Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 18� Freitag, den 25. Januar. 1W7 l>ie flut. Von Ernst Preczang. Wie emsig floß er sonst zum Meer, Der stille Fluß. Aus fernen Schluchten kam er her Und rauschte plätschernd durch das Wehr In blankem Guß. Die stete Kraft zerrieb das Korn; Es ward uns Brot. Die Säge trieb sein scharfer Sporn; Er schaffte ohne Grimm und Zorn, Ein williger üelot. Breit in das Wasser schnitt der Kahn Voll schwerer Last Die tiefen Furchen seiner Bahn. Er trug ihn hin zum Ozean Mit stolzem Mast. Durch grüne Aecker zog sein Band Wie Silberflor. Er tränkte rings das spröde Land And rief aus trocknem Wüstensand Ein blühend Reich hervor. Wie emsig floß er sonst zum Meer! Nun aber ruht, Nun aber staut er sich am Wehr: Von oben drängt, von unten her Die Flut! Die weißen Schwingen ausgespannt, In breitem Zug Streift sie der Afer grüne Wand; Schaumflocksn spritzen in den Sand Vor ihrem Bug. Vom Meere weht ein frischer Wind, Wo dunkle Glut Die roten Abendwolken spinnt. And Woge über Woge rinnt— Es steigt die Flut. Es steigt die Flut. Ein Ruf dringt her: „Die Schotten dicht!" Schon überspült der Strom das Wehr And leckt am Deiche mehr und mehr And rastet nicht... Der Hafenmeister sitzt im Amt And wacht. „Wenn uns das Wasser auch bloß schrammt, Will ich verflucht sein und verdammt!" Er lacht. Er trinkt; er gähnt; sieht nach der Ahr: „Die Zeit ist'rum. Sechs Stunden steigt die Flut ja nur, Dann ebbt sie. Das ist so Natur. Punkt— um!" Punktum. Vom Deiche dröhnt ein Schuß. Ein Funkenschwarm Stiebt jäh erlöschend in den Fluß.. � Nun helfe, was da helfen muß— Das war Alarm! Der Hafenmeister stürzt hinaus. Er stutzt. Zu Füßen quillt And schäumt mit zornigem Gebraus Die Flut rings um das Kafenhaus And schwillt... und schwillt »» (Nachdi/uck Dcifioten.) m JVIadamc ä�Ora. Roman von I o h a n n e S V. Jensen. „Ich weine, und ich bin alt," sagte sie mit heiserer Stimme und sah sich in den Spiegel, führte einen Finger unter die Augen. Der Spiegel ward ganz betaut von ihrem nassen Gesicht, sie trocknete ihn mit der Hand ab und spiegelte sich wieder, suchte ihre verweinten Lippen wieder in Fasson zu bringen. „Jetzt lveinst Du Dir ja auch alle Schminke vom Gesicht," stammelte Edmund und lachte tröstend. Sic wandte sich um und sah seine Augen vor Schmerz glänzen. „Ja," lachte sie froh und gerührt,„das tue ich auch!" Sie trat einen Schritt ans ihn zu, muhte aber stehen bleiben, und als sie den Mund öffnete, uni Lust z» schnappen, bekam sie einen heftigen Anfall von Schluchzen, der sie von Kopf zu Fuß erschütterte. Sie schaffte sich Luft in ein paar langen Klageschreien und konnte dann wieder gehen, schlug die Richtung nach einem Stuhl ein und setzte sich, den einen Arm über die Riicklehne hängen lossend. Tort ließ Hall sie ausweinen. Als sie aber nicht inehr schluchzte, stand sie auf und kam mit lautlosem Gang und lächelnd z» ihm hin, in die Ecke bei de» Fenstern. Das Weinen hatte ihre Züge ver- jüngt, aber die Augen lagen verloschen unter den tiefen Brauen. Sie bat nicht, schlafen zu dürfen, wie sie es sonst tat, wenn sie sich matt geweint hatte, sie setzte sich artig an den Tisch und nickte ihm zu wie ein Schulkamerad, der Priigei bekommen hat, dein anderen. Sie sagten nichts. Leontine atmete hin und wieder noch einmal krampfhast auf. Sie betrachtete ihre Hände. „Kann ich mich wohl waschen, Edmund?" fragte sie sehr gefaßt und sah ihn treuherzig an.