Unterhattungsblatt des Horwärts Nr. 14. Sonnabend, den 19. Januar. 1907 (Nachdnick verbalen.) itz 1>Iaäame ä'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Hall stand still in dem hohen, saftigen Gras. Er stand dort einen Augenblick mitten auf dem Felde und sog die Frühlingsüppigkeit ein. Eine Fledermaus strich lautlos in den Gesichtskreis über seinem Kopf hinein und wieder heraus. Hall spürte den Duft einer bestinimten Pflanze, mit der er als Kind vertraut gewesen war. Das war ja noch gar nichr so lange her. Ihm wurde so einsam zumute. Ja, dann Lebewohl, dachte er und faßte den Himmel, das dunkle Feld und den Duft de? Grases gleichsam in einem langen Atem- zug zusammen. Dann eilte er weiter, um die Straßenbahn zu erreichen, die ihn nach Hause fahren sollte. Eine Strecke vorher bog er in einen Steig ein, der ihn zu dem Wege führte, und hier kam er an einem Hause vorüber, dem man eS auf den ersten Blick ansah, daß es unbewohnt war. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen, die Wände, die aus Holz waren, hatten die Farbe verloren,.und es herrschte jene ganz verlassene, gähnende Finsternis in den Fensterhöhlen, die in einem Hause zurückbleibt, wenn niemand mehr dort wohnt. Der Garten lag in einer schwarzgrünen Wildnis von Nessel- kraut da, ein großer Baum lehnte umgestürzt gegen den einen Giebel des Hauses. Hall konnte nicht umhin, er mußte hingehen und eine Weile neben dem leeren Hause stehen. Er sah, daß die Haustür schief in den Hängen hing und nicht schloß. er schob sie zurück und ging in die große Stube, die gleich dahinter lag. Sie ivar ganz leer. Während Hall dastand und sich umsah, hörte er ein Springen und Rascheln draußen im Gebüsch, aber er wußte im selben Augenblick, daß es eine Katze war, die aus dem Fnestcr gesprungen war. Es ivar beinahe dunkel im Zimmer, Hall stieß nnt den Füßen gegen leere Konservendosen, die an der Erde lagen: es hatten wohl Vagabunden dadrinnen gehaust. Die Tür zu dem Neben- zimmcr stand ebenfalls offen, und hier lag eine alte Packkiste. Hall sank darauf nieder und blieb lauge sitzen. Es paßte ihm, hier allein in dem verlassenen Haus zu sitzen. Aus dem verrotteten Fußboden stieg ein erdiger Schwammgeruch auf, es ivar so still hier, und die Dunkelheit hatte etivas Beruhigendes. Die Zeit war hier stehen geblieben: alles hatte aufgehört und das gab Ruhe. In der schivarzen Stille, in dem Geruch nach Rost lag ein Blühen: es knarrte hier uiid da ein wenig in dem Holzivcrk des Hauses, das sich sehr, sehr langsam aber sicher der Erde zu senkte. Und draußen im Garten ivar die Dunkelheit voll von Schlvermut und boshaftem Gemurmel. Hall nahm die Brille ab und legte die Hand auf seine Augen. Er sah in sein eigenes inneres Dunkel hinab. Es war tief und öde nach allen Seiten hin. Als Hall nach ininutenlanger schmerzlicher Ruhe wieder aufsah, entschlossen, dennoch zu leben, hob sich in einer der leeren Fenstcrhöhlcn ein Kopf von dem helleren Himmel ab. Er sah ihn gerade noch, als er zur Seite glitt und verschwand. Hall blieb eine lange Zeit sitzen, ohne sich zu rühren und ivartete darauf, daß der Kopf wiederkommen sollte. Es war ihm, als höre er ein Rascheln im Buschwerk. Als aber alles still blieb und sich nichts zeigte, ging er aus dem Hanse. Der Kopf, den er gesehen hatte, gehörte einem Manne mit runden« Derbyhut, Hall sah sich im Garten und auf dem Wege um, als er aber niemand entdeckte, ging er an die Schienen der Straßenbahn und stellte sich an einem Halteplatz auf, bis ein Wagen kam. Es war fast Mitternacht, als Hall nach der achtund- dreißigsten Straße zurückkam. Da er aber Hunger verspiirte, ging er in ein Restaurant und saß dort, bis die Uhr eins )oar. Als er aus dem Lokal heraustrat, sah er einen Mann hinter einen Kiibelbaum gleiten, der auf dem Bürgerstcig aufgestellt war, einen Mann mit rundem Filzhut. Hall stutzte und trat schnell an den Baum heran. Er verdeckte gerade die Straßenecke, und als er dahin kam. sah er niemand. Der Mann mußte in einer der Haustüren hineingeglittcn sein. Hall ging nach Hause, ohne sich umzusehen. Als er aber seine Haustür geöffnet hatte' und auf den teppichbclegten Treppen bis in das zweite Stockwerk gekommen war, wo seine Wohnung lag, sah er auf der untersten Stufe der Treppe ku dem nächsten Stockwerk eine Gestalt sitzen, eine Frau mit einem großen, schwarzen Tuch um den Kopf. Er strich ein neues Streichholz an und sah gerade in Leon-. tinens große, betrübte Augen. Und ohne em Wort zu sagen, ließ er das Streichholz fallen und glitt neben ihr in der Dunkelheit nieder. Ihm war so glühend froh zu Sinn. Er erholte sich von diesem Schwarzen und Stillen, das seine Freude gewesen tvar, während er allein in dem verlassenen Hause saß. Auch Leontine sagte nichts, sie war ganz zer» schlagen vom Warten. Drei Stunden lang hatte sie auf der Treppe vor seiner Tür gesessen, von denr Augenblick an. als die Haustür da unten geschlossen werden sollte. 