Nnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 3. Freitag, den 4. Januar. 1V07 (Nachdruck verbalen.) 1>Iaäame cl'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Hall schwieg, sehr erregt. Madame d'Ora fühlte, wie er litt. „Ich kann es Dir anhören, daß Dn Dich nicht Wohl fühlst," sagte sie leise.„Ich kenne das ans alten Zeiten, Edmund. Es tut mir so leid. Damals begriff ich auch nie so recht, was Tu Dir eigentlich so zu Herzen nahmst. Mein Fehler war wohl, daß ich Dich nicht genügend verstand. Aber ich fühlte niit Dir, Edmund. Das tue ich jetzt auch, ich kann nicht anders." „O, Leontine!" rief Hall aus und lachte kopfschüttelnd, „weshalb mißhandle ich Dich jetzt? Du bist ja doch unver» letzlich." „Setze Dich, Edmund," bat sie, und er setzte sich müde nebm sie. Tie Glocke unten auf der Back bewegte sich klanglos im Winde. Die Zwischendeckpassagiere vorne hatten sich auf- gestellt, um den Mond zu betrachten, einige- von ihnen sangen. „Höre sie singen!" sagte Hall schmerzlich versonnen. „Wie kommt es nur. daß primitive Menschen, wenn sie lustig fein wollen, Klagelieder singe» müssen? Hör nur, wie sie in Not sind!" „Ja, Edmund." Madame d'Ora saß da und wurde schöner und schöner in ihrem Gesicht, während sie Hall, der den Kopf tief vornüber sinken ließ, unverwandt ansah; ihre Augen glichen zwei Lichtern. Die Zwischendeckpassagiere fuhren fort, ihre miß- tönende Melodie zu singen, die noch eine lange Zeit weiter- klang. Dann sagte Madame d'Ora sanft: „Was für eine kleine Tasche ist das, die Du da hast. Edmund? Du trägst sie fast immer in der Hand, tvie ich bemerkt habe. Hast Tu etwas sehr Wichtiges darin? Mir deucht, Du zuckst zusammen, Edmund.... Du bist doch nicht etwa mit irgend einer Kasse durchgebrannt?" Hall lachte unnatürlich und tastete nach ihrer Hand, die sie auf seine Schulter gelegt hatte. „Nein, Du Liebe! Wie ähnlich es Dir sieht, auf den Einfall zu kommen!" „Entweder bist Du krank, oder auch Dich friert, Edmund," sagte Madame d'Ora bestimmt,—„komm her mit Deinen kalten Händen. So! Wir können hier ganz gut beide unter meinem Abendmantel sitzen. So, Du. Nun ruhig, ganz ruhig!" „Du hast Dich seither nicht verändert, Leontine," flüsterte Hall nach einer Weile, dann fühlte er, wie Ruhe über ihn kam. „Leontine, Du bist noch immer so wann. Du bist warm ge- Wesen, und Dein Herz hat ununterbrochen, Tag und Nacht, gepocht, seit wir zuletzt zusammen waren— wenn es auch nicht für mich schlug." „Bist Du dessen, was Du sagst, wohl so ganz sicher," entgegnete sie mit einem so warmen Klang tveiblicher Hoch- Herzigkeit, daß es ihm in die Seele drang.«Aber nun gehört mein Herz Dir ja wieder." „Leontine!" „Sitze ganz still, Edmund, ganz still. WaS willst Du mit der Tasche da, sie steht ja ganz gut. Erzähle mir doch, was für wichtige Sachen Du darin hast." „Ein Paar Hanteln, ein altes Hufeisen, ein Uhrgewicht," antwortete Hall näselnd wie im Halbschlaf. „Wie magst Du Dich nur mit dem alten Eisenkram herumschleppen?" fragte Madame d'Ora verwundert und ein wenig unheimlich berührt.„Mein Gott, wie schwer die Tasche ist! Und was für einen gräßlichen ledernen Gürtel mit einem Haken daran hast Du um!" Im selben Augenblick begriff sie den Zusammenhang, verstand, daß Hall hatte sterben wollen. Sie blieb sitzen, ohne sich vom Fleck zu rühren, lehnte nur den Kopf zurück und sah zu den Sternen auf.„Ach, Edmund!" hauchte sie kaum hör- bar in die Luft hinauf und dann fing sie an zu weinen. So saß sie lange da. Endlich atmete sie tief auf und so vorsichtig, daß Hall es nicht merkte. „Wie glücklich ich bin. daß wir uns getroffen haben, Edmund," flüsterte sie bebend. „Ja, das war ein sonderbarer Zufall!" antwortete Hall geistesabwesend. „Ich wußte sehr wohl, daß Du auf dem Schiffe seiest/ sagte Madame d'Ora und erstickte lachend einen tiefen Seufzer. Das wußtest Du?" „Ja, und da fuhr ich mit, Edmund. Ich sah in einer Zeitung, daß Du in Europa auf Besuch warst, und ich fand heraus, daß Du mit dein„Bacharach" gehen wolltest. Ich habe mich so nach Dir gesehnt, Edmund... Edmund!" Hall fuhr in Zuckungen aus dem Schlaf auf. „Tu hast doch nicht geschlafen?" flüsterte sie liebevoll. „Wie ich Dich jetzt wiedererkenne, Edmund. Du kannst nur schlafen, wenn ich bei Dir bin. Hast Du nicht gut geschlafen, seit wir uns trennten? Hast Du gerechnet und studiert und nimmer geruht?" Er anttvortete mit einem schwachen Laut in der Kehle, und sie fielen sich um den Hals und saßen lange schweigend da. „Hörst Du, da spielt jemand die Mundharmonika?" flüsterte Madame d'Ora.«Das ist die Melodie, die wir ss oft in Paris gehört haben. Weißt Du noch die Abende, wenn die Tauben Sacrä-Coein* umschwärmten? Wie alt sind wir jetzt, Edmund? Geht es Dir gut in Amerika? Ich habe von Dir geleseir, Du bist groß und erfindest neue Dinge..." „Leontine, Du weinst!" „Ja, ich weine. Es war gut, daß ich mitreiste." „Ja," murmelte Hall. „Wie stark Du geworden bist," flüsterte er nach einer Weile.