Anterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 7. Donnerstag, den ICK Januar. 1907 (Nachdruck verboten.) 7] JMadaiuc d'Ora. , Roman von Johannes V. Jensen. Hall ging, und Madame d'Ora setzte sich in die Ecke und sah in die Stadt hinab. Gerade hinter ihr gruben sie den Grund zu einem neuen Hause aus, der Bauplatz und die Kiesgrube wimmelten von Arbeitern. Da standen ein paar Pferde und sahen von oben ganz sonderbar aus, sie bewegten sich wie Fische auf dem Boden des Wassers. Oben über den Häusern und all dem weißen Fieberdampf hing die Brooklynbrücke, man hörte sie tönen, wenn man sie ansah. Waggons und Straßenbahnen liefen durch das Gitterwerk da oben wie die Schiffchen in einem Gewebe. Je mehr man hinauf sah, um so mehr verstand man von ihren großen Tönen: man unterschied trabende Pferde dort oben. Die Brücke sprach oder sang wie ein Eis- gletscher, der vom Berge hinabgleitet, lebend, und sie selber hing schlummernd im Sonnennebel. Madame d'Ora fühlte das dunkle Dröhnen und versuchte unbewußt, den Ton zu finden, aber er war so tief, daß sie ihn nicht erreichen konnte. Sie stöhnte, sah auf den blankgeschliffenen Schienenweg hinab, wo die Waggons, die in rasender Fahrt um die Ecke gekommen waren, so plötzlich auf dem Halteplatz anhielten, daß es einem im Kopfe surrte. Die Pferde standen noch immer da unten auf dem Bauplatz und bewegten die Schwänze wie in einem Strom. Jetzt langweilte Madame d'Ora sich, sie stand auf und sah sich im Laboratorium um, stemmte die Hände gegen ihr krachendes Korsett, zählte eine Reihe Totenschädel auf einem Bort und nickte, als es sich heraus- stellte, daß es genau zwanzig waren... „Ed— mund!" rief sie laut und verdrießlich. Hall erschien einen Augenblick später im Straßenanzug, eine Mütze auf dem Kopf, und sie fuhren hinab. Das Auto- mobil hielt vor dem Portal, eine große, schwere Maschine, rot lackiert und mit dicken Rädern. Der Chauffeur, der damit gekommen war, setzte sich auf den hinteren Sitz und Hall ergriff das Steuerrad. Sie fuhren erst eine Strecke den Broadway entlang, da aber das Gedränge so stark war, daß Hall kein Wort auf Madame d'Oras Fragen zu ant- Worten vermochte, bog er in eine Quergasse ein, die zu einer der Avenuen führte, wo es ruhiger war. Hier schaltete er höhere Uebersetzung ein, so daß die Maschine mit einem Stoß vorwärts flog, unter fleißiger Benutzung der Huppe fuhren sie in großen Bogen an den Wagen vorüber. Madame d'Ora befand sich jetzt wohl. Sie sah von der Seite Hall an, dessen behandschuhte Hände leicht auf dem Steuerrad lagen, und der mit großer Ruhe die Maschine führte, während er unverwandt auf den Weg achtete. Jetzt kannte sie ihn wieder, das war ihr eigener Edmund, der nie den Eindruck machte, als besäße er Mut, der aber keine Furcht kannte. Es war eine glückliche Fahrt. Während sie frühstückten, entfaltete Madame d'Ora ihre ganze goldene Laune. Ihre Züge rundeten sich, als sei sie daheim, während sie am Tische saß, Hall gerade gegenüber, sie glich schließlich einem großen jungen Mädchen vom Lande. Und Halls nervöses Gesicht rötete sich leicht. Die Stimmung von allen den vertraulichen Mahlzeiten, die sie in entschwundenen Zeiten zusamnicn genossen hatten, rückten nahe und löschten alles andere aus. Sie saßen da und erinnerten einander an so viele niedliche Unbedeutendheiten, die sich vor langer Zeit zugetragen hatten, und an den wunderbarsten Orten, die aber vor cincni Tage hätten geschehen söin können. Sie seufzten und fingen an, leise zu zittern, tranken sich zu und vertieften sich gegenseitig in ihre Augen. Sie lachten über ihren Appetit. Madame d'Ora, die sich sonst beständig in einer Entfettungskur befand, machte heute eine Ausnahme und aß alles, was sie wollte. Eine kleine Episode schien ihnen die Stunde verfinstern zit wollen.- Der Diener brachte eine Karte, und Madame d'Ora trat mit einer leichten Entschuldigung an einen Mann heran, niit dem sie ein paar Minuten sprach. Hall saß mit der korrektesten Miene, aber schweigend da, als sie zurück- kehrte. „Das war mein Lokal-Jmpresario," erklärte Madame d'Ora. „Wie konnte der wissen, daß Du hier bist?" fragte Hall kühl verwundert,„und wie kann es ihm einfallen. Dich beim Essen zu stören?" „Ich hatte ihn wegen eines Bescheids um ein Uhr hier� her bestellt, und die Uhr ist, wie Du siehst, gerade eins." „Wie beliebt?" Hall zog die Brauen sehr hoch auf die Stirn hinauf.„Willst Du mir sagen, daß Du die Absicht hattest, diesen Mann unter allen Umständen zu diesem Glocken- schlag hier zu empfangen?" „Natürlich!" antwortete Madame d'Ora ebenfalls mit ihren allergrößten Augen.„Deshalb schlug ich Dir vor. bei Marti n zu frühstücken. Sonst hätte ich ja ein ganz anderes Restaurant wählen können." Hall grübelte ein wenig mit umwölkter Stirn. Dann brach er in ein Gelächter aus. „Ganz wie Du!" sagte er höchlichst ergötzt.