ZlnterhaltMgsblatt des Horwärts Nr. 236. Donnerstag, den 6. Dezember. 1906 471 Der Sumpf. Roman von Itpton Sinclair. Autorisierte Ucbersetzung. Jurgis dachte an nicht? anderes, als daß er aus der fürchterlichen Kälte hinaus müsse. Er ging in eins der Schank- lokale, in denen er verkehrt hatte, forderte etwas zu trinken und stand dann schaudernd am Feuer, bis man ihn gehen hieß. Einein ungeschriebenen Gesetz gemäß gab ein Getränk einem das Recht, so und so lange in dem Lokal zu verweilen: dann mußte man wieder etwas zu trinken fordern oder weitergehen. Dann ging Zurgis in ein anderes Lokal und zahlte wieder einen Nickel. Er war jetzt so hungrig, daß er dem dampfenden Schmorfleisch nicht zu widerstehen vermochte, — eine Schwäche, die seinen Aufenthalt um ein Erkleckliches abkürzte. Als er wieder zum Gehen aufgefordert wurde, be- gab er sich nach einem übel beleumundeten Lokal im ,,Levee- Distrikt". Iurgis nmchte sich vergebliche Hoffnung, daß der Wirt ihn da eine Weile„sitzen" lassen werde. In den kältesten Wintermonaten ließen die Schankwirte manchmal ein oder zwei mit Schnee bedeckte Bummler an ihrem Feuer sitzen, um Kunden anzuziehen. Kam dann ein Arbeiter herein, der nach getaner Tagesarbeit in fröhlicher Stimniung war, dann hieß es wohl:„Holla, Brüderchen, was ist denn los?" lind dann fing der andere an, irgend eine traurige Geschichte herzuleiern, und der Mann sagte:„Na, trink mal eins, das wird Dir gut tun." So tranken sie denn beide, und tvenn der Bummler elend genug aussah oder sich aufs„Sohlen" verstand, so tranken sie auch wohl jeder noch ein Glas, rrnd wenn es sich gar herausstellte, daß sie Landslcute waren oder in derselben Stadt gelebt oder die gleiche Arbeit verrichtet hatten, dann setzten sie sich zusammen an einen Tisch und schwatzten, und eh' sie fortgingen, war der Wirt um einen Dollar reicher. Der Markt für„Sitzer" war jedoch heute abend überlastet, und für Jurgis war kein Platz vorhanden. An diesem fürchter- lichen Tage mußte er sechs Nickel ausgeben, um nur ein Dach über dem Kopf zu haben, und dann war es eben erst dunkel geworden, und die Stationsgebäude wurden erst um Mitter- nacht geöffnet! In dem letzten Lokal war jedoch ein Auf- Wärter, der ihn kannte und gern hatte und ihn an einem der Tische schlummern ließ, bis der Wirt zurückkehrte. Und als er wegging, machte der Mann ihn sogar auf etivas aufmerk- sam. Ju der nächsten Straße fand eine religiöse Bersamm- lung mit Gesang und Predigten statt, und Hunderte von Obdachlosen fanden sich dort wegen des Lichtes und der Wärme ein. Jurgis ging hin und sah ein Plakat mit der Bekannt- machung. daß der Saal um sieben Uhr dreißig geöffnet werden würde. Dann lief er eine Straße weiter und versteckte sich ein Weilchen in einem Torweg: und dann lief er wieder, und so trieb er es, bis die Zeit gekommen war. Schließlich war er vollständig erstarrt und erkämpfte sich den Zutritt und sogar einen Platz in der Nähe des großen Ofens. Um acht Uhr war der Saal so überfüllt, daß die Redner sich sehr geschmeichelt fühlen konnten. Aus der Redner- tribüne befanden sich drei ältliche Herren in Schwarz und ein? junge Dame, die vorn am Klavier saß. Erst wurde ein Choral gesungen, und dann begann einer der Herren eine längere Ansprache zu halten. Jurgis hörte einzelne Brocken davon, denn die Angst hielt ihn wach. Er wußte, daß er fürchterlich schnarchte, und jetzt hinausgesetzt zu werden, wäre für ihn gleichbedeutend mit einem Todesurteil gewesen. Der Redner predigte über„Sünde und Erlösung, über die unendliche Barmherzigkeit Gottes und sein Verzeihen menschlicher Schwäche". Er war sehr eifrig und meinte es gut, aber indem Jurgis zuhörte, füllte sich seine Seele mit Haß. Was wußte er von Sünde und von Leiden, dieser Mann mit dem glatten schwarzen Rock, mit warmen Gliedern, vollem Bauch und Geld in den Taschen?— Was? Der wollte ihnen Strafpredigten halten, ihnen, die sich abmühten, sich auch nur am Leben zu erhalten? Dies war natürlich un- gerecht: aber Jurgis begriff, daß diese Männer mit dem Leben, über das sie reden, nicht in Berührung standen, daß sie unfähig waren, die Probleme dieses Lebens zu lösen: nein, sie selbst waren ein Teil des Problems, sie waren ein Teil der bestehenden Ordnung, die die Menschen zu Boden drückte und zerschmetterte! Sie gehörten der frechen, triumphierenden Klasse der Besitzenden an: sie hatten einen Saal und ein Feuer und warme Kleider und Geld, und deshalb predigten sie hungrigen Männern etwas vor, und die hungrigen Männer mußten demütig sein und zuhören! Sie wollten ihre Seelen retten,— und nur ein Narr konnte umhin zu sehen, daß mit den Seelen alles in bester Ordnung gewesen wäre, wenn sie nur imstande gewesen wären, den Körper an- ständig durchzubringen! Um elf wurde die Versammlung geschlossen, und die be- trübten Zuhörer kehrten auf die verschneite Straße