„Trinkst Du wohl zu viel, Leontine?" Sie antwortete nicht, sondern weinte und trocknete ihre Augen. Dann rückte sie vorsichtig fort und bat: „Edmund, laß inich einen Äugenblick aufstehen. Bleibe Du nur ruhig sitzen, Edmund!" Sie bückte sich schnell, ergriff die Tasche und ging damit an die Schiffsreling. Im selben Augenblicke ward ein.lauter Sprung auf den Deckplankeu hörbar, und aus irgend einem Versteck, in dem er sich verborgen gehalten hatte, tauchte ein Mann auf. Es war Thomas Mason, er stürzte auf Madame d'Ora zu. „Ah!" schrie Hall und sprang von der Bank auf. Die drei standen einander ganz schweigend gegenüber und saheil sich an. Mason streckte eine Hand aus und zeigte auf die Tasche. Aber Madame d'Ora übergab sie ruhig an Hall. Durch das Skylight(Decklicht) klang die Musik von unten aus dem Salon deutlich herauf. „St!" sagte Madame d'Ora mit großer Selbst- beherrschung.„Da sind sie alle!" Die Passagiere waren vom Tisch aufgestanden und fingen an, auf Deck hinaufzuströmen. Da das Wetter so schön war, blieben nur wenige auf dem unteren Promenaden- deck, die meisten wollten hinauf und den Mond sehen, und bald war das ganze obere Deck und die Aufsichtsbrücke mit einer plaudernden, lustwandelnden Menge angefüllt. Hall saß auf der Bank, und an seiner Seite stand Madame d'Ora. Sie sprachen nicht. Mason hatte sich ent- fernt. Die Passagiere kamen oft au der Bank vorüber, um sich über Madame d'Ora zu wundern, die dort groß und mächtig und mit einer eigentümlichen Miene neben einem Manne stand, den niemand beachtet hatte. Einige wenige wußten, daß es Edniund Hall war, und diese wunderten sich am meisten. Alle Damen wollten wissen, wer der bleiche Mann sei, und als man ihnen erzählte, daß es der große Anthropologe war, wurden sie sehr ernsthaft und streiften wieder an der Bank vorbei, um ihn zu sehen. Er war ein Mann mit langen, reinen Zügen und einem glatten Bart, der den Mund nicht verbarg, seine Augen waren blau und erschienen matt. So wie er jetzt da saß, schien er überhaupt nicht zu leben. Aber wie schön Madame d'Ora war. Die Damen kannten sie kaum wieder. Hielt sie Wache bei diesem .Kranken? Was war geschehen? Woher war sie plötzlich so schön geworden? Madame d'Ora verwandte kein Auge von Edmund Hall. Das Mondlicht fiel auf die dunklen Augäpfel und die großen, schwarzen Lider, die ihr einen so tiefen Aus- druck verliehen und so reich an Gnade. Die Nasenflügel, die fein und gewalttätig aussahen, ruhten nun völlig, und auch der leidende Mund war still. Aber wie voll unbändiger Kraft stand sie da in ihrer starken, hochaufgerichteten Gestalt, welch eine Pracht und Unbezwinglichkeit waren in ihrer Haltung vereint. Endlich bewegte sie sich, sah auf und veränderte den Ausdruck. Da war einer, der sich schon zweimal verbeugt hatte und mit ihr reden wollte, sie wandte sich um, und der Ernst schwand aus ihren Zügen: „Guten Abend, Herr Evanston." (Fortsetzung folgt.) Oer Garten cles l�aubenkoloniften. Januar. Nach langer Pause kam Herrn Prietzke jüngst wieder mal der Gedanke, heraus nach seiner Laube zu gehen, um festzustellen, wie es da draußen bei strenger Kälte und fußhohem Schnee wohl aus- sieht. Er war der erste, der»ach den jüngsten Frösten die Kolonie betrat und der an der Oberfläche gefrorene, hier draußen noch blendend weiße Schnee knisterte unter seinen Füßen. Es bedurfte einer gewissen Kraftaufwendung, um die hartgefrorene Tür zu seinem Gartcnparadies zu öffnen; dann ging er auf den Brunnen zu und versuchte vergeblich den Schwengel in Bewegung zu setzen. „Eingefroren," brummte er vor sich hin, um sich darauf direkt der Laube zuzuwenden; sie lag ihm am meisten am Herzen. Im Schweiße seines Angesichts hatte er sie im vorigen Frühjahr mit seinem Freunde Meier aus Rixdorf zusammengezimmert, und wenn auch der wertvollste Inhalt vor Eintritt des Winters heim- geschafft worden war, so befand sich doch noch manches darin, was er nicht gern in DicbeShänden gesehen hätte. In den letzten Nächten hatten ihn wiederholt wüste Träume aus dem Schlafe ge- schreckt, es träumte ihm, ein Straßenräuber hätte sich in der Laube häuslich eingerichtet, das Kochgeschirr in Gebrauch genommen und die vorhandene Bank nebst der übrigen primitiven Holzeinrichtung als Feuerungsmalerial verarbeitet. Tic Sorge war unnötig, die Laube erwies sich in tadelloser Berfassung, nichts dürfte auch un- geeigneter als Winterwohnung sein, als solch ei» im Freien stehen- des, allen Stürmen und der bitteren Kälte völlig preisgegebenes primitives Bauwerk. In meinem Garten ist die Laube längst durch ein kleines massives Bauwerk mit isolierten Wänden, gutem Fußboden und solidem Dache ersetzt. Ich habe Prietzke schon früher einmal er- zählt, daß ich darin bisher nur eine Winternacht verlebt habe, und kaum Lust verspüre, das Experiment auch nur ein zweites Mal zu wiederholen. Die Nacht war scheinbar endlos, und