Zlnterhallungsklatt des Horwärts Nr. 245 Mittwoch � den 19 Dezember. 1906 � Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair. Autorisierte llebersetzung. „Aber vielleicht ist die Mandschurei Euren Blicken zu weit entfernt— kommt mit mir hierher nach Chicago. Hier in dieser Stadt find heute nacht zehntausend Mädchen in un- reinen Häusern eingesperrt, die vom Hunger getrieben ihren Körper verkaufen. Und wir wissen es und treiben unseren Spaß damit. Und diese unglücklichen Geschöpfe tragen die Züge Eurer Mütter, sie können Eure Schwestern, Eure Töchter sein. Das Kind, dessen lachende Augen Euch am Morgen grüßen werden, mag vielleicht einmal demselben Schicksal ent- gegensehen. Heute nacht sind in Chicago zehntausend Männer obdachlos, heruntergekommen, betteln um Arbeit und hungern doch, die Schrecknisse der fürchterlichen Winterkälte vor Augen. Hunderttausend Kinder mühen heute nacht ihre schwachen Kräfte ab und werden um ihre Jugend betrogen, nur um Brot �zu verdienen. Hunderttausend Mütter, die in Elend und Schmutz leben, nehmen den schrecklichen Kampf auf, um nur so viel zu verdienen, ihre Kleinen ernähren zu können. Da find Tausende von alten Leuten beiseite gestoßen und hülflos, die auf den Tod als einen Erlöser von ihren Qualen warten. Da sind eine Million Menschen— Männer, F sauen und Kinder,— die unter dem Joch der Lohnsslaverei seufzen. um nur so viel zu verdienen, daß sie davon ihr Leben fristen können— Menschenkinder, die bis ans Ende ihrer Tage ver- dämmt find zu eintönigem Leben voll Mühsal, Hunger und Elend, Schmutz und Krankheit, Unwissenheit, Trunkenkeit und Laster. Und dann wendet mit mir daS Bild um und blickt auf die andere Seite. Da sind tausend, vielleicht zehntausend, die die Herren dieser Sklaven sind, die den Lohn ihrer Mühsal ernten. Das. wovon sie leben, verdienen sie nicht. Ihre einzige Sorge besteht darin, das Geld auszugeben. Sie leben in Palästen, sie schwelgen in Genußsucht und Der- schwendung. wie Worte sie nicht beschreiben können. Sie geben Hunderte von Dollars für ein Paar Schuhe, ein Taschen- tuch, ein Strumpfband auZ, sie verschwenden Millionen für Pferde, Automobile und Dachten, Paläste und Festlichkeiten, für winzige Edelsteine, ihren Körper damit zu schmücken. Alles gehört ihnen. Der Farmer pflügt seinen Boden, der Bergmann wühlt in der Erde, der Weber sitzt hinter seinem Webstuhl, das Genie erfindet, der Kluge leitet, der Weise studiert— und alle Früchte dieser Arbeit des Gehirns, der Muskeln laufen in einem ununterbrochenen Strom zusammen, der da in den Schoß jener Leute fließt. Das ganze Heil der menschlichen Gesellschaft liegt in ihren Händen. Die ganze Arbeit der Welt hängt von ihnen ab, und gleich gierigen Wölfen schlingen sie alles in sich hinein. Dreht und wendet es, wie Ihr wollt, die Menschheit lebt und ssirbt für sie. Sie haben die Macht der Regierung gekaust, und überall benutzen sie die geraubte und gestohlene Macht, um ihre Privilegien fester zu umgrenzen, und die Kanäle zu vertiefen, durch die der Fluß des Gewinnes ihnen zuströmt. Und Ihr Arbeiter! Ihr sollt mir geboren werden, um immer nur an die Mühen des kommenden TageS zu denken? Ist hier unter Euch ein einziger, der glaubt, daß das für immer weitergehen darf? Daß die Ernte der Arbeit der Menschheit nicht auch der Menschheit gehören müsse, um ihren allgemeinen Zielen zu dienen? Daß sie nicht von dem Willen der Allgemeinheit gelenkt und geleitet werde? Wenn es aber nicht immer so bleiben sollte, wie es jetzt ist, welche Macht will denn die neuen Forderungen durchsetzen? Werden sich etwa Eure Herren dazu bequemen? glaubt Ihr, daß sie jemals den Frei- brief Eurer Freiheit schreiben werden? Werden sie ihren Reichtum anwenden, um Schulen für Eure Belehrung zu bauen? Werden Le in Zeitungen Eure Fortschritte hinaus- rufen in alle Welt, und werden sie politische Parteien für Eure Zwecke bilden? Könnt Ihr denn nicht einsehen, daß diese?lufgabe Eure herrlichste Aufgabe ist. die Ihr jemals ausführen dürstet? Könnt Ihr denn nicht begreifen, daß, wenn sie je zur Ausführung kommt, dies nur unter dem heftigen Widerstand der Reichen und Herrschenden geschehen wird, unter Schimpf, Haß und Verfolgung, unter der Peitsche und im Kerker? Das Ziel wird erkämpft werden mit dem Gelde, das der Hunger zusainmenscharrte, durch die Er- fahrungen, die dem Schlafe gestohlen sind, durch die Ge- danken, die sich unter dem Schatten des Galgens entwickelten." „Es wird eine Bewegung sein, die in der Tiefe ihren Anfang nimmt, ein scheues und verachtetes Ding, ver- abscheuenswert, den Ausdruck der Rache und des Hasses tragend. Aber es wird Euch Arbeiter, Euch Lohnsklaven, mit einer gebieterischen Stimmer rufen, der Ihr nickt entrinnen könnt, wo Ihr auch immer sein mögt, mit der Stimme alles des Unrechts, das