Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 242. Freitag, den 14 Dezember. 1906 53] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersctzung. „Mir nicht helfen? Aber warum denn nicht?"— „Warum? Weil er einer von Scullys einflußreichsten Leuten ist. Philip Connor. Heiliger Himmel!"— Jurgis war ganz niedergeschlagen und traurig. „Er kann Dich ins Gefängnis bringen, wenn er will," erklärte Harper. Das war wirklich eine schöne Geschichte. „Was soll ich denn aber machen?" fragte Jurgis zaghaft.— „Wie soll ich das wissen?" sagte Harper.„Ich darf nicht einmal wagen, Bürge zu stehen, wenn ich nicht riskieren will, mich für das ganze Leben zu ruinieren."—„Kannst Du's nicht doch für mich tun und vorgeben, daß Du nicht wußtest, wen ich verlehte?" fragte Jurgis.—„Was würde denn das nutzen, wenn Du vor Gericht kommst?" fragte Harper. Dann stand er einige Augenblicke in Gedanken versunken.„Ich kann nichts anderes tun, als daß ich den zu hinterlegenden Betrag herabzudrücken versuche," sagte er.„Wenn Du dann sofort Geld bezahlen könntest, so werden sie Dich vorerst laufen lassen."—„Wieviel wird es denn sein?" fragte Jurgis. —„Ich weiß nicht," entgegnete der andere!„wieviel hast Du denn?"—„Ich habe so ungefähr 300 Dollar," war die Antwort.—„Gut," sagte Harper,„ich bin nicht sicher, aber ich will wenigstens versuckicn, daß Du dafür loskommst. Um unserer Frelindschaft willen werde ich das Risiko.auf mich nehmen, denn ich möchte nicht, daß Du für ein oder zwei Jahre ins Gefängnis wanderst." Und so trennte schließlich Jurgis sein Bankbuch, das in seiner Hose eingenäht war, heraus und unterschrieb einen Scheck über den ganzen Betrag, den„Bush" Harper quittierte. Dann ging Harper weg, holte sich das Geld und eilte nach dem Magistrat. Dort gab er die Erklärung ab, daß Jurgis ein anständiger Mensch und ein Freund von Scully sei, der nur von einem Streikbrecher angegriffen worden sei. Die verlangte Hinterlegung wurde auf 300 Dollar herabgesetzt, und Harper leistete Bürgschaft für Jurgis. Er sagte dies Jurgis aber nicht, sagte ihm auch nicht, daß es eine Lcichtig- keit für ihn gewesen sein würde, ihn auch ohne Geldbuße frei zu bekommen, und daß er die 300 Dollar als Belohnung für das gehabte Risiko in seine eigene Tasche stecken würde. Alles, was er Jurgis sagte, war, daß er nun vorläufig frei sei, so rasch als möglich zu Versckpvinden. Jurgis nahm den Dollar und 14 Cent, die ihm von seinem Bankkonto blieben, und den Restbetrag von gestern abend, sprang auf einen Straßen- bahnwagen und suhr ans andere Ende von Chicago. 27. Ter arme Jurgis um wieder einmal ein Ausgestoßener. ja ein Landstreicher. Er war mit einem Male alles dessen beraubt, wodurch er imstande gewesen wäre, sich das Leben angenehm zu gestalten und den Folgen seiner Handlungen zu entgehen. Er komrte nicht länger mehr eine Stellung ein- nehmen, wie er sie wünschte, er konnte nicht länger mehr frech stehlen— er mußte mit der angenoinmener großen Herde laufen. Nein, schlimmer noch: er durfte sich nicht einmal unter sie mischen, er mußte sich vor ihnen verbergen, denn er war für den Untergang gekennzeichnet. So arbeitete anch er nun unter völlig veränderten Aussichten. Er war auf eine neue Lebensgrundlage gestellt, die nicht leicht geändert werden konnte. Wenn er früher ohne Arbeit war, so war er zu- frieden, in einem Hausgange oder in einem Karren schlafen zu können, und wenn er 13 Cent pro Tag zum Kneipen übrig hatte,— jetzt aber begehrte er alle möglichen Dinge und litt darunter, weil er sie nicht erlangen konnte. Er mußte sich ab und zu ein Glas genehmigen. Er mußte trinken, und wenn es seinen letzten Groschen kostete und er den Rest des Tages zu hungern hatte. Jurgis belagerte aufs neue die Fabriktore: aber seit er in Chicago war, hatte er nie weniger Aussicht gehabt, Arbeit zu bekommen, als gerade jetzt. Denn jetzt war eine wirtt'chaftliche Krisis; die Million oder gar zwei Millionen Menschen, die im Frühjahr und Sommer ohne Arbeit waren, konnten nicht untergebracht werden. Dann kam der große Streik, bei dem 70 000 Männer und Frauen hier eme Reihe von Monaten im ganzen Lande ohne Arbeit waren, 20 000 allein in Chicago, und von denen suchten jetzt viele in der Stadt Arbeit. Die einige Tage später erfolgte Be- endigung des Streiks, wodurch etwa die Hälfte der Streiken- den wieder eingestellt wurde, schaffte keine Abhülfe, denn für jeden wieder Angestellten hatte ein Streikbrecher aufzuhören. Die 10— 15 000 Neger, Ausländer und Verbrecher waren sich nun selbst überlassen. Nach ungefähr zehn Tagen hatte Jurgis nur noch ein paar Cent übrig, und er hatte noch keine Arbeit gefunden, nicht einmal für einen Tag, ja selbst keine Gelegenheitsarbeit hatte er bekommen können. Wieder einmal, genau