obwohl ich in dem kleinen Ofen gründlich eingeheizt hatte, fror mich bald in meinem Feldbette so furchtbar, daß ich mich wieder vollständig an- kleiden, späterhin noch doppelt in eine riesige Pferdedecke einwickeln mußte, und doch, als es endlich Tag wurde, so furchtbar gelitten hatte, daß ich erst nach geraumer Zeit wieder von meinen steif- gefrorenen Gliedern vorschriftsmäßigen Gebrauch machen konnte. Seit dieser Zeit habe ich mit allen den Obdachlosen ein tiefes Mit- leid empfunden, die gezwungen sind, bei Wintcrfrost in der Lauben- kolonie zu übernachten; den Aufenthalt in der Wärmchalle würde ich solchem Nachtquartier entschieden vorziehen. In Prietzkcs Laube hatten sich aber andere ungebetene Gäste einquartiert, gespensterhafte, langschwänzige Gestalten mit tief- grauem Pelz, sogenannte Wanderratten. Er fand hier Spuren. die darauf schließen ließen, daß diese Gäste vor Eintritt des Frostes das auf dein Boden stehende, mit Wasser gefüllte Kochgeschirr feinet besseren Hälfte als Badetoilette benutzt hatten, und entdeckte schließ- lich auch ihre Vorratskammer, in welcher alles Genießbare aus seiner und der Nachbarn Parzellen zusammengetragen war. Der ganze Boden schien vollständig unterminiert, die ausgeworfene Erde war an einer Ecke fast meterhoch aufgetürmt I Die Nattenplage ist in diesem Jahre ganz furchtbar! Während die lästigen Gesellen im Herbst über weite Flächen verbreitet leben und dadurch weniger in die Erscheinung treten, haben sie sich mit Eintritt des Frostes in die ihnen� am geeignetsten erscheinenden Lauben zurückgezogen, wo es sich für eine Ratte im Winter immerhin ganz angenehm wohnen läßt. Seitdem Frau Prietzke Kenntnis vom Vorhandensein der Ratten hat, ist sie durch nichts mehr zum Betreten der Laube zu beivcgen, neben den Mäusen fürchtet sie nichts mehr als Ratten, und sie würde, wie sie behauptet, lieber in einen Löwenzwinger gehen als in die Laube. Zum Glück hat die Wissenschaft in neuerer Zeit ein Mittel ge- fanden, durch welches wir der Ratten Herr werden können. Dieses Mittel ist ein Gegenstück zum Professor Locfflerschen Mäusebazillus. Es ist gelungen, Bazillen des Rattcutyphus rein zu züchten. Diese Bazillen werden durch das Bakteriologische Institut der landwirt- schaftlichen Hochschule zu Bonn in sogenannten Rcagenzgläschen auf Gelatine in den Handel gebracht. Diese Reinkulturen löst man in reinem Salzwasser genau nach beigegebencr Vorschrift und gibt dann in die Lösung so viel trockene Weißbrotstücke, daß die Flü»lg- keit vollständig aufgesogen wird. Das alles ist im Dunkeln zu wachen, dann»erden atendS die infizierten Weißbrotstücke da ausgelegt, wo die Ratten zu verkehren pflegin. Am nächsten Morgen werden diese Brocken weggefressen sein, und wenige Tage später kommt ein großes Sterben unter die Ratten. Den Menschen selbst oder anderen Haustieren schaden die Bazillen nichts, nur der Haus- und Wanderratte, der Wasserratte und deren Varietät, die als Wühlmaus in den Gärten so großen Schaden tut, bringen sie sicheren Tod. Dieses neue Mittel ist allen Giften, speziell dem mit Strychnin vergifteten Weizen und dem mit Phosphor vergifteten Zucker bei weitem vorzuziehen. An Phosphor gegen Ratten nur in größter Not, und den mit Strychnin vergifteten Weizen schälen sie instinktmäßig, wodurch sie das Gift fast vollständig entfernen. Um der Ratten Herr zu werden, genügt es aber nicht, wenn Herr Prietzke allein in der vorgeschildcrten Weise arbeitet, die mit Typhusbazillcn infizierten Brocken müssen in der ganzen Kolonie ausgestreut werden und der Sicherheit halber ist dann das Vcr- fahren nach einigen Wochen nochmals zu wiederholen. Als Herr Prietzke die Laube gründlich beaugenscheinigt hatte, wandte er sich dem Garten zu. Alles war in die weiße Decke ge- hüllt, welche die Dichter das Bahrtuch der Natur zu nennen pflegen; dem Laubenkolonisten ist sie aber mehr, er sieht in ihr eine Schutzdccke für zarte Pflanzen, wie sie Menschenhände diesen nicht zu bieten vermögen. In einer Ecke der Parzelle war durch die Mitwirkung des Schnees eine kleine Gebirgspartie zustande ge- kommen, mit mehreren zackigen Gipfeln, in welcher Prietzke kaum noch seinen mit so vieler Mühe aufgebauten Komposthaufcn wiedererkannte. In dem Bestreben, sich in der frischen Wintcrluft wieder einmal körperliche Bewegung zu machen, und zugleich auch in dem Bewußtsein, damit etwas Nützliches zu vollbringen, nahm er Schaufel und Rohdehacke zur Hand. Die Hacke hatte er sich von einem Freunde, einem Pflasterer, der nun feiern muß, gepumpt. Mit ihr begann er nun nach allen Regeln der Kunst den Kompost zu bearbeiten, die oberen hartgefrorenen Schollen herunterzuhauen und das Ganze umzusetzen, so daß das, was früher zu obcrst war, zu unterst kam. Diese Arbeit zweimal im Winter ausgeführt ist von größter Wichtigkeit; Luft und Frost können dann wieder ein- wirken, und die vollständige Zersetzung, wodurch uns aus diesen