Anterhattungsblatt des vorwärts Nr. 5. Dienstag, den 8. Januar. 1907 lNachdnul verboteil.) b] JVIadame dfOra. Roman von Johannes V. Jensen. Madame d'Ora hob den Kopf, als lausche sie; ein suchender Ausdruck glitt über ihre Augen, während sie auf Edmund Hall ruhten. Aber im nächsten Augenblick strahlten sie Feuer aus. Sie stürzte gleichsam in großen Spriingen vorwärts, drängte sich mit ausgebreiteten Armen zwischen die Passagiere und zerteilte sie, streckte beide Armen wie zwei Flammen in die Höhe: „Ich will singen!" Rauscheuder Beifall, Hänteklatschen und Entzücken. ..Madame will singen!" „Aber es kostet viel, mich singen zu hören!" rief Madame d'Ora schnaubend wie ein Pferd.„Sehen Sie alle her! Dies schöne und unglückliche Kind bleibt nun von heute an hier unter uns! Hier ist ihr Platz. Auch für das übrige wollen wir sorgen. Wo ist der junge Herr, der vorhin so tüchtig auf dem Flügel spielte? Er trete vor!— Sie meine ich. Herr Wilson!" „Hier, hier. Madame!" rief Wilson. „Sic gehen in den Salon hinab uild begleiten. Sie spielen hier herauf,— lassen Sie die Luken öffnen! Herr Wilson, gehen Sie zu meiner Kammerjungfer und lassen Sie sich die Noten geben—„Das blinde Mädchen".— Jetzt ruhig. Ich will nicht in so heller Beleuchtung stehen... Schaffen Sie doch den Mond weg! So. Hier will ich! fingen!" Wilson stürzte davon, und während der Minuten, die verstrichen, che er unten zu spielen begann, stand Madame d'Ora regungslos auf demselben Fleck da. Sie bog den Kopf zurück, schloß die Augen fast ganz, und ihr üppiger Mund war schmerzlich verzogen, so daß nian die Unterlippe nicht sah. Edmund Hall saß neben Fräulein Karekin. Evanston schien vergessen zu sein. Er sah sich nach vielen um, niemand aber schien Notiz von ihm zu nehmen. An einen der Ventilatoren gelehnt, stand ein kleiner, breitschultriger Mann, eine schottische Mütze auf dem Kopf, Evanston gefiel sein Gesicht, er näherte sich ihm. Sie kamen in Unterhaltung, der Mann stellte sich als Thomas A. Mason vor und erwies sich als redselig. Evanston stand geistcs- abwesend da. „Ja, ich denke, ich will mich auf meinen Platz zurück- ziehen," sagte er endlich lächelnd.„Ich habe meine Mission erfüllt."* „Warum wollen Sie das nur?" fragte Mason.„Bleiben Sie doch hier und hören Sie das Konzert mit an, Ihnen mehr als sonst jemand gebührt die Ehre dafür. Sie können mir glauben, es wird Geld einkommen, beachten Sie, was ich Ihnen sage, Geld wie Dreck. Wir werden einen an- genehmen Abend haben.— Herr Evanston, Sie sind Geist- licher, aber Sie sind Amerikaner, haben Sie etwas dagegen, daß ich einen Syphon und etwas Whisky herausbringen lasse? Eine Zigarre, Herr Evanston?" Evanston nahm die Zigarre— vergaß sie jedoch gleich wieder und wandte sich um... Denn ein langer, wunderbar schöner Ton quoll in die Luft empor, stieg mächtig und ging in ein Dunkel von Tönen über, die tief waren und rauh wie Geburtsschreie, aber heller als die Zungen einer Orgel— Madame d'Ora sang, mit weitgcöffnetcm Munde und schwellender Kehle: Sagst D», daß cs schimmert Von Blüten, wo wir schreiten, Ach, meine tjüße schaudern Geliebter Dir zur Seiten. Gnädig die Nacht ist. Es war die blinde Merete Lustwandelnd mit ihrem Freund, Sie sucht ihn unter Seufzern, Der nun verschwunden scheint. Gnädig die Nacht ist. Fliehst Du von meiner Seite? Wie mich Dein Schweigen drückt, Verlier Dich nicht inS Weite, Sei Du bei mir beglückt! Gnädig die Nacht ist. Verbirg dich nicht und lächle Nicht über meine Lust, Bedenk, die Stunden eilen, O, komm an meine Brust! Gnädig die Nacht ist, O fühle, wie ich bebe, 5tühl fällt der Tau auf mich, Er sinkt auf meine Brüste— Wo find ich, Liebster dich? Gnädig die Nacht ist. Hörst du mich nicht, ich zittre, Bin ich denn hier allein? Geh ich nicht unter vielen? Was schweigen sie wie Stein?. Gnädig die Nacht ist. Und hörst du meine Klage, Verfluch' Gott deinen Mund, Geh und kehr nimmer wieder— Die Blinden, die richten zu Grund! Gnädig die Nacht ist. Es soll der Blitz dich treffen, Nein, Gott belohne dein Herz, Denn plötzlich kann ich sehen Und sehn:— Lust ist«-chmerz! - Gnädig die Nacht ist, O, arme, arme Merete, Mit all deiner warmen Lust, Du suchtest Wärme und fandest Sie nur an des Todes Brust. Gnädig die Nacht ist. Als Madame d'Ora geendet hatte, folgte ein wilder Beifall. Aber durch den ganzen steinrutschähnlichen Tumult suchte sie Edmund Hall und sah ihren eigenen Namen auf seinen Lippen, indem er sich entzückt hingezogen zu ihr vor- beugte. Die jun(Je Armenierin, die neben Hall saß, hing mit großen, betauten Augen an seinem Ausdruck voll Innigkeit. Evanston beobachtete sie. Er trank Whisky mit Thomas