so, als er aus dem Hospital kam, waren ihm Hände und Füße gebunden, und er stand dem grausigen Gespenst des Hungers gegeniiber. Ein fürchterlicher Schrecken überkam ihn, eine wahnsinnige Angst. Und so war er nahe daran, Hungers zu sterben. Der Tod streckte seine dürren Arme nach ihni aus, berührte ihn, und er fühlte seinen Atem im Gesicht. Er schrie auf vor Grauen. Er bettelte um Arbeit, bis er fast vor Erschöpfung niedersank: er konnte nicht ruhen, er mußte weiter wandern, abgezehrt und beruntergekommen, mit irrem Blick um sich schauend. Ucberall, wo er hinging, von einem Ende der Stadt zum anderen, waren Hunderte gleich ihm, überall sah man überflüssige Menschenkinder, die die erbarmungslose Hand der Behörden hinaustrieb. Als seine Barschaft bis auf ein Geringes zusammengeschmolzen war, hörte Jurgis, daß, wenn die Bäckerläden nachts schlössen, alles, was noch übrig geblieben war, zu halben Preisen verkauft würde, und er ging hin, kaufte zwei Laib altgebackenes Brot für ein paar Cent, brach sie in Stücke und stopfte sich die Taschen dannt voll, von Zeit zu Zeit davon essend.?lnßerdem gab er keinen Heller aus, und nach zwei oder drei Tagen hatte er nicht einnral ein Stückchen Brot. Er ging die Straßen entlang, sah gierig in die Mülltonnen und suchte, ob etwas Genießbares darin wäre. Auf diese Weise fristete er sich noch einige Zeit bin. Einige Tage lang ging er ständig hungernd umher, wurde schwächer und immer schwächer: und eines Morgens begegnete ihm ein Mißgeschick, das ihn beinahe gänzlich zu Boden drückte. Als er eine Straße entlang schlich, an deren beiden Seiten große Warenhäuser lagen, bot ihm jemand Arbeit an: aber nachdem Jurgis angefangen hatte, wurde er wieder weggeschickt, weil er nicht kräftig genug war. Er war verloren und gerichtet, es gab keine Hoffnung mehr für ihn! Gerade uni diese Zeit hatte eine der Chicagoer Zeitungen, die sich viel des armen Volkes annahm, eine Suppenküche zugunsten der Arbeitslosen eröffnet. Einige sagten, daß die Zeitung dies der Reklame halber veranstaltet habe: andere wieder nieivten, daß sie sonst befürchtete, alle ihre Leser würden verhungern. Welches aber auch der Grund sein mochte, die Suppe war kräftig und heiß, und wer nur wollte, der konnte während der ganzen Nacht einen Topf voll davon bekonimen. Als Jurgis die Tatsache von einem Gefährten erfuhr, gelobte er sich, mindestens ein halbes Dutzend Töpfe vor dem nächsten Morgen auszulöffeln. Aber es stellte sich heraus, daß er sich schon glücklich schätzen durfte, nur einen einzigen zu erwischen, denn eine große Zahl von Männern stand in der Reihe vor ihm, und die Reihe war immer noch fast gleich lang, als die Küche bereits geschlossen wurde. Bis jetzt war das Wetter schön gewesen, und Jurgis harte jede Nacht auf einer freien Baustelle schlafen können: aber die Vorboten des Winters stellten sich bereits ein, fröstelnde Winde kamen von Norden her und sturmpepeitfchter Regen stellte sich ein. An jenem Tage kaufte sich Jurgis, um'ein Dach über sich zu haben, zwei Glas Bier, und in der Nacht gab er seine letzten zwei Cent in einer Kneipe für ein Stehbier hin. Er tat dies in einer Kneipe, die von einem Neger ge- halten wurde, der umherging und die Bierüberreste aus den Fässern sammelte, die vor den Kneipen umherlagen, und nach- dcin.er dieses Gcmrsch mit Chemikalien behandelt hatte, um es wieder schäumend zu machen, es zu zwei Cent die Kanne verkaufte. Der Kauf des Bieres schloß das Privilegium ein, die Nacht auf dem Boden der Kneipe mit einer Menge her- untergekommener, ausgewiesener Männer und Frauen Albringen zu dürfen. Während dieser kalten Zeit hatte Jurgis eines Tages tatsächl'ch um iein elendes Leben gebettelt und nicht eine Seele gefunden, die ihm geholfen hätte, bis er abends eine alte Dame sah, die von einem Straßenbahnwagen abstieg. Er half ihr, die bepackt war mit Regenschirmen und der- schiedenen Schachteln, vom Wagen herunter und klagte ihr dann sein Leid. Als er auf einige argwöhnische Fragen der Dame befriedigende Antwort geben konnte,'nahm die Dame ihn mit in die nächste Wirtschaft und erlegte das Geld für eine Mahlzeit für ihn. Als er wieder aus der Wirtschaft herauskain, war er geradezu vollgepfropft. Tann mußte er wieder in der Dunkelheit und im Regen weitcrwanderu, er konnte die roten Lichter der Laternen die weite Straße hin- unter verfolgen. Weit von unten her hörte er den dumpfen Ton einer Trompete. Dieser Ton erfüllte ihn mit Freude, und er rannte nach der Stelle, von der er kani, denn er wußte, ohne vorher zu fragen, daß dort eine Politische Versammlung abgehalten wurde. Alle Versammlungen, die bis jetzt, in Chicago abgehalten worden waren, erwiesen fich als traurige Mißerfolge, und heute abend war der Redner keine geringere