„Du bist Gott in leibhaftiger Person, Leontine. Du bist mein Schicksal. Erst hinterher entdecke ich, daß alle meine Willensäußerungen in Wirklichkeit die Deinen waren. Ich war nun eine Beute der angenehmen Illusion, daß ich Dich mit fünfundzwanzig Pferdekräften dahin führte, wohin ich wollte. Auf Dein Wohl!" „Deine Augen sehen jetzt wieder so rot aus, Edmund," sagte Madame d'Ora plötzlich,„und Du zwinkerst so viel damit. Fehlt Dir etwas?" Hall senkte den Kopf und rieb sich die Augen, ließ aber die Frage unbeantwortet. Madame d'Ora betrachtete ihn, ihre Fürsorge war wach geworden. „Du hast auch kahle Stellen im Haar, an der einen Seite, was ist das, Edmund? Du bist doch nicht krank?" „Ach, ich habe einige Versuche mit chemischem Licht gemacht, die haben meine Augen angegriffen," murmelte Hall verdrießlich.„Aber wir wollen doch jetzt nicht von meinem Geschäft reden!" „Du verbrennst Dich schließlich noch einmal selber," meinte Leontine in scheltendem Ton, wenn auch erleichtert, und dann sprachen sie von anderen Sachen. Als sie gegessen hatten, fuhren sie weiter. Hall zeigte Leontine den märchenhaften Bau an der Ecke des Broadway und der dreiundzwanzigsten Straße, der sie so stark ergriff, daß sie sich im Automobil aufrichtete und eine Herausforde- rung zu der Zinne des Haufes hinaufschmctterte. Hall lächelte vergnügt. „Mein Schatz," sagte er,„Du hast wieder einmal recht. Aber ich sage Dir, um diese Ecke herumzukreuzen. das isi so ungefähr die größte Situation, in die ein Sterblicher gelangen kann. Mit Dir in meinem Flieger bin ich ein glücklicher Mann." Hall schlug den Griff nieder und sie bogen mit einer langen Kurve in die fünfte Avenue ein, er bückte sich und stellte im Laufe einer Minute die Maschine auf die volle Kraft, stieß einen Trompetenstoß aus, und nun schleppten sie eine Wolke von Staub mit sich, während sie mit Lokomotiv- geschwindigkeit über den Asphalt dahinsausten, an einer Reihe von Millionärhäusern vorüber. Der Chauffeur hinter ihm rief um Hülfe, und Madame d'Ora hielt unter lautem Ge- schrei ihren Hut fest. In ebenso kurzer Zeit mäßigte Edmund Hall die Fahrt wieder. Er nickte Leontine zu und stieß ein zufriedenes Grunzen aus. Einen Augenblick später tauchte ein sausendes Motorrad mit einem Polizisten neben ihnen auf, und Hall mußte mit Namen und Adresse herausrücken. Er würde in Strafe genommen werden. Sic fuhren nun lange Zeit in anständigem Tempo weiter, nach der Promenade am Hudson hinaus, vorüber an Grants Mausoleum und ganz hinaus nach den Vorstädten. Auf dem Rückwege ließen sie den Chauffeur das Rad über- nehmen und saßen selbst hinten und unterhielten sich. Sie fuhren durch den Zcntralpark, und hier stiegen sie aus und spazierten ein wenig in den Gängen umher. Es war ein heißer Maientag. Die Felsklippen, die aus dem Grün des ParkeS aufragten, von der Eiszeit gefurcht und geschliffen wie die Schären in Norwegen, fimmerten an den Steinflächen von warmer Luft und prangten in dem Schmuck bunter Flechten und Kräuter. Die Bäume des Parkes standen im lichtesten Grün, und die blühenden Sträncher wölbten sich ini Sonnenschein wie frcihängende Nebel in Rosenrot und Gel?.{Tinc Schar iun.ger Schusniädchen spielten Blindekuh auf einem der asphaltierten Steige. Einige hatten sich ringsumher verkrochen, hinter die Rücklehne einer Bank und unter die Büsche, wo sie zwitscherten und lachten wie Vögel, andere, verschmitztere, schlichen aus den Zehenspitzen um die Blindekuh herum. Es war ein Gezwitscher von jungen Mädehei. stimmen. Aber die mit der Binde vor den Augen tastete sich still vorwärts. Das braune, unbedeckte Haar schimmerte in der Sonne, ihr roter Mund unter der Binde stand halb offen. Es war so ein zartes kleinen Mädchen mit feinen Beinen; die Bluse und das Kleid trennten sich selbst- verständlich in der Mitte des langen Körpers, der kaum ausgewachsen war. Sie schwankte mit eigenartig suchenden Bewegungen unter einen blühenden Baum, befühlte wie im Traum die Blütendolden, die herabhingen, und steuerte dann vornübergebeugt und seitwärts wieder aus den Steig hinaus. Jemand berührte sie, sie zitterte. „Ich will Tich schon finden," sagte sie mit einer rauhen Stimme, die im Uebergang begriffen war. „Still!" flüsterte Hall Leontine zu, und sie blieben stehen, ohne sich zu rühren. Und die Blindekuh kam ganz nahe heran, streckte die schmächtige Hand suchend aus und griff wie mit einer Liebkosung in die Lust, gerade vor ihm. Tann legte sie ihre Hand gegen seine Seite, gerade aus das braune Haar herab, er spürte den Dust des jungen Mädchens und der Blumen und des Grases. Ein Eichhörnchen näherte sich auf dem Rasen, setzte sich auf die Hinterbeine und sah sich mit lebhaft bebendem Maul um. Endlich brach die Mädchenschar in ein lautes Geheul vus, das das Eichhörnchen wie einen Ball in den nächsten Baum hinauftrieb und die Blindekuh mißtrauisch machte. Sie hob die Binde und sah