Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 17. Donnerstag, den 24. Januar. 1907 (Nachdruck uw&oten.) 17] jVladame d'Ora. Noman von Johannes V. Jensen� „Was für eine Kanuner oder was für ein Zelt hast Du denn da aufgestellt, Edmund... einen neuen Apparat, um sich als Skelett zu sehen? Und Du hast ein Harmonium be- kommen? Ich glaube gar. Du spielst geistliche Lieder! Aber was für häßliche Vorhänge hast Du doch an den Fenstern angebracht. Immer hast Du etwas Neues vor! Ich habe jeden Tag an Dich gedacht, der Du hier oben in Deiner wissenschaftlichen Gondel schwebst und Deine Arbeiten aus- führst und zu den Wolken hinaussiehst und die Kleinen tief unten lärmen hörst. Ich kenne niemand, der sich so wie Du einrichten kann, ohne die Welt fertig zu werden und sie doch zu besitzen. Aber wie herrlich ist es. dort unten mitten im Gewimmel zu sein,— für ein schwingenloses Geschöpf wie ich es bin— wie ich es liebe, im Gedränge festgeklemint zu sein, Flaggen über dem Kopf zu sehen und die große Trommel in der Straße näher kommen zu hören! Du lächelst, Edmund... früh, ganz früh, heute morgen sah ich den Niagara aus dem Coup�fenster und hörte die Wassermassen tönen, es war so groß.— ach, wie groß es war." Madame d'Ora schwieg schwelgend und schüttelte demütig den Kopf: gleich darauf traten ihr Tränen in die Augen, sie lächelte, und neue Bilder erfüllten sie: „Edmund, ich war in New-Orleans, natürlich, und in St. Louis und in einer Menge anderer Städte in den Süd- sraaten. Und ich reiste über die Prärien und durch die Berge und über die Steppen, wo nichts war als Salz und Pottasche — und ich war ja in Utah. Jetzt sollst Du einmal hören, dort kam ich in die Gesellschaft von Mormonen— smart sind sie, aber sonderbar geheimnisvolle Leute, die dreist und der- steckt blinzelten, als spielten sie alle mit unanständigen Karten — und dann fällt mir ein, was Du von diesem Evanston sagtest, als wir zusammen an Bord waren. Denk nur, er ist wirklich Mormone! Sie freuten sich so in Utha, als ich von ihm erzählte, und er schien ein großer Mann bei ihnen zu sein. Er ist einer ihrer besten Agenten: der immer umher- reist und Proselyten macht. Man ließ mich mit großer Ehr- furcht verstehen, daß Evanston der Sohn eines der allerersten Mormonen sei, und erzählte, daß er in einem Emigranten- wagen geboren wurde, gerade als die Indianer den Zug an- griffen. Und er sei aus guter Familie, sagten sie, sein Vater fei gar nicht nach Amerika gekommen, weil er etwas„getan habe"— ist das nicht allerliebst!— er sei seinerzeit aus Europa ausgewandert unter dem unbestimmten Gefühl, daß er in der Ferne einen geistigen Beruf zu erfüllen habe.— Man machte übrigens einen kleinen liebevollen Versuch, mich für die Lehre Mormons zu interessieren, aber ich beeilte mich, meinen eigenen Kinderglauben zu bekennen, der sich ja auf die Voraussetzung einer Mehrheit von Männern stützt. Dann war, weiß Gott, einer so witzig, zu entgegnen, daß Mormon in seiner Lehre von einer Mehrheit keineswegs von dem Ge- schlecht geredet habe... drollige Leute! Tu siehst per- stimmt aus, lieber Edmund, nun glaubst Du sicher, daß ich mir etwas aus diesen armen, gierigen Psalmisten gemacht habe... Ach, Edmund, ich bin auf dieser ganzen Reife kaum ein einziges Mal verliebt gewesen. Aber ich habe mich gesehnt, ich habe mich nach Dir gesehnt, Edmund. Und Du hast mich noch nicht ein einziges Mal verliebt angesehen, seit ich gekommen bin, nicht einmal freundlich..." Madame, die sich auf einen Stuhl gesetzt hatte, erhob sich langsam, aber sie überwand ihre Bewegung, setzte sich wieder und sah mit sehnsuchtsvollen Augen zu EWnmd Hall hinüber. „Ist es Dir gut gegangen?" fragte sie ruhig.