A. Mason. Viertes Kapitel. Edmund Hall hatte sein Laboratorimn in einem zwölften Stockwerk in New Aork. Es bestand hauptsächlich aus einem sehr großen Raum Mit vielen Spiegelfenstcrn an zwei Seiten, von wo man eine Aussicht auf eine Gruppe von Turmhäusern und bis an die Brooklyner Brücke hatte. Das Haus lag in der unteren Stadt. Zwischen den beiden Wänden, wo die Fenster waren, hatte Edmund Hall inih Hülfe von Möbeln und Wandschirmen eine Ecke eingerichtet, die den Eindruck- einer Stube machte; die anderen Wände waren mit Büchern und Borten bedeckt, und in der inneren Ecke standen ein Schmelzofen und eine Menge Wissenschaft- licher Maschinen. Von der Decke herab hingen Glühlampen und ein einzelnes großes Bogenlicht. Der Fußboden war aus italienischem Mosaik, hie und dort mit Rosten. DieS war Edmund Halls Privatlaboratorium. Zwei Stockwerke tiefer' hatte er noch eins, in dem seine Assistenten arbeiteten. Ein paar von den großen Fensterscheiben waren ein wenig offengestcllt, das tiefe Getöse der Stadt tönte herauf. Hin und wieder donnerte da unten in der Höhe des zweiten Stockwerks der I�-Zug vorüber. Schneeweißer Dampf der- flüchtigte sich draußen in dem luftigen Raum zwischen den Turmhäusern und den Stücken blauen Himmels. Edmund Hall ging mit seinen Gläsern �in und her, ganz in Anspruch genommen von einem Versuch. Er hatte einen lange», mit Säuren befleckten Kittel an. ieine Lippen bewegten sich, als ob er die ganze Zeit hindurch Zahlen memoriere. Unten au| dem Fluß heulte ein Dampfer. Die Tür gab einen durch den Zug aus dem Fahrstuhl veranlaßten Laut von sich. das Telephon klingelte, und Edmund Hall griff nach dem Schallrohr, lauschte und antwortete tonlos, setzte �am seine Arbeit fort, AlS an der Tut g-ichellt Eurde. stellte Edinund Hall seine Sachen weg, zog den Kittel ab und einen schwarzen Rock an, ehe er öffnete. Es war Madame d'Ora in extravaganter Straßentoilette mit Straußenfedern auf dem Kopf. ..Darf ich stören?" fragte sie verlegen, aber mit großen, kühnen Augen. „Ja," antwortete Hall fröhlich und trat von der Tür zurück. Madame d'Ora rauschte herein, ging in all ihrer Pracht und Herrlichkeit bis mitten in das Zimmer und wandte sich dort um, so daß die Seide sie umbrauste. Hall schloß die Tür, blieb aber stehen, um die Erscheinung zu genießen, die zu ihm hereingekommen war. Sie sahen sich ein wenig an, bis sie lachen mußten. Hall seufzte tief auf vor Freude. (Fortsetzung folgt.) Hit- Berlin* Von Ernst Schur. DaS alte Verlin ist eine kleine Welt für sich. Eng und Leschränlt, doch mit eigenem Charakter. Das Ku p f e r st i ch k a b i n e t t hat eine sehenswerte amüsante Ausstellung veranstaltet, die in zahlreichen alten Kupferstichen ein Bild von Alt-Berlin gibt. Es ist, als sähe man durch ein Verkleinerungsglas eine putzige, absonderliche Welt. Sehen wir uns dieses alte Berlin zuerst aus der Ferne an. Eine ganze Reihe von umfangreichen, kolorierten Kupferstichen von Hennig (1800) geben ein Bild, wie Berlin sich zu dieser Zeit aus der Ferne ausnahm. Zugleich haben wir damit eine Vorstellung, wie Berlin in der Peripherie aussah.— Da führt eine breite Chaussee einen kleinen Hohl- Iveg hinab. In der Ferne eine leichte Silhouette, das Städtchen. Tie Luft liegt gelblich über den Wiesen. Unter einem hohen Baum steht eine Gruppe Menschen. Seltsame, schwerfällige, geschweifte Karossen bewegen sich auf die Stadt zu.— Berlin von den Rollbergcn aus gesehen l Ringsum Wiesen. Das Gelände senkt und hebt sich in leichter Wellung. Kühe weiden. Ein weiter Blick zur fernen Stadt. Auf einem kleinen Weg, der da? Bild durchschneidet, ein paar Damen im Vordergrund in roten und hellen Kostümen, grünen Schirmen. Ein bläulicher Schimmer liegt über den Wiesen. Im Hintergrunde verschwommen eine Mühle. Dann Berlin vom Kreuzberg aus. Fern liegt die Stadt. Ein kleines, turmartiges Denkinal steht zu ebener Erde. Schlicht und einfach ist es hingesetzt. Aus einem Hügelchen, ohne Unterbau. Auf einer sich breit windenden Chaussee nähern wir uuS der Stadt. Die ersten Häuser, die äußersten Gassen. Keine Stadtgrenze. Wiesen. Blaugrüne Schatten über den Wiesen. Wir gehen direkt an den Häuschen entlang. Der Nordrand des alten Berlin. Aber gerade die schlichte Einfachheit dieser Architekturen lägt einen Stil ahnen. Anspruchslos stehen sie nebeneinander, einfachste Form. Doch in dieser Einfachheit passen sie in die Landschaft. Keine Bauern- Häuser mit speziell betontem Charakter. Städtische Art, Nützlichkeit, Bescheidenheit. So zeigt sich uns Berlin auf einer Deckfarben- malerci von Barth(1830). Oder wenn wir von einer anderen Seite kommen, z. B. von Charlottenburg