Anterhaltungsblatt des Herwärts Nr. 248� Sonnabend, den 22� Dezember. 1906 591 Der Sumpf. Roman von Upton Sinclair. Autorisierte Uebersetzunb. Als Jurgis aus der Versammlung kam, händigte ihm jemand ein Blatt ein, das er nach Hause trug, um es zu lesen, und er wurde dadurch bekannt mit dem„Appeal to Iteasou"(Appell an die Vernunft). Vor ungefähr zwölf Jahren hatte ein Grundstücksspekulant in Äolorado die Ueberzeugung gewonnen, daß es unrecht sei, in den Not- tvendigkeiten für das menschliche Leben zu spekulieren. Er zog sich von seinem Geschäft zurück und begann mit der Herausgabe eines sozialistischen Wochenblattes. Es kam eine Zeit, wo er es selbst setzen mußte, aber er hielt aus, und nun war seine Zeitung ein großes Unternehmen. Er brauchte einen Waggon Papier jede Woche, und die Postzüge hatten Stunden zu warten, um alles für sein Geschäft in jener kleinen Kansas- stadt zu verladen. Es war ein vierseitiges Wochenblatt zum Preise von weniger als einem halben Cent, die Anzahl seiner regelmäßigen Subskription betrug aber über eine viertel Million. Es war durch alle Postämter Amerikas zu be- ziehen. Der„Appell" war ein Propagandablatt von besonderer Eigenart. Es war kräftig gewürzt in westlicher Weise und Tonart. Es sammelte Neuigkeiten über das Treiben der Plutokratie und tischte sie auf zum Nutzen des„amerikanischen Arbeitstieres". Nebeneinander in den Kolumnen stand: „Diamanten im Werte von Millionen von Dollars oder die Idee einer Dame der Gesellschaft zu einer Einrichtung für ihre Lieblingspudel" und daneben„Mrs. Murphey in San Franzisko, die in den Straßen verhungert ist", oder„John Robinson, der eben aus dem Hosvital entlassen wurde, hat sich in New Jork erhängt, weil er keine Arbeit finden konnte". Der„Appell" sammelte diese Elendsgeschichten aus den Tages- zeitungen und strich sie zu kurzen Notizen zusammen.„Drei Banken von Bungtown, South Dakota, verkracht, weitere Spargroschen der Arbeiter verloren."„Der Bürgermeister von Sandy Creek. Oklahoma, ist mit lOVOOO Dollar durchgebrannt. Das ist die Art zu regieren, die man von dieser Sorte lernen kann."„Der Präsident der Florida-Zlug- maschinenkompagnie ist wegen Bigamie eingesteckt worden. Er war immer ein scharfer Gegner des Sozialismus, der, wie er sagte, das Familienleben zertrümmern würde." Der„Appell" hatte, was man so sagt, seine Armee, ungefähr 30 000 jener Eifrigen, die ihn mit Stoff versahen und die er wiederum an- feuerte, in ihrer Mitarbeit auf der Höhe zu bleiben, gelegent- lich sogar durch eine Preiskonkurrenz für alles mögliche, von einer goldenen Uhr angefangen bis zu einer Privatjacht oder einer Farm von 80 Acker Land. Aber manchmal wieder war der„Appell" auch verteufelt ernst. Er sandte einen Korrespondenten nach Kolorado und brachte ganze Seiten über die Mißachtung der amerikanischen Gesetze in jenem Staat. In einer bestimmten Stadt des Landes hatte der„Appell" über 40 Soldaten seiner„Armee" in den Hauptguartieren des Telegraphentrusts, und keine Botschaften von Wichtigkeit für Sozialisten ging durch, ohne daß nicht ein Abzugs davon an den„Appell" gesandt wäre. Er druckte ganze Breitseiten während des Wahlkampfes, und ein Exemplar davon kam Jurgis in die Hände. Es enthielt ein Manifest an die Streikenden, das in den Industriezentren in mehr als einer Million Exemplaren der- breitet worden war.„Ihr habt den Streik verloren," war die Ueberschrift.„Was wollt Ihr nun anfangen?" Der Artikel war, was man einen„Brandartikel" nennt, geschrieben von einem Manne, dessen Seele von Eisen umschmiedet war. Als dieser Aufruf erschien, wurden 200 000 Exemplare davon nach den Schlachthofdistriktcn gesandt und dort hinter Zigarrenkisten in einem kleinen Laden verstaut, und jeden Abend und an Sonntagen nahmen die Mitglieder des Partei- Vereins von Packingtown ganze Arme voll und verteilten sie auf der Straße und in den Häusern. Die Leute von Pöcking- town hatten den Streik verloren, wie er nur je verloren werden konnte, und die Leute lasen daher die Blätter gern. 200 000 Exemplare genügten kaum. Jurgis hatte sich cnt- schlössen, nicht mehr in die Nähe seines alten Heims zu gehen: aber als er davon hörte, war es zu viel für ihn, und während einer ganzen Woche stieg er auf den Straßenbahnwagen und fuhr nach den Schlachthöfen und half eifrig mit bei der Pro- paganda, um zu büßen für seine Taten im vorigen Jahre. Es war ganz wunderbar zu sehen, welchen Unterschied zwölf Monate in Packingtown hervorgerufen hatten. Ten Leuten waren allmählich die Augen geöffnet worden. Die Sozialisten fegten förmlich alles vor sich her, und Scullhi war am Ende mit seinem Witz. Ganz kurz vor Schluß des Wahlkampfes kam ihnen zum Bewußtsein, daß der S treik von Negern gebrochen war, und so besorgten sie sich einen solchen Südkarolina-„Feuerfresser", den„Mistgabelsenator", wie sie ihn nannten, einen Mann, der seinen Rock abnahm, wenn er mit Arbeitern sprach, der schwor und fluchte