Nnterhaltungsblatt des Horwnrts Nr. 11. Mittwoch, den 16. Januar. 1907 er. (Nachdmck verboten.) 11� Mdarne d'Ora. Noman von Johannes V. Jensen. „Ich zerrte sie am Haar", erklärte Dora.„Ich kniff sie in �en Arm. als sie schrie." „Wäre es Dir nicht besser. Du bliebest ein wenig allein," sagte Hall,„ich meine, willst Du Deine Sachen nicht nehmen und gehen." „Ja." antwortete sie und lief nach ihrem Hut, den sie mit zitternden Händen aufsetzte. Ihre wilden Augen flackerten umher, sahen aber nichts. Hall trug einen Stuhl dahin, wo Mirjam noch immer stand, und Mirjam setzte sich sofort nieder. Madame d'Ora wurde ruhiger. Sie zog die Handschuhe an und kniff die Augen zu wie in tiefer Geistesabwesenheit. Plötzlich reiht sie den einen Handschuh mitten durch, und als er an einem Saum noch zusammen- hält, stampft sie mit Tönen, die einem Gebrüll gleichen, auf den Fußboden. Das lindert, sie sieht sich verzagt nach Edmund um, der sie fortwährend mit seinem verschlossenen Blick verfolgt. Sie ist bereit zu gehen. Hall folgte ihr bis an die Tür. Da wandte sie sich um. „Ja. Edmund," sagte sie mit einer geguälten Hals- stimche.„Ich will ja gehen. Aber bedenke doch, daß es mein Tag war!" 6. Hall schloß die Tür hinter ihr und kehrte zu seinen Gästen in das Zimmer zurück, bleich, aber sonst ohne Zeichen von Gemütsbewegung. Er zündete eine Zigarette an, sah nach der Uhr. ».In einer halben Stunde wird geschlossen," bemerkte �ch möchte Sie bitten, mit mir zu Abend zu essen, falls Sie nichts anderes vorhaben. Sie haben noch keine Gelegen- heit gehabt, zu Worte zu kommen, Herr Evanswn." „Ja, das waren Hindernisse," lachte Evanston, aber Hall sah ihn kühl an, und er ließ das Thema fallen. „Wie gesagt, wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen, mit mir zu Abend zu essen�— ich esse in einem Klub — so könnten wir dort vielleicht über die Dinge reden, auf die Sie mich in Ihrem Briefe vorbereiteten, Herr Evanston. Wir können ja gleich gehen." „Herr Edmund Hall," sagte Evanston und räusperte sich und sah nachdenklich in die Luft,„wenn Ihr Abend nicht be- setzt ist, habe ich Ihnen einen anderen Vorschlag zu machen, ich möchte Sie nämlich nach Brooklyn hinüberbemühen zu Pastor Mc. Earthy, in dessen Hause Fräulein Karekin jetzt wohnt. Er ist ein Freund von mir, ein Mann von unge- wöhnlicher Einsicht in okkulten Dingen. Er hat sofort Fräulein Karekins Kraft entdeckt— erst gestern abend. Seine Erfahrung und sein Wissen werden Sie interessieren, es ist so ausgedehnt, daß--" „Fräulein Karekins Kraft verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche," sagte Hall—„verstehe ich recht, daß Fräulein Karekin ein Medium ist? Hat Herr Mc. Earthy das festgestellt?" „Ja," antwortete Evanston mit Nachdruck. Hall sah zu Mirjam hinüber, die mit einem unsicheren Blick dasaß, weil sie ihren Namen nennen hörte und nichts verstand. Er lächelte ein klein wenig, so daß sie gleich ruhig wurde. Evanston fuhr fort, Hall fest anzusehen, als verfolge er die Wirkung eines Schusses; Hall schien aber nicht sehr be- rührt durch diese große Neuigkeit. „Sie hat ganz den Typus," sagte er halb für sich. Es entstand eine Pause. „Herr Evanston," fuhr Hall mit einem Ausdruck fort, der einem anderen Gedankengang entsprach,„aufrichtig ge- sprachen, es wird mir schwer zu verstehen, warum Sie mir dies nicht in Madame d'Oras Gegenwart mitteilen wollten. War es nicht unnötig, eine Feindschaft zu nähren, deren Folgen Sie jetzt gleich sahen?" Evanston wußte nicht, was er sagen sollte, er suchte mit den Augen, schwankte zwischen Beleidigtsein und Beschämtscin. „Hier sorgt jeder für sich," sagte Hall.„In meinem Laboratorilim hat jeder nur für sich selbst einzustehen, und ich habe deswegen nicht die Absicht, Ihnen Entschuldigungen wegen des Vorgefallenen zu machen. Ich fürchte mich nur, überhaupt nur das Geschehnis zu berühren. Gefühle zu be« tasten, die Ihr Eigentum sind, Herr Evanston. Das übrige ist eine Sache zwischen Fräulein Karekin und Madame d Ora." — Evanston schwieg. „Es interessiert mich sehr zu hören, daß Fräulein Karekitt ein Medium ist," sagte Edmund Hall lächelnd und mit einem Blick, der jetzt wieder ganz ungewappnet war.„In welcher Richtung liegen Fräulein Karekins Fähigkeiten?— Ich hätte mir dasselbe sagen müssen, als ich zum erstenmal ihre Augen sah. Und die Hände..." Hall betrachtete Mirjams dünne, braune Hände. Sie fingen an, sich zu bewegen und sich umeinander zu schlingen.- Sie sah mit eineni Blick zu ihm auf, der für sich flehte, und im selben Augenblick schloß sie die Hände und steckte sie weg. Hall nickte. Er sah von ihr zu Evanston hinüber und be» merkte, daß dieser ebenfalls steif da saß mit seinen großen Schaufeln. Evanston fühlte sich auf unsicherem Boden, Plötzlich sandte er zu Hall einen Blick hinauf, in dem etwas Gefährliches glomm, das jedoch gleich wieder verschwand« Er räusperte sich. „Ich dachte ja, daß es Sie interessieren würde, Herr Edmund Hall," sagte er.