Anlerhaltungsblatt des Horwüris Nr. Sonnabend, den 5. Januar. 1907 (Nnlhdmck verbalen.) 4] JMaclarrie d'Ora» Nomail von Johannes V. Jensen. Dora sah Evanston blitzend an, von seinen sichelförmigen schuhen bis zu dem Zylindcrhut auf dein ruppigen Kopf. Er nahm ihn ab und verbeugte sich noch einmal ziemlich zurückhaltend, ihr Blick blieb an seinen kalten Augen hängen. Er war über und iiber grau, groß, fest und sehnig, mit hohlen Wangen und tiefen Linien, die von den Nasenlöchern in den struppigen Uncle Sam-Bart hinabliefen. Die Oberlippe war glatt rasiert und mit geradem Rand. ..Verzeihen Sie meine Kiihicheit, gnädige Frau," sagte er höflich und deutlich.„Sie sind erstaunt, mich hier zu sehen, wohin ich nicht gehöre, aber ich habe die Erlaubnis des Kapitäns, den Fuß aus das Gebiet der ersten Kajüte zu setzen zu einem Zweck, der nicht mich selbst persönlich betrifft. Ta ich nun von den Passagieren der ersten Klasse allein die Ehre hatte, Madame zu kennen—" „Herr Evanston, wir freuen uns außerordentlich, Sie zu sehen," sagte Madame d'Ora mit ihrem tiefen Organ und auf die formloseste Weise.„Wie vernünftig von Ihnen, sich an inich zu wenden— ich vermute ja sofort, daß Sie sich zu irgend einem wohltätigen Zweck hier heraufbegeben haben. Ihr gutes Herz sendet Sie... Das ist Herr Evanston— Edmund Hall." Hall erhob sich nicht. Als Evanston den Namen hörte, trat er zur Seite und lehnte sich hintenüber, wie um ein hohes Gebäude zu betrachten. „Ah! Edmund Hall!" sagte er leise.„Das ist mir die allergrößte Ehre!" Er trat noch einen Schritt zurück. „So also sieht ein weltberühmter Gelehrter aus! Ich . wußte selbstredend, daß Sie mit auf diesem Schiffe seien, Herr Edmund Hall, dergleichen bleibt nicht verborgen, aber ich kannte Ihre Züge nicht. Auch wohne ich ja sehr weit von hier, ganz hinten." Er näherte sich mit vorsichtigem Ausdruck, bog den Kopf ein wenig zur Seite: „Die Bilder scheinen mir nicht ähnlich zu sein, keins von denen, deren ich mich entsinne. Doch vielleicht... Edmund Hall sieht überanstrengt aus. Seekrankheit?" Die letzten Worte richtete er an Madame d'Ora. Sie nickte ihm ermunternd zu. Es amüsierte sie. Aber sie fühlte sich doch ein wenig iniponicrt von der eiskalten Stimme des Mannes. „Ich habe mit dem größten Interesse mehrere von Ihren epochemachenden Werken gelesen oder erlebt, wenn ich mich so ausdrücken darf, namentlich Ihr eigentümliches und fesselndes Buch iiber die Verantwortungslosigkeit des Ver- brechcrs," sagte Evanston. Und als Hall bei diesen Worten plötzlich zu ihm aufsah, begegnete er seinem Blick. Sic sahen einander ziemlich lange an. „Ja, ich teile ja Ihre Grundsätze nicht," fuhr Evanston mit einem geschickten Anflug von Salbung fort,„ich bin Geistlicher. Ich dürfte diese oder jene Grundansicht von Stecht und Gesetz haben, die von denJhren unterschiedlich ist.— Sie haben Ihr Laboratorium in New Jork, Herr Edmund Hall, und es ist mir bekannt, daß Ihre Tätigkeit als Analytiker teilweise öffentlichen Charakters ist— es würde mich außer- ordentlich freuen, wenn ich Sie eines Tages aufsuchen und mit Ihnen über diese großen Fragen reden dürste. Meine ganz obskure Wirksamkeit hat mir Erfahrungen eingebracht, die auch einen Forscher wie Sie, Herr Edmund Hall, inte» essieren könnten." Hall nickte, und Evanston wandte sich mit einem schiefen Blick und einer Verbeugung an Madame d'Ora. „Madame, Sie haben recht geraten, es ist ein menschen- freundlicher Gedanke, der mich hergeführt hat." „Lassen Sie einmal hören, Herr Evanston. Sie sind unserer Anteilnahme sicher. Stellen Sie sich mitten davor, dann werden die Passagiere sehen, daß Sie ihre Aufmerksam- !cit zu fesseln wünschen." Evanston befolgte ruhig ihren Rat, und bald hatte er eine ganze Menge um sich versammelt. „Meine Damen und Herren," sagte Evanston in Redner- ton und wartete dann, bis mehr hinzugekommen waren. „Meine Damen und Herren! Unter freundlicher Protektion zweier großer Mitreisender, der Gesangskönigin Madame d'Ora und des berühmten Gelehrten Herrn Edmund Hall erlaube ich niir hier in der demütigen Eigenschaft eines Seelsorgers, Sie um Ihre Teilnahme zugunsten eines Liebeswerkes zu bitten. Ich bewege mich jeden Tag— mit Erlaubnis des Herrn Kapitäns— unter den Passagieren auf dem Zwischen- deck, um zu helfen, wo geholfen werden kann. Man ist dort unten in der Tiefe Zeuge manch eines Anblickes, der geeignet wäre, Ihre Nerven zu erschüttern, meine geehrten Damen. Armut, Hoffnungslosigkeit und Krankheit sind dort unten keine Begriffe, es sind Handgreiflichkeiten. Der Schmerz ist reell. Wissen Sie, daß wir siebzehnhundert Seelen über das Meer führen, siebzchnhundcrt Arme? Sie