wie ein Türke. Für diese Versammlung machten sie ausgiebige Reklame, und ebenso die Sozialisten, mit dem Erfolg, daß ungefähr tausend Zuhörer anwesend waren. Der„Mistgabel- senator" mußte ungefähr eine Stunde lang das Kreuzfeuer ihrer Fragen ertragen und ging dann voll?lcrger und Wider- willen weg. Der Schluß des Abends in der Versammlung war reinen Parteiangelegenheiten gewidmet. Jurgis sprang umher, winkte mit den Armen vor Aufregung, und auf dem Höhepunkt seiner Aufregung angelangt, machte er sich von seinen Freunden los, steuerte auf die Tribüne zu und schickte sich an, eine Rede zu halten. Der Senator hatte geleugnet, daß die demokratische Partei korrupt sei: die Republikaner sei-en es, die die Stimmen kauften, sagte er, und hier schrie Jurgis wütend:„Das ist eine Lüge, das ist eine Lüge!" Er fuhr fort zu erzählen, daß er es wissen müsse, denn die Demo- kraten hätten seine Stimme einst selbst gekauft. Er würde dem„Mistgabelsenator" seine Erfahrung ausführlich vor- getragen haben, hätten ihn nicht Adams und ein Freund am Kragen genommen und auf seinen Sitz zurückgeschafft. 31. Das erste, was Jurgis tat, als er eine Stellung ge- funden hatte, war, daß er Marija besuchte. Sie kam herunter in das Parterrezimmer des Hauses, um ihn dort zu sprechen. Er blieb an der Tür stehen: mit vor Freude strahlendem Ge- ficht verkündete er ihr:„Ich habe nun Arbeit gefunden, nun kannst Du wenigstens hier wegziehen." Aber Marija schüttelte den Kopf. Für sie sei alles vorbei, sagte sie: niemand würde sie anderswo anstellen. Sie könnte aus ihrer Vergangenheit doch kein Geheimnis machen. Andere Mädchen hätten es schon vor ihr versucht, aber vergebens. Tausend� von Männern kämen hierher, und früher oder später würde sie irgend einen treffen.„Und außerdem," fügte Marija hinzu,„bin ich zu nichts mehr nütze, habe keine Hoffnung mehr, denn ich nehme doch Morphium. Was könntest Du mit mir anfangen?" „Kannst Du's nicht lassen?" rief Jurgis.—„Nein," antwortete sie,„ich werde es immer wieder nehmen. Was nützt es. sich darüber aufzuregen? Ich werde vermutlich hier bleiben bis ich sterbe. Das ist alles, wozu ich noch tauge."— Mehr als das konnte Jurgis nicht aus ihr herausbringen, jeder weitere Versuch war verlorene Mühe. Als er ihr sagte, daß er Elzbicta nicht mehr gestatten würde, Geld von ihr anzunehmen, antwortete sie teilnahmlos:„Dann geht's hier drauf— das ist alles." Ihre Augenlider hingen schwer herab und ihr Gesicht war rot und geschwollen: er sah, daß er sie langweilte, daß sie ihn fortwünschte. So ging er schließ- lich. enttäuscht und traurig..,. Ter arme Jurgis war nicht sehr glücklich m seiner Häuslichkeit. Elzbieta war jetzt hiAlfig krank, und die Jungen waren wild und ungezogen und durch das Umhertrciben auf den Straßen schon verdorben. Aber er blieb trotzdem bei der Familie, sie erinnerte ihn an sein altes Glück: und wenn etwas schief ging, schöpfte er wieder neiien Mut, wenn er an die sozialistische Bewegung dachte und sich init ihr in Gedanken beschäftigte. Seit sein Leben durch diesen � großen Strom mitgerissen wurde, erschienen ihm die Tinge, die zuvor sein ganzes Leben ausfüllten, von verhältnismäßig geringer Wichtigkeit zu sein. Seine Interessen lagen jetzt wo anders — in der Welt seiner Ideale. Sein äußeres Leben gestaltete sich einfach und uninteressant, er war nur ein Hotelportier und beabsichtigte es zu bleiben, weil er seinen Unterhalt da- Lurch verdiente. Mer in seinen Gedanken stellte sein Leben ein ständiges Abenteuer dar. Es gab so viel zu lernen, so viel zu entdecken. Nie in seinem ganzen Leben vergaß Jurgis den Tag vor der Wahl, als eine Telephonnachricht von einem Freunde von Harry Adams kam, in der er ersuchte, Jurgis, den er kennen lernen möchte, mitzubringen. Jurgis ging und traf einen der führenden Geister der Bewegung. Diese Einladung ging aus von einem Manne namens Fisher in Chicago, einem Millionär, der sein Leben der Wohl- tätigkeit widmete und mitten im Armenviertel der Stadt ein kleines Haus besaß. Er gehörte nicht der Partei an, aber er sympathisierte mit ihr; urd er sagte, daß er für den Wend den Herausgeber einer großen Zeitschrift, zu Gast geladen habe, der gegen den Sozialismus wüte, aber offenbar nicht wüßte, um was es sich bei der ganzen Bewegung handle. Der Millionär schlug vor. daß Adams Jurgis mitbringen und daß sie dann das Thema über„Die Verfälschung der Lebens- mittel" aufnehmen sollten, an der der Redakteur ein lebhaftes Interesse hatte. Ioung Fishers Heim war ein kleines zwei- ftöckiges Backsteingebäude, schmutzig und vom Wetter mit- genommen, aber innen hübsch und anziehend eingerichtet. Es war eine kalte, regnerische Nacht und ein Holzstoß brannte im offenen Kamin. Sieben oder acht Leute standen umher. als Adams und sein Freund ankamen, und Jurgis sah zu feiner Enttäuschung, daß drei davon Damen waren. Er hatte nie zuvor zu Damen besserer Stände gesprochen, und er war ganz