„Koimn, setzen wir uns ein wenig an die Fenster. Ich werde auch bald gehen. Du bist weit weg, Edmund, woran denkst Du? Bist Du unruhig?" Sie schwiegen lange. Dann sieht Madame d'Ora mit einem Gesicht auf, das seine Fassung ganz wiedergewonnen hat, ihre Augen schimmern von einer tiefen Wärme, sie sieht und sieht Edmund an, bis sie errötet und den Kopf senkt. Dann sieht sie wieder auf und lächelt: „Vielleicht bin ich doch einmal in Chicago verliebt ge« Wesen— obwohl, nein. Ich traf dort einen jungen Dichter» der ein großes Lied auf mich schrieb. Meine Begeisterung über Amerika habe ihn dazu angeregt, sagte er. Aber wie gut er selber über seinen Weltteil sprach, über die Bisonochsen und den Schnee, über die Eisperiode, über Columbus und! den Mississippi! Er war der lebhafteste und der zarteste, ich meine, der glanzvollste Mensch. Er machte denselben all- wissenden Eindruck wie Du, Edmund, er hatte dieselbe Art und Weise alles zu schätzen. Er ist berühmt als Fußball- spieler. Aber trotzdem konnte ich ihn nicht lieben. Er glaubte eine Menge erhabenen Unsinn von mir, bewunderte mich hartnäckig, wenn ich fluchte und trank. Er war aller- liebst." Edmund Hall sagte nichts. Madame d'Ora beugte sich vornüber und schien in Gedanken zu versinken. Dann hllstet sie und bemerkt leise: „Er kommt hierher." „Wer?" „Ralph." „Ach so!" Edmund nickt sehr wohlerzogen. „Du ahnst ja gar nicht, wer Ralph ist," ruft Madame d'Ora aus.„Sagte ich, daß er so heißt, mein Dichter aus Chicago? Gut, er ist es, und er kommt wirklich. Ralph Winnifred Lee. Er schreibt sehr schön, und ich erlaubte ihm, mich hier in New Jork zu besuchen." Edmund Hall schwieg noch immer mit einer außer- ordentlich korrekten Miene. Da bricht Madame d'Ora in ein lautes, fröhliches Lachen aus, in da? sich jedoch ein wenig bittere Heiserkeit mischt, und ehe Edmund Hall sich's versteht, stürmt sie ihm an den Hals und weint. Und er wird ganz froh, sieht auf ihr Haar an seiner Brust und errötet,� der dunkle Kneifer fällt ihm von den Augen. Er empfindet Dankbarkeit, daß Leontine abermals am Rande einer Nieder- läge gesiegt hat. Alle Künste und alle Kälte sind ver- schwunden, übersprungen, vergessen, und nach einer Weile sitzen sie da und plaudern ganz unbefangen und Vertrauens- voll wie vor Leontinens Reise. Aber Edmund ist zerstreuter und dabei doch aufmerksamer, als er zu sein pflegt, und das entdeckt Leontine bald. „Und nun erzähle mir, was Du angefangen hast, C8- mund, und was geschehen ist, während ich fort gewesen bin. Ich habe ja die ganze Zeit gewußt, daß Dich eftvas beschäs- tigte, aber nicht wahr, ich mußte doch wissen, wie wir zu- einander stehen, ehe wir davon sprachen..." Hall sah auf, als ob seine Stimmung durch diese Be- merkung ein wenig aus dem Gleichgewicht käme. Aber Madame d'Ora legte in demselben Augenblick ihre beiden warmen Hände auf die seinen. „Du hast mir nicht ein einziges Mal geschrieben, Ed- mund." „Das haben wir ja noch nie getan. Wir einigten uns doch schon vor mehreren Jahren dahin, daß wir nicht für- einander existieren wollten, wenn wir mcht direkt zusammen wären." „Wohl wahr, aber diesmal versprachst