reisen nicht, sie haben kein Hotel in Hamburg oder in Paris verlassen, um in eins in New Jork einzukehren,— s i e ziehen um, Sie haben Säcke voll alten, unbrauchbaren Gerümpels mit, und glauben, daß ihr Leben davon abhängt. Sie sind un- wissend, sie befinden sich in der Finsternis, das mütterliche Schicksal hat ihre Augen nicht»vachgelüßt. Wissen Sie, daß wir eine Provinz mit uns führen mit all ihren Iah» Hunderten, wissen Sie, daß tvir eine Völkerwanderung an Bord haben, und daß die Heimatlosen müde sind und daß es sie dürstet?" Evanston machte eine Pause und sah zu der Mastspitze hinauf, es lag Stimmung über seinen harten Zügen. „Meine Damen und Herren," fuhr er inehr im Ge- sprächston fort.„Ta ist nun ein besonderer, isolierter Fall von Elend, für den ich mir die Freiheit nehmen will, Sie zu interessieren. Im Zwischendeck reist ein junges, unbeschütztes Mädchen, dessen Lage an die Verzweiflung grenzt. Sie hat nicht einen einzigen Verwandten in Amerika, und wenn die Ladung des Schisfes auf Ellis Island gesichtet wird, so wird sie nicht einmal Erlaubnis erhalten, an Land zu gehen, weil sie gar nichts besitzt." Als Evanston zu dem Punkt kam, daß es ein junges Mädchen sei, setzte Madame d'Ora eine unverbesserliche Miene auf. Der einzige, der das sah, war Herr Evanston selber, Aber er tat so, als sähe er es nicht. „Das junge Mädchen heißt Fräulein Karekin, sie stammt aus Armenien und kann eine ergreifende Tragödie von Un- recht und Grausamkeit erzählen, die ihre ganze Familie in Leichen verwandelt, ihr Heim zerstört und sie einsam und wehrlos in die Welt hinausgetricben hat." Diese Worte erregten großes Aufsehen unter den Passagieren. Evanston erhob die Stimme und übertäubte ihre Ausrufe der Teilnahme und des Interesses: «Wenn dies junge Mädchen jetzt in New Uork ohne Freunde und ohne Geld an Land komint, oder wenn man sie dort zurückschickt, so wird sie in beiden Fällen eine Beute der Welt, ihrer Unbarmherzigkcit und ihrer Schande werden!" Er erhob die Hand und schwieg unter allgemeinein Beifall der Anwesenden. Madame d'Ora, die ebenfalls g» rührt war, drängte sich zu Evanston hin und bat: „Lassen Sie sie uns einmal sehen, Herr Evanston, bringen Sie doch das arme Mädchen hierher!" „Sie steht hier unten an der Treppe. Mit Erlaubnis des Herrn Kapitäns habe ich sie mitgebracht." Evanston ging an die Treppe und rief hinab: „Treten Sie näher, Mirjam Karekin." Eine schmächtige, in einen Schal gehüllte Gestalt er-. schien. Sie stand der Treppe gegenüber still, und ihre großen, asiatischen Augen, das einzige, waS man von ihr sah, flackerten unstet. Sie war jung. Madame d'Ora eilte auf sie zu und beugte sich über sie. „Liebes Fräulein Karekin.— Aber das ist ja ein Kind, Herr Evanston! Aengstigen Sie sich nicht, kommen Sie und lassen Sie sich einmal sehen. Lassen Sie mich Ihr Antlitz dem Monde zuwenden— Sie sind ja cntziickcndl Aexmste, und Sie sind unglücklich j" . MadNne d'Ota wändie sich dn Evanston und rief ge- Kmpft aus: „Ahl Herr Evanston, das muß ich sagen, Sie wählen die Gegenstände für Ihr Mitleid mit Geschmack. Sie wünschen dem Reiche Gottes nur Enge» zuzuführen." Herr Evanston wandte sich hastig um und heftete seinen Blick auf Madame d'Ora. Er schwieg eine Weile, während ein halb zynisches, halb warnendes Lächeln feinen Mund umspielte. „Meine Absichten sind immer nach der einen oder der anderen Richtung hin reell," sagte er frech.„Sie, Madame, waren sicher keinen Augenblick in Zweifel über meine Motive, als wir auf dem Achterdeck über der Schraube miteinander plauderten." „Acht Er beißt!" rief Madame d'Ora und lachte laut. „Cava eanew!"(Hüte Dich Vor dem Hunde.)— Sie entfernte sich Von ihm und lachte wieder mit einem unheil- Verkündenden Blick. Die junge Armenierin wurde indessen förmlich begraben unter einem Dutzend Damen, die sich unter lauten, weh- klagenden Rufen über sie stürzten. Ihr ärmlicher Schal wurde untersucht und Von einer zitternden Dame für Vcr- schlissen und schmutzig erklärt. Die älteren Damen schnoben vor Entrüstung, daß dies niöglich sei, junge Mädchen ließen leise Wehrufe hören.„Armes Kind!" rief man.