„Wie blaß Tu bist!" fügte sie hinzu. „Ja, Du kannst Dich waschen," sagte Hall ,md ging hinter einen Schirm, wo sich ein Waschbecken und Wasserhähne befanden. Sie folgte ihm und lachte leise bei dem Anblick der Dinge. „Herrlich," nnirineltc sie und stemmte beide Hände tief in das Becken hinein, während Hall das Wasser laufen ließ. „Ah!" Sie streifte die Äermcl bis zu den Ellenboge» ans und ließ die Wasserstrahlen an den Handgelenken herab- laufen. Plötzlich beugte sie sich hinab und steckte das heiße Gesicht in das Wasser, blies Blasen darin, pustete. Hall wollte sich entfernen, sie aber wandte den Kops um und sah es. „Geh nicht, Edmund," bat sie.„Tu mußt nur wirklich das Handtuch reichen." Sie schüttelte das Wasser ab und lachte mit einem er- frischten Blick, blies die Tropfen vom Munde und fing an, sich abzutrocknen, sie lächelte abwesend aber als ob alles gut sei. Ihre Bewegungen waren schneller als sonst, und es lag etwas Zerstreutes über ihr. Während sie zwischen den Sachen auf der Marmorplotte kramte, entdeckte sie ein Rasiermesser und nahm es schnell aus, sah sich nach etwaS um, wozu sie es verwenden könne. „Hast Du ein Rasiermesser. Edmund?" „Wie Tu siehst." Leontine betrachtete ihre Unterarme, die leicht beflanmt waren mit einzelnen langen blonden Borsten dazwischen, sie strich sich daran herunter und zuckte zusammen. „Darf ich mich rasieren. Edmund?" „Was fällt Dir nur ein? Aus keinen Fall. Tu schneidest Dich nur." „Ach ja, Edmund, laß mich! Bitte!" Hall lachte kopfschüttelnd. Er sah mit Staunen, wie sie. ohne zu suchen, den Rasierpinsel fand und in einem Augenblick damit in der Seifenschale hemmgembrt hatte. Er nahm indes da? Messer. Leontine seifte hastig den linken Arm ein, aber als sie dann das Messer genommen hatte, machte sie ein enttäuschtes, flehendes Gesicht. „Laß es niich denn doch wenigstens tun," sagte Hall, „Tu schneidest Dich ja nur." „Nein," bat sie und packte ihn beim Arm.„Nein, ich will selber. Laß mich jetzt! Ach, Edmund, gib es mir! Gib es mir!" Da gab er ihr das Messer, nachdem er es zuvor geschärft hatte. Sie Packte es mit einem begehrlichen Blick und rasierte ihren Arm, sicher und mit nur zwei, drei hastigen Strichen. Dann seifte sie gierig den rechten Arm ein und rasierte auch den. Das ging nicht ganz s« schnell. Sie lachte und weinte durcheinander, steckte die Zunge aus, sie vergaß alles um sich her, schauderte von Wohlbehagen— aber als es getan war. strich sie sich langsam über die Arme, die jetzt ganz weiß und nackend waren, sie greinte und schämte sich, und das Weineil kehrte ruckweise wieder. Sie sah mit einem Backsischblick zu Edmund auf, schlug nach ihm: „Ist es Dir fatal, daß ich eS getan habe? Ich muß ja verrückt sein. Aber es war amüsant. Ja, ja, ja." Sie lachte. Ihre Stimme hatte den alten, gurrenden Ton. Tann wandte sie sich rotmündig und gedankenlos nach dem Spiegel und ordnete ihr Haar. Sie trällerte eine Mc- lodie vor sich hin. Hall entfernte sich. Leontinens schönes, verblühtes Gesicht trug noch die Spuren der Tränen und der Gemütsbewegung, als sie kam und sich wieder zu ihm setzte, aber sie hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Tas schwere, rotblonde Haar war einiger- maßen geordnet, und das Gesicht war mit Geschmack gepudert, ste nickte Hall zu, streckte die Hand nach einem Glase aus. .Hall schenkte Wein ein, und sie leerten jeder ein Glas. Leon- tine setzte eine entschlossene Miene aus: «Edmund, ich bin neugierig, etwas von Deinen Ex- sterimenten niit Mirjam zu hören. Siehst Tu... ich habe natürlich lein Wort von dem geglaubt, was