Euch je zugefügt wurde, mit der Stimme Eurer Pflicht und Eurer Hoffnung. Die Stimme des Riesen Arbeit wird erschallen, verachtet, beschimpft und doch mächtig gigantisch. Ein Traum an Widerstand peitscht den Ar- beiter empor, Hoffnung kämpft in ihm mit Furcht, bis er plötzlich aufschnellt und ein Schrei sich seiner Kehle entringt, hörbar bis zum entferntesten Ende dieser Erde. Und imt Blitzesschnelle wird der Traum zur Wirklichkeit. Er regt sich, schnellt empor, und die Ketten liegen zerschmettert, die Fesseln fallen von ihm ab, er erhebt sich turmhoch, springt wie ein Gigant auf die Füße und schreit seine Freude in die Welt hinaus in unendlichem Frohlocken." Des Redners Stimme brach plötzlich ab, unter der Kraft seiner Gefühle. Er stand da, die Arme über sich ausgereckt, und die Macht seiner Vision schien ihm vom Boden empor- zubeben. Die Versammlung sprang auf mit einem wahren Beifallssturm, die Männer reckten ihre Arme laut lachend vor innerer Erregung. Und Jurgis war unter ihnen, er schrie aus vollem Halse, schrie, weil er sich nicht anders zu helfen wußte unter der Uebergewalt der in ihm aufgewühlten Ge« fühle. Das war mehr, als er ertragen konnte. Nicht allein des Mannes Worte, nein, seine bloße Gegenwart, seine Stimme mit seltsamer Betonung, die durch die Seele klang wie Glockengeläute, hob den Hörer mit kräftiger Hand und ließ ihn aufzucken wie unter einer Offenbarung überirdischer Dinge, über die er nie zuvor gesprochen hatte,— Dinge voller Weh und Schrecken. Weite Ausblicke eröffneten sich plötzlich vor den Augen Jurgis, während sein vergangenes trpuriges Leben wie ein Nebel verschwand. Er fühlte sich erhoben, ein Aufruhr und Zittern ging durch seinen Körper, er fühlte sich plötzlich nicht länger mehr als ein einfacher Mann. Mächte wachten in ihm auf, von denen er nie geträumt hatte, teuflische Kräfte stritten in ihm, und er saß da. überwältigt von Schmerz und Freuds. Alle seine alten Hoffnungen, sein alter Kummer, alle seine Wut stürzte auf einmal über ihn her und bewegte ihn in schier unbegreiflicher Weise. Daß er so gelitten hatte, war schlimm genug. Aber daß er dadurch ganz zugrunde ge- richtet und geschlagen sein sollte. daS war etwas, was ein menschlicher Geist nicht fassen konnte.„Was", sagt der Prophet,„ist der Mörder, der den Körper tötet, gegen den, der die Seele tötet?" Und Jurgis war ein Mann, deffen Seele getötet worden war, der aufgehört hatte zu hoffen und zu känipfen.— der mit der Verzweiflung längst abgeschlossen hatte. Und nun wurde ihm Plötzlich in erschütternder Er- rcgung alles klar. Er stand da mit aufgehobenen Händen, die Amgen blutunterlansen. die Adern traten ihm an den Schläfen hervor, und er schrie wie ein wildes Tier— rasend, toll. Und als er nicht mehr schreien konnte, stand er still da und flüsterte nur leise zu sich� selbst:„Bei Gott, bei Gott, bei Gott!" 29. Der Redner hatte sich in den Hintergrund der Tribüne zurückgezogen, und Jurgis bemerkte, daß seine Rede zu Ende war. Der Beifall dauerte wohl mehrere Minuten lang. Irgend jemand begann plötzlich einen Gesang, den die Menge aufnahni. Jurgis hatte ihn nie vorher gehört, und er konnte die Worte nicht ganz verstehen. Aber die wunderbare Melodie,— ihre Wildheit riß ihn mit � es war die Marseillaise. Als Vers auf Vers durch die Halle tönte, saß er still, die Hände gefaltet. Er zitterte durch alle Nerven. Er war in seineni ganzen Leben nie so erregt gewesen— ein Wunder war mit ihm geschehen. Die ganze Welt hatte sich für ihn verändert,— er war frei, frei. Er hatte nicht umsonst gelitten, er hatte nicht vergebens gedarbt und ge- hungert, er wußte, welche Erkenntnis er sich daimt errungen hatte�und trug es gern. Er würde nun nicht mehr langer der Spielball der Verhältnisse sein, er würde ein Mann sein, mit einem Willen, mit einem Zweck. Er würde jetzt etwas haben, für das er kämpfew für das er sterben kannte. Hier waren Männer, die ihn leiten und ihm helfen würden. Die Zuhörer setzten sich wieder. Auch Iurgis nahm seinen Platz ein. Ter Vorsitzende der Versammlung trat vor und begann zu sprechen. Seine Stimme klang dünn und un- bedeutend nach der vorhergehenden Rede, und Iurgis hielt seine Ansprache für eine Profanation. Der Vorsitzende er- klärte, daß eine Sammlung vorgenommen würde, um die Kosten der Versammlung zu bestreiten. Der Rest sei zugunsten' der Streikkasse der Partei. Iurgis hörte dies, aber da er keinen Pfennig zu geben hatte, wanderten seine Gedanken anderswo hin. Seine Augen blickten immer nur auf den Redner, der in seinem Lehnsessel saß. den Kopf auf die Hand gestützt, deut- liche Zeichen völliger Erschöpfung auf seinem Gesicht. Plötz- lich stand er aber von neuem auf, und Iurgis hörte den Vorsitzenden sagen, daß der Redner nun jede Frage, die aus der Versammlung an ihn gerichtet