„Ich weiß, Sie als Anthropologe haben sich auch mit Somnambulismus und dergleichen okkulten Phänomenen beschäftigt. We ich Ihnen wohl schon einmal gesagt habe, bin ich nicht ganz unbewandert in Ihrer weltberühmten Produktion. Ihre Bemerkungen gerade eben erinnerten mich wirklich an eine Ihrer Abhandlungen„Das Eigentumsrecht des Herzens", das, wie ich hoffe, mit Unrecht als anarchistisch gestempelt ist. Ich— ich dachte ja, daß es Sie interessieren würde zu hören, daß Fräulein Karekin diese merkwürdige— Neurose werden Sie es Wohl nennen — in ungewöhnlich ausgeprägtem Grade besitzt." Hall hielt seine Mundwinkel mit zwei Fingern fest, um ein Lächeln zu unterdrücken. „Ich bin Ihnen sehr dankbar." sagte er.„Ist Herr Mc. Earthy Spiritist?" Evanston nickte. .„Herr Mc. Earthy gehört zu der kirchlichen Gemeinde der Methodisten— eine Richtung, die ich persönlich nicht aner» kenne.. Er hat bald ein Menschenalter lang das Studium der Wissenschaft betrieben, er besitzt eine der vollständigsten Bibliotheken über okkulte Literatur, die es in Amerika gibt, Mein Freund hat große Erfahrungen im Ordnen und Leiten S6ancen(Sitzungen)... deshalb dachte ich. es könne mög» lichcrweise vorteilhaft sein, zu ihm hinauszufahren. Er hat einen Kreis, eine geschlossene Gesellschaft von Freunden des Hauses, von Männern von tadellosem bürgerlichen Ansehen zu seiner Verfügung. Mit seinem scharfen Blick für okkulte Fähigkeiten entdeckte er sofort Fräulein Karekins Begabung, und wahrscheinlich weil sein Kreis so kultiviert und einge» arbeitet ist, ergab die erste Sitzung gestern abend die er» staunlichsten Resultate. Die erstaunlichsten Resultate.. Hall erhob sich. „Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie und Fräulein Karekin zu Herrn Mc. Earthy hinauszubegleiten. Wollen Sie aber vorher nicht mit mir zu Abend essen? Wir können Herrn Mc. Earthy doch nicht um Essen bemühen, nicht wahr?" Hall sah zu Mirjam hinüber, die großäugig und fein auf ihrem Stuhl saß, scheinbar ohne zu atmen. Ihr Leben schien sich spurlos zu ernähren, sie glich einer Pflanze in der Luft. Aber sie errötete langsam und wurde vertrauensvoll! unter Halls Blick. „Darf ich Sie bitten, sich einige Augenblicke selber zu unterhalten, während ich mich fertig mache? Vielleicht setzen sie sich lieber ans Fenster, wo Sie hinaussehen können?" Evanston und Mirjam setzten sich in die Ecke, und Hall fing an, umherzugehen, die Apparate zu stellen- und alles an seinen Platz zu rücken. Mirjam sah zu den großen Ge- bänden hinaus und zu all dem vielen Dampf, der so weiß, so weiß war.» Evanston folgte Halls Bewegungen und be- obachtete, daß er alles auf eine regelmäßige Weise tat, als sei eine bestimmte und oft wiederholte Reihenfolge in den Dingen, mit denen er sich beschäftigte. Hall öffnete den feuerfesten Geldschrank und entnahm ihm eine Tasche, die Evanston an Bord des„Bacharach" in seiner Hand ggschen nr ßoEcn sich erinnerte, er sammelte einen Haufen Papiere von einem Tisch zusammen, steckte sie in die Tasche und verschloß diese wieder, drehte die Scheibe mit den Einstellungs- buchstaben herum und rieb seine Hände, als sei nun alles in Ordnung. Nachdem Hall einige Worte ins Telephon ge- murmelt hatte, nahm er Hut und Stock, und sie begaben sich in den Fahrstuhl. Als sie auf die Straße hinabkamen, setzte Hall einen schwarzblauen Kneifer ans, der ihn nicht besonders kleidete. Sie schlugen die Richtung aus die Brücke zu ein, Das Gedränge war ungeheuer, alle Kontore entsandten jetzt gegen sechs llhr Schwärme von Menschen. Hall stand still und machte den Vorschlag, irgendwo hineinzugehen und zu essen, damit sich das Gedränge inzwischen legen könne. Tie Uhr war acht, als sie bei Mc. Carthy in der Atlantic Avenue schellten. Er bewohnte ein großes, wohlgehaltenes Haus; daneben lag eine kleine hölzerne Bude mit einem Turm aus Zink von der Größe einer gelben Wurzel, das war Mc. Carthys Freigemeindekirche. (Fortsetzung folgt.) Dcutlcbc Kolomalhcldcn des 16. Jahrhunderts, Von A. C o n r a d y. I. Noch kein Vieteljahrhundert umfaßt die Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches, und schon sind ihre Blätter mit Tatsachen gefüllt, die nicht eben zum Ruhme unseres Vaterlandes beitragen. So vieles, was sich in unseren überseeischen Besitzungen zugetragen hat, gehört zur Fortsetzung jener endlosen Reihe von christlichen Kolonial- greueln, über die ein englischer Autor, William Howitt, schon vor beinahe 70 Jahren gesagt hat:„Die Barbareien und ruchlosen Greueltaten der sogenannten christlichen Rassen, in jeder Region der Welt und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, finden keine Parallele in irgend einer Aera der Weltgeschichte, bei irgend einer Rasse, ob noch so wild und ungebildet, mitleidlos und schamlos." Als Howitts Buch über„Kolonisation und Christentum" erschien(1836) gab es noch keine deutsche Kolouialpolitik. England marschierte damals schon lange an der Spitze der Zivilisation, was Kolonialpolitik anbetrifft. England hat Howitt denn auch nicht zum wenigsten mit im Auge gehabt, als er jene Wahrheiten niederschrieb. Solche Wahrheiten auszusprechen, soll, wenn cS sich unr Landslente handelt, vaierlandsloS sein nach Behauptung derer, die den Patriotisnms gepachtet haben. Dieser Standpunkt wird nicht allein in Deutschland vertreten. Ein englisches Erzeugnis ist jenes beguerne Schlag- wort, das auch uns Deutschen schon im Reichstag enipfohl?