aus. Die schlichte Schönheit des Charlottenburger Schloßparks. Auf dem schmalen Wässerchen, das durch den Park fließt, breite Segel. Seitlich�ein Durchblick. Zwischen grünen, dichten Bäumen erscheint das Schloß. Charlottenburg wirlt über- Haupt wie ein Dörfchen. Im Grünen liegt es eingebettot, kleine Häuschen. Blau fließt das Wasser hin. Aug dem Schloßgarten ein Blick nach Spandau. daS fern am Horizont verschwimmt. Im Grünen hinten die Stadt. Ein paar Menschen auf dem Wege im Vordergrunde, die das Bild betrachten. Die genannten kolorierten Kupferstiche von Hennig wie die Deckfarbenmalereien von Barth zeichnen sich durch gute Lusttöne aus. Das dämmernde Stille der weiten Ebenen, die weichen Horizonte, kommen gut heraus. Jeder Effekt ist vermieden. Diese Zurück- Haltung stimmt mit dem Charakter der Stadt und der Landschaft, die im Weitflächigen ihre stille Größe hat, überein. Wie sieht es nun in dieser kleinen Stadt aus? Eine ganze An- zahl jener bunten Stiche unterrichten uns davon, die an sich schon in ihrer genauen, tifteligen, aber intimen Ausführung den Charakter der Zeit geben. Es ist etwas Künstliches in dieser monotonen Buntheit, es ist etwaS Künstliches in dieser Luft, die so schematisch und gelblich-blau ist, wie sie in Panoramen gemalt wird. Aber hinter diesem Künstlichen regt sich ein Leben. Ein intimes, be- scheidenes, ernstes Leben. Korrekt und genau tvaren sicher die Leute, die in diesen Straßen und Gassen wohnten. Sauber und ordentlich. Darin offenbart sich ihr Charakter. Die Menschen sind auf diesen Stichen wie Puppen gemalt. Sie tragen bunte Kostüme, grüßen mit Grandezza, be- kritteln die Nachbarinnen und kokettieren schließlich, wenn auch züchtig, mit den Herren, die herrlich aufgeputzt einherstolzieren und sieghaft ihre Blicke schleudern. Es liegt soviel Humor und Intimität in dieser kleinen Welt, die sich so ernst nimmt und iingleich so arbeitsam und bescheiden-froh ist. Eine Farbigkeit im ganzen, die an sich schon lustig wirkt. Zart- grün sprießt das Gras. Es wächst nicht nur auf den sparsam ge- pflegten Plätzen, sondern auch zwischen den Steinritzen deS Pflasters hindurch. Da stehen eigentümliche Droschken, Karossen mit großen, blauen Rädern und gelben Kutschen und warten. Davor geht gerade ein Herr vorbei; ein anderer grüßt ihn mit tiefer, devoter Ver° beugnng. Und wie ein Pfau stolziert der andere an ihm vorüber, seiner Würde sich bewußt. Eine Marktfrau stelzt ungeschickt über den Dannn, eine Kiepe auf dem Rücken. Studenten stehen in komischen Trachten vor der Universität! lange bunte Röcke, weiße Hosen, bunte Wagnermützen! Auch die Kinder tragen ein ähnliches Kostüm, weiße Hosen, ein längerer Rock, eine große Mütze. Am Brandenburger Tor sehen wir einen Anbau rechts und links, einfach, groß guadratisch, mit linearer Gliederung, einfache Monumenlalität! Behrens könnte ihn entworfen haben. Man sieht, daß hier im Architektonischen ein Charakter schlummert.(Deckfarben- Malerei von C. Barth 1330.) Ueberall herrscht eine Grandezza, die auf sich hält. Die Damen tragen große Schuten, die das Gesicht verstecken, eS aber um so lockender zeigen. Die nicht bis zum Boden langenden Röcke geben den Fuß frei, der zierlich gesetzt wird und feines Schuhwerk zeigen muß. Um die Schultern liegt mit leiser Koketterie ein breiter, bunter Schal. So hat alles noch intimen, ausgesprochenen Charakter. Da fährt ein Fuhrwerk, eine Kutsche, die nur zwei große Räder hat und das Pferd trägt über den Kops eine Art russischen BogenS, dunkel- rot. Pferd und Kuh werden noch zusammengespannt. Ein Spiel des Lebens, einfach und doch mannigfaltig. Ein umschlossener Kreis. Eine ganze Reihe weiterer Stiche rühren von dem Stecher Balou her. Ein Platz. Droschken halten, bunte Wagen, zweirädrig, wie die englische Kutsche. Die Pferde tragen als Zier einen kleinen Holzbogen über den Kopf. Herren in grünen und braunen Röcken schlendern stolz vorbei. An der Schloßbrücke liegen breite Kähne. Auf einem steht am Steuer der Steuermann, in weißem Matrosenanzug und hohem. breiten Zylindcrhut. Jeder trägt dieses Kopfstück, Arm und Reich, Jung und Alt, selbst die Kinder zeigen sich schon in dem Schmuck dieses seltsam grotesken HuteS. Die Luft ist meist blau oder gelblich. Aber in dieser schematischen Monotonie ist eine Art Charakter, eine Ruhe, Stille und Ab- geschiedenheit. Fein sticht gegen diese rechnende Genauigkeit, die allerdings immer etwas Liebenswürdig-Jntimes hat, ein Steindruck von Ed. Gärtner ab, der den Platz am Opernhaus zeigt und die Hauptwache. Ein malerisch weicher Ton hält das Ganze zusammen. Namentlich das Denkmal im Vordergründe ist in weißen