„Wir wollen wahrlich etwas für Sie tun!" Zwei große Gesandten- frauen wandten sich an Evanston und sagten ihm, sie schuldeten ihm aufrichtigen Tank, weil er hierbei an sie gc- dacht habe. Aber das junge Mädchen stand stumm und ver- loren wie ein kleiner, fremder Vogel zwischen Elstern und Papageien da. Madame d'Ora sah das und führte sie an eine Bank. Sie sprach mit ihr und fand heraus, daß sie Deutsch verstand, sie machte, daß die großen, verängstigten Augen wieder ruhig wurden und sich mit Tränen füllten, sie machte die Kleine sicher, nur indem sie die Hand auf ihr Haar legte. „Sieh doch ihre Augen, Leontine!" Edmund Hall sprach,«seine Stimme war wie vcr- wandelt. Madame d'Ora sah ihn an. Er war selbst ver- wandelt, schien alles andere über dem fremden jungen Mädchen vergessen zu haben. Sein Blick war durchdringend und lebend. „Sieh doch ihre Augen! Sie gleichen den Nächten am Nil!" „Ach, Du mit Deinen Vergleichen," rief Madame d'Ora aus und lachte ungeduldig. „Sie sind noch tiefer, noch eigentümlicher. Wie dunkel und klar ihre Augen sind— wie ein Rätsel, das leuchtet! Gleicht sie Sakuntala? Nein, sie ist viel weiter her, ihre Augen sind ja wie Sternenschein, über Kohlenwäldern und der heißen Erde." (Fortsetzung folgt.) Detlev von Lilien cron als Balladendicbter* Von Ernst K r e o lv s k i. Fm Aufmarsch der modernen literarischen Beiveguug wurde auch der Romanze und Ballade das Grablied gesungen � gleich der Lyrik von„gestern". Wessen Leier hin und wieder doch solche Klänge hören ließ, der wurde als rückfälliger Schwerverbrecher, wenigstens als unsicherer Kantonist angesehen und demgemäß behandelt. Dies Mißtrauen hatte allerdings eine gewisse Berechtigung. Seit Ludwig Uhland, dem unbestrittenen Altmeister der deutschen Ballade, war diese schwierigste aller poetischen Gattungen unheimlich ins Kraut geschossen. Wer sich lyrisch irgendwie erblich belastet wähnte, durch- stöberte dickleibige GeschichtSlverke, Chroniken und Anekdoten- sammlungcn nach— Balladenstoffen. Dann wurde der Hippogryph gesattelt und die Harfe geschlagen. Leider erwies sich das Gesungene meistens als versifizicrter Kram. Von bildnerischer Eigenart,_ von künstlerischer Persönlichkeit keine Spur. Aber gerade diese Note war es ja, welche das„Jüngste Deutschland" nach Goethes Vorbild in den Vordergrund olles dichterischen Schaffens stellte. Daß beides ausschließlich auf die unmittelbare Gegenwart, nicht rückwärts gerichtet sein müsse, war die nächstwichtigste Forderung. So kam die Pflege der Balladen- dichtung von selber ins Hintertreffen. Ich sagte vorhin, daß hierfür einige Berechtigung war. Aber doch nur scheinbar. Man hatte nämlich zwei Umstände übersehen: das historische Alter und die besondere Wesenheit der Ballade. Die Uransänge dieser aus dem VolkSIiede und dem Heldenepos erwachsenen Dichtgattting reichen in die nordisch-gennanische Frühzeit zurück. Etwa im vierzehnten Jahrhundert beginnt die Kristallisatton der eigentlichen Ballado. Sie hat die behagliche epische Breite ver- loreu, wendet sich an das Gefühl und tritt von jetzt an in der ihr eigentümlichen strophischen Geschlossenheit auf. Sonnt steht sie zur Lyrik, zuni sangbaren Liebe in naher Beziehung. Wie dieses verlangt sie nach Vortrag, also nach lebendiger Ver- körperuug. Aus innerster Gesetzmäßigkeit heraus. Wille aber bedingt Handlung. Demnach zeigt ihr Wesen drainatische Züge. Man kann daher die Ballade sehr wohl als Sendbotin des Dramas ansprechen, mit dem Unterschiede nur, daß dieses noch immer in der Weiterentwickelung begriffen ist, während die Ballade in ihrem Wesen wie in ihrer Form endgültige Abgeschlossenheit aus- weist. Wollten die Jüngst-Deutschen das Drama als höchste Dicht- gattung kultivieren, so durste auch die Ballade nicht verpönt werden. Sie hat wie jenes ihre unabweisbare Berechtigung. Freilich war ihr ursprünglicher Charakter durch die epigonische Bänkelsängerei bis zur Unkenntlichkeit verwischt und verpfuscht worden. Nur indem man diese Periode durch die Lupe abwägender Kritik von gemessener Ferne betrachtete, konnte man sich zum Wesen der Ballade wie zu ihren im Urwald der deutschen Dichtung vergrabenen Goldschätzen zurückfinden. Bei diesem Prozeß konnte man dann die Erfahrung machen, daß Form und Charakter der Ballade mit dem fluktuierenden Stoff nicht identtsch ist, waS man im ersten Ansturm wahrscheinlich geglaubt hatte. Aber es ließ sich doch erkennen, daß die erstarrte Abgeschlossenheit dieser Dichtgattung sowohl in ästhetischer wie stoff- licher Hinsicht einige Wandlungen recht wohl vertragen konnte, nämlich psychologische Vertiefung, moderne Gcgenständigkeit und modern-sprach- liche Ausdrucksmittel. Die stofflichen Vorwürfe brauchen doch nicht aus- schließlich aus einer geschichtlichen Zeit oder gar aus dem Borne nebelhafter Sage geschöpft zu sein. Der Begriff des tragischen Heldentums wechselt mit den Anschauungen; jedenfalls ist das heroische Tatbewußtsein des modernen Menschen ein wesentlich anderes als jenes. Ein im Fabrikgetriebe oder im sozialen Existenz- kämpf erliegender Arbeiter belveist zum mindesten soviel Helden- haftigkcit wie irgend eine hochgcpriesene Herrscher- oder Rittergestalt der Vergangenheit. Jener