Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 237. Freitag, den 7. Dezember. 1S0L � Der Sumpf. Roman von Up to n Sinclair. Autorisierte Ucbcrsetzung. Diu ungeheures Eranitgebäude ragte vor ihnen empor: es war weit von der Straße zurückgelegt und nahm einen ganzen Block ein. Beim Schein der Rampenlaterne konnte Jurgis sehen, daß es Türme und Giebel hatte, wie ein feudales Schloß. Er dachte, daß der junge Mensch sich geirrt haben müsse. Aber er folgte ihm schweigend, und sie gingen Arm in Arm die hohe Treppe hinauf. „Da iS' irntwo'n Knopf, aller Knabe." sagte Master -Freddie.„Halt mich am Arm fest, derweil ich'n suche. Ruhig— wart' mal— ach ja, daisserschon. Gerettet!" Es klingelte, und nach wenigen Sekunden wurde die Haustür geöffnet. Ein Mann in blauer Livree hielt sie auf junb starrte stumm wie eine Bildsäule geradeaus. Sie standen -einen Augenblick blinzelnd im Licht. Dann zerrte der junge Mann Jurgis vorwärts, sie traten ein. und der blaue Automat schloß die Tür hinter ihnen. Jurgis hatte heftiges Herz- -klopfen. Tie Stelle, wo sie standen, war schwach erleuchtet; aber er blickte in eine ungeheure Halle hinein, deren Säulen «oben in der Dunkelheit verschwanden, während sie am jen- Zeitigen Ende in eine gewaltige Treppe überging. Der Fuß- .'boden aus Marmormosaik war spiegelblank, und von den -Wänden lösten sich seltsame Gestalten ab. umhüllt von riesigen -Portieren in satten, harmonischen Farben; auch Bilder -schimmerten auf wunderbare Weise aus dem Dämmerlicht Hervor. Der Mann in Livree ivar schweigend auf sie zu ge- .kommen. Master Freddie nahm den Hut ab und reichte ihn -ihm; dann ließ er Jurgis' Arm loS und versuchte, aus seinem .Ucberzieher herauszukommen. Stach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es mit Hülse des Lakaien. Währenddessen war ein anderer Mann erschienen, eine große stattliche Per- sönlichkcit mit unsagbar feierlicher Miene. Er ging direkt auf Jurgis zu. der ängstlich zurückwich. Er packte ihn ohne weiteres beim Arm und schleppte ihn auf die Tür zu. Da er- scholl plötzlich Freddies Stimme:„Haniilton, mein Freund wird bei mir bleiben."— Ter Mann blieb stehen und ließ Jurgis' Arm fahren.„Komm nur mit, aller Llnabe," sagte der andere, und Jurgis schickte sich an. ihm entgegenzugehen. -—„Master Frederick!" rief der Mann aus.—„Sorgen Sie dafür, daßse Droschke'ezahlt wird," versehte der andere, indem er Jurgis einhakte. Ter große Mann in llnifonu gab dem anderen einen Wink, und dieser ging hinaus, während er seinem jungen Herrn und Jurgis folgte. Sie gingen durch die ungeheure Halle hindurch und wandten sich dann nach links. Zwei riesige Türen lagen vor ihnen. Der Mann rollte sie auseinander. Das Auge verlor sich in einem großen dunklen Raum.„Licht!" kommandierte Master Freddie; der Haushofmeister drückte auf einen Knopf, -und sofort strömte ein strahlendes weißes Licht von oben herab und blendete Jurgis fast. Er starrte verwundert um sich, und ganz allmählich wurde ihm klar, daß er sich in einem -großen Saal befand, von dessen gewölbter Decke das Licht herabflutrte, während die Wände mit riesigen Gemälden be- deckt waren. Tann wanderten seine Blicke zu dem langen Tisch -hinüber, der mitten im Saal stand, schwarz wie Ebenholz und schimmernd von Gold und Silber. In seiner Mitte stand eine ungeheure getriebne Schale mit schimmernden Farnkräutern und seltenen roten und purpurnen Orchideen, die von einem in ihrer Mitte verborgenen Licht erglühten. „Das ist das Eßzimmer," bemerkte Master Freddie. „Wie gefällt es Dir, he, alter Knabe?"