Tönen locker behandelt und ivirkt dadurch sehr belebend. Es ist im Künstlerischen ei» Ganzes. Hinte» dient eine Baumgruppe als Sammelpunkt. Dir Gebäude sind als Massen behandelt und nicht architektonisch muster- hast zergliedert. Die Beleuchtung ist düster und bringt eine malerisch« Einheit in das Ganze. Die kleinen Stiche sehen in ihrer primitiven Buntheit ganz putzig gegen diese Wahrheit aus. Denn dies ist, wenn auch kein Kunstwerk, so doch wenigstens die Ahnung einer Schönheit. Gehen wir noch ein wenig in der Stadt herum. In sonnigem Licht liegt die Parochialkirche. Die Häuser haben hier eine gewisse Vornehmheit. Doch herrscht auch hier im Stil der Architektur sachliche Einfachheit. Da finden wir ein Haus, da? hohe Streben zeigt, die säulenartig vom Boden bis unter das Dach reichen. Unwillkürlich denkt man an Messels Bauformen.(Stich von Gärtner. 1830.) Wieder eine bunte Reihe kleiner Bildchen, die eindrucksvoll, bei- nahe phantastisch die Wirklichkeit geben. Blauer Himmel. Grüne Bäume. Gelbliche Luft. Beinahe unwirklich. Wie eine Miniatur wirkend. Wieder sehen Ivir in breite Gassen, die rechts und links mit Häusern bestellt sind wie aus einer Spielschachtel. Klein, zierlich. Die Dächer streben hoch auf, wie es jetzt wieder Mode wird, so daß das Dach als Farbe und Fläche mitwirkt. Der Dönhoffplatz! Ein bescheidener Platz. Eigentlich kein Platz. Wie noch jetzt in alten Städten ist von dem Damm ein Viereck ab- geteilt durch kleine Bäume, die im weiten Quadrat den Platz um- säumen. Der Damm geht also ohne Erhöhung in den Platz über. Idyllisch träumen die Häuschen um den Platz. Dann sieht man von hier aus die Leipzigerstraße hinunter. Eine richtige Kleinstadtstraße. Häuschen an Häuschen, die immer kleiner werden in der Perspektive. Ein Rinnstein trennt Bürgersteig und Damm, die auf gleichem Niveau liegen. In jedem Haus rcgel- mäßig die Fensterchen. Keine Läden. Da, wo Tietz jetzt steht, ist ein kleiner Gasthof zu sehen(nach Belon, 1830). Ani Alcxanderplatz wird Wollmarkt abgehalten. Große Ballen lagern nebeneinander. Man sieht, der Markt befindet sich weit draußen. Die Gegend ist sonst leer. Nur die Arbeiter und Sekretäre stehen herum in brcithostgcu, langröckigen Umzügen. Ein schöner, freier Blick geht vom Obst- und Heumarkt über daS Wasser. Im Hintergrund die Marienkirche. DaS Wasser hat feine grüngraue, rötliche Töne. ES ist, trotzdem es ruhig liegt, nur langsam fließt, Leben in der Fläche. Und in dieser Zart- heit der Nuancen ähnelt das Blatt einer japanischen Arbeit; eS stammt von F. A. Schmidt 1810. Kräftiger ist ein anderer Stich, der ein» Straße am Kanal zeigt. Die Häuser geben in ihren bunten, ausgesprochenen Farben W- wechselung. Spaziergänger in hellen, bunten Kostümen stehen an der Brücke. Und das Wasser zeigt ein dunkles, kräftiges Blau. Grelles Licht liegt über den, Wasser. Etwas weiter draußen sehen wir Berlins erste Droschkenanstalt. Drei Droschken werden von einen, neugierigen Publikum bestaunt. Die Pferde machen noch elegante Sätze. Aus dieser Zeit stammt auch die patentierte Trinkanstalt von Struve und Soltmann, die sich ausnimmt wie ein Pavillon in einen, Badeorte, der sich gern entwickeln möchte. Die trinkenden Damen und Herren bewegen sich mit Genugtuung auf und ab und benutzen die Gelegenheit zu einer koketten Unterhaltung. Wie der Leipziger Platz aussah, das zeigt uns ein Stich von C. Barth 1830. Kein Baum, kein Strauch. Grüne, sehr weite Rasenflächen, sauber und korrekt gepflegt. Hellblaues Licht über de», Rasen. Einige Wolken schweben am Himmel, ein wenig ver- blasen und blechern. Wie lebten diese Menschen? Wie ging ihr Leben hin? Sie waren arbeitsain, nüchtern, einfach. Einige Blätter, die Witze und Anekdoten illustrieren, rühren von Dvrbeck her. Sie haben im Farbigen, trotz der ungewollten Primi- tivität, trotz der Schärfen in den Linien, manches Feine und Interessante und sie geben Charakter. Die Figuren sind breit hin- gesetzt, mit einen, Sinn für flächigen KolorismuS. Wie z. B. Flaschen und Gläser rot und gelb auf dem Tische stehen, das ist lustig gemacht. Wie über einen Kinderwagen ein violettes Tuch breit gelegt ist, während der Baun, neben dem Wagen mattgrau gc- halten ist, das zeigt Geschick. Gerade das Farbige ist nicht kleinlich gehandhabt. Und ein Strauch z. B. wird flott hingesetzt, es ist Leben darin. Breitflächige Farbigkeit, dünne, oft zu magere Linien— das ist der Charakter dieser Witzblattillustrationen, die einen Stil haben, der entwickelungsfähig wäre. „Mamsellken." sagt der lockengeschmückte junge Mann, und weist den, bedienenden Mädchen auf der Gabel ein Haar,„bringen Sie mich Haare apparte und Bouletten apparte." Zwei Jungens stehen am Zaune; der größere haut den Kleinen. Da kommt dessen Bruder:„Junge, wat stoßt Du denn mein klenen Bruder, ick wer es gleich mein Vätern sagen."