Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 16. Mittwoch, den 23. Januar. 1907 lNachdruck verboten.) iqj JMadamc d'Ora» Roman von Johannes V. Jensen. „Wie können die in meine Post geraten sein?" murmelte Hall verwundert. Er faltete sie auseinander und sah, das) das Exemplar der„Daily News" vom 17. Januar datiert war, und das von„La Presse" vom 19. Februar, sie waren also über drei Monate alt. In der englischen Zeitung stand ein langer und sensationeller Artikel über einen Mord, der mit blauem Bleistift umrandet war. Hall überflog den Artikel, er erzählte mit vielen gesperrten Unterbrechungen von einem jener mystischen Frauenmorde, wie sie seit Jack The Rippers Zeit hin und wieder in den großen Städten vorkommen. Man hatte einen Sack aus der Themse auf- gefischt, der die zerstückelte Leiche eines jungen Mädchens enthielt. Alle die gewöhnlichen Züge, wie sie dieser Art Per- brechen eigen sind, wiederholten sich. Die Leiche war von „kundiger Hand" zerlegt, und gewisse Schrecknisse deuteten darauf hin, daß der Mörder eines jener„Untiere in Menschen- gestalt war, wie sie das Großstadtleben erzeugt". Die Er- mordete war ziemlich schnell als ein Fräulein Elly Johnson identifiziert, die einige Tage zuvor von ihrem Platz in einem Hutgeschäft und aus denr Zimmer in der Stamfordstreet, das sie bewohnte, verschwunden war. Eine Eigentümlichkeit bei dem unheimlichen Fund war, daß der Leiche die linke Hand fehlte. Da es sich herausstellte, daß Elly Johnsohn einen Ring an dieser Hand getragen, hatte man hier einen wichtigen Anhaltspunkt für die Ergreifung des Mörders. Es waren noch keine Spuren des Missetäters gefunden, obwohl die Polizei im Besitz eines wertvollen„Schlüssels" zu sein glaubte. Hall las diesen Bericht mit einer umnebelten und ihm widerlichen Vorstellung, daß er ihn auf irgend eine Weise angehe. Wie in aller Welt ging es nur zu, daß diese Zeitungen in seine Post hineingeraten waren. Er erinnerte sich des Geschwätzes dieses törichten Engländers Mason, aber er sah keinerlei Verbindung darin, mochte sich auch nicht da hineindenken. Er warf die Zeitung in eine Ecke des Zimmers und öffnete„La Presse" vom 9. Februar. Sie enthielt eine kurze, unterstrichene Notiz über eine Schlägerei auf der'Gare du Nord zwischen zwei wilden Engländern,— nichts weiter. Auch diese Zeitung warf Hall weg. „Was war es denn?" fragte Madame d'Ora. „Nichts. Ein paar alte Zeitungen, die durch einen Irrtum in meine Post hineingeraten sind. War da übrigens ein Umschlag mit Adresse?" „Nein, sie lagen ganz lose." „Dann sind sie von irgend jemand in die Spalte der Tür gesteckt," sagte Hall und grübelte einen Augenblick nach, bis es ihm wieder gleichgültig wurde. Madame d'Ora ver- tiefte sich in„Le Figaro" und lachte oder seufzte von Zeit zu Zeit, wenn da etwas aus dem lieben Paris war, was ihr zu Herzen ging. „Ach ja!" sang sie schließlich und legte die Zeitung hin. Sie sah Hall an, der dasaß und rauchte, nickte ihm zu: „Edmund, hier ist. es gut!" Er blinzelte wohlgefällig und ließ die Augen sorglos umherschweifen. Plötzlich lauschte er, lauschte und sah sonder- bar beklommen aus. „Was sagst Du, Edmund?" „Die Fliegen! Hörst Du, wie sie allwissend und roh hier drinnen summen— sieh die blaue Fliege dort, die sieht so sicher aus, sie fährt fort, in die Höhe zu fliegen und ein Zeichen zu beschreiben, als ob wir sie verstehen sollten. Weißt Du, daß ich mich vor Fliegen fürchte? Wenn sie summen, kannst Du Dir da nicht eine erdrückende Hitze vorstellen und etwas, das süß und erstickend riecht— ein Federbett von verrotteter Süße über Dir und ein Feuer... und sonst still, still... nur Fliegen..." „Du schielst. Edmund," rief Madame d'Ora und lachte. „Sprich doch nicht so unheimlich, ich fühle, daß ich ganz grün werde. Laß uns jetzt die Flasche leeren und fahren, Du. Es war nett hier, aber nun wollen wir weiter." Halls Nasenlöcher bebten, er sah zu der Decke mit den feuchten Flecken hinauf und fuhr fort zu lauschen. Madame d'Ora weckte ihn aber, indem sie die Champagnergläser an- einanderstieß. Sie tranken aus. „Was sollen wir mit all dem Essen machen, das wir nicht verzehrt haben?" fragte Madame d'Ora. „Das lassen wir für die Katze stehen." „Für welche Katze?" „Hier ist doch natürlich eine Katze im Hause," sagte Edmund Hall.„Ich habe sie über Nacht gehört." Madame d'Ora schauderte und wurde ganz blaß.„Du bist schrecklich, Edmund," sagte sie und ihre Zähne schlugen ein paar Mal zusammen.