Mntsrhaltungsblatt des Horwärls ....249 Dienstag, den 25 Dezember. 1906 Neue Weihnacht. Von Karl Äenckell. Es klingt ein Lied aus alter Zeit Wie Sternentraum so rein, Von eines Kindleins Herrlichkeit And schlichter Krntte Hellem Schein. Zn eine Nacht von Wahn gebar, Als sich die Zeit erfüllt,» Das Weib den Menschensohn, der klar Den Widersinn der Welt enthüllt. Sein Auge war so himmelstief, Durchstrahlte Trug und List, Der Lichtheld wuchs, sein Schicksal rief, Am Kreuze hing der Menschheit Christ. Noch immer hängt der Mensch am Kreuz, Noch immer weinen Frau'n, Dem Glockenklang des Weihgeläuts Mischt Wehschrei sich und Schreckensgraun. Der Geist, der frei mit Feuer tauft, Wird immer noch geschmäht, Noch wird verraten und verkauft, Wer kühn die Saat der Zukunft sät. Noch sind so viele Augen blind, herrscht ungerecht Gericht— Nun zündet. Mann und Weib und Kind, Der Menschheitwende neues Licht! -3°»- (Nachdruck verboten.) Cdeihnacbt ohne Kaum. Aus Kindertagen. Von Wilhelm H o l z a in e r. Die Weihnachtsstimmung begann am Nikolausabend, am „Nikeloseowend", wie es unserer Zunge besser steht. Der „Nikelos" ist der Vorbote des Christkindchens. Er sorgt, das; die Kinder brav und artig sind und recht in der Furcht, tvenn es kommt. Druin kommt er mit Ruten. Er weiß alle Fehler und Unarten, die begangen worden sind. Und er ist ein strenger Herr. Selbst das Beten nützt bei ihm nichts. Er straft unbedingt, er haut unbedingt drauf. Ein„Nikelos" ohne Strenge und Strafe, nicht ein Berserker und Fürchte- mann, das wäre kein echter und rechter. Schon äußerlich sieht er grimmig aus. Er hat einen langen Bart, hohe Stiefel, einen dicken Mantel— gar nicht sauber— ein wildes Gesicht, einen verbeulten Zylinder. Er klingelt nicht fein und sanft, wie das Christkindchcn. Er klopft draußen ans Fenster und rasselt mit der Kette. Tann stapft er durch den Hof. Dann bummt er an die Türe. Dann tritt er ein. Er sagt:„Gn' Owcndl" Er hat gar nichts Heiliges. Bei Gott nicht. Bis zu meinem fünften Jahr Hab ich ge- meint, er war der Nachtwächter. Nur den Nachtwächter könnt ich nur so vorstellen. So ungeschlacht und fürchterlich. Denn es ist ja natürlich, wer so fürchterlich aussieht, der fürcht sich auch selbst nicht. Nun er in die Stube herein ist, greift er sich den ersten besten und haut drauf. Ist er kräftig und der Bub nicht zu groß, legt er übers Knie. Au weh, mir juckt heute noch das Fell, wenn ich dran denke. Die Mutter sagte:„Nicht so arg, Nikelos l" Der Vater sagte:„Nur tüchtig auf den, das ist ein ungezogener Bub, geb dem mal tüchtig!" Das Hütt der Vater gar nicht erst zu sagen brauchen. Aber auch der Mutter ihr „Nicht so arg" war wirkungslos. Der„Nikelos" hieb drauf, wie er es wollte. Und damals, in dem kalten Winter 79 auf 80, da war die„Weißejule", die drei Häuser von uns wohnte, der„Nikelos" gewesen. Die hatte Kraft wie ein Gaul. Sie hieb, daß die Schwärt krachte. Ich hätte nur gleich wissen sollen, daß es die Jule war. An Weihnachten im Jahr zuvor, da hatt ich das Christkindchen gleich erkannt. Das wars Anderbachs Dina gewesen. Der ihr Vater war , nänilich Schuster— und sie roch immer nach Pech. Erstens Hab ich das gleich gerochen. Dann hatte die Anderbachs Tina über auch immer eine Rotznase und mußte beständig „schnüffeln". Da hatt' ichs gleich heraus. Aber die Jule, die war der richtige„Nikelos". Unerkenntlich. Nachdem sie mir niein„Deputat" gegeben hatte, wollte sie auf den Bruder loshauen. Ter war aber kränklich, und die Mutter schützte ihn. Da kam ich unterm Tisch hervorgekrochen und suchte den„Nikelos" an den Beinen zu ziehen, und ich griff die Röcke iiber den Schaftstiefeln. Das machte mich stutzig. Das war am Ende ein ganz wirklicher„Nikelos". Direkt vom Himmel'herunter gekommen. Denn im Himmel trägt man keine