Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 250. Freiwg. den 28. Dezember. 1906 61] Der Sumpf. Roman von Up ton Sinclair. Autorisierte Uebersetzung. „Ich bewillige Euch Euren Jesus," unterbrach ihn Schlie mann. „Gut denn." rief Lucas,„warum sollte Jesus nichts mit seiner Kirche zu tun haben— warum sollten seine Worte und sein Leben keinen Einfluß Haben auf die, die ihn anbeten? Hier ist ein Mann, der erste Revolutionär, der ivahre Gründer der sozialen Bewegung, ein Mann, dessen ganzes Wesen eine Flamme des Hasses gegen den Reichtum war lind gegen alle Folgen des Reichtums— ein Mann, der selbst' ein Bettler war und ein Pilger, ein Mann des Volkes, ein Freund der Geringsten, der wieder und wieder in schlichter Sprache den Reichtum verdammtet„Sammelt nicht Schätze, die die Motten und der Rost fressen!"„Gesegnet seid ihr Mühseligen und Beladenen, denn euer ist das Himmelreich."„Wehe dir, daß du reich bist, denn du hast deinen Trost dahin."„Wahrlich, ich sage dir, es'ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes kommt." Der die ungemesscnen Zinsen der Ausbeuter seiner eigenen Zeit vcr?. dammti„Wehe euch, ihr Schriftgelchrten und Pharisäer." „Wehe euch, ihr Schlangen, ihr Otterngezücht, wie könnt ihr der Verdammnis der Hölle entkommen?" Der die Geld- Wechsler und Krämer mit der Peitsche aus dem Tempel trieb. Der gekreuzigt wurde— denkt daran— als ein Aufruhrer und Störer der sozialen Ordnung, lind diesen Mann haben sie zum„Hohenpriester des Rcichtimis, der übertünchten Ehrbarkeit" gemacht, zum Hohenpriester einer Kirchenlehre, in deren Schattet» sich alle die Schrecken und Abschculichkeiten moderner Zivilisation abspielen. Edelsteinbeladcne Bildnisse werden von ihm gemacht, sinnliche Priester verbrennen Weih-, rauch ihm zu Ehren, und moderne Raubritter der Industrie bringen ihm ihre. Dollar?- dar, an denen der Blutstropfen hülfloser Mitter und Kinder hängt, bauen ihm Tempel, sitzen darin in weich gepolsterten Stühlen und lauschen seiner Lehre, die von einem Doktor dunstiger Gottesgelchrsamkeit ans- gelegt wird." „Bravo!" rief Schliemann lachend. Aber der andere war in vollem. Laufe, er predigte über einen Gegenstand, den er nun schon während der letzten st Jahre lang als sein ständiges Vortragsthema bctrachtttc, und er ließ-sich nie dabei unterbrechen.„Das ist FestiZ von Nazare!h!"'ries er,„dieser klassenbewußte Arbeiter, Agitator, Gesetzczertrümmcrer, Anarchist. Er. der erhabene Herr und Meister einer Welt, in der die Körper, und Sceleit der menschlichen Wesen in Dollar?- umgesetzt werden.— Wenn Jesus heute auf diese Welt käme und sehen könnte, wie die Menschen seinen Namen mißbraucht haben, würde da seine Seele vor Zorn nicht zum Himmel stammen? Würde er bei diesem Anblick nicht tief betrübt werden? Er. der Fürst. der Barmherzigkeit und der Liebe? Jene schreckliche Nacht, da er in dem Garten Gcth- semauc im Todeskampfe rang, bis blutiger Schweiß ihm auf die Strrne trat,— glaubt Fhr, daß er damals etwas Schlimmeres sah, als was er heute Nacht auf den Schlachtfeldern der Mandschurei sehen könnte? Glaubt' Ihr nicht, daß, wenn er jetzt i» St. Petersburg wäre, er die Peitsche nähme, die Gcldwcchfler ans seinem Tempel atlszti- treiben?—" Hier hielt der Nedtter.euren Augenblick an. um Atem zu holen.