Anterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 243. Sonnabend den 15 Dezember. 1906 u] Der Sumpf. Roman von U p t o n Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. Im selben Augenblick ertönte auch eine Stimme von unten:„Ihr könnt's ruhig aufgeben. Es ist uns Ernst dies- mal." So standen sie davon ab, und einige Äugenblicke kamen mehrere Polizisten herauf, hierhin und dorthin blickend und ihre Opfer betrachtend. Die Männer wußten nicht, was sie anfangen sollten, und sie waren aufs äußerste erschrocken: die Dirnen aber nahmen die ganze Sache mehr als Spaß aus, gerade als ob sie daran gewöhnt wären. Im ersten Stockwerk saßen vier oder fünf andere Mädchen auf Koffern, die im Flur standen, und sie machten sich lustig über die Prozession, die an ihnen vorbeidefilierte. Sie waren fröhlich und guter Dinge— augenscheinlich waren sie be- trunken. Eine von ihnen, die ein hellrotes Neglig6 trug, rief und schrie mit einer Stimme, die allen anderen Lärm im Vorflur übertönte, und Jurgis, der ihrer plötzlich ansichtig wurde, rief entsetzt:„Marija!" Sie hörte ihn, schaute um sich, wich zurück und sprang auf vor Freude. Einige Sekunden standen sie sich sprachlos gegenüber.—„Wie kommst Du hier- her?" fragte Marija.—„Ich wollte Dich treffen."—„Aber wie wußtest Du denn, daß ich hier bin? Wer sagte es Dir?" —„Alena Iasaityte, die ich auf der Straße getroffen habe." Wieder sahen sie sich schweigend an. Ein Ruf von unten her schreckte sie auf:„Macht, daß Ihr Euch anzieht, Mädchen, und kommt herunter. Ihr tut gut daran, sofort anzufangen, sonst wird es Euch leid wn; es regnet gehörig draußen." „Komm," sagte Rdarija zu Jurgis und nahm ihn mit in ihr Zimmer, einen kleinen Raum mit einer Bettstelle darin und einenc Stuhl, einem Toilettentisch und einem Kleider- ständer. Alles mögliche lag auf dem Boden umhergestreut, überall die größte Unordnung: Puderdosen, Parfümflaschen zusammen mit Hüten: halbgeleerte Teller auf dem Tisch, ein paar Pantoffeln und eine Whiskyflasche lagen auf dem Stuhle. Marija trug nur ein Neglig� und Strüinpfe. Ungeniert zog sie sich vor Jurgis an, ohne die Tür zu schließen. Er hatte inzwischen erraten, was es für ein Haus sei, in dem er sich befand, denn seit er von Haus fort war. hatte er ein gut Teil der Welt gesehen, nahm nicht leicht an etwas Anstoß— und doch berührte es ihn peinlich, als Marija sich ohne weiteres vor ihm anzog. Äber dann lachte er über sich selbst. Was tvar denn er, daß er Anstand beanspruchen könnte?„Seit wann bist Du denn hier?" fragte Jurgis.—„Beinahe ein Jahr," antwortete sie.—„Warum kamst Du aber hierher?" —„Weil ich leben mußte," sagte sie.„Ich kann die Kinder doch nicht verhungern lassen."— Er schwieg einen Moment und beobachtete sie scharf.„Konntest Du denn keine Arbeit finden?" fragte er schließlich.—„Ich wurde krank, und mein Geld war alle. Bald darauf starb auch Stanislovas."— „Stanislovas tot?" fragte Jurgis erstaunt.„Woran starb er denn?"—„Die Natten töteten ihn," antwortete sie kalt. Sie bückte sich, um sich die Schuhe zu schnüren, als sie so sprach. „Er arbeitete zuletzt in einer Oelfabrik: wenigstens war er von den Leuten daselbst angestellt, um ihnen Bier zu holen. Offenbar trank er manchmal davon, und eines Tages trank er eben zu viel, schlief in einer Ecke ein, und da ihn niemand im Hause vermutete, schlössen sie ihn während der Nacht ein und fanden ihn am anderen Morgen tot. Die Ratten hatten ihn getötet und beinahe aufgefressen." Jurgis saß da starr vor Schrecken. Marija schnürte sich noch immer die Schuhe zu. Plötzlich aber kam ein dicker Polizist an die Tür.—„Macht, daß Ihr endlich fertig werdet." „Sind die übrige» alle noch am Leben?" fragte Jurgis. —„Ja."—„Wo sind sie denn?"—„Sie wohnen nicht weit von hier, c« geht ihnen jetzt allen gut." „Arbeiten sie?" fragte Jurgis.—„Elzbieta arbeitet, wenn sie kann," sagte Marija,„ich nehme mich ihrer die meiste Zeit an, ich verdiene jetzt eine Masse Geld." Jurgis schwieg einen Augenblick.„Wissen sie denn, daß Tu hier bist?"—„Elzbieta weiß es, ich konnte sie nicht an- lügen. Ich brauche mich deshalb nicht zu schämen, wir kösinen es nicht ändern."-—„Und Tamoszius, weiß er's?"— Marija zuckte die Achseln.„Was weiß ich," sagte sie,„ich habe ihn über ein Jahr nicht mehr gesehen. Er bekam Blut» Vergiftung und verlor dadurch einen Finger. Er mußte deshalb das Violinjpielen aufgeben und ging weg." Marija stand vor dem Spiegel, um ihr Kleid zu schließen. Jurgis saß neben ihr, sie traurig anblickend. Er konnte kaum glauben, daß sie noch dieselbe war, die er in seinen früheren Tagen gekannt hatte. Sic war so kalt, so herzlos. „Wo bist Du all die Zeit gewesen?" fragte sie.—„Ueberau, ich habe mich umgetan, aber vergebens. Dann ging ich gerade vor dem Streik nach den Bichplätzen zurück." Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann zögernd fort:„Ich fragte nach Dir. erfuhr aber, daß Du weggegangen wärest, und niemand wußte, wohin. Vielleicht glaubst Du, ich habe Dir einen niederträchtigen Streich spielen wollen, indem ich Dich einfach im Stiche ließ, Marija?" „Nein," anttvortete sie,„ich kann Dir's nicht verdenken. Wir haben es Dir auch nie übel genommen. Wir waren zu unwissend, das war der Fehler. Wir haben nicht jede Ge- legenhcit benützt. Wenn ich damals gewußt hätte, was ich jetzt weiß, würden wir unser Ziel schon erreicht haben."— „Tu würdest hier hergegangen sein?" fragte Jurgis.—„Jawohl," antwortete Marija:„aber das ist es nicht, was ich meine, ich denke dabei an Dich und daran, wie anders Du Dich dann Ona gegenüber benommen haben würdest." Jurgis schwieg. An diese Auslegung hatte er nie gedacht. „Wenn jemand am Verhungern ist, so sollte er alles, was von Wert ist, verkaufen," sagte sie:»ich glaube. Du er- kennst diese Wahrheit nun an, da es zu spät ist. Ona hätte am Ansang für uns alle sorgen können." „Ich— ja, fast glaube ich es," antwortete Jurgis zögernd. Er erwähnte nicht, daß er die Befriedigung, Philip Connor zum zweitenmal niedergeschlagen zu haben, mit seiner Stellung eines Vorarbeiters und 300 Dollar Geldbuße bezahlt hatte.. �. Der Polizist kam wieder an die Tür:„Kommt jetzt end- lich, schnell."—„Schon gut," sagte Marija, nach ihrem Hut greifend, der groß war und mit langen Straußenfedern garniert war. Sie ging hinaus, von Jurgis gefolgt. „Was wird nun aus uns?" fragte Jurgis, als sie die Treppe hinabgingen.—„Aus uns Ueberfallcnen, meinst Du? O, niucks,— das passiert häufig, ab und zu. Die Besitzerinnen haben manchmal Streitigkeiten mit der Polizei. Aber es kann sein, daß sie schon vor dem nächsten Morgen zu einer Einigung kommen. Auf jeden Fall werden sie Dir nichts anhaben. Tie Männer werden immer freigelassen." —„Kann sein," antwortete Jurgis,„aber nicht ich,— ich fürchte, ich werde diesmal gut aufgehoben."—„Wie meinst Du das?"—„Ich werde von der Polizei gesucht." sagte er, seine Stimme dämpfend. „Sie werden mich ein oder zwei Jahre einstecken, fürchte ich."—„Hölle!" sagte Marija.„Das ist schlimm. Ich werde sehen, was ich für Dich tun kann, Dich loszukriegen." Unten, wo der größere Teil der Gefangenen bereits bei- sammen war, suchte Marija die dicke Besitzerin mit den Diamant-Ohrringen auf und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Diese näherte sich darauf dem Polizeisergeanten des Zuges.„Billy," sagte sie, auf Jurgis deutend,„hier ist einer, der nur kam. um seine Schwester zu sehen. Den kannst Du wohl laufen lassen?" Der Sergeant lachte, als er Jurgis ansah.„Tut mir leid, mein Befehl gehl dahin, alles mit Ausnahnie der Dienstboten mitzunehmen." So schlich Jurgis sich unter die anderen Männer, die sich hintereinander zu verbergen suchten wie Schafe, die den Wolf gerochen hatten. Alte und junge waren darunter, sogar Schuljungen noch und Granbärte, die die Großväter der Jungen hätten sein können. Als die Zahl voll war, wurden die Türen geöffnet, und die Gefangenen wanderten hinaus. Drei Gefangenwagen waren aufgefahren: und die ganze Nachbarschaft war versammelt, um sich den Spaß unter Johlen und Lachen anzusehen. Alles reckte die Hälse. Sie wurden in zwei Wagen zusammen- gepackt, und fort ging's unter allgemeinem Hallo. Auf der Polizeistation gab Jurgis einen polnischen Namen an und wurde mit einem halben Dutzend anderer in eine Zelle ge- sperrt. Furgis hatte in den tiefsten Abgrund namenlosen Elends geschaut und war durch diesen Anblick an Erkenntnis ge- Wachsen. Und doch, wenn er die ganze Menschheit für gemein und ruchlos hielt, schloß er doch seine eigene Familie, die er stets geliebt hatte, aus. Und nun diese fürchterliche Ent- deckung— Marija eine Hure. Und Elzbieta und die Kinder lebten von ihrem Sündenlohn. Jurgis konnte diesen Plötz- lichen Schlag nicht überwinden und versank in tiefe Traurig- keit. Sein Innerstes war aufgewühlt, Erinnerungen wurden wieder in ihm wachgerufen, dre er längst für tot hielt. Er- innerungen an sein früheres Leben— seine alten Hoffnungen, sein altes Sehnen, seine alten Träume von Wohlanständigkeit und Unabhängigkeit. Wieder sah er Ona vor sich und hörte ihre sanfte Stimme. Er sah den kleinen Antanas, aus dem er einen rechten Mann hatte machen wollen, wieder vor Augen. Er sah seinen alten zitternden Vater, der sie mit seiner nie versiegenden Liebe segnete. Cr lebte wieder jenen fürchter- lichen Tag durch, an dem er Onas Schande entdeckte— heiliger Gott, was hatte er alles gelitten, was für ein Wahn- sinniger war er gewesen. Wie anders erschien ihm jetzt all das Vergangene. Und heute nun hatte er dagesessen und