8. Sie kamen am nächsten Vormittag im Automobil»ach dein Laboratorium, und während Leontine unten sitzen blieb, ging Hall hinauf, um seine Post zu holen. Er hatte nicht die Absicht, heute zu arbeiten, er und Leontine wollten aufs Land hinausfahren. Aber die Post mußte er doch wenigstens sehen. Hall kam gleich darauf mit einem Paket Zeitungen und Briefen wieder herunter, die er in den Wagen legte, um sie später durchzusehen, und dann sichren sie. „Wohin wollen wir, Edmund?" „Das weiß ich nicht, mein Kind: das wissen wir nie. Weißt Tu noch, in Schottland, wo wir den Weg gingen, den die Diestelflockcn flogen? Siehst Du den hübschen roten Mohnhut dort im Gedränge? Dem folgen wir." „Ja, wenn Du nur Deinen Willen bekommst," sagte Madame d'Ora und legte die Hände im Schoß zusammen, vollkommen glücklich. Sie war schöner denn je. Jeder Mensch sah sie an, während sie langsam den Broadway hinauffuhren. Aber sie war auch ein Anblick, groß und üppig geformt mit den kühnen Zügen und den gnädigen Augen. Ihr Kleid war ein Wunder von einem schaumfarbenen Nichts, das sie von 5!opf zi. Fuß umhüllte, sie hatte vorläufig ihren Automobil- kittel von den Schultern herabgleiten lassen. Auf dem Kopf trug sie eine Mütze. Sie erregte Aufsehen, und sie wußte es. Siegesbewußtscin ließ sie im Sonnenschein und in den» MeiischengeWiinmel der Straße erschaudern. Die Dame mit dem roten Hut ging die Treppe zu der Brooklyner Brücke hinauf, also blieb ihnen nichts übrig, als den Weg zu fahren. Sie legten den luftigen Weg zurück und kreuzten dann durch Brooklyn nach den« Prospekt-Park hinaus. Hier mußte Hall ein wenig still halten, während Leontine hinauslief, um ein kleines Kind an sich zu drücken, das mitten auf einen« grünen Rasen hingepflanzt saß. Nachdem sie daS Kleinchen bestürmt und„verschlungen" hatte, kehrte sie lang- sam zurück,»och erregt und feurig«vie eine Tigerin, und sie fuhren weiter, lange scharfe Strecken mit voller Kraft, die Pronicnaden auf und nieder. Dann sagt die Maschine plötzlich Klick, ein Zischen ertönt, und Hall fetzt sofort die Bremse in Tätigkeit und hält an, es ist etwas zerbrochen. Er muß hinunter uiid den Schaden suchen, und Madame d'Ora wird Zeuge, wie er sich auf dem Rücken unter das Automobil schiebt und dort liegt, so daß nur die Beine hervorsehen, eifrig »lit dein Ausbessern beschäftigt. Das nimmt zehn Minuten in Anspruch,«vährend Welcher Zeit sie fortwährend schwatzen und lachen. Dann ist der Wagen in Ordnung, und sie können wieder fahren. Hall hat eine Idee.... „Jetzt«veiß ich. wo»vir unser Frühstück verzehren»vollen," sagt er und»vird einen Augenblick ernsthast, uin gleich darauf vor Energie zu strahlen. Er schlägt den Hebel herunter und steuert auf den Triumphbogen vor dein Park zu, wo er um- kehrt, so daß das schwere Automobil n«it der einen Seite über dem Erdboden schwebt, und nun satisen sie eine«neilenlange Straße dahin, dein Lande zu, fahren lange schweigend»vciter. Nach einer viertelstündigen scharfen Fahrt sah sich Hall um ui»d mäßigte das Tempo, und als sie auf das offene grüne Land hinausgekomincn»varen, bog er plötzlich links in einen Seitenweg eil« und hielt vor dein öden Haiise, Wo er am vorhergehenden Abend gewesen war. „Wo fährst Du mick) nur hin?" fragte Madaine d'Ora staunend und sah in das verfallene Haus hinein, das mit seinen leeren Fensterhöhlen iin Sonnenschein dalag, halb von Unkraut versteckt. ..Hier wollen wir essen/ sagte Hall und nickte geheim- niSvoll. „Nein. Edinniid," bat Madame d'Ora lachend.„WaS fiir Einfälle Du hast! Tu hast das alte Haus natürlich eben erst entdeckt, und dann kam Dir diese wilde Idee: ich kenne Dich ja. Aber hier wollen wir nicht essen. Wer sagt, daß wir da hineingehen dürfen?" „Ja. hier wollen wir schwelgen," sagte Hall mit einer unerschütterlichen Zufriedenheit im Ausdruck.„Komm Du nur, dies ist mein Landhaus, Leontine." Er nahm den Korb mit Speisen und Wein aus dem Wagen und trug ihn in den Garten, kehrte dann zurück und hielt die schnurrende Maschinerie an, so daß das Automobil ganz zur Ruhe gebracht war. „Ist das wirklich Dein Ernst?" fragte Madame d'Ora und stieg zögernd aus dem Wagen.„Das ist wirklich nicht witzig, Edmund. Ich finde, es war damals mehr Sinn darin, als wir in den Katakomben aßen und auf den Särgen saßen— weißt Du das noch? Dies ist nur ein altes, schiefes Landhaus." Als sie indessen sah, daß Hall auf seinen Einfall ver- sessen war, fügte sie sich ihm und ging mit in das leere Haus hinein. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten). Kingston und die In fei Jamaika. Von Dr. Hermann W e st c n l> e r g. Drn feucrgetvaltigen Riesa» der glühenden Erdentiefe, die an den westlichen Küsten der amerikanischen Kontinente und an den Rändern des karibischcn Meeres schon so manche elementare Kata- strophe herbeigeführt haben, ist soeben wieder eine blühende Stadt teilweise zum Opfer gesallai. Binnen weniger denn Jahresfrist ist auf die Zerstörung wn San Franziska und Valparaiso nun- mehr als drittes Opfer der plutomschcn Gewalten auch Kingston, die Hauptstadt der Antilleninscl Jamaika, von einem Erdbeben ereilt worden und man fragt sich fast mit Bangen, wann und wo die nächste der Katastrophen folgen wird, dio in jenen Gegenden in historischen Zeiten zwar nie selten gewesen sind� seit einer Reihe von Jahren dort aber mit unheimlicher Schnelligkeit aufeinander fallen. Obwohl der deutsche Handel mit Jamaika nicht ganz un- bedeutend ist, wie schon daraus hervorgeht, daß das Deutsche Reich in Kingston ein Konsulat unterhält, waren deutsche Touristen dort bis vor kurzem eine große Seltenheit. Frachtdampfcr, die nach der Landenge von Panama(Aspimvall) führen, liefen den Hafen zwar immer gern an, weil sie dort bequem und billig Kohlen bunkern konnten. Die Straße des Wcltrciscnden blieb aber vorzugsweise «uf die Linie Kuba, Haiti, Porto Rico beschränkt und so sputt das Bild der landschaftlich schönen Insel, die Kolumbus auf seiner zweiten Amerikafahrt am 5. Mai 1494 entdeckte, nur als Zu- bcvcitungsstätte des echten Jamaikarums, von dem unter Tausenden bei uns kaum einer je einen Tropfen von zuverlässig legitimer Ab- stammung zu kosten bekommt. Am bedeutendsten ist der Eindruck, wenn man sich dem„Wald- und Wasserland wie die wörtliche llebersetzung des Namens „Haimaca" aus der Sprache der bereits 1560 von den Spaniern gänzlich ausgerotteten Urbcvöltening lautet, auf von Süden nach Norden gerichteter Fahrt am frühen Morgen nähert. Ungleich den Bahamainseln, die von einem schier zahllosen Schwärm von Jnselchen und kleinsten Eilanden umgeben sind, kündigen' bei Jamaika keinerlei Zeichen des nahen Landes die 11 009 Quadratkilometer große Insel im voraus an. Eine feuchte, ihre Durch- sichtigkeit erhöhende und die Gegenstände scheinbar näher rückende Luft liegt über der endlosen Fläche des Karibenmecres, an dessen nördlichem Horizonte plötzlich einige dunkle Punkte, wie eine Perlenschnur von spitzen Fclscncilandcn emportauchcn. Während sie höher und höher über die Kimme de- Horizonts emporsteigen, fließen sie allmählich zu einer einzigen Gebirgskette, den„Blauen Bergen", zusammen, die am östlictxn Ende des Gebirgsstockes im Gre.it Eascade und im Cold-Ridgc ein« Höhe von 2406— 2500 Meter erreichen. Erst spät wird der flache Sand bei Morand Point, der Oftspitze der Insel mit seinem fast überschlankcn steinernen Leucht- türm sichtbar, wo der Lotse für Port Royal an Bord steigt, ohne dessen sichere Führung manchem Schiffe vielleicht das gleiche Schicksal beschieden sein könnte, wie es erst vor wenigen Tagen den deutschen Vergnügnngsdampfer„Victoria Luise" ereilte, dessen Kommandant das Wagnis unternahm, die der Bucht von Kingston vorgelagerte, von Sandbänken und Korallenriffen umstarrte Nehrung ohne Lotsen zu umschiffen. Nach 15 Kilometer langer, ostwestlichcr Fahrt längs der von Mangrovcbäumen und mächtigen Kakteen bestandenen Barre, die eine natürliche Diga von unüber- trcfflicbem Wert für die Reede von Kingston bildet, befindet sich das Schiff auf der Höhe von Port Royal, das nur von Kriegsschiffen angelaufen wird Die früher viel größere, heute kaum 8000 Ein- wohner zählende Stadt, die wiederholt durch Erdbeben, Stürme und Feuersbrünste zerstört wurde, ist mit ihre» mächtigen Fort St. Charles und umfangreiche» Wersianlagcu der bedeutendste englische Flottenstützpunkt in Ostindien, bietet aber sonst wenig Interessantes. Am westlichsten Punkte der„Pallisadcn", wie die Engländer die Barre nennen, biegt das Schiff nach Nordosten um und geht e>i»e Stunde später vor der am Rande der sandigen Liguanaeben« licgendcn Reede vor Anker. Der erste Eindruck, den Kingston auf den Besucher macht, ist nicht besonders erhebend. Die Stadt ist regelmäßig gebaut. Da aber die hier von der Vergangenheit überkommene spanische Bauart der Privathäuser wenig Wert auf die Außenfronten legt, um, was in Anbetracht des warmen Klimas sehr vernünftig ist, den Hof um so besser auszugestalten, auf den die Gemächer niünden und auf dem sich unter dem Schutz von Sonnensegeln das Leben der Fa- Milien tagüber abspielt, wirken die Perspektiven der Häuser er- müdend. Sie sind aus Ziegeln erbaut, bestehen meist nur aus Parterre und einem aufgesetzten Stockwerk und weisen im Oberstock eine überdeckte Galeric und im Erdgeschoß straßcnseitig einen Säulengang auf, so daß man um ganze Straßcnviertel herum. lvandern kann, ohne sich auch nur aus eines Schrittes Länge der Sonne und dem Rege» aussetzen zu müsse». Letzteres ist bcsonders merwoll; denn die breiten und geraden Straße» entbehren fast durchweg der Pflasterung und verwandeln sich bei starkem Regen, der sich namentlich im Mai und Oktober einstellt, in ein uncrgründ» lichcs und nnbctretbares Kotmcer, für dessen Abfluß im wesentlichen nur das sanft gegen den Strand zu abfallende Gelärche sorgt. Was man aus den Straßen von der 55 000 Köpfe zahlenden Bevölkerung sieht, sind zum weitaus größten Teile Neger und Mulatten; denn die weiße Rasse rekrutiert sich nur aus den Be- amten und Kauflcuteu. Auch