Hosen, sondern nur Röcke. Auch die Männer nicht. Auch die ganz alten wie der„Nikelos" nicht. Die Hiebe, die der Bruder haben sollte, die bekani nun ich. Ich wehrte mich. Da riß ich dem„Nikelos" den weißen Flachsbart ab. Da wars die„Weiße Jule". Ich bekam noch eine mitten ins Gesicht, daß ich torkelte— dann war der„Nikelos" fort. Sonst gabs Nüsse und Lebkuchen und Aepfel. Denn der „Nikelos" hatt'„sein Eselein auf dem Mist, daß es Heu und Hafer frißt". Hatte er seine Hiebe ausgeteilt, so ging er hinaus und sagte:„So, nun will ich euch auch was holen aus mei'm Sack. Und gleich drauf kam er wieder, und Aepfel und Nüsse pflogen einem an den Kopf— und Lebkuchen und„Guts"(Konfekt) standen draußen vorm Fenster auf Tellern. Aber da der.Mikelos" diesmal die Jule geworden war, so war auch das Eselein auf dem Mist verschuninden, und es gab nichts weiter. Nur die Hiebe hatt's gegeben. Wenn ich das erzähle, so weiß ich, daß es Leute in meiner Verwandtschaft gibt, die nur das heut noch gönnen. * v* Obgleich also der Nikeloseabend ein Freudenabend, wo- möglich mit juckendem Hintern und einem blauen Auge, war, begann doch die Weihnachtsstimmung mit ihm. Die Er- Wartung lag von nun an in der Luft. Die Abende waren so wunderbar von ihr erfüllt. Es sang und klang überall von ihr— und es war doch so still. Stiller als vorher. Da und dort hörte man eine Tür klingeln. Man horchte auf. Alles ward eine Ankündigung. Geheimnisse guckten aus allen Ecken. Aus allen Fenstern und Türen, aus allen Fluren und Höfen. Guckten so fragend und verheißend. Hatten so große runde Augen. Augen, die ein wenig fürchtig machten. So wohlig gruseln. So angenehm erzittern. Es war alles wie ein Traum. Wie ein Traum stand der Kirchturm in den Himmel hinein, wie Träume ruhten die Dächer überm Dorf. Und in den Fenstern war so ein Dunkeln und Funkeln. So ein Schein und Widerschein. Aus einer anderen Welt. Seit- same Geschichte. Gestalten, Fratzen, UnHeimlichkeiten. Man beeilte sich von der Straße wegzukommen, wenn es zu nachten anfing. Und doch war alles wieder etwas so Liebliches, so Freundliches, so Beglückendes und Beseligendes. Man wollte es greifen und fassen, aber man wagte es nicht. Man ging mit tausend Einbildungen und Vorstellungen. Ganz wunderlich waren sie. Man war nie allein. Rings um einen lebte alles. Die Mauern, die Gartenzäune, die Bäume, die Hecken. Und die Schornsteine, aus denen der Rauch stieg und auch Funken flogen— und die Dachrinnen, in denen es tropfte. Und es war doch alles so still. Es war alles ein Geben, und es war alles ein Nehmen, es war alles ein Schwellen— einem Wunderbaren entgegen. Alles wurde Wunder. Man weinte manchmal, und das Weinen war so süß und lösend. Man lachte— und erschrak. Es war so leicht etwas zu stören. Es war so etwas ganz Feines, Unnahbares, Unberührbares in der Welt. Es war so viel Suchen danach, so viel köstliche Ver- suchung. So viel Versunkenheit und Versonnenheit. Die Welt war so ganz leer und einsam geworden, weil sie so zauberhaft angefüllt war. Und die Gassen waren alle so dunkel davon. So tief danket und verschwiegen, so harrend und lockend, so fürchtig und verlassen. So ein ängstlicher Friede lag in ihnen, und so eine friedliche Aengstlichkeit. Alles geschah so leise und versteckt. Wie Katzen schleichen. Und wie Katzen über den Weg, huschte alles vor einem hin. Auch der Mond huschte so leise hin, und die Sterne blickten einen mit so großen verwunderten Katzenaugen an.