Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 239. Dienstag, den 11. Dezember. 1006 501 Der Sumpf, Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Vor einem Monat tvar Jurgis um ein Haar auf den Strafzen verhungert: und jetzt war er plötzlich wie durch Besitz eines Zauberschlüssels in eine Welt eingetreten, wo Geld und alle guten Dinge der Welt im Ilebersluß zu haben waren. Er wurde durch seinen Freund mit einem gewissen„Buck" Halloran bekannt gemacht, einem Irländer, der politischer „Vermittler" war und mit allen Dingen gut Bescheid wußte. Dieser Mensch teilte ihm mit, daß er eine Idee habe, wie ein Mensch, der wie ein Arbeiter aussähe, auf die einfachste Weise der Welt zu Gelde kommen könne: doch sei es eine Privat- fache, die ganz geheim gehalten werden müsse. Jurgis er- klärte sich bereit, und der andere führte ihn am Nachmittag (es war an einem Sonnabend) zu einer Stelle hin, wo städtische Arbeiter abgelohnt wurden. Ter Zahlmeister saß iii einer kleinen Bude, mit einem Haufen von Kuverts vor sich, und zwei Polizisten neben sich. Jurgis ging heran und handelte seiner Instruktion gemäß, gab den Namen„Michael O'Flaherty" an und erhielt ein Kuvert, das er an Halloran auslieferte, der in einem benachbarten Bierhaus auf ihn wartete. Dann ging er wieder hin und gab den Namen Johann Schmidt an, und zum drittenmal, indem er sich „Sergius Rcminitzky" nannte. Halloran hatte eine ganze Liste von Figuranten, und Jurgis bekam für jeden ein Kuvert. Für diese Arbeit bekam er fünf Dollar und die Zu- sicherung, daß er sich das jeden Sonnabend verdienen könne, so lange er den Mund halte. Diese Bekanntschaft gereichte ihm auch in anderer Weise zum Vorteil: er kam nach einiger Zeit dahinter, was das Wort„Einfluß" zu bedeuten hat. Eines Abends fand in einem der erstklassigen Prostitutionshäuscr der Clarkstraße ein großer Ball statt. Dieser Ball wurde in einem großen Tanzsaal abgehalten, und zwar>?ar dies eine von den Gelegen- heiten, bei denen die Ausschweifungen der großen Stadt sich zur Naserei steigerten. Jurgis war dabei, betrank sich bis zur Sinnlosigkeit und geriet über ein Mädchen in Streit; sein Arm war mittlerweile wieder hiisch stark geworden, und er begann das Lokal zu„säubern" und endete in einer Zelle der Polizcistation. Da diese gedrängt voll von Menschen war, so fühlte sich Jurgis nicht geneigt, seinen Rausch dort auszu- schlafen, und er schickte nach Halloran. der den Tistriktspartei- führer anrief und Jurgis um vier Uhr» morgens gegen Bürg- schaft auf telephonischem Wege aus der Zelle befreite. Als er ain nächsten Morgen vor Gericht erschien, hatte der Distriktsanführer den Schreiber bereits gesprochen und ihm mitgeteilt, daß Jurgis Rudkus ein anständiger Mensch sei, der nur indiskret gewesen sei; so wurde Jurgis denn nur zu einer Strafe von zehn Dollar verurteilt, und diese Strafe wurde suspendiert,— was zu bedeuten hatte, daß er sie nicht zu bezahlen brauchte. Unter den Menschen, mit denen Jurgis jetzt zusainmcu- lebte, wurde das Geld von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus geschätzt wie unter den Leuten in Packingtown: und doch, so merkwürdig es klingen mag, trank er sehr viel weniger als er als Arbeiter getrunken hatte. Er wurde nicht mehr durch Erschöpfung und allgemeine Hoffnungslosigkeit dazu ge- trieben: er hatte jetzt etwas, wofür er arbeitete und strebte. Eine Sache führte zur anderen. In dem Bierhaus, wo er „Buck" Halloran kennen gelernt hatte, saß er eines Abends wieder mit Duane zusammen, als ein„Kunde voi� Lande" in ziemlich„benebeltem" Zustande hereinkam. Es war außer dem Aufmoz�er niemand im Lokal, und als er wieder hinaus- ging, folgten ihm Jurgis lind Duane auf dem Fuße. Er ging um die Ecke herum, und an einer dunklen Stelle sprang Jurgis vor und hielt ihm einen Revolver vor die Nase, während Duane, der sich den Hut tief in die Stirn gezogen hatte, mit blitzschnellen Fingern seine Taschen durchsuchte. Sic eigneten sich seine Uhr und seinen„Mammon" an und waren um die Ecke und wieder im Bierlokal, bevor der Mann mehr als einen Schrei auszustoßen vermochte. Der Aufwärter, dem sie einen Wink gegeben hatten, hielt ihnen bereits die sleller- r* tür offen, und sie verschwanden und begaben sich durch einen geheimen Eingang in ein nebenan gelegenes Bordell. Vom Dach dieses Hauses aus konnte man zu drej ähnlichen Häusern gelangen. Mittels dieser geheimen Zugänge konnten die Kunden beiseite gebracht werden, falls ein Zerwürfnis mit der Polizei einmal zu einer Razzia führen sollte: außerdem war es notwendig, ein Mittel zur Hand zu haben, um im Notfalle ein Mädchen beiseite zu bringen. Tausende von ihnen kamen nach Chicago, um sich auf Annoncen hin als„Dienstmädchen" und„Fabrikarbeiterinnen" zu melden, und sie fielen so- genannten„Stellenvermittlern" in die Hände, die sie an öffentliche Häusern