Bergmann, der bei Richard Dehme! über das gefrorene Moor mit Flugblättern ins Nachbardorf wandert, um dort durch deren Verbreitung für die Wahl des Kandidaten der Arbeiterpartei zum Reichstag zu agitieren, jedoch in dem brechenden Eise den Tod findet— ist er nicht ein Held, würdig des größten? Da haben wir eine nr o d e r n e Ballade! Bürgerliche Aesthcten mögen angesichts dessen von sozialistischer„Tendenz" schwatzen soviel sie wollen. Für mich existiert sie in jener Ballade nicht; das Menschliche darin überragt das scheinbar Tendenziöse, denn es wird durch echteste dichter- schöpferische Kräfte über seine Sphäre hinausgehoben. Im Grunde genommen ist der Protest der„Modernen" gegen die Romanzen oder Balladen sein sollende Historiengedichtfabrikation der Belebung der echten Kunstballade zustatten gekommen: er hat unbewußt den Antrieb zum neuzeitlichen Balladenstil gegeben. Unzweifelhaft er- fuhr diese Dichtgattung gerade in den letzten Jahren eine beachtens- werte qualitative Bereicherung; trotzdem ist sie, was das moderne Element angeht, nicht viel über erfreuliche Ansätze gediehen. Wir können deshalb auch selbst Detlev v. Lilie ncron gegenüber nur bedingungsweise von einen: Schöpfer moderner Balladen reden. Jetzt hat er alle seine diesbezüglichen Dichtungen unter dem Titel„ B a l l a d e n � r o n i k zu einem stattlichen Bande von 270 Druckseiten vereinigt. Im ganzen sind es 73 Stücke. Nicht alle haben Anspruch auf die Bezeichnung„Ballade". Einige Lyrika s,.Heimgang in der Frühe",„Arger Morgen"), Pantasiestücke(„Uu- überwiiidlicher Widerwille",„Feudal",„Heißhunger",„Die Vorüber- fahrt"). Legenden(«Das Haupt des heiligen Johannes auf der Schüssel",„Legende",„Das verschüttete Dorf",„Die Legende vom heiligen Nikolaus",„Die kleine Kirche Jesusblödlein",„Die ab- geschlagene Hand") sowie epische Chronikstücke(„Das Opfer",„Der schiocrmütige König",„Krischan Schmcer",«Ehler Wittfoth",„Allerlei Tumult in Hamburg") sind jedenfalls auszuschalten. Dagegen haben wir mit dem überwiegenden Teile der Dichtungen als Balladen zu rechnen. Zu jenen mit neuzeitlichem Hintergründe zähle ich den„Haidebraud",„Fatinga",„Mit der Pinaffe", „Der Tod",„Bellevue",„Der Mörder",„Up de eensame Hallig", „Die Falschmünzer" nebst den militärischen Balladen„Wer weiß Ivo",„Der Zapfenstreich",„Kleine Ballade".„Die Regimentsfahnen", „Phaeton ist gefallen",„Tragisches Liebesmahl" und„Kampf um die Wasserstelle". Alle anderen Balladen behandeln Stoffe aus alt- nordischer und vorzugsweise schleswig-holsteinischer Vergangenheit, teils auf Sagen, teils auf historische Begebenheiten und Vorgänge sich stützend. Es ist hciniatlicher Grund und Boden. Wie froh, wie sicher, wie stolz reckt sich der Dichterl Aber was für Prachtstücke zaubert da seine Phantasie hervor;„Pidder Lllng",„Trutz, Blanke Hans".„Jsern Hinncrl",„Wibcn Peter".„DaS Gewehr im Baum",„Die Kapelle zum finstcrn Stern",„König Abels Tod",„Herzog Knut",„Zerbrochener Keilerkopf",„Der rote Mantel",„Erwartung",„Wiebke Pogwisch",„Vier Augen sind in: Wege" usw.:— eine kostbare Perlenschnur; fast alle müßte man nennen. Zuweilen pirscht Liliencron in fern gelegenen Revieren: ") Verlag Schuster u. Loeffler, Berlin und Leipzig. Geheftet 3, gebunden 4 M. „DaZ alte Sieinkreuz am Neueil Markt(zu Berlin- Cölln)',„Die Zwillingsgeschwister saus Jerusaleins biblischer Vergangenheit)', „DaS Schlachtschiff Tömeraire' u. a. Am liebsten aber weilt er doch im heimatlichen Holstenlande bei den alten Seekönigen, Ritteril, Pagen, Bauern und Frauen. Da läßt er goldene Helme, Rüstungen und Schilde funkeln, Gelbhaar inr Winde flattern, blaue Augen leuchten, schwarze, graue und strohgelbe Hengste das Erdreich zer° stampfen. Wie riesige Nordlandsrecken sich befehden, im furchtbaren Nahkanipfe sich messen, morden, wie die starken freien Geschlechter in Liebe und Hast entbrennen, wie die Inselbewohner und Marschenbauern Haus und Herd, Weib und Kind, Gesinde, Vieh und all ihre Habe, doch auch ihre Freiheit mannhaft vor adligem Raubvolk zu verteidige» wissen, wie das Un- heil brütet, das Verhängnis lauert:— dies alles und noch mehr er- fahren wir da. Es sind holsteinische Namen, die uns allenthalben begegnen: Erich. Jven und Hartwich Reventlow, Wulf Bollwoldt, Niels, Detlev Gadendorg, Heilwig und Wiebke Pogwisch, Pidder Lüng, Jan Klündern, Grethe Trine usw. ES verschlägt bei Liliencron aar nichts, wenn er z. B. in der prachtvollen Ballade: Der Haide- orand—„inmitten der dampfenden P u tz t a'—! mit dänischen .Hardcsvögten' und holsteinischen Personennamen(„Wiebke Peters' und„Nis Nissen') hantiert; wenn er sich in„Feudal'— übrigens eine köstliche Sclbstverspottnng