- moniumsulphat, 0ch Proz. übermangansaures Kali und 7 Proz. Tinitrobenzol; Roborit IL 72,5 Proz. salpetersavres Ammoniak, 10 Proz. Kalisalpeter, 5 Proz. schwefelsaures Ammoniak, 0,5 Proz. übermangansaures Kali und 12 Proz. Tinitrobenzol. Ein Ro» borit III wird von einer englischen Gesellschaft hergestellt. Die deutschen Roborite besitzen unbestreitbare Vorzüge: nicht nur daß jeder ihrer Einzelteile unexplosiv ist, auch das fertige Mischprodukt explodiert nicht und ist nicht entzündbar, bietet also beim Trans- Port, beim Lagern wie bei der Handhabung keine.Gefahr. Stoß, Schlag, Reibung und Feueil vermögen es nicht zu entzünden und nur durch besonders vräparierte Sprengkapseln wird es zur Ex- plofior. gebracht; ein weiterer wesentlicher Vorzug ist der, daß es nickt gefriert, also das für viele Sprengstoffe so verhängnisvolle Auftauen erspart. Es läßt sich in beliebigen Maffen mit jedem Eisenbahazug vexk Noch ein paar Worte über die Aluminium- oder Termitspreng- .stoffe. deren Wirkung erhöht wird, wenn man ihnen statt dcZ pulvcrförmigen Metalls Aluminiumwolle zusetzt. Das Ammonal enthält 9S Proz. salpetcrsaures Ammoniak und 5 Proz. Aluminium. Zum Ammonal L(englisches Fabrikat) sind noch 2,5 Proz. Holzkohle zugefügt. Außer den bereihs erwähnten Fabriken sind für Deutschland Uon größeren Betrieben, in denen Sicherheitssprengstoffe hegestcllt werden, noch zu nennen: Dr. R. Nahrsen u. Co. in Dömitz-Hanr- bürg, G. Roth-Felixdorf, Sprengstoffwerke„Glückauf" A.-G., Ham- bürg, sowie die Castropcr Sicherhcitssprengstoff A.-G. Großbri- tannien zählt nahezu 20 umfangreiche Betriebe, Frankreich 10, Oesterreich 3, Holland 2 zur Herstellung von Sicherheitsspreng- stoffen, meistens Aktiengesellschaften oder G. m. b. H., die mit �roßen Kapitalien arbeiten. Herstellung, Aufbewahrung, Versen- Dung der Sprengmittell vor allem der nitroglyzerinhaltigen, sind zahlreichen gesetzlichen Vorschriften unterworfen, bei deren gewissen- tzafter Einhaltung sogar die Dynamit« an Gefährlichkeit verlieren. Dr. II. m Kleines Feuilleton. Winteranfang. Gegenüber meinem Zimmer liegt das Ge- fängnis. Zwei rote Kästen aus Sandstein mit kleinen Gitter- feilstem, beide mit einer starken Mauer umgeben. Ein dichter Nebel ließ nur noch die Konturen erkennen. Ganz still wars drausten, und nur Hunde, die in der Ferne ihre Gefühle aus- tauschten, oder die letzten Blätter, die der Winterwind raschelnd über die Straße hinfegte, unterbrachen die Stille. Plötzlich kamen Gestalten den Hügel herauf zum Gefängnis- tor. Es war der Abendtransport der Untersuchungsgesangcncn, der jeden Abend in das Gefängnis der kleinen Stadt eingebracht wurde. Es ging dabei ganz gemütlich zu. Stärkere Schroffheiten wurden tunlichst vermieden. Das Gefängnis war bei allen Strolchen und auch bei den politischen Sündern bekannt als eines der gemüt- lichstcn. Da ich ein Bekannter des Gefängniswärters war, so ging : ich aus lauter Langeweile hinüber, um ein Sechsundsechzig mit ihm zu spielen. Als ich drinnen war, hörte ich folgendes Zwiegespräch zwischen dem Wärter und einem alten Kerl in zerrissenen Kleidern und einem fast vergnügt dreinschauenden Gesicht mit struppigem Bart. Der Gefängniswärter:„So, so, Mathis, besuchen Sie uns auch einmal wieder, das ist schön von Jhnenl" Der Gefangene:„Freut mich auch, daß ich wieder einmal bei Ihnen versorgt bin, hoffentlich sind die Herren Richter nicht knauserig und geben mir so bis in den Mai hinein, dann ists draußen wieder zum Aushalten." Der Gefängniswärter ließ den Gefangenen dann in das vor- geschriebene Bad führen, von wo heraus man den alten Land- strcicher Töne des Wohlgefühls ausstoßen hörte. Vom Gefängnis- Wärter hörte ich, daß dieser alte Mann regelmäßig so gegen den Winter eine Straftat beging, um den Winter über so einige Monate im Gefängnis„sich zu erholen". Als er aus dem Bad kam und frische Wäsche anhatte, rieb er sich, bevor er die Treppe zu seiner Zelle hinaufging, noch einmal vergnügt die Hände und sagte jovial zum Wärter: �.Hoffentlich gibts abends auch von dere gute Erbs- jupp, wo ich so gern esse tue," und dann ging er, wie einer dem nicbts mehr fehlt, die Treppe hinauf. 