Zlnterhattungsblatt des vorwärts Nr. 13. Freitag, den 18� Januar. 1907 (?!achdmck verboten.) is� l�aäame ä'Ora. Roman von I o h a n n e s V. Jensen. Evanston war jetzt auf ein Thema gekommen, das ihn beredt machte. Edmund Hall aber sah da und ertappte sich darauf, wie ihn ein zunehmender Widerwille gegen diesen Mann erfaszte, obwohl es ihm sonst nicht einfiel, ihn in irgend eine Beziehung zu sich selbst zu stellen. Mit welchem Recht und aus tvelchem Grunde sah dieser wohlbeleibte Missionar jetzt da mit einem häjzlichen Blick und ereiferte sich über em Unrecht, das andere, ihm unbekannte Leute erlitten hatten? Evanston wurde indessen von Mc. Carthy zum Schweigen gebracht, der in Allan Kardec und Davis an Bord ging und in den Wolken verschwand. Edmund Hall schnitt die Spitze einer Zigarre ab und zündete sie an. Mc. Carthy warf immer mehr Ballast aus. Während er schwebte, kam Frau Mc. Carthy aus dem Schlaszimmer herabqeschlichen und setzte sich mit� einem vorsichtigen Blick zu ihrem Mann hinüber auf einen Stuhl. Edmund Hall zog fragend die Brauen in die Höhe, und als eine Pause entstand, beugte sie sich vor und flüsterte: „Sie chat geweint, jetzt schläft sie." Hall erhob sich und stand da, den Blick mivcrwandt auf Mc. Carthy gerichtet, bis dieser sicher auf der Erde landete. „Sie wollen doch nicht schon gehen, Herr Hall?" rief Mc. Carthy aus, sich gleichsam an einem Baum haltend, bereit wieder in die Luft zu steigen. „.Wann haben Sic gedacht, den Kreis zu dem Vortrag zu versammeln?" fragte Hall mit einer brutalen Höflichkeit, die vielleicht niemand als ihnc selber fühlbar war. Mc. Carthy wenigstens merkte nichts, er machte eine liebens- würdige, entgegenkommende Verbeugung,>var lariter Zuvor- kommenheik. Ja. darüber muhte man reden... An der Haustür wurde geschellt. Mc. Carthy eilte mit einer Entschuldigung hinaus, lim zu öffnen. Holl setzte seine blaue Brille auf und suchte nach seinem Stock. Aber er konnte nicht sofort gehen, denn der Mann, mit dem Mc. Carthy draußen aus dem Gang erst fremd sprach und den er dann zuvorkommend in das Zimmer einlud, war Thomas A. Mason. 7. Er kannte Evanston und Hall, und sie kannten ihn, aber alle drei verbargen es einen Augenblick, jeder aus seinem Beweggründe. Und sie sahen alle drei stark aus, jeder auf seine Weise, während der wenigen Sekundcn, die sie einander fixierten. Mason war der Gewandteste, er tat, als erhole er sich endlich von einer ganz lähmenden Ueberraschung. „Ja. ich sage, New Aork ist klein!" rief er kamerad- schaftlich aus und ging mit ausgestreckter Hand vor.„Sie sind nickt die ersten bekannten Gesichter vom Promenadendeck des„Bacharach", auf die ich hecite gestoßen bin, Herr Evan- ston und Herr Edmund Hall. Wissen Sie übrigens, daß man immer, wenn man von Bord eines Schiffes geht, seine Mit- reisenden auf die rätselhafteste Weise in der Stadt treffen wird, nach der man kommt— in einem Fahrstuhl, auf der Straßenbahn, an Orten, wo es sich um Sekunden handelt, ob man zusannnenstößt oder nicht, aber man tut es. Ich bin einnial mit einem Reisegefährten in einem Rettungsnetz zu- sammengetroffen, in das wir beide aus einenr brennenden Hotel hinabspraugen und fragten:„Wie geht es Ihnen," als wir uns von Angesicht zu Angesicht in dem Netz sahen.— „Ist Ihnen die Reise gut bekommen?"— Einnral habe ich einen höchstgcebrten Mitrciscilden in einer Zelle in Sing-! Sing— getroffen.. „War dies letzte Znsammentreffen so ungeheuer zu- � fällig?" fragte Hall verzweifelt. Er wollte doch einen Stein! in die dritte Mühle werfen, die dort zu mahlen anfing. Mason hielt auch wirklich mit einem knirschenden Laut an, nickte dann mit der allersamiliärstcn und anerkennend-! sten Miene von der Welt. „Nicht übel!" sagte er und kniff die Augen zusammen. Hall wandte sich gleichgültig von ihm ab und Mc. Carthy< sprach leise mit seiner Frau. Hall sah nach seiner Uhr, es! war über neun. Evanston hatte sich ebenfalls erhoben, um! zu gehen, er stand im Schatten hinter der hohen Stehlampe, das Gesicht einem Bild an der Wand zugewendet. „Die Herren wollen doch nicht gehen, weil ich gekommen bin?" sagte Mason bedauernd,„mein Anliegen nimmt nur kurze Zeit in Anspruch, ich werde mich gleich wieder emp- fehlen." „Wenn Sie mir Ihre Adresse geben wollen, Herr Thomas A. Mason," sagte Mc. Carthy,„so toill ich heute abend noch in meinen Büchern nachsehen und Ihnen die ge- wünschten Aufklärungen senden." „Ich bin Ihnen sehr verbunden." Mason zog eine Karte heraus und schrieb seine Adresse darauf. Dann verabschiedete er sich, indem er jedem die Hand gab. „Herr Evanston," fragte er, als er zu ihn: kam,„könnte ich wohl ein Wort mit Ihnen reden? Nicht jetzt, aber vielleicht würden Sie mir sagen, wo Sie wohnen, dann sehe ich morgen bei Ihnen vor." Evanston wandte sich langsam um, er antwortete nicht. Hall sah staunend, daß das knochige Gesicht ganz aschgrau war, und daß seine Augen matt aussahen. „Es ist übrigens nichts von Wichtigkeit," fügte Mason hinzu, als ihm Evanston nicht gerade willig entgegen zu kommen schien.