„Dummer Junge," replizierte der andere,„Du hast ja gar kenen Vater."„Schafskopp" erwiderte der andere,„inehr wie Du." Vater und Sohn(in bunten Kostümen) gehen spazieren. Der Schul», eister begegnet ihnen, bleibt stehen, grüßt, der Junge ist ver- legen. Der Vater:„Kannste nich de Mütze abnehmen vorn Herrn Schulmeister und sagen:«Schön guten Tag och. Du Schafskopp!" In, Hof steht die graue Schar frierender Kurrcndejungen. Klägliche Gesichter machen sie. Sie frieren und gröhlen mit Grandezza. Die grauen, geschweiften Hüte, die grauen Pelerinen, die wie Flügel herunterhängen, geben ihnen ein groteskes Aussehen. Wie Fledermäuse sehen sie aus, die sich im Hofe niedergelassen haben. Auch in den illustrierten Büchern findet sich manche Feinheit. Ei» Sinn für Karikatur, für derbes Erfassen der Eigentümlichkeiten und eine unerschrockene Farbigkeit. Auch zeigt sich in den kleinen Szenen Geschick für ztvanglose Raumgruppierungen. Schroedter ist da zu nennen, dessen scharfe Beobachtung sich bewährt. Die bunten Kleider sind in dieser Art vielleicht roh zusammengestellt. Aber es liegt hinter der naturalistischen Primitivität eine feine und freie Phantastik. Da finden wir„die Potsdamer Bahn". Sie fährt gemächlich durch die Straßen. Die Leute stehen und gaffen. S,e bewegt sich hinaus, ein Ungetüm, wie für Kinder als Spielzeug gemacht. Voran, gleich hinter der Lokomotive ein offener Wagen. Zwei Passagiere sitzen darin. Die Lokomotive hat einen langen geraden Schornstein, der wie ein Fabrikschlot aussieht. Ein primitives Bild. Ter Schloßplatz war ein Tummelplatz volkstümlichen Lebens. Die Straßenverkäuser haben hier das Feld ihrer Tätigkeit. Aepel, Aepel. Aepel, Acp., ruft die gemütliche Alte mit der Zipfelmütze auf dem Kopf. Würschtc, wer kauft Würschte? Der Pantoffelhändler ruft: Paaurieschen, kauft Paanrieschen I „Kaufen Sie nicht schcene Spandosche Zimtbretzeln?" erkundigt sich geflissentlich der humpelnde Alte. Ein anderer verkaust„Waachholder Saaft". Mit traurigem Gesicht bietet ein magerer Verkäufer seine Stief- blocks aus. „Ferkelbucksche Hänekens ans Kummer-Land— Hähnchen und Puppen)— trompetet ein vcrgärtelteS Weibchen und hält ihr Er- zeugnis hoch in d,e Luft. Mausefallen hält ein anderer feil. Dahinter kommt ein Puckliger mit„Limburger Käs" I Koffen Sie keene Kwerl(Quirle), fragt geschäftig ein Mädchen, das ein Tuch nach türkischer Art um den Kopf geschlungen trägt. DaS alles treibt sich in der Nähe des Schlosses herum. Und auch der Weihnachtsmarkt schlägt hier seine dämmrig träumende Budenstadt auf. Die Neujahrsgratulation geht hier mit vielem Geräusch und lustiger Grandezza vor sich. Eine drollige Welt. Aber wenn wir die Entwickclung betrachten, die in so kurzer Zeit, in etwa 80 Jahren, auS dem kleinen Städtchen die Großstadt machte, so kommen wir unwillkürlich zu der Vorstellung: Hier müssen Kräfte schlummern. kleines Feuilleton. Weber Straficnarchitektur und Reklame schreibt Direktor E. Högg in der„Umschau". Gr stellt die entsetzliche Verwahrlosung fest, die auf diesem Gebiete herrscht, betrachtet ironisch den geringen Wert, den die übertriebene und geschmacklose Reklame besitzt und zieht Hülfsmittel in Erwägung, die unS vor den Uebergriffen und Ueberfällen dieses echtesten Kindes der schrankenlose� Privatwirt- schaft schützen könnte. Er gelangt dabei zu folgenden Schluß- folgerungen: „Erfreuliche Bestrebungen und Versuche aus neuester Zeit zeigen die Wege, auf denen Architekten, Gesetzgeber und Publikum im Kampfe, nicht gegen die Reklame, sondern um eine anständige Reklame vorgehen müssen. Die Hauptaufgabe liegt beim Architekten, denn er ist Schöpfer des Straßenbildes und moralisch dafür verantwortlich. Bedeutende Baukünstlcr haben bereits einen voll- ständig neuen Typ des Geschäftshauses, des Cityhauses geschaffen: senkrechte Pfeiler vom Bürgersteig bis zum Hauptgesims empor- schießend und reich profiliert. Die Flächen dazwischen aufgelöst in Fenster und Brüstungen. Die Brüstungen hinwieder als Raun, für dekorative Reklameschrift schon im Entwürfe und in der ersten Fertigstellung vorgesehen. Also die Reklame, die Firmentafel zum architektonischen Motiv erhoben. Das ist ein Weg. Aber er kann auch umgangen werden, indem die gute Absicht des Architekten sofort vereitelt wird, indem in Ermangelung von Wandflächen die Fensterflächen mit Schriften übersät und Reklametafeln quer über die Pfeiler herübergelcgt werden. Solche Geschmacklosigkeiten