Hall mit feuchten, warmen Augen an. nixte, um sich zu entschuldigen. Hall und Leontine gingen. Sie grub ihre Fingerspitzen in seinen Oberarm hinein. „Du Glücklicher!" murmelte sie. Und mit noch leiserer Stimine:„Aber Du hast gar nicht an mein Lied von dem blinden Mädchen gedacht, nicht einen Augenblick Edmund!" Sie gingen eine Weile schweigend dahin. Nachdem sie vergebens darauf gewartet hatte, daß er etwas sagen sollte, ließ sie eine Bemerkung fallen, die unliebenswürdig und gemein war. Aber Hall schlug sie nicht, er blieb nur stehen und sah sie mit einem Ausdruck an, der um einen Grad wilder war als der ihre. Er konnte nicht verstinrmt sein, denn der Rausch des Frichlings, der entschlossen und grausam macht, beherrschte sie beide. Sie standen einen Augenblick still und sahen sich an, sie mit einem wild mystischen Blick, er ohne zu weichen und mit heftig verzogenen Brauen. Dann gingen sie wieder, und Leontine stimmte ein Paar schmetternde Lieder an. „Wollen wir zu den Tieren gehen?" fragte Hall. ,,JaI" sang Leontine und wiegte sich in den Hüften. während sie ging. Ter zoologische Garten lag an der anderen Seite des Parks, sie sprangen in das Automobil und sichren dahin. (Fortsetzung folgt.) (Nnchdnlit verbotin.) Die)Zugenpflege im Alinter. Von Dr. med. Karl Weber. TaS Aug« ist ein Produkt des Lichtes, und es ist bei der Er- fütlimg seiner Aufgaben auf die Mitwirkung des Lichtes ange- wiesen. Je besser die Beleuchtung ist, desto weniger anstrengend ist für den Sehapparat die Arbeit, die er zu leisten hat. Schon dieser Umstand zeigt, daß sich das Auge im Winter, wo wir das Tageslicht diele Stunden hindurch durch die künstliche Beleuchtung ersetzen müssen, unter ungünstigeren Verhältnissen befindet als im Sommer. Denn auch die beste künstliche Beleuchtung steht nicht auf völlig gleicher Stufe mit dem natürlichen Tageslicht. Allein dies ist nicht der einzige Uebelftand, unter dem das Auge in der lichtarmen Jahreszeit zn leiden hat. Vielmehr tritt noch eine Reihe anderer Momente hinzu, die in diesem Jahresabschnitt das Sehorgan mehr oder minder beeinträchtigen, und darum muß im Winter auf die Augenpflcge um so mehr Sorgfakt verwendet werden. Bereits die Heizung vermag die Augen zu schädigen. Je höher wir die Temperatur eines Zimmers steigern, desto mehr trocknet die warme Luft die Wände und das Mobiliar aus. Bei längerer An- dauer einer hohen Temperatur gaben sie überhaupt keine Fenchtig- keit mehr an die Luft ab. Nun hat aber die Lust das Bestreben, tich mit Feuchtigkeit zu sättigen, und da sie dem Zimmer selbst und den Ausstattungsstücken keine Feuchttgkeit mehr entreißen kann. fo entzieht sie sie dem Körper derjenigen, welche sich in«m über- heizten Nautn aushalstn. Am leichtesten wird ihr diese Wasser- Entziehung an den fruchten Schleimhauten des Körpers. Selbst dann, wenn die Luft nicht von Staub oder Verbrennungsstoffen des Ofens verunreiingt ist, fühlen wir doch bei anhaltendem Verweilen in einem überheizten Raum ein Kratzen an der Zungenwurzel, am weichen Gaumen und am Schlünde, weil diese Teile durch die ein, geatmete Luft ausgetrocknet werden. In derselben Weise betätigt sich aber die Lust auch am Auge. Der Augapfel und die Innenseiten der Augenlider werden beständig von einer wässerigen Flüssigkeit umspült. Unter dem Einfluß der hochtempericrten, trocknen Luft verdunstet diese Flüssileit in stärkerem Grade, als sie ersetzt wird, und es stellt sich nun am Auge ein brennendes, beißen- des Gefühl ein, weil jetzt die feuchte Schutzdecke nicht mehr im ge- nügenden Maße vorhanden ist. Dauert diese Austrocknung geraume Zeit fort, so kann es zu lästigen Entzündungen der Augenlider kommen. Wer daher durch seinen Beruf gezwungen ist, sich in einem Bureau oder Kontor, wo man wegen des Stillsitzens bc- sonders zu einer Uckberheizung geneigt ist, den ganzen Tag über aufzuhalten, der soll auch schon aus Rücksicht auf seine Augen für eine zeitiocilige Feuchtigkeitszufuhr Sorge tragen. Das erreicht man an, einfachsten durch gelegentliches Oeffnen des Fensters. Ist diese» aus irgend einem Grunde nicht angängig, so erfüllt ein mit Wasser gefüllter Napf, der in oder auf den Ofen gesetzt wird, den- selben Zweck. Das verdampfende Wasser füllt die Luft mit Feuchtig- keit an. Wenn wir im Winter das geheizte Zimmer verlassen, so hüllen wir dm größten Teil des Körpers durch den Mantel oder Heber- zieher gegen die Außentemperatur fürsorglich ein. Nur da-Z Gesicht und mit ihm die Augen find der Kälte schutzlos preisgegeben. Und doch sind gerade die Augen gegen jähe Temperatuvwechsel recht empftndl d, und zwar dann um so mehr, wenn sie vorher diele Stunden hindurch angestrengt wurden. Sie sind dann infolge der Heizung, der Erwärmung des Kopfes durcki die nahe künstliche Lichtquelle und die Vorbeugung des Kopfes während der Arbeit viel- fach überhitzt. Daher soll man nach Beendigung