„Ich weiß. Sie sind Missionar in China ge- wesen, Herr Evanston, und ich dachte an die Möglichkeit, einige Aufschlüsse, um die es mir zu tun ist, von Ihnen zu erlangen. Vielleicht treffen wir uns einmal wieder.— Aber was— was ist denn d i e s?" Ein leises, knarrendes Geräusch an der Tür machte sich bemerkbar. Alle sahen dahin. Mirjam stand dort. Sie hatte nur ein Weißes Nachtgewand an, und das Haar war gelöst, das Lampenlicht fiel auf ihre nackten, dünnen Füße. Die Augen standen offen, aber sie sahen nicht die jungen Züge schliefen, der Mund war gerade so weit geöffnet, daß sie den Eindruck machte,.als atme sie. Sie schlief. Jetzt trat sie vor, die Augen fielen ganz langsam zu, als das Licht sie berührte, öffneten sich aber wieder. „Still!" flüsterte Edmund Hall befehlend. Und während sich nun niemand vom Fleck riihrte, ging Mirjam weiter ins Zimmer hinein, ohne den Stühlen nahe zu kommen und ohne die Arme zu heben. Sie ging dicht an eine Stubenwand heran und glitt in ihrer ganzen Länge daran entlang, blieb ein wenig an dem Harmonium stehen und begann dann weiter zu gleiten. Evanston und Hall standen nicht weit voneinander. Mirjam ging ihnen entgegen und blieb einige Schritte von ihnen entfernt stehen: die andern hatten den Eindruck, als wolle sie zu einem von ihnen hingehen, wisse aber nicht zu wem. Sie bog den Kopf ein wenig hintenüber, sie sah über- irdisch aus in ihrer Feinheit und Ruhe, wie sie so dastand. Dann wendete sie ganz leise und langsam den Kopf Hall zu, trat dicht an ihn heran und sah ihm gerade ins Gesicht. Er beugte sich herab und begegnete ihrem Blick, der blind war, aber sanfter und tiefer als der Blick des Rehs im Walde. Sie erhob die eine Hand und näherte sie seinein Herzen. Da zuckte er zusammen und wich zurück. Mirjam erwachte, sie wandte sich stumm ab. legte den Arm über ihre Augen und schien zu schwanken. Frau Mc. Carthy führte sie still hinaus. „Ein neuesVersilchsobjekt, Herr Edmund Hall?" ertönte Masons Stimme mit einer stark verächtlichen Be- tonung. Und als Edmund Hall sich aus seiner Gemüts- bewegung herausriß und Mason erstaunt ansah, begegnete er einem dreisten, fast wilden Blick aus den Augen des kleinen Mannes.—„Der ist sicher Unteroffizier gewesen", dachte Hall. „Was wollen Sie?" fragte er.„Was gehen Sie hier überhaupt herum und sammeln unfaßliche Pnvatgeheimnisse, Herr Mason?" Thomas A. Mason trat dicht an Hall heran und bohrte den Blick in den feinen. Es war ein roher, tatkräftiger Blick, es lag Gewalt darin. „Haben Sie die Güte, mich nicht mit Ihrer Person zu wärmen," sagte Hall.„Ihr Atem ist auch keineswegs gut, Herr Mason." Mason zog sich zurück. „Sic werden schon erfahren, was ich will," kommandierte er. Und sich mit einer entschuldigenden Gebärde vor Herrn und Frau Mc. Carthy verbeugend, wandte er sich mit kräftiger und sprungbereiter Bewegung zum Gehen. „Was in aller Welt ging nur mit dem Manne vor sich?" rief Hall sehr erbost aus, als A?c. Carthy. der Mascn hinaus- gelassen hatte, zurückkehrte. Mc. Carthy schüttelte unschuldig den Kopf. Ahnte es nicht. Kannte den Menschen nicht. Er war gekommen, um Mc. Carthy um einen Auszug aus seinen Protokollen aus der Zeit, als er noch Gesängnisprediger war, und da Mc. Carthy in dem Glauben war, daß er ein Detektiv sei, obwohl er sich nicht als solchen vorstellte, hatte er ihm die gewünschten Aufschlüsse versprochen. Ed nund Hall müsse den Auftritt sehr entschuldigen. Dergleichen Menschen hätten nicht allemal den richtigen Begriff davon, wie sie sich benehmen müßten. Jo Mc. Carthy erhielt häufig Besuch von irgend einem Mann, der im Dienst der Polizei stand und einen Einblick in seine Protokolle zu trm wünschte, und er pflegte es nicht abzuschlagen, obwohl diese Menschen nicht alle gleich taktvoll waren. Mc. Carthy redete jetzt von einem frischen Wind getrieben draus los. Aber Hall war müde und wollte gehen, er unterbrach ihn, führte selber die Unterhaltung und verabredete einen Abend für die nächste spiritistische Sitzung. Er teilte Mc. Carthy mit, daß er diesen einen Abend in feinem Hause erscheinen wolle, aber wenn die Sitzung ein Resultat ergäbe, das die Abhaltung anderer Zusammenkünste zur Folge hätte, so müsse er darauf bestehen, daß sie alle in sein Laboratorium drüben in der Stab» verlegt würden, wo er die nötige Kontrolle üben könne. Darüber einigten sie sich, und dann verabschiedete sich Hall kurz und ging. Er fühlte sich sehr nervös, unruhig und beschloß, einen Spaziergang zu machen. Brooklyn, wo er nicht oft gewesen war, ward ihm indes bald zu trübselig mit seinen häßlichen Straßen und seinem