zurück. Bis zur Eröffnung der Stationshäuser war es noch eine volle Stunde hin, und Jurgis hatte keinen Mantel und war durch seine 5trankheit entkräftet. Während dieser Stunde kam er beinahe um. Er war genötigt, rasch zu laufen, um sein Blut in Wallung zu erhalten; und dann kam er zu der Station zurück und fand eine undurchdringliche Menschenmenge vor der Tür! Dies war im Januar 1904, als das Land am Rande einer„schweren Zeit" stand und die Zeitungen täglich berichteten, daß wieder so und so viele Fabriken geschlossen worden wären; man schätzte, daß etwa anderthalb Millionen Menschen vorm Frühjahr brotlos geworden waren. Als das Gebäude schließlich bis an den Rand gefüllt und die Tür ge- schlössen ivorden war, blieb draußen noch eine ganze Menge von Menschen zurück; und Jurgis, mit seinem gebrochenen Arm, befand sich unter dieser Menge. Es blieb ihm also keine Wahl, er mußte eine Schlafstelle aufsuchen und wieder ein Geldstück hergeben. Um sieben Uhr morgens wurden die Schläfer ohne Gnade an die Luft gesetzt,— die Bettstätten waren so einfach eingerichtet, daß sie heruntergelassen werden konnten, und jeder, der nicht gleich gehorchte, fiel einfach auf die Erde hinab. Das war ein Tag, und die Kälte hielt vierzehn Tage lang an. Nach sechs Tagen hatte Jurgis jeden Cent verausgabt, den er besaß, und dann begab er sich auf die Straße, um sich daS Leben durch Vetteln zu erhalten. Er fing damit an, so- bald die Geschäftsteile der Stadt sich zu regen begannen. Er kam dann aus irgend einem Schanklokal heraus, überzeugte sich erst, daß kein Polizist in Sicht war, und näherte sich dann jeder einigermaßen wohltätig aussehenden Persönlichkeit, in- dem er seine klägliche Geschichte erzählte und um ein Geldstück bat. Bekam er eins, so rannte er zu seinem Ausgangsort zurück, um sich zu wärmen; und wenn sein Opfer das sah, so ging es davon und schwor, nie wieder einem Bettler auch nur einen Pfennig zu geben. Der Geber dachte niemals darüber nach, wohin Jurgis unter den Umständen denn anders hätte gehcll können,— wohin er selbst in einem solchen Falle wohl gegangen wäre. In den Bierlokalen konnte Jurgis nicht nur billigeres und besseres Essen bekommen als in irgend einem Restaurant, sondern auch einen Schnaps, um sich zu erwärmen. Im Bierlokal fühlte er sich auch zu Hause. Das Geschäft eines Schankwirtes besteht unter anderem auch darin, Bettlern gegen einen gewissen Prozentsatz ihrer Einnahmen llntcrkunst iind Nahrung zu gewähren: und gab es sonst in der ganzen Stadt einen Menschen, der das getan hätte? Der arine Jurgis hätte erwarten dürfen, als Bettler gute Geschäfte zu machen. Er kam direkt aus dem Krankenhause, sah entsetzlich elend aus und hatte einen gebrochenen Arm; außerdem hatte er keinen Mantel und zitterte und bebte er- bärmlich. Aber ach! es war wieder dieselbe Sache: Ter red- liehe Kaufmann, der erleben muß, daß der echte unverfälschte Artikel durch kunstvolle Nachahmungen aus dem Felde ge- schlagen wird! Jurgis war als Bettler nur ein unbeholfener Dilettant im Wettstreit mit organisierten und geschickten Fachleuten. Er kam direkt aus dem Kckankenhause, aber die Geschichte war entsetzlich abgedroschen und fand keinen Glauben mehr. Er trug einen Arm in der Binde,— und das war ein Kniff, dessen sich der kleinste Betteljunge geschämt haben würde. Er war blaß und zitterte vor Kälte,— aber sie waren geschminkt und verstanden sich aufs Zähncklappern. Viele von diesen berufsmäßigen Bettlern hatten behagliche Wohnungen, Frau und Kinder und Taufende von Dollars auf der Bank: einige von ihnen hatten so viel verdient, daß sie sich zurückgezogen hatten und sich nur noch damit be- schäftigten, andere zurechtzumachen und anzulernen oder Kinder auszuschicken. Es gab welche, die beide Arme fest an die Seiten gebunden hatten und wattierte Strümpfe m den Aermeln trugen, und ein krankes Kind bei sich hatten, das einen Teller für sie herumtrug. Es gab andere, die keine Beine hatten und auf einem Gestell mit Rädern umher- gefahren wurden. Einige wenige Glückliche hatten sich der- stümmelt oder verbrannt oder sich auf chemischem Wege gras;- liche Schwären zugezogen. Diese Verzweifelten gehörten zu der Hefe der verworfensten Stadtdistrikte; es waren elende Geschöpfe, die sich bei Nacht in den regendurchweichten Keller- räumen alter zerfallener Mietskasernen, in Diebes- und Opiumhöhlen verbargen, zusammen mit Weibern, die alle Stadien der Verworfenheit durchgemacht hatten. Tag für Tag fischte das Netz der Polizeibehörde Hunderte von ihnen aus den Straßen hinweg, und in den Sälen des Gefängnis- Hospitals sah man sie zu einer Miniaturhölle zusammen- geschart, mit scheußlichen, tierischen Gesichtern, entstellt und zerfressen von entsetzlichen Krankheiten, rasend und tobend in wildem Delirium! 