auslieferten. Es genügte dann im allgemeinen. wenn man ihnen all ihre Kleider wegnahm: aber manchmal mußten sie auch mit Betäubungsmitteln behandelt und wochenlang eingesperrt werden, und inzwischen tele- graphierten die Eltern vielleicht an die Polizei oder kaincn gar selbst. Gelegentlich gab es kein anderes Mittel, sie zu beschwichtigen, als sie das Haus durchsuchen zu lassen, wohin die Spur des Mädchens verfolgt worden war. Für seine Unterstützung bei dieser kleinen Unternehmung erhielt der Aufwärter zwanzig von den mehr als hundertund- dreißig Dollar, die das Paar an sich gebracht hatte; natürlich kamen sie dadurch auf freundschaftlichen Fuß, und einige Tage darauf mächte er sie mit einem kleinen Juden namens Gold- hcrger bekannt, einem der„Schlepper" eines Freudenhauses. Nachdem er einige Gläser zu sich genommen hatte, begann Goldbcrgcr zögernd von einem Streit zu erzählen, in den er wegen eines seiner besten Mädchen mit einem berufsmäßigen Falschspieler geraten war. Der 5kerl sei in Chicago fremd, sagte er, und wenn er eines Tages mit zerspaltcnem Schädel irgendwo gefunden werde, so würde sich wohl niemand darum bekümmern. Jurgis erkundigte sich, wieviel er dabei ver- dienen werde. Daraufhin wurde der Jude noch Vertrauens- seliger und erzählte, daß er genaue geheime Auskunft über die bevorstehenden Nennen von New-OrleanS habe; er habe sie direkt von dem Polizeihauptmann des Distrikts erhalten, der mit einem großen Syndikat von Rennpferdbesitzern unter einer Decke stecke. Es gab einen riesigen Renntrust. Er„beeinflußte" die. Legislatur all der Staaten, in welchen er Rennen veranstaltete:> er besaß auch mehrere der hervorragendsten Zeitungen uudi „machte" die öffentliche Meinung. Es gab im ganzen Lande keine Macht, die ihm widerstehen konnte,— vielleicht mit Ausnahme des Billardsaaltrusts. Er schuf überall prachtvolle Rennparks, verleitete die Leute durch enorme Gewinnprcise hinzukommen, und organisierte dann ein gigantisches Spiel, durch welche er ihnen jedes Jahr Hunderte von Millionen Dollar entriß. Pferderennen war einstnials ein Sport ge- Wesen, aber jetzt tvar es ein Geschäft: man konnte einem Pferde ein Betäubungsmittel oder etwas dergleichen beibringen, man konnte es über- oder untertrainieren: mair konnte es jeden Augenblick zu Fall bringen. Es gab Dutzende von derartigen Kniffen: und inanchmal waren es die Besitzer, die sie anwandten und dadurch Unsummen verdienten, manch- mal aber auch die Trainer oder Jockeys, die�sie bestachen, — aber meistens waren es die Häupter des Trusts. Jetzt standen z. B. die Winterrennen in New-Orleans vor der Tür, und ein Syndikat bcstinimte iin voraus, wer jeden Tag siegen sollte, und seine Agenten reisten in den nordischen Städten umher und beschäftigten sich damit, die Billardlokale zu „melken". Das Wort traf kurz vor jedem Rennen per Fern- sprecher ein, und zwar bediente man sich dabei einer Ziffer- spräche: konnte man dieS Wort zur rechten Zeit erfahren, so war man ein gemachter Mann. Wenn Jurgis das nicht glaubet» wollte, so könnte er es ja selbst versuchen, sagte der kleine Jude. Jurgis war damit einverstanden, und Duane ebenfalls, und so begaben sie sich denn nach einem der vor- nehmsien Spiellokale, wo Makler und Kaufleute ihr Spielchen machten, und hier setzten sie jeder zehn Dollar auf ein. Pferd und gewannen sechs zu eins. Es gab natürlich gute und böse Zeiten bei dieser Art von Geschäften: aber man hatte doch immer genug zum Leben, und wenn nicht außerhalb, dann im Gefängnis. Für Anfang April waren die Stadtverordnctenwahlen angesetzt, und das bedeutet Schätze für das Heer der„Vermittler". Jurgis, der in Diebeshöhlen, Spielhöhlen und Freudenhäusern herum- bummelte, traf mit den beiderseitigen Parteigängern zu- faminen, und im Gespräch mit ihnen tat er tiefe Einblicke in das Spiel und Härte von den verschiedensten Arten, auf welche er sich während der Wahlen nützlich machen konnte.„Buck" Halloran war ein Demokrat, und so wurde Jurgis auch Demokrat; aber— die Rupublikaner waren auch gute Kerle. Bei der letzten Wahl hatten die Republikaner vier Dollar pro Stimme gezahlt, und die Demokraten nur drei; und Jurgis und Halloran saßen eines Abends mit einem Manne beim Kartenspiel zusammen, der erzählte, daß Halloran damals den'Auftrag bekoinmen habe, eine„Gruppe" von kürzlich ge- landeten Italienern zur Wahlurne zu führen, und daß er— der Erzähler— einen Republikaner getroffen habe, der eben- falls hinter den Italienern hergewesen sei, worauf sie alle drei einen Kompromiß geschlossen hätten, demgemäß die Italiener für ein GlaS Bier pro Kopf halb für eine und halb für die andere Partei stimmten, während das' Trio sich in den Rest des Geldes teilte! Bald darauf fühlte sich Jurgis bewogen, den ermüden- den Gefahren und Angelegenheiten vielseitiger Verbrechen zu entsagen und sich der Politik