jeglicher Blaublütigkeit I— trotz der modernen Gegenwart mit ihren Eisenbahnen- und Starions- orten plötzlich zu nnttelalterlichen Illusionen versteigt und von„Reiherbeize' und„Wolfsjagd"(ini heutigen Holstein I) redet. Man muh ihn nur recht verstehen— und man wird sich solche poetische Lizenzen, ob widerwillig joder nicht, gefallen lassen müssen. Daran ist bei Liliencron gerade kein Mangel: er macht vom freien Rechte des Dichters unumschränkten Gebrauch und kümmert sich um das.Wenn' und„Aber' ästhetischer Silbeiistecher nicht im geringsten. Es entspricht vielleicht altnordischer Gepflogen- hcit, wenn(in„Herzog Knut der Erlauchte') König Magnus, nach- dem er den Herzog erschlagen, trocknet Axt und Stiel Und reitet pfeifend von bannen.' Aber etwas burschikos— um mich eines nachsichtigen Ausdrucks zu bedienen— mutet es doch an, wenn Liliencron, nun wieder Ritters- mann,„lachend sein Schwert an seines Rosses schwarzer Mähne trocknet", nachdem er den Feind zu Boden geschmettert.... Ihn 'chert eS blutwenig; schert's auch nicht, wenn er— für den lauten Vortrag ein Hemmschuh— in mancher seiner Balladen dem Rezitator 'chier zungenzerbrechende Personen- und OrtSnanien aufgibt oder ihn manchmal ganze Ketten von lauter einsilbigen Worten und mehrere gleichklangliche Adjektiva rasch hintereinander bemeistcrn läßt. Tut nichts. Liliencron schaltet und waltet mit pastosem Farbenauftrag aus reiner Reichtumsverlegenheit, wie kaum ein zweiter vor ihn, und neben ihm. Er offenbart sich überall als ein origineller Begriffebildner und Wortmaler von fast unvergleichlicher Art. Welche Plastik hier: „Nun gibts einen Kampf. Die Hämmer pinkpink, Schlag ihn nieder, wuch, huch, in den Bregen I Und der AmboS klingt blinksink, hinflink, Es ist wie ein stählerner Regen.' Oder diese malerische Pracht: „Heraus der letzte Zeltepflock, In Reih und Glied der Waffenrock, Gesattelt längst die Pferde. Es überflieht' die Eisenflut Wie Märzenschnee in Sonnenglut Und überdampft die Erde.' In„Trutz, Blanke Hans" die poetische Allegorie von Ebbe und Flut: „Mitten in, Ozean schläft bis zur Stunde Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde. Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand, Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand. Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder nach hinnen. Trutz, Blanke Hans. Noch einmal in jedem Jahrhundert entlassen Die Kiemen gewaltige Wasserinassen. DaS holt das Untier tiefer Atem ein, Und peitscht die Wellen und schläft wieder ein. Viel tausend Menschen in Nordland ertrinken, Viel reiche Länder und Städte versinken. Trutz. Blanke Hans.' LiliencronS geradezu staunenswerte Bildlichkeit und Farbenkraft— weniger das stoffliche Element— sind es, die ihn zu einem modernen Balladendichter allerersten Ranges erheben. Das „mysteriöse" Moment, das Goethe der Ballade zueignet, das psychologisch tiefgrabende dazu wird mit vibrierender Seele ge- wahrt, ohne freilich immer gewisser undurchdringlicher Schatten zu entraten. Stets herrscht knappe dramatische Szenerie, schlag- kräftige, modernsprachliche Kürze. Und endlich noch eins: Liliencron bewährt sich nicht bloh als Schöpfer ernster, sondern in gleichem Maße auch hochkomischer Balladen. Summa Summarum: eine kostbare Gabe, ein urgesundcr Poet. trotz aller Widerhaarigkeit. Kerle solches Schlages brauchen wir. um nicht in der öden Schlanimflut lyrischer Snobisten und ästhetisiereiwer Zuckerbäcker zu versinken. Freuen wir uns, dah wir Liliencron haben l Die Bedeutung des verminderten fleifchgenuITes für den Hrbeiten Dank der agrarischen Bestrebungen, die heute in Deutschland die Lebensmittelpreise auf eine Höhe gebracht haben, die einem Ausländer z. B. Engländer oder Franzosen kaum glaublich erscheint, ist in der Ernährung der breiten Volksschichten, insbesondere der Arbeiterschaft, eine grohe Umwälzung eingetreten. Die animalischen — d. h. von Tieren gelieferten— Nahrungsmittel sind durch die billigeren vegetabilischen— d. h. pflanzlichen immer mehr in den Hintergrund gedrängt und so ist die Volksernährung herabgedrückt worden. Während z. B. in Berlin im Jahre 1895 der Kartoffel- verbrauch 79,7 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung betrug, ist er im Jahre 1902 um 4.2 Kilogramm gestiegen, und man kann an- nehmen, daß diese Steigerung heute noch weit mehr als S Kilogramm beträgt. Um die gleiche Menge ist auch der Fleischverbrauch gefallen, und da natürlich der Wohlhabende seine Nahrung nicht verändert hat, sind die Unterschiede für den minderbemittelten Arbeiter noch weit erheblicher. Aber auch die Art des genosseiien Fleisches hat sich verschlechtert. Pferde- und Himdefleisch werden viel reichlicher all- jährlich konsumiert, und auch hier ist wieder die Proletarierbevöllerung der leidende Teil. Warum ist denn aber eine fast vorwiegend vegetabilische Nahrung weniger wert als eine Nahrung, die reichlich Fleisch enthalt?