würde, beantworten würde. Ter Redner trat wieder an die Rampe der Tribüne, und eine Frau stand auf und tat eine Frage über Tolstoi. Iurgis hatte nie von Tolstoi gehött und kümmerte sich auch nicht darum. Warum sollte jemand nach solcher Rede mit nichtigen Dingen kommen? Es war Feit zu handeln, nicht zu schwatzen. Die anderen mußten der neuen Idee gewonnen werden, mußten aufgestachelt, organisiert und für den Kanipf vorbereitet werden. Aber die Diskussion ging weiter und brachte Iurgis wieder in Alltagsstinrmnng zurück. Als die Versamnilung ihr Ende erreicht hatte und die Menge die Halle zu verlassen begann, war Iurgis im Ungewissen darüber, was er tun wollte. Er hatte ganz vergessen, daß er gehen müsse, er hatte gedacht, daß er nun Freunde und Brüder gefunden habe. Aber nun konnte er gehen, und alles, was er gehört hatte, würde wieder verschwinden. Er saß noch immer auf seinem Stuhl, in Staunen versunken. Die anderen in seiner Reihe wollten jedoch heraus, und so mußte er aufstehen und gehen. Er war der Tür schon nahe, daß er die kühle Nacht- luft spürte, und Verzweiflung ergriff ihn wieder. Er wußte nicht das Geringste über das Thema der Rede, kannte selbst nicht den Namen des Redners und wollte schon weg- gehen— aber nein, nein, das war ja verkehrt, er mußte jemanden ansprechen, er mußte diesen Mann finden und ihm alles sagen. Der würde.ihn nicht verachten, wenn er auch ein Landstreicher war. So ging er eine leere Reihe von Stühlen hinauf und wartete, bis die Menge sich etwas verlaufen hatte, und dann ging er gegen die Tribüne vor. Ter Redner war bereits gegangen, aber eine Scitentür war offen, durch die das Volk aus- und einging, und kein Wächter stand davor. Iurgis nahm allen seinen Mut zusammen und ging hinein und einen Gang entlang, bis er vor die Tür eines Zimmers kam, in dem viele Leute gedrängt umherständen. Niemand be- achtete ihn, er drückte sich durch und sah in einer Ecke den Mann, den er suchte. Der Redner saß in einem Stuhl, die Schultern zusammengezogen, die Augen halb geschlossen. Sein Gesicht war gespenstisch bleich. Ein großer Mann mit einer Brille stand neben ihm und hielt die näherdrängende Menge zurück. Iurgis blieb eine Weile beobachtend stehen. Ab und zu sah der Redner auf, richtete ein paar Worte an einen der Umstehenden und blickte schließlich auf Iurgis, ihn gleichsam mit den Augen nach seinem Wunsche fragend. Iurgis faßte Mut und ging auf ihn zu. „Ich wollte Ihnen danken, Herr," begann er in atem- loser Hast,„ich konnte nicht weggehen, ohne Ihnen zu sagen, wie sehr— wie froh ich bin. Sie gehört zu haben."— Der große Mann mit der Brille, der weggegangen war, kam in diesem Augenblick zurück.„Unser Genosse ist zu müde, um mit jemandem zu sprechen," begann er, aber der andere winkte mit der Hand.—„Warte," sagte er,„er hat mir etwas zu sagen," und er sah in Iurgis Gesicht.„Ihr wollt mehr über den Sozialismus hören?" fragte er.—„Ich— ich," stammelte Iurgis,«ist es Sozialismus? Ich wußte es nicht. Ich möchte gern mehr davon wissen— ich möchte helfen. Ich habe alles das durchgemacht."—„Wo wohnt Ihr?" fragte der andere.—„Ich habe kein Heim," sagte Iurgis,„ich bin arbeitslos."—„Ihr seid ein Fremder, nicht wahr?" „Aus L!.hauen, Hcrt.?— Der Mann dachte einen Augenblick nach und wandte sich an seinen Freund.„Wer ist dort, Walters?" fragte er.„Ist Ostrinski nicht hier— ist er nicht ein Pole?"—„Ostrinski spricht lithauisch," sagte der andere.„Gut denn, würdest Du so freundlich sein und sehen, ob er noch da ist?" Ter andere sah nach, und der Redner sah wieder auf Iurgis. Er hatte tiefe schwarze Augen und ein Gesicht voller Güte.„Ihr müßt mich entschuldigen, Genosse," sagte er. „Ich bin etwas ermattet— ich sprach während dieses Monats jeden Tag. Ich werde Euch jemand vorstellen, der Euch ebensogut helfen kann wie ich."— Der Bote kam zurück, gefolgt von einem Mann, der Iurgis als„Genosse Ostrinski" vorgestellt wurde. Ostrinski war ein kleiner Mann, war schmalwangig und hatte das Gesicht voller Falten, war häßlich und leicht gelähmt. Er hatte einen langen schwarzen Rock an, der an den Säumen und an den Knopflöchern stark ab- getragen war. Sein Händedruck war herzlich, und er sprach lithauisch. Das wärmte Iurgis auf.—„Du willst mehr über Sozialismus wissen?" sagte er.