zuzuwenden. Gerade um diese Zeit wurde ein fürchterliches Geschrei über das Bündnis zwischen Polizei und Verbrechern erhoben. Eines Abends wollte es der Zufall, daß Jack Duane, als er gerade einen Geld- schrank anbohrte, auf frischer Tat von einem Nachtwächter ertappt und au einen Polizisten ausgeliefert wurde; dieser kannte ihn sehr gut und übernahm die Verantwortung, ihn entfliehen zu lassen. Taraufhin. erhoben die Zeitungen ein solches Geheul, daß Duane als Opfer auserseheu wurde und mit knapper Not aus Chicago entkam. Und gerade zu dieser Zeit machte Jurgis die Bekannt- schaft eines gewissen Herrn Harper. in dem er einen Brown- scheu Nachnvächter erkannte» der ihn im ersten Jahr seiner Ankunft in den Schlachthöfen bewogen hatte, amerikanischer Bürger zu werden. Harper blieb bis zwei Uhr nachts mit Jurgis und Halloran in einem Tanzloral sitzen, und man tauschte eifrig Erfahrungen aus. Er wußte viel von einem Zerwürfnis mit dem Haupt seiner Abteilung zu erzählen und erklärte, daß er jetzt nur noch ein einfacher Arbeitsmanu sei und ein eifriges Mitglied der Gewerkschaft. Erst mehrere Monate später wurde es Jurgis klar, daß dieses Zerwürfnis eine abgekartete Sache gewesen war, und daß Harper in Wirk- lichkeit für seine Berichte über die geheime Tätigkeit des Ver- bandes ein wöchentliches Gehalt von zwanzig Dollar bezog! Die Unzufriedenheit unter den Schlachthofarbeitern sei äugen- blicklich aus dem Siedepunkt, sagte der Mann, der ganz wie ein eifriges Gewerkschaftsmitglied sprach. Nach diesem Gespräch zog der Mann Erkundigungen über Jurgis ein, und wenige Tage darauf kam er mit einem inter- essanten Vorschlag zu ihm. Harper—„Bush" Harper, wie er allgemein genannt wurde— war die rechte Hand von Mike Scully, dem demokratischen Boß der Schlachthöfe. Man hatte Scully den Borschlag gemacht, einen reichen Brauer aufzu- stellen, der nach dem großen Abzeichen und den?„ehrenwerten" Titel eines Stadtverordneten verlangte. Man konnte sich darauf verlassen, daß er einen ungeheuren Feldzugfonds zur Verfügung stellen werde. Scully hatte den Vorschlag akzep- tiert und war dann zu den Republikanern gegangen, lim ihnen seinerseits einen Vorschlag zu machen. Er wußte uicht recht, ob er mip dem Juden fertig werden würde, und er wollte seinen Distrikt nicht aufs Spiel setzen; deshalb sollten die Republikaner eiuen gewissen liebenswürdigen Freund von Scully aufstellen, einen Mann, der sich jetzt in einem Keller des. Ashland Avenue Bierlokals mit Kegelaufstellen be- fchäftigte, und dessen Wahl wollte er, Scully, dann mit den? Gelde des Juden durchsetzen. Zum Dank dafür sollten die Republikaner sich verpflichten, im nächsten Jahre keinen Kandidateil alifzustellen. weil Scully dann selbst als Stadt- verordneter wiedergewählt werden mußte. Auf dieses An- erbieten waren die Republikaner sofort eingegangen; aber das Verteufelte an der Sache war, daß die Republikaner alle miteinander Dummköpfe waren. Und sie würden es nichb ver- stehen, die Sache zu machen, und es war natürlich ganz aus- geschlossen, daß die demokratischen Leute, die edlen Rothäute der Kriegsrufliga, sich offen für die Republikaner erklärten. Die Schwierigkeit wäre vielleicht nicht so groß gewesen, wenn nicht ein Umstand dazu gekommen wäre,— es war in den letzten Jahren in politischer Beziehung eine merkwürdige Ent- »oickelung in den Schlachthöfen vorgegangen: eine neue Partei sei ins Leben getreten. Es waren„Sozialisten", und cS sei eine ganz verteufelte Schweinerei, wie Harper sich ausdrückte. Jurgis begnügte sich mit der Erklärung seines neuen Freundes, daß die Sozialisten die Feinde aller amerikanischen Jnstitlitionen wären,— daß sie weder zu erkaufen, noch zu einer Kombination oder irgend einem„Entgegenkommen" zu bewegen wären. Mike Scully sei ein wenig beunruhigt über die Gelegenheit, die seine jüngste Machination ihnen geboten hatte,— die Schlachthofdemokraten wären wütend über den Gedanken, einen reichen Kapitalisten als Kandidaten zugeteilt zu bekommen, und wenn sie nun einmal die Gesinnung ändern wollten, so sei es nicht unmöglich, daß ein sozialistischer Feuer- brand in ihren Augen besser sein werde als ein republikani- scher Vlimmler. Und deshalb bot sich hier für Jurgis eine Gelegenheit, sich eine Stellung in der Welt zu machen,>vie Harper fortfuhr; er hatte der Gewerkschaft angehört und war in den Schlachthöfen als Arbeiter bekannt; er mußte Hunderte von Bekannten haben, und da er niemals über Politik ge- sprochcn hatte, so konnte er jetzt als Republikaner auftreten, ohne den leisesten Verdacht zu erregen. Es standen ganze Tonnen Geldes zur Verfügung für alle, die nützlich sein konnten: und Jurgis durfte auf Mike Scully rechnen, der noch niemals einem Freunde untreu geworden war. Was er dann aber tun solle? fragte Jurgis ganz verwirrt, und der andere erklärte es ihm genau. Vor allen