„Wie kannst Du nur! Sich zu denken, daß man hier in der Finsternis sitzt und etwas hört — Ah!" Heftig schlang sie die Arme um seinen Hals. „Könntest Du hier mit mir sterben?" fragte er lächelnd, aber es huschte ein Funke von sonderbarer Zerstörungslust durch seinen Blick. Sie antwortete ihm mit ihrem tiefen, unschuldigen Liebeslachen. Die Sonne schien so hell und klar, als sie hinauskanien und in den Wagen stiegen. Sie fuhren jetzt tiefer in das Land hinein und kamen zuletzt an die Küste an der andern Seite der Insel an einer unbesuchten Stelle. Hier wo der Atlantische Ozean seine langen, grünen und durchsichtigen Wellen an den Strand warf, blieben sie mehrere Stunden und schauten nach den Seglern aus, die weit da draußen jeder feine stille Bahn zogen. Das Gras an dem niedrigen Hang war so wunderbar frisch und ging bis hart an den Rand der See, und es stand voll von Frühlingsblumen. Es kamen keine Menschen, sie hatten das Gras für sich allein und den weiten Himmel und die See, die sang und ihre Wogen an das Ufer warf. Hier waren sie an einem grünen User zwischen Himmel und Meer, zwischen der täglichen Raumunendlichkeit des Himmels und seiner blauen Fülle und der wandernden Ruhe des Meeres. Ein leiser Lufthauch, ein So'nnenwind strichen über See und Land, die Liebkosung des sanften Tages. Die Ruhe unter dem Blau wurde von einem langen und an- haltenden Ton getragen. Madame d'Ora summte und trällerte, bis sie eins wurde mit dem tiefen Himmel und der Unruhe des Meeres und der unsagbaren Milde des Tages. Den Blick auf die feinen Striche der Lämmerwölkchen gerichtet, die dort oben meilen- hoch unter dem Himmel lagen, hörte Hall sie singen, immer herzlicher und milder, umhüllt von der Sonnenbrise und den schweren Stimmen des Meeres. ... Plötzlich wird sich Edmund Hall bewußt, daß er weg" gewesen ist. Er hat nicht geschlafen, aber er hat in einer Stimmung von Wolkenfernheit dagelegen, ist erstarrt, weil er Leontinens selbstvergessendem Singen gelauscht hat; er hat das Gefühl seines Körpers, ja sogar das seiner Nerven verloren. Als er aber zu den Sinnen zurückkehrt, hat er ein im selben Augenblick schwindendes Nachgefühl von der Unwirklichkeit aller Dinge, des Himmels, der Erde und seiner selbst, ein Gefühl, als sei er an einem anderen Ort zu einer andern Zeit gewesen. Er sieht gleichsam den Schatten von etwas Schrecklichem, das während einer fernen Bewußtlosigkeit vor sich geht, er merkt, daß ein süßer und trübseliger Geruch in seiner Erinnerung zugegen getvesen, und daß ein Name an seine Ohren geklungen ist, fremd, aber mit einer inneren Nähe, die ihm Todesangst einflößt— Elly Johnson! 9. Madame d'Ora trat also in Neiv Jork auf, und sie hatte einen stürmischen Erfolg: namentlich ihre„Carmen" erweckte die Begeisterung der feurigen Amerikaner. Nachdem sie einen Monat lang in einem märchenhasten Rausch voil Gesaug und Erfolg auf dem Theater, und von Fest und Furore mit Edmund Hall umhergewirbelt war, ging Madame mit un- ermlldlichcr Energie auf ihre große Tournee durch die Staaten. Als sie fortgereist war, verschwand auch Edmund Halls nervöses und kaltes Gesicht aus den fashionablcn Caf6s und von den Promenaden. Und die Blätter, die sich. sehr frei- mütig mit den beiden bekannten Namen beschäftigt hatten, ließen sie aus dem öffentlichen Bewußtsein fallen, plötzlich und total, so wie es die Presse in Amerika, die keine Er- innerung hat, zu tun pflegt. Drei bis vier Wochen später paradierte Edmund Halls Name wieder obenan in den Sonntagsnummern der Zeitungen zusammen mit riesenhaften Illustrationen und mehr oder weniger authentischen Interieurs, aus deren ziem- lich verwirrten Mitteilungen hervorging, daß der berühmte Gelehrte sich jetzt ganz und gar dem Studium des Spiritis- mns gewidmet habe. Ein Blatt sah sich sogar imstande, das Bild eines weiblichen Geistes zu bringen, der bei den Sitzungen erschienen war. Alle Blätter versprachen weitere große Mitteilungen, aber am nächsten und in den darauf- folgenden Tagen brachten sie nichts, und damit war die Sache aus. Edmund Hall hatte seine Tür allen Reportern gesperrt. Nachdem sie drei Monate weggewesen war, kehrte Madame d'Ora zurück, feurig und mit Lorbeeren bedeckt. Sie stand da an einem heißen Augusttage mitten in Edmund Halls Laboratorium, als sei sie nur eine Stunde weggewesen, stand da, ihre Schleppe um die Füße gewickelt wie eine Wasserhose aus lauter Jugend: „Edmund, wie ist es Dir ergangen? Tu hast viel ge- arbeitet. Du siehst sehr überanstrengt aus... Deine Augen sind doch wohl nicht schlechter getoorden? Ich finde, ich kenne Dich gar nicht recht. Ja, ich bin aber auch schrecklich lange weggewesen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, Edniund, was für einen Erfolg ich gehabt habe, Edmund, und wie ich mich amüsiert habe! Es ist ein wunderbares Land, dies Amerika. Die Leute hier sind ja wahnsinnig... Alles, worauf wir in der Trunkenheit verfallen und worüber wir dann fabeln können, das t u n sie. Denk Dir, in Frisco schießt man mit Rosen zu mir auf die Bühne heraus— aus einer Kanone! Ich sang in einer Stadt, die Seattle heißt, das war außerhalb meiner Route, aber man überredete mich dazu, eine Deputation von Männern mit Gardemaß. und da erhalte