verlegen. Er stand im Torweg, den Hut fest in der Hand haltend, er machte einen tiefen Bückling vor jeder Person, als er vorgestellt wurde, und als er gebeten wurde, Platz zu nehmen, drückte er sich in eine dunkle Ecke und saß auf der Ecke eines Stuhles. Er war verlegen. Wenn sie nur nicht von ihm erwarteten, daß er sprechen werde! Außerdem waren da der Gastgeber, der ein großer, athletisch gebauter junger Mann in schwarzem Rock und weißer Binde war, der Redakteur, ein bleich aussehender Mann, Maynard mit Namen. Dann ferner die schwächliche junge Frau des ersteren und eine ältere Dame, die einen Kindergarten hielt, und eine junge Studentin, ein schönes, junges Mädchen mit ausdrucks- vollem, ernstem Gesicht. Sie sprach nur ein- oder zweimal, so lange Jurgis dort war. die ganze übrige Zeit saß sie am Tisch in der Mitte des Zimmers, ihren Kopf bisweilen in der Hand stützend. Zwei weitere Herren waren noch an- wesend. Er hörte sie Adams mit„Genosse" anreden und wußte dadurch, daß fie Sozialisten waren. Ter eine, mit Namen Lucas, war ein sanftmütig aus- sehender kleiner Mann, dessen Erscheinung an einen Geistlichen erinnerte. Er war früher auch ein Reiseprediger, wurde dann aber Prophet einer neuen Verkündigung. Er reiste im ganzen Lande umher, lebte gleich den alten Aposteln von der Gastfreundschaft, predigte an Straßenecken, wenn er keinen geschlossenen Raum finden konnte. Ter andere war mitten in einer Diskussion mit dem Redakteur, in der sie der Eintritt von Adams und Jurgis unterbrach, aber auf den Vorschlag des Gastgebers hin nahmen sie ihr Thema wieder auf. Jurgis saß bald sprachlos da, in der festen Ueberzeugung, daß dies sicher der feltsamste Mann sei, der je auf Erden gewandelt. Nicholas Schliemann war ein Schwede, groß und dürr, hatte behaarte Hände und einen struppigen Bart. Er hatte studiert und war Professor der Philosophie, bis er heraus- fand, wie er sagte, daß er auf bestem Wege war, seinen Charakter und seine Arbeitskraft zu verkaufen, llm sich davor zu bewahren, zog er nach Amerika, lebte dort in einem Stadt- viertel der Armut, in einer Dachstube, und gab sich mit Feuer- eifer seinen Studien hin. Er studierte die Zusammensetzung der Nahrungsmittel; er wußte genau, wieviel Protein und Kohlehydrate sein Körper benötigte und wußte es sich so ein- zurichten, daß er für Beköstigung nicht mehr wie 11 Cent pro Tag auszugeben brauchte, ohne Hunger zu leiden. Am 1. Juli verließ er alljährlich zu Fuß Chicago, und auf dem Lande half er bei der Ernte, verdiente zwei und einen halben Dollar den Tag und kehrte zurück mit dem Gelde in der Tasche, ungefähr 125 Dollar, genau so viel, wie er für ein ganzes Jahr brauchte. Das stellte nach seiner Meinung die äußerste Grenze menschlicher Unabhängigkeit dar, die ein Mann„unter dem Kapitalismus" erreichen könnte. Er würde nie heiraten, erklärte er, denn kein geschei.er Mann würde es sich gestatten, sich vor dem allgemeinen Aufstand zu verlieben. Er saß jetzt in einem großen Lehnstuhl, hatte die Beine übereinandergeschlagen und lehnte seinen Kopf so weit in den Schatten zurück, daß man nur seine zwei glühenden Augen sah, die die Glut seines Jn»rn widerspiegelten. Er sprach einfach und entscheidend, wie wenn er seinen Zuhörern einm Lehr- satz der Geometrie erläutern wolle; aber solche Vorschläge, wie er sie eben machte, würden gewöhnlichen Leuten das Haar zu Berge treiben. Und wenn der Zuhörer versichert hätte, so etwas nicht verstehen zu können, würde er fort- gefahren sein, ihm durch neue, noch erstaunlichere Ideen die nötige Erklärung zu geben. Jurgis verglich Dr. Schliemann mit einem Gewitter oder Erdbeben. Und doch, so seltsam es auch sein mag. bestand ein Band zwischen ihnen, und er konnte seinen Ausführungen bald die ganze Zeit über folgen. Nicholas Schliemann war mit dem ganzen Weltall ver- traut, und mit den Menschen selbst als einen geringen Teil davon. Er hatte die menschlichen Einrichtungen studiert und spielte mit ihnen wie mit Seifenblasen. Es war über- wältigend, daß so viel zerstörende Gewalt in einem einzigen Menschen stecken konnte. Was hieß denn überhaupt Re- gierung? Bestand nicht der Zweck der Regierung allein im Bewachen der Eigentumsrechte, im Fortbestand alter Gewalt und modernen Betrugs? Oder was stellte die Heirat vor? Heirat und Prostitution waren die zwei Seiten eines Schildes. befriedigten beide nur des raubsüchtigen Mannes Lüsternheit nach geschlechtlichem Vergnügen. Der Unterschied zwischen ihnen war nur ein Klassenunterschied.