„O du selige, o du fröhliche..." Kindseiu und Gnade—„gnadeu- bringende Weihnachtszeit..." Und das Torf. Die ganze Poesie des Dorfes, die ganze Wirklichkeit des Torfes aus die Poesie verdichtet durch die Weihnacht. Durch das Kindsein. Nur Sonntags, wenn viele Buben zusammenkamen, und wenn sie den verschwiegenen und versprechenden Dämmerungen ihre Lautheiten bewußt und absichtlich entgegensetzten, dann wurde das wohlige Fürchten, das in jüngeren Herzen heimelnd bangte, mit Schrecken und Erschrecken durch die Größeren ver- scheucht. Es wurde„Nikclos" gespielt. Ein paar ganz pri- mitive Verkleidungen— ein tüchtiger Stecken— eine verstellte Stimme— ein Bärenbrummen— das genügte, daß man lief und sich daheim unters Bett verkroch. Und dann ständen am Abend ein paar ausgehöhlte Tickrüben auf den Tor- Pfosten, und ein Totengesicht war hineingeschnitten, das einen, durch eine Kerze innen erhellt, graulich ansah. Denn es war ja nun auch die Zeit der Kerzen. Tie Zeit der flackernden Flammen, die man mit schützender Hand durch den Wind trug. Die Zeit der kleinen Lichtchen, die überall auf- gingen... »*■ In unserem Garten stand eine hohe Fichte. Die einzige in all den Gärten, die an unseren stießen. Wir Buben waren sehr stolz auf sie. So stolz, wie die Eulenmühlbuben auf ihren Wachholderbaum.„Unser Ficht"— wenn wir das sagten, so hieß das wie: Wir besitzen ein Königreich. Und es hieß: Was wollt denn ihr mit eueren Gärten, die sind ja gar nichts. Zwetschenbäumc, Birnbäume, Aepfelbäume— was ist denn das! Aber wir haben eine Fichte. Es war in dem kalten Winter 79 auf 89. Hch weiß das noch, weil ich in dem Jahre das einzige Mal krank gewesen bin. Die Wiesen waren eine Eisfläche. Fußhoch lag der Schnee. Und es schneite immer weiter. Der Schnee knirschte einem unter den Füßen. Er gefror gleich fest. Der Himmel hing gänzlich zu. Die Hügel waren weiß zugedeckt. Nicht einmal die Wingertpfähle guckten mehr heraus. Auf den Bäumen lag schwere Schneelast. Bis in die Torfgassen hinein kanien die Naben in Scharen. Und die Haubenlerchen hüpften die Treppen der Häuser hinauf bis in die Haustüren. Aber die Spatzen, die kamen ins Zimmer. Es nützte gar nichts, den Vögeln Futter zu streuen. Ter Schnee deckte es eiligst zu. Die dicken Flocken fielen ohne Ende. Es war harte Zeit. Schmale Weihnacht. Der Vater stand an seinem Werktisch und kaute am Taumennagel. Wenn ein Bauer kam, kam er, um zu klagen. Arbeit brachte er Zcine. Achmale Weihnacht. Und es kamen keine Christbäume ins Dorf. Wir haben keinen Wald. Nur einen kleinen Schlag in der Nachbar- gemarkung, eine Stunde Wegs weit. Wer einen Baum haben wollte, mußte nach Mainz fahren, auf dem Christkindchenmarkt einen zu kaufen. Sie waren sehr teuer. Unter einer Mark ein kleines Bäumchen gab's keine. Das war zu teuer. Eines Abends kam der Schuster Brenner und bot an, im Stadeker Wäldchen eins zu hauen. Der Brenner stank nach Schnaps, und der Vater warf ihn hinaus. Ter Vater sagte uns, es gibt keinen Baum dies Jahr. Da weinten wir. Und die Mutter sah ihn mit großen Augen an und preßte die Lippen zusammen. Uns warf sie dann einen verheißenden Blick zu. Da hofften wir wieder und jubelten. Aber es kam kein Bäumchen. Ter Vater sagte einen Tag vorm heiligen Abend:„Ich hau Euch die Ficht ab." Da fielen wir an ihn und baten. Und es gab keinen Baum. Alle Leute hatten geklagt, wie teuer die Bäume dies Jahr wären— und alle hatten gesagt, sie„machten" keinen. Und nun klingelte es da und dort zur Bescherung. Ein Christ- kindchen kam �nirgends. Es war—„im Schnee stecken ge- blieben". Ter Vater stand im schneienden Wetter am Hoftor und guckte die Gasse entlang. An allen Fenstern blinkte es. Weihnachtskerzeu. Es stand nun doch in jedem Hause ein Baum. Da knirschte er einen Fluch. Wir saßen drin in dem dunklen Zimmer und warteten. Da kam er herein und sagte—„ich hau Euch doch die Ficht ab." Wir schrien auf und fielen an ihn. Nein nicht, wir wollen ja keinen Christbaum. Lieber wollen wir keinen. Tann wurde beschert. Was Tante und Großvater geschickt hatten. Der reiche Onkel schickte nie etwas. Aepfel, Nüsse und Lebkuchen auf Tellern. Ganz still. Ter Vater stand an der Wand und starrte auf den Tisch. Strümpfe und Hemden, lauter nützliche Dinge lagen da. Wir schlichen um den Tisch herum. Nur Lampenschein in der Stube. Ter Vater hatte Wasser in den Augen. Die Mutter lächelte bitter. Sie machte ihre großen Augen, die so weh in den Wimpern hingen. Aber sie lächelte doch dabei. Sie lächelte uns Kindern zuliebe. Tann sagten wir, das sei auch so schöne. Weihnachten. Ter Vater aber sagte:„Nie und nimmermehr, und wenn's nieinen letzten Pfennig tost!"