Persönlichkeit als der Vizepräsident der Nation. Die Partei- fiihrer zitterten schon; aber eine barncherzige Vorsehung sandte diesen Sturm in den kalten Regen, und jetzt brauchte man nur ein Feuerwerk loszulassen und die große Trommel zu be- arbeiten, und alle Heimatlosen und Verkommenen aus einer ganzen Meile im Umkreise strömten herbei und füllten die Halle, und am anderen Morgen hatten dann die Zeitungen Gelegenheit, von der kolossalen Begeisterung zu berichten und hinzuzufügen, daß es keine„faststonable" Zuhörerschaft war, die der Versammlung anwohnte. Jurgis ging in die große Halle, die reich mit Flaggen dekoriert war, und nachdem der Vorsitzende einige Worte gesprochen hatte, stieg der Redner des Abends auf das Podium, mit eineul Tusch der Musik- kapelle begrüßt. Der Leser denke sich Jurgis Errregung, als er die Entdeckung niachte, daß kein anderer als der berühmte Senator Sparefhanks der Redner war, der in den Lagerplätzen eine Ansprache hielt uiw mithalf, Mike Scullys Kegelaufsetzer in den Chicagoer Stadtrat wählen zu lassen. Wahrhaftig, beim Anblick des Senators traten Jurgis beinahe Tränen in die Augen. Diesmal war die Wahl eine andere, da die Republikaner alles Geld hatten; und wenn ihm dieses Un- glück nicht passiert wäre, so hätte er auch daran teilnehmen können, anstatt da zu sein, wo er jetzt war. Der beredte Senator erklärte das Schutzzollsystem, das eine Wohldurchdachte Einrichtung sei, vermittels welcher die Arbeiter den Fabri- kanten gestatteten, ihnen höhere Preise zu berechnen, um höhere Löhne dafür zu bekommen— und auf diese Weise das Geld aus der einen Tasche nahmen und es in die andere steckten.% Nach der Ansicht des Senators war dieses System einzig in seiner Art und glich einer der höheren Wahrheiten des Weltalls. Deshalb war Kolumbien auch der Edelstein des Ozeans, und alle seine weiteren Triumphe, seine Macht und sein guter Ruf unter den Nationen hingen ab wou dem Eifer und der Treue, womit jeder Bürger diejenigen stützte, deren Hände sich abmühten, um den Staat aufrecht zu erhalten. Hier fiel die Musikkapelle ein, und Jurgis fuhr in plötzlichem Schrecken auf. So sonderbar es auch erscheinen mag, Jurgis machte tatsächlich einen verzweifelten Versuch, zu verstehen, was der Senator da sprach. Ter Grund dafür war, daß erwünschte, sich wach zu erhalten. Er wußte, daß, wenn er sich erlaubte, einzuschlafen, er bald zu schnarchen ansing, und so mußte er mit Interesse zuhören. Aber er hatte ein solch opulentes Mahl eingenommen, er war so erschöpft, die Halle war so warm und sein Sitz so chequem! Einmal bekam Jurgis von seinem Nachbar einen heftigen Stoß in die Rippen, er fuhr auf und versuchte, eine unschuldige Miene aufzustecken, aber dann schlief er wieder ein, und die anderen begannen ärgerlich nach ihm zu sehen und unwillig zu brummen. End- lich wurde ein Schutzmann herbeigeholt, der Jurgis am Kragen nahm und auf die Beine brachte. Nach wenigen Minuten flog Jurgis unter Tritten und Flüchen hinaus. Er suchte Obdach in einem Hauseingang und betastete sich. Er war nicht verletzt und nicht eingesperrt, das war fast mehr, als er das Recht hatte zu hoffen. Er verfluchte sich und sein Geschick, wandte dann aber seine Gedanken wieder praktischen Dingen zu. Er hatte kein Geld und keine Schlaf- stelle und mußte von neuem betteln gehen. Er ging weiter, seine Schultern zusammenziehend und erschauernd in dem eisigen Regen. Als er die Straße hinunterwanderte, be- gegnete er einer vornehm gekleideten Dame. Er drehte sich um und ging an ihr vorbei.„Bitte, Frau, würden Sie mir das Geld für ein Nachtguariier geben, ich bin ein armer Ar- beiter." Dann hielt er plötzlich inne. er hatte beim Licht der Straßenlaterne das Gesicht der Dame gesehen, er kannte sie: es war Alena Jäsaityte, welche die Schönste an seinem Hoch- zcitsfest gewesen war. Jurgis hatte sie nachher nur noch ein- oder zweinial gesehen, denn Juozas hatte sie eines anderen Mädchens wegen aufgegeben, und Alena hatte Packingtown verlassen. Sie war ebenso überrascht wie er.„Jurgis Rudkus," sagte sie,„was ist denn mit Ihnen los?"— �Jch — ich habe viel Unglück gehabt," stotterte er,„ich bin außer Arbeit, habe kein Heim und kein Geld. Und Sie, Alena, sind Sie nun verheiratet?"—„Nein," sagte sie,„ich bin nicht verheiratet, aber ich habe eine gute Stelle."— Sie standen beide da, einander für einige Minuten ansehend. Endlich sprach Alena wieder und sagte:„Jurgis, ich würde Ihnen gerne helfen, wenn ich könnte; aber auf mein Wort, ich habe unglücklicherweise nicht einen einzigen Cent "er mir.— Doch halt, ich kann Ihnen sagen, wo Hülfe zu finden wäre, ich kann Ihnen angeben, wo Marija ist." Jurgis war bestürzt.—„Marija?" stammelte er.