„Nein, Freund," sagte der andere trocken,,„denn er war ein Praktischer Mann, Er würde kleine Nachahmungen von Zitronen nehmen, solche wie jetzt nach Rußland verschifft rverden, handlich in der Tasche Z» tragen und stark genug, einen ganzen Tempel in die Lust zu sprengen." Lucas wartete, bis die Gesellschaft aufhörte zu lachen: damt begann er wieder:„Fa, seht es vom pratktischeu, politi- schen Standpunkte an. Genossen. Hier ist eine historische Person, der alle Menschen Verehrung und Liebe zollen, die unser Leben gelebt, unsere Lehre verkündigt hat. Sollen wir sie nun in den Händen unserer Feinde lassen? Solle» wir ihnen erlyuben, ihr Beispiel zu unterdrücken und einen Namen aus ihr zu machen? Wir lieben Jesu Worte, die niemand verleugnen kann. Sollen wir sie aber dem Volke nicht predigen und ihm nicht wörsen. was er eigentlich war. was er lehrte und was er tat? Nein, nein— und tausendmal nein. Wir ivcrdcn seine Autorität beniitzen und die Schurken und Faulenzer aus seinem Tempel jagen und werden das Volk zum Handeln erheben." Lucas hielt ein. Der andere streckte die Hand nach einer Zeitung aus, die aus dem Tische lag.„Hier, Freund," sagte er mit Lachen.„Hier ist eine Stelle, mit der Du beginnen kannst. Der Frau eines Bischofs sind soeben Diamanten im Werte von stl) t)00 Dollar gestohlen»vorden und jener Bischof ist ein tüchtiger und gelehrter Bischof, ein Philanthrop und arbeiterfreundlicher Bischof." Als die Gesellschaft jetzt einen Augenblick schwieg, nieintc der Redakteur etwas naiv, er habe immer geglaubt, daß der Sozialismus ein vollständig fertiges Programm für die Zukunft der Zivilisation bereit habe. während hier doch zwei aktive Mitglieder der Partei fast direkt entgegengesetzte Anschauungen zeigten.„Es wird mich.intcr- essieren," sagte er,„wenn die beiden Herren mir auseinander- setzen möchte», was sie eigentlich an gemeinsamen Ideen haben. und warum. sie zu ein und derselben Partei gehören." Als Resultat dieser Aufrage zeigte sich nach langer Debatte die Forntulierung zweier sorgfältig überlegter Vorschläge: Ztierst, daß ein Sozialist den Gemeinbesitz und die demokratische Verwaltung der Produktionsmittel fordert, und zweitens, daß ein Sozialist glaubt, daß die Mittel, durch welche das zustande gebracht wird, in dem Klassenbewußtsein und der politischen Organisation der Arbeiter liegen. Für Lucas, den religiösen Schwärmer, bedeutete ein Ge- meinstaat da?„Neue Jerusalem", das himmlische Königreich, das in jedem selbst liegt. Dem anderen war der Sozialismus einfach ein notwendiger Schritt zum weit entfernten Ziel, ein Schritt, der mit Geduld gemacht werden müsse. Schlie- mann nannte sich einen„philosophischen Anarchisten", und er erklärte, daß er ein Anarchist,. ein Mensch sei, der da glaube, daß das Endziel des menschlichen Daseins in der freien Ent- Wickelung jeder Individualität liege, uneingeschränkt durch Gesetze, ausgenommen die Gesetze seines eigenen Wesens. Da dasselbe Licht wohl alle Feuer entzünden könne, so sei es leicht durchführbar, die Industrie der Kontrolle der Stimine der Allgemeinheit zu unterstellen. Es gibt nur eine Erde, und der Umfang der. materiellen Güter ist begrenzt. Dagegen sind die intellektuellen und nioralischen Dinge »i'.ierschopslich. lmd jeder kann von ihnen, soviel er nur immer will, ist sich'aufnehmen, ohne daß ein anderer beraubt wird. Daher soll Gemeinsamkeit in der materiellen Produktion .herrschen, aber Anarchismus in allen intellektuellen Fragen. So lautete die Formel de?, modernen proletarischen Gedankens. Sobald die Geburtstvehcn vorüber sind und die Wunden der Gesellschaft geheilt sind, wird ein einfaches System aufgerichtet, nach»velchcm jeder seine Arbeit gutgeschrieben bekommt und mit seiner Arbeit auch bezahlt. Alls diese einfache Art»verde!» die Prozesse der Produktion, des Austausches und der Kon- suintion automatisch weitergehen, ohne daß wir uns dessen bewußt sind, wenigstens nicht mehr, als