« worden ist: nkiAbt or wrong, my country"(„recht oder unrecht, mein Vaterland"). Indessen hat eS gerade auch in England nie an Männern gefehlt, die demgegenüber für die wahre Ehre der Nation dadurch eintraten, daß sie ihre Meinung über die herrschende Kolonialpolitik offen heraus sagten. Und daS sind gerade die besten Söhne Albions gewesen. U. a. hat schon vor bald 200 Jahren einer der größten englischen Schriftsteller, hat Jonathan Swift in „Gullivers Reisen" die moderne Kolonialwirtschaft- also ge- kennzeichnet:„... Eine Bande von Piraten wird durch einen Sturm verschlagen, sie wissen nicht wohin. Endlich entdeckt ein Junge vom Mastkorb Land. Sie gehen an? Ufer, um zu rauben und zu plündern. Sie sehen ein harmloses Volk, werden mit Freund- lichkeit bewirtet. Sie geben dem Lande einen neuen Namen. Sie nehmen es in aller Form für ihren König in Besitz. Sie richten eine verfaulte Planke oder einen Stein als Denkzeichen auf. Sie ermorden zwei oder drei Dutzend von den Eingeborenen, schleppen ein paar mehr als Muster gewaltsam tnit, kehren nach Hause zurück und erlangen ihre Begnadigung. Hier beginnt nun ein neues Herrschafts- gebiet, auf Grund göttlichen Rechtes crivorben. Schiffe werden bei erster Gelegenheit ausgesandt, die Eingeborenen ausgetrieben oder ausgerottet, ihre Häuptlinge gefoltert, um ihr Gold zu entdecken, alle Akte der Unmenschlichkeit und Wollust freigegeben, die Erde dampft vom Blut ihrer Bewohner: uird diese scheußliche Schlächter- bände, zu einer so frommen Erpedition verwandt, ist eine moderne Kolonie, ausgesandt um ein götzendienerisches und barbarisches Volk Zu bekehren und zu zivilisieren." Swift zielt mit seinen Ausführungen auch auf die englische Kolouialpolitik. Sie paffen Überall hin. Ganz besonders paffen sie, auch in allen Einzelheiten, wie angegossen ans die Conquistadores des Entdeckungszeitaltcrs, die„Eroberer" der beginnenden Neuzeit, die in Amerika ihre Bestialität gar herrlich offenbarten. Das waren vornehmlich Spanier. In Spanien ist auch schon früh die räuberische Kolonialpolitik von hervorragenden Männern in ganz ähnlicher Weise gebrandmarkt lvorden, wie dies Swift tut. Gegen 1M0 z. B. schreibt der berühmte spanische Dichter Lope de Bega in seinem Werke„Die neue Welt" über die wahren und die vorgeschützten Absichten der Conquistadores ein paar inhaltreiche Verse, die der amerikanische Geschichtsschreiber PreScott seinem Buche über die Eroberung von Peru als Motto vorauf- geschickt hat:„Unter dem Vorwande der Religion kamen sie, um Silber und Gold zu rauben." Denselben Gedanken drücken ein paar Heinesche Verse aus, in denen der aztekische Vitzliputzlipriester von Mexiko sich also über die spanischen Eindringlinge ausspricht: „Was ist ihr Begehr? Sie stecken Unser Gold in ihre Taschen, Und sie wollen, daß wir droben Einst im Himmel glücklich werden.� Das alles gilt nun nicht nur für die spanischen Kolonialhelden des Entdeckungszeitalters, sondern ebenso gut ftir die Vertreter aller anderen Nationen, die damals in die neue Welt Eingang fanden. Im allgemeinen hüteten freilich die Spanier eifersüchtig ihr Monopol. Aber es haben sich doch auch anderssprachige Kulturträger dort be- tätigt, und u. a. auch Deutsche. Venezuela hat sich im 10. Jahr- hundert einige Jahrzehnte in deutschen Händen befunden, und es ist interessant, sich mit Hülfe unanfechtbarer geschichtlicher Tatsachen da- von zu überzeugen, daß diese Vorkämpfer der christlich-germanischcn Zivilisation nicht anders, nicht beffer mit den unglücklichen Ur- emwohnern Südamerikas umgegangen sind, als die so übel berüchtigten spanischen Conquistadores. An jene Zeit, da Venezuela Deutschen gehörte, erinnert heute noch folgende Inschrift eine? Patrizierhauscs in Augsburg: „Hier war ehedem die Wechselbank der Familie Weiser, der ersten Deutschen, die Schiffe nach Indien sandten. Bartholomäus Welser besaß Venezuela, da? man der Welser Land nannte." Daß die Lugsburger Bank- und Handelsfirma in den Besitz von Venezuela gelängte, hatte seinen Grund in dem finanziellen Abhängigkeits- Verhältnis, in dem Kaiser Karl V., als König von Spanien Karl I., zu den Welsern stand. Zur Bestreitung der Kosten seiner unaus- gesetzten Kriege hatte der Habsburger, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, große Schulden gemacht. U. a. hatten ihm die Welser 2 400 000 Taler geliehen, nach dem Maßstabe jener Zeit eine riesige Summe. Dadurch brachte das Bankhaus es zunächst dahin, daß ihm der Handel mit der neuen Welt