„Gewiß, laß uns gehen und einen Spaziergang machen, wo wir ruhig plaudern können." Iurgis sagte dem Redner des Abends Lebewohl und ging. Auf Wunsch des anderen erzählte er seine Geschichte, wie er nach Amerika gekommen war und was ihm überall passiert war in den Schlächthäusern, wie seine Familie zu- gründe gerichtet wurde und wie er ein Landstreicher geworden war. So wenig der kleine Mann auch nur erfahren hatte, er drückte Iurgis Arm und meinte:„Du hast die Blühen des Lebens durchgemacht. Du hast sie kennen gelernt. Wir werden einen Streiter aus Dir machen." Ostrinski klärte nun Iurgis über seine häuslichen Verhältnisse auf. Er würde Iurgis ge- beten haben, zu ihm zu kommen, aber er hatte nur zwei Zimmer und konnte ihm kein Bett anbieten. Er würde ihm sein eigenes gegeben haben, aber seine Frau sei krank. Späterhin erfuhr er, daß Iurgis sonst in einem Torweg zu schlafen haben werde, bot Ostrinski ihm den Boden seiner Küche an, was der andere mit Dank annahm. Ostrinskis Heim lag im Ghctto-Distrikt. Er hatte zwei Zimmer im Parterre. Ein Kind weinte leise, als sie eintraten, und Ostrinski schloß die Tür, die nach dem Schlafzimmer führte. Er habe drei kleine Kinder, das letzte sei erst vor kurzem angekommen. Die Hälfte der Küche nahm ein Arbeitstisch ein, auf dem Kleider aufgehäuft lagen, und Ostrinski sagte, daß er Schneider wäre und Hosen fertig mache. Er brachte große Bündel Kleidungsstücke nach Haus, die er und seine Frau dann verarbeiteten. Er konnte davon leben, aber es wurde ihm immer schwerer, weil seine Augen immer mehr nachließen.„Was würde wohl kommen, wenn meine Augen nicht mehr sehen könnten," meinte Ostrinski.„Von Er- sparnissen�kann natürlich keine Rede sein. Bei zwölf- und vierzehnsriTndiger Arbeit pro Tag kann ein Mann gerade so viel verdienen, um leben zu können. Das Herstellen der Hosen verlangt ja keine besondere Geschicklichkeit, jedermann kann es machen, und so werden die Löhne immer schlechter. Die Arbeiter sind von der Arbeitsgelegenheit abhängig und unterbieten sich gegenseitig. Niemand kann mehr bekommen als der, der zum niedersten Lohn arbeitet. Auf diese Weise befinden sich die Leute fortwährend in einem Kampf auf Leben und Tod mit ihrer Armut. Das ist„Konkurrenz", soweit sie die Lohnarbeiter betrifft: dem Mann gegenüber aber, der uns nur ausbeutet, erscheint dieses Konkurrenz- system in wesentlich anderem Lichte. Es sind ihrer ja nur wenige, die vereinigt den Markt beherrschen, und ihre Macht ist nicht zu brechen. Und so geht das nun über die ganze Welt, überall gibt es zwei Klassen, die eine unüberbrückbare Kluft trennt: die Klasse der Kapitalisten mit ihrem enormen Vermögen und das Proletariat, in Sklavenketten gefesselt. Letztere stehen zu den erstcren im Verhältnis von tausend zu eins, aber sie sind unwissend lind hülflos, und sie sind der Gnade ihrer Ausbeuter überlassen, bis die Partei organisiert ist, bis sie ein„Klassenbewußtsein" bekommen. Es ist ein langwieriger Prozeß, aber es geht nun doch vorwärts, die Bewegung gleicht der Bewegung eines Gletschers— wenn er einmal im Gange ist, gibts kein Aufhalten mehr. Es spielt keine Rolle, ob ein Mann jetzt arm ist oder sehr gelitten haben mag— er kann nicht mehr unglücklich sein, da er nun weiß, welcher Zukunft er entgegengeht. Selbst wenn er es nicht mehr erlebt, haben seine Kinder Anteil daran, und für einen Sozialisten ist der Sieg seiner Partei auch sein Sieg. Auch mir ist das Anwachsen der Partei ein steter Ansporn. Pier in Chicago kommen sie in Massen zu uns. die Bewegung wächst zusehends. Chicago ist der Mittelpunkt der Industrie des ganzen Landes, und nirgends sind die Ge- werkschaften so stark. Aber ihre Organisation hat den Ar- beitern bis jetzt noch wenig Gutes gebracht, denn die Arbeit- geber haben sich ebenfalls zusammcngetan, und so gingen die Streiks bis jetzt gewöhnlich fehl. Sobald die Gewerkschaften aber zerschlittert sind, treten die Leute zu den Sozialisten über." Ostrinski erklärte die Organisation der Partei, die Methode, durch die sich das Proletariat selbst erzöge.„Ueber- all, in jeder grötzeren Stadt sind Lokalvereine, selbst in den kleinen Städten werden sie nun rasch organisiert. 1400 Lokalvereine existieren bis jetzt mit einer Gesamtmitgliederzahl von 23 000, die alle ihre Unterstützung beitragen zur Organi- sation." * s Fortsetzung folgt.) Gduard Engels Gerdnchtc der deutfehen Literatur. Von Ernst Kreowski. „Die Literawr-Geschichtswerke gehen dahin; die Literaturwerke bleiben", sagt Engel. Trotzdem versagte er sein zweibändiges Werk. lLeipzig und Wien 1900. G. Freitag u. F. TempSky.) Es wendet sich an die„Nichtwissenden". Es soll für sie als„Anregung und Wegeweisung zum eigenen Genutz der Literatnrwerke" dienen. Leider erreichen derartige Bücher diesen Zweck selten— fast nie. Das Gros der deutschen Leser ist gewohnt, nur gerade so viel„literarisches Wissen" aufzunehmen, als für seine gesellichaftliche„Bildung" not- wendig ist. Es schöpft gewiss«„Anregungen" weniger aus den Werken der Dichter selbst, als aus Literaturgeschichten, die ihm das„Wissenswerteste" darbieten. Diese letztere Absicht verfolgt auch Eduard Engel. Datz er Liebe fiir seinen Gegenstand mitbringt, wird niemand bestreiten. Nicht streng fachlicher Kritiker will er sein, nur kompetenter Vermittler. Nun ist es