—„Ja," sagte Alena,„und sie wird Ihnen helfen. Sie hat eine Stellung, und es geht ihr gut: sie wird sich freuen, Sie zu sehen." Es war noch kein Jahr vergangen, seit Jurgis Pöcking- town verlassen hatte mit dem Gefühl, wie es eben einer hat, der aus deni Gefängnis kommt. Er hatte Marija und Elzbieta im Stich gelassen, aber jetzt bei der bloßen Er- wähnung der Namen dieser Beiden jubelte sein ganzes Inneres vor Freude. Er wünschte sie zu sehen, zu ihnen zu gehen; sie würden ihm helfen, sie würden gütig zu ihm sein. „Schön, ich werde hingehen." Sie gab ihm eine Nummer in der„Clark Street" an. Jurgis ging in die ihm genannte Straße, und ohne viele Umstände fand er da ein großes Haus von vornehmem Aeußern und zog die Türglocke. Eine junge Negerin kam an die Tür, öffnete sie.einen Zoll und blickte ihn argwöhnisch an.—„Wohnt Marija Berczynskas hier?"—„Ich weiß nicht," sagte das Mädchen;„was wollen Sie denn von ihr?" —„Ich will sie sehen," sagte er;„sie ist eine Verwandte von mir."— Das Mädchen zögerte einen Augenblick, dann öffnete sie die Tür. Jurgis trat ein und blieb in dem Vorflur stehen. Nach einer oder zwei Minuten kam das Mädchen zurück und antwortete:„Die Betreffende ist hier nicht bekannt." Jurgis fiel das Herz beinahe in die Hosen.„Es ist mir aber gesagt worden, daß sie hier wohnt," rief er. Das Mädchen aber schüttelte nur den Kops, indem sie wiederholte, daß sie Marija nicht kenne. Er stand einen Augenblick zögernd, hüls- los und voll Traurigkeit da, dann wandte er sich zur Tür. Im selben Augenblick ertönte aber der tilopfer, und das Mädchen ging, um zu öffnen. Jurgis vernahm das Geräusch nahender Schritte, und die Negerin stieß einen Schrei aus. Im nächsten Augenblick rannte sie an ihm, von Schrecken gejagt, vorbei, sprang die Treppe hinauf, laut schreiend:„Polizei, Polizei, wir sind ge- fangen." Jurgis war einen Augenblick völlig verwirrt. Dann, als er blauuniformierte Gestalten hereinkommen sah, rannte er der Negerin nach. Ihr Geschrei war oben das Zeichen für einen wilden Aufruhr. Das Haus war voll Leute, und als er cnitrat, sah er sie hierhin und dorthin huschen, Männer und Weiber, letztere nur in durstigen Hüllen, erstere meist halb angezogen. Ein junges Mädchen war in Ohnmacht gefallen, zwei junge Männer unterstützten sie. Ein Dutzend akiderer Leute drängten sich an der Vordertür herum. Plötz- lich hörte man eine Reihe widerhallender Schläge, die die Leute vcranlaßten, zurückzuweichen. Im selben Augenblick stürzte eine korpulente Dame mit geschminktem Gesicht und Diamaist-Ohrringen atemlos die Treppe herunter. Sie führte die Leute nach einer Hintertreppe. Jurgis folgte. Die Dame drückte auf einen Knopf in der Küche, und der Wand- schrank sprang auf und öffnete sich auf einen dunklen Gang hin. Nahezu zwanzig bis dreißig Leute drängten sich durch die Tür. Kaum aber waren die Letzten verschtvunden, als auch schon die Ersten wieder zurückgeeilt kamen und den er- schreckten Haufen wieder mit sich zurückdrängten und dabei schrien:„Sie sind auch da drin, tpir sind rettungslos ge- sangen. „Rasch die Treppen hinauf!" rief das Weib, und die Menge drängte nach oben. Eine Treppe, noch eine und wieder eine. Dann führte eine Leiter nach dem Dach. Alles staute sich hier; einer stieg hinauf und mühte sich ab, die Falltür in die Höhe zu heben. Sie war nicht von der,Stelle zu bringen (Fortsetzung folgt.) Bincs Gcifterbcfchwörerö letzte Inspiration. von Knud Rasmusse n.") Die Frühlingsstürme verschnauften sich; man war ja auch schon tief im Mai; plötzliches Tauwetter hatte alle Felsen weinen machen, daß der Schnee an ihnen herunterlief, und ein paar der grötzten Bäche hatten den Versuch gemacht, ihre Eisdecke zu sprengen. Die Sonne selbst segelte heiß und froh über den Himmel hin und war !o eingenommen von deni großen herannahenden Sommer, daß sie ich gar nicht mehr zur Ruhe begab hinter dem Horizonte. Die Eskimos aber, welche wußten, daß der„Brutmonat", der Juni, stets die letzten Zuckungen des Winters bringt, nahmen den Umschlag mit seiner Hitze und seinem Sonnenschein als ein Kuriosum auf. Die Schneestürme sammelten bloß neue Kräfte, meinten sie, und sie sollten recht bekommen. Aber daß der Sommer nahte, war trotzdem kein Trug! Das Eis vor der Niederlassung war von Strömungen zerrissen, und auf den Eisschollen lagen träge Robben und sonnten sich. Vom Meere herein drang ein lang- gezogenes, eintöniges Brüllen und Pfeifen: das kam von alten, ortsvertrauten Walroßmännchen her, welche landwärts zu ziehen begannen; sie wußten, daß das Eis zum Tode verurteilt war. Dicht unterhalb der Häuser lagen in ein paar großen Waken Winterenten und Lummen und keiften, daß ihr Geschrei das Echo in den Felsen weckte. Die Eidervögel fingen schon an, über die vorspringenden Landspitzen hinzustreifen; von weitem