ich in San Fran- cisco gelesen habe, daß Tu Spiritist geworden seiest. Es siel mir wirklich nicht ein, daß es Dein Ernst fein könne, Teinen Name» und Deine Fähigkeiten für das einzusetzen, was ich unter Deinem Einfluß für eine Ansteckung, eine» plebejischen Wahnsinn gehalten habe... verzeih, Du kannst ja Deine Gründe gehabt haben. Aber dann sagst Tu mir ja, daß ich Unrecht habe..." „Es ist ganz charakteristisch sür Dich, daß Du Dir keinen anderen Beweggrund sür eine Untersuchung denken kannst, als daß man in die Patientin verliebt ist." „Tie Patientin— ist Mirjam krank?" „Nein. Gesund ist sie übrigens auch nicht. Tu verstehst mich zu buchstäblich. Fräulein Karekin ist ein Genie, dessen Kräfte ich untersuche, sie könnte meinetwegen gern mit Lupus im Gesicht behaftet sein. Es sind wunderbare Tinge gc- schcben, seit Tu weg gewesen bist, Leontine. Ich habe Wunder erlebt. Als ich Tich sah, fühlte ich plötzlich, daß ich mir selber in dem letzten Monat fast fremd geworden bin." „Ja, Tu bnst Dich verändert," sagte Madame d'Ora ge- dämpft. Tu bist so eingefallen an den Schläfen. Und mich kanntest Tu nicht, obwohl ich dieselbe bin. Ist es denn wahr, was ich laS �— von Geistern und Phantomen— bist Du wirklich so weit, daß Tu an übernatürliche Dinge glaubst?" „Du weißt, meine Methode hat sich niemals mit Glauben oder Hypothesen oder anderen Vorläufigkciten abgegeben. Ich habe nicht einmal viel gedacht, ich habe experimcn- ticrt, möglicherweise analogisicrt..." „Du hast doch philosophische Werke geschrieben, Ed- miind!" „Ja. aber meine Arbeiten oder vielmehr meine Arbeit handelt ja gerade von der Abwesenheit des Denkens, von einer Verkürzung... gut, wir sprachen vorhin davon, daß wir einander keine Briefe schreiben wollten— das meine ich, die Tiuge existieren nicht, ohne daß wir direkt darauf reagieren. Und der Spiritismus als Wissenschaft existierte auch nicht, che ich anfing, meine Instrumente darauf einzustellen. Ich bin selbstredend kein Spiritist. Aber nun habe ich ini Laufe von sechs Wochen einige zwanzig Mal mit einem Wesen gesprochen, das. solange wir die nötigen Bedingungen anirccht erhalten, ebenso körperlich ist, wie Tu und ich es sind, im übrigen aber seit dreitausend Jahren tot gewesen ist." Madame d'Ora sab ihn lange starr an. als wolle sie Gewißheit aus seinem Antlitz ziehen. Wenn sie zu irgend etwas Vertrauen hatte, so waren es Halls ruhige Züge. Und hier Konnte sie ja sehen, daß sie nicht einen einzigen Augen» blick zweifeln durste. „Ist das wahr?" flüsterte sie,—„dann!" Ihr Körper zuckte ein vaar Mal heftig zusammen und die Augen, die noch rot vom Weinen waren, wurden ganz rund. „Ein Gespenst, mit dem Tu redest, Edmund! Aber das ist ja entsetzlich! Wie hast Tu nur den Mut? Sie erscheint also in der Lust und ist da— lächelt sie? Denk doch, wenn sie nun mit einem Gebrüll oder einem teuflischen Gesicht an- käme,— sie kommt wohl in der Dunkelheit, ain Abend? Bist Du auch sicher. Edmund, daß man Dich nicht betrügt?" „Es kann keine Rede von einem Betrug sein. Ich habe von Ansang an die Peinlichste 5kontrolle geübt. Das Labora- torinni hier ist voller elektrischer Fallen und Zäune, die Türen werden jedesmal, wenn wir Sitzung haben, versiegelt, ich habe Apparate konstruiert, die selbst die kleinsten Tinge melden würden, die unseren Sinnen entgehen können. Ich besitze mehrere Photographien von Geistern, darunter vier ausgezeichnete Bilder von Eld. Tie photographische Platte betrügt nicht, ebensowenig wie meine anderen