Gartenadfällcn ein wichtiges Düngemittel entsteht, geht rasch von statten. Nachdem diese Arbeit getan war, mußte Prietzke wieder an seine Frau denken, die ihn bei der Heimkunft stets zu fragen pflegte, ob und was er aus der Parzelle mitgebracht habe. Erging an die Kohlbcete, die mit kräftigen Stauden bestanden sind, die alle weiße Mützen trugen und begann hier den ersten Grün- kohl und die ersten rosenförmigen Knospen des Rosenkohls zu pflücken, wußte er doch genau, daß diese Gemüseorten erst nach Einwirkung kräftigen Frostes den höheren Geschmack erlangt haben, der ihnen eigen sein soll. Schwer bepackt, mit kalten Füßen, aber mit heiterem Sinne, trat er dann den Heimweg an. Ich hatte Prietzke früher einmal gesagt, daß man auch im Winter, wenn Schnee liegt, säen könne, und zwar dann, wenn das mit Schnee bedeckte Land im Herbst zuvor sauber gegraben und abgeharkt worden sei. Diese Arbeit hotte er sich aber vorläufig noch aufgespart, sie eilt ja nicht, wie er meinte, da sicher der letzte Schnee noch nicht gefchlcn sei. In früheren Zeiten loar� es mehr als gegenwärtig üblich, feine Samen harter Gewächse auf den Schnee zu streuen, namentlich solche von Primeln, Aurikeln und Sommer- blumen. Es hat dies so manches für sich, k. heben sich diese Samen deutlich vom Schnee ab, und man sieht deshalb auf dem weißen Untergründe, ob man auch richtig gleichmäßig und nicht zu dicht streut, dann aber dringen später diese Samen mit dem schmelzenden Schnee in den Boden ein, um dann bald unter dem Einfluß der Winterfeuchtigkeit zu keimen; sehr frühzeitiges und reichliches Blühen lohnt diese Wintcrarbcit. Seitdem Frau Prietzke die Laube meidet, und das ist schon lange her, wendet sie sich mit Feuereifer der Pflege ihrer Zimmer- blumen zu. Aber auch bei dieser Arbeit stellt sie die praktische Seite in den Vordergrund. Am Küchenfenster steht ein im frischesten Grün prangender Schnittlauchtopf, von dem sie fast alle Tage etwas herunterschneidct, und neben diesem ein Topf mit Pctersilienwurzeln, der schon dreimal seinen Inhalt gewechselt hat. Die Wurzeln sind im Keller eingeschlagen, sie kommen nach und nach ans Licht und in den Topf, aber nicht in den Suppen- topf, und unter dem Einfluß der Küchcnwärme. die mit feuchten Dünsten geschwängert ist, treiben die Wurzeln bald aus und das Grün wird dann so lange geschnitten, bis die Triebkraft der Wurzeln erschöpft ist, worauf der alte Topf geleert und neu bc- pflanzt wird. In dieser Arbeit hat es Frau Prietzke bereits zu großer Fertigkeit gebracht. Am Küchenfcnstcr steht aber noch ein dritter Topf mit einem Myrthenstock. Diesen hat sich die älteste Tochter aus einem Zweigchen gezogen, das mit hundert anderen den Brautkranz ihrer älteren Freundin bildete. Auch dieses Stöckchen ist frisch und lebensfreudig und soll, den Absichten der Pflegerin entsprechend, nach und nach zu einem kräftigen Bäumchen heran- wachsen, aus dessen Zweigen sie dann den eigenen Brautkranz zu winden gedenkt, wenn, ja wenn ihr Freier, der sehr ungeduldig ist, nicht schon vorher zugreift. Frau Prietzke hat die Erfahrung gemacht, daß am Küchcnfcnster eigentlich alles am besten gedeiht. Sic glaubte zuerst diese Tatsache auf den angenehmen Speiscngcruch zurückführen zu müssen, der immer dann herrscht, wenn nicht gerade die Milch überläuft oder der Reisbrei angebrannt ist. Ich habe ihr aber plausibel gemacht, daß die Sache ihre Gründe in der höheren Luftfeuchtigkeit hat, die in dem Ilmstande begründet ist, daß auf dem Fcucrloche stets, Ivcnn nicht der Suppen-, so doch ein Kaffee- oder Wassertopf steht, was eine permanente reichliche Wasserverdunstung zur Folge hat. Im Gegensatze zur Küche ist die Luft in der Wohnstube meist un- gewöhnlich trocken, weil ihr hier der Ofen die normale Feuchtigkeit entzieht. Die trockene Luft entzieht wieder ihrerseits den immer- grünen Zimmerpflanzen das Wasser, und zwar so stark, daß die in der kalten Jahreszeit nur sehr wenig arbeitenden Wurzeln den Blättern den Verlust nicht hinreichend ersetzen können, und die Folge davon ist das Eintrocknen der Blattspitzen, das Auftreten von Ungeziefer und schließlich das Absterben vordem gesunder Gc- wachse. Die beste Abhülfe dagegen schafft täglich mehrmals vor- genommenes feucktes Aufwischen der Stube, man braucht sich dabei nicht vor übermäßiger Feuchtigkeit zu fürchten, denn der normale Feuchtigkeitsgehalt der Zimmerluft soll zwischen 50 und 80 Proz. schwanken, beträgt aber im Winter in den geheizten Zimmern in der Regel nur 30 bis höchstens 40 Proz. Im Gegensatz zum Zimmer herrscht zwischen den Doppel- fenstcrn der geheizten Wohnräme eine angenehme, normale Luft- scuchtigkeit und deshalb ist der Raum zwischen diesen Fenstern, der sich leider nur zu oft als zu enge erweist, für die Pflege harter Winterblumen sehr geeignet. Frau Prietzke hatte sich im Oktober heimlich 6 Hyazinthengläscr für 60 Pf. und zu jedem dieser Gläser eine Zwiebel