ein Mensch sich bewußt ist, daß sein..Herz schlägt. Und dann erklärte Schliemann, ivui'dc sich die Gesellschaft in unabhängige sich selbst der- waltende Gemeinwesen von gegenseitig gleichwertigen Per- sonen auslösen,»vie sie jetzt schon die Kstibs, die Kirchen und politischen Parteien zum Beispiel darstellen. Nach der Revo- lution würde für alle intellektuellen, künstlerischen und geistigen Bestrebungen der Menschen durch solche„Freie Ge- meinwesen" gesorgt werden. Romanschriftsteller»verde» von denen unterhalten, die Romane lieben, Maler von denen, die sich für ihre Kunst interessieren— dasselbe sei der Fall bei Predigern, Gekehrten, Künstlern und Musikern. Wenn irgend 'jemand zu malen oder zu predigen wünscht und niemand finden kann, der ihn unterhält, dann kann er sich selbst unter- halten, wenn cr eme»»' Teil seiner Zeit über arbeitet. Das- selbe ist jetzt der Fall, nur»nit dem Unterschied, daß dnS Kon- kurrenzlohnfystem den Mann zwingt, die ganze Zeit zu ar- beiten,»un zu leben, während nach der Abschaffung des Klassenvorrechtes und der Ausbeutung jeder sich»vird er- nähren können durch eine Stunde Arbeit am Tage. Auch ist die Anhängerschaft eines'llünstlerS heutzutage nur eine ge- ringe, denn alle sind bedrückt durch die Anstrengungen, die es sie gekostet hat, sich ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. Von den intellektuellen, lud küustlerijcheu Tätigkeiten, wie sie sich zeigen würden, wenn die ganze Menschheit befreit wird von dem Alp der Konkurrenz, können wir uns gegenwärtig keine Vorstellung machen. Dann wünschte der Redakteur noch zu wissen, wie Schlie- mann es für möglich halte, daß die menschliche Gesellschaft bei einer Stunde täglicher Arbeit seiner Mitglieder existieren könne.„Gerade das," antwortete der andere,„würde die Produktionsfähigkeit der Gesellschaft erhöhen, wenn nur erst alle Quellen der Wissenschaft ausgenützt würden. Wir haben heute noch kein Mittel, dies genau zu erweisen, aber wir können sicher sein, daß es alles überbieten würde, was heute den Leuten, die an die häßlichen Barbareien des Kapitalismus gewöhnt find, erreichbar erscheinen könnte. Nach dem Triumph des internationalen Proletariats würde der Krieg natürlich eine Unbezreiflichkeit werden, und wer kann die Kösten, die einer Nation durch einen Krieg entstehen, bemessen.— Dabei darf aber nicht allein gedacht werden an den Wert des ver- gosienen Blutes, der zerstörten materiellen Güter, nicht bloß au die Kosten, um Millionen von Menschen in unfruchtbarer Tätigkeit zu erhalten, sie für die Schlacht und für die Parade auszurüsten und sie zu bewaffnen, nein, der Verlust von Lebensenergien der Gesellschaft durch Kriegsdrohung, Kriegs- schrecken muß in Rechenschaft gezogen werden,— die Brutalität, Dummheit, Trunkenheit, Prostitution und Verbrechen, die er erzeugt, die industrielle Impotenz und moralische Ab- stumpfung.— Glaubt Ihr, daß es zuviel gesagt ist, daß zwei Stunden Arbeit eines jcberi kräftigen Mitgliedes des Gemein- Wesens nicht ausreichen, die schrecklichen Kosten des Krieges in den ewigen Vorbereitungen für ihn aufzutreiben?" Und dann fuhr Dr. Schliemann fort, zu skizzieren, wie das menschliche Hab und Gut durch die Konkurrenz verwüstet wird, er fing au, die Verluste in den wirtschaftlichen Kriegen zu erläutern, sprach von den endlosen, gegenseitigen Plackereien und schilderte die Laster, wie das Trinken, als Folgen der ausreibenden Sorgen und zeigte, wie das System die trägen und unproduktiven Mitglieder des Gemeinwesens bereichert. „Ihr werdet begreifen," sagte er,„daß in einer Gesellschaft, die beherrscht wird von der