Gewimmel von schäbigen Leuten, er bestieg eine Straßenbahn, deren Ziel er nicht kannte und beschloß damit zu fahren, wohin sie ihn führte, wie er das oft zu tun pflegte, wenn er das Bedürfnis hatte, alles von sich abzuschütteln. Die Bahn ging quer durch die Stadt und eine meilenlange Straße entlang, bis nach Long Island hin- aus. Hall stieg ab, als keine Hänser mehr an den Seiten des Weges lagen, und als er sah, daß«'ine andere Straßen- bahnlinie wieder in die Stadt hineinführte, eine halbe Meile quer über das offene Land, da beschloß er die Strecke Weges über die Felder zu gehen und mit der andern Linie nach Hause zu fahren. Es war nicht sehr dunkel, außerdem sah er hin und wieder einen erleuchteten Wagen vor sich vorüber- gleiten, mit blauen Lichtern; er hielt diese Richtung inne, durch betautes Gras watend. Es war so wunderlich still hier. Ein Geruch von Ueppigkeit schlug ihm über dem Kops zusammen, in weiter Ferne erscholl ein ganz gedämpftes Quaken von Fröschen, wie aus einem Horizont von dunklem Grün. Weit hinten lag Brooklyn in einem trüben Rauch, und dahinter schimmerte New Kork weiß in der Luft, in der großen Entfernung wie der heiße Nebel über einem Feuer- schlund erscheinend. Hinter New Nock stand eine ferne, ge- waltige Wolkenbank, und darüber wölbte sich der Himmel, noch klar und hell nach dem Sonnenuntergang. (Fortsetzung folgt.) KiicKKimst der alten JVIeifter« Bon Ernst Schur. DaS Kuiistgelverbemustum ist nach dem inneren Umbau wieder erögnet worden. Die erste Arrsstelluiig, die im Lichthof gezeigt wird, ist der Buchkunst der alten Meister gewidmer. Es kommt damit die neu erworbene Sammlung Grisebach zur Auf- stellung, die die hervorragende Erwerbung des vorigen Jahres war, eine Sammlung alter Drucke, die in ihrer Vollzähligkeit eine beinahe lückenlose Uebersicht über die Geschichte des Buchdrucks von den An- fangen an geben. Diese aus etwa zweitausend kostbaren Bänden Bestehende Sammlung bietet unschätzbares Material für den Fach- mann wie für den Kenner. Dank der regen Propaganda de-Z Direktors der Bibliothek. Josten, ist es gelungen, mit Hülfe von Knnstfreimden und Fachleuten diese Sammlung für das Museum zu erwerben. Die Ausstellung, die eine Auswahl der wichtigsten Werke giebt, ist sehr übersichtlich in Gruppen geordnet, die d'e Entwickeln ng markant zeigen. Sie umfaßt den Zeitraum vom 16. bis zum. 18. Jahr- hundert. An, Beginn steht daZ geschriebene Buch, das unter Vor- Wendung kostbaren Materials(Pergament, Gold) von den Mönchen in den Klöstern geschrieben ivurde und zugleich mit Initialen, Rand- leisten und Bildern geschmückt wurde. Der Schreiber des Buches War also zugleich der Künstler. Daher die herrliche Einheit dieser feinen Werke, die mit einer Sauberkeit und Akkurateste ausgeführt sind, daß viele die Schrift für Druck halten werden. Arbeitete doch solch ein Schreiber oft sein Leben lang an der Herstellung eines einzigen Buches, das allerdings meist ein Foliant von anjehn- licher Stärke war. In dieier geschriebenen Buchkunst haben wir zugleich die Anfänge der Malerei, die ebenfalls ins 14. Jahrhundert zurückgehen. Die Malerei geht ans den Minia» turen der Handschriften hervor. Dieser malerische Reiz ist ganz wundervoll in den kleinen Bildern der Schriften erhalten. Reizvoll schlingen sich farbige Girlanden um das geschriebene Seitenbild. deren seines Linienspiel entzückt. Reich und graziös ist dieser freie Stil. In ein großes Initial wird ein ganzes Ergebnis hinein- geinalt und speziell leuchtet hier die Landschaft in prachtvoll tiefen Farben, denen als Kontrast ganz helle Nuancen gegenüberstehen. Mit welch zierlich-primitiver Snbtilität ist z. B. ein Baum mit seinem zarten Geäst in die Landschaft hineingesetzt, eine natürliche Primitivität, die manche moderne Maler heut künstlich anstreben. Die Gewänder der Figuren leuchten in voller Pracht blau und rot aus dem Grünen, und das Gold fügt einen tiefwarmen Ton hinzu. Zugleich ist das Seitenbild sehr fest und vollkommen sicher in der Anordnung und diese Verbindung der kräftigen Buch- staben mit dem feinen malerischen Schmuck ist von besonderer Wirkung. Die Bnckstabcn wurden mit der Gänse- oder Rohrfeder geschrieben, der Tm meist in zwei Parallelspalten angelegt. Der Charakter der Buchstaben ist gotisch, er erhält je nach der Persönlich- keit und dem Ort eine besondere, lokale Prägung. Allgemein ist die sorgsam innegehaltene, gleichmäßige Flächenivirknng, die der Schreiber durch ganz genaue AuSfcilung und Anpastnug der Buchstaben er- reicht, so daß sich keine Lücken ergeben. Der Rotmaler fügt die Anfangsbuchstaben und Neberschriften in roter oder blauer Farbe ein. Dann kommt der Illuminator oder Miniator und malt Rand- leisten und Bilder hinein. Die Einheit des Ganzen bleibt immer bestehen, der dekorative Eindruck ist immer vollendet. Nichts drängt sich hervor. Ruhige, prächtige Flächenwiriung zeigt jede Seite.