ich ein großes, wunderschönes Bukett mit einem Stück Papier, und darauf steht— wessen Name glaubst Du wohl... Tai» Jellcyl Ter Name des Mörders, des großen Räubers und Banditen! Und am nächsten Tage lese ich, wie man einen Reiter in der Nacht hat dahiusprengen sehen, wie ein Gärtner aus dem Bett geholt und gezwungen wurde, das Bukett zu binden... Denk Dir, da habe ich vor dem schrecklichen Räuber gesungen, und er hat das Leben aufs Spiel gesetzt und von Mordwaffen strotzend dagesessen und mich singen hören! Ich sage Dir, es ist Wunderbar im Westen. Ter stille Ozean ist herrlich und lustig, und dann weiß man, daß er direkt bis Japan geht. Wie gut mir San Francisco ge- fallen hat, die Leute sind so schlank und unbändig, immer darauf bedacht, über die Stränge zu schlagen, sie wollen Luft trinken und die ganze Zeit in Spannung sein und auf der Straße Cour schneiden und Geld rollen lassen... genau so wie in Paris, aber sie sind jünger, hungriger in Frisco. Was für Augen sie haben, offen wie das Meer, welche Lebens- lust in ihnen allen steckt! Ach, das ist eine Stadt von Durch- gängern! Du kannst mir glauben, da bin ich gern gewesen — ich schwamm jeden Tag im Stillen Ozean, und da war ich nahe daran zu ertrinken, das heißt, ich kreischte, weil ich es glaubte und wurde von einem hünenhaften Tunichtgut an Land gebracht, der hinterher beinahe von der Menge gc- lyncht wurde— man umringte ihn und brachte drei wilde Hochrufe für ihn aus und bewarf ihn mit einer goldenen Uhr, einem kostbaren Sonnenschirm und einer Diamantnadel... eS war großartig. Amerika, das ist ja lauter Jugend, die Jugend aller Nationen wieder von vorne angefangen— in Frisco wimmelt es von Backfischen, so wie in Christiania. aber sie sind aus allen möglichen Rassen zusammengemischt — ausgenommen aus der. die ein Gewissen hat; Gott weiß, welcher Nationen Teufelei man nicht in ihrem Blute findet. Und dann denke Dir— sie sind alle unschuldig! Ich inter- essierte mich ja für sie und studierte sie mit einem Eifer, der von Dir beeinflußt sein könnte, Edmund... ja, sie sind alle keusch, obwohl sie die herausforderndsten Augen haben. Aber es ist, als hätten sie keine Eile, das Glück wird ihnen schon zufallen. Ich kann Dir nicht erklären, wie gerührt ich mich hierüber fühlte... Denk nur, auszusehen, als verberge man alle Erfahrungen einer verhärteten Sünderin unter seinen sechzehn Jahren, und dann eine Welt von Liebe vor sich haben! Aber das ist wohl„die neue Welt". Ich muß sagen, das hat Eindruck auf mich gemacht. Und ich, die ich mir das Wetter hier drüben bürgerlich vorgestellt hatte, so recht ein Wetter für Quaker und rationelle Landleute, ich bin starr über dies wilde Klima. Das ist ja ein Vollblutklima, daS Wetter ist ja nervös und gefühlvoll— alle Kalender der Welt sind da zusammengeschüttelt und erneuert. Jetzt diese Hitze, die wir haben, sie wirkt ja frisch, es, ist nicht der alte Backofen des„Südens"— es zerspringen Wärmebomben in der Lust. Ich bin durch eine Nation in Hemdsärmeln gereist, die Tragbänder kreuzweis über den Rücken, und sie keuchen und verdienen Geld dabei, deswegen geht alles genau so flott — in Chicago schlafen sie in Betten auf der Straße... man sollte fast glauben, daß diese Millionen von Hitzköpfen das Thermometer in die Höhe trieben,. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbslcn,) kleine Mintertiere. Von Hermann Löns, Hannover Schnee liegt in dem Garten, Eis hängt an den Dächern. Gegen Mittag gewinnt die Sonne Macht, sie zermürbt die Eiszapfen an den Dachrinnen, taut den Schnee zusammen und macht hier und da den schwarzen Erdboden frei. In der Mitte de» Gartens, wo die Sonnenstrahlen am stärksten hinfallen, steigt ein silberner Punkt auf. tanzt hin und her, blitzt ruf und ab. Ein zweiter, dritter, vierter folgt ihm, immer mehr, bis über der Buchsbaumeinfassung, die steif und dunkel� von dem weichen, hellen Schnee absticht, ein Wirbel von blitzenden Silber- punkten flimmert. Kopfschüttelnd sieht sich der Besitzer des Gartens, der das Vogelfutterhaus mit frischem Mischsamen versehen wollte, das Ge- flirr an. Er will seinen Augen nicht trauen, denn er erkennt, daß die blitzenden Punkte Mücken sind, richtige Mücken von der Größe der Stechmücken, die ihn im Sommer oft peinigten. Er nimmt an, daß es sich um eine jener Ausnahmeerscheinungen handele, an denen die Natur so reich ist, um einen durch besondere örtliche Verhältnisse entstandenen Vorgang, denkt vielleicht, daß, weil es Waschtag ist, es in der Waschküche überwinternde Mücken sind, die durch die Glut des Herdes aiß ihrer Erstarrung erweckt sind; er zieht sie in Vergleich zu den beiden c-chmetterlingen. dem Pfauenauge und dem kleinen Fuchs, die gestern beim Rcinmachen der geschlossenen Veranda von den Mädchen gefunden und als be- deutende Naturwunder in das Wohnzimmer gebracht wurden, wo