(Seine Geschwister sagten drum auch von ihm, daß er leichtsinnig wär und ein Verschwender.) Es lag eine Gedrücktheit auf dem Abend. Ich kann sie heute noch nachspüren. Sie war, wie wenn man eingesperrt ist. Wie wenn man in einem überheizten Zimmer sitzt, das man nicht lüften darf. Um drei Uhr früh läutete es zur Christmette. Wir krochen aus den Betten. Es war kalt. Und noch stichdunkel. „Bleibt lieber daheim," sagte der Vater. Aber wir wußten, auf dem Muttergottesaltar steht das Kripppchen mit dem blinkenden Stern und den fliegenden Engeln. Und drum herum stehen die grünen Tannenbäume. Und wir wollten das Hosianna singen hören. Und wollten selbst mit- singen:„Stille Nacht, heilige Nacht", das solo vorgesungen wurde und im Chore wiederholt wurde. Und wir gingen mit der Mutter hin. Ter Vater blieb zu Hause. Als die Mette aus war, ging die Mutter noch erst zum Bäcker, den Kuchen holen, der über Nacht gebacken worden war. Als wir dann heimgingen, blinkte es in allen Fenstern..Die Christbäume brannten schon in allen Häufern. Denn es war so Brauch, daß der Weihnachtsmorgenkaffee beim brennenden Christbaum eingenommen wurde. Die Mutter ging scheu geduckt. Manchmal seufzte sie. Ter Schnee knirschte. Und als wir in unsere Gasse einbogen, da weinten wir. Da tat's uns leid, daß wir keinen Christbaum hatten. Als wir in den Hof kamen, sahen wir frische Spuren im Schnee, die zur Fichte führten. Wir erschraken. Aber die Fichte stand noch. Doch wir wußten's— der Vater war während'der Mette hingegangen und hatte sie doch schlagen wollen. Aber er hat's nicht übers Herz bringen können. Gott sei Tank! Da versiegten uns die Tränen. Ter Vater hatte gesagt, wie er uns angesehen, daß wir geweint hatten:„Geschieht Euch recht. Was man selbst nit hat, guckt man sich nit bei andern Leut an. Tann tut ei'm's Herz nit weh." Aber's Herz hat uns gar nicht mehr weh getan. Unser Ficht stand noch. Und nun schmeckte uns der Kaffee auch ohne Bmim. Zur Entschädigung schob die Mutter jedem noch ein Stück Kuchen mehr zu. Von dieser Weihnacht an fühlten wir einen neuen Stolz, wenn wir in unseren Garten sahen, einen Stolz auf den Fichtenbaum, den wir selbst nicht verstanden. Heut weiß ich, woher er gewachsen war:. aus dem Gefühl, daß wir durch unsere Ueberwindung den Baum gerettet hatten. Tie Weih- nacht ohne Baum hatte nun für alle Jahre und Tag und Feste einen. Ob er noch steht? Mir steht er noch, und wenn er heut auch gleich gefallen sein sollte. Er steht mir noch und wird mir alle Jahre stehen. Schlank, hoch, immer grün. Und mit der Schneelast des Winters. Tarauf blinken auch wohl die Sterne, und das Mondlicht glitzert drauf. Ganz ohne alle Weichheit. Und es ist immer nock der unheilige Stolz der Kinderjahre, den ich fühle. Der Stolz, wie man aufblickt zu etivas Hohem, das einem Besitz geworden, weil man's er- warben, verboten.) Der l�ußknachct/ Von E. Preczang. Die Kinder waren bereits im Bett und träuuiten schon von ihren Herrlichkeiten. Ganz still war's nun in dem Zimmer ge- worden, wo der Weihnachtsbaum stand, wo die Spielsachen und Leckerbisien- ausgebreitet aus dem großen Tische um den Baum herum lagen. Mäuschenstill. Bis der lange Regulator mit Tönen so feierlich wie eine Kirchenglocke die Milternachtsstunde anzeigte. Da kam