24. Ungeachtet all dieser hindernden Umstände sah Jurgis sich genötigt, sich das Geld für ein Unterkommen und für so und so viele Getränke pro Tag zu verschaffen, wenn er nicht erfrieren wollte. Tag für Tag irrte er in der eisigen Kälte umher, die Seele von Bitterkeit und Verzweiflung erfüllt. Er sah die zivilisierte Welt jetzt mit offeneren Augen an als zuvor; eine Welt, in der nichts galt als brutale Macht, eine Ordnung, die von den besitzenden Klassen ersonnen war zur Unterjochung der Besitzlosen. Er gehörte zu den letzteren; und die ganze Welt um ihn her war in seinen Augen nur ein ungeheures Gefängnis, in dem er wie ein gefangener Tiger auf und ab rannte und eine Eisenstange nach der anderen untersuchte, nur um zu finden, daß er sie nicht zu zerbrechen vermochte. Er war in der wilden Schlacht der Habgier unter- legen und war der Vernichtung preisgegeben. Die wohl- genährten aalglatten Polizisten, vor deren Augen er scheu zurückwich, schienen ihre Knüttel fester anzufassen, wenn sie rhn sahen; die Schankwirte mißgönnten ihm jede Minute, die er nach Zahlung seiner Zeche in ihrem Lokal verbrachte; die eilende Menschenmenge auf den Straßen war taub gegen sein Flehen, gleichgültig gegen sein Elend, voll Zorn und Vor- achtung, wenn er sich in Erinnerung brachte. Sie hatten mit sich selbst zu tun, und für ihn gab es keine Stätte unter ihnen. Und dann kam eines Tages das große Ereignis seines Lebens. Es war spät abends, und es war ihm nicht gelungen, den Preis eines Nachtquartiers zu erbetteln. Es schneite, und er war so lange im Schnee umhergelaufen, daß er ganz damit bedeckt und bis auf die Knochen.durchkältet war. Er bettelte in der Theatermenge und kümmerte sich nicht einmal um die Polizisten,— im Gegenteil, es wäre ihm lieb ge- Wesen, wenn man ihn verhaftet hätte. Als er jedoch wirklich sah, daß ein Polizist auf ihn zu kam, erschrak er doch und huschte in eine Seitenstraße hinein. Als er wieder stehen blieb, sah er einen Mann, der ihm entgegenkam, und stellte sich ihm in den Weg. „Bitte, Herr," begann er die übliche Litanei,„schenken Sie mir ein paar Cents für ein Nachtquartier. Ich Hab' den Arm gebrochen und kann nicht arbeiten, und ich habe keinen Pfennig in der Tasche. Es ist nicht meine Schuld, Herr—" Jurgis pflegte in dieser Weise fortzufahren, bis er unter- brachen wurde, aber dieser Mann unterbrach ihn nicht, und so stockte er denn plötzlich ganz atemlos. Der andere war stehen geblieben, und Jurgis bemerkte plötzlich, daß er nicht fest auf den Füßen stand.—„Was sagen Se da?" fragte er plötzlich mit schwerer Zunge. Jurgis fing wieder von vorn an und sprach langsam und deutlich; bevor er halb mit seiner Ge- schichte fertig war, streckte der andere die Hand aus und stiitzte sich auf seine Schulter.„Arm oller Kerl!" sagte er.„Pech gehat— hick— nich' war?"— Er schwankte plötzlich und legte den Arm um Jurgis Nacken.„Bin auch im Pech, alter Knabe," sagte er.„Böse olle Welt!" Sie befanden sich dicht bei einer Laterne, und Jurgis konnte seinen neuen Freund einen Moment genauer sehen. Es war ein junger Mensch von etwa achtzehn Jahren, mit einent hübschen, knabenhaften Gesicht. Er trug einen Zylinder und eleganten, weichen Ueberzieher mit Pelzkragen; und er lächelte Jurgis freundlich an.„Mir geht's auch schlecht, mein guter Freund," saqte er.„Ich hab'n grausam' Vater, sonst würd' ich Dir helfen. Washastedenn?"—„Ich bin im Krankenhaus gewesen,"—»Krankenhaus.!" rief der junge Mensch, immer noch freundlich lachend':„Das's zu arg! Gerade wie Tante Polly— hick— Tante Polly's auch in Krankenhaus— alte Tantchen hat Zwillinge bekommen. Washasten Du?"—„Ich habe einen Arm gebrochen," begann Jurgis. „So?" versetzte der andere gefühlvoll.„Das is nich' so schlimm,— das wird wieder besser. Was wißtedenn von mir?"—„Ich bin hungrig, Herr," sagte Jurgis.— „Hungrig? Warum ißte dennich z' Abend?"—„Ich habe kein Gell), Herr."—„Kein Geld! Ho, ho— wir müssen Freune sein, alter Junge— gerade wie ich! Warum gehst'e dennich nach Hause, wie ich?" „Ich habe kein Zuhause," sagte Jurgis.—„Kein Zuhause! Bishier fremd in Chicago, was? Herres Himmels, dassis aber schlimm! Komm nur lieber mrmmir nach nach Hause und iß mimmir— hick— z'Abend! Füchtelich öde—• nieman zu Hause! Vater in Europa— Bubby auf Hochzeitsreise— Polly mit Zwillingen niederekommen— alle Welt verreist! Miß sich ja's Trinken angewöhnen,— garnich- anders möglich! Nee, denn geh' ich doch lieber in'n Klub, weißte! Aber schlafen lassen'se mich da nicht— Vater an« geornet,— muß jeden Abend zu Hause kommen. Du! Dassis so rech' mein Vater, hart wie Eisen, sag' ich Dir! Un' ich muß alle Abend nach Hause, iinmcr gerade wenn's lustig wird. z'm Kuckuck! Sag mal, mein lieber Freund, was meinste? Willste mimir nachause kommen un' z' Abend esicn? Komm nur mit aller Kerl; wir machen alles hell und trinken Sek' un' machen'n Mordsradau— hupla! Wenn ich nur im Hause bleibe, kann ich machen, was ich will,— dashat der Alte selbsesagt. Hup! Hup!" Sie gingen Arn: in Arm die Straße hinab; der junge Mensch zog den halb betäubten Jurgis mit sich. Jurgis über- legte, was er tun sollte; er wußte, daß sie keine belebte Straße passieren konnten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen und an- gehalten zu werden. Nur weil es schneite, achteten die paar Menschen, die-hier vorüberkamen, nicht auf das seltsame Paar. Jurgis blieb deshalb plötzlich stehen.