(Schrank 1 zeigt dieses»geschriebene Buch".) Um durch eine unnötige Fülle nicht zu verwirren, seien die drei Hanptperioden herausgehoben, die sich in charakteristischen Druck- werken absondern ans der Masse. Das sind: das gotische Buch (Deutschland), das italienische Buch der Renaissance, daS französische Buch des 18. Jahrhnnderls, dies sind die Höhe- punkte der Druckkunst in Europa. Gnteilberg und seine Nachfolger schlössen sich an daS geschriebene Buch an. Wenn man die Seiten der deutschen gednickicn gotischen Bücher(Schrank 2) in ihren kräftigen, gleichmäßigen Typen. in der Vettvendung der Farbe, in den Verzierungen mit dein geschriebenen Buch vergleicht, so wird man diese Aehnlichkeit herausfinden. Es verliert sich natürlich die persönliche Schönheit, der Reichtum im Ausdruck, den die auf all- gemeine Verwendung abzielende Drucktype nicht behalten konnte. Die Haltung im ganzen mußte einfacher, sachlicher werden. Schmuck wie Type zeigen in der Drnckübertragung diese Vereinfachung. Aber die Verbindmig, die Uebercinstimmnng merkt man doch. Kräftig und bestimmt erscheint das Seilenbild. Im Ton prachtvolles, derbes Papier trügt die breite, satte Type. Die Kolumne steht wie eine feste Säule, um die das Rankenwerk der Ornamente ein zierliches Spiel schlingt. In der ersten Periode malt der Rotmaler noch die Initialen hinein. Dann werden auch diese eingedruckt. Auch die Illustrationen wurden nun eingedruckt. Das Bild wurde in Holz geschnitten und eingefügt. Solange die Zeichnung nur den Umriß gibt, finden wir trotz der da- durch gebotenen Kürze des Ausdrucks eine volle, ausreichende Wirkung. Sobald die Umrisse koloriert wurden, trennten sich natur- gemäß Illustration und Text, wenn auch für den Holzschnitt hierin ein Forrschritt lag, der jetzt eine ganz andere farbige Lebendigkeit erhielt. ES begann hier ein neuer Stil im Holzschnitt. In der folgenden Zeit ging man noch mehr zu einer wirllichen Illustration über. Der Holzschneider lernte vom Kupferstecher. Licht und Schatten ließen die Figuren plastischer heraustrete». An Masse nimmt die Bnchproduklion zu, an Qualität schon ab. Die Schriften verlieren an Charakter. Die Verzierungen drängen sich mehr in den Vorder- gnind und überwuchern zum Teil den Text. Die Renaissance kündet sich an. Und obwohl in dieser Zeit die Illustration durch die Tätigkeit von Künstlern, wie Dürer, Holbein u. a. künstlerisch ihren vollen Ausdruck fand, sank die drucktechnische Fertigkeit. Das Bild steht in reifer Schönheit, mit alle» Mitteln durchgebildet, vor unS; dagegen erscheint der Druck schon beinah kümmerlich. Und neben dem Bild ist eS das Ornament, das durch den Reichtum, die Fülle seiner Gestaltung verblüfft. Straßbnrg und der Elsaß hielten noch energischer an der alten, guten Tradition, die auf die delorativ- technische Ausstattung des Buches Wert legte, fest. Fein im Bild- lichen ist Augsburg, das vor allem den Theuerdank mit seinem reichen Schnörkelwrrk druckte. Am feinsten wuchs sich dieser Renaissancestil in Basel aus, wo ein Künstler wie Holbein Jllustra- tionen und baupffächlich Umrahmungen entwarf und zugleich dabei daS Buchmäßige genau berücksichtigte, das aber hier ebenfalls all- mählich sank. Einen neuen Stil, der ebenbürtig dem gotischen Buch zur Seite trat, brachte Italien. Das italienische Buch der Renaissance.(Schrank 1ö.) Deutsche Drucker brachten die Dmckkunst nach Italien und zuerst zeigt das italienische Buch den ähnlichen gotischen Charakter wie in Deutschland. Raidolt ans Augsburg druckte in Venedig Bücher, die die reizvolle Ornamentik der Benetianer Buchinaler, die an den Orient anklingt, auf die Trucklunst überträgt. Seine Type ist fein und zugleich charakteristisch und das leichte Rankenwerk ergibt weiß auf schivarz eine dekorative Einheit mit der Druckseite. Venedig wurde dann überhaupt der Mittelpunkt der italienischen Buchkunst. ES wird die Antiquatype verwandt, die klar und fein ist. Dem Satzbild ist eine graziöse, lichte Zierlichkeit eigen. Diesem klaren Bild iügten sich die Holzschnitte, die in freien Linien absichlich nur cga Jlniriß gaben, prachtvoll ein. Ein linearer Stil von dekorativer Prägnanz, durch die Reinheit, Einfachheit der Form bestehend. Auch die Illustration wahrt diesen zurückhaltenden Charakter. Einige Künstler geben dem Holzschnitt eine neue Ausdrucksfähigkeit, indem sie eine energische Schwarz-Weißwirkung anstreben, so daß in dem freien Linienipiel breite, schwarze Flecken(etwa die Hüte oder Schuhe in den Kostümen) heraustreten. Die Flächenwirkung ist überall bei- behalten. Florenz ist dafür charakteristisch, das diesen knappen, strengen Stil besonders Pflegt. Allmählich sinkt auch hier die Druck- kunst und zwar zeigen sich die gleichen Symptome wie in Deutsch- land: die Künstler verlassen die Flächcnwirlnng, operieren mit Licht und Schatten, um Plastisch zu wirken. Das sührt zur Vergröberung, zur Verflachung. Den dritten Höhepunkt bildet das französische Buch des 18. Jahrhunderts.