Konkurrenz im Handel und in der Industrie, das Geld notwendigerweise das einzige Zeugnis für redliche Arbeit abgibt und Verschwendung das einzige Merkmal der Macht ist. So haben wir im gegenwärtigen Augenblick eine Gesellschaft mit sagen wir dreißig Prozent der Bevölkerung beschäftigt in der Produktion nutzloser Ar- tikel, und ein Prozent, um diese Nutzlosigkeiten zu zerstören. Das ist aber noch nicht alles, denn die Tiener und Gelegen- heitsmacher jener Parafiten sind ebenfalls Parafiten. Die Putzmacher, Juweliere und Lakaien müssen ebenfalls von den nützlichen Mitgliedern der. bürgerlichen Gesellschaft unter- halten werden. Und bedenkt, daß diese scheußliche Krankheit nicht allein die Faulenzer und ihre Dienerschaft ruiniert, nein, ihr Eist durchdringt den ganzen sozialen Körper. Hinter den hunderttausend Frauen der Elite steht eine Million Frauen der Mittelklasse, unglücklich, weil sie es der Elite nicht gleich hm können, und bestrebt, vor der- Oeffentlichkeit an die Elite möglichst nahe heranzukommen- und hinter dieser wieder stehen fünf Millionen Frauen, die Modeblätter lesen und ihre Hüte aufputzen, Laden- und Dienstmädchen, die sich an Huren- Häuser verkaufen, allein, um sich mit Schmuck und kostbaren Kleidern behängen zu können. Und dann bedenkt, daß zu dieser Konkurrenz'in der Schaustellung von albernen Aeußer- lichkeiten Ihr. wie Oe! in den Flammen, ein ganzes Kon- kurrenzsystem der Verkäufer geschaffen habt. Da sind Fabri- kanten, die Tausende von ckutzlosen billigen Artikeln ersinnen, Kauflcutc, die sie vertreiben, Zeitungen und Zeitschriften, die angefüllt sind von Anpreisungen dieses Schundes." „Und vergoßt nicht die Vergeudung durch Betrügereien," schaltete der junge Mr. Fisher eiu. „Wenn man nun aber zu der ultra-nwdcrnen Reklame- Wut konnut," erwiderte Schliemann,„zu der Kunst, Leute zu überreden, etwas zu kaufen, was sie nicht gebrauchen können, so ist man so recht eigentlich im Mittelpunkt des gräßliche» Leichenhauses kapitalistischer Zerstörungssucht. Betrackstet den Verlust an Zeit und Energie für die Fabrikation von den taufenden Verschiedenheiten eines Artikels, der mir äußerem Schein und der Protzerei dient, wo eine einzige Art genügen würde. Betrachtet die Vergeudung durch Fälschung, die schäbige Kleidung, schlechte Baumwolldecken und baufällige Wohnungen schafft, denkt an die verfälschte Milch, das Anilin- Sodawasser und die Würste aus Kartoffelmehl." „Und dann bedenkt die moralischen Folgen," bemerkte der ehemalige Reiseprediger. „Ganz richtig." sagte Schlie nuarn.„Und denkt au das Lügen und Stehlen, Toben und Prahlen, an die schreiende Selbstsucht des Hastens und Eilens. Nachahmung und Ver- fälschung bilden ja das Rückgrat der Konkurrenz, sie sind nur eine andere Ausdrucksforui der Phrase: Kaufe billigst und verkaufe möglichst teuer! Ein Regierungsbcamter stellte fest, daß die Nation einen Verlust von mehr als tausend Millionen Dollar im Jahre durch verfälschte Nahrungsmittel erleidet, worunter natürlich nicht nur das vergeudete Material, sondern auch die Doktoren und Krankenschwestern für Leute, die sonst gesund geblieben wären, eingerechnet sind, und das Geld für die Leichenbesorger für die Menschheit, die zehn oder zwanzig Jahre vor der Zeit sterben mußte. Tann bedenkt die Zeit und Energie, die verschwendet wird, die Dinge in einem Dutzend Läden zu verkaufen, wo doch einer genügen würde. Es gibt ein oder zwei Millwnen Geschäftsfirmen im Lande und fünf- oder zehnmal so viele Angestellte. Ziehet all die Arbeit in Rechnung, die verursacht wird durch die Buch- Haltung, das Pläneentwcrfen, durch das Berechnen