„Wenn eine Frau Geld hat. so kann fie ihre Bedingungen diktieren: Gleichheit, einen Kontrakt fürs Leben, und Rechtmäßigkeit, das heißt: Erb« fähigkeit ihrer Kinder. Wenn sie kein Geld hat, gehört sie dem Proletariat an und verkauft sich, um nur ihr Dasein fristen zu können. Und dann wird solchen Wesen noch Religion eingepaukt, die tödlichste Waffe des Erzfeindes. Die Regie- rung unterdrückt den Körper des Lohnstlaven, die Religion bedrückt seine Seele und vergiftet den Strom des Fortschritts an seiner Quelle. Der Arbeiter soll seine Hoffnungen an ein künftiges Leben heften, während seine Taschen in diesem Leben geleert werden, er wird zur Einfachheit, Erniedrigung und zum Gehorsam erzogen— eben zu allen solchen Pseudo- tilgenden, die dem Kapitalismus in den Kram passen. Das Geschick der Zivilisation lvird durch einen Todeskampf ent- schieden werden zwischen der roten internationalen und der schwarzen Flagge, zwischen dem Sozialismus und der römisch. katholischen Kirche— hier in Amerika der höllischen Finsternis amerikanischen Evangelismus. Hier trat der Ex-Reiseprediger aufs Feld, und ein leb- hastes Wortgefecht wurde geführt.„Genosse" Lucas war nicht das. was man einen studierten Mann nennt. Er kannte seine Bibel, aber es war eine Bibel durch wirkliche Er« fahrungen ausgelegt.„Was soll das bedeuten," sagte er, „die Religion zu verwechseln mit dem, was die Menfchen aus ihr gemacht haben? Daß heute die Kirche in den Händen der Wucherer ist, ist deutlich genug, aber es zeigen sich linverkenn- bare Zeichen einer Empörung, und wenn Genosse Schlie- mann von heute an gerechnet in einigen Jahren � auf daS Thema zurückkommen wird— „O ja, natürlich," unterbrach ihn der andere,„ich be- zweifle keinen Augenblick, daß der Vatikan in hundert Jahren ableugnet, je gegen den Sozialismus gewesen zu fein, gerade so wie er jetzt ableugnet. Galilei gefoltert zu haben."„Ich verteidige keineswegs den Vatikan," erklärte Lucas lebhaft, „ich verteidige das Wort Gottes— welches einen langen Schrei darstellt der menschlichen Seele, sich zu befreien von der Macht der 1lnt>».-drückung. Nehmt das 24. Kapitel im Buche Hiob, das ich gewöhnlich in meinen Ansprachen„Die Bibel und der Fleischtrust" zitiere, oder nehmt die Worte von Jesaia, oder die Worte von dem Herrn Jesus selbst. Mer denkt dabei nicht an den vornehmen Fürsten, den unsere Kunst aus ihm macht, an den Christus, wie ihn unsere Gesellschafts« kirche auffaßt, sondern an Jesus in seiner ganzen Wahrhaftig. keit, als ein Wesen des Kummers und der Pein, als den Ausgewiesenen und von der Welt Verachteten, der nichts hatte, wohin er sein Haupt hätte legen können." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboteuo Die SnNvickelung der Glüblarnpe. Die heute so verbreitete, in Fabriken usw. unentbehrliche elektrische Beleuchtung zerfällt in zwei scharf von einander ge- schiedene Arten' m die Bogenlampcnbeleuchtung und in die Glüh« lampenbeleuchtuna. Die Leuchtwirkung der Glühlampen beruht auf der Erscheinung, daß ein Körper, durch den ein elektrischer Strom fließt, warm und wenn der Strom stark genug ist, heiß und glühend wird. Schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, im Jahre 1840. wurden die ersten Glühlanipen gebaut. Es wurden bei diesen Lampen Metallfäden, Platin, Iridium in einen Stromkreis eingeschaltet und so zum Glühen und Leuchten gebracht. Es ist interessant, daß der Lebenslauf der Gliihlampe mit Metallfäden begann, die dcfnn verlassen wurden und daß heute, wie wir weiter unten sehen werden, in den modenisten Glühlampen wieder Metallfäden verwendet werden. Diese ersten Glühlampen konnten aber nicht leicht in der Praxis gebraucht werden, weil die Fäden sehr dünn sein mußten und daher leicht schmolzen. Der geniale amerikanische Erfinder Edison war der erste, der einen der am schwersten schmelzbaren Stoffe — Kohle— als Material für die Fäden der Glühlampen benutzte. Damit dieser Kohlenfaden nicht mir der Zeit verbrennt, wird er in eine luftleer gemachte Glasglocke eingeschlossen, da bekanntlich ohne Sauerstoff, der in der Lust eisthalten ist, eine Verbrennung nicht stattfinden kann. Es müßte eine Kohlensadenglühlampe theoretisch daher eine unbegrenzte Lebensdauer haben. In Wirklichkeit aber kann, da die Birne nie vollkommen luftleer zu machen ist, sowie aus verschiedenen arideren Gründen, besonders aber, weil die Licht- intensität mit der Zeit abnimmt, eine normale Glühlampe nur zirka SlX> Stunden benutzt werden. Zu den ersten Versuchen verwendete Edison Fäden aus Graphrt, einer natürlich vor- kommenden Kohlenart, dann wurde Äartonpapier oder Bambus- (aser usw. unter Lustabschluß verkohlt und als Glüh- aden benutzt. Die Glühfäden in den modernen Kohlenfaden- Glühlampen werden in der Weise hergestellt, daß reine Zellulose- fäden zuerst verkohlt und dann noch präpariert werden. Dieses Präparieren besteht darin, daß auf dem verkohlten Zellulosefaden mit Hülfe deS elektrischen Stromes aus kohlenstoffreichen Gasen, z.