(Schrank 23.) Ehe das zu diesem Höhe- Punkt kam, hatte es ähnliche Studien zu durchlaufen, wie das deutsche, das italienische Buch. Es entwickelte sich ebenfalls aus der Pariser Buchmalerei, die im Buchstaben kräftig, im Schmuck zierlich war. Dann kam die gotische Ornamentik, die durch die Renaissance abgelöst wurde. Aus dieser Zeit existieren eure Reihe von Liebhabern in Austrag gegebene Lücher, die charakteristisch das Hinneigen des französischen Geistes zur eleganten Form zeigen. Dann kam der Kupserstich, den zuerst die Niederlande bemitzm. Sie entwickeln die Renaissance zum Barock. Man spürt den Einfluß von Rubens. Große mythologische Bilder werden dem Text eüigefügt. Auch die Radierung wurde für den Druck lwtzbar gemacht. Für das See- fahrcrvolk der Holländer sind die großen Äilante» charakteristisch, die zum ersten Male in diesem Umfange gestochen werden. Diese neuen Anregungen bildeten die Franzosen im 18. Jahrhundert aus. Sie schufen aus Type und Stich eine Einheit, deren Eleganz besticht. Ludwigs XVI. Zeit ist es. Schon zu Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. Zeiten begann man, dem Stiche seine Ans- inerksanrkeit zuzuwenden. Freilich wollte man noch durch den Umfang verb lü yen und schuf sene riesigen, mit Kupferstichen angefüllten Werke, die den Ruhm des Königs in serviler Tonart verherrlichen. Nach 1750 bildet sich dann, indem diese Maße des Umfangs vernünftig herabgesetzt wurden, indem die Gesellschaft und damit der einzelne mit seinen Neigungen mehr Geltung gewann, der' besondere französische Buchstil heraus. Klare, feine Typen, sachliche Anordnung, maßvoller Schmuck, die Vollbilder in feinster Kupferstichtechnit und auch Einband und Vorsatzpapier sind gebührend berücksichtigt*). Nach Deutschland kam diese Art durch Chodowiecki. Die Bücher der vorklassischen und klassischen Zeit find in diesem Stil gedruckt. Einige Musterbücher von Pariser Schrift- gießereien zeigen feine Schriften und Ornamente in Auswahl. Dann kam das Zeitalter des Rokoko, in dem man die gute französische Tradition noch beibehielt. Danach verflachte die Druckkunst unaufhaltsam. Die Masse der Nachfrage zerstörte die Sorgfältigkeit. Es ging abwärts, bis endlich in unserer Zeit die Buchkunst wieder Boden gewonnen hat. Es ist darum von erheblichem Wert, daß diese Sammlung dem Museum verbleibt. Sie ist, sobald die Ausstellung geschloyen sein wird, dann wochentüglich von 10 Uhr morgens bis 1(1 Uhr abends zu benutzen. Die Ausstellung ist am Tage inrd abends geöffnet. Möge vor allem die Praxis aus dem in dieser Vollständigkeit selten vorliegenden Material dauernde Anregung gewinnen I kleines feuilleton. Die Ncichstagswahl in Krattelhansen. So viel hatte der Bürgermeister van Ärattelhausen jedenfalls heraus, als er im Städtchen gesprochen hatte mit dem Amtmann. Er, der Bürger- mcister, hatte dafür zu sorgen, daß in Krattelhausen nicht sozial- demokratisch und nicht schwarz gewählt wurde. Alles andere war dem Amtmann und folglich auch dem Bürger- Meister so ziemlich egal. Nun hatte ja Krattelhausen nur zweiundvierzig Wähler, davon fünftinddreißig Bürger waren und sieben Knechte. Selbstvcrständ- lich kannte der Bürgermeister seine Leute in- und auswendig, und von den Bürgern wußte er genau, wie sie wählen würden. Rur einer, der alte Gcntner, war zweifelhaft, der schimpfte immer, daß der Schnaps so teuer geworden sei in den letzten dreißig Jahren, und dem war nicht zu trauen; aber mit dem hatte der Bürgermeister seinen eigenen Plan. *) Das Derbe der niederländischen Bücher, das Pomphafte der Zeit Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. ist abgedämpft zu einer graziösen Germania. Typisch dafür sind jene kleinen Almanache, deren anmutige Ansstattima im Ornamentalen und Figürlichen nun im Drucktechnischen auch bei uns Eingang fand. Von den Knechten waren drei nicht ganz ycher für ihn, undf hier hatte er jedenfalls einzusetzen. Pitzhofcr ging zum Höhlenbauer, der hatte den gefürchtetstew, Dieser junge Mann war aus der Stadt gekommen auf An- ordnung des Arztes; er mußte sich durch Arbeit auf dem Lande von seiner Lungenkalamität kurieren. Er hatte etwas UeberhebendeI in seinem Wesen, so überhebend, daß er überhaupt fast gar nicht mit den anderen Leuten sprach, und auch nicht mit den Knechten anderer Leute. Man kannte seine Ansichten nicht, darum gab es! hier nur eines; beiseite schaffen. Man einigte sich auch in diesem Sinne, und der Höhlenbauer versprach, den Kerl einfach am Wahltage mit einer Fuhre Holz fortzuschicken. Die anderen beiden waren, der eine