hatte zugchört, halb in Uebcreinstimmung, als Marijck ihm sagte. daß er die Ehre seiner Frau hätte verkaufen sollen, um davon zu leben. Und dann Stanislovas, welch fürchterliches Ende hatte er gefunden,— jene kurze Geschichte, die Marija so ohne Anteilnahme erzählt hatte. Alle diese seelischen Erregungen waren Jurgis nun fremd geworden, es war so lange her, daß sie ihn quälten, und er hatte aufgehört zu denken, daß sie ihn nochmals quälen würden. Hillflos, gefangen, wie er war, was nützten sie ihm, warum hatte er ihnen je erlaubt, ihn zu stören. ES war ja die Aufgabe seines gegenwärtigen Lebens, sie niederzuhalten, sie aus dem Herzen herauszureißen. Sie würden wieder in Vergessenheit untertauchen— und so würde der letzte schwache Funke seiner Mannesehre erlöschen. 28. Nach dem Frühstück wurde Jurgis nach dem Gerichtshof gebracht, der schon angefüllt war von den anderen Gefangenen und von einer nach Neuigkeiten lüfternen Menge, aber auch von solchen, die in der Hoftnung kamen, vielleicht irgend jemanden zu erkennen und dadurch Gelegenheit für Er- Pressungen zu erhalten. Die Männer wurden zuerst vor» gerufen und alle zusanimen streng ermahnt und dann ent- lassen, nur Jurgis wurde als sehr verdächtig erscheinend be- sonders aufgerufen. Es war dasselbe Gerichtszimmer, in dem er verhört wurde, als seinerzeit sein Urteil aufgehoben wurde. Da war noch der gleiche Richter und derselbe Gerichtsschreiber: der letztere starrte Jurgis an, aber der Richter hegte keinen Verdacht, denn seine Gedanken waren gerade mit einer Telephon-Nachricht beschäftigt, die ihm über den Fall„Polly Simpson", die Besitzerin des Hauses, Auskunft geben sollte. Mittlerweile hörte er aber doch auf die Geschichte, wie Jurgis nach seiner Schwester gesucht habe, und er gab ihm den trockenen Rat. ihr einen anderen Platz zu verschaffen. Tann wurde Jurgis entlassen. Tie Mädchen mußten jede 3 Dollar Strafe bezahlen, Madame Polly beglich aber den ganzen Be- trag. Jurgis wartete draußen und ging mit Marija nach Hause. Tie Polizei hatte kaum das Haus verlassen, und schon waren wieder einige Besucher da. Am Abend ging das 'Geschäft wieder flott, als ob nichts passiert wäre Inzwischen nahm chn Marija mit in ihr Zimmer. Sie setzten sich und schwatzten. Bei Tageslicht konnte Jurgis nun beobachten. daß ihre Wangen nicht die alte natürliche, von Gesundheit strotzende Farbe hatten. „Bist Du krank?" fragte er.„Krank?" sagte sie.„Zur Hölle!(Sie hatte seitdem wie ein Fuhrknccht fluchen gelernt.) Wie kann ich gesund sein bei diesem Leben?"— Für einen Augenblick schwieg sie, ihr trauriges Leben ülerdenkend.„Das Morphium macht's," sagte sie schließlich.„Ich scheine jeden Tag mehr davon zu gebrauchen."—„Wozu denn?" fragte er.—„Es beruhigt mich, ich weiß nicht warum. Und wenn dies nicht wirkt, so tut's das Trinken. Wenn die Mädchen nicht trinken würden, so könnten sie das Leben nicht aus- halten. Die Besitzerin des Hauses gibt den Mädchen, wenn sie zuerst kommen, immer stark berauschende Mittel. So ge- wöhnen sie sich daran und nehmen sie schließlich bei jeder Ge- legenheit." „Wie lange willst Dil hier bleiben?" fragte er.—„Vermutlich für immer, was kann ich denn sonst tun?"—„Kannst Du Dir denn nichts auf die Seite legen?"—„Ersparen?" sagte Marija.„Du lieber Himmel, wie denn? Ich verdiene genug, das ist richtig, aber alles geht wieder flöten. Ich er- halte halben Anteil, zwei und einen halben Dollar für jeden Kunden, und manchmal verdiene ich 25 bis 30 Dollar in einer Nacht. Aber dann wird mir mein Zimmer und das Essen mit Preisen berechnet, die Du Dir nicht träumen läßt. Und dann die tausenderlei Kleinigkeiten, Getränke usw. Denn alles, auch das geringste wird notiert. Meine Rechnung für Wäsche beträgt allein 20 Dollar jede Woche— denke Dir. Alles, was ich erübrigen kann, sind 13 Dollar die Woche, die ich an Elzbieta sende, um die Kinder zur Schule schicken zu können." Marija verharrte eine Weile in brütendem Schweigen; dann, als sie merkte, daß Jurgis Interesse zeigte, fuhr sie fort:„Auf diese Weise halten sie die Mädchen, sie lassen sie sich erst in Schulden stürzen, damit sie nicht wieder loskommen können. Ein junges Mädchen, das vom Ausland kommt, kein Wort Englisch versteht und in ein solches Haus gerät, ist ver- loren. Oft wissen die Mädchen, die sich zuerst nur zur Haus- arbeit verdingen, nicht einmal, wohin sie geraten sind. Hast Du die kleine Französin mit dem blonden Haar bemerkt, die neben mir stand?" Jurgis nickte bejahend.