Leben in all die Dinge, die wir.tote" zu nennen pflegen. Die Trompete gab ei» leises, klingendes Signal von sich; un» fichtbare Hände schlugen einen kurzen, gedämpften Wirbel auf dem Kalbfell. Die Kerzen leuchteten auf. Eine große, blonde Puppe öffnete schmachtend die blauen Augen, sah um sich, stand auf, griff zu dem kleinen, niedlichen Sonnenschirm und ging in gemessenen Schritten spazieren. Aus den Schachteln sprangen die Bleisoldaten: preußische Gardisten, berittene Kosaken und gelbe Japaner. Eine Herde weißer Lämmerchen kletterte heraus samt ihrem Schäfer und dem Schäferhunde. der merkwürdigerweise ein kohlrabenschwarzer Pudel war und sofort vor seinem Herrn schön machte. Stosige Marzipanschweinchen galoppierten umher und liefen den Soldaten quiekend zwischen den Beinen durch. Ein Pfefferkuchenherz sang weiche, klagende Liebeslieder, und ein dicker, rotbäckiger Apfel begann mit seiner Süße und feinem zarten, saftigen Fleische zn prahlen. Aus einer Schachtel mit Datteln und Feigen stieg ein leises, singendes Sprechen: die Sehnsucht nach der fernen Heiniat,.wo der Schnee schmilzt, eh' er zur Erde gekoinnien, wo die Sonne heller und heißer leuchtet.. Ein blaffcs Wachsengelchen stand daneben und hörte andächtig zu. Dann sagte es:.Schön mag'S sein in eurer Heimat. Ich aber möchte nicht dort sein. Mein Klima ist Deutschland... o du mein Deutschland, mein einziges I" Eine große Wallnuß trudelte heran:.Ach, hätt' ich Flügel wie du— wo wär ich denn? Weit, weit weg von diesem schrecklichen Ort. Ivo man stündlich seinen Tod erwarten muß. Ach, hält' ich Flügel I" .Sie würden dich nicht weit tragen. Sind ja aus Wachs und schmelzen vor'm Angesicht der Sonne. Ich führe sie auch mehr zum Staat. Es ist nicht' gut. so hoch zu steigen. Wie leicht fällt man und schlägt sich den Kopf." „Pähl* Ein handgroßer Kaminfeger, frisch gewaschen und in Feiertagskleidenr, bog um die Ecke..Wer schwindelfrei ist, kann auch hochsteigen." „Wir nicht," sagte die Wallnuß melancholisch..Wenn man uns losgerissen vom Baum, steckt man uns in Säcke, nimmt uns das Licht und die Luft, und wir werden verzehrt." „Ihr müßt hart werden." erwiderte der Kaminfeger.„Wenn ich eine Nuß wäre, ich würde mich so verhärten, daß sich alle die Zähne an mir ausbrechen könnten." „Das zeugt von keinem guten Charakter," sagte empört der Wachsengel.„Als ob es nicht die Bestimmung der Nüsse wäre, gegessen zu werden I" „Ja!" Eine kleine Haselnuß mischte sich eifrig in das Gespräch. „Es ist unser Schicksal, Misere Lebensaufgabe. Wozu sich dagegen sträuben? Wozu sdlche wahnwitzigen Träume, wie sie die Wallnuß hat l Eine Wallimß und Flügel I Ja. wenns noch ein Apfel wäre!" „Bravo!" Der Wachsengel streichelte die Haselnuß..Du bist eine liebe, kleine, fromme Frucht. Es geht schon alles so, wie es geben muß. Die Welt ist herrlich wie mir ersten Tag. Nur Narren, Phantasten nur beklagen sich. Dir aber, kleine süße Haselnuß, wird einst der Preis für deine Demut werden." „Einst I" Der Kaminkehrer lachte spöttisch und Ivics auf eine fußhohe Gestalt.„Einst, wenn dich der da zwischen die Zähne ge- nommen." Alle wandten den Blick. Die kleine Haselnuß schauerte fröstelnd zusammen. Dort stand, sein gräßliches Gebiß fletschend, mit schrecklichem Grinsen der Nußknacker. „Exzellenz Moloch", flüsterte der Engel und verbeugte sich tief. Zwei große feurig. Augen quollen aus dem falttgen Gesicht; ein langer graner Bart Ivallte bis z i den Füßen und hob und senkte sich mit den Kinnladen. Der Mund ging von einem Ohr bis zum anderen. Ueber den gewölbten Bauch spannte sich, frischgestrichen. eine weiße Weste. Lange Schwalbenschwänze hingen an dem ge« plätteten Frack, und auf dem Haupte erhob sich in tadellosem Glänze ein neugebügelter Zylinderhut. Die Hauptsache aber waren dre Zähne, von