Mnlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 9. Sonnabend� den 12 Januar. 1907 lNachdmil verboten.) 9] JVIadame d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. „Ist das nicht der Grundstoff, der so schwierig und so kostspielig herzustellen ist?" fragte Evanston und sah die Maschine genau an. Es war eine Retorte mit vielen Röhren, vcrhunden mit einem elektrischen Motor und anderen Appa- raten, ein vollständiges Labyrinth von Mechanik. „Es war sehr teuer," sagte Hall leichthin.„Ein Pfund Radium kostete zwischen drei und vier Millionen Kronen. Mer es ist jetzt noch eine gefährliche Sache, es herzustellen." Evanston wiederholte die Zahl mit der Miene eines Mannes, dem man ein Unglück mitteilt.„Drei bis vier Millionen Kronen!" „Und Sie beschäftigen sich damit, es herzustellen," sagte er und fing an zu lachen: es schien ihn sehr zu amüsieren —„darf man fragen, wieviele Tons am Tage?" Hall sah flüchtig auf, rührte wieder mit der Tonpfeife im Seifcnwasser herum. „Ich könnte täglich für eine Million herstellen," sagte er. „?lber das würde meine Augen zu sehr angreifen— jetzt, glaube ich, ist es stark genug." Hall tat noch ein wenig Glyzerin ins Seifenwasscr und blies eine Blase, die er in die Luft warf, wo sie einen Augen- blick wie ein bunter Erdball hing, bis sie zerplatzte und einen Tropfen auf die Erde fallen ließ. Evanston sah ihn an, wie man einen Wahnsinnigen ansieht. „Herr Hall," stammelte er.„Ich habe zufällig ein wenig über die neuere Chemie und diesen Strahlenstoff Radilim gelesen, ich weiß ja selbstredend als gewöhnlicher Zeitungslescr auch, daß Sie viel damit experimentiert und neue Entdeckungen gemacht haben, aber es ist doch nicht mög- lich, daß Sie eine Methode erfunden haben, Radium in größeren Mengen herzustellen?" „Freilich," antwortete Hall.„Gerade das habe ich er- funden. Ich löste die Aufgabe, ehe ich nach Europa reiste." Jetzt wurde Madame d Ora aufmerksam. „Ja, aber das sind doch Millionen... Millionen!" rief Evanston mit schwerer Zunge aus,„das sind ja unge- heure Werte!" Evanston war ganz blaß und sah vor lauter Gemüts- betoegung wie ein Heiliger aus. Hall bemerkte das und lachte. „Sie bekommen ja einen Glorienschein um den Kopf bei dem bloßen Gedanken," sagte er scherzend.„Sie radieren, Herr Evanston. Natürlich, es steckt Geld in der Entdeckung. Ich bin übrigens noch nicht ganz fertig. Aber in der Hauptsache ist die Aufgabe gelöst." „Ist das wirklich wahr. Edmund?" fragte Madame d'Dra über das ganze Gesicht lächelnd. Hall nickte ihr zu, und sie schüttelte bewundernd den Kopf. „Dil bist tüchtig, Edmund," sagte sie.„Denk doch, daß Tu so etwas erfunden hast! Ich habe nichts darüber ge- lesen, Du, sonst würde ich Dir gratuliert haben." „Ich habe es nicht veröffentlicht," sagte Hall und strich sich mit einer müden Miene über die Augen.„Ich bitte Sie, nicht darüber zu reden," Herr Evanston." „I ch werde nicht davon reden," sagte Evanston mit schwerer Stimme und suchte Halls Augen mit den seinen, um sein Versprechen zu beteuern. Hall aber ha�te sich abgewendet und stand da, die Hände in den Taschen, ganz in seine eigenen Gedanken versunken. „Ja," rief er aus und bewegte sich plötzlich.„Das wird da? Ganze verändern. Wir können noch nicht sehen, was dadurch gewonnen, was dadurch überflüssig werden wird. Aber die Erde wird durchgehends eine andere Nuance er- halten, wird weißer werden." Hall machte eine große Seifenblase und stand da und betrachtete sie, während die Farben bei jedem unmerkbaren Lufthauch durcheinander wirbelten und sich kräuselten. Sie schwiegen alle. „Hast Du nicht ein wenig von dem sonderbaren Stoff, damit wir ihn sehen können?" fragte endlich Madame d'Ora mit dem liebevollen und verlegenen Klang, der bei ihr Ehr- furcht bedeutete. „Das ist zu gefährlich für die Augen," sagte Hall köpf- schüttelnd.„Ich habe selber noch gar nicht gewagt, viel herzustellen, weil mein Augenlicht dadurch gefährdet wurde. Ein paar Pfund davon würden Dich in einem Nu mit Blindheit schlagen." Evanston lachte lärmend, als prahle er in Halls Interesse. „Blind!" rief er.„Ach ja, mit sechs bis sieben Millionen vor sich! Tie man vor sich sehen kann!" „Hast Dli denn nicht ein ganz kleines Stück, das wir sehen können," bat Madame d'Ora. „Nein, ich habe nichts, Leontine," antwortete Hall. „Oder vielmehr, wir lassen das noch. Aber Du kannst Röntgenstrahlen zu sehen bekommen, wenn Du Lust hast. Das ist auch amüsant und etwas Äehnliches. Ich habe einen Apparat in Ordnung." „Ja. wir wollen unsere Skelette photographieren lassen," rief Madame d'Ora entzückt aus. „Ich habe keinen Photographie-Apparat," erklärte Hall, dies geht viel schneller und amüsanter vor sich. Wir können einander durch und durch sehen, uns bewegen und alles." Er ging hin und setzte den Apparat instand, schraubte die Leitungsdrähte an, und als das in