die Garnison besteht überwiegend auS Schlvarzcn und Farbigen der geringe Teil weißer Soldaten aber hat seine Kasernen nicht in Kingston, sondern der Fieber wegen im Gebirge, und zwar größtenteils in dem 1000 Meter hoch gelegenen Ort New Castle. Wenn in den meisten Reiseberichten zu lesen steht, daß Kingston einer Besichtigung nicht wert sei, so trifft dieses Urteil nicht zu. Die stattliche, im Jahre 1693 von den Engländern er- baute Pfarrkirche, das elegairtc Theater, der Govoruors-Palace (Kings-House) in der Vorstadt St. Andrews würden auch jeder größeren Stadt zur Zierde gereichen. Elektrische Straßenbahnen vcrmitleln cincii schnellen Verkehr, die Straßen und glänzend aus- gestatteten Geschäfte besitzen elektrische Beleuchtung und vor den Kaffcchäuscr» sitzt es sich in schönen Mondnächten ebenso behaglich wie ailf den Paseos von Habana. Schöneres bietet freilich eine Fahrt ins Innere, sei es nun in das Bog-Walk, eine äußerst romantische Bcrgschlucht, aus der der Rio Cobra in die Liguana- ebene hervorbricht, oder nach dem durch seine Aussicht berühmten St. Eathcrincs Pik. Man kann de» erstgenannten Ausflug so machen, daß man auf 20 Kilometer bis nach Spanish-Town, der alten Hauptstadt der Insel, die Eisenbahn benützt und erst dort einen Wagen nimmt. Zweckmäßiger, wenn auch recht teuer, ist aber die Wagentour von Kingston aus, weil man da bei der. Fahrt durch die wcitausgcdchnte Villcnvorstadt längs des Meeres manchen amüsanten Einblick in das Volksleben lut. Auf glatter Landstraße geht es zwischen Kaktushecken und Banancnfcldcrn nach Spanish-Town, das in zwei- stündigcr Fahrt erreicht wird. Hier befinden wir uns inmitten einer Stadt, die in denkbar schroffstem Gegensatz zu Kingston steht. Auf dem.Kings-Square, der mit dem Standbild des englischen See- Helden und Siegers in der Seeschlacht bei San Domingo(12. April 1782) geziert ist, umgeben uns die stolzen Gebäudcinassen alt- spanischer Herrlichkeit, die große Kathedrale und der aste Gon- vcrncurspalast, der erst vereinsamte, als 1871 der«itz der Rc- gierung von hier nach Kingston verlegt wurde. Gradaufwärts geht es von dort in die enge Schlucht, innerhalb der sich Weg und Fluß, beide kaum mehr als fünf Meter breit, in die Talsohle teilen müssen; da links und rechts fast senkrechte, an 200 Meter hohe Felswände himmclaufwärts streben. Das Bild der großartigen Felsklamm wirkt um so überraschender, als eine überreiche Vegetation von hohen Bäumen die Wände bekleidet, von denen man sich nicht erklären kann, wie sie auf de» schmalen Felslcistcn Halt und Nahrung finden. Das blaugrüne Wasser des über blitzblanke Kiesel dahinströmcnden Bcrgslusses. der blendend weihe Weg und dazu das üppige Tropcngrün der Farne, Bambus, Chinchoncn und Palmen geben ein effektvolles Bild, das� man nicht wieder vergißt, namentlich wenn man vorher lange Tage in der Gluthitze der Schiffskabinc verbracht hat. Wem es um eine großartige Fernsicht zu tun ist, dem ge- währt eine Partie auf den 1600 Meter hohen St. Catherines Pik reichen Genuß. Nach anderthalbstündiger Fahrt von Kingston werden die Pferde bestiegen, die uns durch duftige Hochwqlder, an steilen Berghangen und schroffen Abgründen vorbei, auf dicht überschatteten, aus dem Felsen herausgesprengten Wegen zu einem Felscnkcsscl emportragen, wo die Engländer die weiß ge» strichcnen Baracken und Zelte ihrer Militärkolonie New-Castle hin- gesetzt haben. Die Familien— nicht nur die Offiziere, sondern auch die meisten Unteroffiziere und Soldaten sind beweibt,— führen hier ein Dasein, das trotz der Großartigkeit der Umgebung wegen der Weltabgcschicdenheit des Ortes recht eintönig sein mag. Nach einem weiteren Ritt von einer halben Stunde ist der mit mächtigen Baumfarnen bewachsene, kegelförmige Gipfel erreicht. in dem die Urbevölkerung der Insel, die Arrawaken, den Sitz ihrer Götter erblickten. Tie Aussicht ist nach allen Seiten hin berückend ichon, ringsum das Grün dcs Tropenwaldcs, als Rahmen darum das tiesblaue Meer, aber kein Werk von Menschenhand sichtbar. ein großartiges Gemälde mit den einfachsten Mitteln der Farbe. Recht amüsant ist ein Epaziergang, den man durch Kingston am frühen Morgen unternimmt. Auf den Straßen herrscht schon reges Leben. Von allen Seiten kommen die Lebensmittel- transporte nach der Stadt; Händler mit ihren Milchkannen zu Pferde sitzend, schlagen ei» so lebhaftes Tempo ein, als ob die Milch bis zum Marktplatz zu Butter geschlagen werden sollte, und um die Wette mit ihnen rennen junge, schlanke Mulattinnen und Negerinnen, die Milchkannen an den Armen schlenkernd oder Körbe mit frisch gereinigter Wäsche auf den Köpfen balancierend. Gemächlichen Ganges schleppen dazwischen Büffel ihre mit Zucker- rohr hochbeladenen zweirädrigen Karren. Ans dem Rücken der Maultiere sind ganze Berge von Ananas, Yamswurzeln, deren mehlreiche Knollen dort unsere Kartoffeln ersetzen, von Bananen, Pfcfferschoten und anderen südlichen Früchten und Gemüsen auf- getürmt, von denen wir nicht