denen er ein fürchterliches Vkaul voll hatte. Nicht m" zwei Reihen, nein, vier, sechs, acht— die ganze obere und unters Kinnlade war dicht damit besetzt. Und so lachte er:„Hahaha I" „Fürchterlich I' Die kleine Haselnuß zitterte und sah wie gebamit in den schrecklichen Rachen. Der Wochsengel verbeugte sich von neuem. Der pralle rote Apfel kam herangewatschelt und schrie:„Mvrjen, Moloch Exzellenz. Int jeruht?" Jetzt sah man, daß es ein Holz- apfel war, der keine Furcht zu haben brauchte. Die Datteln und Feigen, die über den Rand ihrer Schachtel guckten, brachten kein Wort heraus, aber sie bogen sich vor Ehrfurcht. Der schwarze Schäferbund sah sich die Erscheinung einen Augen- blick an, dami knurrte er leise. „Nanu", sagte der Nußknacker.„Was fehlt denn dem?" Die Marzipanschweinchen quiekten und rannten ihm zwischen den Beinen durch. Das Pfefferkuchenherz seufzte. Der Kaminfeger lachte. Die Nüsse aber, zu denen eben leise die große Wallrniß gesprochen, knarrten und murrten. „Ja", sagten sie.„wir müssen hart werden. So hart, daß sich alle die Zähne an nnS zerbrechen." „Hahaha l" lachte der Nußlnocker. Seine Augen flimmerten begehrlich. „Was für ein intereffanter Mann!" Die Puppe kam unter ihrem Sonnenschirm eben um die Baumecke spaziert und blieb be- wundernd stehen. „Gnädige Frau l" Der Nußknacker dienerte, daß ihm die Weste knackte.„Küß die Hand. Auch schon aufgestanden? Darf ich der Gnädige» ein paar süße Kerne anbieten?* „Bitte." Eine schaufelartige Hand fuhr unter die Nüsse; sie stoben aus- einander und schimpften empört. Aver einige hatte er erwischt. Die schob er zwischen die Zähne. Dann knackte es; die Schalen fielen in den Bauch; die Kerne rollten über die Zunge in die ausgestreckte Hand des Fräuleins. Der Nußknacker verdrehte die Augen:„Was für liebliche Mänsezähnchen gnädige Frau haben. Stundenlang könnt' ich zu- sehen. Nun", er wandte sich zu den Nüssen,„was ist denn Euch unter die Schale gefahren? Das murrt und knurrt und sträubt sich.. „O", die kleine fromme Haselnuß meldete sich.„Keineswegs, Euer Gnaden. Keinen schöneren Tod kann ich mir denken, als auf so süßen Lippen." „Ja", sagte verdrießlich der Nußknacker.„Du. Wer vergreift sich auch an Dir. Schließlich kommt ein kleiner verschrumpelter Kern zum Vorschein. Aber das andere Gesindel—* „Was? Gesindel?" Die große Wallnuß drängte sich vor. „Ist's nicht genug, daß Du mtS frißt? Mußt Du miS auch noch beschimpfen?" „Ruhig I" Die feurigen Augen quollen vor.„Ruhig I Oder ich zerquettche Euch!" „Hahaha!" Der Schornsteinseger lachte.„Nee, sag' mal: Dt« bist ja'n ganz gewaltiger Kerl I" „Ich zerquetsche Dich I" „Gleich? Ach, was bist Du für'n Riese l So einen Nußknacker Hab' ich in der ganzen Welt noch nicht geseh'n." „Knabe! Ich bin aus Eisen. Wie alle Nußknacker, Du KnirpS." „Ich Hab' schon welche aus Holz gefunden." „Ein unausstehlicher Mensch I" Die Puppe rümpfte die Nase. „Er.ist mir vorhin schon begegegnet. Hat mir seine Begleitung an- geboten, der Frechling. Wie kommt denn der Mann in die gute Gesellschaft?" „Zug der Zeit, lleberall drängt das Plebejertunr herein. Ach, gnädige Frau, ivenn ich an die Zeiten denke, wo wir noch unter .uns waren! Sic und ich, wir sind ja. mit Respekt zu sagen, alt- ehrwürdige Möbel. Das waren andere Weihnachten früher l Wie manches Fest habe ich mitgemacht I Man wird alt m,d— unter uns gesagt— ich Hab nur schon manchen Zahn plombieren lassen müssen." „Das ist kein Wunder. Bei Ihrer anstrengenden Tätigkeit. ES kommen Ihnen doch wohl so allerhand Nüsse über die Zunge. Pars- misse zum Beispiel." „Ja, die ausländischen Gewächse! Die sind härter. Machen mir Kopffchmerzeu. Aber trotzdem; es gibt nichts, wa« ich nicht klein kriege. Einmal Hab' ich sogar'ne KokuSnuß glatt durchgebiffen DaS heißt, da war.ch noch