—„Gut, sie kani vor ungefähr einem Jahr nach Amerika. Sie war Lageristin und sie wurde von einem Manne für eine hiesige Fabrik engagiert, mit noch sechs anderen. Alle kamen in ein Haus weiter unten in unserer Straße, und dieses Mädchen»vurde allein in ein Zimmer eingeschlossen. Sie gaben ihr ein Be- täubungsmittel ins Essen, und als sie wieder erwachte, fand sie. daß sie entehrt sei. Sie jammerte und schrie, raufte sich das Haar, aber sie hatte nichts, um sich anzuziehen und weg- zugehen. Zehn Monate wurde sie in diesem Hause gefangen gehalten, kam nie heraus; dann sandten sie das bedauerns- werte Geschöpf wieder fort, weil es ihnen nicht zu Willen sein wollte. Ich vermute, sie werden sie auch von hier bald ent- fernen, sie bekommt von dem vielen Absynthtrinken Wahn- finnsanfälle. Nur eines der Mädchen, die mit ihr hierher- kamen, befreite sich wieder. Sie sprang ei /»es Nachts aus dem zweiten Stock." „Es wird viel Geld in diesem Geschäft verdient," fuhr Marija fort:„sie bezahlen gegen 40 Dollar für ein Mädchen, und sie bringen sie von überall her. Siebzehn sind hier in diesem Hause, und davon neun auS verschiedenen Ländern. An manchen Plätzen kannst Dir noch mehr finden. Französinnen sind vielleicht die schlimmsten von allen. Aus- genommen die Japanerinnen. Gleich nebenan ist ein HauS voll dieser schlitzäugigen Weiber, aber ich möchte wahrhaftig nicht dort fein." (Fortsetzung folgt.) Sines GeifterKelcKwörers letzte Inspiration. von Knud RaSmusse n.*) lSchluß.) Wieder ertönte die Trommel drinnen im Hause, und rings- herum standen die Leute in stummem Lauschen. Bald jedoch mischte sich ein Gesumme zwischen das Trommelschlagen, und langssn, aber mächtig schwoll die Stimme des Alten an; laut und eintönig erklang schließlich der Geistergesang aus der Hütte heraus. Kale faß oben auf dem Hausdach und ward mehr und mehr ergriffen; unwillkürlich stimmte er mit ein. anfangs bloß summend. Die anderen alle standen stumm und unbeweglich und blickten zum Hause empor, aus dem der Lärm drang. Da hört plötzlich der Gesang auf; bloß die Trommel schlägt ein rascheres und immer rascheres Tcmpo an. Der alte Sagllork hebt an zu stöhnen, als unterläge er einem schweren Gewicht, das ihm beinahe den Atem benähme. Und mit einem Male stößt er«inen wilden Schrei aus, daß sich den Zuhörern die Gesichter in Angst zu- sammenziehen. „Au au! ES ist unmöglich! Ich unterliege k Er liegt auf mir! Hilf mir! Ich bin zu schwach, ich bewältige es nicht!" Und das Schreien, das einem aufrichtigen Entsetzen entsteigt, erstirbt in einem kremkhaften Schluchzen. Die Trommel aber rührt sich wilder und wilder! Der alte Kale oben auf dem Haus- dach hat Tränen in den Augen und hebt an, aus vollem Halse eine Geisterweise zv singen. „Eile Dich, Setz' Deine Kräfte ein!" brüllt Sorkrark voller Spannung nach dem Hause hinauf. Dann schweigt die Trommel einen Augenblick, und Totenstille herrscht im Hause. Die Spannung unter den Zuhörern wächst. Bald jedoch ergreift der alte Sagdlork wiederum seine Trommel, und nach ein paar ein- leitenden Schlägen auf das Fell ruft er mit einer Stimme so stark, als käme fie aus einem Paar jugendlicher Lungen:.Böses Schicksal— unheilbringender Geist— weihe Männer"— die Worte kamen stoßweise, ohne Zusammenhang und brachten auch die ge» wollte mystische Wirkung hervor. Man wartete gespannt auf die Fortsetzung, allein die Worte wurden von einem langgezogenen, klagenden Stöhnen unterbrochen. Kale schrie sich heiser an seiner Geisterweise, und Sorkrark fuhr fort mit seinen Zurufen. Es war. als empfinge Sagdlork seine Worte von weit her, als balgte er sich mit einem unsichtbaren Wesen. Dann kam wieder ein langes Geheul, und nun, als die Spannung ihren Höhepunkt erreicht, rief Sagdlork den ganzen Satz hinaus. Es gab einen förmlichen Ruck in den Leuten, da fie es hörten:„Die weißen Männer brachten das böse Geschick mit sich, sie führten einen unheilbringenden Geist mit fich. Ich sah ihn selbst, Lug ist nicht in meiner Rede; ich lüge nicht, ich bin kein Lügner. Ich sah es selbst." Gabriel, der Grönländer, ward weiß im Geficht bei diesen Worten:„Er meint unsl" flüsterte er; .er tut uns ein Leid an." Und alle Zuhörer blickten auf uns. Sagdlork erklärte nun, wir seien unterwegs dem bösen Schicksal in Gestalt eines Geistes begegnet, und dieser habe Harald Moltkes(Teilnehmer der Expedition) Schlitten gestreift; deshalb sei er erkrankt. Uns anderen waren nur die Hunde angesteckt worden, und deshalb war die Hundeseuche ausgebrochen. Seine Auseinandersetzung war schwer zu verstehen, da er häufig eine besondere Geistersprache anwendete und seine Rede des öfteren durch Geheul unterbrach. Er konnte mitten im Wort abbrechen und schloß ohne Nachsatz mit fürchterlichem Spektakel; es tönte, als wäre das Haus voller Menschen, die zusammen rängen und unter seltsamen Schlägen stöhnten. Kale saß nun bloß da und wiederholte die Satzstummel seines Lehrers: er war heiser vom Singen. Sorkrark jedoch, der alte Bärenjäger, war unermüdlich in seinen Zurufen:.Eile Dich! Eile Dich!" Aber erst, als der Alte wie gewöhnlich die Spannung auf den höchsten Punkt hinaufgeschraubt, brachte er seine Er- klärung vor, langsam und angestrengt, als entrisse er jedes einzelne Wort einem unfichtbaren Geiste. Die weißen Männer hatten die Krankheit gebracht, doch sollten nur die Hunde krank werden. Kein Mensch durfte deshalb Hunde- fleisch effen. „Hat Mikisork(.die Kleine", das war seine Frau) Hunde- fleisch gegessen?" „Hat Mikisork Hundefleisch gegessen?" rief Kale herunter. .Mikisork, hast Du Hundefleisch gegessen?" fragte Sorkrark fie. Die Worte gingen von Mund zu Mund. Der Sohn, Agpaliguark, beugte sich über seine kranke Mutter, und diese nickte.