einmal die Namen kennen. Dies alles wird auf dem Marktplatz abgeladen, wo gleichzeitig ein Fisch- Handel stattfindet, reicher als in der Pescheria von Neapel, weil das Karibonmeer eine an Menge und Wirten unerschöpfliche Quantität von Mollusken, Meerwürmern, Seeigeln, Meerwalzcn und anderem Getier liefert, dessen Anblick jeder deutschen Haus- frau kaltes Grausen einjagen würde, das aber in Qel gesotten und gebacken doch sehr gut schmeckt. Landschaftlich ein Paradies, könnte Jamaika sich auch Wirt- schaftlich einer hohen Blüte erfreuen, wenn sich nicht die verfehlte Bevölkerungspolitik vergangener Jahrhunderte noch heute bitter rächte. Als die Urbevölkerung von den-Spaniern vernichtet war, brachte man zum Plantagcnbetricbe Negersklaven ins Land, deren Nachkommen(Maronneger), noch heute vielfach am Heidentum festhaltend, das Innere des Gebirges bewohnen. Als sich die Be- völkerung unter der englischen Herrsckmst wieder zu heben begann, brachte das furchtbare Erdbeben von 16S2, das den ganzen tcktonischen Ausbau der Insel zerrüttete, und eine darauf ausbrechende Pest- epidemie unsägliches Unheil über ihre Bewchner. Das 18. Jahr- hundert ist voll von Aufständen der Maronnegcr. Vor hundert Jahren wurde die Einfuhr weiterer Sklaven verboten und als am I. August 1838 sämtliche Sklaven für frei erklärt wurden, schien es, als ob die Insel gänzlich der schwarzen Rasse zufallen sollte, womit es auch in Uebereinstimmung steht, daß die Zahl der Weißen — 14 700 gegenüber 122 000 Mischlingen und 490 000 Negern und ekivci 12 000 Kulis— seitdem ständig abgenommen hat. Seit der Einführung ostindischer Kulis hat der unrentabel gewordene Plantagcnbau zwar wieder einen Aufschwung genommen. Den Engländern, die erst 1865 noch cineli Ncgeraufstand mit blutiger Gewalt niederschlugen und dabei einen wahren Vernichtungskrieg gegen Schuldige und Unschuldige führten, ist es aber wohl nicht so sehr um die Naturschätze zu tun; denn die Mahagoni- und Eampechewälder werden ebenso wenig ausgebeutet wie die reichen Mineralschätze an Zink und Blei. Das Wertvollste für sie sind vielmehr Kingston und Port Royal als Stützpunkt für ihre Flotte, die von dort aus nur eine kurze Fahrt bis zu den Gestaden der ewig unruhigen Republiken im weiten Kreisbogen von Venezuela bis Honduras zurückzulegen hat. kleines Feuilleton. Wenn die Frauen stimme». In dcyr Wahlkampf, den wir in diesen Tagen durchleben, wird oft genug die Mithülfe der Frauen angerufen, wenn sie auch zurzeit noch nicht berechtigt find, ihre Stimme mit in die Wagschale zu werfen. Welches wären wohl die Folgen, wenn die Frauen auch selbst zu wählen hätten? Um diese Frage zu beantworten, muß"man auf die Erfahrungen sehen, die in den Staaten gemacht lourden, in drncn die Frauen das politische Stimmrecht ausüben. In der„North American Review" macht Alice Henry Mitteilungen über die Art, wie die Frauen inAustralien ihr Stimmrecht ausgeübt haben. Der Einwand, daß die Frauen in ihrer Mehrheit das Stimmrecht gar nicht wollen und gegebenen Falles doch nicht davon Gebrauch machen würden, wird in der Wirk- lichkeit glänzend widerlegt.„Nicht alle sanstralischen) Staaten", so berichtet Alice Henry,„unterscheiden zwischen abgegebenen männ- lichen und weiblichen Stimmen; wo aber die Statistik hierin unter- scheidet, zeigt die Beteiligung der Frauen am Wahlakte fich sehr lebhaft. In Süd-Australicn wurden bei den letzten Wahlen 59 Proz. männlicher und 42 Proz. weiblicher Stimmen abgegeben. In West-Australien votierten 49 Proz. der Männer und 47 Proz. der Frauen. Bei den letzten Födcralwahlen gaben 56 Proz. der Männer und 40 Proz. der Frauen ihre Stimmen ab. Die Höhe des Neuseeländer Rekords wird freilich von keinem der australischen Staaten erreicht; im Jahre 1902 schritten in Neuseeland 75 Proz. der wahlberechtigten Frauen zur Urne, fast so viel wie die Männer, von denen 76 Proz. erschienen." Alice Henry weiß weiter zu be- richten, daß infolge der Beteiligung der Frauen„die Versamm- lungcn im Ton und Ernst gewonnen haben. Die Frauen haben einen weiteren Gesichtskreis gewonnen. Die erzieherische Wirkung ist nirgends zu verkennen; die Frauen haben sich organisiert und nehmen lebhaften Anteil an allen gesetzgeberischen Reform- bestrebungen. Auf allen Gebieten hat diese Anteilnahme der Frauen ihre Früchte getragen; die Macht der angesehenen Mäniter rn der Gemeinde hat nur eine Kräftigung erfahren und der Einfluß gcwlffenhaftcr Gesetzgeber ist durch das Frauenstimmrccht nur ge* stärkt worden." Aehnliche Erfolge hat man auch in den Vereinigten Staaten zu verzeichnen; über die Folgen deS Frauenstimmrechtes in Colorado wird berichtet:..Seit dem Jahre 1894 ist die weibliche Beteiligung an den Wahlen niemals unter 40 Proz. herabgesunken und hat einmal die Höhe von 48 Proz. erreicht. Die Teilnahm j der Frauen am öffentlichen Leben hat manchen Wechsel gebracht; die Ansprüche an den moralischen Charakter der Beamten und Ab» geordneten sind gewachsen. Seitdem die Frau politische Rechte aus» übt, gibt es in den öffentlichen Aemtern keine Trunkenbolde mehr, keine Spieler, Likörhändler und andere Leute von solchen Berufen oder Gewohnheiten; die Frauen stimmen sie nieder. Seit der Er» Weiterung der Freiheiten für die Frau ist die staatliche Uebcr» wachung des Unterrichtswesens in weiblichen Händen. Das ist daA wichtigste Amt, das die neuen Wahlberechtigten errungen haben- Und zum Ruhm der Frauen, die diese hohe Stellung nacheinander inne hatte», muß festgestellt werden, daß das UnterrichtsaMt in Colorado das einzige Verwaltungsdepartement ist, gegen das nie eine Verdächtigung oder Anklage aufgetaucht ist."