sie bald aus dem Schlafs erwachten und lustig gegen die Fenster- scheiben flatterten. Als er aber gleich nach dem Mittagessen vor das Tor hinausgeht, wo die Spaden von allen Dächern zwitschern und in allen Bäumen die Meisen ofeifen, da sieht er überall an geschützten, sonnigen Stellen zwischen den Hecken kleinere und größere Schwärme von Mucken, die in säulenähnlicher Anordnung auf- und abgauteln und in ihm das Gefühl erwecken, daß der Frühling schon vor der Tür stehe und daß bald die Schneeglöckchen im Garten ihre weißen, grüngczierten Glöckchen entfalten werden. Und da er kein Kohlenhändler oder Kürschner oder Festsaalbesitzer ist, ihm also keine geschäftlichen Interessen den Wunsch nahelegen, der Winter möge recht lange dauern, so freut er sich der Fühlings- zeichen, als welche ihm die Mücken erscheinen, wenn er auch im Bogen um sie herumgeht. Letzteres hat er nicht nötig, denn die Mücken, die im Winter spielen, stechen nicht; es sind aber auch keine Frühlingszeichen, es sind Vertünder des Winters, echte Wintertiere, die nur in der rauhen Jahreszeit zu finden sind und die, wenn das übliche summende und brummende Volk erwacht, matt und müde in das faule Laub fallen und sterben. Es ist die Tanz- oder Winter- mücke, Trictioeera hiemalis, deren Made aus den im Spätwinter und Borfrühling gelegten Eiern im Herbste auskriecht, im faulen Laube und in Pilzen lebt und nach kurzer Puppenruhe erst im Späthcrbste als fertiges Insekt, als Jmago, wie es der Zoologe nennt, erscheint. Es ist der einzige deutsche Zweiflügler, der ein reines Winter- tier-ist, wie denn die meisten unserer Infekten ausgesprochene Sommertiere sind, die den Winter über als Ei, Larve oder Puppe überdauern, wenn auch viele von ihnen, wie eine Menge Käfer, Schmetterlinge, Bienen, Wespen und Fliegen als fertige Tiere den Winter im Todesschlafe verbringen, und nur, wenn ganz be- sondere Umstände, so anhaltend warme Witterung, eintreten, aus der Erstarrung erwachen und sich zeigen, um dann als große Seltenheiten angestaunt und als Frühlingsboten begrüßt und den Redaktionen der Tageszeitungen als„erster Maikäuscr" oder, erster Schmetterling" zugesandt zu werden. Gegenstücke zu den Wintermücken bieten die Schmetterlinge in den zum Teile den Obstbäumen sehr gefährlichen Frostspannern. drei bis fünf Zentimeter spannenden, meist zarten, unauffällig ge- färbten, aber äußerst fein gezeichneten Nachtfaltern, deren Weibchen statt der Flügel nur Stummel besitzen. Alle zu dieser Gruppe gehörigen Arten erscheinen erst vom Spätherbst ab. doch nicht gerade in der Mitte des Winters, dielmehr tritt um diese Zeit eine Pause ein. Einige Arten sind Spätherbst- und Frühwinterttcre, von denen jede Art an einen ganz bestimmten Monat gebunden ist. Im November und Dezember und dann wieder im Februar und März steht man diese trüb gefärbten Falter viel tagsüber an den Stämmen im Walde fitzen ci>er auf den Wegen liegen; mit Ein- tritt der Dämmerung werden sie munter und flattern in reget- losem Fluge von Baum zu Baum, um die plumpen, mehr einem Käfer, als einem Schmetterling ähnlichen Weibchen zu suchen, gegen die sich der Obstbaumbcjitzer durch mit Raupenleim getränkte Manschetten auZ Pappe oder Sackleinwand zu schützen sucht, die er mit der offenen Seite nach dem Boden hin um die Stämme unterhalb der ftrone bindet. Obwohl die Froftspanner Jahr für Jahr in ziemlich groher Anzahl austreten, so erscheinen sie in ein- zelnen Jahren massenhaft, und besonders an etwas nebeligen Winterabenden macht es sich ganz gespenstig, wenn der kahle Wald von ihnen durchschwirrt wird. An jedem Stamme, an dem ein un- befruchtetes Weibchen sitzt, taumeln oft mehr als ein halbes Hundert Männchen, und am anderen Morgen liegen die toten Falter überall auf den Wegen oder schwimmen auf den Gräben, den Meisen, Spechten, Spitz- und Waldmäusen ein willkommener Fratz. Nutzer den Wintermücken und den Frostspannern gibt es aber noch einige Kerbtiere, die ausschlietzlich im Winter vorkommen, so die Gletschergäste, Loreus hiemalis, Westwoodii und gigas, drei bis vier Millimeter lange, dunkelmetallgrüne, flügellose, behende Tierchen, die an schattigen Stellen der Bergwälder zwischen dem Moose umherhüpfen. Ihre Gestalt und ihr Benehmen ähnelt den Gallwespen, doch sind sie mit diesen keineswegs verwandt, sondern gehören zu den Neuroptercn, also zu den Wasserjungfern und Ein- tagssliegcn. Zu der niedrigsten Jnfektengruppe gehören noch zwei andere Wintertiere unter den Insekten, nämlich zu den Springschwänzen, jenen bekannten winzigen, schmalen Tierchen, die gern auf und unter Blumentöpfen leben und die imstande sind, sich mit einer am Ende des Hinterleibes befindlichen, am Bauche anliegenden Sprunggabel weit fortzuschnellen, eine Konstruktion, die an die Spielwerke erinnern, die wie Kinder auf dem Lande mit Zwirn, Wachs und einem