hörte man das singende Sausen ihrer Fittiche— denn sie flogen um die Wette in großen Haufen nach ihren Brutinseln. Scharen von Weibern und Kindern hatten sich drüben bei den großen Vogelfelsen niedergelassen; in lauschenden Gruppen lagen sie auf den Steinhaufen; die ganze Felswand war lebendig ge- worden, und ein vielstimmiges Gesumme wogte herab von alledem, was sich da auf den Felsabsätzen bewegte. Die Sturmvögel waren gekommen und die Alken! Zu oberst auf den Frlszinnen wohnen die Sturmvögel; weißen, schwirrenden Schneeflocken gleich durchsegeln sie die Luft und sehen mit Verachtung herab auf die Alken, die weiter unten, in halber Felsenhöhe, ihre Nester bauen. Die Alken kommen in wimmelnden Scharen und finden kaum Platz; sie laufen auf den Gesimsen herum und sehen gar drollig geputzt aus mit ihrer weißen Brust. Wohl ist der Felsen groß genug, allein sie balgen sich trotzdem um die Wohnungen; sie hacken nacheinander und schreien, doch ihre hitzigen Scheltworte schmelzen in den Ohren der Menschen zusammen zu einer großen rollenden Lautwclle. Ganz unten auf den niedrigsten steilen Klippen lassen die Möwen sich nieder, völlig verwundert, daß andere sich das Leben so schwer machen mögen. Sie gucken zu den Schwärmen über ihnen empor, recken die Flügel, hopsen ein wenig auf derselben Stelle herum und falten sich hierauf wieder zusammen, um in tiefes Nach- denken zu versinken. So vernünftig sind die Möwen. Aber dann kann es geschehen, daß man von den Felszinnen her mitten in allem Vogelspektakel ein raschelndes Donnern der- nimmt, und dann kommt ein Bergsturz herabgesaust. Der Himmel verdüstert sich einen Augenblick, und eine Wolke von Sturmvögeln, Alken, Lummen und Möwen stieben kreischend über das Meer hinaus. „Dort draußen beginnt das Erwachen; der große Sommer naht!" sagen da die Eskimos. Die Kinder laufen um die Wette unter den Felsen, die toten Vögel aufzulesen. Und bald werden große Scheiterhaufen angezündet, damit der erste Vogelfang des Jahres gekocht werden könne. Davon müssen alle kosten. Ein solcher Tag also war's. Wachstum lag in der Luft und Unruhe in den Menschen. Ein paar junge Mädchen hatten ihre Kleidung von sich geworfen und spielten Haschen über eine Ebene hin; das erweckte Jubel unter den jungen Männern, die sich ihnen lachend anschlössen.— Ein alter Eskimo hatte ein Rcnntierfell auf der Erde ausgebreitet und lag nackend da und verspeiste seine Kopf- läuse. An seiner Seite in derselben Toilette säugte die Tochter ihr Kindchen. Ganz unten am Meere auf dem untersten Eisrand lagen die Hunde, ließen die Zunge weit zum Halse hinaushängcn und stöhnten ob der Hitze. Es hing über dem Lande jener schioere Frühlings- dunst, den die Sonne aus der erwachenden Erde aufziehen kann, und alle Menschen waren froh und gut und hatten nur Gedanken für den Tag, den ihnen die Sonne gab. Da ertönte über den Platz hin«in Ruf, der alle aufschreckte; wie ein Steinschlag an •) Aus Knud Rasmussen, Neue Menschen, ein Jahr bei den Nachbarn des Nordpols, deutsch von Elsbeth Rohr.(Verlag von A. Francke, vorm. Schmid u. Francke, Bern. Preis 3,60 M.). R. gibt in diesem Buche äußerst interessante Schilderungen von den Polarcskimos, die er mit der„dänischen literarischen Grönlandexpedition" im Winter 1963/04 besuchte. Da er selber Grönländer und Sohn einer Eskimomutter ist, hat er sich in An- schauungen und Sitten mit nachempfindendem Verständnis zu der- setzen gewußt. Von besonderem Wert sind die dem Buche bei- gegebenen Proben von den Lebensanschauungen dieses nördlichsten Volksstammcs. einem Vogelfelsen wirkte der. Er wiederholte sich nicht, er war schon gehört worden, und alle liefen hinunter nach dem Hause, in dem Sagdlork wohnte. Sagdlork war der größte und älteste Geisterbeschwörer de» Stammes, und er nun hatte seinen Niederlassungsgefährten mit» geteilt, daß er beabsichtige, Geister zu beschwören. Seine Frau war krank geworden, und da wollte er versuchen, sie zu heilen. Das Haus war dicht ans Meer gebaut. Männer und Weiber versammelten sich deshalb unten auf dem Eisrand; die kranke Frau saß auf einem Schlitten unten inmitten der Leute, und ihr Sohn stand neben ihr. Oben auf dem Hausdach dicht beim Fenster saß der Geisterbeschwörer Kale, der seine Kunst von dem alte» Sagd- lork gelernt hatte; darum sollte er in seines Meisters Nähe sein; Sagdlork selbst aber war allein im Haus. Jegliche Arbeit auf dem Platze hörte auf; niemand durfte sich rühren. Als ich hinkam, wurde mir sogleich bedeutet, still zu stehen. Alle Gesichter trugen ein ernstes, andächtiges Gepräge. Sagdlork war aus altem, gefürchtetem Geschlecht. Sein Oheim und sein Neffe waren als gefährliche Seelenräuber gemordet worden, und Sagdlork war der einzige gegenwärtig Lebende, der nach Aussage seiner Landsleute die Weisheit der Väter ererbt hatte. So gab es keinen anderen Geisterbeschwörer, der aus seiner eigenen Haut herauskrabbeln und sie hernach wieder anziehen konnte; er vermochte dies. Jeder, der einen solchen„fleischnackten' Zauberer erblickte, mußte sterben, behauptete man.