„Ist es sehr weit?" fragte er. „Nicht sehr," erwiderte der andere.„Aber Du bist wol müde. Na, laß uns doch fahren, was meinste dazu? Gut! Na, dann ruf'ne Droschke."— Und dann hielt der junge Mensch sich mit einer Hand an Jurgis fest und suchte mit der anderen in seinen Taschen herum. Dabei zog er ein ganzes Bündel von Banknoten heraus. Es war mehr Geld, als Jurgis in seinem ganzen Leben gesehen hatte, und er starrte es erschrocken an.—„Sieht orntlich nach was aus, was?" sagte Master Freddie, indem er darin herumwühlte.„Ist aber nichts Rechtes,— lauter kleine Scheine! Länger als' ne Woche reicht es nich' mehr aus. Und kein' Cent weiter bis zum Ersten— hick— hat der Alte angeornet. Hab' heute früh annen Alten gekabelt— deshalb muß ich rasch nachause. „Bin am Verhungern," sag' ich—,„rettie Ehre der Familie und schick' mir Brot.— Freddie." Auf diese Weise fuhr der junge Mensch fort; er schwatzte unaufhörlich und Jurgis zitterte währenddessen vor Auf- regung. Er konnte das Banknotenbündel an sich reißen und im Dunkeln verschwinden, bevor der andere zur Besinnung kam. Sollte er es tun? Aber Jurgis hatte noch nie im Leben ein Verbrechen begangen, und jetzt zögerte er einen Moment zu lange. Freddie machte einen Schein los und stopfte die anderen wieder in die Hosentasche.—„Hier, alter Kerl, nimm Du ihn nur," sagte er und hielt ihm den flattern- den Schein hin. Sie standen vor einem Schanklokal, und beim Schein des erleuchteten Fensters sah Jurgis, daß es ein Hundertdollarschein war!—„Nimm Du ihn nur," wieder- holte der andere.„Bezahl' die Droschke und behalt' das Kleingeld— ich— hick— versteh' mich nich aufs Rechnen! Holla, Sie da! He! Ruf'n doch!" Eine Droschke fuhr vorüber, Jurgis sprang vor und rief sie an, worauf sie ans Trottoir heranfuhr. Master Freddie kletterte mühsam hinein und Jurgis wollte ihm gerade folgen« als der Kutscher rief:„Heda, Sie! raus mit Ihnen!"— Jurgis war im Begriff zu gehorchen, aber sein Gefährte schrie ganz empört:„Was solles heißen? Washabensedenn, Sie?"— Der Kutscher schwieg, und Jurgis stieg ein. Tann nannte Freddie eine Nummer an der Lake Shore Drive, und der Wagen fuhr ab. Der junge Mensch lehnte sich zurück und schmiegte sich an Jurgis an; nach einer halben Minute war er fest eingeschlafen. Nach etwa einer halben.Stunde hielt die Droschke still. Sie waren am Seeufer angekommen, und ein eisiger Sturm fegte Wer die gefrorene Fläche herüber.„Da sind wir," rief der Kutscher, und Jurgis weckte seinen Ge- fährten. Master Freddie fuhr mit einem Ruck in die Höhe. (Fortsetzung folgt.) Magnetismus cler 5Zugen. g. Im allgemeinen glaubt man, der Magnetismus sei eine nur auf Eisen beschränkte Erscheinung, d, h. der Magnet habe nur die Fähigkeit Eisen anzuziehen; das ist aber durchaus nicht der Fall, im Gcgenleil, sehr viele Substanzen werden vom Magneten an- gezogen. Allerdings ist diese Anziehung außerordentlich viel schwächer als die des Eisens. Um sie nachzuweisen, muß man sehr kräftige Magnete anwenden, wie sie nur durch Einwirkung der Eteklrizität auf Stahl entstehen. Außerdem aber muß die ganze Einrichmng mit besonderer Vorficht hergestellt werden, damit nicht die Reibung des zu untersuchenden Körpers auf seiner Unterlage zu groß ist und die geringe anziehende Wirkung des Magneten auf diese Substanzen durch die Reibung überwunden und dadurch un- wirksam gemacht wird. Wenn man aber solche Einrichtungen trifft, die Untersuchung also mit den bei wissenschaftlichen Arbeiten üblichen Methoden vornimmt, so findet man, daß zunächst nicht nur reines Eisen oder reiner Stahl dem Magneten folgen, sondern auch die meisten der chemischen Verbindungen von Eisen mit anderen Körpern. Dann aber erweisen sich auch Substanzen als magnetisch, die mit Eisen überhaupt nichts gemein haben; so ist das Edelmetall Platin magnetisch, ferner die Metalle Nickel, Kobalt, Palladium, Chrom, Cer, Mangan und Titan und die meisten chemischen Verbindungen dieser Elemente. Nachdem man nun diese große Verbreitung des Magnetismus gefunden hatte, hat man natürlich auch noch andere Körper auf Magnetismus geprüft, und dabei hat man dann die überraschende Be- obachtung gemacht, daß es außer dem gewöhnlichen Magnetismus noch eine andere Art von Magnetismus gibt. Beim gewöhnlichen Magnetismus wird nämlich der magnetische Körper von beiden Polen eines Magneten angezogen, der andere, neu gefundene Magnetismus aber äußerte sich darin, daß