mechanischen Apparate. Ob das, waS ich vornehme, vopulär ist oder nicht, kümmert mich ja nicht,!vie Du weißt. Ich lese meine Instru- mente ab..." „Eld?" „Das ist unser materialisierter Geist. Wir haben mit verschiedenen anderen zu tun gehabt, aber nun beschäftigen wir uns fast ausschließlich mit Eld." „Tu hast bisher nie wir gesagt, Edmund. Was für Menschen sind das-, mit denen Tu zujanunen arbeitest? Doch nicht dieser widerliche Evanjton?" Hall nickte kühl. „Kann ich nicht die Bilder von Deinem Geistermödchcn sehen?" bat Madame d'Ora.„Eld, das ist ein sonderbarer Name. Liebst Du sie? Oh, die liebst Du?" Hall streifte LeontincnS Gesicht mit einem harten Blick und sah sie mit fletschenden Zähnen dasitzen, unfähig, ihre Lust, schaden anzurichten, zu bezwingen. Ihre Finger krümmten sich. „Hast Tu die Absicht, jetzt nach Europa zu reisen?" fragte Hall, indem er sich erhob.„Tu hast wohl gut aus der Tournee verdient?" (Fortsetzung folgt.) MUlftnecl, der Hgitator. Es gab ja niemcmdm, der mehr Leute kannte als er. mit mehr Menschen in vertrautem Unigangc stand, und dessen Wort inehr beachtet worden wäre als das seine. In den„unteren Klassen" natürlich. Bei den Guts- und Forst- arbcitcrn, den Zicgelbrcnncrn und Handwerksgesellen. Und zwar kannten sie ihn eine stattliche Anzahl von Kilometern im Umkreise. Er sah bald hier, bald da. Sein magerer Schimmel trabte auf alle» Wegen. In Willsricds Allerwcltsgcschäftcn kannte sich keiner aus. Er selbst vielleicht auch nicht. Na. Da kam also nun die Mahlzeit. Und ganz wunderbar warS, wie man sich plötzlich in den„besseren Volkskrciscn" und höher hinaus jener Existenzen erinnerte, an denen man sonst gleichgültig oder ivohl gar mit einer leisen Verachtung vorüberging. Eine Höflichkeit und Freundlichkeit wars überall, gar nicht zum sagen. Es gab Leute, die allen Ernstes behaupteten, der Pfarrer habe vor dem langen Drechslergesellen Hein den Hut gezogen, obgleich gc- nanntcr Hein nicht die geringste Verbindung mit dem Jenseits unterhielt. Vielleicht ist's aber auch erlogen, und der Pfarrer hat sich nur gerade den Kopf gekratzt, weil er eines Gottlosen ansichtig wurde. Jedenfalls, das steht fest, ist der GoltcSstreiter beim Willfricd gewesen, hat gesagt:„Mein lieber Freund!", hat ihm nationallibcralc Stimmzettel gebracht— es ist eine evangelische Gegend—, und hat ihm einen Gotteslohn versprochen, wenn er diese Zettel mit einer pkausibeln Empfehlung an den Manu bringe. „Warum nicht?" hat ihm der Willfricd geantwortet.„Aber was wollen denn die Nationalen?" Da hat der Herr Pfarrer die Saude überm Bäuchlein gefaltet, hat seinen Agitator liebevoll angeblickt und gesagt:„Wir wollen das Beste, lieber Freund. Sagen Sie es den Leuten." Tann ist er gegangen. Am-nächsten Tage war ein anderer da: der Tischlermeister Schulze, ein magerer Kerl mit einem crzdummen Gesicht, der zu geizig war, um sich sott zu essen. Er hatte eine ellenhohe blane Tüte bei sich, die er demonstrativ vor Willfrieds Nase auf den Tisch stellte. „Willfricd. Diesmal muh es fluschen!" „Was?" „Tie Wahl! Wir werfen sie! Diesmal schlagen wir sie zu Mus und Grus!" Seine Augen flackerten. „Wen woll'n Sie hau'n, Schulze?" „Die Hebräer! Den Jakob, die Sarah! Wir brauchen einen nationalen Volksvertreter, Willsried. Einen stammechte«! Wollen Sic helfen?" „Warum nicht?" „Gut. Da Hab ich ein Paket Tabak gekriegt." Er schob's noer den Tisch und lachte:„Mit Dampf muß die Agitation gehen! Drauf und dran. Lassen Sic rauchen, wer rauchen will! Es kommt nicht