— Er bestand jedesmal darauf, eine Antwort auf seine Fragen zu bekommen, indem er sich an Jurgis anlehnte und zu ihm einporlächelte. Es gefiel Jurgis sehr gut.—„Aber'n verwünscht ungemüt- liches Lokal, um ganz allein drin zu futtern," sagte Freddie. Dann fiel ihm etwas anderes ein, und er fuhr ohne sich zu unterbrechen fort:„V'leich haste noch nie— hick— so'was -gesehen? Was, alter Kerl?"—„Nein," sagte Jurgis.— „Komms v'leich vom Lande, was?" „Ja," sagte Jurgis.—„Aha! Dachtichmir! Masse Leute vom Lande haben so'was noch nichesehen. Mein Alter läßt sie'rein— ganz umsonst— gerade wie'n Zirkus! Geh'nnachhause und— hick— erzählen den Menschen davon. Haus vom alten Jonas— Jonas, dem Packherrn— Fleisch- trust— Mann.— Verdammte alte Schurken! Schon je von Jonas gehört, alter Knabe,— vonnem großen Packherrn Jonas?" Jurgis war unwillkürlich zusammengefahren. Der andere, dessen scharfen Augen nichts entging, fragte sofort: „Washastedenn, was? Schon vonim gehört?"— llnd- Jurgis stammelte mühsam:„Ich habe auf seinen Schlachthöfen gearbeitet." „Was?" schrie Master Freddie, indem er eine Art Juchzer ausstieß:„Du? Auf den Schlachthöfen? Ho, ho! Na, das mußte sagen, dassis gut! Ich muß Dir die Hand schütteln, alter Knabe. Schade, daß mein Alter nichabei is. Sehr gut Freund mitten Leuten, mein Alter— Arbeit im' Kapital, gemeinschaft'ge Jnt'rcssen unallsowas. Hamilton. ich muß Dich bekannt machen— Freunderfamilie— arbeitet aufm Schlachthof. Jssekommen, ummen Abend bei mir zu- zubringen, Hamilton,— woll'u mal orntlichen Humpen schwingen. Mein Freund, Master— wieistedcnn, alter Knabe?"—„Rudkus— Jurgis Rudkus."—„Mein Freund, Master Rudnose, Hamilton— gibbimdehand." Der hochmütige Haushofmeister neigte den Kopf, ohne etwas zu sagen; und plötzlich zeigte Freddie eifrig mit dem Finger auf ihn.„Ich weiß, wasihnsehlt, Hamilton. Sie glauben— hick— Sie denken, daß ich betrunken, was?"— Und der Haushofmeister beugte wieder das Haupt.„Ja, Sir," sagte er, worauf Master Freddie sich noch fester an Jurgis' Hals klammerte und in lautes Gelächter ausbrach. „Hamilton, Sie verwünschter alter Racker," brüllte er, „ich Werse wegen Frechheit außcm Diens jagen.— warraftig, das werrichtun! Ho, ho, ho!"— Die anderen beiden warteten, bis er sich beruhigt hatte, um zu sehen, was ihzn denn für ein Einfall kommen werde.„Was wollense denn nun tun? Wiste, daß ich Dich im Haus'rumführe, sowie mein Alter,—■ un' Dir alles zeige? Salon Louis ftängs— Louis Säß— Stühle für dreitausendas Stück. Ballsaal— Galeriesäulen aus— hick— besond'res Schiff'rüber- gekominen— achtnndscchzigtausend! Plafond in Rom gemalt. Un' denn diese Stube— Silberschale— Benvento Cellini— verdrehte alte Chose! Uunie Orgel— drcißigtausen' Dollar, mein Junge laßt mal spielen, Hamilton. Nein, lasicnsenur — Hab' ja ganz vergessen— sagtcrhat Hunger, Hamilton— lassense uns'n bißchen Abendbrot servieren. Aber— hick— nichierunten— komm mit nach oben, alter Freund. Hainil- ton, wir woll'n allerand Kaltes hab'n— un' Sekt— das- semernich'n Sek' vergessen! Und'n bißchen vonnem Achzehndollar-Madeira. Hörensemoll, Sie?" „Ja, Sir," sagte der Haushofmeister,„aber Master Aredcrick, Ihr Vater hat befohlen—"—> Aber Master Frederick richtete sich zu seiner ganzen stattlichen Länge auf. „Mein Vater hat mir seine Befehle— hick— gegeben, uunich Ihnen," sagte er. Tann klammerte er sich fest an Jurgis' Nacken und taumelte aus dem Zimmer hinaus. Sie gingen Stufe für Stufe die große Treppe hinauf; oben schimmerte ihnen aus dem Dämmerlicht eine am Brunnen kauernde Nymphe entgegen.