Streichholze aus dem Gabelbeine der Hühner sie herzustellen pflegen. Tas eine ist der Schneefloh, Degeeria nivalis, ein graugelbes, schwarzgesprenkeltes, zwei Millimeter grotzes Insekt, das sich in unseren Wäldern auf schmelzendem Schnee findet, auf dem es aller- lei winzige Algensporcn abweidet und munter hin- und herhüpft. Sein naher Verwandter, der Glctscherfloh, Desoria glacialis, der auch nicht grötzer, aber schwarz und lang behaart ist, lebt auf höheren Gebirgen, besonders in den Alpen, kommt aber auch schon im Riesengebirge vor. Dort ist er nur im Winter zu finden, während er in den Gletscherbezirken auch im Sommer lebt. Auch unter den deutschen Landschnecken finden sich zwei Gruppen, die Vitrinen und die Daudebardien, die man nur vom Herbste bis zum Frühling findet. Es sind kleine Tiere mit sehr dünnen, glashellen Gehäusen, die bei den Daudebardien so klein sind, datz sie kaum ein Drittel des Leibes bedecken. Auch hier zeigt eS sich wieder, datz die alpinen Formen im Sommer vorkommen, während man die Arten der Ebene und der Mittelgebirge erst im Spätherbste antrifft, während sie den Sommer als Ei tief im feuchten, kühlen Laube oder unter nassem Steingeröll in schattigen Schluchten und Mulden überdauern. Alle zu diesen beiden Gruppen gehörigen Arten sind einjährige Tiere und von räuberischer Natur, die von anderen kleinen Schnecken leben, deren Gehäuse sie mit ihrer mit vielen scharfen Kalkzähnen besetzten Zunge durchfeilen. So winzig und unscheinbar diese Schneckchen sowie der Schnee- floh und der Gletschergast auch sind, so sind sie für den Natur- forscher doch viel interessanter, als manches grohc, auffallend ge- färbte Wesen, einmal deswegen, weil sie, obwohl kaum mit hervor- tretenden Schutzvorrichtungen versehen, imstande sind, bei hohen Kältegraden ei» bewutztes Leben zu führen. Versuche, die man mit dem Gletscherfloh anstellte, ergaben, datz er eine Temperatur von zehn Grad Kälte, der man ihn in eingefrorenem Zustande aus- setzte, ohne Schaden überwand. Sodann sind diese Tierchen, wie die großen Gesteinsblöcke der norddeutschen Tiefebene, mit Sicherheit Wohl als Ucberbleibsel aus jener Zeit aufzufassen, in der Norddeutschland Zehntausende von Jahren ein arktisches Klima hatte und in Eis und Schnee lag. Damals weidete an den Rändern der Gletscher Moschusochse und Ren, Schncefuchs und Viällfratz. stellten dem Lemminge nach, der Jagdfalke und die Schneeulc hausten dort, zwcrgige Birken und kriechende Weiden bedeckten das Geröll der Moränen. Sie alle verschwanden, als das Eis abschmolz und blieben nur noch im hohen Norden erhalten oder gingen, wie das Mammut, völlig unter. Einige Kerbtiere und wenige Schnecken allein blieben erhalten aus jener Zeit, in der der Mensch, mit Stein- gerät bewaffnet, in unserer Heimat dasselbe Leben führte, wie ?eute noch der Eskimo und der Grönländer, und sich die seltsamen lobigen Steinbauten als Wohnungen schuf, die hier und da zer- streut in Deutschlands Heiden exHalten sind, und die uns keinen sicheren Aufschlutz darüber geben, wann und wie sie erbaut wurden. Aus toten Dingen, Gletscherschrammen an Stcingefchicben, Knochen- und Steinwaffcnfunden ini Boden und Seeschlamm, Stein- bauten in einsamen Heiden denkt sich der Forscher ein Bild jener Zeit zusammen, deren einzige lebende Zeugen, von einigen Pflanzen abgesehen, winzige Insekten und zwerghafte Schnecken sind.— kleines feuilleton. Daö Färben der Nahrungsmittel. Dem Publikum ist es be- karmt, datz ein Teil der Nahrungsmittel gefärbt wird, un« durch ihr gutes Aussehen die Käufer anzulocken. Heber den Umfang und die Gefahren dieses Unfugs ist es aber nicht immer den Tat- fachen entsprechend unterrichtet. In dem Journal der aineri- konischen medizinischen Vereinigung werden jetzt einige dieser auf die Gedankenlosigkeit des kaufenden Publikums berechneten Ver- schönerungskünste scharf beleuchtet. Zur Färbung werden selten die nächstliegenden Naturprodukte benutzt. So wird die Gelb- färbung des Zitronensaftes gewöhnlich nicht mit Hülfe von Zitronenschalen, sondern unter Benutzung einer Anilinfarbe vor- genommen. Gerade die billigsten Extrakte enthalten am meisten Anilinstoff,- die teuersten, die natürlich gefärbt sind, verlieren ge- wöhnlich bald ihre Farbe. Ebenso büßen die Erdbeeren, wenn sie konserviert werden, schon nach kurzer Zeit ihre natürliche Farbe ein. Durch künstliche Färbung werden die nicht mehr ganz ein- wandfreien und die halbreisen Früchte für den Käufer hergerichtet und von diesem mit Vorliebe gekauft. Bei einigen Rahrungs- Mitteln werden die Farbstoffe lediglich dazu verwandt, Wohl- gefallen zu erregen, z. B. bei buntem Zuckerwerk. In solchen Fällen fragt es sich nur, ob der benutzte Farbstoff schädlich oder un- schädlich ist. Gewöhnlich gelten die Mineralfarben mit Ausnahme des Lasurblaues und einiger Eisenmischungen