Ordnung war, bat er, jemand möge in die Dunkelkammer gehen. Evanston weigerte sich, und Madame d Ora wollte selber sehen: da sah Hall die kleine Mirjam an, als sie aber weder ja noch nein sagte, ging er selbst in die Kammer hinein. Die anderen sahen nun abwechselnd in das Glas. Madame d'Ora zuerst, und sie schrie, schauderte und wunderte sich, denn sie sah eine nebelhafte Gestalt sich dadrinnen bewegen, init sichtbarem Rückgrat und allen Ripven. Das war Edmund Hall. Am sonderbarsten sah es aus, lvenn er sich dadrinnen um sich selbst drehte, so daß der Korb des Brustkastens, bald breit und bald zusammengedrückt war. Runde, schwarze Scheiben schienen frei■mißerhalb der gallertartigen Figur zu hängen, das waren die Knöpfe, eine llbr und ein Messer schwebten, wo die Taschen saßen. Aber der Kopf sah unheimlich aus mit den rollen Totenzügen und den entblößten Zähnen. Madame d'Ora wandte sich ab, es durchschaucrte sie eisig. Die beiden anderen sahen hinein, beide schweigend und ohne hinterher etwas zu sagen. Jetzt kani Edmund Hall heraus, lächelnd und lebend. Madame d'Ora sah ihm schnell in die Augen. „Ich sah Deine leeren Augenhöhlen," sagte sie ganz elend.„Ach wie sonderbar das ist! Jetzt Du. Mirjam!" Fräulein Karekin stand unschlüssig da, Evanston nickte ihr aber zu, und sie ging zögernd hinein. Sie sahen sie dadrinnen ganz regungslos stehen mit ihren kleinen Rippen, die feine Kurven bildeten und nicht viel dunkler waren, als der Schatten des jungen Körpers, Sie hatte einen Schädel von der allerreinsten, ovalen Form, und die Armknöchel waren ganz fehlerlos, die Hüften und die Beckenschale standen in einem so schönen und gebrechlichen Umriß wie eine Blume mit mystischen Blättern, eine Orchidee. „Können wir Sie denn nicht auch einmal sehen, Herr Evanston," bat Hall. Evanston aber weigerte sich, schüttelte ernsthaft den Kopf, als verböten seine religiösen Gefühle ihm das. So bat denn Hall Madame d'Ora, hineinzugehen. „Ich will Dein Herz sehen," meinte er.„Steh nur ganz still, das Gesicht mir zugewendet." Sie ging hinein und fuhr fort, dadrinnen laut zu reden. Hall sah, wie ihr breiter, schwcrgcbautcr Brustkasten sich ausweitete, bei jedem Atemzug sich krümmte wie ein vielbeiniges Tier, das geht, und drinnen, hinter dem lebendigen Käfig der Rippen erblickte er wie einen schwachen Schatten das arbeitende Herz. Es bewegte sich mit einer Heftigkeit, die nur mit dem typischen Todeskampf ver- glichen werden kann, es war ein recht großes Herz. In ein- zelncn günstigen Augenblicken unterschied Hall den Schatten des Blutstromes, der hindurchjagtc. „Laß Evanston jetzt sehen," rief Madame d Ora drinnen in der Kammer, die ihre Stimme fast erstickte. ES klang wie aus einem Sarg heraus. Nmnskon trat an LaZ MaS, wandte sich aber sofort mit «tnem Aufdruck von Zorn und Abscheu ab. Hall guckte schnell hinein und sah Madame d'Ora mit den beiden gespreizten Ekelctthänden vor der Nase ihres Totenschädels dastehen. Laut lachend kam sie heraus. Sie sehten sich nun ein wenig an die Fenster, rauchten und sahen in die Stadt hinab. Evanston machte einen Versuch, Madame d'Ora ganz zu ignorieren, und sie mochte ihn deshalb nicht einmal strafen. „Herr Edmund Hall," sagte Evanston mit einem Respekt, ter beinahe kriechend wirkte,„Ihr Name wird als einer der höchsten in der Wissenschaft dastehen. Ich kann die Tragweite ihrer genialen Untersuchungen nicht ermessen, aber es will mir scheinen, als seien sie von einer Bedeutung, die Sie als Mittelpunkt in die Geschichte stellt." /.Ich glaube, daß«ie recht haben," antwortete Hall. Diese Antwort verschloß Evanston nicht den Mund. „Was haben Sie nicht in Ihrer Macht, Herr Edmund Hall," fuhr er erregt fort,„was könnten Sie nicht aus- richten! Ich nehme nicht an, daß es Ihre Absicht ist, das Metall in so großen Quantitäten zu produziere», daß es ein Fallen der Preise im Gefolge hat... Das—— dies ist ja tausendmal besser, als das Goldmachen zu erfinden!" „Sobald ich ein Verfahren erfunden habe, das die Gc- fahr der Darstellung des Metalles und des Umganges mit demselben vermindert, beabsichtige ich das Ganze zu der- öffentlichen," sagte Hall. ».Das Ganze... das Geheimnis?" (Fortsetzung folgt.) ?us den Berliner Kunftlalone» Von E r n st Schur. Im Kunstsalon C a s s i r e r kommt ein jüngerer Künstler zum Wort, der bis dahin weniger bekannt war: M a x B e ck m a n». Er ist bei den Modernen in die Sckmle gegangen. Einige Gartenstücke erinnern an Monet, zwei„dänische Kinder" in bunten gelbroten An- zügen auf hellem Grund an Gauguin, ein Waldausschnitt an Leistikow, eine Kreuzigung an Korinth, und so könnte man noch manche Lehrmeister aufzählen. Das schadet aber schließlich nicht. weil man eine persönliche Art und Anschauung zu bemerken glaubt. Man braucht dabei nicht an die Krankenszencn zu denken, die Beck- mann mit Vorliebe malt, mit