gekauft. Diese Gläser standen seit Dezember, jede Zwiebel mit einem Papierhütchen bedeckt, zwischen den Doppel- fcnstern. Als sie am ersten Weihnachtsfeiertage die inneren Fensterflügel öffnete, um nach ihren Lieblingen zu sehen, die schon reichlich Wurzeln getrieben hatten, war sie einem Ohnmachts- anfalle nahe. Ter starke Frost war in der Nacht zwischen die Fenster gedrungen, das Wasser in den Gläsern fror und die Gläser platzten. Ja ihrer Angst ließ sich Frau Prietzke sofort telephonisch mit mir verbinden, und ich habe ihr den Rat gegeben, die ge- frorcnen und zerbrochenen Gläser aus dem Fenster zu nehmen und in einer kühleren Stube in eine Wanne zu legen, wo alles ganz allmählich auftauen muß. Ist dies geschehen, so werden neue Gläser geholt und die Zwiebeln in diese untergebracht. Bei starkem Frost ist es immer ratsam, entweder die Gläser abends aus dem Fenster zu nehmen, oder die inneren Fensterflügel am Abend nach den Zimmern hin zu öfsncn, um der wärmeren Stubenlust Zu- tritt zu ermöglichen.— Hd. Kleines feuUleton. Todwasscr. Der Nordpolfahrer Nansen erzählt, daß es ihm im hohen Norde» mehrfach passierte, daß sein Schiff plötzlich die Be- wcglichkeit verlor; es war, als wenn der Ozean nicht aus Wasser bestände, sondern aus Leim, in dein das Schiff klebt. Als diese Mitteilung bekannt wurde, stellte sich heraus, daß die Tatsache nordischen, also skandinavischen und dänischen Schiffern schon lange bekannt war auch ihre Schiffe waren gelegentlich plötzlich im Wasser festgehalten worden, blieben stundenlang liegen, um dann ebenso plötzlich die Beweglichkeit wieder zu erhalten. Die Erscheinung war sogar so häufig vorgekommen, daß man schon einen Namen dafür geichaffen hatte; man nannte sie mit der dänischen Bezeichnung „Docdvand", was auf deutsch„Todivaffer" bedeutet. Es handelt sich dabei aber nicht etiva, wie man vielleicht hätte meinen können, um eine Eigentümlichkeit der nordischen Gewässer, sondern als man alte Schiffsjournale daraufhin durchmusterte, fand man, daß das Todwasser auch in nördlichen Gegenden vorkommt; namentlich an der Küste von Kanada ivar es beobachtet worden, aber auch in äquatorialen Striche», so an der Mündung des Kongo, und hier sogar in ganz besonderer Stärke. Als man nun die Meeresstellen, an denen sich das Todwasscr zu zeigen pflegte, genauer untersuchte. fand man denn auch, daß sie alle eine gelvrfle Eigentümlichkeit gemeinsam haben. Erstens zeigt eS sich nur da. wo Ebbe und Flut nicht besonders kräftig ailftreten; zweitens zeigen alle jene Stellen die auffällige Erscheinimg, daß über dem schweren, salzigen Mcerwaffer eine Schicht von leichterem Süß- waffer ausgebreitet sein muß. Man glaubte nun zunächst, daß das Todwaffer dadurch hervorgerufen wird, daß das Schiff in beide Wafferschichten eintaucht, das heißt die oberste ganz durchsetzt und in die unterste noch hineinragt; zwei so übereinander gelagerte Waffer- schichte» haben gewöhnlich entgegengesetzte Ströniungsrichtungen, und man nahm an. daß das Zusammenwirken der beiden Strö- , nungen auf das Schiff sich so äußert, daß dies überhaupt keine Be- wegung vollziehen kann. Aber man machte Versuche mit kleinen Rinnen, in die man vorsichtig Süßwaffer über Salzwaffer brachte, und in die man dann kleine Schiffsniodelle setzte; dabei zeigte sich, daß die Beweglichkeit der Modelle auch dann gehemmt war, wen» diese nur in der oberen, süßen Wafferschicht steckten, in da? Salz- Wasser also nicht hineinragten. Aber man konnte auch keine andere genaue Erklärung für die sonderbare Tatsache finden, nmn nmß sich also vorläufig init der Aimahme begnügen, daß die Strömung der unteren Wafferschicht, trotzdem das Fahrzeug gar nicht in sie hineinragt, das letztere dennoch irgendwie beeinflußt, so daß eben seine Beweglichkeit aufhört. Bei diewn Ver- suchen wurde jedoch zugleich ein Hülfsmittel gegen das Todwaffer aufgefunden. Wenn auf da-s Schiffsmodell nämlich eine recht große, Kraft«inwirkt, die ihm also unter gewöhnlichen Umständen eine außerordentliche Bewegung verliehen hatte, dann hörte die Wirkung des TodwafferS auf, das Schiff bewegt sich. Also Schisser, die in das recht unangenehme Todwaffer irgendwo hineingeraten, muffen alle Segel aufsetzen oder vollen Dainpf brauchen, dann überwinden sie sofort die schlinime Wirkung der verschiedenen Strömung der beiden übereinander siegenden Wasserschichten.— Kunst. Vom Schmücken der Wand.