von Gc- winn und Verlust. Betrachtet den ganzen Mechanismus der Zivilgesetzgebung, der durch die Prozesse notwendig gemacht worden ist,— die Gerichtshöfe und Richter, die Gesetze zu interpretieren, die Rechtsanwälte, sie zu studieren und zu um- gehen, die Zungendrescherei und Schikanen, den Haß und die Lügen. Betrachtet die Verschwendung durch die blinde und hazardmötzige Produktion von Waren, denket an die Fabriken. die geschlossen werden müssen, an die Arbeiter, die ohne Arbeit sind, an die Waren, die in den Lagerhäusern dem Untergang geweiht sind. Zieht das Zusammenkrachen ganzer Industrien in Betracht und im Gegensatz damit die Ueberreizung anderer für spekulative Zwecke, die Äankkrache, Krisen und Paniken, die verlassenen Städte und die hungernde Bevölkerung. Be- trachtet die Kräfte, die vergeudet werden, neue Märkte zu suchen, die unfruchtbare Tätigkeit, wie die der Geschäfts- reisenden, Annoncenagenten, Anwälte usw. Betrachtet die Vergeudung durch den Zuzug der Menge in die Städte, not- wendig gemacht durch die Konkurrenz und die Monopole der Eisenbahnen. Betrachtet den Sumpf, die schlechte Luft, die Krankheit und die Vergeudung lebensvoller Kräfte. Betrachtet die riesigen Geschäftsgebäude, die Verschwendung von Zeit und Material im Auftürmen eines Stockwerkes aus das andere, seht so einen zwanzigstöckigen Wolkenkratzer an und seht auf das Durchwühlen des Bodens. Dann nehmt das ganze Geschäft von Versicherungsagenten, die enorme Masse von administrativer Arbeit." „Ich kann dem nicht folgen," sagte der Redakteur. „Das sozialistische Gemeinwesen ist eine universale automatische Versicherungsgesellschaft und stellt eine Sparbank für alle seine Mitglieder.dar. Das Kapital ist das Eigentum aller, Verluste daran werden von allen gleichmäßig getragen. Die Bank ist das universale Kreditkonto, das Institut, durch welches der Verdienst und die Ausgaben eines jeden Jndi- viduums ausgeglichen werden. Es gibt nur eine allgemeine Regierungspublikation, in der alles genau verzeichnet und beschrieben wird, was das Gemeinwesen zum Verkauf auf- gestellt hat. Da niemand einen Profit bei dem Kaufe macht, ist kein Raum mehr für Extravaganzen vorhanden, keine falschen Vorstellungen, Täuschungen, Nachahmungen und Be- trügereien." „Wie wird der Preis eines Artikels festgelegt?" „Der Preis wird nach der Arbeit berechnet, die der Gegen- stand verursachte. Er wird durch die einfachsten Regeln der Mathematik bestimmt. Die Million Arbeiter auf dem Korn- acker der Nation haben jeder hundert Tage gearbeitet, und das gesamte Produkt dieser Arbeit stellt eine Milliarde Scheffel dar, und so ist der Wert eines Scheffels Korn der zehnte Teil eines Farmarbeitstages. Wenn wir's in Zahlen ausdrücken wollen, so würde, angenommen, ein Tag für Farmarbeit koste fünf Dollar pro Tag, ein Scheffel Korn fünfzig Cent kosten." .(Schluß folgt.) Die Huberkulolebebanälung und profclTor ßebnng. Von Dr. R. Silberstein. Solange die Menschheit unter der Tuberkulose zu leiden hat, fehlt es nicht an Versuchen, diesen Feüid des Menschengeschlechts zu vernichten. Lkziieumttcl aller Art, derschiedcaste Behandlungsmethoden worden erprobt, aber allen dielen Verniciien spottete die Seucke und rafft naÄ wie vor einen groffen TeU der Menschheit hin. Besonders ist eS daZ Proletariat, das der Tuberkulose die meisten Opfer bringt. Zweifellos ist die nioderne Bewegung zur Bekmnpfung der Tuber- kulose auch von der Arbeiterschaft wenigstens in Deutschland aus- gegangen und hat überall, wo fie Einflust hat, in Gemeinden, Krankenkaffeti, Jnvalidenanstalten darauf hillgewirkt, die nioderne