Dingen müßte, er in die Schlachthöfe gehen und arbeiten, er würde das Geld haben, das er sich verdiente, und daneben noch das, was man ihm gab. Er mußte wieder in die Gewerkschaft eintreten und vielleicht versuchen, ein Amt zu erhalten, wie er, Harper, es getan hatte; er sollte allen seineu Freunden recht viel Gutes von Doyle, dem republikanischen Kandidaten, erzähle», und. möglichst viel Schlechtes von dem Juden; und dann werde Scully ihm ein Versammlungslokal verschaffen, und er müsse eine„Republikanische Vereinigung junger Männer" oder so etwas ähnliches ins Leben rufen und ganze Fässer von dem Bier des reichen Brauers ausschenken, und Feuerwerk und Reden veranstalten, ganz wie die Kriegsrusliga. Als Jurgis diese Auseinandersetzung bis zu Ende an- gehört hatte, sagte er:„Aber wie soll ich in Packingtown Arbeit finden? Ich stehe auf der schwarzen Liste."— Darüber lachte„Bush" Harper nur.„Dafür will ich schon sorgen," sagte er.— llnd der'andere antwortete:„Na, dann ist es also abgemacht; ich bin Ihr Mann." So kehrte Jurgis in die Schlachthöfe zurück und wurde dem politischen Distrikshaupt vorgestellt, dem Herrn des Bürgermeisters von Chicago. Scully war es, der die Ziegeleien, die Wlagerungsplätze und den Eisteich besaß,— aber das wußte Jurgis nicht. Scully war es, der an der ungepstasterten Straße schuld war, in der Antanas ertrunken war; Scully war es, der Hanptaktionär der Gesellschaft war, die Jurgis das verfallene Haus ver- kauft und ihn dann darum betrogen hatte. Aber davon wußte Jurgis nichts, ebensowenig wie er»mißte, daß Scully mir ei» Werkzeug und eine Marionette in den Händen der Packherren war. In seinen Augen war Scully eine Macht, der„größte" Mann, den er jemals kennen gelernt hatte. Er»var ein kleiner, vertrockneter Jrländer, dessen Hände zitterten. Er sprach einen Augeichlick mit Jurgis, beobachtete ihn scharf mit seinon Rattenaugen und bildete sich dabei ein Urteil über ihn; und danwgab er ihm ein Billet an Mr. Hormon, einen der Oberaufseher der Durhamschen Schlacht- Häuser:„Der-Ueberbringer, Jurgis Rudkus, ist ein besonderer Freund von mir,»md es»väre mir aus sehr wichtigen Gründen lieb, wenn Sie ihm eine gute Stelle verschafften. Er hat sich einmal indiskret benoimnei»; aber Sic haben viel- leicht die Güte, das zu übersehen." Mr. Hormon blickte fragend auf, als er das las:„Was meint er damit, daß Sie„indiskret" gewesen wären?" fragte er.—„Ich stehe auf der schwarzen Liste, Herr," sagte Jurgis. Der andere machte ein finsteres Gesicht. Und Jurgis wurde rot vor Verlegenheit. Er hatte vergessen, daß es gar keine schwarze Liste gibt.„Ich— das heißt— ich kannte keine Arbeit finden," stammelte er.—„Weshalb denn nicht?"— „Ich geriet in Streit mit einem Wcrkführer— es war nicht mein eigener Meister. Herr— und schlug ihn."—„Ich verstehe," versetzte der andere und fragte dam» nach einer Weile: „Was sagen Sie zu einem Nachtwächterposten?"—„Das geht nicht, Herr. Ich muß abends mit den Leuten zusammen sein."—„Ach so— Politik. Würde es Ihnen denn recht sein, Schtveine zu zerlegen?"—„Ja, Herr," sagte Jurgis. l Fortsetzung folgt.) lNachdmck Dcitolen.) Der Brfindcr des Dynamits. Von Dr. Erich Kolshorn. Vor zehn Jahren, am 1». Dezember 1896. verstarb in San Nemo Alfred Nobel, der erste industrielle Darsteller des Dynamits, eines Sprengstoffs, welcher heutzutage in seiner Anwendung und Wirkung wohl allgemein bekannt ist. Nobel wurde 1833 in Nüst- land als der Sohn schwedischer Eltern geboren. Sein Vater war Pulvcrlicferant der russischen Regierung; es ist daher nicht er- staunlich, dag des Sohnes Interesse schon früh auf die Spreng- technik gerichtet wurde. Mit grossem Eifer erwarb er sich die Vorkenntnisse und lag mehrere Jahre hindurch im Heimatlande seiner Eltern, namentlich in Stockholm, chemischen Studien ob. Die Sprcngtechnik, die seit dem 14. Jahrhundert eigentlich nur von einer Art Sprengstoff, der alten Schwarzpulvermischung, er- füllt war, erhielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch dcc EntWickelung der organischen Chemie einen neuen, mächtigen An- stoß. Nobels grosser Lehrer und Meister, Christian Friedrich Schön- bein, endeckte Anfangs 1346, dass sich beim Eintauchen von Baum- wolle in ein Gemisch von Schwefelsäure und Salpetersäure eine merkwürdige Reaktion vollzieht. Dem äusseren Anscheine nach hat sich die Baumwolle dabei gar nicht verändert, aber ihre chemischen Eigenschaften sind vollständig verwandelt. Die vorher so zahme Substanz ist mit einem Male in eine eminent explosive Ver- bindung übergegangen; es ist Nitrozellulose oder Schiessbaumwolle entstanden. Verändert man die Tarstellung nur wenig, so kann dabei z. B. auch die bekannte Kollodiumwolle entstehen, die jetzt zur Erzeugung künstlicher Seide Bedeutung erlangt hat. Tie Lösung dieses Stoffes in Aether und Alkohol ist das Kollodium, und