Du mir, zu schreiben. Ich ließ doch hin und wieder von mir hören. Aber ich konnte ja in den Zeitungen von Dir lesen..." Madame d'Ora schwieg und wartete nun mit geheimer Angst, daß sich Edmund getroffen fühlen sollte. Als er keine Miene verzog, konnte sie sich nicht länger beherrschen, ihr Ge- ficht verzog sich häßlich. „Ich habe von Deinen„Versuchen" mit Mirjam Karerut gelesen. Es stand in einer kalifornischen Zeitung. Edmund — Edmund..." Er konnte sehen, wie etwas in ihr austvallte, erstickend und unwiderstehlich, etwas viel Wilderes als das Weinen vorhin, und er war auf Geschrei und Krämpfe vorbereitet, aber es mußte eine lähmende Wirkung in seinem Blick gelegen haben, denn sie schnappte nach Lust, als sie ihn ansah und sank dann zusammen. In den Stuhl zurückgelehnt, fuhr sie fort, ihn anzusehen, während sich Müdigkeit und Schmerz über ihr Gesicht breiteten und die Hände zitternd in den Schoß sanken. Ihr Blick wurde so schwer und fern, indem die Tränen die Augen füllten und anfingen, an den Wangen herabzurinnen. Sie seufzte schließlich und bewegte den BJHmJj so achorsam, zog Las T'aschcntu'ch heraus und' preßte ß» gegen beide Augen. Und während sie fortfuhr, es dort fistzuhalten, flüsterte sie mit feuchter Stimme: „Du liebst niemand, Edmund. Auch Mirjam nicht. Wch nicht. Niemand. Das ist vorbei." Edmund Hall räusperte sich und fragte sehr vorsichtig: „Würde es Dir eine Beruhigung sein, die Wahrheit zu hören, in welchem Verhältnis oder vielmehr, in welchem Mangel von Verhältnis ich zu Fräulein Karekin stehe? Di: kannst, wenn Du es willst, Gelegenheit haben, selbst Deine Beobachtungen zu machen, sie koinmt heute mit Frau Mc. Carthy, bei der sie wohnt, hierher. Wenn Du Dir noch andere Sachen zu Herzen nimmst, so fürchte ich, daß ich Dir nicht helfen kann." „Edmund!" rief sie angstcrfiillt und nahm das Taschen- kuch von den Augen, starrte ihn an. der rücksichtsvoll dasaß und sich wie unter einem Hagelschauer duckte. Dann legte sie untröstlich das Tuch wieder vor die Augen und weinte weiter,— nach einer Weile stärker und unglücklicher, als fühle sie einen Schlag. Edmund Hall erhob sich still und Sing in das Laboratorium hinaus, wo er unschlüssig stehen liebf Nach einer Weile stand auch Leontine auf und fing an, hin und her zu gehen, beständig weinend und das nasse Taschentuch ringend. Sie kam an Edmund vorüber, dort wo er stand, sah ihn aber mit ihren weinenden Augen nur fremd an. Sie ging lange unruhig aus der einen Ecke des Laboratoriums in die andere, bis ihr Frauenblick auf einen Spiegel fiel, da blieb sie stehen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) )Ziif Stahirchuhcn. »Wir schwebe», wir wallen auf hallendem Meer Auf Silberlristallen dahin und daher. Der Stahl ist uns Fittig, der Himmel das Dach, Die Lüste find eilig und schweben unS nach. So gleiten wir, Brüder, mit stöhlichem Sinn Auf eherner Tiefe des Lebens dahin.* (Joh. Gottfr. Herder.) Der Winter, den germanischer Mythus als den.Blinden* ve- nennt, zeigt sich den Freundenjdes Schlittschuhsports jetzt hold. Wenn der grimme Ostwind nachläßt, dann tummelt Euch, fröhliche Welt- linder auf dem kristallen blänlernden Eisspiegel der Flüsie und Seen I Denn eine Stunde draußen in steier Natur ist mehr als tausendjährige Askese und stömmelndes Beten l Daß das Schlittschuhlaufen eine nordisch« Kunst sei und schon in der ältesten gennanischen Mythe eine gewisse Rolle