—„Ja, ganz wenig, ich hatte solches Verlangen nach Hundefleisch I" antwortete die Frau.—„Sie hat Hundefleisch ge- tostet I" wiederholte Kale vom HauSdach zum Fenster hinein. Da ertönte ein wildes Geheul aus dem Innern des Hauses, und die Trommel kam wieder in Gang. „Thu— Thu— Thu!" wiederholte es fich ins Unendliche und mit merkwürdiger Gewalt. Es war wie das Prusten einer ganzen Lokomotive. Sagdlork befand sich in voller Ekstase; der alte gicht- kranke Mann sprang auf der Diele herum gleich einem verwundeten Tier. Die Augen hatte er geschlossen und bewegte Kopf und Rumpf in seltsamen Windungen im Takte der Trommel. Dann stieß der alte Geisterbeschwöreer ein langes Geheul aus mit eigen- tümlichen Beiklängen. Es war, als mischte sich Menschenlachen mitten in seine Klage; dann erstarb alles in einem stillen Schluchzen; seine Frau war nicht zu retten! Da gingen denn die Leute auseinander und nahmen ihre Arbeit wieder auf, und bald hatte sich der Platz wiederum mit frohen, lachenden Menschen gefüllt. Der Gedanke, daß der große Sommer nahte, drang durch alle Kümmernisse durch, wer mochte da noch weiter den Warnungen eines alten Geisterbeschwörers nachsinnen. Sorkrark war der einzige, welcher bekümmert dreinschaute. „Sagdlork wird alt," sagte er zu mir.„Sagdlork ist machtlos. Seine Frau muß sterben!" Das war Sagdlorks letzte große Inspiration; seine Frau starb, als der Sommer kam. Kurz nachdem fie beigesetzt war. erzählten sich die Leute. Sagdlork wolle sein Zelt nicht mehr verlassen. Niemand könne ihn dazu bringen, daß er esse, und auch zu sprechen hätte er sich ge- weigert. Da ging ich hinunter, nach ihm zu sehen. Er saß zu- sammengekauert drinnen auf seiner Pritsche und war schon merk- würdig gelb geworden im Gesicht. Seine wunden Augenlider bluteten. Als ich eintrat, gab er mir mit einer Handbewcgung zu verstehen, ich sollte mich setzen; und zwischen beständigen Husten- anfüllen erklärte er:„Du bist ein Fremder, zu Dir rede ich gern. Ich handle wie ich handle weil das Leben nicht mehr gut ist für mich. Ich bin zu alt, um allein zu sein. Sie, die während vieler Jahre meine Kleider in Ordnung hielt und mir das Mahl be- rettete, sie ist tot. In den vielen Jahren habe ich mich gewöhnt, mit ihr zusammen zu leben, und darum ist es am besten, wenn ich ihr folge." Still ging ich meines Weges, ich wollte nicht stören, und ich besuchte ihn nicht mehr. Landsleute kamen und brachten ihm Speise, die sie in seinem Zelt hinterließen. Keiner hörte ihn mehr sprechen. Der alt" Sagdlork hungerte sich zu Tode; neben seiner Leiche aber lag�.j alle jene Fleischgaben, die seine Landsleute dem letzten ihre.? Stammes, der ihrer Väter Weisheit ererbt, dargebracht hatten. Kleines Feuilleton. Die Geschichte einer Ktinstlermedaille. Aus Paris schreib! man uns: Eine Verhandlung, die am Dienstag vor dem hiesigen Zivilgericht stattfand, hat einen interessanten Einblick in die Ge- Heimnisse des bourgeoisen Kunstbetriebes eröffnet. Ein reicher Häuserspekulant, der plötzlich das Bedürfnis empfand, seine Bildung durch den Besitz einer Gemäldegalerie zu beweisen, er» warb bei einem renommierten Kunsthändler öv Bilder. Unter den Kunstwerken, die natürlich das Signum von Meistern trugen. die auf der bürgerlichen Kunstbörse hoch im Kurs stehen, befanden sich auch zwei:„Gottesdienst bei Hofe" und„Richelieu, den König erwartend", die die Unterschrift des Modemalers Roybet trugen. Als der glückliche neue Besitzer die erworbenen Schätze seinen Freunden zeigte, erklärte einer von ihnen, die beiden RoydetS hätten ehedem nicht zwei, sondern nur ein einziges Gemälde ge- bildet und es habe der Name Frederic Humberts, des Gatten der berühmten Therese, darauf gestanden. Der bestürzte Mäcen forschte nach und siehe da: sein Freund hatte recht gehabt. Der illustrierte Katalog des Salon von 1890 führte das Wert unter dem Namen„Ludwig Xlll. und Fräulein von Hautefort" an, und Frederic Humbert war als Autor genannt. Der Käufer der zwei aus jenem entstandenen Werke erhob Klage gegen den Händler. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet und zuerst, wie natürlich, Herr Roybel vernommen. Und dieser erklärte: Die Bilder seien wirklich sein Werk, obzwar fie unter dem Namen Frederic Humberts ausgestellt worden seien! AIS Erklärung fügte er hinzu: Im Jahre 1890 habe Therese Humbert, deren Gatten er schon längere Zeit Malstunden gegeben habe, ihm gebeten, er möge Frederic, der viel Aerger bei den Wahlen gehabt hätte, zum Trost Aufnahme in den Salon verschaffen. Als Honorar wurden 199(XX) Frank versprochen. Der edle Herr Roybet, Offizier der Ehrenlegion, ging auf den Handel ein. Frederic Humbert lieferte den Titel und eine Art Skizze, das übrige besorgte Roybet. DaS Bild erhielt den dritten Preis. Die 100(XX) Frank aber teilten das Schicksal der ganzen Crawfordschen Erbschaft, d. h. fie traten nie in die Wirklichkeit. Nach dem Zusammenbruch der Humbert» schen Herrlichkeit erwarb der renommierte Kunsthändler in der Versteigerung das Bild um 6000 Frank. Er trug es zu Roybet, der es zerschnitt und etwas retouchierte, wofür er 6000 Frank bekam. Außerdem wurde zwischen dem Paar ausgemacht, daß bei einem Verkauf der Profit geteilt werden sollte. Die ztvci Bilder wurden dem biederen Bildungsprotzen mit 106000 Frank aus, gehängt. Herr Roybet aber meinte, er habe sich nur für die Nicht- bezahlung der 100 000 Frank schadlos halten wollen. Auch fügte er zu seiner Entlastung hinzu, daß er damals, als sein Bild aus- gezeichnet wurde, nicht Preisrichter gewesen sei, was aber doch nur Zufall, nicht sein Verdienst ist.— War aber das Bild am Ende nicht doch ein wirklicher Humbert? Wenn man Frederic Humbert glauben darf, hat ihm Roybet nur einige Ratschläge gegeben und einige Retouchen vorgenommen, jedoch alles übrige sei fein Werk. Wer sind also die wirklichen Betrüger? Der Kunst- Händler und Roybet, die einen Humbert als einen Roybet ver- kaufen, oder Humbert und Roybet, die einen Roybet als einen Humbert in die Ausstellung geschmuggelt haben? Man sieht. Herr Roybet bleibt in jeder Kombination. Jedenfalls aber ist aus der Historie dieses Hiswrienbildes zu ersehen, daß in der Bourgeois- kultur auch die Welt des„schönen Scheins" von der Atmosphäre einer unschönen Wirklichkeit eingehüllt ist. Musik. Seit einigen Jahren erleben wir eine lebhafte Wiedererweckung der Bühnenwerke des französischen Komponisten Jacques Offen- bach. Seine bedutendste Schüffung.„Hoffmanns Erzählungen", hat sich bei uns neuerdings fest eingebürgert. Seine desonders reizvollen Einakter wurden vor wenigen Jahren auf einer Neben- bühne des„Kroll" hervorgezogen, und lvohl noch manche von uns erinnern sich der freundlichen Eindrücke von damals, zumal der feinsinnigen Klavierbegleitung Robert Erben's. Und nun hat unsere„K o m i s ch e O p e r" am Donnerstag die bor gerade vierzig Jahren in Paris herausgekommene„Buffo-Oper"(wie diese „Komische Operette" jetzt heißt)„Pariser Leben" in einer Neueinrichtung aufgeführt. Fragt man, warum gerade unsere Zeit so gern auf diese spezifische Erscheinung der Pariser Theater» geschichte zurückgreift, so findet man den Grund bielleicht in einer gemeinsamen Weltstimmung, die aus Philistrosität und Zynismus, aus Moralisierung und Unmoral ein stets widerspruchsvolles Ge- bilde wuchern läßt. Von solcher Art ist denn auch jenes Werk. Die Geschichte von dem schwedischen Baron, der sich in Paris amü« sieren tvill, ohne daß seine Frau es merkt, und von dem Lebemann, der die Baronin an sich ziehen möchte und dabei daS Opfer der Verwickelungen wird, verdient jedenfalls keine eingehende Bericht, erstattung. Die Musik ist echter Offenbach, zwar nicht auf der Höhe vog „HoffmannS Erzählungen", aber doch schon elwas mehr an unsere „Fledermaus" erinnernd, als es die allbekannten mythologischen Posien tun. Die Melodien sind nicht nur wohllautende Sanges- toeisen: vielmehr enthalten sie in ihrer koketten Srifhcit und in anderen derartigen Eigenschaften oft eine hochgesteigerte Charak- terisicrung. Dabei abir kann einem die nachlässige Mache des Ganzen, zumal die of« wie Metronomschlagc lvirkende Einförmig- keit der Begleitung im Orchester, Trauer über die Vergeudung von Reichtum erwecken. Ein Finale wie das zehnstimmige vom dritten Akt verdient alle Beachtung. Die Direktion der..Komischen Oper" betont immer mehr die eine von ihren anfänglichen guten Seiten: die Inszenierung und Regie, und wird immer gleichgültiger gegen die andere von jenen Seiten: gegen die Gesangsleistungen. Diesmal waren auhcr Ludwig M a n t l e r kaum noch irgend welche Gesangskräfte als solche zu rühmen; dagegen gab es darstellerisch manches Wertvolle, insbesondere von Jsabelle l'H u i l l i e r. Derartiges mutz eben in allererster Reihe Sangeskunst und auch Orchesterkunft sein. Was nachher kommt, kann zur Hauptsache