— eine entzückende Gestalt, deren Fleisch warm und zart wie das Leben aussah. Sie standen jeht in einer gewölbten Halle, auf welche eine Anzahl von Türen mündete. Ter Haushofmeister war ihnen gefolgt; jetzt drückte er auf einen Knopf, und sofort erstrahlte die Halle in blendendem Licht. Er öffnete eine Tür und drückte aber- mals auf einen Knopf, als sie ins Zimmer hincinstolpcrten. Dieser Raum war als Studierzimmer eingerichtet. In der Mitte stand ein Mahagonitisch, der mit Büchern und Rauch- utensiilien bedeckt war; die Wände waren mit Nniversitäts- trophäen dekoriert. Eine Ecke war auf Persische Manier ein- gerichtet, mit einem ungeheuren Baldachin und einer juwelen- besetzten Ampel darunter. Eine offenstehende Tür führte zu einem Schlafzimmer, und dahinter befand sich ein Schwimm- bassin aus edelstem Marmor, das etwa vierzigtausend Dollar gekostet hatte.. �, Master Freddie blieb einen Augenblick stehen und sah sich um; da kam aus dem Nebenzimmer ein Hund heraus, eine riesige Bulldogge, das scheußlichste Geschöpf, das Jurgis je vor Allgen gekommen war.„Hallo, Dcwey!" rief sein Herr.„Hasten bisse! geschlafen, alter Junge? Na, na— hallo, was isenun los?"(Ter Hund kurrte Jurgis an.) „Aber Tewel), das is ja mein Freund Mr. Rednofe— alter Jrennd von Papa—!"— Master Freddie sank in cineii der behaglichen Lehnsessel, und der Hund kroch darunter: er knurrte nicht wieder, aber er verwandte kein Auge von Jurgis. Er war vollkommen nüchtern, der Admiral! Der Haushofmeister hatte die Tür geschlossen und stand daileben, indem er jede Bewegung beobachtete, die Jurgis »lachte. Jetzt nahten dralchen Schritte, und als er die Tür öffnete, erschien ein Lakai mit einem Klapptisch, gefolgt von gwei Leuten mit zugedeckten Tabletts. Tie standen wie Bildsäulen, während der erstbre den Tisch deckte und de» Inhalt der Tabletts darauf zurechtstellte. Da gab es kalte Pasteten lmd dünne Scheiben Fleisch, winzige Butterbröte, von denen man die Rinden entfernt hatte, eine Schüssel mit zerteiltem Pfirsich und Sahne(im Januar), allerlei kleine Kuchen, und ein halbes Dutzend geeister Weinflaschen. „Dapis was für Dich!" rief Master Freddie triumphic- rend, als er die Flaschen erblickte,„kommeran, alter Knabe, kommeran!"— Er setzte sich an den Tisch; der Ticner zog eine Flasche aus, lind er nahm sie und schenkte sich rasch hinter- einander drei Gläser voll ein. die er auf einen Zug hinunter- stürzte. Dann atmete er tief ans und rief Jurgis nochmals zu, er möge heranrücken. Master Freddie bemerkte, daß die Dienstboten ihn in Verlegenheit setzten, und nickte ihnen zu.„Sie können gehen," sagte er. Sie gingen alle, bis auf den Haushofmeister.—„Sie können auch gehen, Hamilton," sagte er.—„Master Frederick ■—" begann dieser.-—„Gehen Sic!" rief der junge Mensch zornig.„Zum Doimerlvetter, können Sie nicht hören?" Der Mann ging hinaus und machte die Tür zu. Master Frederick wandte sich wieder zum Tische zurück.„Run also los!" sagte er.— Jurgis blickte ihn zweifelnd an.„Los!" rief der andere.„Zeig', Waste kannst." So fing Jurgis denn an, ohne sich weiter zu zierem Er aß wie mit zwei Schaufeln, sein Messer in der einen und seine Gabel in der anderen Hand: als er einmal begonnen hatte, überwältigte ihn sein Heißhunger lind er hielt nicht innc und hörte nicht auf, bis er alle Teller geleert halte.