beim Schmied, der andere beim Holzmichel, bei denen war der Weg der friedlichen Heber, zeugung vorzuziehen, und der Bürgermeister ging persönlich zu den beiden. Sie ließen sich gern überzeugen, und die Sache kostete nur zwei Mark, was für Pitzhofcr nicht der Rede wert war. Es kam der Tag der Wahl. Der alte Gentner hatte am Morgen vom Bürgermeister eine ganze Flasche selbstgebranntes Wafler er, halten und war nicht zur Wahl gekommen, auch die drei ge, fürchteten Knechte waren der Wahl ferngeblieben und trotzdem,, trotzallcdem, das Pech, das unsagbare Pech——. Der Bürgermeister rannte auf und nieder und stieß den Stuhl so ungnädig aus den Boden, daß er einbrach und die Bretter knackten. Eine Zentrumsstimme und eine sdzialdemokratische, sagte der Lehrer. Wie sollte er nun dem Amtmann gegenübertreten--, in seinem—— in Pitzenhofers Torfe, im Dorf Krattelhausen, eine Zentrumsstimme und eine sozialdemokratische. Der Bürgermeister schwor und fluchte, daß die Bilder vom alten Großherzog an der Wand wackelten, aber der verpfuschte Patriotismus von Krattelhausen, für den doch der Bürgermeister draußen in der Welt, das heißt im Amtsstädtchcn zu stehen hatte, war dadurch nicht repariert. Ter Gcnrcindcschreiber duckte sich, der Ortsdiener verschwand hinter einem Pult, aber die beiden Stimmzettel verschwanden nicht, die lagen da, und die mußten regelrecht angemeldet werden, daran war nichts zu ändern. Aber eine Genugtuung mutzte Pitzenhofer haben, er mußte wenigstens herausbringen, wer diese Stimmen ab-> gegeben hatte. Auch das war übrigens nicht so einfach, wie er dachte, als er den Entschluß faßte, um jeden Preis zu erfahren, wer die Sünder gewesen. Es mußte aber schnell geschehen, denn mal sollte womöglich noch am Wahltage dem Amtmann das Resultat mitteilen können. Der Amtmann batte ja allerdings noch an andere Dinge zu denken, als an das Wahlergebnis von Krattelhausen, aber der Bürgermeister nicht, und darauf kam es jetzt augenblicklich an. Der Dorfoberste sann vergebens auf Mittel und—, wie es seine Gewohnheit war, ging er vor und nach dem Essen in seiner Wohnstube auf nitd ab und schimpste und polterte; ein Klafter Holz gäbe er darum, wenn er wüßte, wer die beiden waren. Diese Schimpfereien drangen auch an's Ohr der Stall- und Küchenmngd, und als der Bürgermeister nach dem Essen allein war in der Swbc, da ging sie hinein und sagte, sie wüßte den»Einen", „Tu— Du?" „Ja schon, und wenn Ihr mir fünfzig Pfennig mehr Wochen, lohn geben wollt?---* „Kreuztürkcn!" Er stampfte auf den Boden. Aber die Magd sah schon, daß sie gewonnen hatte. »Ja, ich kann's halt auch nicht so sagen." „Na ja. Du sollst haben." »Aber es darf ihm gar nichts geschehen, und Ihr dürft nichts zu ihm sagen, sonst habe ich's nachher wieder zu büßen." »Nein, red' nur, red'I" „Euer Knecht, der Toni, hat für den Herrn Pfarrer in Nabel- stadt gestimmt." „Der Toni—? Der Toni—? Woher weißt Du das?" »Ich habe in seinem Zimmer drei Stimmzettel' gefunden, den nationall ibcralcn, den sozischen und den freisinnigen, aber den anderen nicht, na, so muß er halt den anderen verbraucht haben." Der Bürgermeister stand erstaunt und erstarrt vor der Intelligenz seiner Kubmagd. „Bei Gott, Du hast reckt." Er ging wieder in der Stube auf und nieder. „Da kannst Du recht haben. Aber zum Teufel, wie kommt den» der dazu, er ist ja gar nicht katholisch?" „Aber sein Schatz, die Lenc im Hirschen." „Kreuztürkcn, und da sollte--?" „Ja. die läuft alle Sonntag beichten und mit dem Toni mach' sie halt was sie will." Der Bürgermeister stampfte auf. „Du kamist gehen. Die fünfzig Pfennig kriegst Du. Erfahren soll er nichts und geschehen soll ihm auch nichts." Da war nun die halbe Lösung, aber gar nicyt erfreulich, nein, gar nicht erfreulich. In seinem eigenen Hause war der Schuldige, allerdings war es wenigstens kein Bürger von Krattelhausen, aber im Hause des Bürgermeisters, das war ungefähr ebenso schlimm. Aber--, man brauchte am Ende ja von dem zweiten nichts! zu sagen Und nun weiter, nun war noch der zweite Missetäter zu suchen. Er stand da und sann, und da fuhr ihm ein Gedanke durch'» Gehirn, und da erschrak er, denn das kam nicht allzu oft vor. Jetzt hatte er das Mittel, auch den anderen zu finden. Das mutzte versucht werden. Aber er selbst konnte das nicht. Er ging zum Schullehrer und machte ihm seinen Plan so plausibel, atz der Dorswcise erst den Bürgermeister ganz ungläubig ansah. Das beleidigte Pitzhofcr. „Ja, Sie glauben immer, daß wir nicht eine gute Idee haben können," so fauchte er den ältlichen Mann an. Datz er die Idee seiner Magd verdanke, sagte er allerdings nicht. Der Dorfweise aber übernahm bereitwilligst den Auftrag, der ihm geworden. Ec fragte den Briefträger aus. wieviel Wahlzettel in grauem Kuvert er in's Dorf gebracht habe. Genau zweiundvierzig. Also war die