einer grotesken Verve, die etwas Gespenstisches hat. Beckmann sucht eine eigenartige Form und findet fie vorläufig bei den Verunstaltungen, bei Geisteskranken und Toten. Etwa? Eigentümlich-Tiftelu- des. Rechnendes hat die Genauigkeit, mit der er diese Tatsachen feststellt. Dazu stimmt auch vorzüglich die graue, monotone Farbe, die er solchen Szenen gibt; nian spürt hier den Einfluß von Münch, der auch aus den Gesichtern der Kranken neue Farben uud Linien gewinnen will. Zu einer großen Form ist diese besondere Anschauung gesteigert in den„Jünglingen am Meer", deren grüngraue Gestalten sich groß von dem grünweißen Meer abheben, ein Bild mit Gobelinwirkung. Beckmann hat nervöse Empfindung in seinem Pinsel. Wie fein, beinahe lyrisch find die Porträts gemalt, vor dunklem Grunde eine schmächtig aufwachsende Gestalt; farbig fein/ doch mit ganz sparsamer Verwendung der. Farbe. Dieses Hinstreben zu einer markanten Form findet man auch in den Köpfen, die auf wenige, krasse Farbenkontraste reduziert sind. DaS Beides merkt man: ent- fchiedeneS Hinstreben zu einer Eigenart und bereitwilliges Lernen und Aufnehmen guter Anregungen. Und danim wird man die weitere Entwickelung mit Interesse verfolgen. Bei Ulrich H ü b n e r, der gleichfalls der jüngeren Generation der Berliner Sezession angehört, überwiegt die Anregung. Er hat Manet. Monet, Liebcrmann zu oft und zu eingehend gesehen. Er kommt über ein talentiertes Schülertum nicht hinaus. Man sieht die hübsche, graue Front eines Landhauses mit grünen Türen, ein Ackcr- stück mit hübschen, braunen Tönen und heller, grauer Luftstimmung, ein geschmackvolles Stilleben und eine Herbstlandschaft, die wegen der Zusammensrellung von Braun und Grün in dem Laub der Bäume gut wirkt. Aber all das glaubt man schon einmal gesehen zu haben, es fehlt das Eigene. Beckmann benutzt den Jmpresfio- niSmuS, er dient ihm, er strebt über ihn hinaus, er will sich zur Sprache bringen, die Technik ist ihm Mittel, weil er loieder zu neuen Formen hinstrebt. Hübncr dagegen bescheidet sich mit dem Gegebenen und so gibt er eigentlich immer ein und dasselbe: Arbeiten eines fleißigen Schülers. Den Hauptanzichiiugspunkt der Ausstellung bildet die Kollektion bon Arbeiten des BildliauerS George Minne. Bei Minne ist die Form alles. Er hat eine äußerst zarte, subtile Behandlung dcS Materials. So ganz einfache Plastiken wie den„Schlafenden Mann", die„Knienden" kann man lange be- trachten und immer wieder erfreut die Feinheit im Technischen. Wie lebendig find diese Körper durchgebildet! Mit voller Lebenslvahrheit und so eindringlich, daß der Künstler zugleich mehr gab als den bloßen Körper; man spürt das Vorwalten der formalen Idee. Die Anlehnung an die primitiven Meister ist nicht Nachahmung, sondern Wcsenseigentümlichkeit. Mit dieser suchenden, zuerst nur ungeschickt erscheinenden Gestaltung drückt Minne sei» Verhältnis zu den Dingen aus. Und so sind seine armen, gedrückten Gestalten zugleich von einer Geistigkeit umhüllt, die Körper und Seele zu einer Einheit zusammenfaßt. Minne gibt keine großen Plastiken; er liebt die kleinen Bildwerke. Weil er da am besten seine Eigenart zeigen kann, das intensive Nachfühlen und Einempfinden und die Vertiefung des künstlerischen Eindrucks. ES scheint ihm� künstlerischer zu sein, im Kleinen groß zu wirken, als umgekehn, in großer Pose kleinlich zu sein. Es ist charakteristisch für ihn, daß er immer über die Grenze naturgetreuer Nachbildung soweit hinausgeht, bis er eine beinah symbolische Form gewonnen hat. Dann aber hält er zurück und diese Zurückhaltung gibt den feinen, vibrierend-lebendigen Eindruck. Wie viel Anmut und Schönheit liegt in dem kleinen Relief, das einen nackten Körper in einer Art Grotte zeigt, noch nicht losgelöst vom Stein. Durch die Reinheit der Form wirlt diese kleine Figur groß. Minne beobachtet den Moment wohl und hält ihn fest; er geht aber dann energisch darauf ans, diesem Skizzen- haften durch intiine Ausgestaltung, durch feste Prägung, durch breite Behandlung dauerndes Leben zu geben und dadurch säubert er den Eindruck von allem Zufälligen, Nebensächlichen. Der Kunstsalon Keller und Reiner bringt eine Kollektiv- auSstellung von Ludwig von H o f m a n n. die im ganzen gut gelungen ist. Sie zeigt den dekorativen Künstler, der m Deutsch- land eine besondere Stellung einnimmt, von seiner besten Serte. Der weiche und lebhafte Schwung der Linien, die warme Glut der Farben, all das ist mit kluger Hand und sicherer Enrpfiudnng zu- sammengebracht. Hofmann ist einer der wenigen, die instinktiv zum Dekorativen hinstrcben. Er zwingt den Dingen nicht eine äußer- liche, dekorative Stilisierung auf. Eine einfache Natürlichkeit ist seinen Bildern eigen, die schön find, ohne in leere Pose zu verfallen, groß, freskeuartig. ohne übertrieben zu wirken. Die großen Wandbilder, die für die