„Donner- Wetter!" sagte der andere, der voller Verwunderung zugesehen hatte. Dann reichte er Jurgis die Flasche hinüber.„Nun laß mal sehen, was Tu trinken kannst," sagte er; und Jurgis nahm die Flasche und setzte sie an die Lippen, und ein seit- sames, unirdisches, flüssiges Entzücken rann in seinen Hals hinein. Prickelte jeden Nerv und erfüllte ihn mit Wonne. Er trank die Flasche bis auf den letzten Tropfen ans, und dann stieß er ein langgedehntes„A— h!" aus. „Guter Stoff, was?" sagte Freddie verständnisvoll: er hatte sich in seinem großen Sessel zurückgelehnt, schob den Arm unter den Kopf und starrte Jurgis an. Und Jurgis starrte ihn an. Er tnig einen tadellosen Frackanzug, unser Freddie, und sah außerordentlich hübsch aus. Er lächelte Jurgis vertrauensvoll an und begann dann wieder weiter;» plmidern. Diesmal redete er ohne aufzuhören zehn Minuten lang, und im Laufe seiner Reden erzählte er Jurgis seine ganze Familiengeschichte. Sein großer Bruder Charles war in die harmlose Maid verliebt, die im„Kalif von Kamtschatka" die Rolle der„Kleinen Sternäugiqen" gab. Er war im Bc- griff gewesen, sie auf der Stelle zu heiraten, aber der„Alte" hatte geschworen, ihn zu enterben, und hatte ihm eine Summe geschenkt, die jeden Meckschcn geradezu erschüttern mußte, und das hatte selbst der„Kleinen Sternäugigen" Tugend er- fchüttcrk. Nun hatte Charlie Universitätsfcrien und befand sich im Automobil auf einer Reise, die fast ganz dasselbe war wie eine Hochzeitsreise. Ter„Alte" hatte auch gedroht, noch eins seiner Kinder zu enterben, seine Tochter Gwendolen, die einen italienischen Marchese mit einer ganzen Schnur von Titeln und einem Duellrctörd geheiratet hatte. Sie lebten auf einem Schloß, oder vielmehr sie hatten da gelebt, bis er angefangen hatte, die Frühstücksschüsseln nach ihr zu werfen; dann hatte sie per Kabel um Hülfe gerufen, und der alte Herr war hinübergefahren, um sich nach den Bedingungen Seiner Gnaden zu erkundigen. Und so kam es, daß Freddie ganz allein geblieben war. und das mit kaum zweitausend Dollar in der Tasche! Freddie war empört und war keines- Wegs geneigt, so mit sich spaßen zu lassen. So schwatzte der vergnügte Jüngling inimer weiter, bis er ganz müde wurde. Er lächelte Jurgis noch einmal freund- lich a» und schloß dann schläfrig die Augen. Wohl fünf Minuten lang blieb Jurgis regungslos sitzen, indem er ihn anstarrte. Einmal rührte er sich und sofort knurrte der Hund; von da an ivagte er kaum mehr zu atmen,— bis nach einiger Zeit die Tür ging und der Haushofmeister leise hereinkam. Er ging auf den Fußspitzen auf Jurgis zu und schnitt ein grimmiges Gesicht; und Jurgis stand aus und wich zurück, ebenfalls mit grimmiger Miene. So gelangte er bis an die Wand, und dann trat der Haushofmeister ganz nahe an ihn heran und deutete auf die Tür.„'raus mit Ihnen!" flüsterte er. Jurgis schwankte und warf einen Blick auf Freddie, der leise schnarchte.„Wenn Sie's tu», Sie Hunde- söhn, Sie." zischelte der Haushosmeister,„dann schlag' ich Ihnen das Gesicht zu Brei, eh' Sie ans dem Hause kommen!" Und Jurgis schwankte nur noch einen Moment. Ersah„Admiral Dewey" hinter dem Manne heranschleichen und leise knurren, um die Drohungen zu unterstützen. Da gab er nach und ging ans die Tür zu. Sic gingen lautlos hinaus. An der Haustür machte er Halt, und der Haushofmeister kam mit langen Schriltcn ans ihn zu.„Hände in die Höhe!" herrschte er ihn an. Jurgis trat einen Schritt zurijck und ballte seine eine gesunde Faust.