— Das also war Sagdlori. Seit langer Zeit hatte er keine Geisterbeschwörung abgehalten. weil er krank gewesen. Am selben Tag noch war er auf einem Schlitten zwischen den Häusern herumgezogen worden, da seine Beine steif waren von der Gicht. Und nun wollte er trotzdem die anstrengenden Beschwörungen abhalten. Als ich zu seinem Hause kam, guckte ich durch das Fenster zu ihm hinein. Er sah allein auf seiner Pritsche und rührte die Trommel. Als er men: Gesicht am Fenster erblickte, hielt er mit Trommeln ein, lachte z>? mir empor und sagte:„Lauter Narrenstreiche, dummes Gaukel- spiel! Lügengeschichten alles zusammen!"(pilugsingnartunga, maungainsarffuag oqulutsiarnialermiunga, sagdlutfiarnialermi» unga!>, und dabei wackelte er entschuldigend mit dem Kopse. Ich nickte ihm zu und wollte ihn gerade etwas ftagen, da packte mich jemand gewaltsam von hinten an der Schulter und riß mich vom Fenster weg. Es war einer unserer christlichen Grön- länder Gabriel, welcher sehr großen Respekt hatte vor den Heid- nischen Mysterien. Kale aber, der oben auf dem Hausdach saß und des alten Weisen Worte überwachte, schaute herab auf uns unwissende Christen und sagte mit Würde:„Geht zur Seite und steht stille! Niemand bewegt sich während der Geister» beschwörungen I" Ich stellte mich neben einem Nachbarhause auf und erwartete, was da kommen würde. Lauter Narrenstreiche! hatte der Alte ja — mit echt eskimoischer Koketterie— gesagt. Ein Geisterbeschwörer leitet stets seine Beschwörungen mit einigen sich selbst und seine Fähigkeiten herabsetzenden Worten ein. (Schluß folgt.) kleines Feuilleton. Winterblnmentreiberei im Zimmer. Im Winter Blumen im Zimmer zu treiben, ist kein großes Kunststück, aber verstehen mutz man eS. Können bei der Treiberei ini Zimmer auch nickst jene Er» folge erzielt werden, von denen jedes Blumengeschäft Zeugnis ablegt, so beftiedigen die im Zimmer möglichen Erfolge den Blumenfreund doch gar sehr. Drum schauen wir einmal. wie'S gemacht wird. Das einfachste und sicherste: Von zeitig im Frühjahr blühenden Sträuchern wie Forsythie, Mandelbauni, Schlehe, Kirsche und ähn» lichen verschaffen wir uns jetzt ein paar Zweige, die durch die Ber» Mittelung eines Gärtners leicht zu bekommen sind. Auch Zweige von der Sahlweide, von Pappel, Erle, Haselnuß, Seidenbart und anderen FrühjabrSblühern unserer heimischen Fluren find recht brauchbar, wenn sie auch etwas weniger farbenprächtige Blumen er» geben. Die Zweige werden in ein mit Wasser gefülltes Gefäß im Zimmer oder in der Küche aufgestellt. DaS verdunstende Wasser wird stets durch frisches ersetzt. AlleS andere kommt dann allein. Je wärmer die Zweige stehen und je höher der Feuchtigkeitsgehalt der umgebenden Luft ist, um so schneller werden die Blumen er scheinen. Etwas umständlicher wird das Verfahren schon, sobald statt der abgeschnittenen Zweige ganze Pflanzen getrieben werden sollen. Der Erfolg ist aber auch ein umso größerer. Die Pflanzen müssen einen Sommer hindurch nn Topfe gepflegt werden— so weit man die Pflanzen ihrer Größe halber überhaupt im Topfe ziehen kann. Hierzu ist natürlich ein Gatten erforderlich. Derattige vorkultivierten Treibpflanzen sind aber auch beim Gättner zu haben. Haben wir solche Pflanzen, so sorgen wir für möglichste Gleichmäßigkeit der Wärme und der Feuchtigkeit, die den Pflanzen zuteil wird, und die Blumen werden in viel größerer Schönheit erblühen als es bei ab« geschnittenen Zweigen der Fall zu fem pflegt. Recht einfach gestaltet sich auch die Treiberei von allerlei krautartigen Pflanzen, die im Frühjahr unsere Fluren schmücken. alZ da sind Leberblnme, Hmmiel'chliisiel(Primel), Mahliebchen(Gänseblume), Luiigenkraut u, a. An froslfreien Tagen hebt man solche Pflanzen von ihre», Standort aus und setzt sie in Töpfe, Sie verlangen im Zimmer gleichmäßige Feuchtigkeit, recht viel Licht und Sonnenschein, Große Of'enwärine richtet mehr Schaden an, als sie zu nutzen vermag. In ähnlicher Weise können manche Gartenblnmen im Zimmer zur Blüte gebracht werden, so die japanische Spiräe, das tränende Herz(Diol�rnu, das Beilchen und die Christrose(Helleborus). Diese Pflanzen sind wieder beim Gärtner käuflich, Das Treiben der Blumenzwiebeln als Hyazinthen, Tulpen, Krokus und ähnliche ist bekannt, hingegen dürften ein paar Worte über die Maiblume interessieren. Blühbare Keime sind billig beim Gärtner zu haben, sie werden in gewöhnlicher Erde in Töpfe ge- pflanzt. Mehrere solcher Töpfe werden in