Empfangshalle des MuseumS in Weimar bestimmt find, kommen hier besser zu ihrer eigenen Wir- kung, als auf der Dresdener KunstgcwerbeauSstellnng. Ivo ein ver- unglückter Raum, den van de Velde anlegte und ausstartete, sie ganz zurückdrängte. Arkadische Landschaften in phantasievollen Farben; sonnig leuchtende Hänge, blühende Büsche, fruchttragende Bäume. Darin Menschen, die in fröhlicher Nacktheit und Schönheit dahinleben, eins mit der Natur; sie pflücken Früchte, sammeln fie, fie liegeir im Grase, sie schreiten dahin. Das eigentlich Znsammen- hangslose gibt den Bildern das Weite, die Rubc uud Stille, lieberall eine Schönheit in den Linien, eine Phantaslik in den Farben, die zeigen, daß dem Maler der künstlerisch dekorative Eindruck die Haupt- fache ist. Die Bilder wirken nicht bunt. Ein matter, grauer Ton hält sie zusammen. Immer ist diese Zurückhaltung, die im Weicn des Wandbildes begründet ist, da es den Raum dauernd schmücken soll, gewahrt. Eine schöne Abwechslung bringt Hofmann in die Motive durch die Verwertung des Tanzes. Sein Tanz ist ein frohes Schreiten. Diese jungen Mädchen, deren schöne Gestalten dahin- eilen, umweht von Schleiern und flatternden Tüchern, sie sind Symbole der befreiten' Lebenslust. Aber nichts OrginslischeS ist ihnen eigen. Sie geben sich natürlich auS� sie find einfach und schön, wie Busch und Baum und Blume. Auch hier kommt es dem Maler auf den Rhythmus der Gebärde an, der entscheidend im Eindruck mitspricht. Ob diese Gestalten sitzen, gehen oder tanzen, es ist ein wundervolles Leben darin und fem versteht es der Künstler, diese Bewegungen organisch mit einander zu ver- binden. Ob diese Gestalten statuarisch verharren, ob sie mit flatternden Haaren heraneileu, es ist beides einheitlich verbunden. Und dieses innere Leben wächst wie selbstverständlich aus der Natur heraus, ist eins mit ihr. Ueberall ist die gleiche Schönheit, die gleiche Natürlichkeit. Wohl, diese Landschaften sind Träume, diese Menschen Phantasien. Aber eS ist ein Verdienst des Künstlers, eine Probe seines Könnens, daß er diese Traumwelt so sinnfällig und lebendig vor uns erstehen läßt. Hans von Bartels hat sich das Meer zum malerischen Vor- Wurf genommen. Seine reichhalttge Ausstellung im K ü n st l e r- Haus zeigt zum größten Teil Seestücke. Doch ficht man hier, wie wenig der Stoff und wie viel die Behandlung tut. Da spritzen wohl grünliche Wogen auf, da schaukeln Schiffe auf bewegter See und Fischer gehen am Strande. Aber bei all' dem vermissen wir die eigentliche künstlerische Behandlung. Wir schätzen diese Bilder, die uns inhaltlich so reichlich geben wollen, nicht viel höher, denn als bunte Jllustrattonen ein. Dabei bringt der Stoff eigentlich von selbst auf malerische Werte. Die flüssige Atmosphäre über dem Wasser, die lichten Töne in dem hellen Sande der Ufer, dazu die eigenartigen Kostüme der Bewohner I Das alles ist aber nur in sachlich trockener Manier abkonterfeit, die wohl Zeugnis ablegt von der soliden Technik, zugleich aber auch die Schwnnglösigkett der Phantasie beklindet. Es ist dicö lehrreich, um sich einmal"klar zu machen, worin der Wert der Malerei eben beruht. Einige Porträts neigen sehr zum Süßlichen. Landschaften zeigen den Einfluß der Holländer. Farbig am lebendigsten ist das Bild einer sterbenden bretonischen Bäuerin. Das Interieur ist temperamenivoll geinalt uud man spürt hier den Einflrch inodemer Malerei. An diese Sauimlung schlicht sich noch eine Ausstellung von Werken einiger Berliner Künstlerinnen. Die Ausstellung»rächt im ganzen einen guten Eindruck. Es sind tüchtige Talente, die ihre Werke zeigen, zum Teil eigene Persönlichkeiten. Was man sonst bei den Künstlerinnen oft als Mangel empfiirdet, die kritiklose Hingabe an ein Borbild, das fehlt hier. Sie malen sonst entweder in ganz alter, trockener Manier oder protzen mit modernen Mätzchen. Das ist hier nicht der Fall. Am feinsten sind die Bilder von Hedwig Weist. Ein Ausblick aus dem Atelier über Häuser hinweg, ein Blumenstilleben zeigen die Borzüge dieser Künstlerin, eine subtile Empfindung für seine, malerische Werte. Sie bevorzugt graue, silbrig-grüue Töne. Frisch und flüsfig mall sie, immer im Hinblick auf den lebendigen, künstlerischen Eindruck. Ihren Arbeiten fehlt jede Schwere und Langweiligkeit, sie haben in sich eine Bollendmrg. die der Ausdruck einer in sich selbständigen Persönlichkeit find. Bon Eva S t r i t gefällt am besten ein kleines Bildchen vom Spreewald, das in maitverschleierten Farben gehalten ist. Auch sie ist eine selbständig und eigen schassende Künstlerin. Sehr apart und originell sind die Stickereien von Gary B o o t h, die deutlich zeigen, dast die Stickerin auch Malerin sein must. Sie stickt Blumen mit voller Wirkung des Lichtes und der Schatten. Dadurch wirken die Arbeiten künsllerisch und erheben sich über das Niveau ähnlicher