werden aber seltener werden, wenn die Erkenntnis reifer wird, daß die wirksamste Straßenreklame ein charaktervoller Bau ist,— eine Erkenntnis, die wir bor den Warenhäusern Wertheim und Tietz in Berlin gewonnen haben, diesen steingewordenen Reklamen in idealer künstlerischer Abgeklärtheit, und der wir heute schon manches schlicht vornehme Geschäftshaus verdanken, das zwischen den marktschreierischen Nachbarn weithin kenntlich dem Gedächtnis sich einprägt, ob es gleich nur in bescheidener Goldschrift einen einzigen Namenszug über seinem Portale trägt. Auch der Gesetz- geber könnte mancherlei tun, um das Straßenbild vor Verunstaltung zu retten. Geschehen ist noch nicht viel. Da und dort haben Städte mit kunstgeschichtlich bedeutenden Ueberresten aus alter Zeit eine Bestimmung ins Baugesetz aufgenommen, die besagt, daß störende Reklametafeln auf Wunsch der Baupolizei beseitigt werden können, eine Vorschrift, von der nur in ganz verzweifelten Fällen Gebrauch gemacht werden dürfte. Ich möchte mir für jede deutsche Stadt, ob alt, ob modern, historisch wertvoll oder nicht, eine und dieselbe kurze Verordnung wünschen, die etwa heißen sollte: I. Firmenschilder und Rellameschriften jeder Art an Ge- bänden dürfen nur mit Genehmigung des verantwortlichen Archi- tekten, oder falls dieser nicht mehr zu erreichen, mit Genehmigung eines baukünstlerischen Mitarbeiters der Baupolizei angebracht werden. L. Firmenschilder und Reklameschriften dürfen nicht mehr als ein Zehntel der Gebäudefront bedecken, auf der sie angebracht sind. 3. Firmenschilder und Rellameschriften an kunstgeschichtlich wichtigen Gebäuden unterliegen der Einwilligung des Konser- vators. 4. Außerhalb des Weichbildes der Stadt, also wo die sogenannte Landschaft anfängt, sind Firmenschilder und Rellameschriften jeder Art überhaupt verboten. Endlich könnte auch vom Publikum nachgerade Hülfe erwartet werden. Man sollte annehmen, daß die Zeit nahe sei, da es durch volkstümliche Vorträge, Kunsterzichungstage, Kunstwartspublika- tionen, Ausstellungen und sonstige Bemühungen jener Idealisten und Enthusiasten, so der Welt die Schönheit erhalten wollen, auf- gerüttelt sich selbst auch an dem Kampfe beteiligen werde, den man doch eigentlich ihm, dem lieben Publikum zulieb, führt." Allzu viel darf man sich von diesen Vorschlägen nicht ver- sprechen. Die Reklame ist ein Teil der kapitalistischen Konkurrenz, sie wird sich so wenig bändigen lassen wie diese selbst. Theater. Charlottenburger Schillertheater: Minna von Barnihel m, Lustspiel von L c s s i n g. Die erste Woche der neuen, mit Schillers„Räubern" eröffneten Bühne beschloß die treff» liche Aufführung der klassischen Komödie Lcssings. Die Zuschauer hatten den mächtigen Raum bis auf den letzten Platz gefüllt und inachten ihrer Freude an dem unvcrwelklich frischen Geist des Stückes, wie soincr lebendigen Vergegenlvärtigung durch die Schau- spicler in lautem, nach jedem Akt wiederholten Beifall Luft. Hedwig Pauly war eine Minna von gewinnender Liebenswürdigkeit, Sehr fein traf sie den Ton des heitev-gutherzigen Geschöpfes, aus dessen Schelmereien überall ein unbeirrbar sicheres Gefühl für daH Natürlich-Richtige, ein spielend leicht im Dienste dieses Gefühls sich regender Intellekt hervorblickt. Die Mädchenneckereien mit Franziska, das überquellende, den stürmischen Drang nach Wohltun auslösende Glücksgefühl, als sie von Tcllheims Gegenwart erfährt, die feine Ironie im Kampfe gegen des verdüsterten Geliebten über- spannteS Ehrphantom: Alles trug, zu einem anmutigen Gesamtbild verschmelzend, das Gepräge in sich zusammenstimmender indivi» dueller Einheitlichkeit. Das kernige, durch das Unglück i» Mttcrkeit bernmndelte Wesen Tellheims kam überzeugend in dem Spiele I Walds zum Ausdruck; die stärkste Wirkung erzielte rx �dm HBHHHH Momenten, in denen die strenge Starrheit der Mienen durch daZ Aufleuchten einer freudig herzlichen Empfindung durchbrochen ward> Elisabeth Bartels gab eine munter temperament- volle Franziska. Guido Herzf l d einen prächtig-grobkörnigcn Just voll bornierter Tücke und Ehrlichkeit. Die Herren K i r s ch n e r in dtt Rolle des Wirtes. R o I a n in der des Wachtmeisters trugen, jeder an seiner Stelle, zu dem Gelingen des Ganzen bei. dr. Musik. lieber eine Aufführung von Webers..Freischütz", falls sie nicht all�n schlecht ist, sich kritisch zu äuszern, kann selbst einem älteren Kritiker schwer werden. So bedeutend und so eigen- artig Plastisch ist dieses Kunstwerk, und so tief greift es in das Gemüt des Einzelnen und unserer Nation ein, dak man vor ihm zum chritiklos lauschenden Kinde werden kann. Zwar ist dieses Werk eines