jünger. Immerhin, ich darf mich auch jetzt noch rühmen, daß meinem Gebiß nichts widersteht. RichtS. Eigentlich bin ich ja mir für Nüsse angestellt. Aber, loie es so geht, es werden einem auch andere Dinge in den Mund gesteckt. Bau- steine, Marzipanschweine und Kanonenkugeln beispielsweise. Sie lächeln. Gnädige. ES ist trotzdem wahr. Ganze Goldklumpen Hab' ich sckwn zu Staub zermalmt. Kommt mir gar nicht drauf au. Weuu's Ihnen Vergnügen macht, verschlinge ich auch den frechen Kaminfeger dort niit Hanl und Haaren, mit Besen, Leiter und Kugel." „Es würde mir Vergnügen machen," lachte die Puppe.„Aber Sie dürfen ihm nicht weh tun." „Es ist ein ganz schmerzloses Verfahren, wie Ihnen alle Nüsse bezeugen können, die mein Inneres kennen gelernt haben.— Komm' mal her, mein Sohn!" „Verwandt sind wir auch? Wie die Katze mit der Maus, he? Wie der Hund mit der Blutwurst." Hier näherte sich das Wachsengelchen:„Wir sollten ihn geistig vernichten, Exzellenz. Wir sollten ihm kraft unserer Ideale—" „Dazu ist heute keine Zeit. Ein andermal." „Der Vorschlag ist nicht übel," sagte das Fräulein mit dem Sonnenschirm.„Am liebsten wäre mir Beides. Man hat so wenig Abwechselung im Leben." „Beraten wir," sagte der Nußknacker. Sie traten zusammen und flüsterten miteinander. Auch das Wachsengelchen, der Apfel und die kleine fromme Haselnuß. Der Schäferhund schlich knurrend um den Kreis herum und versuchte, den Nußknacker in die Waden fu beißen. Er kriegte einen Fußtritt.„Früher war daö anders", eufzte er und klagte es dem Schäfer und der Lämmerherde. Inzwischen hatte der Kaminkehrer seine Leiter geholt, sie an den Rücken des Nutzknackers angelehnt und stieg nun hinauf. Erst auf die Schulter, dann auf den Hut. Die kleine Haselnuß sah es zuerst und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen:„Euer Hochwohlgeboren," stotterte sie zitternd,„eS sitzt jemand auf Ihrem hochwohlgeborcnen Hut." „Bus meinem— Hut?!" „Er ist's!" rief die Puppe und ließ vor Erstaunen den Sonnenschirm fallen.„Was für ein interessanter junger Mann! Nehmen sie sich nur in acht, daß sie nicht fallen." „Keine Angst. Es ist mein Beruf, den Leuten auf's Dach zu steigen und die Rauchfäuge auszukehren." Dabei ließ er den Besen hinunter. Der Nußknacker packte mit den Kinnladen zu:„Ha. deine elende Zahnbürste, Knabe l.Ich verschlinge alle« meine Gnädige, fürchten sie nichts. Ich Hab' ichon ganz andere Dinge fertiggebracht. Ich— zerquetsche— alles I!" In diesem Augenblick ließ der Kaminkehrer seine eiserne Kugel hinunter. Ein fürchterliches Knirschen hob an. Gräßlich war's anzusehen. wie der Nußknacker die Zähne fletschte, wie er kaute und würgte. Die Augen quollen weit aus den Höhlen und sprühten Feuer, der lange Bart ging zitternd auf und ab... „'ne tolle Mahlzeit!" sagte freudig die große Wallnuß.„Wohl bekomm's I" „Unerhört!" Der Wachsengel stand starr. Und dann gab's ein gewaltiges Prasseln, Knirschen und Krachen... Dem Nußknacker hingen die zerbrochenen Kinnladen herab... Die kleine fromme Haselnuß kriegte den Herzschlag. Schreckens» bleich standen und lagen die anderen. Nur unter den Nüssen erhob sich freudiges Gemurmel. Oben auf dem Zhlinderhut aber saß der freche Schornsteinfeger. zündete sich eine Preise an. baumelte mit den Beinen und sagte: „Ja es gibt Nüsse auf der Welt. Nüsse"... Der Regulator schlug feierlich Eins.