Stickereien. Am feinsten wirken die Stücke, die nur eine Blume, eine Iris, eine Orchidee, auf grauem Grunde in leuchtender Seide zeigt. Man denkt gar nicht mehr an die Seide, mau sieht den künstlerisch-lebendigen Eindruck. Und man denkt bei diesen feinen Arbeiten an die Kunst der Japaner, die eine Blume so genau und doch so künstlerisch zu ersasjen und wiederztigebcn verstehen. Kleines f euiUeton* Tie Nepsuhr. Eine schon von Kant in seiner Abhandlung ».Von der Macht des Gennas* erwähnte"sonderbare Erscheinung ist, dast manche Menschen»fähig sind, zu einer bestimmten Zeit, oft auf die Minute anfzuwachen, iveun sie sich beim Schlafengehen dies fest vorgenommen haben. Dies ist eine unbestreitbare Tatsache, die mancher auch aus eigener Evfahrung bestätigen kann. Wie sie erklärt werden kann, ist eine andere Frage. Man hat vielerlei Erklärungsversuche gemacht, die aber offenbar keine genügende Lösung des Problems bieten. So hat mau gemeint, der Schlafende höre die Schläge der Turmuhr und wache dadurch auf. Dabei hat man aber nicht berücksichtigt, dast nicht überall eine lant schlagende Turmuhr ist und dast viele ans die Minute genau aus- wachen. Austcrdem wäre dann noch zu erklären, wie es möglich ist, dast der Schlafende die Glockenschläge hört und sich bewustt wird, daß er aufwachen muh. Auch kann das Problem nicht etwa dadurch gelöst werden, dast man sagt, durch den festen Willen, zu einer be- stimmten Zeit anfzuwachen, werde der Schlaf unruhig, der Schlafende wache also leicht auf. Dies ist aber irrig, denn das Charakteristische ist gerade, dast man nicht etwa alle halbe Stunde aufwacht, sondern erst dann aufwacht, wenn man es sich vorgenommen hat, dann aber auch sicher. So erzählt z. B. Splittgcrber in seinem Buche über„Schlaf und Tod" folgendes Erlebnis:„Ich beherbergte einen Freund, welcher am nächsten Morgen früh mit der Eisenbahn ab- reisen wollte, und dem ich abends zuvor bestimmt versprochen hatte, ihn zu rechten Zeit wecken zu wollen.' Ich schlief bis zum Morgen ganz fest und träumte wie gewöhnlich sehr viel; mitten durch diese wirre» Traumbilder schost aber plötzlich der Gedanke: Du mußt ja H. wecken. Augenblicklich wachte ich auf, sah nach der Uhr, und es war fast auf die Minute die bestimmte Stunde." In cinent anregenden Aufsatz hat Dr. Karl Du Prcl in seinen „Studien aus dem Gebiete der Geheimwisienschaften" einige verwandte Erscheinungen zur Erklärung herangezogen. Der inneren Ursache, welche uns weckt, müfien wir dreierlei zuschreiben: 1. ein Bewußtsein, ' dast die vorgesetzte Schlafzeit nun abgelaufen ist; 2. Die Fähigkeit, den Fortgang der Zeit abzumessen: 3. die Fähigkeit, jenen physio- logischen Zustand des Gehirns, worauf der Schlaf beruht, aufhören zu machen uutz eine transscendentale Borstellung in das Gehirn- bewuhtsein übergehen zu lassen. Der Wille allein ohne Zcftbewnstt- sein kann uns also nicht wecken; Zeitbewusttsein allein ohne Willen ebenfalls nicht. Beides niust vielmehr vereinigt sein. Daher kann man nicht, wie es meistens geschieht, das Phänomen der Kopftihr damit erklären wollen, daß man sagt, der unbewußte Wille dauere durch den ganzen Schlaf hindurch. Du Prel kommt zu dem Ergebnis,'daß wir es hier mit einem ttailsscendentalen Zeitbewusttsein zu tun haben. Die Kopfuhr ist eine der konstantesten Erscheiimnacn, ins- besondere bei den Somnambulen. Sie bestimmen auf die Minute genau die Zeit, wo sie aufwachen. Wie Dr. Brandis sagt, konnten kein Verstellen der Uhr oder andere Täuschungen seine Somnambule irreftihren. Auch bei Nachtwandlern und einigen Jrsinnigen finden sich manchmal verwandte Erscheinungen. Besonders wichtig ist die bekannte Tatsache, dast Posthypnotische Befehle, d. h. die während des hypnotischen Schlafe? gegebenen Befehle, nach dem Erwachen in einer genau bestimmten Zeit eine bestimmte Handlung borzunehmen, pünktlich ausgeführt werden. So ist die Kopfuhr ein um so interessanteres Phänomen, als die Zeitschätzung im wachen Zustande in, allgemeinen sehr unzuverlässig ist. Es wäre daher wünschenswert, dast die modetue Psychologie sich experimentell wieder hiermit beschäftigen würde. Medizinisches. Neue Uirk ersuchungen über den Tabakrauch. Der Tabakrauch enthält auster Nikotin noch Pyridin und einige diesen- venvandten giftige Stoffe, daneben spielt das Kohlenoxydgas bei der Tabakvergiftimg eine wichtige Rolle, denn auf ihm beruhen die nachteiligen Folgen der mit Tabakrauch ge- schwängerten Atmosphäre. Dieses Gift ist zu 5 bis 1v Prozent im Tabakrauch vorhanden und wirkt schon durch seine Menge energischer wie die Pyridinstoffe. Im Rauche ist ferner Ammoniak enthalte», ivelcher die Speicheldrüsen reizt. An zahlreickie» Tieren hat man früher bereits Untersuchungen mit verschiedenen Arten von TabakSrauch ausgeführt und gefunden, dast die Tiere durch den Rauch tödlich vergiftet werden können. Da