Heilstättenbehmidlling der Tuberkulose möglichst wetten Volksschichten zugänglich zu niachen. Diese moderne Tuberkulosenbehandlung, deren Methode hauptsächlich aus den Heilwirkungen von Luft und Licht, guter Ernährung und Waffer beruht, hat mehr geleistet, als alle bisherigen Heilmethoden, sie hat anscheinend im Verein mit der allgemeinen Beffernng gesimdheiilicher Einrichtungen die Tuberkulosesterblichkeit in den letzten Jahren verringert. Nichtsdesto- weniger muff es ausgesprochen werden, daff auch diese Behandlung der Tuberkulose leider auch weil davon entsernt ist, die Tuberkulose zu einer im allgemeinen heilbaren Krankheit zu machen. Trotzdem die Lungenheilstätten nur Kranke im Anfangsstadium aufnehmen, werden völlige Heilungen fast nie erzielt � meist mutz man sich mit Besserungen und Verlängerung des Lebens und der Arbeitsfähigkeit mn eine Reihe von Jahren begnügen. Dies gilt natürlich wieder fast nur für das Proletariat und zwar häuptsächlich aus dem Grunde, weil bei der Ileberfiillung der Lungenheilstätten die Kranken viel zu lange auf Aufnahme warten muffen, sich in den Lungenheilstätten viel zu kurze Zeit mifhalten l1/« Jahr ist viel zu wenig) und nach der Entlastung wieder ttt die alte Misere der schädigenden Arbett, der Unterernährung und des Wohnungselcnds hineinkommen. Nach allen bisherigen Heil- Methoden der Tuberkulose kann nichts weiter erzielt werden, als dast die Natur in ihrer Tendenz den Tuberkuloieherd einzuschließen und vom gesunden Gewebe dauernd zu trennen, unterstützt wird. Zweifellos kommt es auch vor. daß solche eingekapselten Herde ver- tollen oder vernarben, doch gehört dieser günstige Ausgang leider nicht zu den häufig vorkommenden.— Die völlige Be'eitigung der Tuberkulose ist deshalb auch heute für die große Masse der Be- völlerung ein unerreichtes Ideal. Mit der Heilung der Tuberkulose hat sich seit Jahren auch Profeffor Behring beschäftigt. Sein Name ist der Welt bekannt geworden durch die Entdeckung des Diphtherieheilserums, nach besten allgemeiner Anwendung die Diphtherie auS einer der häufigsten und mörderischsten Kinderkrankheiten zu einer relativ seltenen und ungefährlichen geworden, ist. In bezug auf die Behandlung der Tuberlulose ist Behring nun in einen scharfen Gegensatz zu Robert Koch, dem Entdecker der Tnberkelbazillen, getreten und verteidigt seine Aiischauimgcn mit großer Energie gegen die Autorität Robert Kochs. Die Wissenschaft hat noch keine Entickeidung in diesem Streite gefällt, noch immer wogen die Anschauungen hin und her. erst die Zukunft wird lehren, wer in dieser Frage' recht hat, Behring oder Koch. Jedenfalls ist es intereffant, auch die Anschauungen Behrings populär darzulegen, zumal er selbst ebenfalls diese Frage auS der wiffenschaftlichen Arena in die weiteste Ocffentlichleit gebracht hat; vor einiger Zett hielt er in Stuttgart einen längeren Vortrag, der seine Thesen zur Behandlung der Tuberkulose enthält. An der Hand dieses Vortrages kann man am besten seine Ansichten studieren. Von vornherein erkennt Behring die Verdienste KochS uni die Entdeckung des Tuberkelbazillus und um die EntWickelung der ganzen Bakteriologie unumwunden an. Aber schon in bezug aus die Ver- breitungSweise der Tuberkulose tritt er in einen Gegensatz zu Koch. Koch und mit ihm die ganze heutige Hygiene ist der Anficht, daß die Tuberkulose fast stets ihren Ursprung der Einatmung von tuberkelbazillenhaltiger Lust verdankt. Die Tuberkelbazilleu werden achtlos mit dem Auswurf entleert, vermischen sich mit dem Staub, werden wieder aufgewirbelt und eingeatmet! gelangen sie imn in Lungen, die ihnen einen