„Wozu?" rief er; und dann begriff er, daß der Mensch seine Taschen durchsuchen wollte, und sagte:„Der Teufel soll Sie holen, eh' ich das tue!" „Wollen Sie ins Gefängnis?" fragte der Haushofmeister in drohendem Tone.„Ich werde die Polizei—"—„Holen Sie meinetwegen die Polizei!" brüllte Jurgis in wilder Wut.„Ich habe nichts angerührt in diesem verdammten Hause, und ich dulde nicht, daß Sie mich anrühren!"— Da ging der Haushofmeister, der in Todesangst war, daß sein junger Herr erwachen werde, rasch ans die Haustür zu und riß sie auf.„'raus mit Ihnen!" sagte er. und dann, als Jurgis hindurchging, versetzte er ihm einen heftigen Fußstoß, so daß er im Laufschritt die Stufen hinunterflog und uiite» im Schnee liegen blieb. 25. Jurgis erhob sich, außer sich vor Wut; aber die Tür war geschlossen, und der große Palast>var dunkel und unein- nehmbar. Tann spürte er den eisigen Wind und eilte mit raschen schritten von dannen. Als er wieder still stand, ge- schah es, weil er sich wieder in belebteren Straßen befand und keine Aufmerksamkeit zu erregen wünschte. Trotz der letzten Temüligung klopfte ihm das Herz vor Triumph. Er hatte doch gewonnen bei dem Spiel. Von Zeit zu Zeit fuhr er mit der Hand in die Tasche, um sich zu überzeugen, daß der Hnndcrldollarschein noch da war. Er war aber doch in einer üblen Lage. Jurgis ging eine halbe Stunde umher und dachte nach. Den Schein in einem Logierhaus wechseln zu lassen, hätte sein Leben in Gefahr gebracht,— er wäre sicher- lich noch in derselben Nacht beraubt oder wohl gar ermordet worden. Er konnte in ein Hotel oder aus irgend einen Bahn- Hof gehen lind den Schein wechseln lassen, aber was würden die Leute denken, wenn ein Bummler wie er mit einem Hundertdollarschein ankäme? Er wäre sicherlich verhaftet worden; und was für eine Geschichte sollte er dann erzählen? Die einzige andere Möglichkeit, die er sich ausdenken konnte, bestand darin, daß er sein Glück in einem Schanklokal ver- suchte. Er konnte ja damit bezahlen, um es gewechselt zu bekommem Er fang an, im Vorübergehen in die Lokale hineinzu spähen; er ging bei mehreren vorbei, weil sie zu voll von Menschen waren,— schließlich, als er eins entdeckte, in dem sich der Answärtcr gerade ganz allein befand, ballte er in Plöhlicher Entschlossenheit die Hände und ging hinein. „Können Sie mir einen Hundcrtdollarschein wechseln?" fragte er. Ter Aufwärter war ein großer, heiserer Mensch mit dem Unterkiefer eines Preiskämpfers und einem drei- wöchentlichen Stoppelbart.„Wo haben Sie den her?" fragte er ungläubig.—„Das kann Ihnen ganz egal sein," ver- setzte Jurgis.„Ich habe ihn und möchte ihn gewechselt haben. Ich will Sie gern dafür bezahlen."— Der andere starrte ihn prüfend an.„Zeigen Sie'n'mal her!" sagte er. Da kam Jurgis langsam und vorsichtig auf ihn zu; er nahm den Schein heraus und hielt ihn unschlüssig in der Hand, während der andere ihn über den Schenktisch herüber mit feindseligen Augen anstarrte. Schließlich reichte er ihn hinüber. Der andere nahm ihn und betrachtete ihn aufmerksam. „Hm," scigte er schließlich, indem er den Fremden einsah und in Gedanken abschätzte,— ein zerlumpter, übelriechender Vagabund, ohne Mantel, und mit einem Arm in der Binde — und ein Hnndertdollarschein!