Rechnung einfach. Er schickte einige Schüler herum und lieh alle sozialistischen Wahlzettel im ganzen Dorfe abholen unter dem Vor- loande, datz er sie sammeln wolle. Man hatte an dem alten Manne schon mehr Absonderliches miterlebt und so nahm niemand Anstotz an dieser Sammlcrei. Nun ergab sich aber ein merkwürdiges Resultat. Man brachte genau cinundvierzig Stimmzettel mit dem Namen Schröder zu- sammcn, man war überall gewesen, nur beim Bürgermeister nicht. „Ja", sagte der Lehrer, als er dem Bürgermeister die einund- vierzig Stimmzettel vorzählte,„es fehlt gar keiner, nur der Ihre." „Der meine?" „Run ja, es sind einundvierzig, und zweiundvierzig sind blotz in's Ddrf gekommen." Der Bürgermeister holte seine drei Wahlzettel. Einen hatte er natürlich verbraucht, und der Herr Lehrer nahm die Brille, besah jeden in- und auswendig, dann machte er ein sehr, sehr langes Gesicht. „Ja, aber Herr Bürgermeister, Sie haben den mit dem Namen Schröder nicht mehr." „Na ja, habe ich gewählt——." „Ja. aber Verzeihung. Herr Bürgermeister, das war doch der Sozialdemokrat." „Himmelkreuztürken———!" Fritz Sänger. Technisches. Die Zukunft des Lichts. Wohl selten ist in mehr fesselnder sform und doch tiefgründiger Darstellung über die Gegen- wart und Zukunft in der Herstellung künstlicher Lichtquellen ge- sprachen worden, als von Professor Silvanus Thompson in einem jetzt als Buch erschienenen Vortrag, der auf der letzten Versammlung der britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften ge- halten wurde. Einige der darin behandelten Tatsachen sind zwar schon bekannt, können aber kaum oft genug in drastische Weise be- tont werden. So weist Thompson darauf hin, datz in Gcotz- britannien allein bei der künstlichen Beleuchtung jährlich viele Millionen verschwendet werde», da neun Zehntel der durch die Lichtquellen entwickelten Energie als Wärme verloren gehen, deren Erzeugung nicht beabsichtigt ist und jetzt auch gar nicht gewünscht wird. Der Mann, der für uns in Zukunft das tun werde, was das Glühwürmchen und die Fcucrflicge tun, nämlich Licht durch Leuchten und nicht indirekt durch Glühen zu erzeugen, der werde mit Recht einen Weltruf gewinnen.„Ich habe," sagt Professor Thompson weiter,„keine Furcht, datz das grotzc Problem des künst- lichen Lichts nicht schlietzlich eine endgültige Lösung finden wird. Die JdeaUampc der Zukunft, die Licht ohne Hitze liefert, wird eine toirkliche Lcuchtlampe sein, und zwar jedenfalls eine elektrische, aber keine Glühlampe. Zu den Möglichkeiten, diesem Ziel näher zu kommen, hat die Wissenschaft jüngst eine neue in der Entdeckung des Radiums gewonnen. Dieses überraschende, verblüffende Metall wirkt, als ob es eine unerschöpfliche Quelle unsichtbarer Strahlen von wunderbarer Kraft wäre. Wenige Milligramm Radium, in die Nähe eines phosphoreszierenden Stoffes gebracht, lassen diesen im Dunkeln leuchten und machen ihn so zu einer ewigen Lampe. Man könnte glauben, datz der Mensch hier die Gewähr der billigsten Lichtquelle habe. Leider aber sind die ehernen Gesetze der Sparsam- feit ein Hindernis wegen der äutzersten Seltenheit und Kostspielig- keit des Radium. Eine Lampe von nur einer Kerze Lichtstärke er- fordert wenigstens einige Milligramm Radium, und diese kosten wenigstens 800 Mark, so datz ein Talgkerze billiger sein würde."— Kulturgeschichtliches. Mittelalterliche Kraftwagen. Das Mittelalter be- fatzte sich auf das angelegentlichste mit der Frage irgend eines Ersatzes der tierischen Kraft als Mittel der Fortbewegung. Grössere praktische Erfolge wurden bei diesen Bestrebungen natürlich nicht erzielt, da unter Berücksichtigung der damals zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen und mechanischen Mittel nichts Durchgreifendes zustande kommen koimte. Mit einigem Erfolge wurde nur die Naturkraft des Windes in das Joch gespannt. Solche „Windwägen" baute man besonders in Holland, dem Lande der Windmühlen und Segelschiffe, und der alte HanS Merlau gibt 1659 in seiner Niederländischen Topographie bei Be- schreibnng des OrtcS Schcvcningen zugleich eine solche ler dort gebräuchlichen Windivägcn. Er schreibt:„Scheveningen ein Dorff nahend dem Haag gelegen, allda die Wind- wägen gewisen werden, deren sich Printz Moritz von Oranien biß- Iveilen gebraucht hat, wann er neben detz Meers Gestade spatzieren fahren wollte. Und haben in einem solcher Wägen 28 Männer sitzen und innerhalb zwo Stunden Vierzehen Holländische Meilen, nemlich von Schcveningen bis nach Pcttem mit solcher Geschwindigkeit fahren können, datz die vorüber raisende sie nicht haben kennen, oder ein Pferd ihnen lang gleich lauffen können. Der Erfinder dieser Wägen ist der vornehme und berühmte Mathematikus Simon Steevinus gewesen. In einem alten Stamm- buche hat sich die Abbildung eines solchen, allerdings nur für sechs