frei- gegeben wurde, von dem die Deutschen sonst ausgeschlossen waren, und schließlich erreichten die Weiser sogar, daß ihnen 1ö28 das Gebiet von Venezuela zur Eroberung und Koloni- sierung verliehen wurde, worauf sie sich dann von 1S28— 1555 alle Mühe gegeben haben/ ihre tranSailäntische Erwerbung nach allen Regeln der Kunst kapitalistisch auszubeuten. Allerdings konnten sie nicht ganz nach Belieben schalten und ivalten, wenn die Bedingungen innegehalten wurden, mit denen die Krone die Verleihung verknüpft hatte. Zum Schutz der Eingeborenen war nämlich bestimmt worden, daß die Eingeborenen nicht ohne weiteres mit Waffengewatt zu Sklaven gemacht werden dürften, wie das von Anbeginn in der neuen Welt christlicher Brauch gewesen war; sondern die deutschen Kolonisatoren mußten versprechen, nur diejenigen Indianer mit dem Sklavenzeichen zu brandmarken, die trotz freundlicher Ermahnung zur Untcrlverfnug hartnäckigen Widerwillen bezeigen würden. Die Klausel war freilich so dehnbar, daß sie keine nennenswerte Behinderung des so pro- fitablen Sklavenhandels darstellen konnte; zudem war ja der Himmel hoch und der Kaiser loeit. Natürlich sollte auch die Heidenbekehrung nicht verabsäumt werden, und so mußten die 700 deutschen und spanischen Landsknechte, die 1528 auf Welserschen Schiffen von Sevilla nach Venezuela in See gingen, schriftlich das famose Versprechen ablegen, „die Indianer mit dem Schwerte zu erobern und zu guten Christen zu machen". An der Spitze der Expedition stand der Deutsche Ambrosius D a l f i n g e r. Dieser auserwählte Degen war denn auch der erste deutsche Statthalter von Venezuela. wo er sich bald einen furcht- baren Namen machen sollte. Dalfinger wählte zunächst Coro als seine Residenz, zog aber bald weiter über den See von Maracaibo, weil er in Coro nicht die Fülle von Gold aufzutreiben vermochte, die sein Hanptbegehren war. Er verschmähte freilich mich andere Beute nicht. Seine erste profitable Unternehmung an dem neuen Aufenthaltsorte beispiels- weise war eine große Sklavenjagd. Da? Treiben war recht er- giebig. Mit List und Gewalt brachte Dalfinger mehrere Schiffs- ladungen voll Indianer zusammen, die nach dem Sklavenmarkt von San Domingo verhandelt wurden. Die Hauptsache aber blieb das Goldsuchen: das Dorado war das phantastische Ziel, das Dalfinger vorschwebte, als er 1529 seinen ersten großen Zug ins Innere an- trat. Diese Expedition schien ihm auch noch aus anderen Gründen zweckmäßig. Unter deir christlichen Brüdern war es nämlich bereits zu heftigem Streit gekommen, woran teils das brutale Auftreten Dalfingers Schuld hatte, teils das prächtige Handelssystem der Weiser. Die Augsburger Kapitalisten handhabten ein Monopol aller in Venezuela zu importierenden Waren und ver- kauften Lebensmittel und alles andere nur. zu ganz horrenden Preisen; dazu gelvährten sie einen Kredit, der so beschaffen war, daß er den Schuldner in die SNaverei unentrinnbarer Abhängigkeit von dem herrschenden HandelShause brachte. So kam eS noch im Jahre 1529 unter den Kolonisten zu einem Aufstände. Dalfinger stellte die Ordnung glänzend wieder her, indem er den Hauptfllhrer der Mißvergnügten ohne Umstände hinrichten ließ. Als zweck- mäßiges Mittel zur Ablenkung der Unzufriedenheit erschien ein großer Raubzug, der die Gedanken aller aus die goldenen Berge bannte, die man sich versprach. Das Goldland blieb der Expedition unerreichbar, soweit sie auch vordrang: bis zum Mugbalenenstrom ist sie gelangt. Jnmierhin aber war die Goldausbeute des ZugeS ziemlich beträchllich. Mau hatte in den durchstreiften Gegenden einfach den Indianern alles, was sie besahen, init Gewalt genommen. Zum Dank wurden alle Jndianerdörfer, auf die man stieß, dem Erdboden gleichgemacht, und es bedarf kaum.der Erwähnung, daß auch Blut in Strömen floß. Mit solcher Brutalität ging Dalfinger zu Werke, daß nach seinem Wzug die bis dahin dicht bevölkerte Gegend einer menschenleeren Wiiste glich, in der nur zahllose Brandstätten vom ehemaligen Vor- handensein indianischer Ansiedelungen zeugten. DaS Rauben, Morden und Brennen, worin Dalfinger so Großes leistete, brachte nun allmählich die kriegstüchtigeren Stämme gegen ihn in Waffen, und der Wider- stand ward schließlich so heftig, daß die christliche Räuberbande den Rückzug nach der Küste antreten mußte. Um 150 Mann geschwächt, langte die Expedition im Mai 1530 in Coro an. Die hier Zurück- gebliebenen hatten sich inzwischen wieder fleißig in den Haaren ge- legen: denn die Ausbeutung durch die Welser war so schlimm wie je. Schon waren bittere Klagebriefe an den Kaiser abgegangen. Es gab nun noch dazu Streit um die Beute der Expedition, deren Er- trag Dalfinger betrügerischerweise- auf bloß 7000 Pesos angab, um die Krone um ihren vertragsmäßigen Anteil zu begaunern. Kurz, die Zustände im christlichen Lager waren erbaulich. Wenn Dalfinger nicht zu ruhebedürftig gewesen wäre, hätte er gewiß gleich eine neue Heerfahrt ins Innere angetreten. So