Ge- menge von Kamphor und Kollodiumwolle sind als Ersatz für Hart- gummi unter dem Namen Zelluloid bekannt geworden� Was die Einführung der Schiesswolle zunächst hinderte, war der Umstand, dass die Herbeiführung der Explosion nicht in der Willkür des Ver-c Wenders lag; sie neigte zur Selbstzersetzung und hatte in der ersten Zeit viele sehr gefahrvolle Explosionen hervorgerufen. Auch als es gelungen war, die Schiesswolle in einheitliche feste Presskörper zu bringen, bedurfte es immer noch einer Einrichtung, die Gesamt- cncrgie des neuen Sprengstoffes.in einfacher Weise zu voller Kiaftleistung zu entwickeln. Hier begegnen wir zum ersten Male Nobels aufklärendem Geiste. Er löste das Problem, nachdem er in dem schon von dem Italiener Sobrero dargestellten Nitroglyzerin im Jahre 1866 einen neuen Explosivstoff erkannt hatte. Gewaltigere Energie, grössere Explosionsgeschwindigkeit, billigere Darstellung— Glyzerin entsteht als Nebenprodukt bei der Scifenfabrikation—, leichtere Kon» zcntrierung von Energie in kleincrem Räume, daher ausserordent- liche Ersparnis beim Bohren der Sprenglöcher, das waren Vorteile, auf die Nobel seine Ueberzcugung von dem Uebergewicht dieses Sprengstoffs über alle anderen gründete. Und diese ist der An- trieb geworden, nicht nachzcclasseu, bis der Meister diese Riesen- energie für den Dienst der'Menschheit gezähmt hat. Nobel war«s auch, der zuerst das Prinzip kennen lehrte, auf welchem Wege man die Sprengkraft solcher nitrierten Verbindungen mit Sicherheit auslösen könne. Bei der Suche nach geeigneter Jnitialladung, wie der Fach- mann die wirksame Zündmasse nennt, griff Nobel auf die so- gcnanncn Knallsalze zurück, die schon seit 1899 bekannt waren. Das wirksamste aller�Knallsalze ist das Knallquccksilber, das sowohl durch Stoss und Schlag wie auch bei einfacher Zündung heftig detoniert. In der Form von Zündhütchen kam dieses Salz zur Verwendung, und auch Nobel hat seine Schwarzpulver-Jnitial- Zündung für Nitroglyzerin mit solchen Zündhütchen gezündet. 1867 liess er dann auch noch das Schlvqrzpulver weg, führte die noch heute gebräuchlichen Knallguecksilberkapseln ein und hat dämit zuerst gezeigt, dass man durch solches Knallsalz nicht nur zündcN, sondern auch den durch einfache Zündung nicht explosiblen Körper jederzeit leicht und.sicher zur Explosion bringen kann, was sowoht für Nitroglyzerin als auch für Nitrozellulose zutrifft. Diese Cr- tcnntnis ist oft und mit Recht als der grösste Fortschritt in der Sprengtechnik seit der Erfindung des Schwarzpulvers bezeichnet worden. Nitroglyzerin ist eine ölige Flüssigkeit, in reinem Zustande wasscrhcll, als technisches Produkt gewöhnlich schinutziggelb; es hat süsslich brennenden Geschmack und ist sehr giftig. Seine Bc- schaffenheit erklärt allerhaui Gefahren, welche es bei der Ver- Wendung als Sprcngmittel im Bergbau mit sich bringt. Schon der Transport des flüssigen Nitroglyzerins bietet grosse Bedenken, eine höchst gefährliche Operation aber ist die Aufräumearbcit nach Sprengungen, weil das flüssige Eprcngöl in Spalten und Rissen des Gesteins einsickert und sich so der Zündung leicht entzieht. Nobels Gedanke lag daher nahe, das Nitroglyzerin, mit festen porösen Körpern, wie etwa Schwarzpulver, Kohle, Papierbrei u. a. zu vereinigen und aus solchen festen Formen Patronen herzustellen, welche jedermann gefahrlos handhaben könnte. ES wird berichtet, dass Nobel durch eine zufällige Beobachtung zur Entdeckung der Miichung gelangte, welche heute als Dynamit bezeichnet wird. Er verschickte nämlich anfangs das Nitroglyzerin in Blechkanncn. welche, um gegen Stoss und Schlag gesichert zu sein, in eine Ein- hüllung von Kicselguhr verpackt waren. Gelegentlich wurde ein solches Blechgefäss undicht, das Nitroglyzerin sickerte in die Kiesel- guhr hinein, und dabei nahm Nobel das ausgezeichnete Aufnahme» vermögen dieser Infusorienerde für Nitroglyzerin wahr. Enthielt die Kieselguhr etwa 75 Proz. des Sprengöls, so entstand eine tuet- bare Substanz, etwa wie frischer Glaserkitt, die gegen Stoss und Schlag viel weniger empfind->ch war, als die Flüssigkeit. Aus der plastischen Masse konnte man gut Patronen anfertigen, welche bequem in die Bohrlöcher eingeführt werden konnten. Mit einem Schlage wuchs eine gewaltige Fabrikation auf. 1861 hatte Nobel sein Nitroglyzerin zuerst in der Nähe von Stock- Holm fabrikmässig hergestellt, und 186S gründete er die berühmte. noch heute grösste Nitroglyzerinfabrik bei Krümmel a. Elbe. Bald nach der Entdeckung des Dynamits aber wird der Betrieb solcher Fabriken in fast aller Herren Länder aufgenommen. Noch einmal» im Jahre 1875, erscheint ein Patent Alfred Nobels, nach Ivelchen» er die Kollodiumwolle durch vorsichtiges Erioärmen in Nitroglyzerin löste und daraus eine Masse von gelatine- oder gummiartiger Ae» schaffenheit herstellte. Diese Sprenggelatine oder