— Zunächst weil Fleischnahrung besser vom Körper ausgenutzt wird; einige Zahlen mögen das veranschaulichen: Es werden unausgenützt aus dem Körper ausgeschieden von 100 Gramm zugeführtem Eiweiß: bei Fleisch(je nach Zubereitung)... 2,0— 2,5 Gramm „ harten Eiern........ 2,6„ „ Schellfischfleisch........ 2,5 « Milch........... 7,1 „ Weizenbrot(je nach Qualität).. 22—30,5„ „ Roggenbrot(„„„).. 32—46,6 „ Erbsen........... 17,5 „ Bohnen.......... 80,2„ „ Kartoffeln......... 30,5„ Diese Zahlen beweisen, daß das Eiweiß, das für den Körper Existenzbedingung ist, daß es einen Hauptbestandteil der Muskeln. Nerven usw. bildet, dem Körper viel zugänglicher in den tierischen als in den pflanzlichen Nahrungsmitteln ist. Aber das Eiweiß ist nicht nur in den tierischen Nahrungsmitteln leichter zu verwerten, sondern auch reichlicher vorhanden: Z. B. sind in 100 Gramm Schinken 25,1 Gramni Eiweiß . 100., Rindfleisch 34-36 „100„ Erbsenbrei 12,4„„ „100„ Kartoffelbrei 2,6„„ Aus diesen Zahlen geht hervor, daß beim Ersätze der tierischen durch pflanzliche Nahrungsmittel ein bedeutend größerer Naumteil Nahrung notwendig ist, um den Kvrperbedarf zu decken, trotzdem durch die in den Vegetabilien enthaltenen Stärkekörper(Kohlehydrate) der Eiweißbedarf des Menschen verringert wird. Werden die Preise für gutes Fleisch höher, so greift die minder- bemittelte Bevölkerung zunächst zu den geringeren Fleischsorten, die natürlich bei weitem nicht den hohen Nährwert haben. ES bedarf wohl keiner weiteren Erörterung, um zu beweisen, welch Unterschied zwischen dem Fleisch eines abgetriebenen, womöglich noch kranken Pferdes und dem eines gut genährten Schweines oder Ochsen besteht. Steigen die Preise noch weiter, so treten eben die pflanzlichen Nahrungsmittel für das Fleisch ein. Gewiß gibt es zahlreiche Landstriche, deren Bewohner sich fast nur von Vegetabilien nähren und außerordentlich geringe NahrungS- stoffmengen zu sich nehmen.„Wo man immer diesen Dingen etwas näher nachgeht, findet man, daß die abnormen Verhältnisse sich auS dem geringen Körpergewicht und der geringen Leistung der be- treffenden Personen erklären."(Rubner.) Aber noch ein Punkt ist es, der das Bestreben nach Fleisch- wie überhaupt animalischer Nahrung erklärt: der Wunsch nach den Genuhstoffcn, die in ihnen enthalten sind. Gerade der hohe Wert der Genußmittel für den menschlichen Körper, besonders der im Fleisch enthaltenen Nährsalze, ihre appetitanregende und verdauungbefördernde Wirkung zeigt, daß das Bestreben nach animalischer Nahrung, das heißt besonders nach Fleisch, durchaus berechtigt ist, ohne daß damit der hohe Wert der pflanzlichen Nahrung herabgemindert werden soll. Und wenn einer der größten lebenden Hygicniker, Rubner, sagt:„Der Kulturmensch hat nicht nur die Berechtigung, sich eine Kost genußinittelreich zu machen, sonder» ein Recht darauf, solche Genußmittel neben den Nahrungsstoffen zu erhalten", so wird dieses Recht, das von medizinischen Autoritäten durchaus anerkannt wird, de>n Arbeiter jedenfalls durch die heutige Agrarpolitik verkürzt und sast illusorisch gemacht, Dr. Ch Kleines femlleton» Medizinisches. D i e Uebertragung des Haarausfalles. Die- jenige Form des Huarausfalles, welche in Form von kreisrunden Flecken auftritt, kommt epidemisch in Familien, Pensionaten und Ltasernen vor, was darauf hinweist, das; man es bei ihr wahr- schcinlich mit einem Parasiten als Krankheitsursache zu tun hat. Eine Reihe verschiedener pflanzlicher Pilze sind beschuldigt worden, die krcisfleckigc Kahlheit hervorzurufen. An der Richtigkeit dieser Pilzbcfundc ist nicht zu zweifeln, allerdings ist von ihnen teilweise nachgewiesen, daß sie sich auch bei normalen und anderweitig er- krankten Haaren finden. Einen neuen Fall einer Epidemie von Saarausfall, und zwar von einem Polizciburcau ausgehend, hat Dr. Th. Mayer in Berlin beschrieben. In einer Stadt erkrankten eine Anzahl Polizeibeamtc eines Bezirkes an Haarausfall. Der zuerst Erkrankte wies eine schwere Form dieser Krankheit auf, es folgte alsdann die Erkrankung des zweiten, und diese dauerte monatelang.