drauf an. Nur daß die Leute sehen: wir haben ein Herz sür's Volk. Und sag ihnen: sie soll'» nicht zum Isaak lausen. Ein Schwindler is' er, ein Betrüger! Und da", er zog eine Börse, „ein Taler ist noch übrig. Gieb mir eine Quittung für s Komitee." Willfricd schrieb. Dabei fragte er:«Ist er auch gut?" Schulze ging mit großen Schritten auf und ab:„Sa! Ein echter Germane, sag ich, ein—" „Den Tabak mein ich." „Ach so. Prima. Selbstredend! Wir geben dein Volk keinen Schund wie die Juden. Wir, die wir das Beste wollen!" „So, so," sagte Willfricd,„Ihr wollt auch das Beste." „Nur wir!" Schulze erhob den Arm.„Alles muß hin, Will- fricd: schwarz und rot! Aber schwarz-weiß-rot, das ist's!" Er schüttelte Willfricd theatralisch die Hand und legte mit der Linken Stimmzettel aus den Tisch:«Gut Holz! Mit Gott, für Kaiser und Reich!" In majestätischem Schritt ging er. Willsried schmunzelte ihm nach und besah den Taler:„Er scheint echt zu sein." Dann machte er sich an die blaue Tüte, holte die Pscise und stopfte sie. Als er eine halbe Stunde geraucht hatte, machte er die Fenster aus und spuckte.„Hol's der Deubcl! Das scheint auch ein echt germanischer zu sein. Lasten wir ihn lieber für die Agitation." „Gott, was schmauchen Sc for Kraut. Willsriedchcn!" Kauf- mann Jsaac focht mit den Händen im Dampf herum.„Wen woll'n Se vergiften?"? „Tie Juden!" „Hab's gcsch'li: er war da? Der Scknilze, der—!" Jsaac verschluckte vorsichtig die Beleidigung...Willsriedchen, Se werden doch»ich arbeiten sor den? Se werden nich verraten de Liberale- tat! Will sc dach's Beste von's Volk!" „He?" Willfricd schloß das Fenster und setzte sich, die großen Augen auf Jsaac gerichtet. Der wickelte etwas Langes aus einem Papier, faßte jenes Etwas am Zipfel und ließ es vor den Augen Willsricds hin- und hcrschwingcn. „Wurst?" Willsried machte jetzt— es ist nicht zu leugnen— Augen- wie ein hungriger Hund. „Schlackwurst? Echte! JBraunschweiger! Prima-Ware! Pfund eins sechzig! Empfehlen Se mich bei Ihre Bekannten. Da!" Willsried sing die Wurst aus. „Hat er Ihnen gegeben auch was in bar?" „Zwei Taler," log Willfried. „Sc flunkern!" Willfricd schwieg. Jsaac zog seufzend ein schmutziges Portemonnaie:„Sie sind ein Jud, Willsried! Ich geb' Ihnen fünf Mark gegen Quittung, lind da sind de Stimmzettel. Sagen Se den Leuten: diesmal geht's nich bloß sor de Liberaletät, sondern auch sor de Nationalctät! Nich schwarz, nich blau, nich rot— sondern ,chwarz-wciß-rot." Er schüttelte seinem Agitator die Hand:„Adjcs. Und cinpschlcn Sc mein Geschäft." Er entfernte sich. Willsried schnitt am Abend ein Zipfelchen der Wurst an, bc« schloß aber dann, sie gleichfalls der Agitation zu widmen.— Am folgenden Tage fuhr ein Schlitten vor. Ein Diener trak ein:„Willsried, Sie sollen'rauskommcn zum Grafen." „Da wohn' ich!" sagte Willfried und wies ringsum auf die Wände. „In die Bude hier kommt er nicht." „So bleibt er draußen." Der Diener ging. Gleich.darauf stolperte der Graf in's Zimmer:„Werd' mir noch's Bein brechen in der Höhle dal— Hören Sie mal. Habe erfahren, daß Sie beliebt sind bei den Leuten. Spaßmacher und dergleichen. Sind ja auch scheu einige Male vor Gericht zusammengerasselt. Schad't nichts. Nehm's Ihnen nicht übel. Wollt Ihnen bloß sagen: Kaninchenjagd in meiner. Forsten steht Ihnen frei. Aber Kirche im Dorf lasten, verstanden? Scheinen ja sonst'n ganz brauchbarer Mensch zu sei». Gottes- furcht und Vaterlandsliebe in den Gebeinen. Na also. Da ist die Wahl. Geht aus Leben und Sterben diesmal. Werde von den roten Hallunken bedrängt. Sie wissen Bescheid, was? Zukunsls- stant— Sklavenstaat und so weiter. Todesstrafe auf Karpfen» dicbstahl, hahaha! Na. nichts für ungut. Unsereins ivill das Beste von Euch Leuten. Manche schn's nicht ju». Kurz und gut. da sind kouscrvative Stimiiizcttel. Wollen Sie das Zeug ver- teile»?" „Warum nicht?" „Gut." Er griff in die Westentasche und warf ein Goldstück auf den Tisch.