Gelatindynamit wird nur für sehr zähes Gestein und zu militärischen Zwecken verwendet. Erst einige Zeit vor seinem Tode zog sich der schaffensfreudige Meister von den Geschäften zurück und lebte teils m Paris, teils in seiner Villa in San Remo. Aber auch dort war der rastlose Mann nicht untätig; im eigenen Laboratorium hat er mit einigen Chemikern weiter gearbeitet und u. a. auch ein künstliches Leder erfunden. Die reichen Früchte seiner Lebensarbeit hat Nobel für immer der Nachwelt erhalten, indem er einen grossen Teil seilies Vermögens der Akademie der Wissenschaften in Stockholm über- wicö. Aus den Zinsen des immensen Kapitals werden alljährlich an dem Todestage des Gefeierten vier grosse Nobelpreise an her- vorragende Gelehrte verteilt, die sich auf dem Gebiete der Medizin. Chemie, Physik und Literatur verdient gemacht haben.. kleines feuilleton. Ter Schelm von Agram. Als der geniale Schuster Wilhelm Voigt sein weltberühmt gewordenes SchellnenstPk aufgeführt hatte, da riet man in Ungarn auf eineii ein- heimischen Autor. Die magyarische Eitelkeit ist nun ein. aal so: Geschieht irgendwo ein Gaunerstreich, der von der Norm abweicht, flugs mutz es ein Sohn der Pussta sein! Und dieser schmeichelnde Wahn ist nicht so unbegründet; aus den Ländern an» der unteren Donau sind gerade in der letzten Zeit ganz tüchlige Gauner hervorgegangen. Ich eriirnere nur au den rumänischen Hochstapler Lahovary-Mauülcseu, der kürzlich seine Memoiren— höchst lesenswerte Bekenntnisse— herausgegeben hat. Zum Glück für Deutschland war aber der famose Hauptmann von Köpenick ein echter Germane. Teutschlcmd hat es demnach nicht nötig, sich von einem Magyaren erziehen zu lassen. Immerhin kann Ungarn auf einen seiner Söhne ebenso stolz sein- Denn sein Strassnow— so heiht der Wackere— kann es wahrhaftig mit Wilhelm. Voigt auf- nehmen. Nicht allein, dass er wiederholt die Uniform des Militärs erfolgreich dazu benutzt hat, um seine braven Mitbürger zu schröpfen, er hat jüngst einen' Streich exekutiert, der dem seines deutschen Geistesbruders durchaus kongenial ist. Voigt düpierte bloss ein paar Kleinbürger, was mit der militärischen Assistenz nicht schtver fiel. Der ungarische Held..arbeitete" ztoar auch mit einem Fetisch, aber sonst ohne alle Beihülfe, ganz allein. Und ihm gelang es, weit gewiegtere Menschenkennner, als eS schliesslich der Bürgermeister von Köpenick oder der Gefreite der Plötzensccr Wachtinann- schaft sein müssen, einige Tage hindurch an del Nase herumzuführen. Sein Fetisch war die politische Eitelkeit der Menschen, speziell der Pfaffen. Diese— die intriganten Tom Herren des Agramer Bischofs- sitzcs— erhielten eines Tages vom Ministerium des Aeussern n» Wim eine Depesche, die ihnen die Ankunft eines ausserordentlichen Bevollmächtigten zur Erledigung gewisser schwebender Fragen an- kündigte. Und am bestimmten Tage erschien der Herr SeltionS- chef Oskar von Berg und wurde im Bischofspalais gar feierlich empfangen. Seine Eminenz war entzückt, einen solchen Gast zu beherbergen und der distinguierte Fremde nahm die Einladung würdevoll an. Warum auch nicht? Die hochwürdigen Domherren meinten eS ja so gut mit ihm. Es überraschte sie gar nicht, dass das Ministerium des Aeussern durch einen eigenen hohen Beamten direkt mit ihnen in Verbindung trat. Wer hätte in dem eleganten, feinen Herrn einen Hochstapler vermuten sollen? Er ckprach nicht dümmer— wahrscheinlich sogar klüger— als ein Mitglied der österreichischen Diplomatie sonst zu sprechen pflegt. Kurz, der Wiener Baron lebte im besten Einvernehmen mit den in ihrer Eitelkeit geschmeichelten Domherren und diese mochten sich heimlich darüber freuen, dass die Regierung so aiihcrgewöhniliche Mittel an» wendete, um sich mit ihnen ins Einvernehmen zu setzen. Dass unser Held im Lause des Tages immer vertraulicher und intimer wurde, dass er schliesslich sogar diskrete Punipversuche machte, die vereinzelt gelangen; dass ein angeschener Führer der kroatischen Oppositionspartei, mit dem der Herr aus Wien konscriertc, Ver- dacht schöpfte, irritierte die frommen Intriganten nicht, wenigstens liessen sie es sich nicht merken. Weshalb auch zugeben, dass man einem Schwnrdler aufgesessen und zum Schaden sich noch den Spott holen?... Eines TageS war ocr Mann mit den vornehmen, Manieren, dem die römischen Füchse ins Garn gegangen, ver, fdjtcunben und nun kam die Sache an den Tag. Die Polizei riet «uf Straijiww, und richtig saf; unser Casanova in Budapest bei seiner Geliebten, mit der er sich über den gelungenen Fischzug freute. Gogols Revisor, der eine ganze Stadt zum besten hält, konnte nicht schlauer operieren als Held Strasznow, und die Ungarn haben allen Grund, auf ihren Landsmann stolz zu sein. Wie Wilhelm Voigt ist auch Straßnow würdig, zum Helden eines jozial-satirischen Lustspiels zu avancieren. Freilich, der