für schädlich, während tierische und pflanzliche Färbemittel für unschädlich gelten. Nur das Tierexperiment verniag über die Schädlichkeit eines Färbemittels zu entscheiden. Auf diesem Wege ist es gelungen, die Unschädlichkeit des Steinkohlenteers nachzuweisen. Ebenso wixd die Anilinfarbe nur infolge gewisser Verunreinigungen giftig. Früher wurden diese Farben mit Hülfe von giftigen Metallen und Säuren, die giftige Metalle als Verunreinigungen enthielten, her- gestellt, so daß die fertige Farbe meistens die gleichen giftigen Eigenschaften aufwies. Die neueren Herstcllungsmethodcn haben diesen Mißstand beseitigt, so datz die zum Färben der NahrungS- mittel benutzten Anilinfarben nicht mehr als giftig bezeichnet werden können.— Literarisches. Moderne Balladen. AvenariuS bespricht im„Kunstwort� einige neue Balladensammlungen und kommt dabei zu ähnlichen Ergebnissen, wie sie kürzlich von E. KreowSki an dieser Stelle ent- wickelt wurden. Mir scheint— führt Avenarius aus— unS könnte im Balladen- Wesen eine Bewegung gut tun, die in einigem der Bewegung im Malcrwesen ähnelte, wir brauchten sozusagen.Freilicht» b a l l a d e n Nicht als einzige, ja nicht, auch die moderne Malerei besteht ja durchaus nicht blost ans Freilichtmalerei, so gut ihr die Bewegung getan hat. Man könnte auch sagen: wir brauchten eine n a t u r a l i st i s ch e Belvegung in der Baliade. Hinein inS volle Menschenleben mit dem Griff und die Gestaltung zunächst so vorausseyungsloS Ivie möglich; der Etil wächst den Talenten aus den Bedingungen der Arbeit von selbst, wenn akich nicht gleich beim ersten Versuch. Der Verkehr,'die In» dustie von heut, die Technik von heut, die Arbeiterbewegung, der politische Kampf— ich meine: da stecken der Balladenstoffe und der Balladenstinimungen, auch der ganz echten, düster-großen genug. Wahrscheinlich sogar so gewißlich mehr als in der Vergangenheit, als die Bedingungen unseres Lebens mannigfaltiger sind..Aber gerade die Einfachheit der Verhältnisse macht ja den Balladenstoff gut." Nein, sie macht ihn nur leichter gestaltbar. Auch das nicht so sehr auS Gründen, die im Einst liegen, denn diese Vorteile werden doch wohl aufgehoben von dem unschätzbaren Vorteil des Miterlebens. Sondern, weil für die Behandlung des Neuen die Krücken fehlen, die Herr Vordermann gesägt und ge- hobelt hat. Wir brauchten eine Balladenpoesie, die unter der Sonne des Heute empfangene Keime unter freiem Himmel fem von den Nüst- kammern und Bibliotheken in eben dieser Sonne reifte. Und ich bin dessen in voller Zuversicht: wenn die wachsende literarische Bil» dung erst unsere Ohren dafür geschärft hat, wo geschmiedete und wo Theaterschwerter aneinander schlagen, dann werden wir eine solche Poesie auch ganz von selber bekommen. Und damit mich auf diesem Gebiete einen wirklichen Ausdruck der Gegenwart nicht etwa statt des Ausdrucks dessen was einst war oder was zeitlos ist, aber immerhin neben ihm. Aus dem Tierlebe». D i e A m s e l f r a g e. Ob die Amsel oder Schwarzdrossel, die selbst in der nächsten Umgebung oder sogar im Herzen der Grotz- städte am häufigsten von allen Singvögeln zu finden ist, zu den nütz- lichen oder schädlichen Vögeln gehört, darüber ist man sich noch nicht einig geworden. Es hat sogar einmal einen Amselprozetz gegeben, bei dem ein Gartenbesitzer wegen Uebertretung des Vogelschutz- gcsctzes angeklagt war, weil er die Amseln aus seinem Garten ge- waltsam zu vertreiben gesucht hatte. Bei diesem gerichtlichen Ver- fahren traten die Urteile über Nützlichkeit oder Schädlichkeit des Vogels scharf gegenüber. Jetzt hat Dr. Friedrich Knaner� im „Zentralblatt für das gesamte Forstwesen" dieser Frage eine gründ- liche�Auscinandersetzung gewidmet, wobei er auch das Verhalten der Singdrossel berücksichtigt hat. Es könnte nun den Vogelfängern nichts angenehmer sein, als wenn die Schädlichkeit dieser Vögel wirklich derart nachgewiesen würde, datz sie ihnen nach Belieben nachstellen könnten. Zunächst ist dazu zu bemerken, datz die Sing- drossel heute mehr als jeder andere Singvogel eine Art von asthe- tischem Wert besitzt, weil sie eben gerade den an Naturgenüssen armen Städter mit ihrem Gesang erfreut. Uebrigens sollen erst 20 bis 30 Jahre vergangen sein, seit die Amsel begonnen hat, sich in den Städten anzusiedeln, hauptsächlich wohl, weil sie dort vor ihren natürlichen Feinden sicher ist. Wahrend des größeren Teils des Jahres machen sich die Drosseln jedenfalls sehr nützlich, indem sie auf dem Boden nach Regenwürmern, Insekten und Schnecken suchen. Im Herbst nähren sie sich dann von Beeren, meist von solchen, die beim Menschen nicht beliebt sind; sie gehen aber auch ftn Heidelbeeren, Preiselbeeren und Johannisbeeren. Bedenklicher tvird ihr Verhalten schon, wenn sie an anderes und wertvolleres Obst gehen. Namentlich setzen sie auch den Kirschen und Birnen zu, wohl auch den Erdbeeren und besonders den Weintrauben. In Summa hält Knauer die Nützlichkeit der Drossel für durchaus überwiegend, und zwar nicht nur wegen ihrer Feindseligkeit gegen allerhand schädliches Gewürm, sondern auch dadurch, daß sie unbewußt Nflanzensamen versäen.