'Der Gefängniswärter aber sagte:„Man weiß nicht, ob's zum Lachen oder zum Weinen."— A. F. Ethnographisches. Neue indische Völkerkunde. Die Regierung der indischen Präsidentschaft Madras hat ein umfangreiches und lehr- reiches, mit Abbildungen begleitetes Werk von Thurston, dem Leiter der völkerkundlichen Landesuntersuchung in jenem Gebiet, heraus- gegeben. Da die Völker des südlichen Teiles von Vorderindien in wissenschaftlicher und rein menschlicher Beziehung der Erforschung besonders wert sind, so werden die in diesem Buch niedergelegten Beobachtungen als ein wichtiger Beitrag zur Völkerkunde zu schätzen sein. Größtenteils beschäftigt sich sein Inhalt mit den Gebräuchen der südindischen Stämme bei Heirat und Tod. Bei den Kamalanen von der Malabarküste findet sich ebenso wie bei den Tibetern die Sitte der Vielmännerei, und die Ehe vollzieht sich demgemäß bei diesen Leuten unter sehr merkwürdigen Zeremonien. Die Braut und ihre voraussichtlichen Bräutigams, die zunächst nach Möglichkeit Brüder sein müssen, werden alle in eine Reihe gesetzt, so daß der älteste auf der rechten, die anderen nach dem Alter und die Braut zuletzt sitzt. Der Aclteste des Stammes vollzieht die Ehe, indem er in den Mund jedes Beteiligten etwas Milch einflößt. Ueber den Brauch der brüderlichen Vielmännerei sind in letzter Zeit unter den südindischen Völkern noch gründlichere Forschungen gemacht worden, die wohl demnächst eine Zusammenfassung erfahren werden. Die Freunde der Braut leisten dabei häufig geegn den Bräutigam und seine Partei Widerstand, der allerdings oft nur erheuchelt ist. Bei einem Bergstamm besteht ein merkwürdiges Verfahren bei der Brautwahl. In der Nähe der Häuser dieser Leute befindet sich eine Grube mit der Bestimmung, in der kalten Jahreszeit die Kinder aufzunehmen, damit sie sich dort warn, halten können. Im Früh- jähr werden nun alle heiratsfähigen Mädchen in eine dieser Gruben eingeschlossen, und ein junger Mann, der seine Braut bereits ge- wählt und die Zustimmung seiner Eltern für die Wahl erhalten hat, begibt sich dann an den Rand der Grube und nennt singend den Namen seiner Auserwähltcn. Wenn diese ihn gern hat, kommt sie heraus, es wird ein großes Feuer angemacht und ein Tanz zur Feier der Verlobung veranstaltet. Wenn aber das zuerst genannte Mädchen dem jungen Mann melodisch den Bescheid erteilt, daß sie ihn nicht will, so kann der Zurückgewiesene sofort den Namen eines anderen Mädchens versuchen usw. mit Grazie, bis er endlich mit einer Werbung Erfolg hat. Von besonderem Wert sind andere Mitteilungen mit Bezug auf die Anschauung, daß sowohl die Magie wie die Religion in ihren frühesten Formen auf dem Glauben an eine übertragbare Persönlichkeit begründet seien. Bei südindischen Völkern findet sich noch der Glaube, daß aus dem Auge eines Mannes von niederem Stand irgend ein feiner Stoff ausgeht, der imstande ist, Nahrungsmittel und andere Gegenstände zu ver- unreinigen, wenn sein Blick darauf fällt. Femer wird eine höchst merkwürdige Zauberfigur beschrieben, die vor einigen Jahren in Kalikut angeschwemmt wurde. Sie stellt eine nackte Frau dar, deren Füße nach hinten gedreht sind, während der Körper ein großes vier- eckiges Loch über dem Nabel, besitzt und überdies auf seiner ganzen Fläche mit langen eisernen Nägeln und mit arabischen Inschriften bedeckt ist. Nach der Annahme von Thurnston muß diese Figur von den Lakkadiveninseln herstammen und eine Frau darstellen. die von einem bösen Geist besessen war, weshalb sie„vernagelt" und dann ins Meer geworfen wurde. Die