Ranch, ivelchcm man Nikotin, Ammoniak und Kohlcnoxyd entzogen hatte, die Tiere ebenfalls vergiftete, so ergab sich daraus, daß im Rauch« auster den genannten noch andere wirksame Bestandteile vorhanden sein müssen. Neue Forschmigen, die jüngst von Dr. Ratner im pathologischen Institut der Universität Berlin angestellt wurden, ergaben, daß als gütigster Bestandteil des Tabakrauches das Nikotin anzusehen ifi. Denn die wasierlöslichen Berbreinningsprodukte er- zeugen, Tieren eingespritzt, Berlaiigiamniig des Pulses und Unregel- mästigkeit desselben. Wird Kaninchen nikotinhaltiger Tabaksrauch in die Luftröhre eingeblasen, so treten neben Herzstörungen Un- rcgelmästjgkeiten der Atmung cm f. Bei nikotinfreiem Tabak werden Herzstörungen meist vermiyt. Die wafferlöslichen Verbrennungs- Produkte sowohl nikotinreicher wie nikotinanner Tabake setzen die verdauende Kraft des Magensaftes sowohl bei Menschen wie bei Tieren herab. Wird den Tieren reines Nikotin ein- gespritzt, so zeigen sie Krämpfe, die 3— 5 Minuten daue-n; eine Gewöhnung an das Gift konnte nicht festgestellt werden, selbst nicht bei 100 Einspritzungen. Wenn die Tiere nicht zu Gnmde gingen, so waren regelmästig Veränderungen an der grasten Körperschlag- oder, Erweiterungen derselben und Kalkablagerungen nachznweiien. Die Annahme, daß die in unserer Zeit so hmifige Arterienverkalkung mit dem übermästigen Tabakgenusse in Beziehung steht, dürste dem» nach in diesen Experimenlen eine Stütze finden. Technisches. Die Elektrizität im Bäckereibetriev. Abgesehen von den Diensten, die die Elektrizität dem Bäcker in der Forin von Beleuchtung und zum Antrieb vcm verschiedenen Hülfsmaschiiien hat, find auch in letzter Zeit in Frankreich erfolgreiche Versuche mit der elektrischen Heizung von Backöfen gemacht worden. Die Einfühnmg solcher Betriebe wurde nur dadurch ermöglicht, dast die betreffenden Elektrizitätswerke den Stronrpreis bedeuteird herab- setzten. Sie konnten das hauptsächlich deswegen tun, weil doch die Backarbeit in der Regel spät Nachts vorgenommen wird, also zu einer Zeit, in der die Maschinen der ElektriziiätSwerke kleinerer Städte an und für sich nur unvollkommen ausgenutzt werden. Als ungefähre Vergleichsbafis für die Betriebskosten möge die Angabe dienen, dast zum Backen eines Kilogramms Brot zirka öl» Wattstunden. erforderlich sind, das entspräche nach augenblicklichen Berliner Verhältnissen zirka 8 Pfennige Strom- kosten. Die Lorteile der elektrischen Heizung der Ocfcn be- stehen iit folgendem: Siasches Anheizen in einigen Minuten, vollständig genaue Regulierung der Temperatur innerhalb ein und derselben Backschicht, sauberer Betrieb, da die Rauch- und Stcmb- entivickelung fortfällt und zuletzt, aber nicht an letzter Stelle, d!c graste Erleichterung der Arbeit für das Bedienungspersonal. Ob diese Heizung tatsächlich weitere Berbreitung finden kann, hängt abgesehen von der technischen EntWickelung in erster Linie davon ab, wie weit die Elektrizitätswerke durch Spezialtarife in bezug auf die Stromkoste« entgegenkomm«». Geographisches. lieber die Republik Kuba, die neuerdings den Amerikanern wieder Kopfschmerzen bereitet, teilt der„GlobuS" einige Angaben mit, die neueren amerikanischen Veröffentlichungen eut- nommen sind. Die Bevölkerungszahl betrug 1899. nach Beendigung des Krieges mit Spanien 1572 707 gegen 1831 687 nach dem spanischen Zensus von 1887. jDer Verlust ist dem Aufstande zuzuschreiben.) 1903 belief sie sich aus 1 653 486, und heute mag sie 1 700 000 erreicht haben. Havanna hat mehr als 275 000 Einwohner. Gebeffert haben sich seit der spanischen Zett die Gesundheitövcrhältmsse infolge sanitärer Einrichtungen; die jährliche Sterblichkeitsziffer, die 1885 29,3 pro Tausend betrug, hat sich 1902 aus 15.4 und 1003 auf 14,5 vermindert, besonders, weil man dem gelben Fieber wirksam begegnet ist. Die dichteste Bevölkerung hat die Provinz Havanna mit 59 auf den Quadratkilometer, die dünnste Camaguey(in der Mitte der Insel) mit 3,1. Man ha. berechnet, dost Kuba eine Einwohnerzahl von 15 Millionen bequem ernähren kann; denn es ist noch viel geeignetes Land nicht bewohnt und nicht unter Knltur. 