©. Leuchtgas, ein weiterer Kohleimiederschlag gebildet wird. Lange Zeit blieb die Glühlampenfabrikation auf diesem Punkte stehen, bis man sich durch die unmer größer werdende Konkurrenz des Gaslichtes, besonders seit der Erfindung des Auerschen Glühstrumpfes genötigt sah, Glühlampen zu schaffen, die bei der- selben Lichtstärke einen geringeren Energieverbrauch bedingen, also billiger im Betriebe sind, Verbesserungen an den gewöhnlichen Glühlampen waren nur schwer zu machen. In jüngster Zeit werden zwar nach einem Verfahren des Amerikaners H o w e l l Kohlenfadeu- fMhlampen hergestellt, die einen geringeren Stromverbrauch haben ollen, doch find diese Lampen noch nicht zur Ver- breitung gelangt. Howell verwendet dabei Kohlenfäden, die nach dem Präparieren noch einmal auf zirka SSOV Grad erhitzt werden, mid nennt derartige Fäden»metalli- sierte Kohlenfäden", obwohl keine Spur von Metall daran zu finden ist. Größere Bedeutung und plastisch aus- fiedehnte Verwendung haben aber die Metalloxydlampen erlangt, peziell die N e r n st l a m p e. die in 7 Millionen Exemplaren bereits breimt. Metalloxyde brauchen, um glühend zu werden, viel weniger Strom als Kohle, ferner können sie, da sie eben schon oxidiert, das heißt mit Sauerstoff verbunden sind, sich nicht noch einmal mit Sauerstoff verbinden, d. h. verbrennen, Sie brauchen daher nicht wie die Kohlenfäden in einer luftleeren Birne zu brennen. Besonders gut eignen sich zu Glühlampen die am schwersten schmelz- baren Oxyde der sogenannten seltenen Erden, wie Zirkon, Thorium, Erbium. Jttrium u. a. m. Diese Metalloxyde— die Verbindungen des Metalls mit dem Sauerstoff— haben aber die unangenehme Eigenschaft, in ihrem normalen Zustande den elektrischen Strom nicht zu leiten. N e r n st entdeckte Ende der neunziger Jahre deS vorigen Jahrhunderts, daß die Metalloxhde den Strom leiten, wenn sie vorher von außen erwärmt werden. Auf Grund dieser Eni- oeckung find die Nernstlampen konstruiert; um den Glühkörper, der die Gestalt eines Stäbchens oder Bügels hat, ist eine Heizspirale aus dünnem Platindraht gelegt, die zuerst in den Strom ein- f geschaltet wird. Sie wird glühend und erwärmt den Nernstkörper o, daß er leitend wird. In diesem Augenblick wird durch einen im Lampensockel befindlichen Elektromagneten die Heizspirale aus- geschaltet. Die Lampe wird durch diese Spezialkonstrnktion verhält- nismäßig kompliziert und daher teuer. Sie kcfftet zirka sechsmal so viel als die gewöhnliche Glühlampe. Sie braucht aber nur zirka halb so viel Sstom wie diese. Sie wird daher sehr viel verwendet, besonders bei einer Spannung von 220 Volt, bei der die weiter unten erwähnten Metallfadenglühlampen nicht verwendet werden können. Auer kam ungefähr zu derselben Zeit, da Nernst seine Eni- deckung machte, auf den Gedanken, Osmium, ein sehr schwer schmelzbares Metall, das dem Platin verwandt ist, zu einem Glüh- faden zu benutzen. Nach mannigsachen Schwierigkeiten, die bei der Herstellung des Fadens zu überwinden waren, gelang es ihm. in der Osmiumlampe eine brauchbare Lampe zu schaffen, die nur halb so viel Sstom wie die gewöhnliche Lampe braucht und dabei oft bis zu 5000 Stunden brennen kann. Osmium- lampen können aber nur bei ganz niedrigen Spannungen brennen bis zirka 80 Volt. Metalle leiten den Strom sehr gut. Je größer die Spannung ist, desto länger muß der Faden sein, ES ergibt sich daher bei größeren Spannungen die Schwierigkeit, den sehr langen Faden in der Birne unterzubringen. Beim Osmium ist das besonders schwierig, weil dieses in der Hitze sehr weich wird und sich durch- biegt.(Die Osmiumlampen können daher nur senkrecht nach unten hängend brennen und find auch gegen Stöße sehr empfindlich.) Osmiumlampen müssen daher, weil sie nur für niedrige Spannungen gebaut werden, bei der in den meiste» Städten üblichen Spannung von IIS oder 220 Volt mehrere hintereinander geschaltet brennen. Das bedeutet, daß bei IIS Volt mindestens immer 2. bei 220 Volt immer 4 Lampen gleichzeitig brennen müfien. Für viele Zwecke, z. B. Schaufeusterbeleuchwng-c, ist das aber lein Hindernis. Die Osmiumlampe ist bedeutend einfacher als die Nernstlampe, wenn auch der Faden in einer luftleer gemachten Birne brennen muß. Da aber Osmin ziemlich selten ist. kostet die Lampe noch mehr als die Nernstlampe. Der hohe Anschaffungspreis wird aber durch die Ersparnis an Stromkosten wieder ausgeglichen. Da die Frage der Metallfädenglllhlampen einmal in Fluß ge» bracht war, mühten und mühen sich die Elekstotechniker unter dem Zwange der Konkurrenz ab. einen Metallfaden zu finden, der auch bei höherer Spannung Verwendung finden kömite und nicht so weich wie der Osmiumfade» wäre. Am erfolgreichsten waren bis jetzt B o l t o n und Feuer« lein von der Firma Siemens u. Halske, die die Glühfäden aus Tantal herstellten. Tantal gehört zu den sogenannten seltenen Erden und ist von dem erstgenannten zuerst rein dargestellt worden. Tantal ist schwer schmelzbar, leitet aber den Strom sehr gut, so daß auch hier sehr lange Fäden erforderlich werden. So beträgt z. B. die Länge des Fadens bei einer 25 kerzigen Lampe für 110 Volt schon 050 Millimete'. Dieser Faden wird nun in äußerst sinnreicher Weise in einer Glocke untergebracht, die nicht größer ist als die einer normalen Koblenfaden-Glühlampe, Die