— Theater. Kgl. Schauspielhaus:„Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel. Erste Abteilung:„Der ge» hörnte Siegfried, Vorspiel in einem Akt.„Siegfrieds Tod", Trauerspiel in 5 Akten. Nach langen Jahren ist Hebbels Nibelungendrama in dieser Saison endlich wieder auf der Bühne des kgl. Schauspielhauses erschienen. Den beiden Siegfried-Stücken, die an, Donnerstag zum erstenmal wiederholt wurden, wird hossentlich in kurzer Zeit der Schluß der Trilogie,„KrimhildenS Rache" folgen. D,e Neigung zu symbolisierender Ausdeutung, die vor allem in dem Erstling„Judith" und im„Ring des GygeS" so charakteristisch hervortritt, hat Hebbel bei der Dramatisierung der deutschen Sage fast völlig zurückgedrängt. Er hält Gedanken, die mcht schon im Verlauf des alten EpoS mit anklingen, in eng unmittelbarem Zusammenhange mit den Be» aebenheiten stehen, von seinem Werke fern, will kein freischaltende» Neuschöpfer, nur ein Umgießer der Erzählung in Bühnenformen sein. „Alle Momente der Tragödie, sagt er selbst in einem nachträglich ent» tvorfeiien, aus seinem Nachlaß abgedruckten Geleitworte, sind in dem Epos schon gegeben, wenn auch oft, wie das bei der wechselvollen Geschichte des alten Gedichts nicht anders sein konnte in verworrener und zerstreuter Gestalt oder in sprödester Kürze. Die Aufgabe bestand nur darin, sie zur dra», Mischen Kette zu gliedern und poetisch zu beleben, wo es nötig war." Einzig wo das Ineinandergreifen verschiedener Sagenkreise im Nibelungenliede es notwendig erheischte, habe er, die sonst ge« steckten Grenzen überschreitend, altere Quellen und historische Er» gänzungen herangezogen. � In dieser geoundenen Einfachheit, der Treue, mit der Hebbel seine Phantasie hier in den Dienst deS Gegebenen stellt, bemüht, das Wesen überall zu wahren, liegt einer der Hauptreize seiner Dichtung. Bild um Bild ruft die Erinnerung an die vertrauten Züge der Sage, ruft VorstellungSreihen und Gefühle, die sich damit assoziiert haben, wach, erneut und steigert den Eindruck der Größe. Die versunkene Welt deS Reckentums, von der so viele deutsche Jambendramen schwätzen, hier zieht sie wie ein leibhast gegenwärtiges an der Anschauung vorüber. Die sehnige, gedrängte Kraft der Sprache Nirrt wie ein Widerhall der Waffen. Einen so schlechten Hamlet Matkowski neulich auf die Bühne stellte, so glänzend gelang ihm der extreme Gegensatz des melancholischen Dänenprinze», die kraftstrotzende und frohgemute Siegfriednalur. Ein prächtiger Anblick war cS, ivie er, angekündigt vom Hörnerllang. er» hobencn Hauptes in Günthers Konigssaal hereintrat, lachend die hämischen Rede» der Neider zurückwies, in licbenS» würdig ungeduldigem Uebermnt, als gälte eS ein Knaben- spiel. die Fürsten zu dem Wettkainpfe aufrief. Prächtig war auch die schüchterne Verlegenheit, die den ehrfürchtig Verliebten bei der Begegnung mit Krimhilde lange kein Wort finden läßt, die zarte sanfte Güte beim Abschied und das jauchzende Finale der Lebenslust nach der Jagd im Walde, als Hagen finsteren BlickeS schon den Speer, der auS dem Hinterhalt geschleudert den Strahlenden töten soll, in Händen wiegte. Fräulein Lindner in der Figur der Brunhild hatte einzelne stark wirksame Momente, aber das Ganze der Gestalt wurde m ihrem Spiele nicht lebendig. Der Stolz trat hart und klar hervor, es fehlte jener Hauch des Mysteriösen, de» die Walküre umwittert, auch ließ sie allzuwenig spüren, daß hinter ihrem Grolle gegen Siegfried die Eisersucht verschmähter Liebe steht. Die mädchenhafien Züge Krimhilds wie auch die bittere Erregtheit der Verletzten, die als Brunhilde die Ehre ihres Mannes herabsetzt, jede? Maßes vergessend, der Feindin den schlimmsten Schimpf ent» geaenschleudert, kamen in der Darstellung von Rosa Poppe zum treffenden Ausdruck, aber für die eherne Wucht des Racherufes an Siegfrieds offenem Sarge reichten, schien mir, die Kräfte nicht hin, so geschickt im übrigen die Szene von ihr anaelegt und durchgeführt war. Die Königswürdc von Arndt's Gunther wurde dura, Korpulenz crhebnch eingeschränkt. Für den trotzigen Hagen setzte M o I e n a r leine Hünengestalt und Hünenstimme ein. Nur Me krankhafte Blässe des Gesichtes, die wohl de» Eindruck de? Tenflischm Verstärken sollte, stimmte nicht zu des Tronjers sonstiger Art. Unter den Nebenrollen wären Herr Krau tz neck als Voller und Frau Meyer als