die Körper, die ihn besitzen, von beiden Polen eines Magneten abgestoßen werden. Run mußte man auch besondere Be- Zeichnungen für die beiden Arten von Magnetismus besitzen: man nannte den gewöhnlichen Magnetismus, wie ihn das Eisen befitzt, Para Magnetismus, den neuen Abstoßungsmagnetismus be« zeichnet man als Diamasnetismus. Der Diamagnetismus äußert sich in folgender Weise: Wenn man einen diamagnetischen Körper so aufhängt, daß er sich leicht drehen kann(selbstverständlich müssen aber fremde Einflüffe vermieden werden, die ebenfalls eine kleine Drehung hervorrufen können, lvie z. B. starker Luftzug) und in die unmittelbare Nähe des so aufgehängten Körpers einen kräf« tigen Hufeisenniagneten bringt, so dreht sich die aufgehängte Substanz so, daß sie geradein die Mitte zwischen beiden Polen des Hufeisenmagneten zu stehen kommt, also die Stellung einnimmt, bei der sie von den beiden Polen am weitesten entfernt ist. Wohl jede der auf der Erde vorkommenden Substanzen erwies sich nun magnetisch, sie ist ent- weder paramagnetisch oder diamagnetisch. Von bekannteren Stoffen zeigen den Diamagnetismus Gold und Silber, Blei, Zinn, Zink, Kupfer, Quecksilber, Kohle, Phosphor, Schwefel, Glas, Holz, Elfen- bein, Eis, Fett, Fleisch. Besonders schwierig war die Prüfung auf Paramagnetismus oder Diamagnetismus bei Flüsfigkeiten. Man füllte fie in Rohren von Glas und hängte diese zwischen den Magnetpolen auf; drehte sich nun das Röhrchen so, daß jedes seiner Enden einem Pol möglichst nahe war, so erkannte man daraus, daß die darin befindliche Substanz paramagnetisch ist; stellt sich die Röhre aber axial zwischen beide Pole, so ist die untersuchte Flüssigkeit diamagnetisch. Manche Flüssigkeiten besitzen aber nur einen so schwachen Magnetismus, daß er zu schwach ist, um das ganze Röhrchen zu drehen; solche Flüssigkeiten füllte man dann in runde Schalen, und wenn sie paramagnetisch sind, so bilden sich Flüssigkeitsberge in der Nähe der beiden Pole, weil diese den Körper mit besonderer Kraft anziehen; bei einer diainagnetischen Flüssigkeit entstehen kleine Hügel an den Stellen des Schalchens, die von den Magnetpolen am weitesten entfenit find— dorthin wird die Flüssigkeit durch die abstoßende Kraft des Diamagnetismus ge« drängt. Bei den weiteren Arbeiten mit para- oder diamagnetischen Flüssigkeiten fand man nnn ein höchst auffälliges Naturgesetz. Wenn man nämlich einen paramagnetischen Körper in einer Flüssigkeit schwimmen läßt, die stärker paramagnetisch ist, so wird jener Körper diamagnetisch; läßt man einen diamagnetischen Körper in einer stärker diamagnetifchen Flüssigkeit schwimmen, so wird er selbst para» magnetisch. So lange man diese Erscheinung noch nicht gekannt hatte, hatte ihr Vorhandensein, wie man sich leicht denken kann, zu manchem irrigen Urteil darüber geführt, ob ein Körper para- oder diamagnetisch ist. Es ist ichon erwähnt worden, daß auch manche Bestandteile der organisierten Lebewesen deutlichen Magnetismus— Diamagnetismus — zeigen, nämlich Fleisch und Fett; auch die wichtigsten Flüssig- leiten des Organismus. Blut und Milch, sind diamagnetisch. Unter diesen Umständen ist eS leicht begreiflich, daß man auch andere Organteile auf ihren Magnetismus untersucht. Besonders eifrig eigten sich hierbei die Vertreter der Augenheilkunde, weil fie o�ne- in den Magnetismus anzuwenden gewohnt find. Oft dring--? nämlich kleinere Eisenftücke ins Auge ein, und Eisen- arbeiter haben. solche Vorfälle entdeckt an fich selbjl oder an Arbeitsgenoffen vielfach erlebt Es ist nun unbedingt nötig, so eingedrungene Eisenstückchen aus öem Auge zu entfernen. weil fie mit ihren scharfen, spitzen Enden sonst die schwersten Ber« letzungen hervorrrufen könnten. Um nun größere operative Eingriffe u vermeiden, ist mau auf den Gedanken gekommen, Eisenstückchen, ie in einer der Flüssigkeiten schwimmen, die den größten Teil der Augcnkugel bilden, mittels eines starken Magneten so nah an der vorderen Augenrand zu locken, daß es nur eines geringen Ein- schnittes bedarf, unr den gefährlichen Eindringling zu entfernen. In einer großen Zahl von Fällen hat fich diese magnetische Eisen- beseiiigung aus dem Auge sehr gut bewährt, und das veranlaßte wohl die Ophthalmologen, zu untersuchen, ob etwa das Auge selbst oder irgend welche Teile von ihm magnetisch find; von Hause aus war dies um so eher wahrscheinlich, als ja eben die meisten Körper entweder para- oder diamagnetisch sind. Es wurden Tierversuch, angestellt, und ihr Ergebnis war, daß ein sehr wichtiger Teil de» Augen, nämlich die Linsen, paramagnetisch sind. Das ist ja an fich und rein theoretisch eine ganz hübsche Fest- stellung, aber es ist nicht unmöglich, daß sie auch praktisch von Be- deutung wird. Denn die Linse des menschlichen Auges ist in ihrer Znsammensetzung von derjenigen der zu den bisherigen Forschungen herangezogenen