„Wollen Sie etwas kaufen?" fragte er endlich. tFortsetzung folgt.) Vom„Keiligen" Krieg in Deutfcb- Hfrika. Von E r n st K r e o w s k i. G u st a v F r en ss e n hat sich nach dem aichergewöhnlichcn Erfolg feiner Romane„Jörn Uhl" und„Hilligenlei" einen neuen Tummelplatz fiir sein dichterisches Schildcrungstalent erwählt. Es ist Südwcst-Afrika und der Guerillakrieg, den dort deutsche Truppen auf Kosten des Volkes seit mehreren Jahren zu fuhren gezwungen sind. Man mutz sagen, dah kann, ei» anderes Thema so„zeitgeinäst" ist, als dieses. Mit dem gleichen Recht lägt sich freilich auch behaupten, datz kein anderes Problem für die dichterische Behandlung so heikel ist. Denn m» all jene kriegerischen Ereignisse poetisch eilizufangen, war die denkbar zarteste Rücksicht gegen jegliche staats- politische Einsichtslosigkeiten zu üben, denen wir das ganze jämmerliche Schauspiel aus afrikanischem Boden verdanken. Wie leicht konnte da der Dichter Indiskretionen begehen und zu Fall geraten! Dann war all sein papierner Ruhm bei den„oberen Zehntausend" verwirkt. Oder aber, er beging eine panegyrische Schönfärberei, um der herrschenden Klasse zu schmeicheln— dann brachte er sich unfehlbar um jedweden Kredit bei der geistig und politisch aufgeklärten Mehrheit des Volkes. Nun, Gustav Frenssen hat beide Klippen zu meiden gewutzt. Als theologisch geschulter Dialektiker— und als klug abwägender Poet. Das Motto aus der Odyssee: „Grolle dem Sänger doch nicht, datz er singt von dem Leid der Achäcr! Solchem Liebe ja geben den Preis vor andern die Menschen, Welches, die Hörer umschwebend, das jüngst Gcschch'ne ver- kündet." erklärt, warum„Peter Moors Fahrt nach Südwest" sBerlin. G. Grotesche Verlagsbuchhandlung 1906. Geheftet 2 M., geb. 3 M.) geschrieben wurde. Frenssen lätzt einen holsteinischen Schinicdcgesellen als dreijährigen Freiwilligen zum Seebataillon und dann im Anfang seines zweiten DienstjahreS als freiwilligen Kolonialsoldaten mit nach dem südwestafrikanischen Kriegsschauplätze gehen. Was solch ein simpler Schutztruppler von ausgewecktem Sinn und einiger Intelligenz dort vernimmt und erlebt, schildert hier nun Peter Moor durch den Mund des Dichters, mit deni er gleichsam zu einer Person vertvachsen ist.„Ein FeldzugSbcricht" soll es sein: einfach, sonder Amiiatzimg, aber auch ohne Schminke und Parteilich- keu— nichts mehr. Peter Moor war, bis er Soldat wurde, Arbeiter in der Werkstatt seines Vaters gewesen. Daneben ging er abends in die Gewerbeschule und bekam auch ztveinial einen ersten Preis. Im übrigen besitzt er Augen, die klar in die Welt sehen, Ohren, die hören, und leidet nicht an Befangenheit. In ihm ist kaum ein Funke Abenteuerlichkeit. Er geht nach Afrika mit, um fremde Länder und Menschen zu sehen. Natürlich macht er sich exotische Vorstellungen, wie ja andere anch, träumt von Palmenwäldern, Löwen, Asten- Herden, Antilopenrudeln und dergleichen. Die mehrwöchige See- fahrt ermüdet ihn nicht. Voll Bewmidcrmig sieht er Niesendainpser und Dreimaster vorbeisausen. Bei Kap Teneriffa bestaunt er „das Wunder, das Gott hier mitten ins weite Wasser und unter die brennende Sonne gestellt" hat, mit ergriffenem Gemüt.„Es ist ein Wunder, wie grotz die Welt ist", und was doch die Menschen für Kraft und harten Willen in sich haben,„datz sie so in die Ferne fahren und dort leben, handeln, forschen und herrschen lvollen", bekennt Peter Moor naiv. Und so geht es lveiter einen Tag imi den andei-rn, eine Woche um die andere. Aber auch auf Schiff beobachtet er alle Vorgänge und Erscheinungeii ganz genau. Jemehr man südlich kommt, desto unerträglicher enipsindet man das heitze Klima. Als daS Endziel noch immer in weiter Ferne bleibt, werden die jungen Krieger ungeduldig. Ei, wenn der Feldzug schon zn Ende, bevor sie landen? Schließlich kommt Swakopmund in Sicht.