61.8 Proz. der Bevölkerung sind männlichen, 43,2 weib.ichen Geschlechts. Dieses Verhältins dürste ans die starke Einwanderung zurückzuführen sein. Sie betrug 1962 11 898 Köpfe, 1965 64 221, wobei die Amerikaner aus der Union nicht mitgerechnet sind, die in einer An- zahl von nur 6000 auf Kuba wohnen. Das Hauptkontingent der Einwanderer stellen die Spanier, 1906 mit 87 Proz. Was die Rasse anlangt, so waren bei der letzten Zählung f19v3) 63 Proz. eingeborene Weiße, 9 Proz. fremde Weiße md 32 Proz. Farbige vorhanden. Die Zahl der Analphabeten (solcher, die weder eine Sprache lesen noch schreiben können) betrug 1899 unter der weißen Bevölkerung noch 51(!) Proz., unter der farbigen 74 Proz. DaS Verhältnis soll seitdem er- heblich günstiger geworden sein; in der Tat gibt es jetzt 8700 öffentliche Schulen. Der auswärtige Handel Kubas wird jetzt auf mehr als 200 Millionen Dollar angegeben(96 Millionen Import, 110 Millionen Export). Am Import waren die Vereinigten Staaten 1906 nnt 48 Millionen Dollar oder 60 Proz., am Export mit 87 Proz. beteiligt. Das auf Kuba investierte amerikanische Kapital beträgt 120 Millionen Dollar, das englische gegen 100 Millionen. Kuba ist vorwiegend ein Ackerbau treibendes Land? vor dem Kriege zählte man dort 90 960 Plantagen, Farmen und Obstgärten, deren Gesamt- wert ans 200 Millionen Dollar geschätzt wurde. Jndustrieerzeugnisse gab eS fast gar nicht bis auf die der Zigarrcnfabriken und Zuckennühlcn. Zucker, Tabak und Früchte find heute die Haupt- Produkte der Insel, dagegen wird Kaffee jetzt nur wenig über den eigenen Bedarf der Kubaner hinaus gebaut."Der erwähnte Mangel an Industrie, mit Ausnahme einiger Spezialitäten, ist eine Folge der spanischen inneren Politik und der langen Sklaverei. Es gibt unter den Kubanern selbst wenig geschickte Arbeiter oder Handwerker, und die vorhandenen sind nieist von Uebersee eingewandert. Dem Bedarf an solchen Kräften können sie jedoch nicht genügen, und so hat auch Kuba seine Arbeiterfrage. Aus dem Tierlebcn. Katzen und P f l a n z e n d u f t. ES ist eine alte bekannte Geschichte, daß Katzen nach dem Genüsse mancher Pflanzen außerordentlich gierig sind. Seit lange weiß man da? vom Baldrian- kraut, das die Pussies ganz toll macht. Jetzt wird der Umstand durch eine neue Beobachtung aberinals bestätigt. Der Leiter deS Botanischen Gartens in Boston, des großartig angelegten A. r d o- retum Arnoldi erhielt aus China eine Schlingpflanze Actinidia polygarna, au? dem Gcschlechtc der Dilleniaccen. Wegen der Seltenheit de? Gewächses wurde es in einem eigenen Räume untergebracht und sorgfällig behütet. Dennoch fand eines Tages ein Gärmer eine Katze, die sich über etliche der Pflanzen hergemacht und sie angefressen hatte. Man hielt das für eine Laune des TiercS. Unlängst aber wurde eine Anzahl der Pflanzen bei gutem Wetter ausgestellt. Zu seinem Leidwesen bemerkte der Gärtner, daß sich mehrere Katzen darauf gestürzt und alles aufgefressen hatten. Nun sind die Actinidia-Pflanzen hinter ein sicheres Gitter gestellt worden und da ist es spaßig zu sehen, wie die Katzen sich Ivie toll abmühen, daS Gitter zu durchbrechen, um zu der begehrten Pflanze zu ge- langen. Merkwürdig ist dabei, daß der Mensch weder an Blatt noch Blüte einen auffälligen Dust verspürt, der dennoch den Katzen zn- gänglich und anscheinend für sie ein Reizmittel besonderer Art ist. Der Direktor des ArboreMm, Prof. Sargent, wird die Sache weiter beobachten und verfolgen lasten, um zn ergründen, weshalb Miez sich dieser chinesischen Pflanze gegenüber so merkwürdig verhält. Humoriftisches. — K ü ch c n p h i l o s o p h i e. Wirt zu seinem Sohne: „... Siehst Du, Junge, so ist das ein ewiger Kreislauf in der Welt: Die übriggebliebene Wurst kommt in den Hackbraten, und der übriggebliebene Hackbraten kommt wieder in die Wurst!" — Der gekränkte Kraftmaie r.„Sind Sie nicht der- jenige, der mir gestern eine Ohrfeige gegeben?"—„Nein I... Sie, da gingen Sie heut' nicht spazieren!" — Ein Wetterprophet.„I' mein' allweil, daß wir heuer an' strengen Winter krieg'n I"—„Woraus schließen Sie das, Herr Förster?"—„Weil s' mir sckfou's halbe Holz g'stohl'n Hab'«!" — H i n a u s g e g e b e n.„.., Das ganze Vermögen, überhaupt alles was da ist, habe Ich eingebracht— sag' einmal aufrichtig, was hast dcim Du, Hannes, gehabt, bevor Du mich geheiratet hast?" —„Met Ruh' Hab' i' gehabt 1"(„Fliegende Blätter".) Notizen. — Der Tanz der G e s i n n u n g s t ü ch t i g e n. Zu den althistoristischen Schaustücken des öffentlichen Münchener Lebens ge- hört auch der Schäfflcrtanz. der gerade so populär im Laufe der Zeiten geworden ist wie der Münclieuer Metzgersprung in den Fisch- vrunncn am Maricnplatz, wie der Münchener Fasching, wie die Bier- schlachten auf dem Salvatorkeller oder wie der Umzug des Wintzercr Fähnleins zur Zeit des Oktoberfestes auf der Theresienwiese, um nur einige aus dem mittelalterlichen München getreulich über- nommene Gebräuche und Zunftsilten zu nennen. Der Schäfflcrtanz (Schäffler-Böttchcr, Faßmacher) datiert aus uralterZeit.wo die Schäffler- burschcn einst in schwerer Pestnot durch ihr lustiges Hüpfen und Tanzen um ein mit Bändern und Laubbögen geziertes Faß die Bürger wieder das Lachen lehrten und sie die schreckliche Seuche aus ein paar Stunden vergessen ließen. Zum Dank für diesen„Trost in Tränen" bekam die Schäffler-Jnnung das Privileg zugesprochen, alle sieben Jahre zur Zeit des Faschings auf den Straßen und Plätzen der Stadt ein paar Wochen lang öffentliche Tanzumzüge zu veranstalten. Unter Vortritt