doch nur aus Kosten des Gesamteindruckes gemacht werden, und schlictzlich leidet er selber Schaden. Das ewige Hasten der Regie nach ausgesuchten Spitz- findigkeiten bringt einen eigentümlich zappeligen Charakter in die Aufführung hinein, und das Publikum wird endlich auch gegen alle Jnszenierungs- und Kostümicrungsreize abgestumpft werden. Am ehesten fruchtbar scheint uns die individualisierende Behand- lung der Chöre zu sein. sz. Physiologisches. Die Wirkungen„m ä tz i g e n Trinken s". Bis vor wenigen Jahren Mutzte man sehr wenig Bestimmtes über die Wirkungen des„mähigen" Trinkens. Selbst Mediziner teilten den allgemeinen Glauben,, datz Alkohol„in vernünftigen Mengen genossen" keinem Mensche» schadet. Man stützte sich auf allgemeine Erfahrungen, auf die ungefähre Beobachtung von kaum besonders dazu befähigten Leuten. Datz man sich aber in der Trinkfrage einer Täuschung hingegeben hat, ist das Ergebnis einer umfassenden Reihe von Untersuchungen und Erhebungen, die von der amcrika- nischen„Gesellschaft der Fünfzig" angestellt worden sind. Diese Gesellschaft bildete sich zu dem Zweck, die Trinksragen in allen ihren Beziehungen zu prüfen, in ihren moralischen, wirtschaftlichen physiologischen Wirkungen. Die physiologische Untersuchung wurde einer Subkommission von Aerztcn anvertraut; die Ergebnisse, zu denen sie gelangt sind, beruhen auf de» zuverlässigsten Auskünften. Man hat die physiologische, die pharmakologische und die pathologische Wirkung des Alkohols untersucht. Von allgemeinem Interesse ist besonders die physiologische Wirkung, die jeden betrifft. Schärft der Alkohol in kleinen Mengen den Geist, oder bewirkt er das Gegenteil? Erhöht oder verringert er die Muskelkraft und die Arbeitsleistung? Verscheucht er die Müdigkeit oder hilft er einer' Person, der Krankheit zu widerstehen? Der mätzige Trinker wird mit Schrecken hören, datz diese Gelehrten, die ohne jedes Vorurteil an ihre Untersuchung herangegangen sind, festgestellt haben, datz selbst eine halbe Flasche Wein oder zwei bis drei Schluck Whisky auf den Trinker einen schädlichen Einflutz ausüben. Seine Leistung als Künstler oder Geschäftsmann, als Handwerker oder gewöhnlicher Arbeiter wird durch jeden Trunk beeinträchtigt. Die Untersuchung hat ergeben, datz der weit verbreitete Glauben, Weine und Spirituosen regen Herz und Geist an, augenscheinlich unbegründet ist. Die verschiedenen Spirituosen sollten auch verschiedene Wirkungen haben. Diese Theorien werden von der Kommission jedoch verworfen. Der Trinker kann nicht durch die Wahl der Ge- tränke die Krankheit vermeiden, zu der er besonders neigt. Die besten Spirituosen sind ebenso schädlich wie der schlechteste Kartoffel- spiritus, denn der Aethylalkohol ist das Schädliche daran, nicht Fuselöl und anderes. Die Kommission wollte folgende Fragen lösen:„1. Ist der regclmätzige Gebrauch einer Menge Wein, Bier oder Whisky der Erhaltung der Gesundheit und der Arbeits- kraft irgend einer Menschcnklasse förderlich? Wenn das der Fall ist, welcher Klasse und welche Durchschnittsmeugc ist nützlich? L. Wie grotz ist die Menge Wein, Bier oder Whisky, die der ge- sundc Durchschnittsmensch täglich zu sich nehmen darf, ohne seine Gesundheit zu schädigen? Acndert sie sich bei zunehmendem Alter, bei Wechsel der Beschäftigung oder des Klimas? 3. In welchem Matze erzeugt jedes alkoholische Getränk im gewöhnlichen Gebrauch, besonders Wein, Bier oder Whisky, Krankheiten und verkürzt das Leben-(in den Vereinigten Staaten)? 4. Welches sind die be- sonderen Formen der Krankheit, die jede Klasse Getränke erzeugt, und welchen besonderen, wesentlichen Bestandteilen des Getränkes sind diese besonderen Wirkungen zuzuschreiben?" Um das Material zur Beantwortung dieser Fragen zu erhalten, wurden Briefe an eine grotze Zahl von Hausärzten gesandt, die über die Trink- gewohnheiten ihrer Patienten über 30 Jahre und deren Gesundheit Auskunft geben sollten. Berichte von großen Krankenhäusern wurden mit denen von Privatärzten verglichen, es wurden Nach- richten von Irrenanstalten gesammelt und an sehr viele Männer, die geistig arbeiten, Fragebogen über die Wirkung des Alkohols auf ihre Arbeit geschickt. Fast alles, was an wissenschaftlichen Untersuchungen über die Trinkfrage geschrieben ist, wurde nach- geprüft. Aufschlüsse gab auch die Untersuchung körperlicher Organe nach dem Tode. Schlictzlich wurden eine Reihe von Versuchen aus- geführt, um die Wirkung gewöhnlicher Getränke, erst als ganzes genommen und dann die jedes ihrer wesentlichen Bestandteile, auf Gehirn, MuSkeln, Nerven, Leber, Magen und Nieren zu erproben. Gegen die Schlußfolgerungen, zu denen die Kommission auf Grund eines so umfassenden Materials gekommen ist, hat die Meinung des Durchschnittsmenschen