„Gegen Mittag wich der Nebel und wir sahen ani Himmelsrande einige grotze Dampfer liegen, und dahinter einen endlosen Streifen röilichweitzer Sanddüne ans dem Meere heraus- ragen." Die erste Enttäuschung!„Da standen alle und staunten und sprachen ihre Meinung aus. Viele sahen still und ernst noch dem ungastlichen, öden Lande: andere spotteten und sagten:„Eines solchen Landes wegen so weit zu fahren l" Dann kam die Aus- bootung der Mannschaft. Kein Enipfang, kein Mensch dort, der nur eineii freundlichen Grutz, geschweige denn Freude geäutzert hätte, eher sah nian gleichgültige, ja spöttische Mienen. Zweite Eni- täuschung. Nun ging's per Bahn— ach und was für ein primitives Ding!— landeinwärts. Stundenlang immer bergan, und„nichts da, als weitzgelbe Sanddünen".... Nach etwa öv Kilometer Ent- fernung voni Meere änderte sich das LandschaftSbild.„Dicht vor uns stand ein ungeheures, schrecklich wildes Gebirge." Welche Zer- klüfttmg, und welche Nacktheit l„Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm und kein Tier." Und durch diese Wildnis stihr man noch die nächste Nacht durch bis in den folgenden Nach- mittag hinein— mit schutzbereitem Gewehr. Der Hunger stellte sich ein. die Brotrationen waren schon ausgegangen.„Aber viel schlimmer als der Hunger war der Durst." Und gerade er ist ja der stete Begleiter der Afrikander I Furchtbareres gibt's nicht, als ihn. Nirgends sprudelnde Wasserquellen. Höchstens hier und da, aber oft mehrere Tagereisen entfernt, kleine Wasserlachen mit«ngenietzbarer Flüssigkeit angefüllt. Endlich war man ans den: unwirtlichen Gebirge heraus. Nun würden doch die Palmenwälder kommen— so hoffte man. Aber nichts kam, als eine sandige Hochebene mit grobem gelblichem trockenem Grase, und darin„standen dornige Büsche, bald lichter, bald dicher, anfangs nur mannshoch, dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, datz sie mit den Kronen aneinander stietzen". Aber weit dahinter stachen vereinzelte hohe Bergkegel aus der sandigen Hoch- ebene empor— doch keine Wälder und keine Seen. Nichts. Alles nur Phantasie- und Ncbelbilder. Mittlerweile bewegte man sich aber schon in der Feldzugszone. Da ein Grab gefallener deutscher Matrosen, dort zerstörte Farmen, Bahnhofsgebäulichkeiten. Und was nian von schweren Gefechten, schweren Verlusten, aber auch von der„Grausamkeit" der Schwarzen, die gut schössen nnt guten Gewehren, welche sie von deutschen und englischen Händlern ge- kauft, oder die sie„unseren Magazinen oder unseren Toten abgenommen"— zu hören bekam, war wahrlich nicht cnnutigend. Es sollte noch viel, viel schlimmer kommen— im Felde. Ist's nicht schon furchtbar, gegen einen Feind kämpfen zu muffen, dessen nian nie und nirgends habhaft werden kann, der unversehens ans Dornen- gestrüpp oder hoch aus dem Geäste die Kameraden niederknallt, oder sich nachts katzenartig leise und rasch in die Nähe des Lagers schleicht, oder hinter unerllinimbaren Felsen lauert...? Dazu noch die iurchtbarsten Feinde: entsetzliche Hitze am Tage, erstarrende Kälte in den Nächten, quälender Hunger, peinigender Durst. Nirgends Wasser — es wären denn salzige Lachen! Und dann die Strapazen auf den Märschen durch stachliches Dornengestrüpp oder nieilcnweite öde Wüstenei. Kein Wegweiser als die brennende Sonne. Kein Laut menschlichen Lebens. Nur kreischende Geier in den Lüften und keckernde Schakale, die auf Beute