Beaumarchais unserer Zeit ist noch nicht geboren, was um sc bedauerlicher ist, als sowohl der Figaro von Köpenick als auch der von Agram vorläufig vom Schau- vlatz ihrer glorreichen Tätigkeit unfreiwillig abtreten muhten. Lucian. Musik. Vor ungefähr einem Jahre berichteten wir über einen Abend beS �.ArbeiterfängerbundeS Berlins und Um- gegend". Wir hatten damals bei mancher Anerkennung doch immerhin zu bedauern, dah der künstlerische Gesamtton dcS Abends nicht allen billigen Erwartungen entsprach. Am vergangenen Sonnabend gab es nun das 16. Stiftungsfest desselben Bundes im Fcstsaale der Brauerei Friedrichshain._ Beträchtlich günstiger gestaltete sich diesmal das Auftreten des Sängerbundes. Auf ein Orchester war ganz verzichtet, und so kamen wir nicht in Gefahr, etwa ein Potpourri aus Richard Wagner von reduzierten Kräften zu hören. Außer den ohne Jnstrumentalbogleitung ge- sungcncn Chören traten noch zwei Solosängerinnen auf: Gertrude L n ck h(Sopran) und Paula W e i n b a u m(Alt); beide reif in ihrer stimmtcchnischen und geistigen Kunst, letztere auch noch von bewegtem Ausdrucke. Ganz besonders freute es uns, daß die beiden Sängerinnen mehrere Duette vortrugen, was im ganzen doch eine Seltenheit auf dem Konzertbvden ist. Unter diesen Duetten darf das von Peter Cornelius,»Ich und Du", als eine ganz be- sonders wertvolle Komposition gerühmt werden. In der Wahl der Chorgesänge war nicht eben hoch gegriffen worden. Man blieb hauptsächlich bei Liedertafel stücken von jener bekannten Art gleichmäßiger Metrik und sorgloser Betonung un° wichtigster Silben. Hervorgehoben sei die gefällige Komposition »Glockenläuten", von dem bereits seit längerem beliebten Werner N« l o p p(1333 bis 1903). Die Verfasier des Programmes würden sich um die musikalische Bildung verdient machen, wenn sie die Komponistennamen genauer angäben. Noch seien die Tondichter Scheu upd U t h m a n n rühmend genannt, auf die wir selber ischon vor mehreren Jahren aufmerksam gemacht haben. Die Chor- Vorträge erfreuten sick insbesondere durch sorgfältige Abstufungen der Stärkegrade; die Einförmigkeit in der Durchführung des Zeit- maßes ist dagegen leider so allgemein Üblich, daß man sie schwer den einzelnen Chören ankreiden kann. iKanche Unreinheit des Gesanges, zumal ein Sinken der Stimme bei mehreren Mitglieder:!, soll allerdings nicht vorkommen, ist vielleicht aber mehr eine Frage der Zeit, d. h. ausreifender Proben. Ganz besonders jedoch seien die Dirigenten darauf hingewiesen, daß sie ihre Tenöre� vor icg- lichcm Korziercn zurückhalten mögen. Wenn eS nur irgendwie angeht, solltx allem Chorsingen ein stimnrtechnisch zuverlässiges Solostudium vorangehen. Mit viel Freude begrüßten wir einen gemischten Chor inmitten der Männcrchöre: Frcya I und Freha II, auch wenn gerade hier Unreinheiten auffielen. Dem bekannten Vorurteile männlicher Chorsänger gegen Frauenstimmen soll immer wieder kräftig wiedersprochen werden. se. „M o loch" von Max Schillings. Just vor einem Jahre in Dresden Uraufführung der Salome. Jetzt am gleichen Orte Urauiführung von Moloch, musikalische Tragödie in drei Akten von Schillings. Man hat auf ihn einstmals große Hoff- nungea gesetzt. Sein'Erstlingswerk Jnywelde zeigte sein Talent und vor allem sein ernstes Streben und sein« Abkehr vom Wege bestimmter Modcrichtunoen. Aber Schillings blieb stchen Die Wagner-Nackifolgc hat ihm zum Ruhm verholfen. Er huldigt ihr heute noch Dcch Wagner war ein Ausnahmefall. Ein cunnenter Musiker. Wer sich heute auf seinen Weg beschränken wollte, mußte der gleich eminente Musiker sein. Ein solcher ist aber Schillings nicht. Sein AnSdrucksgebiet ist klein. Seme muslkalliche Arbeit ist gut, solid, ehrlich aber nicht eigentlich phantasicvoll. Zu „Moloch" ist schon eine Erläuterung erschienen, �ie Emst Otto Nodnagel verfaßt hat. Darin werden Leitmotive als uiusikalischcr Kern des Werkes aufgezählt. Ost müssen ein Paar Noten, tinc nichtssagende Redewendung als solche herhalten. Nur ein paar dieser Motive sind wirksam ciiiprägsmii und auch wirklich charakteristisch. So z. B. das Molochmotiv, streng und düster, das sehnsüchtige Liebesneotiv, ein echter Schillings, und eine Todcshain- Motiv benannte herbe Akkordfolge. In den beiden ersten Akten schleicht die Musik oft einförmig dahin, stellenweise sogar unwirksam htstrnnientiert, so daß man manchmal ans dem Klavierauszug ein besseres Bild von den Absichten des Komponisten erhält, als anS dem Orchester. Zum großen Aufschwung, zum Ausleben in weiten musikalischen Linien kommt es erst im dritten Akt«, der auch den "leisten Beifall fand und den Erfolg dcS Abends rettete. Das von dem Heldentenor Emil Gerhäuser in Anlehnung an Hebbels Moloch- Fragment verfaßte Textbuch gibt den Hebbelscheu'Grundgedanken von der kulturbringenden Macht der Religion nur als Umrahmung l.md stellt die Episode des jungen Teut, der in dem Molochbilde den .on ihm ersehnten Gott zu erblicken glaubt, in den Vordergrund. (Berantwortl. Redakteur: HanI Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: V Dadurch gewinnt der Text Menschlich-AllgemeineS und wird zur musikalischen Behandlung geeigneter. Die Tcxtdichtung hat vor vielen anderen voraus, daß sie eine Entwickelnng aufweist und nicht nur Bilder aneinanderreiht.