(D. B. K.) Eigentlich ist schon die Ueberschrift verkehrt. Aber ich wähle sie doch, weil die Röte, um die es sich hier handelt, meist unter dieser Flagge segeln. Denn wir haben eben nicht die Wand, sondern den Raum zu schmücken. Und� wiederum nicht so sehr zu schmücken als zu ge» stalten. Zu gestalten? Was soll ich wohl an den Zimmern meiner Mictswohnung viel hcrumgestalten? Die Wände einreißen? Der Hauswirt würde mich schnell vor die Tür setzen. Ein paar neue Tapeten bewilligt er, und Türen und Fenster, Boden und Decke läßt er streichen, wenn sie gar zu schmutzig sind. Damit hat die Gestaltung ein Ende, che sie noch recht begonnen hat. Doch nicht ganz, wende ich ein. Ein Wohnraum ist ja nicht allein durch seinen Grundriß, durch das Maß und die Farbe seiner Grenzflächen be- stimmt, sondern auch durch das, was er enthält. Unsere Möbel erst machen den Raum wohnlich. Mit ihnen und nicht mit dem Wandschmuck allein gestalten wir immerhin, so gut es die gegebenes vier Wände gestatten, unser Heim. Wir wissen alle, wie schwer es ist. unsere altgewohnten und ererbten Stücke in neuen Räumen so aufzustellen, daß es„stimmt". Das Sofa muß an die lange Wand, und der Schreibtisch verlangt sein Licht von links. Die Anrichte beansprucht die Wand bei der Tür, mck> der Speisetisch mit all seinen Stühlen muß doch auch Luft haben. Ueberharstit ist es merkwürdig, wie ein jedes Möbel still aber entschieden seine persönlichen Rechte zu wahren weiß. Di« Schwierigkeit ist nun, diese Raumansprüche auszugleichen, mehr: sie gleichsam durch einander zu befriedigen, so daß ein räumliches Gleichgewicht entsteht. Wehe dem Stuhl, der sich vor die Kommode, an den Kleiderschrank aufzupflanzen wagt! Er wird von den be> leidigten Kollegen gestoßen, geschoben und so schließlich in seine Ecke getrieben, wohin er gehört. Das ist ein grobes Beispiel, Untereinander sind die vornehmeren Stücke nicht so grob, aber nicht weniger auf ihre Rechte eifersüchtig. Aber man hat nun leidlich Frieden gestiftet, so stimmt es doch immer noch nicht. Die eine Hälfte des Zimmers ist zu schwer, zu überfüllt, die andere zu leicht geworden. Dort muß noch was hin, sagt die Gattin gewichtig. Gut, also nun die Bilder her. Aber was für Bilder? Der photographisch verbildete Geschmack der letzten Jahrzehnte liebte das Bepflastern der Wände überall dort, wo nur ein Stückchen Tapete zum Vorschein kam. Und zwar konnte man gar nicht genug Photographien der Anverwandten dem Auge auf einmal darbieten. Aber auch farbige Wandbilder, die Ocldrucke und bemalten Photographien, wurden oft ganz unsinnig zusammengchäuft, briefmarkcngleich angeheftet, um die Wand möglichst„reich" zu machen. Die Museumswand gab das schlechte Beispiel, diese Bilderwand, die aus Mangel an Raum über und über behängt ist. Aber im Hause hat doch kein Mensch die Pflicht, Museumskunststücke vorzuführen. Darum ist es gut,. daß wir von dieser Unsitte wieder abgekommen sind. Die Bemühungen der Sezessionen: sämtliche Bilder möglichst günstig, d h. in Augenhöhe zu hängen, haben Frucht getragen. Wir sind dahinter gekommen, daß ein einziges gutes Bild, oder auch einige wenige harmonisch vereinigt, weit schöner den Raum stimmen, als eine Unzahl von verschiedenartigen und verschiedenwertigen Stücken das tut. Denn die Wand an sich hat doch auch ein Recht, irgendwo da zu sein und mitzuwirken im Räume. Warum also nicht leere Stellen lassen? Diese Stellen sind nämlich gar nicht leer und zwecklos, sie sprechen niit, sie umgeben das Gemälde so gut wie das Möbel, sie geben ihnen eine Resonanz, einen räumlichen Ausklang, dessen die Bilder so gut wie die Möbel bedürfen und mehr noch als sie. Ja, wo sollen wir denn aber bei dieser Sparsamkeit mit all unseren Bildern hin, wird man fragen. Es ist doch schade, wenn man sie in die Rumpelkammer stellt. Gut, wer sich von seinen Lieblingsstücken nicht trennen will, der wechsele mit ihnen ab, so gut es geht. Es geht das nämlich nicht mit allen. Die Tapete oder die Wandbespannung reden da nicht weniger mit als die benach- barten Möbel. Einmal platzt der Rahmen aus der Wand heraus, ein andermal das Bild. Das führt uns dann ganz von selbst zur Beschränkung auf das Passende. Doch gibt es auch Hülfsmittel, um ein widerspenstiges Bild, wenn auch nicht in räumliche, so doch in eine Harmonie der Fläche zu zwingen: man bespannt etwa den Teil der Wand, auf den das Bild zu hängen kommt, mit einer rauhen Leinwand(Rupfen), die einen geeigneten farbigen Hintergrund gibt. Hat der Raum imtür» liche, d. h. durch die Architektur gegebene Nischen und Sonderwtnkel. so wird gegen eine solche aparte Behandlung wenig zu sagen sein. In einem regelmäßig rechteckigen Räume dagegen eine Wand zu- gunsten eines Bildes besonders zu behandeln und von den anderen farbig abzulösen, hat immer etwas Bedenkliches und bleibt eben ein Notbehelf. Darum tröste man sich dahin, baß eS nicht nur gerahmte und Wandbilder, sondern auch Hausbilder schlechtweg gibt, die von Zeit zu Zeit aus ihrer Dunkelheit hervorzuholen eine ebenso liebe Beschäftigung sein sollte wie das Lesen guter Bücher. In den Mappen der Hausbilderei werden die billigen Wiedergaben der Meisterwerke bildender Kunst einen besseren Platz finden als an der Wand, wo man doch wohl Originale der Griffclkunst und Malerei bevorzugen sollte; wenigstens alle die, die solche Originale kaufen können— es können's die meisten, und es tun die wenigsten. Natürlich schließt dieser Nat