spielt, desien kann sich wohl der Historiker, der Germanist, weniger aber der Laie «rinnen,. Dieser weiß vielleicht etwas von Odin, dem Obergott der alten Deutschen, aber die Namen aller Vizegötter sind ihm wohl Hekuba geblieben. Doch in der Edda steht zu lesen, daß es auch einen der Dynastie Wotan verschwägerten Sprossen namens Uller gegeben hat, der ein Stiefsohn von Thor, dem Donnerer, war. Er muß ein AuSnahmeprinz gewesen sein, denn die Mythe meldet, daß ihn Schönheit, Pfeil und„Schrittschuhe* von allen übrigen Göttern unterschieden hätten. Gewandter, kühner Schlittschuhläufer, als welcher er geschildert wird, reiste er Winters von Land zu Land, um auch die Bewohner im Eis- und Schneelauf zu unterweisen. Hierzu wurden die Kriegsschilde benutzt. Man nahm fie nach Ullers belehrendem Beispiel auseinander und hatte so die schönsten Schneeschuhe. Ihre rasche Zusammensetzung, um fie gegebenen Falles als Schutzwaffe gegen wildes Getier zu ge- brauchen, galt als besondere Kunst, die der Gott gleicherweise lehrte. Soweit die germanische Göttermythe. Da nun die Sage trotz aller nebulosen Undefinierbarkeit setten eines gewissen Untergrundes realer Borgänge oder Erscheinungen zu entbehren pflegt, so ließ sich die Annahme, daß der Schlittschuhlauf sehr, sehr alt sein müsse, wohl rechtfertigen. Aus den, Norden der grauesten Vorzeit kam uns diese Kunst, das galt als sicher. Viel mehr aber wußte man über ihren eigentlichen Ursprung auch noch vor einem halben Jahrhundert nicht. Man setzte ihn einfach ins Eisenzeitalter. Diese Hypothese erlitt aber emen gewaltigen Stoß durch merkwürdige Funde bei Pfahl- bauten der reinen Steinperiode, die durch Ausgrabungen anfangs der sechziger Jahre des vorigen SäkulnmS ans Licht gefördert wurden Da stieß man unterZmiderem auf Gerätschaften aus Pferde- knochen. Diese waren so zugeschliffen und an beiden Enden in der Art durchlöchert, daß sie die Pfahlbauern an ihre Ledersandalen schnüren und offenbar als EiSschuhe brauchen konnten. Gelegenheit hierzu boten ja die WinterS über zugestorenen Gewässer in Hülle und Fülle. UebrigcnS scheint der Knochenschlittschuh in einzelnen Ländern biS spät ins Mittelalter hinein Verwendung gefunden zu haben. Wenigstens ist davon in einer alten Londoner Beschreibung dt« Rede. SS wird da der winterlichen Vergnügungen der Jugend hinter den Wällen der City von London gedacht:„Einige, heißt«S dann, nehmen einen Anlauf und schleifen auf dem Eise, andere binden Knochen unter ihre Füße und gleiten, indem sie sich mit einem gespitzten Stab stoßen, so schnell über das Eis, wie der Vogel in der Luft.* Indessen ist diesem Vorgang kaum sonderliche Be- deutung beizulegeil. Wohl mancher weiß aus seiner ersten Jugendzeit ähnliches zu berichten. Sprößlinge von Lordsfamilien waren es jedenfalls nicht, die auf Knochen„schlidderten*, sondern Kinder des ärmeren und proletarischen Volkes� In wohl- habigen Kreisen dürfte der Eislauf auf regelrechte« Schlittschuhen mit Eisenschienen damals doch schon bekannter gewesen sein, als nach solchen spärlichen Rufzeichnungen zu schließen wäre. Infolge gegenseitiaer Handelsbeziehungen wird den Briten die Tatsache nicht fremd geblieben sein, daß üni die beregte Zeit der Eislauf in den Niederlanden schon sehr ausgebreitet war. Wie dieser Sport von Holland— wo er offenbar schon seit Jahrhunderten florierte— nach England verpflanzt wurde, so sind ja auch von dort die ersten