— '■> urr—--•- Kleines feuUleton* e. k. Dies und das vom Weihnachtsfest. Seit jeher hat es die Kirche meisterlich verstanden, sicb den bestehenden Zu- ständen und Verhältnissen anzupassen. Um die Germanen für das Christentum einzufangen, übernahm sie natürlich auch deren natur- religiöse Sitten und Gebräuche. So wurde das altnordische Fest der'Wintersonnenwende— Jol oder Julfest geheißen— mit Christi Geburtsseier verschmolzen. Die heidnischen Symbole wurden bei- behalten und empfingen erst seit dem Jahre 354 christlich- kirchliche Umdeutungen. Denn auch die Saturnalien der heidnischen Römer spielten dahinein. Als älteste Reminiszenz an die heidnisch« germanische Vorzeit ist jedenfalls der Weihnachtsbaum lebendig geblieben. Der Brauch, ein Nadelbäumchen mit allerlei Zierrat und Lichtern zu putzen, und unter seine Zweige Geschenke zu legen, hat jedoch erst im vorigen Jahrhundert allgemeine Verbreitung gefunden. Was Rorddeutschland angeht, so kannte man eigentlich nur die sogenannte Weihnachtspyramide. Sie bestand aus einem Holzstamm als Achse. Von ihr gingen Stäbchen aus, um welche sich in verjüngender Form von unten nach oben gesehen, Reifen legten. Das Ganze war in der Regel mit hellgrünem Papier umwickelt. An den Reifen wurden die Licht- Halter nebst den Geschenken befestigt. Diese Weihnachtspyramide, aber auch WeihnachtSkroue, war in Berlin bis in das vierte Dezennium des vorigen Jahrhunderts gebräuchlich und hat sick, auch roch bis heute in manchen Orten der Mark erhalten. 1835 ist wohl zum erstenmal der Tanne»bau m iir Verlin eingezogen. heute prangt er auch in allen romanischen Ländern, ja selbst im Blockhaus amerikanischer, brasilianischer oder australischer Kolonisten. Wi bifl Volksglaube einstmals an den Weihnachtsäpfeln, Pfeffernüssen und sonstigen Gaben hing, darf füglich übergangen werden. Ins Gebiet der nordischen Sage weist auch der Knecht Ruprecht hinüber. Wir kennen ihn als dienstbaren Geist im Ge- folge Berchtas. Auch seine Wandlung zu einer Schreckgestalt für die' Kinder reicht in die Frühzeit des Germanentums zurück. Es muß bei dem Umtrieb solcher verlarvten Gesellen in den Gassen arger Unfug verübt lvorden sein, weil schon das-jus cairomcum(Pachteecht) Verbote dagegen erlassen hat. Ucber die Herkunft dieses Brauches tveitz ein Chronist folgendes zu melden. Im Jahre 1023 soll es sich in einem Orte Sachsens zugetragen haben, daß ein Priester namens R u p e r t u s in der Weihnacht Christmette gehalten, woran er aber durch 15 Männer und drei Weiber, die draußen auf dem Kirchhof getanzt und weit- liche Lieder gesungen hätten, verhindert worden sei. Wohl ließ er ihnen Schweigen gebieten, allein sie spotteten seiner. Da fluchte er ihnen und wünschte, daß sie von Stund an das ganze Jahr hin- durch tanzen müßten. Alsbald sei es geschehen. Unter jenen Weibern war nun auch des Priesters Tochter. Ihr Bruder wollte sie von den Tänzern wegziehen. Dabei riß er ihr einen Arm aus. Sie aber hätte, ohne auch nur einen Blutstropfen zu verlieren, das ganze Fahr über mit anderen fortgetanzt. Zuguterletzt hätte sie der Erzbischof Heribert von Köln durch Abgeordnete von ihrem Fluche lossprechen lassen. Hierauf wäre sie nebst einigen anderen gestorben. Die übrigen hin- gegen hätten drei Tage und drei Nächte geschlafen. Etliche wachten nicht mehr auf: die anderen, am Leben gebliebenen, hätten aber ohne Unterlaß gezittert. Und von dieser Zeit an sei der Name Ruprecht ein besonderer Schrecken für alle Kinder geblieben.... Ein trauriges Weihnachtsfest erlebten die Bewohner des Bremer Gebietes im Jahre 1717. Damals brach in der Christnacht eine Springflut ins Land herein: „Sieben Tage hat's gedauert, Sieben Nächte blieb das Wasser, Bis der große Länderhasser. Der stets vor den Deichen lauert, Sich verlaufen hat, verloren, Und fein altes Bett erkoren. Viele Tausend sind ertrunken, Unzählbares Vieh gestorben, Städte, Dörfer sind verdorben, Sind verspült und sind versunken." So singt Detlev v. Liliencron„Vun de erschröckliche Springflot" im Stil des alten Bremer Chromsten. Schließlich lebt mit dem Weihnachtsfeste noch eine andere alt- heidnische Erinnerung auf. Das sind die„Zwölften", oder„Rauh"-, auch.Dreizehnnächte" zwischen dem 24. Dezember bis