die Photographien und Gravuren nach guten Meistern nicht von der Wand aus. Wer ein besonderes Freundschaftsverhältnis zu dem oder jenem großen Werke hat und dieses ständig vor Augen zu haben wünscht, der wird auch einen Platz dafür zu finden wissen. Nur sollte er sich vorher reiflich über- legen, ob auch dem Werke damit ein Dienst geschieht. ES gibt dekorative, bildmäßige, und c? gibt weniger bildmäßige Werke, weniger zumal, wenn ihnen die Farbe fehlt. Die einfarbige Photo- graphie, auch die beste noch, gibt den originalen Farbcnklang der Gemälde, sie gibt auch den Strich des Griffels nur ungenau wieder. Wenn wir ein besseres Formen- und Farbengedächtnis hätten, als wir haben, würde uns dieses Mißverhältnis zwischen Original und Wiedergabe wohl häufiger zum Verzicht auf solche Blätter für Zwecke des Wandschmucks bewegen, als es heute geschieht. Dagegen wären, vom rein dekorativen Ständpunkt angesehen, moderne Auf- nahmen direkt nach der Natur, seien es Landschaften oder Porträts, schon eher zu verwenden. Denn diese bildmäßigen Photographien haben mit dem früheren photographischen Kleinkram wenig mehr gemein und können, wie die neueren Ausstellungen zeigten, ein recht hübscher Wandschmuck sein. Wir haben uns mit alledem bereits dem letzten Problem des Wandschmucks genähert, einem Problem, dessen Lösung freilich für die wenigsten von uns in Frage kommen dürfte: dem Schmuck der Wand nicht mehr durch das zigeunernde Staffeleibild am Nagel oder an der Bildcrstange, sondern durch das unmittelbar auf die Wand gemalte oder fest eingelassene Wandbild. Da es meist nur noch in öffentlichen Gebäuden: Rathäusern, Universitäten, Fest- hallen und Theatern angewendet wird, können wn sein Schicksal getrost den Künstlern überlassen, die mit solchen ide ilen Aufgaben der Raumkunst betraut werden. Aber bei den Künst ern fällt mir ein, daß auch der einzelne Zeitgenosse, der über die Raumgestaltung seiner neuen Wohnung im unklaren ist, immer gut tun wird, einen Künstler anstatt des Tapezierers um Rat zu fragen. Wir haben ja jetzt Raumkünstler genug im Lande, und man sollte sie konsul- ticren nicht anders wie einen Rechtsanwalt oder einen Arzt. Medizinisches. Die Arbeit als Heilmittel. Die Beschäftigung Nerven- und Geisteskranker ist zwar schon lange als ein äußerst wertvolles therapeutisches Mittel erkannt worden, jedoch erst in neuerer Zeit zu ausgiebiger Anwendung gelangt. Sowohl in Irrenanstalten als auch in Nervenanstalten sucht man gegenwärtig für die Kranken eine ganze Reihe nützlicher und unterhaltender Beschäftigungen zu ersinnen, die in den Nervenanstalten den Zweck haben, die Wiedergewinnung der Arbeitsfähigkeit zu fördern, in den Irrenanstalten hingegen mehr dazu da sind, die Patienten von ihren kranken Regungen abzulenken und auf Geist und Körper «vohltätig einzuwirken. Zuerst hat man Kranke im landwirtschaft- lichen Betrieb zu verwenden gesucht, doch jetzt gehören auch stets zahlreiche Werkstätten zu einer wohlausgerüsteten Anstalt. In der „Ocsterreichischen Rundschau" berichtet Dr. Starlinger über die außerordentlich günstigen Erfolge, die in der ihm unterstehenden nicderösterreichischen Anstalt Maucr-Oehling mit der Beschäftigungs- therapie erzielt worden sind. In der genannten Anstalt beschäftigen sich S4 Prozent aller Kranken. Die meisten Arbeiter stellen die an angeborencin Schwachsinn, an erworbenem oder angeborenem Blödsinn und an primärer Verrücktheit Leidenden; dazu kommen noch einige Epileptiker und Alkoholiker. Am arbeitsfähigsten sind die von Geburt Schwachsinnigen und die Alkoholiker. An Hysterie und Paralyse leidende Personen beteiligen sich nur sehr wenig an den Arbeiten, lieber den Anteil der beiden Geschlechter läßt sich sagen, daß sie dieser Behandlung in gleicher Zahl zugänglich sind. Mit Hülfe der Kranken wird in Mauer-Ochling ein großer Meier- Hof und ein Anstaltsgut bewirtschaftet, alles Gemüse gezogen, der große Park gereinigt, alljährlich 20 000 Meterzentner.Kohle verfrachtet, 400 Kubikmeter Holz zerkleinert und fortgeschafft. Dazu kommen noch die gewerblichen Arbeiten in den Werkstätten. Neuer- dings wird in der Anstalt auch eine Zeitung herausgegeben, die ausschließlich von Kranken gesetzt und gedruckt und zum Teil auch von ihnen verfaßt ist. Die Arbeitstherapie hat dazu beigetragen, unter den Kranken Ruhe und Zufriedenheit zu verbreiten, ganz abgesehen davon, daß sie durch ihren erziehlichen Wert das Unter- bringen der Kranken in Familien sehr wesentlich erleichtert hat. Eine Anzahl jugendlicher Schwachsinniger konnte auf Grund ihrer Kenntnisse und Fertigkeiten gegen Kost und Wohnung, einige sogar gegen geringen Lohn, dauernd untergebracht werden. Wie günstig die Beschäftigung auf das körperliche Wohlbefinden der Patienten wirkt, ersieht man daraus, daß die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle an Tuberkulose von Jahr zu Jahr abnimmt, trotzdem eine stets lvachsende