„Spendieren Sie den Leuten n Fäßchcu, wenn Sic mal im Gasthof beisammen sind. Hälfte für Bemühung,'djö." Er stelzte hinaus. Willsried aber suchte sich aus seinem Wohnort und den un.» liegende» Dörfern ein Dutzend Bekannte zusammen— Drechsler Hein war auch dabei— und bestellte sie in de»„Granen Lölven". wo er sie bewirtete. Er teilte sämtliche Stimmzettel in gleiche Häufchen, ebenso den Tabak. Und die Wurst schnitt er in zwölf Stücke. So erhielt jeder von jedem seinen Anteil.„Den Gottes- lohn vom nalionalliberalen Pfarrer müßt Ihr Euch dazu denken." sagte Willfricd.„Pom konservativen Bier kriegt jeder 10 Glas." Dann stand er auf:„Herrschaften, viele Worte sind meine Sache nicht. Aber wenn einer einen Auftrag annimmt, so muß er ihn ausführen. Eßt und trinkt und raucht. Nachher macht sich's von selber." Ter lange Hein hatte bloß an seiner Wurst gerochen. Dann wars er sie dem Hunde des Wirts hin. Ter schnüffelte, aber fraß nicht. „Kein Hund frißt die Wurst mehr!" „Der Taval stinkt!" „Wie Teusclsdrcck!" „Das Bier hat keinen Schaum!" Sie schriec» und lachten durcheinander:„Sag ihnen, sie sollcn's für sich behalten." Willfried saß schmunzelnd da:.Nein, Ihr Leute, das geht flicht. Die wollen nicht das Schlechte. Jeder hat's mir gesagt: Nur unser Bestes wollen sie!" .Unser Bestes?" Drechsler Hein schlug so auf den Tisch, dah ein paar Gläser umkippten.»Unser Bestes? Tann sag ihnen: das hallen sie ja schon!" Ucüer Willsricd regnete es schwarz-weiß-rote Stimmzettel. Hein hatte andere bei. Die lauteten nicht auf schwarz, auch Uicht auf weiß, aber doch auf eine VaterlandSfarbe. l�lemes f cuületon. Musik. Im Jahre 1733 war die Stadt Rom von den Franzosen besetzt und aus ihrer Zugehörigkeit zum Königreich Neapel herausgerissen, zu einer Republik gemacht worden;, damals ge'chah auch die be- kannte räuberische Wegiiihruiig antiker Kunstschätze»ach Paris. Ein Jahr später wurde Rom von den Neapolitanern zurück- «genommen, und einige Jahre blieb es auch noch in dieser Zugehörigkeit; doch der Sieg Napoleons über die Oesterreicher bei Mareugo am 14. Juni 18(X1 bereitete die späteren Wand» lüngen vor. Gerade in diese Zeit wird nun ein dramatisches Stück versetzt, das ausgeht von den Leiden deS ehemaligen Konsuls jener Republik, Eesare Angelotti. Er entflieht seinem Gefängnis in der.EngclSburg und wird von dem Maler Mario Eavaradofsi ge- Borgen. Dessen Geliebte ist die Sängerin Flvria ToSca. Nun kommt der Chef der neapolitanisch- römischen Polizei, Baron Scarpia, und fahndet nach dem Flüchtigen. Den Maler will er zmn Verrate zwingen: er lästt ihn foltern, während Tosca das Schreien des Unglücklichen init anhören must, bis sie endlich nicht mehr anders kann, als den ihr bekannten Aus- enthaltsort anzugeben. In dieser Weise geht es weiter: Scarpia will sie für sich haben und verspricht ihr Schonung ihres Geliebten. Sie sagt zu unter der Bedingung, das; der ivkaler nur zum Schein erschossen werden soll und dann mit ihr entfliehen darf. Ehe aber das Polizeischeusal zum ersehnten Ziele kommt, wird er von ToSca erstochen. Im dritten Akt wird der