der Beschäftigungen, die, wie fortgefetztes Sckreiben, Lesen, Nähen und Sticken, die Augen stärker in Anspruch nehmen, nicht sogleich in die kalte Außcnluft hinausgehen, sondern seinen Augen erst«ine kleine Erholungspause gönnen, damit ihre übermäßig« Erhitzung schwindet und der lieber- gang in die medrige Temperatur der Straße weniger schroff ist. Das Sehen beim Lampenlicht bedeutet für das Auge immer eine größere Anstrengung als das Sehen beim Tageslicht. Denn das Lampenlicht enthalt in erster Linie gelbe und rote Strahlen, die da- Auge erheblich reizen. Dazu bringt es das künstliche Licht unwillkürlich mit sich, daß wir uns, um besser zu sehen, tiefer auf unsere Arbeit herckbbeugen. Tie Folge dieser vorgebeugten Haltung ist Blulandrcn'g nach dem Kops und weiterhin eme Blutstauung, durch die ein beengendes Druckgefühl in den Augen hervorgerufen wird. Endlich wird durch das andauernde Sehen in der Nähe das Auge stark ermüdet, da hierfür die Kristallinse entsprechend ein» gestellt werden muß. Deshabb ist es um so nötiger, dem Auge die größtmöglichste Erleichterung zu schassen. Eine austechte Haltung bei der Arbeit ist das beste Mittel, um den Blutandrang nach dem Kopse zu verhindern. Wer sie beständig nicht einzuhalten vermag, der soll sich wenigstens von Zeit zu Zeit austichten, um die Blut- stauung zu unterbrechen, silestatten es die Umstände, so find ferner alle beengenden Kleidungsstücke, wie hohe Halskragen und Korsetts bei der Arbeit zu vermeiden, da sie bei vorgebeugter Haltung den Tlutabsluß vom Kopfe erschweren. Ter Ucbermüdung des Auges infolge des lang stündigen Naheschens kann man dadurch entgegen- wirken, daß man in Zwischenpausen den Blick in die Ferne richtet. In dieser Stellung ruht das Auge aus, so daß es gestärkt an die Fortsetzung der Arbeit des Nahesehens geht. Auch das Arbeitsmaterial kann dazu beitragen, dem Auge Schädigungen zuzufügen. Gewisse Papiersorten haben einen hellen Glanz, durch den das Auge, wenn die Strahlen der Lampe auf die Papierfläche fallen, geblendet wird. Für den, der bei künstlicher Beleuchtung viel schreibt, ist daher glanzloses Papier empfehlcns- wert. Auch zu Zeitschriften wird häufig derartig glänzendes Papier verwendet. Beim Lesen kann man zwar die Blendung dadurch ver» meiden, daß man di« Blätter etwas schräg hält. Dann wird aber wieder der Druck leicht unleserlich. Personen mit geschwächter Seh» kraft tun daher am besten, Druckschriften mit glänzendem Papier des Abends nicht zu lesen. Bei den weiblichen Handarbeiten, deren Hauptsaison ja im Winter fällt, können die Augen durch das Ar- beitsmaterial nach verschiedenen Richtungen hin überanstrengt werden. So wird dnrch das künstliche Licht die Farberrunterscheidung erschwert. Orangrot. grün und hellblau werden«inander außer- ordentlich ähnlich, während zinnoberrot in dunkelbraun verwandelt wird, lim bei der Buntsttckerei die Farben dvch noch zu erkennen. muß also die ganze Sehschärfe ausgeioendet werden. Buntstickereien sollen daher bei Lampenlicht höchstens nur kurze Zeit ausgeführt werden. Besser aber ist es noch, man verschiebt sie auf die Stunden, in denen die Tc!,?esbc leuchtung eine leichte Unterscheidung ermöglicht. Ebenso schwächt die Feinheit der Arbeiten das Sehvermögen. Stricken oder das Häkeln mit Wolle, wo es sich nur um grobe Maschen handelt, kommen nicht in Betracht. Schon größere Anforderungen stellen an das Auge die Dttgnordisenhäkelei, die FKetguipure und das seine Swpfen. Noch beschwerlicher werden indessen dem Auge bei Lampen- licht das Namensticken, der Plattstich und die ganze feine Weiß- näheret. Vollends verderblich aber sind die PetttpointS, die echte Spitzeustickerei und die seine Perlstickerei. In dieser Abstufung bietet sich ein Maßstab dar zur Beurteilung darüber, welcher Hand- arbeiten man sich in den Abendstunden zu enthalten hat und wie lange man sich mit den«rlaubken beschäftigen darf, ohne die Schärfe des Augenlichtes zu gefährden. Die Lichtquelle, die wir benutzen, mutz vor allen Dingen ge- nügcnd Helligkeit verbreiten. Im aligemeinen tut sie das dann, wenn sie, ein drittel Meter von uns entfernt, alle Einzelheiton des Arbeitsfeldes bequem erkennen lätzt. Sie zur besseren Beleuchtung näher heranzurücken, ist nicht ratsam, da sich dann die Wnrmc.aus- strahlin ig störend fühlbar macht. Zur Lanipenglocke ist nur die Forin geeignet, welche die Hauptmenge des Lichtes nach unten, also auf den Arbeitsplatz, wirst. Daher find die trichterförmigen Glocken den Kugeln, Schalen und Tulpen im bedingt vorzuziehen. Ferner sollen die Glocken gleichmäßig mattiert sein. Wechseln mattierte und unmattierte Stellen auf der Glocke miteinanider ab, wie es namentlich die Kugeln der sogenannt an Salonlampen zeigen, so sällt durch die unaSgcblendeten Stellen ein so grelles Licht, datz das Auge darunter leidet. Bai hoch angebrachten Lampen ist es