Personen berechneten Windwagens erhalten. Ein offener Kasten mit hoher Rückwand, um die dem Winde ausgesetzte Oberfläche zu mehren, ruht auf vier Rädern mit sehr breiten Felgen(um nicht m dem Dünensande allzuticf einzuschneiden). In der Mitte des Wagens erhebt sich ein Mastbanm, an dem eine Raa angebracht ist, die ein grosses, geschwelltes Segel trägt. Vorn ist ein Bugspriet, da? gleich- falls mit einem kleinen Segel versehen ist. Von vorn wurde der Wagen mit einer Art Steuerruder gelenkt. Ein solcher Wagen war jedoch nur bei vorhandenem Winde ein nützliches Ding. Man suchte darum mit Hülfe eines Räderwerkes in Verbindung mit der menschlichen Antriebskraft eine Fortbewegung zu ermöglichen. Einen derartigen auf 4 Rädern laufenden Wagen baute 1649 zu Nürnberg der Mechaniker Johann Hautsch. Auf den Hinterrädern ruhte ein grosser geschlossener Kasten, in dem sich ein Räderwerk befand, welches durch einige, in dem Kasten befindliche Menschen getrieben wurde. Der Wagen kann also gar nicht klein gewesen sein. Oben sass der Lenker des Wages, dessen vorderes Ende in einem Drachen auslief, der die Augen verdrehte und gegen diejenigen, die den Weg versperrten, Wasser ausspie. Ein paar am Wagen angebrachte Engel hatten bewegliche Arme und bliesen die Posaune. Von der erzielten Geschwindigkeit wird nichts überliefert, sie wird kaum gross gewesen sein. Karl Gustav von Schweden kaufte 1650 den Wagen um 500 Taler. Zur gleichen Zeit baute in Nürnberg der Uhrruacher Stephan Farfler, selbst an den Füssen gelähmt, Wagen auf drei oder vier Rädern, denen ähnlich, wie man sie noch heute von den an den Füssen Gelähmten zur Fortbewegung auf der Strasse in Benutzung sieht. Der Antrieb geschah durch von den Armen bewegte Kurbeln. So segensreich ein solches Vehikel auch für die Gelähmten sein mochte, für die Gesunden brachte eine solche Art der Bewegung natürlich keinen praktischen Erfolg und Nutzen. Notizen. — Im Kunstsalon Wertheim wurde eine neue Aus- stellung eröffnet, die grössere Kollektionen bringt von Karl Becker- Pasing, Reinhold Grohmann-Berlin, Johannes Hönsch-Berlin und Walter Wäntig-Leipzig. Ferner sind mit Bildern vertreten Gustav Bcchlcr-Maurach, Amandus Faure-Stuttgart, HanS Klohss-Fiirsten- werder, Ernst Petrich-Berlm, Moritz Prctzsch-Berlin, Viktor Sarubin- Petersburg u. a. Der Wert der Frau. Schiller hat uns aufgefordert, die Frauen zu ehren. Wie man sie zu schätzen hat. erfahren wir aus dem Pariser„Journal". Dieses Blatt teilt die Ausstellung eines„Statistikers" mit, die den durchschnittlichen Wert einer Frau aus der„Gesellschaft" und aus der bescheideneren Bourgeoisie zu bestimmen sucht. Allerdings nicht etwa den idealen Wert ihrer sittlichen und sozial nützlichen Eigenschaften, sondern den Warenpreis des Behangs jeglicher Art, worin sie ihre edle Leiblichkeit ausführt. Denn wie der griechische Weise all das Seinige mit sich trug, so trägt die„Dame" wahrhaftig ihren Wert mit oder genauer ans sich. Wenn man eine„söbicke" Pariser Dame, wie sie gebt und steht, bar verkaufen wollte, miitzte man folgende Produktionskosten ihres Zaubers in Rechnung ziehen: Schuhe 80, Strümpfe 25, Hemd 100, Korsett 200, Hosen 200, Unterrock 300, Kleid 800, Pelz 5000, Perlen, Ringe usw. 6000, Kollier 20 000, Handsckrnhe 20, Hut 200, Kamine 300, Haarnadeln 60, Hutnadel 1000, Handläschchen 800 Fr., im ganzen also 35,085 Fr., wobei noch unentbehrliche Gegenstände, wie das Taschentuch ver- gessen und weder die fälschen Haare, noch die Goldplomben, noch auch ungenannt sein wollende Förderer der Formenfchönheit mit- gerechnet sind. Aber auch die„kleine Bourgeoise" repräsentiert noch einen über« raschenden Wert. Der Staftstiker rechnet: Schuhe 25 Fr., Strümpfe 6, Hemd 25, Korsett 60, Hosen 50, Unterrock 120, Kleid 200, Pelz 600, Perle» 1500, Handschuhe 5, Hut 30, Käimne 50, Haarnadeln 2, Hutnadel 30, Handtäschchen 50, Summa 2803 Fr. Man sieht also, auch die kleine Frau, die ihre Betätigung nicht iil den CercleS, sondern bescheiden bürgerlich in Wanderungen durch die Warenhäuser sucht, hat aus ihrem mehr oder minder tugendhaften Leib noch immer einen Apparat hängen, dessen Kaufpreis eine von Millionen Arbeitern, Bauern, Beamten, Handwerkern unerreichbares Jahreseinkommen darstellt. Der„Statistiker" war vorsichtig genug, nicht auch den Wert der aus den Ausverkäufen bezogenen Stoffreste, der mit eigener Hand aufgeputzten Hütchen, der jämmerlichen Fabrik- sckrnhe abzuschätzen, worin die Pariser Arbeiterin ihre rasch ver« blühende Anmut kleidet, che sie zur gealterten, abgehetzten, in ein- töuiger Arbeit stumpfgewordenen Proletarierin geworden ist, die für die Salonsoziologen überhaupt nicht mehr als„Wert" zählt. Veranlwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorloärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LeCo..Berlin