Verbesserungen der Schlittschuhe und die Kunst des Bogcnfahrcns ausgegangen. Es kann daher heutzutage nicht auffallen, daß alle unbestrittenen Meister von Skandinavien und den Niederlanden her- kommen. Auf die Holländer, zumal auf die Bewohner der fricsländischcn Provinzen läßt sich das Urteil eines gewiegten KennerS: fie wären mit den Schlittschuhen an den Füßen geboren, wie etwa der Hurra- preuße mit der Pickelhaube, m vollster Berechttgung anwenden. Dort ist der winterliche Verkehr auf den zugestorenen Kanälen, deren Netz etwa fünfzehnmal größer ist als das der preußischen. geradezu eine öffentliche Volksangelegenheit. Da werden von den einzelnen Gemeinden Bahnfeger angestellt, die die BefngniS haben, bei den Deichübergängen auf Ordnung zu sehen und auch für ihre Bemühung eine gennge Gebühr zu erheben. Für das Laufen auf kleinen Eisflächen im dichten Gedränge hat daS Volk jedoch keinerlei Neigung; aber im Zurücklegen großer Entfernungen sucht eS sein wahres Vergnügen. Schier erstaunliche Leistungen werden da vollbracht, ohne daß viel Aufhebens davon gemacht wird. Eine zweimal vierstündige Fahrt beispielsweise zwischen Rotterdain und Gouda, der Stadt mit den herrlichen Kirchenfenstern, gilt als eine kleine Erholung, bei der weiter keine Ehre gewonnen werden kann, als daß man die irdene„Goudasche Pfeife* mit ihren meter- langen von Arabesken umflochtenen Sttelen unversehrt heimbringk. Zum Beweise, daß man unterwegs nicht ein einziges Mal fallend mit dem Eise Bekanntschast gemacht hat. Zu diesem Zwecke werden diese Pfeifen in Gouda in Sttaßenbuden feilgehalten. Man kaust sich dazu einen Stock, an dem vier Pfeifen befestigt werden, uin fie so besser ttagen zu können: nur die Bauern stolzieren mit kurzen Pfeifen daher, die sie in großer Zahl rings um ihre Pelzkappen gesteckt haben. Also im Freilauf sucht der Nieder- länder seinen Ehrgeiz zu befriedigen. Eine Hin- und Herfahrt zwischen Rotterdam und Amsterdam an einem Tage gehörte beinahe zu gewöhnlichen Dingen. In der Provinz Groningen, besonders aber im Friesländischen, werden die höchsten Leistungen in, Schnell- und Dauerlauf vollbracht. Da erzählte man früher von einem Pri- maner, der morgens um 7 Uhr von Groningen aufbrach, nachmittags um Va* Uhr die 20 Stunden entfernte Stadt Zwolle erreichte und dort eine halbe Stunde später wieder die Eisbahn betrat, um abends bei seinen Eltern in Rotterdam zu sein. Bei den Friesländern gibt es ein förmliches Meisterstück im Schnellauf, das jeder, der als echter, gerechter Läufer gelten will, vorbringm muß. ES besteht darin, daß er die elf friesischen Städte an einem und demselben Tage befahren habe. ES existieren aber noch ganz andere Beispiele. sogar schon aus dem IS. Jahrhundert. Man weiß von einen, Friesen, der im Zeittaum von 18 Stunden 45 Wegstunden zurückgelegt hat. Morgens um S Uhr war er ausgelaufen und abends um 11 Uhr kam er wieder heim. In Deutschland rechnet man eine halbe Stunde auf je eine deutsche Meile. Wohlgeschulte Fahrer brauchen aber kaum die Hälfte dieser Zeit für die gleiche Eni- sernung. Bei uns in Deutschland konnte bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts vom Schlittschuhsport noch nicht viel die Rede sein. In Hamburg und an den Kü ten war er wohl zu Hause. Bon hier aus hat ihn aber erst K l o p t o ck, der berühmte Schöpfer der Ode und noch berühmtere Dichter der„Messiade* für Deutschland er« obert. Selbst ein ebenso kühner wie leidenschaftlicher und eleganter Läufer, der sogar einmal— eS war anfangs Januar 1762— beim Einbruch im See von Lingby beinahe ertrunken wäre, trug sich Klopstock schon während seines Aufenthaltes in Kopenhagen mit der Idee, dort eine Akademie für Eislauf zu errichten, wo nicht nur Männer, sondern auch Frauen in dieser Kunst ausgebildet werden sollten. Nicht.bloß, daß er fie in mehreren Oden—„Der Eislaus*, „Braga*,„DMKunst Tialfs*.