wenig Gewicht, und wenn der mätzige Trinker sich sagt:„Mein Alkohol schadet mir gewiß nichts," so täuscht er sich nach den Ergebnissen dieser Untersuchung gründlich. Man hat öfter ein gewisses Matz von Alkohol, das unter allen Um- ständen sehr niedrig ist, feststellen wollen, das dem Körper bei regelmäßigem Genutz nicht schädlich werden könne. Die Kom- Mission tritt aber auch dieser Ansicht entgegen. Sie kommt auf Grund ihrer Untersuchungen zu folgenden sehr gemäßigten Schluß- sätzen:„Alkoholische Getränke in mätzigen Mengen können nützlich als Wiederbelebungsmittel bei Ermüdung nach getaner Arbeit sein, oder sie erzeugen oft eine erschöpfende und selbst schädliche Wirkung, wenn sie vor oder während körperlicher oder geistiger Arbeit gebraucht werden. Sie sind nutzlos als Vorbeugungsmittel gegen ansteckende oder Infektionskrankheiten, sie scheinen im Gegen- teil sogar die Kraft des Organismus in seinem Widerstande gegen die Wirkungen solcher Krankheiten zu schwächen.— Aus dem Tierlebe». Die EntWickelung des Aales. Joh. Schmidt hat, wie der„Globus" berichtet, die Richtigkeit der Annahme festgestellt, datz derAal nicht in solchen Meerestiefen geboren wird und sich zuLarven entwickelt, die den Küsten Nordeuropas näher liegen als die des Atlantischen Ozeans westlich von Großbritannien und Frankreich. Der Aalbestand von ganz Nordcuropa beruht also auf Brut, die von dort aus eingewandert ist. Wenn die Aallarven im Herbst draußen im Atlantischen Ozean zu Glasaalen geworden sind, ist es ihnen darum zu tun, die seichten Küstengewässer und das Süß- Wasser zu erreichen, an das ihr künftiges Leben bis zur Fort- pflanzungSpcriode gebunden ist. Schon Anfang November findet man dann auch im Atlantischen Ozean die zarte Aalbrut des fünften Stadiums auf der Wanderung nach den Küsten des nörd- lichen Westeuropas begriffen. Hier finden die meisten von ihnen Land, wo sie sich niederlassen können. Die Hauptmcnge der Aale West- und Nordwesteuropas laicht zu einigermaßen derselben Zeit des Jahres. Es steht auch fest, datz die kleinen Aale des sechsten Stadiums, die im Sonimer an den Küsten von Nordeuropa vor- kommen, beträchtlich mehr als ein Jahr alt sind, so daß es jeden» falls ganz ausgeschlossen ist, datz sie Nachkommen der im vorher- gegangenen Herbste ausgewanderten Aale sein könnten. Aus- uahmsweise können die Männchen des Aales auch in untiefem Wasser reif werden, wie an einem 1903 im Praestö Fjord in Dänemark gefangenen Exemplar nachgewiesen werden konnte. Der Aal ist übrigens nicht der einzige Fisch, dessen jüngere Stadien in großen Entfernungen von den Fortpflanzungsplätzen vorkommen. Massenhaft lassen sich Beispiele bei den wichtigsten Nutzfischen an- führen, so beim Dorsch in der Nähe von Island und dem südlichen Norwegen. Was beim Aale überrascht, ist sein Vermögen, unter Verhältnissen zu leben, die von denjenigen, unter denen er ge- boren wurde, durchaus verschieden sind, ebenso verschieden wie seichtes Süßwasser vom salzigen Wasser der atlantischen Meeres- tiefe. Der Aal ist ein echt atlantischer Tiefscefisch, wenigstens in biologischer Beziehung. Notizen. — Nationale Kunstzüchtung. Die Aufführung von Strauß'„Salome" soll in Budapest nicht verboten, sondern nur aufgeschoben sein. Grund: ein ungarischer Komponist möchte zuvor zu Worte kommen. Also eine Art Kunstquarantäne, um die lästige ausländische Konkurrenz fernzuhalten. — Fü r G o rki, dessen Drama„DicKinder der Sonne" vom Präfekteu von Neapel nicht zur Aufführung zugelassen wurde, hat sich in Neapel selbst ein Protestkomitee gebildet. Aut die Ein- ladung der sozialistischen Zeitung„Propaganda" hin versammelten sich Vertreter der Presse, der Arbcitsbörse, der Sozialdemokratie, Republikaner, Studenten und Russen und beschlossen, am nächsten Sonntag eine Protestversammlung abzuhalten und ein Manifest zu veröffentlichen. In Italien nimmt sich die Zarenkriecherei einiger- maßen grotesk aus. — Das„heilige HauS" von Loreto, das auf wundersame Weise von Engeln aus Palästina mitten»ach Italien hinein versetzt worden sein soll, ist in Gefahr, auch bei den Gläubigen seinen Nimbus zu verlieren und als Produkt frommen Betruges und Aberglaubens aufgedeckt zu werden. Kalholischerseits ist eine Kommission zur Untersuchung eingesetzt. Zwischen den Halben und Ganzen hat sich darob eine nette Katzbalgerei entwickelt. Die„Köln. Volkszeituna" verteidigt das Recht der historischen Kritik gegen den päpstlich» offiziösen„Osservatore Romano" und wehrt sich dagegen, allen frommen Aberglauben und Kirchenmärchcn aufrecht erhalten zu müssen. Als od es in dem Genre auf das Mehr oder Weniger an» käme l Perantwortl. Redakteur: HauS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagSanstalt Paul Singer LcCo., Berlin 2 W.