eines Fahnen- und zweier Reifen- schwinger gruppieren sich 26 rotröckige Gesellen der Zunft um das geschmückte Faß und verüben sodann zu den Klängen einer stereotypen Polka- Melodie einiges sinnlose Gehüpfe. DieS die historische und„künstlerische" Seite der Hanswursterei, welche für wichtig genug befunden wurde, in Blech im Mittelpunkt des neuen RathhauSturmeS verewigt zu werden. Wichtiger für uns ist die soziale Seite deS Schäfflertanzes. Die 26 Tänzer sind nämlich sämtliche Meistersöhne oder sonst Liebkinder der lvohlhäbigen Herren Schäfflermeister oder Faßkabrikanten. Kein einziger Organisierter ist darunter(ein solcher würde sich wohl auch zu einem maskierten Straßenbettel nicht hergeben), vielmehr werden nur arbeitswillige und gesinnungSlüchtige Gesellen der AuS- Zeichnung für würdig befunden, den roten Tanzrock an- zuziehen, solche, die bereit sind, Streikbrecherdicnste zu tun und den organisierten Gehülfen bei Lohnkämpfen in den Rücken zu fallen.'Während die Unternehmer im Ucberfluste schwelgen. ist das Los der durch die harte anstrengende Arbeit des Foßpickens aufgeriebenen Gehülfen Unterernährung, Krankheit und Siechtum. Zur Belohnung für wirtschaftliche und sozialpolitische Rückständigkeit dürfen denn alle sieben Jahre die 26„schmucken Burschen", sorgsam von den Meisten: ausgewählt, ihr Los durch den Tanz(der den Knallprotzen, vor deren Häuieni die Komödie arrangiert wird, von 60 Mark aufwärts pro Exekution kostet!) verbessern, wenn sie sich nicht die Sckiwindsucht auf den zugigen nassen Straßen an den Hals tanzen. Es steht zu hoffen, daß 1914 der Schefflertanz nicht wieder zu stände kommt. — Lady Coutts und die Volks Wohlfahrt in England. Die jüngst'verstorbene englische Philanthropin. deren ungewöhnlicher Einfluß auf die praktischen Wohlfahrtseinrichtungen ihres Vaterlandes jetzt wieder gerühmt wird, hatte sich im Beginn ihrer Bestrebungen, um das Jahr 1840, einer Hülfskraft versichert, ohne deren unvergleichliche Wirksamkeit sie ihre Erfolge nicht erzielt hätte. Diese Hülfskraft war der Romanschriftsteller Dickens. Man muß den damaligen Ruhm dieses Dichters und den beispiel- losen Widerhall in Betracht ziehen, den in der ganzen Welt sein Appell zum Mitleid mit den Armen geweckt hatte, um sein und Lady Eoults Wirken für Volksbildung, öffentliche Erziehung und nicht zuletzt für Hygiene verstehen zu können. Man höre, wie Dickens, selbst ein Sohn des Volkes, mit seiner Freundin die Aufgabe anfaßte. Vom Jahre 1843 bis 1871, wo in England eine Art von Schulzwang eingeführt wnrdx, existierte das Institut der..Raggsd schools"(„Lumpenschulen"), welches die Er- ziehung von Prolctarierkindcrn und die Sorge für späteren Erwerb in die Hand genommen hatte. Gründer waren ein ehemaliger Schuhmacher, ein Schornsteinfeger und ein Lord aus der Reihe der Pairs des Königreiches; seine eifrigste Fürsprecherin war Lady Coutts, von der Charles Dickens zur Mithilfe bewogen wurde. Dickens korrigierte nun der Gesellschaft das Konzept auf eine sehr praktische Art.„Miß Coutts", schrieb Dickens damals(1843) an einen Freund,„bat in dem Kostenanschlag zweihundert Pfund ge- zeichnet für kirchliche Erziehung. Ich bemühte mich, ihr klar zu machen, daß religiöse Mysterien und schwierige Glaubensbekenntnisse nichts sind für solche Schüler. Ich sagte ihr auch, daß eS von un- endlicher Bedeutung sei, sie rein zu waschen! In ihrer Antwort fragt sie mich, wie hoch die Miel- oder Baukosten für große luftige Räumlich« leiten mit ordentlichen Bade- und ReinigungScinriibtungen sich belaufen, in bczug auf welche Punkte ich mit de» Autoritäten in Briefwechsel» stehe. Sie ist eine vorzügliche Frau und wird alles tun. worum ich sie in der Sache bitte." Keine Katechismen und Formulare für die armen Kinder, ruft er ein andermal, sondern Unterricht und etwas Waffcr, Seife und Handtücher.— Die geringste Volksbildung sei unberechenbar besser als gar keine; man solle sie nur nicht für wertlos halten I Man wisse gar nicht, lvie vielen Kräften und Talenten sie anS Licht verhelfen könne. Der Astronom Fergusson war Hirtenjunge, als er zuerst in die Sterne guckte, Bloomfield war Schuhmacher, ein Genie wie Franklin stand als Knabe in der Seisensiederei seines Vaters. So bewährte sich DickeuS als ein praktischer und warmherziger Kenner des Volkes. — Der Titel dcö verstorbenen Schahs von Persien lautete:„Schah von Pcrsien, König der Könige, der Schatten Gottes, der Mittelpunkt der Welt, Vrunncn aller Weisheit, Sohn des Himmels, erhabenster Herrscher, dessen Fahne die Sonne ist. Gebieter von Heeren, so zahllos wie die Sterne, erhaben in seinem Ruhm wie der Planet Saturn." Das ist ja beinahe unlauterer Wettbewerb gegen die anderen Gekrönten, für die fast nichts mehr übrig bleibt. VcrantlvorlI. Redakteur: Haus Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSingerLiTo..BerlinL1V.