„Der Kamin*.„Unterricht*.„Winter- steuden*— verherrlichte, machte er dafür in Worten und Briefen an seine Freunde fortgesetzt Propaganda. Als er im Januar 1767 von Kopenhagen auS eine Anzahl neu entstandener Oden an den Ucbersetzer von MacphersonS „Ossian*, den Jesuiten Denis in Wien sandte, berührt er in feinem Begleitbriefe auch den Eislaufsport.„Es gibt für nüch*. schreibt er allda,„gar keine Leibesübung, die meiner Gesundheit so vorteilhast ist. Ich liebe daS Reiten und die meilenweiten langen Spaziergänge, aber das Schrittschuhlaufen ist noch viel ander?.* Er hielt viel auf elegante graziöse Beivcgungen. Zum vollendeten Laus gehörte nach seiner Ansicht, daß man sich wechselweise so tief, bald UM rechts, bald linlS müsse niederbeugen können, um mitten im Schwünge einen Strohhalm vom Eise aufzuraffen. Claudius, der gemütliche Dichter und Herausgeber des«Wansbeker Boten", der doch auch ein sehr tüchtiger Läufer lvar, fand gerade wegen seiner„eckigen Be- wegungen und ungefälligen Formen", die er beim Fahren sehen ließ, nicht den Beifall KlopstockS. Den Einfluh Klopstocks auf den Eislauf ersehen wir ferner aus verschiedenen Poemen zeitgenössischer Dichter, wie Ramler („Sehnsucht nach dem Winter"), Cramer(„Tialfs Wettlauf"). Kru m macher s.Der Eislauf"), Herder186? von Ermüdungsstoffen, d. h. von schädlichen Stoffwechselpro- dukten, sprach, die sich bei der Tätigkeit eines Organs bilden und den Zustand der Ermüdung bedingen. Das Ausruhen würde dem- nach in einer Fortschaffung und Vernichtung der ErmüdungSftoffe bestehen. Tatsächlich konnte Ranke beweisen, daß die bloße Aus- spritzung der Blutgefäße eines ausgeschnittenen ermüdeten MuS- kelS mit einer indifferenten Lösung seine Leistungsfähigkeit wieder zu heben vermochte. Aber auch dem Organismus selbst stehen Mittel zur Beseitigung der Ermüdungsstoffe zu Gebote. Sie sind zunächst darin gegeben, daß die Gewebe Alkalien enthalten, die die zum Teil sauren Ermüdungsstoffe zu neutralisieren vermögen, hauptsächlich scheint aber die Erholung in der Oxydation leicht oxhdabler Ermüdungsstoffe zu bestehen. Wahrscheinlich spielt bei der Ermüdung und Erholung auch die Bildung von Giften und Gegengiften eine Rolle. Wie dem auch sei, jedenfalls scheint das Wesen der Ermüdung in chemischen Prozessen zu bestehen, deren Reaktionsprodukte, die Ermüdungsstoffe, sich anhäufen und den ur- sprünglichen chemischen Prozeß hemmen. Infolgedessen wird die Lebcnstätigkeit herabgesetzt und schließlich vollkommen aufgehoben. Die Ansammlung der Reaktionsprodukte kann aber auch unter ge- eigneten Bedingungen zu einem Wiederaufbau des Ausgangsmate- rials Veranlassung geben. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei die Temperatur. Sind die chemischen Spaltungen mit einer erheb- lichen Wärmeproduktion verbunden, so kann die Verbindung der Spaltungsprodukte zu der ursprünglichen Substanz begünstigt werden. Solche Verhältnisse, die die Bildung eines neuen Organs gewährleisten, scheinen im Organismus vorzuliegen. Aus dem Pflauzenlebe». Der Ursprung der Hexenringe. Mit dem Namen Hexenringe hat der Volksmund die hier und da in den Wäldern beobachtete ringförmige Anordnung gewisser Hutpilze belegt. Der Name deutet schon darauf hin, daß'— dem Volksglauben zufolge— Hexen bei der Entstehung ihre Hand im Spiele haben sollten. In der Wissenschaft hat man diese eigenartige Erscheinung seither so erklärt: Der eigentliche Pilz, das weiße oder gelbliche, unter der Erdoberfläche verborgene Fadengewebe, hat das Bestreben, sich nach allen Seiten gleichmäßig auszubreiten, also scheibenförmig zu wachsen. Solange ihm kein Hindernis entgegentritt und er geeig- neten Nährboden findet, wächst der Pilz tatsächlich scheibenförmig ,n die Breite. Dies läßt sich vielfach an Schimmelpilzen und an- deren beobachten, die auf dem Nährsubstrat vegetieren. Nun haben diese Pilze die Eigenschaft, ihre Fruktifikationsorgane, die Pilz. hüte, also jene Körper, die man im Volke gemeinhin als den Pilz selbst bezeichnet, an den jüngsten Enden ihres Fadengewebcs zu bilden, also an der Peripherie der Scheibe. So wird die ringför- mige Anordnung der Fruchtkörper, der sogenannte Hezenring leicht erklärlich. Von Jahr zu Jahr nimmt mit dem Weiterwachsen der eigentlichen, unsichtbaren Pilzpflanze— das Zentrum der Scheibe stirbt nach und nach immer mehr ab— auch der fichtbare Hexen- ring am Durchmesser zu. Man hat eine jährliche Zunahme des Durchmessers von 20— 61 Zentimeter beobachtet und man hat Ringe gefunden, die bis zu 46 Schritt im Durchmesser halten. Aus der jährlichen Zunahme des Durchmessers läßt sich ein Schluß auf das Alter des Pilzes ziehen, das sich hiernach oft über viele Jahrzehnte hinaus erstreckt. Eine andere Erklärung für das Zustandekommen größerer Hexenringe gibt Professor Dr. Ludwig-Greiz auf Grund 46jähriger Beobachtungen einzelner Pilzarten. Ihm war eS zweifelhaft, daß das zarte Pilzgewebe im Boden jahrzehntelang trotz Frost und Trockenheit perennieren sollte, und er ist zu der Ueberzeugung ge- kommen, daß die Mehrzahl der hieik in Betracht kommenden Wald- Pilze, sobald sie keine Dauerformen bilden, ihr Mhcel in den Wur- zeln der Waldbäume bergen und mit diesen Mykorrhizen bilden, von denen aus das Pilzgewcbe alljährlich wieder in tot Boden hinauswächst. Eine solche Mykorrhizenbildung ist nun effahrungS- emäß nur an den jüngsten Saugwurzelspitzen möglich und diese nd stets nur an der Peripherie des Wurzelgewebes des jeweiligen Baumes möglich. Je umfangreicher die Baumwurzeln den Erd- boden durchziehen, um so größer wird der Kreis, an dem sich die Mykorrhizenbildung vollzieht und damit wächst gleichzeitig der Pilz in die Breite, der zur Schwammzeit seine Fruchtkörper in alljähr- lich größer werdendem Ringe über die Erde hinaussendet. Pro« fessor Ludwig hat eine große Anzahl von Pilzringen beobachtet, deren Zentrum ein Baum war und deren Ausbreitung mit der Umgrenzung des äußersten Wurzelbereiches desselben BaumeS übereinstimmte. Mit dieser Mykorrhizatheorie will Professor Lud- wig aber keineswegs die alte Entstehungserklärung umwerfen, son- dern er sagt vielmehr, daß die Ursache der Hexenringe teils in seiner, teils in der alten Theorie zu suchen sein wird. Humoristisches. Trauer im Zoo. Zur Welt kam hier im Zoo das Baby Und dachte ftöhlich: Rio manobi!