von denen, die, wenn man will, voller Fthler sind; aber wenn irgend ein Werk solche„Fehler" vor der Grütze des Ganzen verschwinden lätzt, so ist es diese geradezu national deutsche Oper, dieses beinah entscheidende Stück in der Geschichte der dramatischen Musik Teutschlands. Man verträgt es auch, daß diese Oper ohne höchste Verfeinerungen dargestellt wird in markigen Zügen, und man verzichtet mit Vergnügen auf Kunststücke der Ausstattung und der Regie. So hat denn auch unser nach Volkstümlichkeit strebendes Lortzing-Thcater am vergangenen Sonnabend dieses sozu- sagen für die Ewigkeit bestimmte Stück in einer neuen Einstudic- rung vorgeführt. In erster Linie möchten wir den Dirigenten Artur Bodanzky um so mehr nennen, als er uns schon in früheren Aufführungen zu einigem Danke dirigiert hat; nur wünschen wir ihm noch mehr Mut, dah er ohne Scheu vor dem Vor- würfe der Maniriertheit das Höchstmöglichste in der gestaltreichen Herausarbeitnng der Tonfolgcn anstrebe. Die Sänger waren im allgemeinen recht gut. Die Führenden unter ihnen waren solche, bei denen sich Fürsorge für eine liebe rwindung der letzten Mängel sehr lohnen würde. Wurde immerhin etwas stilisiert gespielt, so kam man doch häufig auf die Höhe eines dramatischen Ausdruckes: so gab namentlich Theo Görgcr der undankbaren Fürstcnrolle Manz. Darja Mischka als Agathe lietz hauptsächlich nur im Piano Ausreifung vermissen. Ten übrigen unsere Anerkennung kurzweg! sz. Kulturgeschichtliches. Altchinesische Taxameter. Wenn man glaubt, datz die Taxameterdroschken eine Erruugenschaft der Neuzeit sind, so irrt man. Nach einem original-chrnesischen Geschichtswerk erbaute unter der Herrschaft des Kaisers Jönn Dsung(zu Anfang des eisten Jahrhunderts) einer der hohen Palastbeamten Namens Lü-Tav- Lung einen Ncgistrier-MeileJi-Trommel-Wageu(gi-li-gu-tscha). Dieser Wagen hatte nur eine Deichsel und zwei Räder. In jeder seiner zwei Etagen war eine Person aus Holz, die einen hölzernen Klöppel aufrecht hielt. Sobald der Wagen eine Meile durchlausen hatte, tat die Holzfigur im unterem Stockwerk einen Schlag auf eine Trommel, und ein in halber Höhe angebrachtes Rad drohte sich ein- mal. Nachdem der Wagen zehn Meilen durchlaufen hatte, voll- führte die Holzfigur in der oberen Etage einen Schlag gegen ein Glöckchcn, Aber nicht genug, datz dieser chinesische Taxameterwagen die Anzahl der zurückgelegten Meilen selbsttätig registrierse, war er bisweilen auch noch mit einer Art Neuerung verbunden. Zwischen iden Deichseln befand sich nämlich, wie in der kostbaren Bilder- sammlung tsan thu-hae heute noch an verschiedenen Zeichnungen zu'sehen ist, ein Kästchen mit einem Magnet, mit dem ein Pflock in senkrechter Richtung in Verbindung stand. Daraus satz eine so- genannte Goistcrfigur aus geschnitztem Holz oder Jadestein mit wagerecht ausgestrecktem Arn, derart, datz, selbst wenn der Wagen umwendete, doch die„Hand ständig zeigic Süden"(schön tschrnig dehi nan). Uebrigens lernten die Ehincscn ein Jahrhundert spater die Abweichung der Magnetnadel nach Osten kennen. Hygienisches. . Ein neues Schulbadeshstem. Die Schulbäder sind neuerdings zu einem Problem geworden, cm dessen Losung ständig rmrbeitet wird, ohne dah eine der vorgeschlagenen Badeeinrichtungcn 1.1 jeder Hinsicht befriedigte und allgemein eingeführt worden wäre. In Deutschland sind die einfachen Duschbäder in Gebrauch, in Nutzland und Skandinavien die Dampfbäder. Wie aber Karl Hansson im„Gesundhcitsingenieur" ausführt, leiden die Duschbäder an dem Ilebelstande. datz die Säuberung des Körpers nicht in genügender Weise erfolgt, und die Dampfbäder sind wenigstens nicht für alle Kinder zweckdienlich, auch ist das System des Dampfbades in hygie- uischer Beziehung durchaus nicht einwandfrei. Kanl Hansson spricht sich dafür aus, datz den Kindern ein gewisses Quantum Wasser zur Werfügung gestellt Iverdcn möge, damit sie sich gründlich säubern können und das Bad gern benutzen. Allerdings hat ein Schulbad auch praktischen Anforderungen zu genügen, wenn seine Einführung möglich sein soll. Seine Bedienung mutz einfach und die Betriebs-. kosten müssen sehr gering sein. All diescni Ansprüchen genügt daS Hanssonsche System, da» überdies noch den Vorzug hat, datz die Kinder während des Badens vollständig von einander getrennt sind, also eine Infektionsgefahr ausgeschlossen ist. Das von Hansson konstruierte Schulbad besteht ausriß Wannen, die in passenden Ab- ständen in den Futzbodcn eingelassen sind. Die Wannen sind rnnde Schalen aus Gutzeisen von 800 Millimeter Durchmesser und 350 Millimeter Tiefe, die innen weiß emailliert und mit einem Ablauf versehen sind. Auf