Verdrehung der Füße nach hinten soll auf ihren dämonischen Charakter deuten. Uebrigens ist auch bei den Völkerschaften Südindiens das Feuergehcn üblich, worüber in den letzten Jahren von den Ethnologen viel geschrieben worden ist. Man hat angenommen, daß die Leute sich vor der Wirkung der Hitze beim Gehen über glühende Steine durch den Saft der Aloe schützen, aber Thurston meint, daß die Haut ihrer Sohlen überhaupt schon im höchsten Grade unenipfindlich geworden fein muß, da die Männer gewohnheitsmäßig über den rauhesten Boden barfuß gehen. Uebrigens ist die Beobachtung gemacht worden, daß man bei solchen Feuerproben eine recht beträchtliche Zeit zwischen dem Auslöschen des Feuers und der eigentlichen Zeremonie ver- gehen läßt, wodurch die Gefahr sehr verringert wird. Bei manchen Völkern tauchen die dabei beteiligten Männer ihre Füße zuvor in eine Mischung von Reiswasser und Milch.— Medizinisches. Soll man bei Kindern die Mandeln ent- fernen? Obwohl der physiologische Zweck Der Mandeln auch heute noch nicht sicher bekannt ist, steht doch so viel fest, daß Er- krankungen der Mandeln, namentlich Wucherungen und Vergröße- rungen, erhebliche Störungen herbeiführen können. Da diese sich bei Kindern nicht allein auf das körperliche Befinden, sondern auch auf die geistige EntWickelung beziehen, so wird in der Regel mit der Entfernung der vergrößerten Mandeln ärztlicherseits nicht lange gezaudert. Dies namentlich in letzter Zeit, wo man in den Mandeln öfters Tuberkelbazillen gefunden hat und auch die Be- Ziehungen zwischen Mandeln und Gelenkrheumatismus klargestellt wurden. Ein Forscher hat kürzlich auf den Blutbefund bei Kindern mit Wucherungen im Rachenraum geackitet und gefunden, daß der Blutfarbstoff in allen Fällen um durchschnittlich 13 Proz. herab- gesetzt war. Das spezifische Gewicht des Blutes, die Zahl der roten Blutkörperchen wichen nicht von der Norm ab, dagegen war die Zahl der weißen Blutkörperchen vermehrt. Nach Entfernung der gcwucherten Mandeln wurde das Blutbild allmählich wieder normal, was durch einen Land- oder Sc�aufenthalt noch beschleunigt wurde. Zu wesentlich anderen Anschauungen über die Zweckmäßigkeit der Entfernung der Mandeln gelangte Dr. Kleininger in Rostock. Er untersuchte die Beschaffenheit der Mandeln bei septischen Fiebern und Blutvergiftungen, die sich an Halsentzündungen, Gelenk- rheumatismus und Nierenentzündung anschlössen und fand dabei fast immer eine vom Normalen abweichende Beschaffenheit der .Mandeln, entweder waren sie zu klein, oder zu groß oder sonst nicht normal. Bei 40 Proz. aller Erkrankungsfälle waren die Mandeln entzündet. Kleiningcr betrachtet demnach die Mandeln als Schuhpforten gegen die Baktcrieneinwanderung: ihre Ent- fernung soll daher nur in dringenden Fällen vorgenommen werden, um den Körper dieses Schutzmittels nicht zu berauben.— Notizen. — Das Polizeipräsidium hat nunmehr genehmigt, daß am Kleinen Theater weitere Wiederholungen von Maxi m Gorkis Drama „Die Feinde" stattsinden können, nackdem die Direktion die an sie gestellten Forderungen erfüllt hat. Infolge dessen gehen„Die Feinde" am Freitag, den 7. d. Mts., zum erstenmal wieder in Szene.— Der Eifer der Polizei, allerlei Auslagen zu machen, ist sehr verdächtig. Hoffte man Gorkis Verherrlichung der rusisschen Arbeiterbewegung damit von der Bühne verbannen zu können? — Der Goethe-Verein widmet seine dritte volkstümliche Veranstaltung am Sonntag, den 0. Dezember, nachmittags 3 Uhr. im Saale der Sezession, Kurfürstendamm 203/209, Detlev v, L i l i e n c r o n. Rezirationen aus seinen Dichtungen hat Dr. Marx M o e l l e r übernommen. B e t s y S ch o t t singt Lieder in der Ver» torniug von Brahms, Richard Strauß und Konrad Ansorge. Vcrantwortl. Redakteur: Ha»S Weber.. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstaltPaul Singer LiCo..BerlinSW.