Maler auf der Engelsburg zum Tode geführt; ToSca glaubt an die Verabredung, nach der es nur Schein sein sollte; wie sie aber den wirklich Toten daliegen sieht, stürzt sie sich in die Tiefe hinab. Dies der Inhalt eines Schauspiels, das als solches von V. S a r d o u stammt(1887 mit Sarah Bernhardt in der Effekt- rolle der Sängerin), und das nun als Musikdrama„Tosca" von L. I l l i c a und G. G i a c o s a verarbeitet worden ist(deutsch von M. K a l b c ck). Die Komposition stammt von G. P u c c i n i (geboren 18S8). Er hat sich in den neunziger Jahren durch„Manon Lescaut"(Hamburg 1833) und durch„La Bohüme" (Turin 1337) jenseits und diesseits der Alpen berühmt gemacht. Seine„Tosca" kam zu Rom 1300 heraus mid wurde uns erst jetzt durch unsere Komische O p e r am Mittwoch deutsch vorgeführt. Der Komponist hatte sich namentlich in der„BohSme" als ein feiner und seelisch vertiefender, wenn auch nicht ins Bedeutendste gehender Tondichter gezeigt. Das vorliegende Stück, das vielleicht selbst ein Textdichter wie Scribe und ein Komponist wie Meyerbeer als zu äuffcrlich abgelehnt hätten, ist im ganzen gröber gearbeitet. Modern mutet es an durch sein Abseben von musikalisch anspruchs- vollen„Nummern", durch seine nach Charakteristik strebende Dekla- »nation und auch durch seinen Mangel an dramatischer Konzentrierung in Höhepunkte, bei viel Aufregung in Kleinigkeiten. Dazu noch die möglichst gesteigerte Unruhe, deren Unterbrechung hauptsächlich durch erotische Sentimentalitäten und durch StimmungS« mache besorgt wird: und endlich ein farbeniattcS, allerdings auf weite Strecken einförmiges und meist die Aufmerksamkeit zu sehr be- anspruchcndes Orchester. Am wertvollsten scheint uns das Bemühen des Komponisten nach charakterisierender Unterscheidung der Personen zu sein, die allerdings kaum etwas Individuelles haben. Tie Aufführung zeigte wieder die unS bereits zum Ueberdrust bekannten szenischen Effekte der komischen Oper; ohne eine brillante Srernennacku mit allmählicher Morgendämmerung im Anfange des dritten Aktes oder dergleichen geht es nicht ab. Dies- mal wurde so gut gesungen und gespielt, daß man daS übrige als beliebige Zugabe hinnehmen konnte. In der Titelrolle trat Maria Labia, eine Italienerin, zum erstenmal mit deutschem Gesäuge auf; sie hat sich in diesen bereits trefflich eingelebt, allerdings in die Vokale, denen das Sonore ihrer Stimme zugute kommt, noch besser als in die Konsonanten. Die mannigsachcu Klangfarben ihrer Stimme und ihr reiches Spiel erzielten eine volle Wirkung. Als Eavaradofsi entfaltete Jean Nadolovilch seine von uns bereits früher anerkannte wirklich würdige Künstler- schaft. Die tüchtigen Leistungen von Willy Buers als Scarpia und von Ludwig M a n t l e r als Meßner in der Kirche wurden noch durch gute Vertretungen der Nebenpartien ergänzt. Den Schaden des zu lauten Orchesters in unseren Opern- theatern spürte man diesmal ganz besonders unangenehm. Ergebnis: eine für unsere Friedrichstraße erfolgreiche Mischung von Kunst und buutcsteni Effekt. sz. Notizen — Als nächste Neueinstudierung für die von der Neuen Freien Volksbühne veranstalteten SonntagS-NachmittagS- Aufführungen im Schiller-Theater N.