*) Doch der Mama aus Celebes Mißhagte der Ernährprozeß. Und ihre hochmoderne Schrulle Verdammt das Kind zur Soxleth-Pulle. Drei Wochen ging auch das Gelutsche, Dann war das arme Baby futsche I Drum Damen aus dem Westen hört: Wird euch ein Baby mal beschert, Bedenket— die Moral ist bitter: Seid keine Elefantenmütter l l •) Hier bleibe ich. — Hofgunst. Berliner Theater.„Sherlok Holmes' von Ferdinand Bonn. Die Vorstellung wurde von S. M. dem Kaiser, der Kaiserin, dem Kronprinzen, der Kronprinzessin und den übrigen Mitgliedern des königlichen Hauses, außerdem von sämtlichen Berliner Regimentern 31 II mal besuchtill Personen: ........ Bonn • Bonn ........ Bonn Für diese Saison bis 31. August täglich ausverkauft l l (.Lustige Blätter'.) Notizen. — Theaterschutz und Theatertrick. Schutzzölle dem „nationalen" Theater dienstbar zu machen, ist dem Magistrat der norwegischen Hauptstadt C h r i st i a n i a eingefallen. Fremde Schauipielergesellschaften sollen 16 Prozent der Bruttoeinnahme entrichten. Diese merkwürdige Kulturbefördcrung richtet sich gegen die dänischen Gastspiele, die dem Nationaltheater starke Konkurrenz machen. Wenn die Bürgcrvertretung zustimmt, erleben wir vielleicht das ergötzliche Schauspiel, daß von oer anderen Seite mit Ausfuhrprämien, Kaiupfzöllcu, Einfuhrverboten geantwortet wird. Der Unsinn des ganzen nationalen Schutze? könnte nicht drastischer verspottet werden als durch diese Schildbürgerei. Die Schauspieler des Belgrader National-Theaters drohen mit dem Streik, falls nicht ihre Forderungen— höhere Gage und Pensionsregelung— bewilligt werden. — Seltsame Zeitungen. In der Zeitschrift„Mon dimanche" wird von einigen merkwürdigen Versuchen erzählt, dir unternehmende Zeitungsvcrleger gemacht haben, um ihren Blättern Leser zu werben. Ein spanisches Blatt, der„Lmninaria", bot seinen Abonnenten einen Text, der. wenn er vielleicht auch nicht Seistsprühend war, so doch mit einer phosphoreszierenden Drucker- hwärze gedruckt wurde, so daß man ihn im Dunkeln lesen konnte, — was ihrx in schlaflosen Rächten doppelt wertvoll erscheinen ließ. Noch schlauer war der Herausgeber des„Nsgal quotidien", der feine Zettung auf ein Blatt von Teig drucken ließ. Man konnte die Zei- tung also, nachdem man ihren Inhalt genossen, gemächlich verspeisen. Ob die geistige oder materielle Nahrung verdaulicher gewesen ist, wird jedoch nicht berichtet. Ein ftanzöfisches Journal.„Le Bien-Etre", versprach allen Abonnenten, die vierzig Jahrgänge überdauert haben würden, eine lebenslängliche Rente und dazu noch das Begräbnis gratis. Trotz dieses verlockenden Anerbietens hat das Blatt keine Abonnenten erwerben können und entschlummerte schon in einem Monat eines sanften Todes. Zweifellos um dieses traurige Ereignis beweinen zu können. wurde sein Nachfolger, der sich.Da? Taschentuch' nannte, auf einem Papier gedruckt, daS als Taschentuch dienen konnte. Der„Courier des BaigneurS" und„La Rajade", die um das Jahr 1856 erschienen, waren auf wasserdichtem Papier ge- druckt, so daß sie während des BadeS gelesen werden konnten. Sie müsse», sich bei den Badenden jedoch keiner großen Beliebtheit er- fteut haben, da sie auch nach kurzer Lebensdauer verschieden. Und schließlich gibt eS in Skandinavien Zeitungen, die auf so Widerstands- fähigem Papier gedruckt werden, daß man Stricke daraus drehen kann, was vielleicht allzu bequem für— Lebensmüde ist.— Berantwortt. Redakteur: Hau« Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer L-To., Berlin SW.