� Der Reihe nach erkrankten zwölf Schutzleute. Die Behörde ließ alsdann eine fachmännische Untersuchung anstellen. nid diese ergab, daß der Haarausfall nur die seitlichen und hinteren Stellen des Schädels betraf, da wo der Kopf am meisten die Bett- decke berührt, die Uebertragung durch das Bett war daher mit Sicherheit anzunehmen. Von der kreisfleckigcn Kahlheit hat man auch vielfach angenommen, daß allgemeine Schwächezustände, Blut- armut und örtliche Schädlichkeiten die Ursache wären. Das traf bei den Schutzmännern jedoch nicht zu, denn allgemein handelte es sich bei diesen um jugendliche und vollkräftige Personen. Eher mag nian dem Rcrveneinfluß in manchen Fällen eine gewiffe Rolle zuweisen, denn oft sind nervöse Beschwerden mit dem Leiden ver- bundcn, bei der Schutzmannscpidcmie war dies jedoch auch nicht der Fall. Was die Heilung der Krankheit anlangt, so tritt diese manch- nial noch nach langer Zeit ein, manchmal bleibt sie jedoch gänzlich aus. Technisches Ein neues Material für elektrische Leitungen. Das am häufigsten für elektrische Leitungen benutzte Metall, das Kupfer, hat aus die Volumeneinheit gerechnet, eine Leistungsfähigkeit von 37,5. ES steht in dieser Hinsicht über dem Silber und dem Gold, was für die Praxis wenig bedeutsam gst, da diese Edelmetalle wegen ihres Preises für eine solche Verwendung doch nicht in Frage kommen. Wichtiger ist eS, eine der gewöhnlichen Metalle l>enutzen zu können, aber das gemeinste unter ihnen, das Eisen, besitzt noch nicht den sechsten Teil der Leitfähigkeit dcS Kupfers. Das Kupfer wird an-- dercrseits von einigen Metallen und namentlich von Leichtmetallen iibertrosfen. So besitzt das Magnesium rund die doppelte Leitfähig- keih eine noch etwas größere das Aluminium, und danr fclgen mit noch höheren Beträgen die Leichtmetalle Kalium, 5talzium und Natrium. Die Leitfähigkeit des Natrium stellt sich auf fast den dreifachen Betrag derjenigen des Kupfers. Das Aluminium ist neuerdings häufiger zu elektrischen Leitungen benutzt worden, weil aus diesem Metall die Leitungen, wenn sie auch einen größeren Querschnitt erhalten, von geringem Gewicht hergestellt werden tönncn. Noch niemals aber hatte jemand daran gedacht, die an der Luft überaus leicht verderbenden Leichtmetalle in der Praxis zu verwerten. Dieser Vorschlag ist dem Amerikaner Betts vorbehalten gewesen, der in der Fachzeitschrift„EIcctrical World" ollen Ernstes das Natrium als Leitungsmaterial empfiehlt. Das Natrium ist von allen Metallen, die in ihrer Leitfähigkeit über dem Kupfer stehen, am billigsten und kostet heute durchschnittlich etwa 1 Mark für das Kilogramm und dürfte vielleicht nach einem neu erfundenen Her- stellungsverfahren sogar noch billiger werden. Die Schwierigkeit- der Verwendung beruht eben auf der Notwendigkeit, das Skatrium vor der Einwirkung der Luft völlig zu schützen. Zu diesem Zweck könnte das Natrium in geschmolzenem Zustand in eiserne Röhren eingefüllt werden, die dann luftdicht berschlopcn werden müßten. Dahin zielende Versuche, die von Betts angestellt worden sind, sollen durchaus günstige Ergebnisse gehabt haben. Es handelt sich also um eine Kombinaiior von Eisen und Natrium für die Leitung, und es stellte sich heraus, daß die Leitfähigkeit dieser mit einander ver- bundenen Stoffe gegenüber dem Kupfer auch noch eine Vcrbilligung herbeiführen würde, da die Stromverluste bedeutend geringer sein würden, so daß sie auch die Mehrkosten der Anlage aufzuwiegen vermöchten. In dieser Hinsicht gibt ein Vergleich Aufschluß. Eine Kupferleitung für IVOO M. würde bei sparsainster Ausnutzung, tvenn nämlich die Zinsen und die Kosten des Encrtzicverlustcs gleich sind, jährlich 120 M. Unkosten verursachen. Wurde die Kupfer- lcitung durch eine Natrium-Eisenleitung für 300 M. ersetzt werden, so Würden sich die Gesamtkosten nur auf 78 M. belaufen. Wird die Lcilung reicher ausgestattet und zum Preise von WO M. für die gleiche Strecke gebaut, so gehen die Kosten des Energieverlustcs so Weit herab, daß sich die gesamten Unkosten auf noch nicht 08 M. stellen. Allerdings»st bei dieser Rechnung der Preis des Natriums auf nur 70 Pf. pro Kilogramm angesetzt, Was Wohl erst in Zukunft eintreten wird. Es hat sich bisher aber stets gezeigt, baß der Preis eines Stoffes einer erheblichen Verminderung fähig ist, so- bald ein größerer Bedarf ei'.tritt. Betls hat seine Versuche mit einem Eiscnrcchr von 38 Millinuter Dicke gemacht, dies mit Natrium gefüllt und dann in Stücken bis zu b Meter Länge zusammengesetzt, so baß Sine Strecke von cttua 40 Metern Länge entstand. Dazu wurden 54 Kilogramm Natrium verbraucht. Das in geschmolzenem Zustand eingeführte Natrium wurde an den Röhrenciidcn einfach mit einem Messer glatt abgeschnitten, worauf der luftdichte Ver- schluß mit einfachen Gußeisenkappen erfolgte, die von Kupfcrbolzen durckbohrt Waren. Bei den Versuchen stellte sich heraus, daß kein merklicher Stromverlust stattfand. Die Leitung wurde dann mit wetterfester Farbe gestrichen