— Ob das Werk dauernd auf der Bühne Fuß fassen wirb, scheint zweifelhaft. Dafür bringt es zu wenig Klangvolles und Eigenes, steckt es zu sehr in solider Ueber- licferung. Gewiß hat auch Schillings der Neuzeit Rechnung ge- tragen, aber seine Moloch-Musik birgt zu wenig Spirituelles in sich, so daß Spätere ihre Vorzüge, die dem heutigen Musiker oft Achtung abnötigen, kaum als solche cmpfmden dürften. Es ist der ent- gcgengesctzte Fall wie bei Strauß, auf den jetzt wieder genügend gescholten wird wegen seiner Extravaganzen, seines„Irrweges". Wenn Strauß auch nicht als das Heil aller Musik angeschen werden kairn, setzt er doch Neuland in Kultur um und sucht ihm neue Werte zu entlocken. Das muß zweifellos sich lohnen.— HtiiuvriftifcheS. — Leider haben die Fürstenbesuche eine traurige Erscheinung unter der Berliner Jugend gezeitigt. ES stellte sich heraus, daß 81 Prozent der Kinder blödsinnig wurden, weil der Schulbesuch fort- während ausgesetzt wurde, und weil in der Jugend die fixe Idee um sich gegriffen hat, daß jeden Tag ein Fürstenbesuch durchs Branden- burger Tor rasseln muß. —„Man muß schlau sein in solchen Dingen.. begann der mecklenburgische Gutsbesitzer von S... seinem Freunde zu erzählen. .Bei den Wahlen also rief ich meine Arbeiter zusammen und sagte: „Zwei Schweine werde ich für Euch schlachten und vier Tonnen Bier werde ich zum besten geben, wenn hier im Gutsbezirk keiner für den Sozialdemokraten stimmt".— „Natürlich, lieber Freund, sie wählten alle konservativ! Und trotz- dem habe ich Bier und Schweine gespart." „Vennute Geniestreich I" „Ja... Im Gutsbezirk waren doch zwei Stimmen für den Sozialisten abgegeben worden, nämlich— von mir und meinem Inspektor--." — Berliner Premiere.„Bitte, mein Herr, an Premieren- abenden brauchen Sie den Stock nicht abzugeben." („SimpIicisstmuS.") Notizen. — Der neue Kunstsalon von Fischer u. Franke, Berlin W. 9, Eichhornstr. 5, eröffnete eine Schwarz-Weiß-Ausstellung, »infassend etwa 250 Originalzeichiiungen deutscher Künstler zu deutschen Märchen, Sagen und Liedern. Die Ausstellung ist unentgeltlich von 10—7 Uhr zugänglich. — Das Institut für Meereskunde, Gcorgenstraße 34 bis 36, veranstaltet in dieser Woche abends 8 Uhr folgende öffentliche Vorträge: Dienstag, den 11., und Mittwoch, den 12. d. M., spricht Dr. Aibling in aier- Berlin über„Der Koinpaß, seine Be- dentung für die Seeschiffahrt und für unser Wissen von der Erde", Soiinabcnd, den 15. d. M., Prof. Eckert-Köln üb«r„Eine Volks- wirtschaftliche Studienreise zur See in die West- und südeuropäischen Häfeii": Freitag, den 14. d. M., Dr. Groll- Berlin„Ueber See- karten und ihre Entwickelnng". Einlaßkarten sind von 12 bis 2 Uhr mittags imd an den Vortragsabenden selbst von 6 Uhr ab zum Preise von 25 Pf. in der Geschäftsstelle des Instituts und beim Deutschen Flottenverein, Bernburgersir. 35 I, von 9 bis 4 Uhr er- hältlich. — Uraufführungen. Jin Wiesbadener Resideilz« Theater gefiel da? Drama„Nemesis" von Artnr-Pfer hofer. —„Der Wanderer", Iijrifdjes Drama von G Macht, Musik von E. B o s s i, fand in Mannheim freundliche Aufnahme.— In Vre m e n wurde ein bicraktiges Schauspiel„Nachtmahre" von Fritz N a s s o r zum erstenmal aufgeführt. DaS Stück, das neben maiicheii Schwächen Talent zeigt, schildert das Treiben eines verkommenen Mannes aus der Heidegegend.. — Ein Schlüsselroman. Gegen den Schriftsteller Joh. Dose wurde vor dem Lübecker Landgericht wegen Beleidigung des Rechtsanwalts Ritter- Tondern durch die Ronianfigur Asmus Berg im Roman„Mutterfohu" in der Revision verhandelt. Das Urteil lautet auf Entfernung aller Seiten ans dem Roman, die Berg betreffen. — Ein neuer holländischer Dramatiker. Starken Erfolg errang ein nencr holländischer Dramatiker, I. Fabricius aus Haarlem mit einem Stück„Met den Handfchoen getrouivd", das»on einer Rotterdamer Schanspieltruppe in Amsterdam zur Aufführung gebracht wurde. Die Kritik erklärt eS für die beste dramatische Arbeit, di» in den letzten zehn Jahren in Holland geschrieben worden ist. — Ferdinand Brunctiöre, Mitglied der Akademie und Herausgeber der alt geloordenen„Ilovuo des deux mondes". die einstmals europäische Bedeutung hatte, ist in Paris im Alter von 57 Jahren gestorben. In der Kritik ein einseitiger Bewunderer der Vergangenheit, in Weltanschauung und Polilik ein Klerikaler reinftfn Wassers führte Bruiictiöre einen aussichtslosen Kampf. Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L1V«