Tiere so wenig verschieden, daß man annehmen darf, auch sie besitze Diamagnetismus. Nun entsteht aber ein weit- verbreitetes und recht störendes Augenübel, die Kurzsichtigkeit, darin, daß die Linse im Auge zu stark gekrümmt ist. Eine zu stark ge- krümmte Linse aber läßt von einigermaßen entfernten Gegen« ständen kein Bild auf der Netzhaut des Auges entstehen, wie es zum deutlichen Sehen erforderlich ist, sondern schon vor der Netzhaut- auf der Netzhaut entsteht bei der zu stark ge- krümmten Linse em Bild nur von Gegenständen, die dem Auge sehr nahe gebracht werden, und jeder weiß, daß Kurzsichtige beim Lesen oder Schreiben das Papier dem Auge so sehr nähern, daß es einen komischen Eindruck machen würde, wenn man nicht wüßte, daß ein Augenfehler die Ursache davon ist. Man darf es als ein Glück ansehen, daß man die Folgen der Kurzsichtigkeit durch passend ge- wählte Brillen beseitigen kann, aber besser wäre eS natürlich, wenn man das Uebel selbst fortschaffen könnte. Das wäre um so wichtiger, als die Statistik die unangenehme Tatsache festgestellt hat, daß die Kurzsichtigkeit unter den Menschen zunimmt. Hier kann vielleicht der Diamagnetismus der Linsen Hülfe bringen. Denn es ist sehr wohl möglich, das lebende Auge einer solchen Einwirkung kräftiger Magneten auszusetzen, daß die von den Magnetpolen hervorgerufene Abstoßung die hervorgewölbte Linsenmitte abstößt, die Linsenwölbung also abflacht. Es ist weiter gut denkbar, daß durch genügend häufige Beeinflussung dieser Art die Linse dauernd abgeflacht bleibt, und dann wäre mit der Ursache der Kurzsichtigkeit auch diese felbst dauernd beseitigt. Freilich ist die abstoßende Wirkung der Magnete nur eine recht geringe, die Abflachung der Linse also auch nicht bedeutend, aber auch die krankhaste Linsenwölbung selbst ist an fich nur unerheblich, und dennoch ist die Wirkung recht beträchtlich. Da bedürfte es auch nur einer sehr schwachen Linsenabflachung, um das gewünschte Resultat herbeizuführen, und diese fchwache Wirkung dürste die ab- stoßende Wirkung der Magnetpole immerhin zu erzielen im stände sein. Man muß selbst kurzsichtig sein und die unangenehmen Folgen dieses Zustaudes am eigenen Leibe erfahren haben, um crmessen zu können, mit welcher Dankbarkeit die Kurzsichtigen eS begrüßen würden, wenn fie Heilung erwarten könnten vom Magnetismus der Augen. kleines femUetou. Die Zoariten. Unweit der Stadt Cleveland im nordamerikani. schcn Staate Ohio liegt die Ansiedelung Zoar(Land der Zuflucht)', welche 1817 von einem gewiffen Bäumler gegründet wurde. Dieser' kam damals mit etwa 260 Württembergern aus dem alten Vater». lande nach Philadelphia. Alle erkannten ihn als ihr Oberhaupt an und übten Gütergemeinschaft. Ihr Wunsch war es, sich in möglichster Entfernung von anderen Niederlassungen anzusiedeln; fie legten daher ihr ganzes Geld zusammen, um in der oben er- wähnten, zu jener Zeit recht entlegenen Gegend für 15 000 Dollar 5000 Morgen Land zu erwerben. Dort angekommen, waren sie erschöpft, ohne Mittel, und mußten daher anfangs viel Ungemach ertragen. Vor allem wurde für Bäumler ein bald allgemein»der Palast" genanntes großes Ziegelhaus mit 22 Zoll dicken Mauern erbaut, sodann folgten Wohnhäuser für alle, Läden jeder Art usw., und eS dauerte nicht lange, so konnten die Zoariten sich rühmen, daß sie nichts von dem, was sie bei ihrer sehr einfachen Lebensweise bedurften, zu kaufen brauchten. Da Bäumler die Kolonie gänzlich isolieren wollte, ließ er behufs Deckung aller heimischen Bedürfnisse! eine Weberei, eine Mahlmühle, eine Bierbrauerei, eine Schmiede und so weiter errichten. Die höchste bisherige Anzahl der Zoariten betrug 300; seit Bäumlers Tode nimmt sie langsam aber stetig ab. So lange Bäumlor lebte, vereinigte er die ganze Regierungsgewalt in seiner Person. Die von ihm erlassene Geheimverfassung, welche auswärts nicht bekannt ist, enthält— soviel man weiß— die Bx- stimmung, daß das Gcmeindcvermögcn unteilbar bleibt, solange iie Gemeinde aus mindestens drei Mitgliedern besteht. Einige Unzufriedene haben vergeblich versucht, bei den Staatsgerichten von Ohio die Umstotzung dieses wichtigen Punktes zu erwirken. Seit dem Tode ihres Gründers wird die kleine Republik von drei Kuratoren regiert, welche auf je drei Jahre gewählt und von einem Fünferausschuß überwacht werden, der aber, wie es heißt, so selten zusammentritt, daß die Kuratoren in Wirklichkeit allein die Geschäfte besorgen. Kein Zoarit ist im Besitz von Geld; alles vor- handene Geld befindet sich in den Händen des Schatzmeisters, der dem Kuratorium angehört. Alles Erzeugte wird an das letztere abgeliefert und in dem großen Vorratsspeicher aufbewahrt. Nur die Kuratoren dürfen nach auswärts verkaufen, und jährlich ein- mal entsenden sie jemand nach Philadelphia behufs Einkaufs von allem, was man von auswärts bedarf. Der Speicher wird von