Zahl Kranker in die Anstalt aufgenommen .wird. Ein nicht unerwünschter Nebenerfolg der modernen Anstalts- behandlung liegt darin, daß das Publikum die Scheu vor den An- stalten verliert, wenn es die Kranken in großer Zahl friedlich Feld- und Gartenarbeit tun sieht. Aus dem Tierreiche. Das Ende des Mammuts. Im„Prometheus" lesen wir: Entgegen der früheren Annahme, daß das Mammut nicht mehr Zeitgenosse des Menschen gewesen sei, steht heute aus zahl- reichen vorgeschichtlichen Funden fest, daß daS Mammut auch in Europa Jagdtier gewesen ist. In der als Solutre bezeichneten paläolithischcn Zeit trat das Mammut in Mitteleuropa stark her- vor, seltsam von Aussehen mit seinem zwei Fuß langen Haarkleide und den mächtigen Stoßzähnen, doch nicht viel größer als der heutige indische Elefant. In der jüngeren paläolithischen Zeit, der Madclainezeit, d. h. gegen Schluß der Eiszeit, wurde das Mammut noch eifrig gejagt, infolgedessen war es bereits seltener geworden. Ueberreste von Mammutmahlzeiten und teilweise vorzügliche Dar- stellungcn des Tieres auf Mainmutelfenbeinstücken und in Höhlen- wänden bekunden das Interesse des vorgeschichtlichen Menschen an dem Riesen. Da das Mammut eine kostbare Jagdbeute war, werden ihm die besser bewaffneten nacheiszeitlichen Menschen schonungslos nachgestellt haben und das Tier zuerst aus Mittel- curopa nach Rußland und von da nach dem nördlichen Asien vcr- drängt haben, wo die letzten Exemplare untergegangen sind, und zwar ist das Mammut lveder der zunehmenden Wärme noch der übergroßen Kälte zum Opfer gefallen; denn gegen die Kälte war es vorzüglich geschützt. Zweifelsohne war cS hauptsächlich der Mensch, der durch seine rastlose Verfolgung dieses Riesenticr zuin Aussterben gebracht hat. Wie Professor Salensky in Peters- bürg berichtet, konnte bei dem jüngsten Mammutfunde im sibirischen Distrikte Kolymsk durch eingehende Untersuchung der im Magen, auf der Zunge und zwischen den Zähnen des Mammuts auf- gefundenen reichlichen und wohlerhaltenen Füttermengen festgestellt werden, daß sich das Tier fast ausschließlich von Gräsern ernährte, während man auf Grund früherer Untersuchungen bisher an- genommen hatte, daß seine Nahrung vorzugsweise ans Nadeln und Zwcigspitzen von Radelhölzern bestanden habe. Unter den vor- gefundenen Nahrungsrestcn konnten einige Gras- und Earerartcn noch sicher bestimmt werden, daneben auch einige höhere Blüten- pflanzen, so der Quendel, ein auf Heiden und trockenen Wiesen in der ganzen nördlichen Zone verbreiteter Lippenblütler, der im Himalaya bis zu 3000 Meter aufsteigt, ferner der Alpenmohn und der scharfe Hahnenfuß. Es find das durchweg Pflanzen, die auch heute noch in Sibirien wachsen. Humoristisches. — Zur neuen Richtung. Bruno Paul und Tuaillon erhielten Berufungen. Ferner wird gemeldet: Soeben ist die Sieges- Allee auf Abbruch verkauft worden. — In Berlin W.„Ich soll mit den russischen Juden fühlen. als ob's meine Brüder wären, wo ich schon seit zwei Jahren von Bjalostok fort bin?" — Abwehr. Hausfrau:. Und Familienanschluß hätten Sie bei uns auch I" Stellesuchendcs Mädchen:«Nein, nein, gnä' Frau,— auf die Weis' Hab i amal a Kind kriagt..." — Späte Heimkehr.„Wat ick jemacht habe?— Ick habe nur die Hohenzollern hochleben lassen— aber weeßtde: et sin so viele 1"(«Jugend.") Notizen. — Der G oethe-Verein widmet seine sechste Ver- anstaltung am Sonntag, den 6. Januar, nachmittag? O'/« Uhr, im Saale der Sezession I o h. S e b. B a ch. Einleitende Worte: D r. Hugo Leichtentritt, Klavier; Josö Vianna da Motta. — B r u n o P a u l ist nach dem„Reichs-Anzeigcr" nunmehr wirklich zum Direktor der Unterrichtsanstalt des K u n st g e w e r b e- museums in Berlin ernannt worden. — D i e Errichtung eines ReichsmuseumS fiir Bienenzucht— wie es die Schweiz seit längerer Zeit besitzt— wurde vom Landesverein für Bienenzucht im Großherzogtnm Sachsen beschlossen. Das Museum soll in, Naturhistorischen Museum zu W e i mar untergebracht werden. — Aufklärung über sexuelle Probien, e will der Nat der Stadt Dresden den letzten Jahrgängen der städtischen höheren Schulen durch Aerzte erteilen lassen. Der Besuch soll frei- willig sein und nur mit Genehmigung der Eltern erfolgen. — Ein großes Doppelfernrohr ist für die Radcliffe- Sternwarte in Oxford geschaffen worden. Das Teleskop besitzt zwei Rohre, das eine zum Beobachten mit dem Auge, das andere zum Photographieren. Beide haben eine Brennweite von fast 7 Metern, doch übertrifft das photographische Fernrohr daS andere in der Oeffnung um 5 Zentimeter und besitzt eine solche von 60 Zenti- meiern. Die Anordnung des Experiments ist deshalb besonders praktisch, weil die Vereinigung des photographischen mit den, gewöhn- lichen Teleskop die Möglichkeit gibt, bei langwierigen photographischen Aufnahmen den betreffenden Himmelspunkt inimer wieder genau einzustellen. Berantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.,Berlin L>V,