unver- weidlich, datz das Auge hin und wieder in die chsene Flamme blickt. Hier erweisen sich die überfangencn Augenschutzar, die mit der engeren Leftnung auf den Rand des Brenners aufgesetzt werden, als recht nützlick. Sie miübetn die Grellheit der Flamme und ver- ursacken doch keinen übergrotzen Lichtverlust. Bei Lampenschirmen ist die.Hauptsache die, datz der Stoff, aus dem sie hergestellt sind. gieichmätzig stark ist. Tie Farbe tut nicht viel zur Sache. Ist da- gegen der Stoff ungleichmatzig stark, so datz, wie bei den durch- brochenen Schirmen, eichge Stellen hell und andere dunkel erscheineir, so beschäftigt und reizt die verschiedenartige Lichtstärke das Auge. Lampenschirme, deren unterer Rand ausgebogt ist, werfen vor- springende Schatten auf die Arbeitsfläche. Dieser Uebelstand wird vermieden, wenn man Lampenschirme mir geradem Rand benutzt. Endlich kann auch das Lampengeftell zur Reizung der Augen bei- tragen. Sind Bassineinfasjung und Futz der Lampe aus Bronze oder fönst aus glänzendem Metall angefertigt, so werfen sie die auffallenden Strahlen als sogenanntes falsches Licht zurück. Da aber die Augen schon von den Strahlen der Flamme unmittelbar getroffen werden, so stellt das falsche Licht, das die Augen gleich- zeitig trifft, für diese eine unliebsame Störung dar. Besonders bei den Arbeitslampen sollen deshalb Bassineinfassung und Futz stets nur mattiert sein. kleines Feuilleton. Pfiauzenlebc» im Winter. Winterlich« Spaziergänge durch Wald und Feld lasien nur dem Kundigen ein Pflanzeuleben verspüren, für das gewöhnlich« Auge scheinen die Pflanzen zu schlummern. Entlaub r stehen Strauch und Baum da, verdorrt und vertrocknet schaut's am Boden ans und die immergrünen, noch an das Leben gemahnenden«träncher und Bäume blicken düster und schweigsam drein. Auch sie scheinen der Ruhe zu pflegen. Für den Wissenden ist diese absolute Ruhe nur ein Schein, ihm offenbart sich das Leben auch im Winter in mannigfaltig wechselnder Gestalt. Da ist in, munter plätschernden Oueilenbache die Brunnenkreffe, der WasierehrenpreiS, die Bnchbunge und andere im Winter wie im Sommer sprossende Pflanze», für die zum Teil auch prosaische Ratnren Jntereffe haben, da manche dieser Wintersprosier als Salate genießbar sind. Nicht weit von diesem Ouellengebiete stoßen wir auf eine Kolonie Torfmoose, von denen viele ihre „Blumengebilde" eben«nfalten. Aber auch bei den nicht fruchtenden Moosen(Pflanzen ohne .Blmnengebilde") vermögen wir Winterarbeit zu entdecken, denn auch sie bauen im Winter neue Zellen auf. Und bei solchen Pflanzen, die ihre Mooslapjel bereits ausgebildet haben, reifen die Sporen in den Kapseln heran. Zahlreiche Flechten, die gleichfalls im Quellen- gebiete angetroffen werden, vegetieren auch im Winter. Durch einen dem Boden angepaßten, recht oft dachziegelartig angeordneten Wuchs ihres Körpers, weiß die Flechte die von der Erde ausgehende Wärme vorteilhaft aufzufangen, und die zwffchen der Erdoberfläche und der Pflanze bestehenden Räume stellen dauernd feuchte Kammern dar. aus denen die Pflanzen ständig Wasserdämpfe entnehmen können. Die auf den Rinden der Bäume, auf morschem Holze, auf Rainen und an anderen Stelleu vorkommenden Flechten, die in keiner anderen Jahreszeit dem Auge so sehr auffallen als gerade im Wimer, sind um diese Zeit lebhast tätig, an dem in so vielen Farbentönen prangenden formenreichen Gewände zu bauen. Wie bei manchen Moosen, so reifen auch bei vielen Flechten die kleinen niedlichen Fruchtbehälter mir im Winter heran. Lockern wir unter dem Schnee die Laichdecke eines Buchenwaldes, so verrät ein widriger, etwa an Knoblauch erinnernder Geruch, daß hier Pilze in eifriger Winterarbeit tätig sind, und bei genauem Hinschauen bemerken wir alsbald ein üppiges Gewebe von Pilzfaden. das gerade beschäftigt ist, die reichlich zur Verfügung stehenden organischen Stoffe sich nutzbar zu machen. Auch manche Farne, so das Engelsüß. die Mauerraute und der brannstielige Streifenfarn stellen im Winter keineswegs ihre Begetation vollständig ein. Selbst höhere Pflanzen verraten oft eine recht lebhafte Winter» arbeit; so wächst die Frucht der Herbstzeitlose über Winter heran und die Christrose treibt ihre winterlichen Blumen hervor, lind unsere immergrünen Gewächse? Auch sie verharren nicht vollständig untätig; im Innern ihres Zellenkörpers findet«in reger Stoff- Wechsel statt, der die grünen Pflanzcuteile widerstandsfähiger gegen die Kälte macht, und die Koniferen arbeiten an der Reife ihrer Samen. Selbst die blattlosen Laubhölzer zeigen mir scheinbar kein Leben, allerdings bleibt cmch diese Arbeit dem Auge verborgen, aber der Chemiker vermag sie nachzuweisen. Die bei Winteranfang aufgespeicherte Stärke wird in Zucker umgewandelt, wodurch die Pflanze in den Stand gesetzt wird, tiefere Temperaturen besser zu ertragen. Eine recht eigenartige Winterarbeit in der