mußte er zusehen, wie sie ohne ihn, ja gegen ihn stattfand. Auf eigene Faust, trotz ausdrücklichen Verbots, trat im Sep- tember 1530 der stellvertretende Statchalter Nikolaus Feder- mann aus Ulm mit etlichen hundert Mann einen Auszug nach Süden an, ins gelobte Goldland. Außer dem gebräuchlichen Rauben und Morden, Sengen und Brennen betrieb er in den durchzogenen Landesstrecken pflichtschuldigst auch das Bekchrnngsgeschäft. Er betrieb es auf originelle Weise, worüber er selbst sich in seiner „Indianischen HistorüT naiv also ausläßt:„Diese Cacigue oder Herren sampt allem mitgebrachtem Volck ließ ich taufen und, sovil sich laßt einbilden, vom Christlichen glauben sagen. Denn was ist nott, ihnen lange zu predigen und zeit mit ihnen zu verlieren?" Natürlich mußten die Indianer für ihre so plötzliche und Massen- hafte Erleuchtung sich bei dem Bekehrer bedanken, indem sie gehörige Quantitäten Goldes bei ihm abluden. Wo sie den un- gerechten Mammon nicht gutwillig hergaben, brauchte Federmann Gewalt. So räuberte er allmählich eine stattliche Menge von dem alleinseligmachenden Metall zusammen, aber lange nicht genug für seine und seiner Gefährten Unersättlichkeit. Die Hoffnung, in das wirkliche Dorado zu kommen, trieb fie also immer weiter. Es war ihnen die Kunde zu Ohren gedrungen, daß sie am„Südmeer" großen Reichtum an Gold, Perlen und Edelsteinen finden würden. Dahin sollte die Reise gehen. Monatelang zogen die Abenteurer gen Süden, ohne sich durch Ficberkrankheiten, Strapazen und Regenwetter beirren zu lassen. Endlich aber wurden sie durch die Angriffe eines wehr- haften Jndianerstanimes genötigt, die Weiterreise ins End- und Ziellose aufzugeben und den Rückzug nach der Wüste anzutreten. Im Lande der Guayacaris hatte Federmann, wie es der Brauch war, die Ortschaften systematisch niederbrennen lassen. Dieses Volk aber ließ die Mordbrennerei nicht als etwas Unabwendbares über sich ergehen, sondern trat der weißen Räuberbande in weit über- legener Stärke zum Kampf entgegen. In dem Treffen, das sich bei Jtabana entspann, behielten zivar FederniannS Leute infolge ihrer Feuerwaffen die Oberhand. Sie waren aber fast alle verwundet worden. So eilte man der Küste zu. Unterwegs ließ sich ein Jndianerhäuptlitig mit seinen Leuten in Waffen betreffen. Man hatte ihn im Verdacht, daß er einen Ueber- fall auf die Weißen beabsichtigt habe. Er wurde gefangen ge- nommen und ausgesuchteil Folterqualen unterworfen,- um ein Ge- ständnis seiner Absichten aus ihm zu erpressen. Als aber trotz aller aufgebotenen Bestialität nichts aus ihni herauszubringen war,„da ließ ich ihn zu angesicht der anderen Gefangenen erschießen, ihnen zum förchtlichem Exempel". In Coro angelangt, machte sich Feder- mann auf die Heimreise nach Deutschland, um den Welsern in Augs- bürg persönlich den EntbehrungSlohn seiner Raubfahrt im Werte von 70 000 Dukaten auszuhändigen. Kleines feirilleton* Die russische Geheimpolizei. Die russische Geheimpolizei ist die größte und wirksamste, aber auch die verhaßteste Organisation ihrer Art, die es gcgeulwärtig gibt; in ihrem Dienste stehen über 30 000 Männer und Frauen, die bei der fortdauernden Unruhe der russischen Verhältnisse alle Pläne und Maßnahmen der Revolutionäre zu er- künden suchen. In der amerikanischen Monatsschrift„Cos- mopolitan" cnpvirst Robert Crszicr Long ein Bild dieser weit- verzweigten Institution. Die Zahl von 30 000 Angestellten kann eine nur ungefähre sein, da dio Mitglieder der„Okhrana" oder politischen Geheimpolizei beständig vermehrt, aber in den offiziellen Aeröfsentlichungen mit keiner Silbo crtvähnt werden. Die ganze Einrichtung der Geheimpolizei existiert überhaupt vor dem russischen Gesetze nicht; sie erscheint auch" nicht in dem kaiserlichen Budget, sondern führt ein heimliches Leben im dunklen Schatten der großen Ereignisse; von ihr wird nur flüsternd gesprochen und sie stellt sich dar als eine unfaßbare Macht, die in tausend Erscheinungen hier und da plötzlich auftaucht, durch das ganze weite Land hin ihr un- heimliches Wesen treibt und doch keinen Mittelpunkt, keine irgendwie sichtbare und erkennbare Form besitzt. Die Gehermpolizci gehört durchaus nicht zu dem regelmäßigen Sicherheitsdienst oder den Gendarmerietruppen, die vom Ministerium des Innern geleitet werden'; sie ist unabhängig von allen offiziellen polizeilichen Or- ganisationen, nur dem Namen nach dem Minister des Innern untern stellt, aber in Wirklichkeit von den verschiedensten Orten- aus gelenkt» bald zu dieser, bald zu jener Aufgabe verwandt. Ueberall wo Un- ruhen entstehen und Gewalttätigkeiten vorkommen, da stellen sich die Männer der Geheimpolizei ein und dann wird über den Ort der Zustand des„verstärkten Schutzes" oder des„außerordentlichen >schutzes" verhängt, währenddessen die Geheimpolizei ihre furchtbare Macht und Wirksamkeit entwickelt. Da werden Hunderte, ja Tau- sende von verdächtigen Personen verhaftet, Haussuchungen vor- genommen, die Druckereien