ja heutzutage , acht mehr schwer, eine Geschichte der deutschen Literatur, sagen wir bis auf das nachklassische Epigonenzeitalter, zu schreiben. Dies Riesenmatcrial liegt in lansendfacher und vielfältiger Sichtung und Bearbeitung da. Gründliche Belesenheit, gepaart mit sicherem Urteil und ungetrübtem Sehvermögen für das Vollwertige, ewig Dauernde oder zeitlich Gebundene vorausgesetzt, wird man wohl zu einer ab- geschlosienen Darstellung gelangen. Es dreht sich hierbei vornehm- lich um Wiederholung feftslehender Urteile, Berichtigung nicht mehr zeitgemätzer Anschauungen nach der Formel der heutigen Literatur- forschung solvie endlich um eine übersichtliche Gliederung des Stoffes. Da können wir fast überall mit Eduard Engels Auffassung und Darstellungsweise einverstanden sein. Mit vollem Recht verficht er den Standpunkt: Literaturgeschichte ist nickt Sittengericht. Sein Eintreten für Heine, um ein Beispiel anzusühren, wirkt wohltuend gerade in unseren Tagen, wo etil Herr Adolf Bartels im Narreugewand des„allteutschcn" Juden- freisers gegen den Dichter loszieht. Auch gegen Engels Meinung: datz es heute nicht mehr recht angehe. Heine für den grötzten Lyriker nach Goethe zu halten, ist vom literarästhetischen wie historischen Standpunkt aus nichts einzuwenden. Allzu engherzig urteilt Engels freilich über Heines soziale und politische Dicktungei!. Erblicken wir mit Recht in ihnen seine eigentliche dichterische Grötze, so findet er in den„wivigen Zeitgedichten viel Freches und Unsauberes". Ueberhanpt befleitzigt sich Engels gegenüber der sozialen Dichtung einer höchst einseitigen Auffassung. Entweder, er gleitet an ihr mit bedauernden, Achselzucken ohne Verweilen vorüber, oder er verbannt sie vom Tempel der Kunst schlechthin als„Tendenz- Poesie". Dagegen erhebt er, so oft sich hierzu Gelegenheit bietet, die.Vaterlandsdichtung" hoch auf den Schild. In die letzte Periode der deutschen Literatur hinübcrlcitend, bestreitet Engels zunächst, datz es wahr sei, datz die Dichtung nach 1870/71 völlig versagt habe. Zum Beweise des Gegen- teils führt er einige Schriften von Keller, Anzengruber, Burckhardt, Nietzsche und anderen an. deren Entstehung in jene Jahre fiele. Er vergitzt jedoch zu bemerken, datz jene Schriftsteller erst durch die Kämpfe des jüngsten Deutschlands in den achtziger Jahren beim Publikum allmählich Geltung gewannen. Am deutlichsten zeigt sich das bei Fontane, der nun erst als Romanschriftsteller Einfluh und Bedeutung erlangte. Der modernen Richtung bringt Engels diel Wohlwollen entgegen. Gleichwohl scheint er sich über die Ur- sacken des, mit M. G. Conrad zu reden.„literarischen Bauernkrieges" spießbürgerlicher Anschauung hinzugeben. Im patriotischen Taumel über die Macht und Herrlichkeit des geeinten Deutschland ist jene Bewegung gewiß nicht entstände». Das junge Geschlecht stand ja um 1870/71 noch im Kindesalter. Aber während es heranwuchs, sah es um sich her ein ganz anderes Zeitbild, als eS die Bäter in ihrer Jugend gesehen hatten. Man müßte hier die gesamte Entwickelung zum maschinelleu Großbetrieb beztv. die llin'.vandelung des kleinbürgerlichen Deuffchlands in ein großkapitalistisches und das Aufsteigen der um. die gleichen sozialen und politischen Rechte kämpfenden Arbeiterklasse aufrollen, um die Unterschiede vor nnd nach der famosen Errichtung des hohenzollernschen Kaisertums anzudeuten. Die Jungen waren dock aber die Sprößlinge des Bürgertums, dessen reifere Jahrgänge sich Anno 1848/1849 für Revolution mit Bairikaden und Stratzenkämpfen interessiert hatten. In ihren Schwaringeisteru lebten ähnliche Sehnsüchte auf. Aber weil sie zum verstockten Liberalisinus ihrer bürgerlichen Sippe keine gangbare Brücke finden konnten, so suchten sie ihr Heil bei der aufftrebenden Arbeiterklasse. Sie erschien ihnen als Siegfried; mit ihr hofften sie eine baldige Wiederholimg revolutionärer Stürme zu erleben. Daher der künstliche Anschluß der Jüngstdeutschen an das sozialistische Proletariat! Daher der Ansturm gegen die Literatur von„gestern". Und daher der sozialistische Anhauch jener Bewegung wie ihrer Erstlingsdichtung! Später— schon nach wenige:! Jahren— als die ideologischen Schwärmer einsahen, daß die Arbeiterschaft für Knabenspiele nicht zu haben war, und datz der Soztalisinus eine ernste Weltakischanung darstellt, deren Bekenntnis aber auch Opfer auferlegt, da retirierten sie sich fast alle zurück ins Bürgertum, um den reneiiden Anschluß nicht zu verlieren. Die Zickzacklinie der modernen Lileraturentwickclung durch allerlei„Ismen" ist ckarakte» ristisch für den etwas umständlichen Weg, der teils aus Koketterie, teils aus egoistischen Brotkorbinteresscn eingeschlagen wurde und natürlich auch die nieisten zum Ziele führte. Wollte Engel bei dem allem das ökonomische Moment nicht