Pflanzenwelt zeige« einige Pflanzen, die sogenannte Wintersprossen treiben, welche be- sonders für die Ueberwinterung eingerichtet find und aus dene» die Pflanze im Frühjahr neu ersteht. Um diese Wintersprossen an geschützter Stelle unterzubringen, treibt die auf Felsen tvachsende Hainmire lange Wanderschosie, welche so lang an der Felswand herabwandern, bis eine geeignete Felsspalte oder gar die Talsohle erreicht ist. wo nun der kurzgedrwlgeue Winterschoß ausgebildet wird. Die Gcldneflel. welche sowohl auftechtstehende, als am Bode» hinkriechende Zweige bildet, färbt die Blätter der kriechende« Zweige auf der Unterseite rot. auf der Oberfeite weiß. Die rote Farbe nimmt die Wärmestrahlen deS Boden leichter ans, und an der Oberseite werden die Wärniestrahlen durch die lveiße Farbe festgehalten. Bei manchen anderen Pflanzen läßt sich ähnliches beobachten. Auch da, wo eigentliche Wintersproffe« nicht gebildet werden, finden wir Triebe, die durch Zufall dem Boden angedrückt wachsen, in voller Lebensfrische. So ist das Leben in der Pflanzenwelt im Winter in maimigfacher Forin anzutreffen, man muß es nur finden wollen. Theater. Kammerspiele des Deutschen Theaters: ,.Da» Friedensfe st", eine Familienkatastrophe in drei Akten vo» Gerhart Hauptmann. Die Aufführung rief die Erinnc» rung an den jungen Hauptmann wach, der Schlag aus Schlag seine bedeutendsten Werke schuf und eine ganz neue Etappe dramatischer Kunst in Teutschland anzukünden schien. Sein Erstling.„Bor Sonnenaufgang", hatte einen weiteren Hintergrund; da war ein individuelles Schicksal durch die Person des Helden in Beziehung zu dem großen Kamps der Gegenwart gebracht,— eine soziale Tendenz, die dann nur noch einmal bei Hauptmann in dem machtvoll erschütternden Weberdrama wiederkehrt.„Das Friedensfejt" enttäuschte damals etwas durch die Enge des abgesteckten Kreises, den vloß privaten Charakter des Konfliktes, die scheinbar zwecklos breite Ausmalung qualvoller Zänkereien; es schien ein Experiment nach dem Schema eines dogmatischen Raturalismus, der die Hand» lung durch Schilderung des Milieus ersetzen wollte. Die Rück- schau ändert das Bild. Nach der Ernüchterung, die die dramatisch« Produktion der letzten Dutzend Jahre erzeugt hat, staunt man ia dem, was damals, weil es hinter den hochgespannte» Wünschen zurückblieb, wie Armut aussah, den Reichtum an. Ein Bühnen- stück, das zeigte auch die Aufsührung der Kammerspiele wieder, ist diese Familienkatastrophe nicht— nicht etwa darum, weil dem Drama die Entwickelung fehlt, sondern weil das Tempo der Ent» Wickelung für die besonderen Bedürfnisse der Bühne zu langsam abgeniepen ist. Der Zuschauer im Theater wird viel eher deS Vcrweilens überdrüssig, als der Leser; das leise Fortrücken der Uebcrgänge weckt bei ihm leicht das peinigende Gefühl des Still» stands, hier um so mehr, als die düster verzweifelte, ganz selten nur von einem Sonnenstrahl durchbrochene Stimmung wie eine einzige graue Nebelwand über den Vorgängen lagert. Immer von neuem entsacht sich der Streit und die Klage. Aber mit wie wunderbarer Kunst hat es der Dichter verstanden, den Eindruck eines unentrinnbaren Verhängnisses hervorzurufen, Typisch-Schick- saldolles in den Trivialitäten eine» anscheinend so gewöhnlichen Familienzwistes zu enthüllen. Sicher fügt sich Glied an Glied, und bis in ihre Tiefen enthüllen sich in lückenlosem Fortgange die Charaktere. Die Brüche, die dem Drama im Rampenlichte an» haften, verschwinden bei der Lektüre; da erscheint alles in Fluh und in Bewegung. Und was von Einschränkungen bleibt, das! wurzelt in der Natur des zu behandelnden Problems. Eine Familie von Neurasthenikcrn versammelt sich nach langer Trennung unter dem Weihnachtsbaum. Wilhelm, der jüngere Sohn, der einst in furchtbarer Empörung die Hand gegen den eigenen Pater erhoben, lernte draußen in der Welt ein frohes, glückliches Mädchen kennen, von deren reiner Liebe er die Genesung scineS wild zerrissenen Gemüts erhofft. Tie Mutter der Bcr- lobten, wie diese gütig und gerne an die Güte der anderen glaubend, will ihn mit den Sein igen versöhnen. Sie hat nie die Ver-, zerrungcn krankhafter Gereiztheit in einem aufgezwungenen Bei» sammcnsein erfahren; guter Wille, meint sie, vermöge alles. Schlimmes ahnend folgt der Sohn ihren Bitten. Kühl ist der Empfang, hinter jedem Wort lauert bersteckte Bitternis. Nur einen Augenblick flackert ein freudig warmer Schimmer auf, als Wilhelm sich dem Bater zu Füßen wirft und der kranke jähzornige alte Mann ihn in seine Arme schließt. Ueberschwcnglich ist die Dank» barkeit des Sohnes; auch in dem Bruder, dem Zyniker Robert, in Mutter und Schwester scheint dies Beispiel plötzlich aufquellender .Milde Wunder zu wirken. Doch der schöne Traum zerstiebt, noch während die Christbaumkcrzen leuchten. Lauter Zank, von Robert angefacht, übertönt das Weihnachtslied; in dem Alten bricht