Ute besonders zu erwähnen. dt. Medizinisches. DicZunahmederKrankheiteninunfererZeit. Die chirurgische Klinik in Heidelberg läßt seit Jahren einen JahreS- bericht erscheinen, der immer ein treffliches Bild über die reiche Tätigkeit dieser weltberübmten. bisher vom Geh. Rat Czernh geleiteten Anstalt gibt und den Aerzten des In- und Auslandes eine reiche Fundgrube der Belehrung bietet. Jetzt, beim Zurücktreten des Prof. Czerny von der Leitung feiner Klinik, gibt der berühmte Arzt in dem letzten von ihm herausgegebenen Jahresbericht die Erfahrungen wieder, die er im Laufe der Jahre über Ursache und Behandlung der Krankheiten bei seiner sich auf viele Tausende be- laufencn Patientenschar gesammelt hat. Diese Anschauungen sind so wertvoll, daß fie es verdienen, in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Czerny konstatiert zunächst, wie sehr die chirurgische Behandlung der Krankheiten in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat und es erscheint demnach, als wenn die Krankheiten inoch immer zunähmen, obgleich im allgemeinen die Stcrblichkeits- ziffer gesunken und die Lebensdauer der Menschen etwas gewachsen zst. Czerny macht für diese Zunahme der Krankheiten zwei Momente verantwortlich. Einmal ist es die gesteigerte Anspannung dller seelischen und körperlichen Kräfte, um den Anforderungen des Lebens zu genügen. Diese bedingt eine frühzeitige Abnutzung, der ein genügender Wiedcrersatz durch die nötigen Ruhepausen nicht gegenübersteht. ES ist deshalb der allgemeine Ruf nach Ver- mcnderung der Arbeitszeit vom ärztlichen Standpunkt durchaus gerechtfertigt. Der zweite Eindruck, den der Heidelberger Chirurg erhalten hat, ist der, als ob die nachivachsende Jugend weniger widerstandsfähig wäre, wie die frühere©eneration. Dies kann von dem Ueberhandnehmen der städtischen Bevölkerung herrühren, bei welcher infolge des selteneren Verkehrs mit der freien Natur die natürliche EntWickelung der Körperkräfte gehemmt wird, aber auch von der Verbesserung der Kinderpflege, bei welcher zahlreiche schwächliche Menschen erhalten tverden. die früher zugrunde gegangen sind. Den Hauptgrund für die Schwäche unseres heutigen Geschlechts sieht aber Professor Ezernv in der verminderten Fähigkeit und Neigung unserer Frauen ihre Kinder selbst zu stillen. Daher rührt die verminderte Wider» sütndsfähigkeit und die erhöhte Neigung zu allerlei Krankheiten, namentlich des DarrnkanalS. Die Verwendung von stärkemchl- ihaltigcn Ersatzmitteln mutet ja dem kindlichen Darmkanal viel schwerere Aufgaben zu, als die natürliche Muttermilch. Diese im ersten Lebensjahr erworbene Schwäche des Tarmkanals wird im späteren Lebensalter nur selten ausgeglichen und es entstehen Wanderleber, Wanderniere und Wandermilz, Senkung und Erschlaffung der Bauchorgane. Am schlimmsten ist es, daß diese erworbenen Eigenschaften auf die Nachkommen erblich übertragen werden. Das Wachse« der Nervosität auf Grund der zunehmenden Erschlaffung der inneren Organe findet dadurch ihre Erklärung, ja auch die Zunahme der Blinddarmentzündung kann von der im ersten Lebensjahr infolge der abnormen Ernährung bedingten Ver- lagerung des Darme» hergeleitet werden.— Humoristisches. — Der Luftkurort.»Diese Gegend würde sich vorzüglich zu einem Luftkurort eiguen!"—„O ja— Lust hab'n ma g'rad' g'nua — Der neue Hut.»... Sparsam muß man sein! Den Hut da Hab' ich min schon zwei Jahr'— und tadellos sieht er noch aus!... Ich ließ ihn bloß dreimal vom Hutmacher wieder auf- bügeln... und einmal Hab' ich ihn im Cafe mit einem ganz neuen vertauscht — Zu shat. Dame:. Konnten Sie denn Ihren Freund, der bei den Kannibalen ums Leben gekommen, nicht mehr retten?" � Afrikareisender:»Leider nicht I Als ich hinkam, war er auf der Speisekarte schon gestrichen!" (»Fliegende Blätter'.) Wahlhumor«. Im Dicdcnhofener Zentrumsblatte ist zu lesen: Große Wohlfahrt zum HI. Antonius. dein großen Einsiedler. G a u iv i e S, Donnerstag, den 17. Januar, Hochamt und Festprcdigt 10 Uhr. 51 a t h. Pfarramt. Daß der hl. Antonius sich jetzt auch um die Wahlen bclümmert, beweist wieder einmal, wie anpassungsfähig selbst die Heiligen sind. — Mü»chener liberale Blätter verkündigen: Deutsches Kolon ial-Cafv. Um weiteren Kreisen die Möglichkeit zu geben, sich von der Güte der deutschen Kolonial- Produkte zu überzeugen, hat ein Jungliberales Komitee im oberen Saale des Cafö Gisela ein Kolonial- Cafe errichtet. Es ivird dort mir deutscher Kaffee und Kakao ausgeschenkt; Erdnüsse und Vorzug- lich bereitetes Erdimßgcbäck sind zmn Genüsse bereit. Jeden Freitag sollen, wie wir dazu erfahren, frische Tropen- kollerbozillen gratis verabreicht werden. Nilpferdpeitschen zur Verfügung. Die letzten lebenden Hereros sind zur Bedienung engagiert. Notiz«»«. — Reden an das geliebte deutsch« Volk beginnt nun nach berühmten Mustern auch Ferdinand Bonn, oberster Herr im Reiche des Berliner Theaters, mit herablassender Huld zu halten. Also sprach er am Donnerstagabend nach Schluß des ersten