— Geologisches. Erdbeben. Der bekannte französische Gelehrte Camille Flammarion schreibt in einem Aufsatz, der in der englischen Zeit- schrift„Knowledge and Scienfific News" veröffentlicht wird:„Von tvelcher Heftigkeit die seismischen Stöße sein können, wie elastisch andererseits unser scheinbar so fester Erdball ist, sah man besonders bei dem großen Erdbeben von Afsam am 12. Juni 1897, das ebenso verhängnisvoll wie das Lissaboncr von 17öö war. Das Beben ver- breitete sich nicht nur von dieser Stelle bis zu den Antipoden, sondern wurde auch noch von dem Seismographen(Erdbebenzeiger) «n Indien registriert, nachdem es zweimal den Weg um den Erd- ball gemacht hatte, wie die atmosphärischen und Mcereswellen, die 4883 von dem furchtbaren Ausbruch des Krakatoa verursacht worden tvarcn. Auch das Erdbeben, das San Francisco am 18. April heimsuchte, scheint nicht iveniger heftig als das von Lissabon und Afsam gewesen zu sein. Alle Seismometer der Erde verzeichneten es, und die Stöße nahmen erst an Stärke ab, als sie zweimal den Weg um die Erde gemacht hatten. Die Erdbcbcnwelle durchlief Birmingham um 1 Uhr 25 Minuten nach Greenwichcr Zeit; da die Zeit von 5 Uhr 13 Minuten in San Francisco der von 1 Uhr 43 Minuten in Birmingham entspricht, so brauchte sie nur 42 Minuten von San Francisco bis Birmingham.'Sie kam gleich- gcitig in Brüssel(Uccle) an und ein wenig später in Laibach in Oesterreich, wo der Apparat von 2 Uhr 30 Minuten bis 3 Uhr 80 Minuten ein Beben anzeigte. Die mitteleuropäische Zeit ist der Greenwichcr voraus. Davefons Beobachtungen in Birmingham geigten eine zweite Registrierung der Erdbebenwelle nach 3 Stunden 43 Minuten an, nachdem sie den Weg um die ganze Erde gemacht hatte. Wenn man zu den 40 000 Kilometern, die dazu gehören, noch die 0000 Kilometer von Birmingham nach San Francisco gurechnet, so sieht man, daß der erste Stoß mächtig genug war, eine Schwankung zu verursachen, die sich wenigstens 50 000 Kilo- »neter fortpflanzte. Die von den Erdbeben erzeugten Schwankungen tvcrden aber durch die ganze Masse unseres Planeten mit einer anderen Schnelligkeit übertragen, als wie sie an der äußeren Kruste entlang laufen. Am 2. Februar zeigte das Seismometer in Florenz eine Störung in 9000 Kilometer Entfernung an; an diesem Tage zerstörte ein unterseeischer vulkanischer Ausbruch und eine Flut- Welle den kolumbischen Hafen Buenoventura an der pazifischen Küste. Die Stöße in San Francisco zeichneten sich durch ihre Länge und ihren rotierenden Charakter aus. Die heftige Phase dauerte 40 Sekunden, aber es dauerte 3l-h Minuten, ehe der Apparat auf Mary Island seine Registrierung schloß. Eine ganze Straße erhob sich wie eine lange Welle. � Einige Erdbeben, wie das Lissaboner von 1755 oder das von Assam 1892, wurden in der riesigen Ausdehnung von 2—3 Millionen Quadratkilometer ge- fühlt; andere erstrecken ihre Wirkung nur auf 100 oder auch nur 10 Quadratkilometer. Im Jahre 1879 wurden die Bewohner von Linthal, Glarus, bei einem Erdbeben aus ihren Betten geworfen, während 15 Kilometer entfernt niemand etwas spürte. Daß es irrig ist, anzunehmen, daß Erdbeben die Folge vulkanischer Aus- drüche sind, zeigt sich besonders deutlich in. Japan. Dieses ist be- kanntlich das klassische Land der Erdbeben; es hat täglich drei oder vier. Die unsichersten Gegenden sind aber durchaus nicht die um den Vulkan Fusiyama gelegenen; überdies hat sich dieser seit 800 Jahren ruhig verhalten. Keinerlei Ausbruch begleitete die großen seismischen Störungen der Jahre 1891 und 1897, ivohl aber hat es in gar nicht vulkanischen Gegenden viele Erdbeben gegeben. Bei San Francisco ist z. B. auch kein Vulkan. Dabei hat Professor Holden für ganz Kalifornien 514 Erdbeben in den Jahren 1850 bis 1880 berechnet, von denen allein 254 auf das Gebiet von San Francisco entfallen. Seismische Störungen werden ioedcr durch nahe, noch�durch ferne vulkanische Ausbrüche verursacht; aber seismische Störungen, und vulkanische Ausbrüche sind beide die Folge des nachgiebigen ZustandcS irgend eines Teiles der Erd- rinde. Seismische Störungen finden immer in der Nähe von Bergen statt, und am günstigsten sind steile Abhänge. Alle un- hestrcitbar seismischen Gegenden haben eine Senkung von 3 bis B Grad. Seismische Zentren finden sich besonders dort, wo eine steile unterseeische Schicht in einem jäh zutage tretenden Erd- libhang endet. Wir bemerken nur die heftigen unterirdischen Störungen; aber tatsächlich sind Erdbeben regelmäßige und nor- male Episoden im Leben unseres Planeten. Die noch junge Wissen- schaft