furcht» bar der verborgene Verfolgungswahnsinn aus. Die ausgezeichnet durchgeführte Kontrastierung der beiden Brüder gipfelt in den Szenen des Schlntzattes, wo Robert höhnend deS Bruders höchste Sehnsucht vernichten will. ES sei ein Frevel, wenn Wilhelm, der Erb« des kraulen väterlichen Blutes, die Hand nach einem Wesen Sie Ida ausstrecke. Er werde sie verderben, im Bund mit ihr das Elend der elterlichen Ehe wiederholen. Die früher mühsam be- kämpfte Angst vor der Zukunft wächst riesengroß in Wilhelms Brust. Er will entsagen und sterben. Aber die felsenfeste Zuversicht des Mädchens, ihr Heller, jugendlicher Glaube an die Macht der Liebe zwingt ihn wieder zu ihr zurück, verscheucht die Schreck- gcspenster. Ein leiser Hoffnungsschcin liegt über diesen Schluß. Vielleicht, daß die Liebe nicht nur im Augenblicke recht behält. Ganz vorzüglich war K a h ß l e r in der Figur des von ent- gegengesctztcn Gefühlen hin und her geschleuderten Wilhelm, Reinhardt in der des alten Scholz. Else Heims als Ida fand, namentlich im letzten Akte, Töne rührender Innigkeit. Tilla Durieux, welche die hysterische Schwester spielte, bot ein Bild von geradezu porträthafter Genauigkeit, das aber, ebenso wie Hedwig Wangels bucklige Frau Scholz, sehr wohl einige Milderung im Grad des Häßlichen vertragen haben würde. Paul BienSfeldt, so Anerkennenswertes er in dem durch seine Mitt l gezogenen Rahmen leistete, hatte nicht das rechte Gesicht für diese Rolle. Die Weichheit der Züge, hier und da auch eine gewisse Einförmigkeit des Organs, beeinträchtigte die Illusion.— dt. Leffing-Theater:„Wenn w i r Toten er- wache n". Es war der Schlußstein des Ibsen scheu Lebenswerks. Seitdem schwieg der Schwan von Skien. Bis er zu Christiania schaffensmüde ins Grab sank. Uns ergreift die herbe Tragik, die vus diesem„Epilog" ertönt. Der große Gerichtstag des Künstlers Über sich selbst. Ueber seine schöpferische Vergangenheit. Einsam ists uni den Dichter geworden, so einsam, daß man„die Stille hören" kann. Nur Schatten aus der Jugendzeit tauchen empor. Mystische, schwarze, nächtige Jrrbilder. Die Schönheit ging dahin. Und die Glut der Leidenschaft verflog. Vielleicht ist das Künstler- tum nur Sklaverei. Und das höchste Kunstwerk wäre doch das Leben selber gewesen. Nun ists zu spät, nun ists vorbei. Für immer. Wer sein Menschtum auskosten will, muß ins Leben hinabsteigen. Der Geist des Künstlers sucht es auf sonnigen Gipfeln. Dieser promctheische Höhenflug führt durch Steinschläge Und Lawinenstürze. Jäh wie die Lichthelle da oben hereinbricht, muß auch das Ende sein.... Nun sahen wir dies Mysterium wieder. Es hat nur das Haus gewechselt. Der Geist schauspiele- irischer Höhenkunst ist ihm treu geblieben. Zum wenigsten in dem, was Albert B a s s e r m a n n als Professor Rubek und Luise D u m o n t als Irene zu sagen und künstlerisch zu bedeuten haben. Die Melodie klang feierlich, ergreifend. Ida W ü st gab die Frau Maja. Ihre Lebcnsbejahung schwirrt wie ein schmetternder Ton in dick dumpfe Mollstimmung hinein. Beinah etwas soubrcttenhaft hie und da, zumal im zweiten und dritten Akt. Wie ein allzu kecker Seitensprung über die Sphäre Jbsenscher Dramatik hinweg. Ob der Dichter wohl in allem und jedem eingewilligt hätte? Ulfheim, den„Bären", verkörperte H a n S M a r r. Im Jargon des un- geschlachten„Naturburschen" war er allerdings verständlich. End- ltch noch eins, was die Regie angeht: die übliche Theaterdonner- »naschinc paßt verzweifelt schlecht zum dumpfpolterndcn Lawinen- fturz. Die Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt langweilte — weil sie zu lang war. e. lc. Astronomisches. Die Meteore des Januar. Das klare Winterwcttcr, das seit einiger Zeit mit verhältnismäßig großer Beständigkeit herrscht, gibt die Hoffnung, daß im Monat Januar dieses Jahres 'eine Himmelserscheinung, die bisher zu wenig berücksichtigt worden ist, eine größere Zahl aufmerksamer Beobachter finden wird, näm- lich das Austreten von Meteoren. Der Januar ist früher als ein Monat bekannt gewesen, in dem vergleichsweise sehr spärliche Sternschnuppen erscheinen. Etwa mit der Wende des Jahrhunderts ist das anders geworden, so daß vermutet werden muß, es seien während der letzten Jahre neue Mctcorschwärme in den Bereich der jErdbahn gelangt, die gerade im Januar ihre größte Erdnähe er- reichen. Gerade in der ersten Januarwoche sind gelegentlich Metcorfälle von einer Stärke beobachtet worden, die den berühmten Tränen des heiligen Laurentius vom 10. August an Fülle nichts nachgegeben haben. Das Schauspiel ist dadurch noch prächtiger und auch für die Wissenschaft interessanter, daß dabei einzelne Meteore von besonders großer Helligkeit und langer Dauer der Sichtbarkeit äufzutreten pflegen. Man wird nun wohl bald erfahren, was die Astronomie in diesem Jahr zur Erforschung dieser noch wenig be- kannten Mctcorschwärme getan hat. In vielen