eine Kiste gestellt, wobei die Zwischenräume mit Moos auszufüllen sind. Dieses wird stets regelmäßig feucht gehalten. Die Kiste wird in Ofennähe auf- gestellt. Sobald die Triebe sich zeigen, werden die Pflanzen nach und nach an Licht gewöhnt und können endlich vor das Fenster komnien. Rosen treiben zu wollen, erfordert schon etwas mehr Geschick- lichkcit. Wer es in der Treiberei anderer Pflanzen nicht schon zu etwas gebracht hat, soll sich an das Rosentreiben nicht heran- wagen, er würde wenig Freude erleben. Darum begnüge man sich für den Anfang mit solchen Pflanzen, die leichter zu behandeln sind, Kunst. s. s. Das Wort„Worpswede" hat in der Geschichte der modernen deutschen Knust einen guten Klang. Die neue Landschafts- Malerei fand in dieser kleinen Malerkolonie intensive Pflege, Der Kmlstsalon G u r l i t t bringt eine Gcsamlausstellung der Worpswcder Maler. Verschiedene Temperamente sind es. Und es ist interessant, wie eine und dieselbe Landschaft verschieden einwirkt und w>e wir die gleiche Natur in wechselnden Bildern sehen. Genieinsam bleiben immer folgende Merkmale dieser Natur: tiefe dunkle Farben im Boden, im Wald, helle, jauchzende Farben in den Birken, den bunten Bauerhäusern, strahlender Himinel mit weißen Wolken, der aber auch düster blicken kann, tiefblaues Wasser, Ein wundervolles Bild, wenn Abendstimmung diese Dinge umschleiert, wenn im Früh- ling die Sträncher und Bäume blühen, wenn die Kastanienbäume in, Schmuck ihrer Blütenkerze» stehen, wenn der Winter zu den kräftigen Farben das helle Weiß gesellt. Fritz Mackensens„Bergpredigt" verflicht vergeblich aus der Landschaft und den Menschen eine große Einheit zu schaffen. Das Bild ist zu umfangreich angelegt, die Gruppen der Zuhörer wirken gestellt. Dazu reicht sein wohl feines, aber nicht kräftiges Talent nicht aus. Abgesehen davon ist der matte Gesaintton des Ganzen sehr vornehm und die Typen der Bauern sind gut gelungen. Sehr sein ifl das Bild des„Holzschnhmachers", der vor seinem Hanie sitzt, am blauen Bach. Mensch und Natur sind hier fein in eins verschmolzen. Auch Fritz Overbeck hält mit lauten Tönc-n zurück. Sein bestes Bild ist die„Düne", eine feine Harmonie in Grau und Grün; grauer Sand mit spärlichem grünen Gras bewachsen. Hans ani Ende wächst sich kräftiger ans. Seine Land- schasten haben böcklinisch heitere, helle Farben. Speziell das eine Bild, Ivo belle Wolken hoch über weißen Blütenfeldern schweben, hat viel Frische. Der Künstler arbeitet den geschlossenen Bildeindrnck vorzüglich heran?, wie die violeit blühende Heide, mit dem hohen blauen Himmel über der tiefliegenden Ebene besonders beweist. Otto Moderiohn sieht vorwiegend das Düstere der Landschaft, Abendstimmungen. Wo das Dunkel lagert und alle Dinge in Traum versinken. Phantastisch stehen die Bäume bei einander. Die bunten Farben leuchten im Sonnenuntergang wohl noch einmal grell auf. Um so eigentümlicher wirkt der Abendhimmel, der in dieser Dunkelheit hell erscheint. Aber auch helle Frühlingseindriicke malt Modersohn, blühende Maienlandschaft. Auch hier betont er die Schönheit so kräftig, daß wieder beinahe etwas Phantastisches daraus wird: Schneeige Blülenbäume, die auf hellgrüner Wiese stehen. Eine neue Note bringt Heinrich V 0 g e l e r hinein. Er ist speziell für das Dekorative veranlagt. Sein reiches Linienspiel, seine aus- gesprochenen Farben geben etwas Phantastisches. Eine zarte, behutsame Schönheit gibt er mit diesen Linien und Farben, die etwas Märchen- Haftes. Träumendes, Reiches haben. Ein Anklang an den Bieder- »neierstil ist zu konstatieren, eine gefühlvolle Sentimentalität, die sich m den Köpfen seiner Menschen, in dem Stil der Möbel, in den Kostümen ausspricht. Mit besonderer Liebe malt er Jnlcricurs ans seinem Hanse, die die Baucrnkunst mit Glück benutzt zeigen; derbe Farben und Formen zu einer praktischen Intimität vereint. Eine änßerstz graziöse Führung der Linie ist Bogclcr eigen. Mit subtilster Arbeit malt er eine Hecke z. B., jedes Zweiglein, jede Knospe, und es kommt ei» graziöses Linicnspiel heraiis, dessen Reichtum erfreut. Daß aber Vogeler auch den einfachen Natureindruck kräftig wiedergeben kann, das zeugt sein„Heideweg" mit den blauen, weißiimränderlen Wolken am Himmel, ein Bild von herrlicher Frische. Vogeler ist der eigenartigste der Worpsweder Maler. Wie sein und eigenartig ist z. B. der rote Kakadu vor hellem, geöffnetem Fenster, bei dem ein heller, gelber Blütenstrauß in braunem, japanischem Korb steht. Vogeler ist nicht so an die Landschaft gebunden, wie die anderen Maler. Die Natur ist ihm Anregung, aber nicht Vorbild. Seine Phantasie gibt ein Mehr hinzu. Dadurch kommt er unwillkürlich zu einer dekorativen Stili- sierung, die viel Intimes, Eigenes hat. Hygienisches. Nichtraucher 