absichtlich übersehen, so hätte er statt einer gemeinplätzigen Be- irachlungsweise besser getan, sich aus S. Lublinskis„Bilanz der Moderne" Rat zu holen. Es ist nun fteilick leichter, von Modeliteratur zu reden. Wie aber diese„Moden" entstanden sein mögen aus rein malerialistischen Beweggründen, die allerdings durch scheinbare künst- lerische Enlwickelungsnolweudigkeiten sorgsam verhüllt wurde», das zu sagen bleibt Engel schuldig. Im ganzen beobachtet er zu der modernen Literatur seit 1880 bis jetzt den Standpunkt des objektiv scheinenden Historikers, der die Dinge nach ihrem effektiven Werte einschätzt— insoweit eben eine„geschichtliche Darstellung der Lite- ratur der Gegenwart überhaupt möglich ist." Er kommt dabei zu dem Ergebnis, datz die jüngstdeutsche Lyrik taffächlich den Vergleich mit der seit Goethe nicht zu scheuen habe, im Gegenteil reicher se� und weit über diese hinausstrebe. Als das beste am modernen Drama erachtet Engel: das eS das Publikum zum ernsteren Verstehen herangezogen habe; er bestreitet jedoch mit augenscheinlicher Berechtigung, datz eben jene Dichtung den Geschmack der Masse auf die Dauer wohl- tätig beeinflußt habe. Dieser Ansicht wäre allerdings entgegen gu halten, datz das Thcaterpublikum einer Großstadt wie Berlin m ewig fluktuierender Bewegung ist, und somit derlei Einflüsse sich nur schwer geltend machen können, oder erst uach langer, langer Zeit an die Oberfläche steigen. Mit der erzählenden Dichtung ist Engel am wenigsten zu- frieden. Er vermißt bei ihr„trotz aller Kenntnis der Kunstmittel des Romans" irgendwelche Fortschritte, und ist der Meinung, datz „die Ausübung der reinen Erzählungskunst in den letzten Jahrzehnten eher gelitten" habe. Sobald Engel die Be- rechtigung neuer ästhetischer Matzstäbe anerkennte, würde er einscbcn, datz er sich geirrt hat. Als bezeichnende Auswüchse der modernen Literatur in ihrer Gesamtheit unterstreicht er das„Getue" als einen„der schlimmsten KrankbeitS- keime neuerer Kunst, aber auch des Lebens." Ferner verurteilt er die Mode- und Fremdwörtersucht. Man wird ihm ironisch bei- pflichten dürfen. Aber nun möchte ich verschiedene andere, nicht im» wesentliche Ausstellungen an Engels Literaturgeschichte machen. Wohl ist es nicht möglich, datz jemand die literarische Gesamtproduktion der letzten zwei Jahrzehnte suach ziemlich genauer Berechnung etwa 3500 Erzählniigswcrke und jährlich 600 gedruckt vorliegende Dramen — die Lyrik zählt Legionen!) selbst gelesen haben könnte, ohne vorzeitig verrückt zu werden. Man wird also auch nicht gleich ein Vcrdammnisurteil fällen, weil dieser oder jener be- denkendere Autor zugunsten kleinerer oder gar kleinster Talente übergangen wurde. Solche Unterlassungssünden lassen sich ja leicht bei eiyer Ncnaufloge des Werkes gm machen. So vermisse ich eine spezielle EiubezieHnilg der österreichischen und süddeutschen Dialektlnerarur. Vor allem fehlt R i ch a r d Breden- b r ü ck e r. Bei anderen Autoren ist aus totaler Unkenntnis ein un- zulängliches, ja vollkommen verkehrtes Verdikt über deren dichterische Lebensleistung abgegeben. Heinrich von Reder zum Beispiel gehört zu den Alrinüiichener„Krokodilen". Es geht nicht an, blotz seine Beziehungen zum Kreise der Miiiichener„Modernen" lose zu erwähnen und dann an einer lyrischen Gelegenheitsblüte den Dichter als das„männliche Pendant zur Grotzmeisterin unfreiwilliger Komik: der schlesischen Sängerin Friederike Kempner" hinzustellen. Reders Schöpslingen wären Herrn Engel leicht zugänglich gewesen. Dessen herrliches Epos:„Wotans Heer" habe ich und mit mir andere sJuliuS Grosse) bei seinem Erscheinen vor nun 14 Jahren als ein Nationalepos von wahrhaft hoher bleibender Bedeutung be- zeichnet. Und daß Neder ferner unter die grötzten Balladen« dichter gehört, das sollte, meine ich, einem Literaturhistoriker immer- hin bekannt sein. Andere Irrtümer sind u. a. folgende: Halbe ist in West-, nicht in Ostpreußen geboren. Der Schweizer Heer heißt nicht Gustav, sondern Jaköb. V a n i- a ist'war 1905 wahnsinnig geworden,*-6t aber meines Wissens noch. I n l i u S s Grand, Franz Held, Georg Schau mberg, M i n n a j K a u t s k y, um nur einige zu nennen, und unser Rodert Schweichel fehlen ganz. Und hier will ich denn endlidi auf den Kardinalfehler des Engclichen Werkes hinweisen. Sckweichel durfte Herr Engel nicht iiberieheu! Ader gerade darin, o a ß er es �etan, erblicke ich seinen etwas philiströs eingeengten Standpunkt. Die Anmerkung über die s o z i a l i st ii cb e Arbeiterdichtung ist voll rührend naiver Unkennliiis. Es werden einige Namen genannt: Hasencleoer, Mar Kegel, E r n st Preczang und Jakob A u 0 o r f. Bei Erwähl.. ,ng der „Arbeiterinarseillaiie" belustigt es Engel, dag Audors.zu Arbciiern von Phalanx" spreche. Es ist nun mal so; dem willigen