geschlosseu usw. Die gewöhnlichsten Obliegenheiten der Geheimpolizisten bestehen darin, in allerlei Verkleidungen verdächtige Personen auszukundschaften oder auch auf die Voltsmassen im Sinne der Regierung einzuwirken. Epe- ziellere Aufgaben der„Okhrana" sind die Beschützung deSvZareir, der Großfürsten und der Minister. Ter Palast des Zaren ist immer von einem Netz don Geheimpolizisten umsponnen, die als Reisende, Arbeiter oder unter einer anderen Maske auf den Eisen- bahnstationen und dem zum Palast führenden Wegen und Gängen, im Park und an den Eingangsttiren aufgestellt sind. Plehwe, der verhaßte Minister des Innern, war stets von einer Schar von mehreren Hundert Detektivs umgeben und wurde doch durch ein Bombenattentat am hellen lichten Tage getötet; bei dem Attentat in Stolhpins Sommervilla waren 35 Geheimpolizisten als Portiers, Lakaien und Bittsteller anwesend; dennoch drangen die Revolutionäre unbemerkt bis zu der Tür von des Ministers Ar- beitszimmer vor. Die zahlreichen Attentate beweisen überhaupt, daß die Geheimpolizei trotz ihrer großartigen Organisation gar häufig gegen den- Todesmut und die Kühnheit der Terroristen machtlos ist. Denn die höhere Intelligenz ist auf feiten der Rcvo- lutionäre, während sich für die Dienste der Geheimpolizei meistens nur mätzig gebildete Individuen finden, die mit einem Gehalt von 70— 100 Rubel im Monat zufrieden sind und die schweren der- antwortungsreichen Aufgaben nur ungern übernehmen. Sehr groß ist die Zahl der nicht direkt angestellten, sondern nur zeitiveiligon Spione und Detektivs, die der Polizei gelegentlich Mitteilungen machen. Diese Angeber, die sich aus allen Kreisen der russischen Gesellschaft rekrutieren, sind mit dem dichtesten Schleier der Anonymität umgeben, werden nur als Nummern geführt und nie genannt; denn ein Spion, dessen Namen bekannt ist, verlicrt-nicht nur seinen Wert, sondern ist auch dem sicheren Tode durch die Ve» schwörer verfallen. Ter Oberst Gerasuimowitsch, der gegenwärtige Leiter der St. Petersburger Geheimpolizei, ist der einzig lebende Mensch, der Namen und Geschichte der Taufende von Spionen kennt» durch die er seine Mitteilungen erhält. Selbst die Geheimpolizisten kennen einander nicht. In dem ät. Petersburger Geheimbureau, in dem die fähigsten Detektivs ihre Instruktionen erhalten, sind ge- trennte kleine Vorzimmer eingerichtet, in daS immer nur ein Mann hineingelassen wirb, bevor er das Zimmer des Chefs betritt, und er verläßt diesen Raum durch eine andere Tür, die ihn wieder un- gesehen ins Freie führt. Ein Geheimpolizist darf sich nur zu er- kennen geben, wenn er verhaftet wird, und es kommt nicht selten vor, daß Gcheiinpolizisten einen Kollegen gefangennehmen. Die fähigsten Elemente der russischen Geheimpolizei kommen aus dem Lager der Revolutionäre, unter denen es manche junge Burschen gibt, die, wenn der erste Rausch zerflogen ist, ihre Gesinnung ändern und die„nützlichsten" Mitglieder der Körperschaft werden. Auch Frauen finden sich in großer Zahl unter den Spionen, die gelcgent- licki der„Okhrana" dienen. Nicht selten kommt es vor, daß solche Spioninnen? ohne daß sie es wissen, den Geliebten verraten und dem Tode ausliefern. Die Geheimpolizei hat auch eine Anzahl Ausländer in ihren Diensten, die besonders in Paris, London und der Schiveiz mit russischen Geheimpolizisten zusammenarbeiten. Selten freilich findet sich unter den russischen Detektivs ein solches' Genie wie Gabriel Kabanow, der 30 Jahre hindurch die Polizei an die Ver- schwörer und die Verschwörer au die Polizei verriet. Er war ein vorzüglicher Sprachkenner, der die wichtigsten europäischen Svrachen so glänzend handhabte, daß ihn niemand für einen» Ausländer ge- halten hätte, und sich Russisch in zwölf verschiedenen Dialekten ausdrücken konnte; er war ein Philosoph, ein Maler, ein Sports- mann, kurz alles, was er wollte. Aber feine Verschwendungssucht, seine Vorliebe für aufregende und gefährliche Abenteuer verlockten ihn, mit den Revolutionären und der Regierung zugleich Geschäfte zu machen und in tollkühnen, verwickelten Intrigen �beide Parteien an der Nase herumzuführen und beiden zugleich zu nützen. In allen europäischen Großstädten tauchte er in den verschiedensten Masken und unter immer neuen Namen auf, war ein Vertrauter der nihilistischen Pläne und zugleich in alle Unternehmungen der Regierung eingeweiht. Für diese Kenntnisse lieh er sich denn auch von beiden Teilen bezahlen, weil er beiden Teilen zu nützen wußte. Physikalisches. Färbung deS Lichtes der Aronsschen Queck- silberlampe. Ein großer Mangel des Onecksilberlichtbogens, wie er in der von unserem Genossen Dr. Arons erfundenen Quecksilberbogenlampe entsteht, ist die fahle bläuliche Färbung des Lichtes. In einer ganzen Reihe von Fällen ist diese Farbe allerdings ein Vorteil, nämlich überall da, wo es nicht aus die Farbe, sondern aus die Helligkeit allein an'ommt. Für Auß.nbeleuchtungen beginnt Man daher mehr und mehr, die