Birne ist auch hier evakuiert, das heißt luftleer gemacht. Tantallampen werden für Spannungen bis 120 Boll hergestellt und können in jeder Lage brennen. Sie brauchen nur halb so viel Energie wie Kohlenfaden-Glühlarnpen. sind aber auch noch bedeutend teurer im Anschaffungspreis wie diese. In neuester Zeit hört man sehr viel von einer sogenannten Wolfram« lampe, die nur ein Drittel Energie der normalen Glühlampe verbrauchen soll. Auch der Glühfaden der sogenannten Osram« lampe, die bereits auf den Markt gebracht ist, enthält Wolftam. Ausgedehntere Verbreitung haben diese Lampen bis jetzt nicht ge- ftmden. Die Stephanslirche in Wien z. B. ist mit Wolsramlampea in sehr wirkungsvoller Werse bereits beleuchtet. Den größten Fort« schritt würde die sogenannte Kuzellampe bedeuten, wenn alle Erwartungen, die man auf ste setzt, sich erfüllen. Die Glühfäden der Kuzellampe bestehen aus den sogenannten Kolloiden der seltenen Metalle. Diese Kolloide bilden mit reinem Wasser plastische Massen, aus denen dann die Fäden durch Düsen gepreßt werden. Die nach diesem Verfahren hergestellten Glühlampen sollen eine Brenndauer von zirka 1000—1500 Stunden und einen Energieverbrauch von V«"-1/? der normalen Lampen befitzen. Das bedeutet nichts weniger, als daß sie ökonomischer als gewöhnliche Bogen- lampen sind. Diese Verbilligung der kleinen Lichtquelle lbei der Bogenlampe muß man immer mehrere hundert Kerzen- stärken in Kauf nehmen) würde eine wahre Umwälzung in der Beleuchtungstechnik hervorrufen. Die elektrische Be- leuchtung würde dann erst auch in den weiten Schichten der Bevölkerung dem Leuchtgas erfolgreich Konkurrenz machen können. Ob die Kuzellampe auch tatsächlich den Erfolg hat oder nicht, auf jeden Fall wird die nächste Zeit weitere Verbesserungen in der Richtung der Metallfadenlampen bringen. Die Zeit, wo diese die alte Edisonsche Kohlenfadenlampe verdrängt haben wird, ist nicht allzufern. kleines feirilleton. Bon Kolonialgreiirln. Koloniale Eroberungen und Grausamkeiten, die gehörten stets zusammen. Wie haben Europas Völker ihre Kolonien errungen? Durch Blut sind sie gewatet in den ftemden Ländern, die sie den früheren Besitzern geraubt haben. Der spanische Bischof Las CasaS klagte 1552, daß Spanien in Amerika im Laufe von nur vierzig Jahren über zwölf Millionen Indianer hingemordet habe. Die Spanier besetzten 1SS8 die Inselgruppe der Ladronen im Stillen Ozean— heute Karolinen. Nach fünfzig Jahren waren von 100 000 Eingeborenen nur noch 2000 übrig! Und die fromm- biederen englischen Quäker in Nordamerika? Sie ließen die Rothäute Hetzen und setzte:, Preise aus für jeden Skalp, von Mann, Weib und Kind, Ein Kindersialp galt noch 20 Dollar I Dann erfand ein englischer„Menschenfreund" die Sstaverei der Reger,„Zur Schonung des schwächlichen Indianers" — soweit diese nicht schon erschlagen waren— solle man die Reger herübcrholen. So kam es zu den scheußlichen Sklavenjagden. MS aber der amerikanische Pflanzer durch die billige Arbeit der Neger- sklaven immer reicher wurde, als er dem englisch-indischen Händel in Baumwolle gefährliche Konkurrenz machte, da star wieder eu. englischer Menschenfreund auf und brachte der Menschheit— die dem Edlen zujubelte— das Verbot der Sklaverei. Die englischen Kriegsschiffe kaperten mit rühmlichem Eifer die Sklavenschiffe. befreiten das„schwarze Elfenbein" und nahmen so dem amerika» nischen Konkurrenten die billige Arbeit weg. Wie die englische Menschlichkeit sich bei der grausamen Niederwerfung des indischen Aufstandes zeigte, ist bekannt. China wurde von den englischen Wohltätern der Menschheit durch den Opiumkrieg 1840— 1842 gezwungen, seine Häfen dem englischen Opium zu öffnen. Hongkong wurde weggenommen, Abg. Cobden sagte im Parlament:„Wenn die Engländer— natürlich im Jntereffe der Zivilisation!— einem Kliliden die Zähne aufbrechen, so kommt es ihnen weniger darauf an, was sie von ihm kaufen, sondern was sie an ihn absetzen," Der Abg, Bowring aber rief dagegen:„Opium ist ebenso unschädlich als Tee— daher mutz Kaaton dem Opium geöffnet werden," So handelten die ebenfalls sehr frommen Holländer im sogenannten Muskatkriege im Anfange des 17. Jahrhunderts. Die Leute der Insel Banda hatten bisher den Verkauf der Muskat- nutz als ihr Vorrecht betrachtet und verteidigten es. Die gesamten Einwohner der Insel wurden ausgerottet. Von 1830 bis 1817 führte Frankreich Krieg zur Eroberung von Algier. Wie haben seine Generäle dort gehaust I General Bugeaud zahlte für jeden Kabylenkopf 10 Frank, für Ohren 6 Frank. Marschall Pelissier Uetz 1845 einen Kabylenstamm, der sich in die Höhle von Dachar geflüchtet hatte, durch Rauch töten. In S ü d a f r i k a hat England die Kaffernstämme dezimiert. In Australien brauchten die englischen Ansiedler Weideland und Buschland für ihre Schafherden. Deshalb knallten sie die nur mit einem Holzstücke, dem Bumerang bewaffneten Australneger nieder, und diese sind