und ist seitdem monatelang jeder Witterung ausgesetzt gewesen, ohne eine Veränderung in der Brauchbarkeit erlitten zu haben. Immerhin ist zu beachten, daß das Natrium ein recht gesnhrlichcr Stoff ist. der vor allem die Beruh- rung mit Wasser nicht verträgt, so daß die Benutzung von Natrium- leitungen an gefährlichen Gebäuden nicht angängig ist. Ueberhaupt kommen sie nur für Oberleitungen in Betracht, würden aber mit dieser Beschränkung vielerlei erheblichen Nutzen bringen. Notizen. — Im Neuen Schauspiel Hause mußten wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Zimmerer die Proben zu„Weh' dem, der lügt" abgebrochen werden. Als nächste Novität gelangt Mitte Januar Max Bern st ei nS vicraktigeS Lustspiel„Herthas Hochzeit" zur Aufführung, während die Erslaufftihrung von ..Weh' dem, der lügt" erst am Schlusie dieses Monats statt- findet. Für Anfang Februar wird„Faust"— I. Teil vor- bereitet. — In der Komischen Oper wird als nächste Novität die Oper„Tosca" von Puccini in der zweiten. Hälfte dieses Monats aufgeführt werden. — Im Kunstsalon Paul Cassierer. Viktoriastr. 35. wurde am Freitag eine Gcsamtausstellung der Werke deS belgischen Bildhauers George Minne eröffnet. Außerdem sind Kollektionen ans- gesteht von Ulrich Hübner und von dem jungen Berliner Maler Max Beckmann. — Reinhardts Regieansichten. In einem Wiener Blatte plaudert der Direktor' deS Deutschen Theaters, Max Rein- Hardt, über das Dekorative in der Bühneukunst.„Ich weiß, ich stehe im Rufe", so schreibt Reinhardt,„dem Dekorativen auf der Bühne eine Bcdeniimg zuzumessen, die ihm gar nicht zukommt. Das liegt mir natürlich ganz ferne. Ich halte nur daran fest, daß dem Stil der Darstelluilg in Gestalt der Umgebung, in der sie sich bewegt, eine Atmosphäre geschaffen werden muß. Und zlvar war eS eigentlich mein ernster und wichtigster Grundgedanke, daß jedes Stück eine völlig neue Atmosphäre hat und verlangt. Ein jedes Werk braucht den individuellen Äiiiistler, den Maler, dessen Wesensart mit der Art des Stückes verwandt ist. Die Frage, ob realistische oder stilisierte Deloration, läßt sich nur von Stück zu Stück entscheiden, niemals allgemein oder im Prinzip. Was uns aber hier die Haupt« fache ist. Uebereinstimmung zwischen der Direktion und der Spiel- weise der Schauspieler. Das Grundprinzip einer jeden Aufführung erscheint mir das: jedes Stück hat seine eigene Atmosphäre wie seinen dekorativen Stil, denn, wie die Rolle den Schauspieler braucht, braucht das Stück den bildenden Künstler, zwischen dem Spiel der Schauspieler und der Art des bildenden Künstlers muß ein innerer Zusammenhang bestehen. ES war selbstverständlich, daß man von der plastischen Dekoration großen Gebrauch macht. Aber Plastik auf der Bühne ist nicht mein Grundprinzip, und daS Gerede von den echten Bäumen usw. ist rein lächerlich. Ueberhaupt glauben wir, daß der wahrhast unerschöpfliche StimmungS- faden die richtige und reiche Verwendung von Farbe und Beleuchtung ist. Es scheint mir, daß der Weg im Dekorativen zu einer größere» Vereinfachung führt und ich sehe auch in dieser Hinsicht in der Bühne der„Kamme'rspicle" insofern einen Weg, der sie zwingt, anzudeuten und Ausschnitte zu wählen. Ich bin der letzte, der dem Ueber- wuchern des Dokorativen daS Wort redete, ich habe nie dem Un- wesentlichen Selbstzweck eingeräumt und glaube, daS Kunstwerk auf der Bühne ist eine große Einheit mit dem Schauspieler als Haupt- akkord." — Dr. Burkhard Wilhelm L e i st. der Senior der Universität Jena, ist daselbst im Alter von 87 Jahren gestorben. Leist wirkte als Rechtslehrcr feit 1853 in Jena. Seine wiffenschaftliche Bedeutung liegt in der Anwendung der vergleichenden Methode. Besonders die gusammenhänge des griechischen und römischen Rechts hat er zu erforschen versucht und weiterhin um die Erschließung einer indogermanischen Rechtsgeschichte sich bemüht, die die den indogermanischen Völkern ursprünglich gemeinsamen Rechts- anschaungcn herausschälen sollte. Den Parallelismus der Rechtsemwickelung konnte er mit Erfolg nachweisen, wenn er auch nicht die wirtschaftlichen Urscnbcn als die ausschlaggebenden Faktoren crkaimte. Die Schriften:„Gracco-italische Rechtsgeschichte", „Altarischcs Jus gentium", das auch daS altindische Recht heranzog, und andere werden für den zukünftigen Geschichtsschreiber eurer EntlvickelungSgcschichte deS Rechtes eine wertvolle Vorarbeit bc« deuten. Bei den profefforaleu Kollegen, die über ihre Scheuklappen nicht hinauszusehen vermögen, hat der Forscher wenig Verständnis gefunden. Lerantwortl, Redakteur: Ha rs Meber� Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerIagSairstalt Paul Singer LrCo..Verlin S W.