Quecksilberlampe anzuwenden. Ja, dafür hat sie sogar eine günstige Eigenschaft� die gerade in der Farbe des Lichtes begründet ist. Sie sendet nämlich fast nur grüne und violette Strahlen ans und diese vermögen in viel höherem Grade Nebel und Staub zu durchdringen, als die langweiligen roten und gelben, aber optisch angenehmeren und wärmer getönten Licht- strahlen. Für Jnnenbcteuchtung in Wohnungen und Festsälcn ist aber das Licht der QuecksiLberlampe unbrauchbar, denn man will seine Mitmenschen nicht als wandelnde Leichen mit schmutzig- grüner Hautfarbe und leichenblaucn Lippen sehen, am allerwenigsten im Festsaal. Da aber das Quccksilberlicht den schätzenswerten Bor- zug besitzt, bisher das weitaus billigste Licht der Welt zu sein, so hat man versucht, mit ihm dasselbe zu tun, wie mit dem Lichte der allbekannten elektrischen Bogenlampe, nämlich es zn färben. Die erste Bogenlampe mit gefärbtem Lichte war die von Bremer er- fundene, die im Jahre 1900 auf der Pariser Weltausstellung großes Aufsehen erregte. Das Prinzip lag in der Benutzung besonders präparierter Äohlenstifte, die zum großen Teil aus Stoffen be- standen, welche dem Lichtbogen ciine intensiv gelbliche und angenehm warme Tönung gaben. Seitdem ist eine Färbung in der Verschic- denstcn Weise ausgeführt worden, und in der Folge hat namentlich die schon gefärbte Lampe von Siemens weite Verbreitung gefunden. Mit der Färbung des Lichtes hatte man zugleich eine bedeutend verbesserte Wirtschaftlichkeit des au und für sich bis dahin schon fast billigsten Lichtes erreicht. Die Versuche, den Aronsschen Ouecksilberlichtbogen zu färben, sind natürlich technisch von den verschiedensten Seiten in Angriff genommen worden. Man hat versucht, durch Bekleiden des Lampen- körpers mit rötlich fluoreszierenden Stoffen dem Lichte eine andere Färbung zu vcrleilien, ohne daß es gelungen wäre, in wirklich er- solgrcicher Weise Abhülfe zu schaffen. Einen anderen und an- scheinend günstigeren Weg haben die Herren Dr. Gchrcke und von Wacher eingeschlagen, indem sie dem Quecksilber, zwischen dessen beiden Kuppen in der Lampe der Lichtbogen entsteht, etivas Zinl zusetzten. Das ergibt eine flüssige Mischung, die man Zinkamalgam nennt. Verwendet man eine Mischung von 30 Gowichtsteilen Quecksilber auf 100 Gewichtsbeile Zink, so überwiegt in dem mc- tallischeu Dampfe, der die Lanwo leuchtend erfüllt, die Farbe des Zinks schon bedeutend und verleiht dem Lichte ein rötliches Aus- sehen. Damit kommt es dem Tageslichte schon bedeutend näher als das einfache Ouecksilberlicht. Es hat indessen noch einen wesentlichen Nachteil; in ihm erscheinen alle gelb gefärbten Gegenstände sehr verändert, und zwar entweder zu rötlich oder zu grünlich. Diesen Umstand beseitigten Gehrcke und v. Bacher durch einen Zu- Jatz von ctivas Natrium und gaben dadurch dem Lichte eine Farbe, äe derjenigen der Bremerlampen sehr nahe kam. Doch nun zeigte sich ein neuer Uebelstand. Das bei gewöhnlicher Temperatur feste Zinkamalgam in der Lampe dehnte sich beim Betriebe stark aus und blieb an den Gehäusewandungen haften, infolgedessen diese oft zer- sprangen. Diese Gefahr wurde durch einen geringen Wismulhzusatz zu der Legierung beseitigt, dessen Geringfügigkeit die Farbe des Ouecksilber-Zink-Natriumlicktes nicht veränderte. Zu praktischer Wrauchbarteit ist die Methode der Herren Gehrcke und v. Bacher noch nicht gediehen. Sie haben aber wissenschaftlich dargctan, daß es möglich ist. eine Färbung der Aronslampe zu erzielen und sie so auch zu einer brauchbaren und außerordentlich billigen Licht- quelle für Jnnenbeleuchtung zu machen. Hiiuioristisllies. Das Plötzliche. .Dem Direktor der Berliner Nationolgalerie, Professor Dr. v. Tschudi, ist der Charakter als Geheimer Regicrungsrat verliehen worden." Tschudi ist Geheimer Rat. Wackle nicht, mein Prcnßenstaat. Gestern noch zum Himmel schrie Seine Nationalgal�rie. „Ganzmoderne Knnstverblendnng 1° (Welche Wendung,— welche Wendung.) In der Würste tiefstem Kessel War noch gestern Alfred Messel. Jählings die Bedenken tauten; Staatsauftrag. Mnseuinsbantcn. Hell wird seine Erdensendung. (Welche Wendung— welche Wendung.) Bruno Paul war ein Verdruß. Auswurf. Simplizissimus. Wirkte gestern noch verderblich, Heut Direktor kunstgewerblich. Anton Werner:„Landesschändung 1 1" (Welche Wendung,— welche Wendung) ... Tschudi ist Geheimer Rat. Plötzlichkeiten früh und spat. Ist erst Tschudi was geworden, Kriegt Graf Keßler einen Orden; Edvard Münch hängt an der Wand; Licbermann? In Adelstand. Pfründensegen; Gnnftvcrschwendung.. I Welche Wendung,— welche Wendung! __(Alfred Kerr in der«Franks. Ztg/) Notizen. — Der Goethe-Verein veranstaltet seinen achten Kunst» nachmittag zu volkstümlichen Preisen am Sonntag, den 20. Januar, 3 Hz Uhr, im Saale der Sezession, Kurfürstendamm. Er ist Ger» hart Hauptmann gewidmet. Die einleitenden Worte und Rezitation führt Dr. R u d o l f B l ü m n e r(Deutsches Theater) au?. — Ein junges