Verständnis sozialistisch aufgeklärter Arbeiter darf ein Schriftsteller mehr zumuten, als geschniegelten Bourgeoissödneit, sogar mehr, als sich ein deutscher Literaturhistoriograph träumen läßt! Wollte Engel über sozialistische Dichtung reden, dann hätte er auch manche andere Namen nennen müssen. Beim Kapitel: Geschichtsschreibung sind fast alle neueren sozialistilcheu Autoren ausgefallen! Aber Eduard Engel wollte eine.Geschichte der deutschen Literatur" für da» liebe Bürgertum schreiben. Diese Absicht und wohl auch«in wenig Beklemmung, um nur ja nicht in den Geruch sozialistischer Arbeiterfreuiidlichkeit zu kommen, legten vorsichtige Beichräiikuiig auf. Engels Literaturgeschichte ist also auch wieder nicht das Werk, das vollkontmen befriedigte. Sozialistbche Leser vor allem werden gut tun. es nur mit gebotener kritischer Reserve zu benutzen. kleines Feuilleton. Literarisches. Iligcndschriften. Erfreulicherweise hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis im Proletariat mehr und mehr verbleitet, datz der Jugendschriftensrage eine hohe Bedeutung be'zuineiien sei. Im grogen und ganzen hat man sich freilich begnügen müssen, die dankenswerte Vorarbeit der Hamburger und sonstige» Jugend- schristenausschüsse zu benutzen und für die Verbreitung ihres Ber- zeichnisseS, das nur in einigen Orten wie Nürnberg nachgeprüft n»d ergänzt wurde, nach Krä'len durch Wort u»d Schrift einzutreten. Die Erfolge find noch nicht allzu grotz, ader es ist immerhin Bleich« in die Borherrschaft deS nur scheinbar billiaen im» zudc.n in jeder Hinficht verwerflichen Grossobuches gelegt. Wir werden unsere Be- mühungen auch auf diesem Gebiete erweitern und vertiefe» müssen. Vor allem werden wir ein eigenes Verzeichnis schaffen müssen, daS der Mitarbeit aller derer bedarf, die hierzu die nötigen Erfahrungen und Kennmifie und obendrein künstlerischen Geschmack und pädagogisches En ip finde-, mitbringen. Wer selber mit Hand angelegt hat, wird die Schwierigkeiien nicht unterschätzen, die hierbei zu überwinden sind und sicher auch überwunden werden können. Heinrich Schulz beschäsiigt sich mit dieser Frage in der.Neuen Zeit". Er regt an. den Bildungsausschuh mit der Ausgabe zu betrauen, ein für unsere Ingen» geeignetes Verzeichnis empfehlenswerter Schriften auszuarbeiten, das alle nichrsoziaiistischen Tendenzschristen auZm-rzt. Wir können uns üi-mii einverstanden erklären. wenn da? Zentralkomitee sich auf die Vorarbeiten lokaler Ausschüsse stützen und deren Borschläge unter einen Hut zu bringen bat. Denn darum handelt eS sich in erster Linie überall, wo genügend geschulte sträfle vorhanden find, diese zu sammeln und die Arbeit in ihrem Kreise organisieren zu lassen. Der rein praktischen Tätigkeil muß sich von selber die sichtende eines Prüfungsausschusses zugejelleu, da überall über heimatliche und landsmamifwanluue Literatur, die in kein all- gemeines Verzeichnis paßt, zu entscheiden ist Je reichere Tätigkeit diese Einzelausichüsse entfalten, um 10 ergiebiger wird auch der Nnyen für die Gesamtheit sein. Vielleicht wird zwischen den ein- zelnen Ausschüssen auch eine Arbeitsteilung möglich sein, indem die eine mehr die Bilderbücher, die andere mehr die muurwisseuschaft- liche Literatur behandelt. Uebcr die Frage der Tendenz wird man sich leicht einigen. So wenig gegen eine von unserer Anschauung getragene, also letzten Endes sozialistische Jugendschrist einzuwenden ist, die nicht gemacht, sondern wie ein echtes Kunstwerk geschaffen ist, so sehr wird alles auszuscheiden sein, was nur die Löblichkert der Absicht auszeichnet. Züchten läßt sich keine sozialistische Jugend- literatur. Aber wir wollen die Augen aufmachen, ob sie irgendwo heranwächst und dem Kommenden die Wege ebnen. Dazu kann der Borschlag des Genossen Schulz die geeignete Grundlage abgeben.-r. Technisches. Wo? eine Kilowattstunde leisten kann. Ein Stadi-Elektriker einer englischen Stadt, Soughborough, hat unlängst eine kleine Liste veröffentlicht, um den Bcwohnent der Stadt vor Bugen zu führen, was eine Kilowattstunde Elektrizitä- alles leisten kann. Die Liste, die ja nur die Abficht verfolgt, möglichst viele neue Anschlüsse zu erzielen, ist in manchen Punkten vielleicht etwas anfechtbar, im großen ganzen aber recht geschickt zusammengestellt. Zur Beurteilung sei angeführt, daß der Preis für eine Kiloioatt- stunde in Berlin 40 Pf. für Licht- und lt> Pf. für Krastzwecke kostet. Eine Kilowattstunde kann nach dieser Zusammenstellung: 100 Meter Holzknüppel zersägen, 5000 Messer putzen, 25 Paar Schuhe putzen, 5 Pferde beschlagen. Die Lockenscherr ein ganzes Jahr lang täglich einmal. Sonntags sogar zweimal drei Minuten lang heiß halten. 1250 Abdrücke auf einer Druckerpresse liefern. Eine elektrische Glocke lOJahre belreiben. 30 Zylindcrbüte bügeln. 