fast ausgerottet. Auf der grohen Insel T a S m a n i a wurde der Stamm der dortigen Australneger, ein uralter Stamm, in wenigen Jahren vertilgt bis auf ein einziges Mcnschenpaar, das dann in Haberttown als„zoologische Merk- Würdigkeit" gezeigt wurde. Auf Neuseeland hatte der ebenfalls uralte Stamm der M a o r i fast das gleiche Schicksal. Nur wenige Maoridörfer sind noch erhalten. Ein deutscher Geograph schrieb darüber:„Nie ist das gemeinste Räubersystem unter dem Deckmantel der Zivilisation so schmachvoll und so banditenmätzig offen und frech zur Schau getragen worden, wie von den Briten auf Neu- seeland I" Und das Deutsche Reich? Es hat seit 1834 erst Kolonien und hat schon in Kamerun und Ostafrika grausame Kolonialkriege Seführt. Jetzt kämpft es seit drei Jahren in Südafrika einen himpflichen, ruhmlosen Kampf, der uns Steuerzahler aber bald eine halbe Milliarde kosten wird. Wie in Australien soll den Hererostämmen, die sich erhoben haben, infolge der Aus- schreitungen der Bureaukratie und Soldateska— siehe Prinz Arenberg und seine scheutzliche Untat I— ihr Weideland, ihr Vieh weg- genommen werden, sie selbst aber sollen— zur Strafe für ihren aigehoriam I— ausgerottet werden. Und das soll uns die �nationale Ehre" gebieten! Theater. Deutsches Theater. Ringelspiel. Lustspiel in drei Akten von Hermann Bahr. Die schläfrige Faulheit wird in diesem Lustspiel als schönste Blüte an dem Baume des Lebens{je- feiert. Die Personen des Stückes, die tagsüber im Wasser, im onnenwarmen Sande des vcnelianischen LidostrandeS, oder in den weichen Seffelu ihrer Villa liegen und sich für die unvermeidliche Mühe des Redens durch möglichst ausgedehnte Pausen eut- schädigen, spiegeln zugleich den Geisteszustand wieder, in welchem die Szenen der Komödie hingekritzelt find. Bahr scheint's mit seinem Philosophen King zu halten, der die Vor- stellung von einem realen„Zusammenhang" als einen von den vor- geschrittenen Individuen längst überwundenen Aberglauben erklärt: er sieht, in diesem Stile weiter philosophierend, dann wohl auch das Unvermögen, in einem Bild des Lebens Zusammenhänge dar- zustellen, als Ausdruck und Beweis der vorgeschrittensten dichterischen Entwickelungsphase an I Der Maugel jeglicher Bemühung wirkt um so ärgerlicher, als Bahr doch früher einmal in seinem„Meister" gezeigt hat, wie Interessantes er bei straffer Konzentration der Kräfte auch im Drama geben könnte. Das Publikum wurde schon im ersten Aufzug, deffen schleppendes Tempo die Regie noch schleppender machte, ungeduldig. Am Schlutz kam es zu einem Theaterskandal mittlerer Grötze. Als der Vorhang siel, ertönte ein lautes Pfui und ein vom offiziellen Theaterpremieren- beifall nicht zu übertäubendes Zischen. Der Mittelakt war ein ganz persönlicher Triumph der Sorma. Sie spielte ein quecksilbern- leichtsinniges Dämchen, das ihren in Venedig faulenzenden Mann durch plötzlichen Ueberfall ein wenig aus der Ruhe aufftört, mit so sprudelnd lebendiger, anmutiger Natürlichkeit, datz man die Unmög- lichkeiten des Stückes einen Augenblick vergah. Datz Bahr Gelegen- heit zu dieser glänzend originellen, schauspielerischen Leistung bot, »st ziemlich das einzige, was sich zu seinen Gunsten in der Bilance des Abends buchen lätzt. Der erste Akt besteht fast ausschlietzlich aus Philosophie und Küssen, die ein blondscntimcntales und entsprechend edles Fräulein, zeitweilige Stellvertreterin der ablvcsenden Gattin, von dem phleg- »natischen Julius erhält. Herr King, Hausfreund und Philosoph, der jeden Tag benutzt, sich»n der Kunst des Nichtstuns weiter aus- zubilden, apostrophiert das Fräulein als eine Geistesverwandte der Nenaissance!— Die Gemahlin, das Wiener Franzi, ist, als sie im Sturm hineinacwirbelt kommt, über diese Freundin nicht im geringsten überrascht oder chokicrt. Es war in ihrer Ehe ausgemacht, datz jeder seinen eigenen Weg gehen solle. Sie freut sich' nur, da ihr Julius auch hier wieder so guten Geschmack dokumenttert habe, duzt, herzt und kützt das Fräulein und gibt mütterliche Ratschläge zur Behandlung des Manues,— so gilt gefällt sie ihr. Doch nicht minder findet sie nach langer Trennung auch ihren Gatten allerliebst und bändelt mit dem leicht zu Fangenden von neuem an. Zum Schlüsse gibt'S ein Bündel loser Szenen aus dem Badetreiben, deren Dürftigkeit indes auch durch die hübschesten Dekorationen nicht, zu verdecken war. King setzt seine Philosophie, im Sande hingestreckt, fort, vollführt sodann im Badekostüm mit jungen Mädchen einen Ringel- reihen und windet einer eifersüchtigen Geliebten, die ihn, vielleicht„uch jemand anders, gerade erstechen will, das Messer aus der Hand. Franzi wird voll den bedrohlichen Attacken auf den Galten durch den Anblick eines wunderschönen italienischen Kellners abgelenkt, der sofort mit ihr aufs Meer hinaus segeln muh. Ein hanswurstiger Jüngling, ivelcher sie durchaus heiraten will, winkt, unerschütterlich im Glauben, der Entführten mit aufgehihtem Taschentuche nach. Einzig die Sorma hatte eine Rolle, aus welcher'hre Wunder- kunst etwas zu schaffen mutzte. Die anderen Figuren trotzten in ihrer Hohlheit jeder schauspielerischen Anstrengung.