zwei jungen Leuten verwaltet, und dort bekommt man, was man braucht, auf Grund von Anweisungen des Kuratoriums, welches darauf sehen muß, daß niemand mehr erhalte, als ihm gebührt. Gibt es eine Hochzeit, so weisen die Kuratoren dem Pärchen ein Haus und den gesamten Hausrat usw. an; stellt sich der Klappcrstorch ein, so wird eine neue Wiege bestellt, falls nicht gerade eine alte frei ist. Nach jedem Todesfall macht der Schreiner einen Sarg von der durch Bäumler eingeführten Form. Auf dem Grabe wird zu Häupten der Verstorbenen ein kleines Holzkreuz aufgestellt. Gegen- wärtig ist die kleine Gemeinde verhältnismäßig reich, denn ihre Ländereien, ihr Viehbestand und ihre Ersparnisse stellen einen samtwert von mehr als einer Million Dollar dar. Musik. Strauß'„Salome" ist Mittwochabend im königl. Opern- hause zu Berlin aufgeführt worden, nachdem Dresden, Nürnberg. München vorangegangen waren. Da es unserem Referenten un- möglich war, ein Billett zu erhalten— die Presse wird in diesem Musterinstitut systematisch ignoriert— bringen wir einen Bericht über die Aufführung, die kürzlich in München stattfand. Unser Miinchener Mitarbeiter schreibt: Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis: ein Münchener darf die Leser des„Vorwärts" über eine Oper orientieren, die in Berlin aufgeführt wird I„Salome", das seltsam schaurige Kind der Geistesehe zwischen Oskar Wilde und Rickmrd Strauß, bildet die Sensation für die seidene Plebs von Berlin WW., die das Perverse auf der Bühne mit Wollust aufsucht und die mit Blitzes- schnelle zwanzigfach die Hülsenschen„Bewerber"-Listen überzeichnet. Wo bleibt da Platz für die Presse, da ungesunde Raffgier sogar den Takt vergessen läßt, den Referenten die nötigsten Plätze zu reservieren(für gutes Geld versteht sich).— Nun, da ist's gut, daß hinter den Bergen auch noch Leute wohnen, in der„Provinz", wie schonungsvoll der Bewohner der Rcichsintelligenzzentrale sagt. Wir am grünen Strand der Isar sahen ebenfalls an königlicher Kunststätte vor kurzem die perverse Bestie um Menschenköpfe bauchtanzen. Ein einzig Mal zwar nur, denn die junge Sängerin der Salome wurde von dem andauernden Schreien, Pfauchen, Winimern, Stöhnen und Bellen, zu dem sie die Rolle zwingt, stark heiser und wird, gezwungen, ihr Organ weiter zu Unnienschlichem, Häßlichem. Unmusikalischem zu prostituieren, dauernd Schaden an ihrer Stimme nehmen. Der Mann, der da sagte:„Manche Stellen sind darin, die ich selbst nicht verstehe" und„Die Noten, Kinder, sind ganz egal, schreit nur recht, die Hauptsache macht das Orchester"— gemeint ist Dr. Richard Strauß, einst unsterblich schöner Lieder Schöpfer— sollte auch das „verdeckte Orchester" im Jntereffe der Sänger fordern. Der Geschäftsmann in ihm war so schlau, das nicht zu tun: Miß Salome durfte ja dann nur in Bayreuth und in München sich pro- duzieren! Und in Bayreuth herrscht der Gral und Abscheu vor der Sünde. Wenn man dort Tänzerinnen braucht, holt man Jsadora... Fidelio, Tristan, Salome! Das Hohe Lied keuscher auf- opfernder Gattenlicbe, das nächtliche, uneheliche Sentiment, die perverse Sinnenbrunst einer Halbjungfrau. Wie herrlich- weit haben wir's gebracht! Welche grauenhafte Entwickelungsperspektiven in einer so reinen Kunstsorm, wie die Oper ist I Und wie raffiniert sicher dieser auf der Höhe der Zeit stehende Strauß die komplizierte moderne Seele in ihren dunkelsten Instinkten getroffen hat, beweist der Siegeszug der„Salome", um die sich die internationalen Opern- bühncn jetzt schon raufen. Salome ist die Sinfonisierung der Oper, eine dramatische Sinfonie mit absoluter Vorherrschaft des Stinimung und nur Stimmung machenden Orchesters. Was in dieser orientalischen Nachtorgie, dieser rasenden Orchesterphantasie die Singstimmen zu tun haben, ist ganz überflüssig, mit Ausnahme vielleicht' des in breiter ekstatischer Lyrik sich ergehenden Propheten Jochanaan. Denn einmal wird die jähe Zickzacklinie des abgerissen skandierenden, naturalisti- schen Sprechgesanges ohne fixierte' Notenwerte von dem brüllenden Chorus von 120 Musikern(die mit Hörnern, Posaunen, Trompeten, endloser Geigenteilung, mörderischem Schlagzeug,„Heckelphon" und amerikanischem Stahlzungenklavier dreingehen) erbarmungslos ver- nichtet, andererseits läßt die Deutlichkeit des szenischen Bildes das vokale Element ganz vergessen. Es ist seltsam, wie in dieser dramatischen Sinfonie Strauß immer in zwei Zungen redet: naturalistisch und visionär, in der breiten Prophetie Jochanaans und aus den Schlammtiesen einer angefaulten hysterischen Weibnatur, im grotesken jüdischen Mauschelquintett und in den mystischen„sieben Enthüllungen" des Tanzes, den die Straußiancr„die getanzte Weltseele" nennen. Sticht im dramatischen, nur im rein-musikalischen liegt Salomes relativer Wert und Bedeutung. In der Gebietserweiterung des tondichterischen Impressionismus, in