4. Klassel Für diese notwendige gesund- heitliche Forderung tritt nachdrücklich ein Auffatz im„Ncrturarzt" ein. Die Zustände in den Wagen 4. Klasse sprechen tatsächlich dem sonst mit so großem Aufwand an Gold, Autoritäten und Speziali- täten in Heilsystemen und Heilmitteln betriebenen Kampfe gegen die Volksseuchen direkt Hohn. Wenn es auch besser geworden ist mit der Lüftungsmöglichkeit dieser Wagen, so herrscht doch in ihnen oft ein unerträglicher Dunst. Man bedenke, daß in ihnen oft bis zu 50 Menschen, verstaut zwischen großen Reisegepäck- -stücken, sich stundenlang aufhalten müssen und daß in diese durch Atmung. Ausdünstung und alle möglichen Gerüche schon verdorbene Stickluft oft noch einige Dutzend Männer dicke Tabakswolken hinein- blasen. Kränkliche Personen, z. B. Lungenleidende, auch Kinder können in solcher Luft sehr leicht schver geschädigt werden. Ja, sie werden es nur zu oft, denn heftige Hustenanfälle von Lungen� kranken und schwere Katarrhe sind häufig die Folgen solcher Reisen. Darum ist die Forderung von N ichtrau che rabteilun gen für die 4. Klasse unbedingt ebenso berechtigt wie für die anderen Klassen. Es handelt sich hier zugleich um eine wichtige Phase des Kampfes gegen die Volksseuchen, wie auch der hygienischen Erziehung breiter Volksschichten,, wenn endlich auch in der 4. Klasse die Inschrift „Rauchen verboten" in der Hälfte aller Wagen angebracht wird.— Notizen. — Im Goethe-Verein spricht am Sonntag, den 16. Dez., nachmittags S'/o Uhr. im Saale der Sezession, Kurfürstendamm 203/9, Dr. A. C. Kalischer über: Beethoven. Gesang: Betsy Scbot. Ferner gelangen verschiedene Klaviersonaten Beethovens zum Vor- trag. Eintrittskarten(60 und 30 Pf.) bei Wertheim. Leipzigerstraße, bei'Plotbow, Kantstr. 21, und Sonntags an der Kasse der Sezession von 2 Uhr ab. — Ein historischesKonzert mit historischen Instrumenten veranstaltete die in München im vorigen Jahr gegründete„ Deutsche Vereinigung für a l t e M u s i k" am Mittwoch im B e ch- st e i n s a a l. Werke von Dietrich Buxtehude(1637—1707), dem Vor- läufer Bachs und von Bach selbst und von Gaßmann und Stamitz (1717—1757) von eigenem Reiz. Die Viola dämore und die Viola da Gamba, die älteren Formen der Violine»md des Violoncello und dazu der bald an Harfen bald an Schlagzeug erinnernde Kielflügel (Cembalo) wirkten wundersam zusammen. Zum Gesang scheint das Cembalo weniger zu passen. — Aus dem Lande der U 11 berechenbarkeiten. Der Zeitschrift„K u n st u. K ü n st l e r" ist eine seltsame Mär zugegangen. Sie behauptet allen Ernstes: „Alfred Messel— der Erbauer des Wertheimschen Warenhauses— ist vom Kaiser auserschen worden. Baumeister der zunächst geplanten neuen Museen zu werden. Nach Tuaillon nun Messel. Sollte eine „glückliche Wendung" eintreten? Dann wäre noch Hoffnung für das neue Opernhaus, das Brandenburger Tor. Aber warum denn nich� zehn Jahre früher? Was alles hätte nicht verhindert werden können!" Ob ein Künstler wie Messel indessen sich zum Ausführer kaiser- licher Willensregungen hergibt, ist doch sehr die Frage. —©erhört Hauptmanns„Weber" in England. Die Londoner„Bühnengeselliihoft" bat im Scala-Theater eine Auf- fiihmng von Gerhart Hauptmanns„Webern" veranstaltet, zu der die Londoner Presse in ziemlich abweisender Form Stellimg nimmt. Während manche Blätter sich nur darüber lvundern, daß trotz der 43... redenden Personen so wenig Handlung in dem Stück ist. und eines sogar das Werk als eine' freilich nicht mehr aktuelle Seniations- dichtung in der Art von Upton Sinclairs„Sumpf" auffaßt, sind die „führenden Kritiker" der Ansicht, daß diese Aufführung nur historisches Interesse habe und daß das Stück„nur eine literarische Kuriosität, ein Dokument in der Geschichte des deutschen Dramas" sei.„Es ist ein Werk des doktrinären Naturalismus, in dem jeder Schein künstlerischer Absicht mit Bedacht vermieden ist," meint Archer. Der Kritiker des„Daily Telegraph" schreibt:„Das Werk ist ziellos und inkonsequent, weil der Autor kein Drama hat aufbauen können. sondern uns nur einen Ausschnitt des wirklichen Lebens von feiner Beobachtimg und großer Naturtreue gibt. Es ist in Wahrheit keines Künstlers Werk, sondern eines Photographen Werk. Abgesehen von der allgemeinen Idee des Leidens und Hungerns, die mit einer bei den abschreckendsten Einzelheiten niemals zitternden Hand gegeben wird, kommen wir wenig oder gar nicht weiter. Es sind lebendige Bilder des Lebens, die noch kein Drama ausmachen." Das englische Theater von heute ist so ziemlich das gleich- gültigste und fadeste auf der Welt. Daß die Kritik iu England auch nich! viel höher steht, verraten die Urteile über Hauptmanns Weber. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagZailstaltPaulSingcrScCo.,BerliilSW.