Teilen von Nord- und Mitteleuropa ist durch die Klarheit der Luft die Gelegenheit zur Beobachtung sicher eine recht günstige gewesen, während ondercrseits die Helligkeit des Mondlichts sich störend, bemerkbar gemacht haben dürfte. Nach ihrer Herkunft aus den Sternbildern des Bootes und des Quadranten werden diese Sternschnuppen als Bootiden und Quadrantidcn bezeichnet. Der Himmclspunkt» von dem sie ausgehen, r.t indes noch nicht hinreichend bekannt, so daß jede zuverlässige Bestimmung der Bahn eines dieser Meteore von .Wert ist. Der beste Kenner und eifrigste Erforscher der Meteore ist gegenwärtig ohne Zweifel der englische Astronom Denning, der wegen seiner Leistungen auf diesem Gebiet auch bereits mehrfach hohe wissenschaftliche Auszeichnungen erfahren hat. Dieser Ge- kehrte fordert auch diesmal in mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften zur Mitteilung von Beobachtungen der Januarmeteore auf.—> Humoristisches. Das neue Parlament. Was er erträumt in mehr als dreißig Jahren, Zur Wahrheit wird's dem liberalen Mann; Die Karre, die so lang' im Dreck gefahren, Im Autotcmpo stürmt sie jetzt voran. Die„Freiheit, die ich meine" wird geschmettert, Nicht länger leisten wir auf sie Verzicht, In tiefsten Grund und Boden wird gewettert Der schwarze Freiheitsgegner—*) Denn diesmal mit der Obrigkeit im Bunde Entleert man in die Urne das Papier; Liberalismus, Heil zu guter Stunde! Jetzt endlich, endlich, endlich siegen wir! Die große Stunde zeigt sich an mit Dröhnen, Der Weltgeist selber ist es, der da spricht Und uns verkünden will mit Donnertönen: »Ja, euch gehört die Zukunft—*)" — Südwest-Expreß. Stationsvorsteher Ballestrern: Das Züegle— in der Richtung— nach Aftika— fährt mit zwei Monat Verspätung I — Deutschtum in Posen.„Ich wünschte mir alle Jahre solchen Schulstreik I Mir haben die Gören für 20 Pf. Tagelohn die ganzen Zuckerrüben rausgemacht, habe nicht einen einzigen von den verdammt teuern Galiziern gebraucht. — Der verschenkte Kongo st aat. Leopold, der Sklaven- Händler: Behalten kann ich sie nicht, dazu frißt sie zu viel; kaufen tut sie keiner, dazu sind die Leute zu schlau.— Geliebtes Belgiervolk, bewund're meine Großmut, ich schenk' sie Dir! (»Lustige Blätter".) *) oder nicht! Notizen. � Paul I. Möbius ist im Alter von 64 Jahren in Leipzig gestorben. Von Hause aus Nervenarzt, versuchte er die Zusammenhänge von Genie und körperlicher Disposition zu erforschen, ivobei er das Hauptgewicht auf den Nachweis der Abweichungen vom Normalen legte. In dieser Art hat er die Pathologie Rousseaus, Goethes, Schopenhauers und Nietzsches behandelt. Die Einseitigkeit dieser Methode erivieS feine polemische Schrift:„über den physio- logischen Schwachsinn des Weibes". — Mädchen in Gymnasien. Von Ostern ab sollen an den Dresdener städtischen Gymnasien versuchsweise in alle Klassen von Untertertia aufwärts auch Mädchen als Schülerinnen aufgenommen werden. Ferner werden in den städtischen höheren Mädchenschulen auf drei Jahre berechnete Gymnasialturse ein- gerichtet. Die Devise der Republik. Die stanzösische Republik räumt mit den Ueberresten der religiösen Phrase, die sich durch alle Regierungssysteme hindurch erhalten hat, gründlich auf. Auf den Zwanzigfrankstücken stand bisher: visu protögo la France(Gott schütze Frankreich). In Zukunft kvird die republikanische Formel: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" als Randschrift geprägt werden, Sache des Proletariats wird es freilich erst sein, diese neue Formel zur Wahrheit werden zu lassen. — Ein Michelangelo-Museum soll in der Akademie zu Florenz errichtet werden. Es sollen darin möglichst alle dem italienischen Staate in Florenz gehörenden Werke des Meisters Auf- nähme finden. — Leonardos, des großen RcnaisiancekünstlerS,„Abend- m a h l", das sich im Kloster Santa Maria belle Grazie in Mailand befindet, ist trotz wiederholten entstellenden Restaurationen durch mancherlei Ungunst fortschreitenden! Verfalle preisgegeben. Eine Kommission von Gelehrten und Künstlern hat das Wandgemälde, das der experimentierende Leonardo in einer Mischung von Fresko- und Oeltechnik malte, neuerdings untersucht und Vorschläge ge- macht, um es neu an der Wand zu befestigen und zu reinigen. — ES könnte beiden geholfen werden. Der in englischen Ländern beliebte und auch auf dem Kontinent geschätzte Plumpudding, dies schwere Gebäck, ist neuerdings unter die hygienische Sonde genommen worden. Es hat sich herausgestellt, daß er Magciistörungen hervorruft, wenn er einem von andern gute» und'schweren Sachen überfüllten Magen aufgenötigt wird. Wegen seines großen Nährgehaltes eignet er sich dagegen vorzüglich für einen hungrigen Magen. Die Ehrenrettung des Plumpuddings wäre vollendet, wenn die Neichen weniger und die Armen mehr Plumpudding äßen. Wenn... löerantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcTo.. Berlin SW.