-ät. Kunst. Die russische Malerei komint in der Geschichte der Kunst meist stiefmütterlich weg. Bisher war ein zusammenfassendes Urteil nicht möglich, da das Material fehlte. Die Ausstellung„Russische K u n st", die der Kunstsalon S cb u l i e veranstaltet, ist daher eine Bereicherung, umsomehr, als das überaus mannigfache Material einen guten Uebcrblick über mehrere Jahrhunderte gibt. Wir blicken da in eine neue, unbekannte Welt, deren Reichtum unS überrascht. Das Fremdländische kommt nicht einmal so auffallend zum Ausdruck. Wir begegnen Reminiszenzen europäischer Kunst. Barock, Rokoko, Biedermeier usw. Doch ist das eigentlich nur äutzere Schablone. Dahinter steht doch, wenn auch zurückgehalten, das Temperament einer anderen Rasse. Und das verblüfft und fesselt uns. Nicht nur das äußerlich veränderte Milieu gewinnt Einfluß, etwa die wundervoll, tieffarbigen Wandstoffe, gold auf blau, rot auf grün, mit einer reichen, strotzenden und gellenden Ornamenttk. Sondern das Seelische, die Kraftäutzerung, die in der Art des Pinselstrichs zum Ausdruck kommt. Man kann Rußland etwa mit Schweden vergleichen. Natürlich nur gradweise. Beide haben gemeinsam dieses eigentümliche Neben- einander urwüchsiger Kraft und raffinierter Kultur, temperanrent- voller Leidenschaft und gewählter Eleganz. Beide nehmen mit Verve und Ueberzeugung die modernen Ideale an, haben aber zugleich einen eigenen, festen Untergrund, der den» Uebernommenen eine be- sondere Note giebt. Bei aller elementaren Wucht treffen wir hier auf eine Kultur des Auges, die durchaus reif und vollendet ist. Das Realistische, da? Phantastische, das Dekorative, kommt gleichmäßig zum Ausdruck, und selbst die ausgeklügelten Effekte haben nocki etwas von jener selbstverständlichen Urwiächsigkeit, die durch sich selbst überzeugt. Eine feste, sichere Zeichnung ist hier selbstverständlich. Und die Farben glühen und funkeln hier mit aller Pracht. Selbst die ganz modernen Verlache, der Poinffllismus zum Beispiel, der sonst leicht etwas Künstliches hat, wirkt natürlich und als Ausdruck einer innerlichen Notwendigkeit. Man wird die Nachwirkung späterhin wohl spüren. Man wird in der Sezession vielleicht etivas frischer in den Farben, flotter im Strich, elementarer im Ailsdruck der Linie werden. Diese tiefen, glühenden Farben werden ihren Einfluß zeigen. DaS Zeichnerisch- Kräftige wird auch vielleicht mehr wieder»n den Vordergnurd treten. Notizen. — DcrHerrProfessor über das Medizin st udium der Frauen. Professor V.Bergmann, der kürzlich anläßlich eines Jubiläums in der ärztlichen Welt gefeiert wurde, bekannt als Chirurg und Kliniker, legt Wert darauf, in der Frauenfrage zu den lairdesüblichen Bornierten zu zählen. In einer Enquete der Zeit- fchrift„Medizin für Alle"-über das Medizinstudium der Frauen äußerte er sich:„Ich bin ein ausgesprochener Gegner des Studiums der Medizin von Frauen. Weder körperlich noch geistig sind sie ihm gcwachiei». Solange die Frauen nicht die Köche und die Schneider aus ihrem Gewerbe zu drängen vermögen und wenigstens diese Geivcrbe als ihr Monopol in Anspruch nehmen, werden sie auch neben den Acrzten nur ein kümmerliches Leben führen. Gute wiffen- schaftliche Arbeiten können Frauen geWitz leisten; die Kämpfe aber mit den Erregungen, Verantwortungen und Verzweiflungen eines Arztes will ich ihnen nicht zumuten, denn dazu schätze ich die Frauen viel zu hoch." Vielleicht wird der sorgsame Herr Profeffor den Frauen auch die Erregungen, Verantwortungen und Verzweiflungen des Kampfes um die Existenz und schließlich auch der Mutterschaft und der Er- ziehung abnehmen— aus lauter Hochschätzung. — Die letzte künstlerische Entdeckung Münchens, das bekarmtlich alle Jahre sich einmal enthusiasmiert— zuerst für die Dunca»», dann für die Schlaftänzerin Madeleine und soeben für den blnttgen Peters— die Tänzerin Rita Sacchetto, tanzte in einer Ver- anstaltung des Vereins Berliner Künstler zur Probe und Reklame. Sie ist geschmeidig, ausdrucksvoll, hat Rhythmus»md— will den Tanz reformieren. Berlin W. hat also wieder etivas zu protegieren. — Das Weimarer Hoftheater, mit dem mancherlei historische Erinnerungen verknüpft sind, ist abgebrannt, kurz bevor cS abgebrochen werden sollte. Dasselbe Theater, in dem Goethe und Schiller ihre Dramen aufführen lietzcn und das nach seiner Erneuerung Liszt und Dingelstädt wirken sah, brannte bereits am 22. März 1825. Da? Stück, an dem gerade geprobt ivurde, als infolge Kurzschlusses jetzt Feuer ausbrach, hieß:„Aus dem Leben eines Detektivs." Das Ende der„klassischen Stätte' ist wenig rühmlich. �crantwortl, Redakteur Haus Weber, Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u-Verlagsaiistalt Paul Singer LcCo.. Berlin SV/.