günstigen Nährboden bieten, so ent- wickelt sich die Tuberlulose. Dementsprechend war das Hauptaugen- merk bei der Bekämpfung der Tuberkulofcverbreitung auf Befestigung und Unschädlichmachung'deS Auswurfes und Staubes gerichtet. Das Ausipeien auf die Erde wurde verboten, der Desinfektion der Spuck- näpse, dem nassen Reinigen der Werkstätten und Wohnräume wurde die größte Bedeutung beigelegt. Behring will diese Borschristen natürlich nicht befestigen, er glaubt aber, daß damtt wenig geleistet werde, weil er der Anficht ist, daß hauptsächlich die Menschen von Tuberkulose befallen werden, die Schwindsnchtskeimc mtt der Säug- lingsmilch aufnehmen. Dieser Art von Tuberkelübertrogung, die nach Behrings Ansicht viel häufiger vorkommt, wie die nach Kochs Meinung, ist durch Spuckverbote und Desinfektion des Auswurfes nicht beizukommen. Nach Behring gelangen also die Schwindftudtskeime erst in den Magendarmkanal und erst ans dem Umwege durch den Lymphstrom in die Lungen. Aus diesem Grimde verlegt Behring den Beginn der Krankheit ins SäuglingSalter, während Koch das Jünglings- und erwachsene Alter als Hauptzeit der Schwindsuchtsansteckung be- zeichnet. Ein weiterer Unterschied der Anschauungen Kochs und Beh- rings besteht darin, daß Koch seit einigen Jahren zu der Ueber- zcugung gekommen ist, daß die Rindertuberkulose, die sogenannte Perlsucht, dem Menschen nicht gefährlich ist, während Behring die Bazillen der Rindertuberkulose, die auch durch die Milch in den menschlichen Organismus gelangen, für mindestens so gefährlich, wenn nicht noch für gefährlicher hält, als die Erreger der Menschen- tuberkulöse, Koch hat fetuer gclebrr, daß daS Tuberkulin, iu bestimmten kleinsten Dosen dem Menschen eingeimpft, zur Feststellung der Diag- nose der Tuberkulose benutzt werden könne; Behring hält die Re« aktion, die noch Tuberftillneinspritzimg bei vielen Menschen eintritt, durckiaus nicht für einen Beweis von vorhandener Tuberkulose, da un Tierexperiment häufig Empfindlichkeit gegen Tuberkulin-- eiuipritznng erzeugt worden ist, ohne daß bei der Sektion sich das geringste Änzeicben von tuberkulösen Herden gefunden habe. Um die Uelierttagung durch die Kuhmilch zu verhindern, hält nun Behring strengste Beaufsichtigung der Säiigliiigsmilch und energisäie Maßregeln zur Kemisteimaitiung der Militi für unbedingt ersort-erlich. Sollten Behörden oder gesetzgebende Organe sich auf den Slandpunkl Kochs betreffs Unschädlichkeit der Kochsrtien Tuberkel» bazillen stellen und dementsprechend die Frage der Tuberkuloseüber» tragung durch Kindermilch als unwesentlich betrachten, so hält Behring die Folgen dieser Anschauung für außerordentlich ge» sährlick. Als Heilmtttel gegen die Tuberkulose empfiehlt Behring das von ihm ersimdene Tulaselaktin in erster Linie al« Schutzmittel im SänglingSalter, in zweiler Linie zur Behandlung tuberkulös infizierter Kinder und zu allerletzt erst bei bestehender Tuberkulose erwachsener Menschen. Bisher ist dieses Mittel erst im Tierversuch angeivandt. und rS ist noch sehr staglich, ob es sich bei Menschen ebenso wie bei Tieren bewähren wird, außerdem wird sich schwerlich jemand finden, der gesunde Säuglinge zum Zweck der Schutzimpfung zu Versuchen bringen wird, ES ist klar, daß diese Anschauungen Behrings zunächst praktisch für die Heilung und Vorbeugung der Tuberkuloie noch nicht in Frage kommen. Die Wisirnschast wird sich erst darüber zu entscheiden haben, ob die Jmnmnisierung mit dem Tulaselattin imstande ist, die Säuglinge vor der Tuberkuloseübettragung zu schützen. Darüber wird noch lange Zeit vergehen, da? sieht Behring ein. Denn er