Aktes als Hauptdarsteller der unvergänglichen Detektiv-Komödie»Sherlock Holmes" und läßt durch sein eigenes Korrespondenzbureau ver« breiten: Meine verehrten Damen und Herren! Sie sind- heute so güttg gewesen zu kommen, um»Sherlock Holmes' zu sehen. Das sollen Sie auch— nur Witt er in einem anderen Stück auf und zwar in meinem neuen Schauspiel:»Der Hund von Baskeville". Ich bitte Sie, sich für heute als meine Gäste zu bewachten und die gelösten Billetts für eine beliebige andere Vorstellung von»Sherlock HolmeS", erster Teil, an der Kasse einzutauschen. Was mich zu diesem Schritt zwingt, Sie wissen eS alle so gut wie ich. Habe ich nicht recht, daß ich niem Werk am liebsten von denen beurteilt sehen will, für die es geschaffen ist. Denn für Sie arbeite ich und nur fiir Sie, für das geliebte große deutsche Volk! Ihnen Freude zu machen. Ihrer würdig zu sein, ist mein einziges Ziel. Ihnen allein danke ich. daß ich noch die Fahne des Idealismus, deZ Gefunden und Reinen hoch halten kann, so arg sie auch beschmutzt und zerschossen wurde. Und wenn Sie heute befriedigt das Hau» verlassen, so find wir glücklich und belohnt für unsere Mühe. Herr Bonn sollte Herrn Dernburg nicht solche illoyale Kon- knrrenz macheu. Der deutsche Idealismus ist doch jetzt dringend für die Kolonien erforderlich. Und da»»geliebte große", fast möchte man sagen:»bonnische" deutsche Volk sollte er auch mit Freibilletts nicht verwöhnen. Wer ließe sich seine Begeisterung fiir das»Ge- sunde und Reine" nicht gern etwa? kosten, zumal wenn es in der ..klassischen" Form— daS Wort hat Herr Born im Taumel der Ge- schäste ganz vergessen— der Detektivkomödie von einem beinahe kaiserlichen Theaterdirektor geboten wird. Du heiliger deutscher Idealismus, wie hast du dir geändert. Bonn und Dernburg sind deine Apostel und die GeschästSreklame ist deine Bestimmung. — Der älteste Teppich, der überhaupt existiert, befindet sich im Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums. Das kostbare Prunkstück entstammt dem Orient und ist bereits im frühesten Mittelalter entstanden. Die eigentümlich stilisierte Zeichnung verweist eS noch in die Saslanidenzeit. Ueber den hellen Grund deS Mittelstückes läuft ein dünner Baumstamm, dessen rechtwinklig angesetzte Aeste eigenartige Blüten tragen. Von fern gesehen erinnern sie an große Lilien. Tritt man näher, so erblickt man- im Innern jeder Blüte ein ge- schlossencs Tor, über dem sich eine Pyramide wölbt, an den Seiten sind seltsam geformte, henlelartige Blätter angesetzt, daS Innere ist mit Sternchen, Blumen und anderen kleinen Sweunuistern gestillt. In der blauen Borte wird der Anfang de» mohammedanischen Spruchs:»Gott ist groß und Mohammed sein Prophet" in kufischer Schrift durch die Worte„la ital" fortlaufend wiederholt. Der wert- volle Teppich lag lange in einer Kirche in Tirol, wurde aber vor zirka IS Jahren von Dr. Bode fiir da» Museum ettvorben. — Reformen an der Pariser O p er plant der Minister der schönen Künste. B r i a n d. Sie betreffen zum Teil die finanzielle, zum Teil die künstlerische Verwaltung des mit 400 000 Frank jährlich subventionierten Theaters. Besonders bemerkenswert ist die dem künftigen Direktor der»Großen Oper" auferlegte Verpflichtung, in Gemeinschaft mit der»Komischen Oper" eine Volksoper zu erhalten. Die»Große Oper" ist nämlich ein Luxustheater, in dckS außer den Fremden hauptsächlich die Aristokraten und Börsenlente kommen. Gespielt wird, nach der Jahreszeit, nur drei- oder viermal in der Woche. Dabei steht daS Institut, trotz der außerordentlich hohen Eintrittspreise, ganz und gar nicht auf der künstlerischen Höhe, die man von der vornehmsten Opernbühne des Landes erwarten dürste. Die Abonnenten legen das Hauptgctvicht auf das Ballett. Bezeichnend ist. daß nicht ivcniger als 3000 Eintrittskarten für daS Foyer der Bühne aus- gegeben sind, wo sich die Lebemänner mit den Theaterdamen iuilcrhaltcn. Briand hat in der Budgctkommission der Deputierten- kammer eine Einschränkung dieses Mißbrauchs angekündigt. Ob es gelingen wird, die Bühne durch diese Reformen den großen Opern- theatun des Auslandes ebenbürtig zu machen, ist indes bei der starren Tradition des Hauses und bei den Ansprüchen seines eigen- arttgen Publikums fraglich. Man wird noch zufrieden sein müssen, wenn bei der neuen Volksopcr etwa? Vernünftiges herauSkonunt. Sonst bleibt die Subvention der»nationalen" Bühne tvaS sie bisher war— eine Steuer der Besitzlosen für ein Vergnügen der Reichen. — 870 neue Dramen wurden.' wie eine französische Theaterzeitschrift mitteilt, im Jahre 1903 in Frankreich aufgeführt. Zu dieser stattlichen Produktion sind noch 217 Dramen hinzu- zurechnen, die als Bücher erschienen, aber nicht aufgeführt wurden. So haben die Franzosen in einem Jahre also der Welt nicht weniger als 1V9S dramatische Werke geschenkt. Veraittworll. Redakteur: Hans Weber» Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VcrlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LW.