warten. Und dann zum Ueberflutz mordende Krankheiten: Fieber, Ruhr, Unterleibs- typhus, ja:„vorne im Leib den Typhus und hinten die Ruhr"... datz man den Verstand verliert. Und bei dem allem blotz die eine Tröstung, datz dies namenlos schreckliche Elend dort alle gleichmacht, Offiziere, Acrzte wie Soldaten, datz jeder„in- wendig krank und voll von wirren Gesichten" ist. Aber man be- wachte sich die, die nach Afrika hinlaufen, ein bihchen näher. Warum hatten sie diese Elendstragödie, von der sie allerdings, so lange sie in der deutschen Heimat waren, nichts wutzten, auf sich genommen? Die einen wurden von Ehrgeiz getrieben, weil sie hofften, in Afrika rasch Karriere zu machen. Andere spekulierten auf Geldgewinn aus der Kriegslöhiumg; viele waren mitgegangen aus Lust an Aben- tcuern, oder,„um auf ReichSkosten ein Stück der weiten Welt zu sehen", oder aus Prahlsucht, oder, weil sie daheim Schulden, Lumperei wenn nicht gar schwere Vergehen auf dem Kerb- holz gehabt. Das betraf besonders jene, die einst Offiziere gewesen, nun gemeine Soldaten waren. Lauter k a t i l i n a r i s ch e Existenzen! Hier auf afrikanischem Boden hofften sie durch heldische„Taten" ihren defekten Ehrenschild zu flicken, wieder zum Ofsizicrsdegcn und zu einer ihrer vermeint- lichen Bildung— die doch meistens nur trügischer Schein und Schminke ist— angemessenen sozialen Position zu gelangen. Ehr- liche Kerle sonst— aber doch Entgleiste, gerade gut genug, um von den Schwarzen niedergeknallt zu werden. Was wollte man von den Eingeborenen? Hatten sie etloas getan? Allerdings, ein paar Blutsauger und Erzgauner von deutscher Abstammung hatten sie totgeschlagen— sonst nichts. Und das war die Ursache des langwierigen Kolonialkrieges, der schon eine Milliarde ver- schlungen hat, noch eine zweite kosten wird, ohne datz das deutsche Volk— trotz Herrn Dcrnburgs rednerischer Beteuerungen im Reichs- tag und gleitzncrisch- rechnerischer Jongleurstückchen!— jemals den geringsten Nutzen haben wird. Waren die Schwarzen nicht Eigentümer des Landes?„Kinder"— so lätzt Frenssen einen alte» Afrikander sagen—„wie sollte es anders kommen? Sie waren Viehzüchter und Besitzer, und wir waren dabei, sie zu land- losen Arbeitern zu machen: da empörten sie sich, tsie taten dasselbe, was Norddeutschland 1813 tat. Das ist ihr Besreiungs- kanipf."„Aber die Grausamkeit?" sagte ein anderer. Aber der erste sagte gleichmütig:„Glaubst Du, datz es ohne Grausamkeit abginge, wenn bei unS das ganze Volk gegen fremde Unterd r u ck e r aufstände? Und sind wir nicht grausam gegen sie?" Aber es stand und steht so: Die Missionare predigen von Bruder- liebe und sonst schönen Dingen, die nichts kosten; und die ein- gewanderten Farmer, alte Soldaten und Händler nehmen den Schwarzen Hab und Gut. Deutschland hat sich unsterblich blamiert. „Die Deutschen, meint ein alter Frachtfahrcr, seien wohl branchbare Sol- baten und Farmer, aber von der Verwaltung der Kolonie» ver» ständen sie nichts. ES wäre besser, wenn sie die Kolonien an dib Engländer verkauften". Wir haben kein Recht, ein Volk zu ver- Nichten, blotz weil es„keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben" hat, oder„weil wir die Edleren, Frischeren. Vorwärts- sirebenden" sind. Aber wie lätzt da Frenssen den Wkilitärpfarrer zu den Schntztrupplern reden I„Ein Naturvolk habe sich gegen die O b r i g! e i t erhoben, die Gott ihm gesetzt hätte: dazu habe es sich mit entsetzlichen Morden befleckt. Da hätte die Obrigkeit unS