empfiehlt vorläufig allgemein hygienische Maßregeln, denen man nur zustimmen kann. So fordert er die Entfernung der Säuglinge auS den Wohnungen tuberkulöser Eltern, verlangt staatliche und städttsche Fürsorge für Brustnahrung und künstliche Ernährung mit keimfreier Kuh- milch, Ansätze dieler Art sind ja in letzter Zeit von einigen Gemeinden in Form von Säuglingsfürsorgestellen gemacht worden, doch sind sie bisher wohl meist qualitativ mit» quantitativ unzureichend. Schließlich tommt er aus Grund seiner Versuche zu demselben Resultat, das auch schon andere sozialhygienische Stattstiken ergeben haben: daß das WobnimgSelend des Proletariats viel Schuld an der gewalttgen Verbreitung der Tuberkulose hat und daß eine Besserung der Wohnungsverhättnifie und der allgemeinen Lebenshaltung des Proletariats vielen Nutzen in der Bekämpfung der Seuche bringen könne. Nach wie vor bleibt also die Heilstättenbehandlung für das Proletariat als zurzeit beste Behandlung übrig. Sache der Arbetter-- schast ist eS, für eine recht große Berinehrung der Heilstätten Sorge zu tragen, damit der kranke Arbeiter möglichst frühzeitig Aufnahme findet und möglichst lange die Kur benutzen kann. kleines feuilleton. Die Christnacht ohne Christmettc. Die stanzöfische Weihnacht ist, wenigstens in den Stödten, schon seit langem keine„stille, heilige", sondern im Gegenleil eine sehr laute, unheilige Nacht, ein üppiges Freß- und Saustest, über dem Pantragruel als Patton waltet. Verbirgt sich im deutschen Fest Himer der christlichen Maske ein heidnischer Naturmythos, so bricht hier die unbändige SinneS- steudc des Südländers unvermittelt hervor. Diesmal aber ist auch die religiöse Maske gefallen. Die Pariser haben ihren„rovoillon'', die große Mittern achtssch lemmerei des 24, Dezember ohne fromme» Borwand abgehalten. Genau wie in früheren Jahren waren in den Restaurants die Plötze vorgemerkt, die Speisenfolge seit Tagen dem Publttum zu freudiger Erwartung und Vorbereitung der Magcnarbett bekanntgegeben. Nur das wristliche Präludium fiel aus— die Christmette So bat es der Erzbisckof gewollt. Als Grund der Aushebung hörte man das Bedenken äußern, eS könnte in den Kirchen zu thstug kommen. Das aber war mehr ein Vorwaud- Die Polizei wacht auch unter dem Tr< nmmgsgesetz über die Ruhe und flcktbarc Sittlich- kett in den Gotteshäusern. Und was in der ausgelassenen Pariser Christnacht etwa im Zeichen— Carusos geschehen mochte, das sah die milde Kirckie mtt verzeihendem Verständnis an. Ein wirklicher wichtiger Grund für die Absagung der Ehriswiette ist materialistisch- ökmronttsch in den Finanzsorgen der Kirche zu suchen. Die Mette ist recht kostspielig, aber ehedem gewährte sie auch fette Einnahmen. In der Weihnacht wurden besonders die vornehmen Kirchen wie die Madeleine und Saint-Eustache m förmliche Konzerttälc verwandelt, wo sich teuere Opernttäfte zu hohen Eintrittspreisen hören ließen. Das ist jetzt anders geworden. Die heidnische Re- publik hat die Kirchen für jedermann zugänglich gemacht und den Pfarrern untersagt. Stühle gegen Geld zu vermieten. Unter solchen Umständen ist die Christmette eine unprofitable Energieansgabe ge- worden. Aber ihr Ausfall bestätigt in seiner Wirkungslosigkeit nur, wie überflüssig sie geworden war. Da Hilst keine Senrimentakttät, die verwehten Glockenklängen nachweinen mag. Die alte Religion hat in den Köpfen und Herzen ausgespielt und lebt nur noch im Magen fort. Weihnachten bei schwedischen Bauern. Die christlichen Feste find dadurch entstanden, daß die.Kirche den heidnischen Feston■ Nnsiliche Kamen und Bcdcukntg unterlegte. In Schweden �sind