Talent ist in A r t u r P s e r h o f e r dahin- gegangen. Wiener Frische und Humor hatte er nach Berlin ver- pflanzt, wo er nun kaum 33 Jahre alt gestorben ist. In kleinen ivitzigen Lustspielen und als schlagfertiger einfallsreicher Rezitator des Kabaretts hat er sich betätigt und manchem die Grillen ver- jagen helfen. — Karl v. Perfall, der langjährige Generalintendant des Münchener HoftheaterS, ist in München im Alter von 83 Jabren verstorben. Ursprünglich Jurist, hatte er sich in jungen Fahren schon der Musik widmen können. Er studierte in Leipzig bei Moritz Hauptmann. Eine Anzahl von Opern und Gelegenheitsinusiken zeigen ein nicht allzu großes, mehr ins Dilettantische spielende Talent. Hervorragendes hat Pcrfall dagegen als Intendant geleistet. 1864 wurde er zum Münchener Hosmusik- Intendanten ernannt. Er organisierte die bayrischen Musikschulen und übernahm dann 1867 ans Wagners Empfehlung hin die Leitung der Münchener Bühnen. Auf allen Gebieten— Repertoire, Reform des Theateragenturwesens eingeschlossen— suchte er reformierend einzugreifen. Das Mllnchener Hoftheater hat unter ihm Glanztage gesehen. Vor allem auch hat er Ibsen die Tore geöffnet und Wagner hochgehalten, als es noch nicht Mode war. Seit der ge- schästlhnbcrische Possart an seine Stelle trat, ist das Münchener Hos- theater von Jahr zu Jahr gesunken. — Die russische Freiheit Sbelvegung auf der deutschen Bühne. Der russische Schriftsteller und langjährige Chefredakteur der kürzlich unterdrückten Petersburger Zeitung„No- wosti", O. K. Nvtowitsch, dessen russische Bearbeitung von Haupt- manns„Friedensfest" jetzt von den russischen Hofbühnen erfolgreich aufgeführt wird und der sich augenblicklich in Berlin aufhält, hat hier soeben ein großes Bühnenwerk, betitelt„Die Helden der „Freiheit", vollendet. Dieses Werk, das demnächst auf einer Berliner Bühne aufgeführt werden soll, spiegelt die jetzige Freiheits- bewegung in Rußland mit all ihren ergreifenden Begleiterscheinungen in packender Weise wieder. — Eine seltsame U n t er ri ch ts m eth o d e. Der Moliäresche Spießbürger spricht Prosa, ohne es zu wissen. Daß man aber ivirklich eine ganze Sprache lernen kann, ohne die Absicht und selbst ohne das Bewußtsein davon zu haben, beweist eine autobiographische Skizze Benjamin C o n st a n t s, die jetzt in der„Revue des deux Mondes" erscheint. Constant sprach schon mit sieben Jahren ge- läufig griechisch. Er verdankte diese Kenntnis seinem ersten Hof» ineister, einem Deutschen namens S t r o e l i n, der für diesen Sprachunterricht eine merkwürdige Methode ersonnen hatte. Constant schreibt darüber:«Sie bestand darin, mich daS Griechische erfinden zu lassen, d. h. er schlug mir vor, eine Sprache für uns zlvei zu schaffen, die keiner sonst kennen würde. Wir bildeten zunächst ein Alphabet, in das er die griechischen Buchstaben einsetzte. Dann legten wir ein Lexikon an, worin jedes französische Wort durch ein griechisches übersetzt war. Alles das prägte sich meinem Hirn ausgezeichnet ein, weil ich eS erfunden zu haben glaubte. Ich kannte schon eine Menge griechischer Worte und beschäftigte mich damit, sie unter allgemeine Gesetze zu bringen, d. h. ich lernte die griechische Grammatik, als mein Lehrer davon» gejagt wurde." Die Ursache dieses Endes war nicht etwa die wirklich recht schlaue, auf den Spicltrieb der kindlichen Seele berechnete Methode, sondern die Gewohnheit des Lehrers, seinen Zögling erst brutal zu schlagen, um ihn nachher mit Zärtlichkeiten zu ver- söhnen. — Ein M n r i l l o f ü r 9 F r. Ein längst vergessenes Bild des spanischen Malers Murillo, daS den hl. Francesco di Paula darstellt, kam in Genf zum Vorschein. Es wurde aus dem Nachlasse eines Genfer Bürger? von einem Antiquar um 9 Fr. erstanden und von diesem für 20 Fr. weiterverkauft. Nach einer gründlichen Reinigung entpuppte es sich als ein echter Murillo vom Jahre 1669. Jetzt dürste cS 100 000 und mehr Frank wert sein. — Die totale Sonnen sin st ernis, zu deren Beob- achtung eine Expedition der Hamburger Sternwarte nach Djisak im Gouvenicment"Samarkand(Zentralasicn) entsandt wurde, konnte nicht beobachtet werden, da der Himmel bedeckt blieb und Schnee- treiben herrschte. — Eine Lynch stati st ik. Nach den amtlichen Mitteilungen wurden im Jahre 1906 in den Vereinigten Staaten insgesamt 99 Lhnchmorde verübt. Man hatte gehofft, daß in diesem Jahre wenigstens in den Nordstaaten keine Lynchtaten zu verzeichnen sein würden; aber nach den elf Monaten und 27 Tagen des Jahres, die verflossen waren, mußte Colorado doch noch seinen Lynchmord haben. Bei diesen getöteten 99 Personen sind die im September in Atlanta getöteten zwölf Neger und die weiteren, in Scooba und Wasala gelynchten zwölf Schwarzen nicht mitgerechnet. Den zweifelhaften Ltuhm der meisten Lynchmorde kann Mississippi mit zwölf Getöteten für sich in Anspruch nehmen. Perantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerIgg»anstaItPaulSingerLcCo..BerlinL1V.