dem Rande der einzelnen Wannen ist ein Strahlrohr von Kupfer angebracht, das durch sechs Messing Halter befestigt und in Abständen von etwa 8 Millimeter mit feinen Löchern versehen ist. Die heraustretenden Wasserstrahlen treffen den Wulst der Wanne und fliehen auf der ganzen Fläche herunter, so datz die Warme durch sie gefüllt oder sauber gespült werden kann. Da die Schalen mit einem gemeinsamen Rohrnetz in Verbindung stehen, kann das Füllen der Schalen gleichzeitig geschehen, ebenso kann die gemeinsame Entleerung durch das Oefsnen eines einzigen Ventils erfolgen. Ueber jeder Wanne ist eine Dusche von der Konstruktion Körtings angebracht, die das Wasser in einem kräftigen Sprüh- regen verteilt. Wenn gebadet werden soll, werden die Wannen mit 95— 100 Litern Wasser von ungefähr 33— 35 Grad Celsius an- gefüllt. Dann steigen die Kinder in die Wannen, um sich sitzend mit einer weichen Bürste und mit grüner Seife, die jedem Kinde zur Verfügung gestellt werden, zu waschen. Nach 10 Minuten müssen sich die Kinder aufrecht hinstellen und bekommen eine Dusche mit einer Anfangstemperatur von 35 Grad Celsius, die allmählich auf 20 oder 15 Grad Celsius fällt. Wenn die Kinder die Wurmen verlassen haben, wird das Abflutzventil geöffnet und die Wannen entleeren sich im Laufe von 5 Minuten, worauf sie gründlich gc- spült und aufs Neri« gefüllt werden, um von einer anderen Gruppe von Kindern benutzt zu werden. Innerhalb einer Stunde können auf diese Weise 48 Kinder gebadet werden. Der Wasserverbrauch beläuft sich dabei auf 5500 Liter und der Koksverbrauch auf 40 Kilo- gramm. Humoristisches. — Unter S p i e tz e r n. Du, warum hat denn Karl der Grosse ein Denkmal kriegt? I weiss net recht, aber wenn i recht g'hört Hab', er hat einmal 4500 Sozi an einem Tag hinrichten lassen. — Friedenspreis. Der Zar� ist sehr verschnupft: da? Komitee soll bei Verleihung des Preises an Wilhelm IL und den König von Italien, keineswegs aber an ihn gedacht haben, („Neue Glühlichter".) — Meditation.»Der Meher arbeitet mit zu gemeinen Mitteln I Entweder mutz er»nein Kompagnon Iverden, oder ich zeige ihn der Staatsanwaltschaft an."(„Simplizissimus".) Notizen. — Da» Neue Schauspielhaus wird gelegentlich des Kainz-Gastspiels Beaumarchais'„Barbier von Sevilla" und sein Meisterlustspiel„FigaroS Hochzeit" in einer Bearbeitung von Joseph Kainz aufführen. — Im Kleinen Theater befindet sich als nächste Novität daS Drnina„Der König Candaules" von Andre Gide, deutsch von Franz Blei, mit Emanuel Reicher in der Titel- rolle, in Vorbereitung. —„ T a r t u f a r i", ein Schauspiel der in Rom lebenden Schriftstellerin T a r t»» f a r i, hatte am Sonnabend im N ü r n- b erg er»Intimen Theater" starke» Erfolg. — Die Freie Lehrcrvcreinigimg für Kunstpflege nimmt im neuen Jahre ihre billigen Kmrstabende im Bürgersaale dcS Rathauses wieder auf. Dienstag, den 20. Januar, wird H a n S H o f f m a n n (Weimar), Generalsekretär der Deutschen Schillerstiftung, Ernstes und Heiteres aus seinen Dichtungen lesen. Karten zu 30 Pf. sind zu yaben im Albrecht Dürer-HauS, Kronenstr. 18, und bei den Herren M. Wulff, NW.,«ltonarstr. 10,@. Krügel. SW., Fürbringerstr. 22, E, Meyer, O., Beymestr, 30, und A. Hennig, Brunncnstr. 117. Ein späterer Abend wird dem Dramatiker Eberhard König ge- »vidniet sei». Um Einladungen zu den intimen Abenden, an denen zunächst Kurt Geucke, Wilhelm Holzanrer, Karl Ferdinands und Wilhelm Kotzde a»»» ihren Dichtungen lesen werden und zu denen der Zutritt frei ist, lvende man sich an Herrn Otto Gantzcr, Hermsdorf(Marl), Bahnhofstr. 5. — Das B ü h n e n g e s ch ä f t. Der Berliner Bühnenvcrtrieb von Felix Bloch Erben entrichtete, wie ein Wiener Blatt ausplaudert, vom 1. Oktober 1905 bis zum 30. September 1906 diu Bühnenautoren, deren Werke er vertreibt, 3 240 000 M. Tantiemen. Was erfolgreiche Geschäftemacher verdienen, beweisen folgende Ziffern: „Das weisse Rössel" brachte seinen Verfasser»(Blumenthal und Kadelburg) 700 000 M., die»Lustige Witwe"»vird ungefähr eine Million abwerfen. — Das versittlichte„feine Mägdelein". Die „Bayer. Lehrerzeiiung" weiss folgende hübsche Ilmdichkmg des „Würzburger Schützenmarsches" zu berichten:„In der Präparanden- schule zu R.»nutzten wir statt„Kommt ein feine» Mägdelein" usw. singen:„Gibt's ein feines Würstelein, schau'n wir auch nicht grämlich drem, wird skalpiert und halbiert, zu Gemüt geführt!" — Der zweite internationale Kongreß für Schulhygiene wird vom 5. bis 10. August 1907 in London ab- gehalten werden. Der erste Kongress tagte 1904 in Nürnberg. Berantlvortl, Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltP.auI Singer LcCo.. Verlin L W.