der Erdbebcnforschung hat eine Statistik darüber aufgestellt. Alexis Peircy von der Akademie in Dijon katalogisierte die vielen Tausende von Erdbeben, die irgendwo in dem Zeitraum von 1844 bis 1872 erwähnt wurden. Ich versuchte mit Hülfe meines Kollegen C. Detaille diese Zusammenstellung in meiner Zeitschrift „Astronomie" 1883 bis 1888 fortzusetzen. Aber diese Statistik beanspruchte so viel Platz, daß wir sie aufgeben mußten. Sie ist mehrere Jahre lang mit unermüdlicher Sorgfalt in der belgischen Zeitschrift„Ciel et Terre" von M. de Montessus, Ballore, fortgesetzt worden. Diese Dokumente berichten über 170 000 Erdbeben. Nach der die ganze Welt umfassenden allgemeinen Synthese von M. de Montessus bebt die Erdrinde fast gleichmäßig und fast aus- schließlich in dem Gebiete zweier schmaler Zonen, die sich in einem Winkel von 67 Grad schneiden, des Mittelmeer- oder alpinisch- kaukasischen und des zirkum-pazifischen Kreises." .HuuioristischeS. — Auf dem Maskenball. Herr(zu einem dicken Fräulein, das einen Engel darstellt):„Genügt Ihnen nur ein Paar Flügel?" — Aus der In st ruktionS stunde. Unteroffiziert „Zweierlei muß der junge Mensch ablegen, wenn er in die Reihen der Armee eintritt: erstens seine Zivilkleider und zweitens den Fahiieueid I" — Zuviel verlangt. Richter(zum Zeugen):.Diese Wurst ist bei dem Angeklagten gefunden worden, Hubcrbaner. er- kennen Sie darin das Schwein wieder, welches Ihnen gestohlen worden ist?" („Mcggendorfer-Blätter".) Notizen. — Die Neue freie Volksbühne bringt Sonntag nach- mittag das vieraktige Schauspiel„Dämonen" von Hans v. W e n tz e l mit den Kräften des Neuen Theaters und unter SIegie von Dr. Walter Bloem zur Auffiihrung. — Leoncavallo.der Komponist des„Bajazzo", arbeitet an einer neuen Oper nach einem Textbuch von Colanti, das sich„Gamicia. rossa"(das rote Hemd) betitelt. Die Erhebung von 1866 in Trient wird darin behandelt. — Die Rekonstruktionswut bedroht schon wieder den Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses. Die badische Regierung beabsichtigt auf Grund neuerlicher Gutachten, die billig wie Brombeeren sind, eine Forderung von 100 000 M. als erste Rate für sogenannte Sicherhcitsbauten einzubringen. Her- vorragende Männer der Kunst und Wissenschaft haben sich im Ein- klänge mit der Volksmeinung gegen die geplanten Entstellungen aus- gesprochen. Aber die byzantinische Liebedienerei läßt immer noch nicht locker. — Ein prähi st arischer Fund. Beim Ausschachten eines Brunnens fand man in einer Lehmgrube bei A ch e n h e i in (Elsaß) einen 2,05 Meter langen Mammutzahn. Der mittlere Durch- niesser des Zahnes beträgt 12 Zentimeter. Das Straßburger natur- historische Museum kaufte den Fund an. — Die chinesische Schrift. Man hat behauptet, daß die chinesische Schrift, die kein Alphabet hat, mit dem alle Worte ge- schrieben werden können, nahezu 50 000 verschiedene Schriftzeichen aufweise. In Wirklichkeit findet man aber, wie ein französisches Blatt schreibt, in all den Werken, die gegenwärtig in China gedruckt werden, nicht mehr als 4500—5000 verschiedene Schriftzeichen, und da die meisten von diesen, wenn man sie genauer analysiert, aus einfachen Elementen zusammengesetzt sind, so beschränkt sich daS Studium der chinesischen Schrift schließlich auf 200 ursprüngliche Zeichen oder„Schlüsiel". Diese große Vereinfachung der chinesischen Schrift hat sofort in der Buchdruckerkunst praktische Anwendung ge- funden. in der zerlegbare Schriftzeichen in verhältnismäßig be« schränktcr Zahl seit einiger Zeit die zahlreichen Schriftzeichen aus einem Stück, die früher im Gebrauch waren, verdrängt haben. Ueber die Ursache der Bildung des Gnmrni arabicum. Sämtliches Gunimi in den deutschostafrikanifchen Steppen verdankt seine Entstehung lediglich der Tätigkeit der Ameisen. Die Tiere bahnen sich durch die Rinde der Akazien Gänge, um in das Holz zu ge- langen, wo sie sich Höhlungen schaffen, die sie als Wohnungen be- nutzen und in die sie ihre' Eier» legen. Bisweilen werden solche Höhlungen sehr umfangreich angelegt. Akazien mit weichem Holze zeigen verhältnismäßig wenige Bohrlöcher, während solche mit hartem Holze über und über mit Gummiklümpchen bedeckt sind, deren jedes einer Wunde entspricht. Führt man mit der Axt oder dem Busch- messer Schläge gegen einen von Ameisen bewohnten Baum, so ist in wenigen Sekunden dessen ganze Oberfläche mit den aufgeregt hin und her eilenden Tieren bevölkert, bis diese schließlich am Stamme herunter laufen, um sich im Boden zu verkriechen. Das aus der Wunde fließende Gunimi wird im allgemeinen von den Ameisen nicht verlvertet; der frische Ausfluß ist für die Tiere sogar ein Hindernis, aus ihrer Behausung ins Freie zu gelangen, so daß sie genötigt sind, sich einen anderen Ausweg zu schaffen. Berantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LiCo.,BerlinLW.