der Bereicherung des seelischen Sprachvermögens der Musik, die sich jetzt zum erstenmal unverhiillt ganz aufs Gebiet des Patholischen, der Hysterie, der Perversität, des Sadismus begiebt. Die Snobisten und andere Mitläufer unter den Zeitgenossen werden mit wollüstigem Hautschauder vor Salome stehen, nicht nur „Philister" sehen in diesen IVO Minuten Unmusik eine geniale Ver- irrung eines einzelnen und erwarten mit Bangen, daß die Gefolg- schaff' der Strauß-Affen nun Shaw, Huysmans, Strindberg und Wedekind komponiert wird. Impressionismus und Naturalismus der modernen Orchesterhexenmeister in allen Ehren, aber die Zukunft unserer Oper läuft weit weg von„Salome" und„Elektro" ins Ge- filde natürlicher Schönheit und heiterer Sinnlichkeit, zu Wolf-Ferrari und Verwandten. Und die musikalische Renaissance wird vielleicht wieder einmal über die Alpen zu uns kommen? m. Biologisches. Haben die Ameisen Intelligenz? In München hielten kürzlich fast gleichzeitig zwei hervorragende Ameisenforscher, die sich ihrem ganzen Denken nach konträr gegenüberstehen, Vor- träge über die Ameisen. Beide behandelten das„Seelenleben" diese? in biologischer Hinsicht höchst interessanten Tiere. In ihrem Endergebnisse wichen sie schließlich nicht einmal so sehr von ein- ander ab. Die beiden waren: der Jcsuitcnpatcr Wasmann und Professor Forel, der jetzt über das gleiche Thema in Berlin sprach. Einem Bericht der„Köln. Zeitg." über diese beiden Vorträge ent- nehmen wir folgendes: Während der Jesuitenpater Wasmann aus Luxemburg die Ameisen einerseits den höheren Säugetieren, ja sogar den menschen- ähnlichen Affen gleichstellt, wenn nicht überordnet und ihnen doch andererseits das, was wir Intelligenz nennen, abspricht, erachtet Professor Forel aus Zürich diese Tiere wegen ihres auf Grund von Gedankenassoziationen fein entwickelten Gedächtnisses, wegen ihrer wechselnden Gemütsstimmungen und allerlei Seelen- äutzerungcn, unter denen sogar ethisches Gefühl nicht fehlt, für zweifellos intelligent, aber doch als den höheren Säugetieren nicht gleichwertig. Wasmann will die Ameisen und die ihnen in geistiger Hinsicht gleichstehenden Termiten weder als Miniaturmenschlein noch als bloße Reflexmaschinen aufgefaßt wissen, sondern vertritt einen mittleren Standpunkt, demzufolge der Instinkt, der auch beim Menschen drei Viertel der anscheinenden geistigen Fähigkeiten aus- mache, auf einer Kombination der Vorstellungen, aber ohne jedes abstrakte Denken beruhe. Immerhin bedinge das beim Menschen übrig bleibende Viertel den grundlegenden Unterschied zwischen ihm und dem Tiere. Wasmann berief sich besonders auf den seinerzeit berühmt gewesenen„klugen Hans" von Berlin, der jede leiseste Bewegung, jeden Stimmungsausdruck seines Herrn äußerst fein und scharf beobachtet habe, ohne aber um deswillen des Lesens oder Rechnens kundig zu sein. Die Ameisen, die zur Tertiärzcit die höchstentwickelten Lebewesen der Erde gewesen seien, benutzen, indem sie sich der Larven als Weberschiffes bedienen, als die einzigen unter allen Tieren aus sich heraus ein echtes Werkzeug. Den menschenähnlichen Affen dagegen werde entsprechendes erst in der Gefangenschaft beigebracht. Die Zuhörer der beiden Vorträge empfingen den Eindruck, daß es sich im wesentlichen um einen Unterschied der Worte handelte. Denn während der gelehrte Jesuit die Ameisen zwar nicht für intelligent, aber auch nicht für Auto- maten hält, sprach der schweizerische Professor von einer automati- siertcn Intelligenz.— Notizen. — Die Berliner Sezession eröffnet am Freitag, den 7. Dezember, im Kunstsalon Paul Cassirer, Viktoriastr. 3ö, ihre Schwarz-Weiß-Ausstellung. Sie ist Sonntags von 10—6 und wochentags von 9—6 Uhr geöffnet. — Das Kind in Dichtung, Musik und bildender K u n st ist das Thema eines Vortragsabends, den der Verein zur Förderung der Kunst am 7. d. M., abends 8'/» Uhr, im Bürgersaale des Rathauses veranstaltet. Eine Ausstellung vvn Kinderbüchern und Spielzeug ist damit verbunden. —„Erziehung", ein einaktiges Erziehungsdrama von F r a p i ö und Garnier fand bei der Uraufführung im Frank- f u r t e r Schauspielhaus geteilte Aufnahme. — Im Breslauer Stadttheater erzielte Graf Gcza Z i ch y S Oper„Nemo", die sich als reich an magyarischen Melodien erwies, starken Eindruck. — Ein neues Werk Nansens. Fridtjof Nansen, der gegenwärtig als Gesandter sein Vaterland in London vertritt, arbeitet zurzeit an einem Werke, das den gegenwärtigen Stand der Polarforschung unter Verwertung des durch die letzten Expeditionen gewonnenen Materials erschöpfend darstellen soll. Seine Grund- anschauungen, die in dem Buche ausführlich begründet sein werden, hat er in einer Abhandlung niedergelegt, die er der Londoner könig- lichen Geographischen Gesellschaft vorlegen wird. Verantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagZsnstaltPaul Singcr�Co., Berlin ZW,