3000 Zigarren anzünden. 600 Liter Wasser auf eine Höhe von zirka 3 Meter heben. 3'/, Tonnen 25 Meter hoch in 4 Minuten heben. 3 elektrische Lichtbäder bereiten. Fünf« zehn Rippchen in t5 Minuten kochen. Eine Nähmaschine 21 Stunden betreiben. Eni elektrisches Klavier 10 Stunden spielen lasten. DaS Frühstück 5 Stunden lvarm hatten usw. Man sieht aus dieser Zusammenstellung jedenfalls, daß die Ausnutzung der Elektrizität im täglichen Leben des einzelnen un» begrenzte Möglichkeiten bietet. Ob aber diese Möglichkeiten bei den heutigen Preiien der Elektrizität und Installation von der großen Masie ausgenutzt werden können, ist eine andere Frage. Aus dem Gebiete der Chemie. Alkohol im Brot. Bon altcrsher wird, wenn Brot ge- backen werden soll, dem Teig eine Portion Hefe oder Bärme zu» gesetzt, und auch die Hausfrauen, die sich den Teig zu Feiertags» kuchen selost im Hanse herstellen, versäumen nicht. Bärme hinzuzu» tun. Der Zweck, den man dabei erreichen will, ist der, daß das Brot oder der Kuchen schön locker wird, während man ohne Bärme» zuiatz� eine feste. dicke und schwer verdauliche Speise erhalten würde. Die Bärme wirkt nun zu diesem Zweck in der Weise, wie sie eben nach ihrer Natnr wirken kann. Sie ist nämlich nicht« anderes, als eine Masie von Hefepilzen, und diese bewirken, wenn sie einer zuckerhalngen Substanz zugesetzt werden, eine Vergärung des Zuckers. Der Vorgang ist beim Teig genau der» selbe wie beim Bierbrauen, bei dem ja auch Hefe verwende: wird. Hier, wie beim Teig, zerlegt sich in Anwesenheit der Hefepilze der Zucker nach ganz bestimmten chemischen Gesetzen in Alkohol und Kohlensäure. Bei» B'er und übrigens auch beim Wein entweicht die Kohlensäure ziu» größten Teil, ein kleiner Teil bleibt im Getränk und verschafft ihm den eigenartig pikanten Geschmack, der entstandene Alkohol aber macht das Geiränk zum alkoholischen Trank. Der Teig wird durch die durch die Bärme hervorgerufene Kohlen» säure in der gewünschien Weis« aufgelockert, der Alkohol kann aber auch aus dem Teig nicht entweichen und selbst der strengste Alkoholgegner ist gezwungen, im Brot Alkohol zu sich zu nehmen. Allerdings ist die Menge Alkohol, die wir auf diese Weise uns zuführen, nicht gerade bedeutend. Vor kurze« wurden hierüber genauere Untersuchungen angestellt und sie ergaben, daß auf lOO Gramm Brot kaum ein Zehntel Gramm Alkohol ent» fällt: also berauscht kann man von dieser Menge nicht werden, aber immerhin genießen wir im Brot auch Alkohol.— Notizen. — Einige neue Jugend schriften sind noch kurz vor Weihnachten erschienen, zu spät, um in unsere Liste aufgenommen zu werden. Zwei gute Gaben kommen ans dem Norden. Eine stammt von der Norwegerin A. Gjems-Selmer, der wir cineS der besten Kinderbücher der letzten Jahre:„Die Doktorsfamilie im hohen Norden" verdanken. Das neu übersetzte Buch<. A l S Mutter klein war", Verlag Etzold u. Co., München, Preis in guter Ausstattung geb. 2 M.) ist eine Art Fortsetzung deS ersten. Die Mutter erzählt aus ihrer Jugend, voller Frische und An» schaulichkeit. Freilich es ist für das Arbeiterkind eine fremde Welt, die sich da austut, aber doch eine, in der echte Menschlichkeit zu Hause ist. Jnterepant ist der Versuch, das Wesen des Kunstwerkes dem Kinde nahe zu bringen. — Eine reiche volle Schöpfung der Phantasie und Ge- staltungskrast, die Natur, Tiere und Menschen belebt, ist Selm« Lagerlöfs:„Wunderbare Reife des kleinen Nils Holgersfon mit den Wildgänsen" �übersetzt aus dein Schwedischen. Verlag Albert Langen, München. Preis 4 M.> Die Abenteuer und Prüfungen dieses Bauernjungen, der in ein Wichtel« männchen verwandelt wurde und mit den Wildgänsen durch ganz Schweden reist, sind in diesem wundersamen Buche erzählt. Bisher liegt erst der erste Teil vor, und der ist bereits zu teuer für die Arbeiterfamilie. Herr Langen sollte eine billige Ausgabe der- anstalten. es würde sich lohnen. Andere Verleger tun das bereits alle Jahre nur guten Kinderbüchern, die sonst unerschwinglich sind. Schwedisches Land- und Tierleben ist mit den Augen des Dichter? geschaut, und doch ist eS alles im Bereich kindlicher Anschauung geblieben. Der Verlag der Deutschen Dichtergedächwisstiftung(Hamburg» Großborstel) endlich hat kurz vor Toresschluß noch ein Deutsche? Wcihnachtsbuch erscheinen lassen. Es ist eine Sammlung„der schönsten und beliebtesten Wcihnachtsdichtungen in Poesie und Prosa". Es kostet gebunden 2 M. Der stattliche Band will ein möglichst vollständiges Weihnachtsbuch sein, das„alle Erinnerungen, Hoff- nungen und Träume vom Advent bis zur Epiphania" enthalten soll. Reichhaltig und gut geordnet ist es in der Tat. Ob die Aiisivahl immer unseren Wünschen entspricht, läßt sich im Hand» umdrehen nicht entscheiden. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer Lc Co.. Berlin L>V.