(Friedrich-WilhelmstädtischeS Theater) gelangt durch daS Ensemble deS Lustspielhauies Adolf Pauls Komödie«Die Teufelskirche" zur Darstellung, und zwar mit Maria Mallinger und Max Marx m den Hauptrollen. — Im Kleinen Theater wird als nächste Novität das vieraktige Drama„Zu den Sternen" von Leoni d Andrejew am 1. Februar aufgeführt werden. In der Rolle des Astronomen Teruowsli wird Emanuel Reicher seine Tätigkeit am Kleinen Theater beginnen. — Kaiserliche Kunst. Zu seinem Geburtstage will sich Wilhelm II. KadelburgS und SkowronnekS Meisterwerk„Husaren- f i e b e r" und zwar von der Truppe des Lustspielhauses im Schauspielhause vorspielen laffen. Einige Blätter sehen darin eine be- sondere lleberraschung und wagen ein leises Kichern. Als besonders pikant stellen sie es hin, daß der Intendant v. Hülsen seinerzeit dieses„ebenso frische wie kömgstrene' Stück mehr oder weniger deutlich abgelehnt bat. Wir können darin aber weder etwas Ueber- raschendes noch Pikante? entdecken. Wie jeder Privatmann, der es sich leisten kann, hat Wilhelm II. zweifellos daS Recht, sich vorspielen zn laffen, was ihm gefällt. Daß ihm die dramatischen Werke Kadel- brirgs, Bonns usw. ausnehmend gefallen, brauchte die übrige Mensch- heit nicht im geringsten zu interessieren,— wenn die Byzantiner nicht so eifrig wären, eine besondere selbstverständlich nicht existierende kaiserliche Kunstantorität zu erfinden, und die„Idealisten" im Stile Boirns nicht Reklarnckapital daraus schlügen. — Der deutschen Presse ins Stammbuch. Der Verein der Berliner Presse begeht nächstens sein 2ö. Geburtsfest. Die„bedeutendsten" Persönlichkeiten Italiens sind dazu eingeladen worden und haben allerdand nette unv wcihrauchcnde Sprüche dazu gestiftet. Einige fallen aus dem Rahmen heraus und wenden sich an eine falsche Adresse. So hofft Antonio Fogazzaro,„daß die deutsche Presse bei aller Wahrung der germanischen Jnter- essen doch in Tagen politischer Größe dem edlen losmopoliti« scheu Gedanken trenbleibe, welcher die größte Prärogative des deutschen Volkes war in den besten Tagen seiner philosophischen Größe." Cesare Lombrosö schreibt:„Einer der ältesten Soldaten des freien Gedankens schickt heute seinen Glückwunsch. Sicher erreicht die politische EntWickelung Deutschlands noch nicht die Höhe seiner ökonomischen, industriellen und wisscnschastlichen, aber die relative Freiheit und die immense Verbreitung der deutschen Presse wird dahin führen, daß sie zur politischen Hegemoine gelangt und so die nur schlecht durch die konstitutionelle Maske verhüllte Autokratie in eine freie und an Verdiensten große Regierung verwandelt." Die bürgerliche Presse wird sich diese Widmungen kaum an den Spiegel stecken. — Am Sonntag ist in Paris der Theaterschriftsteller William B n s n a ch gestorben, der jahrzehntelang mit unerschöpflicher Frucht- barkeit den Vorstadtbühnen Stücke geliefert hat. lieber diesen Kreis hinaus ist er nur durch die Dramatisierung einiger Zola scher Romane bekannt geworden. Vesonders„I-'assoinoir" hatte einen starken Erfolg. Im vorigen Jahre brachte der Biernndsiebzig- jährige eine Bearbeitung der F l a u b e r t scheu„Madame B o v a r y" auf die Bühne, die einen Protest der Verehrer Flauberts hervorrief, da dieser Dichter selbst eine Dramatisierung seines Romans abgelehnt hatte. Mit Busnach geht eine der letzten, unter dem Kaiserreich aufgekommenen Boulevardtypcn dahin, die im Grunde weit weniger ainüsant waren, als sie die Welt glauben machen wollten. — Nach 63 Jahren Bescheid erhalten hat ein 84jährigcr Herr Pitsch, der im Jahre 1864 dem französischen Marineniinister eine Erfindung angeboten hatte. Pitsch schrieb an den damaligen Minister, daß er eine neue Methode der Panzerung erfunden habe, die viel billiger sei, als die bisherige. Auf diesen Brief bekam er keine Antivort und ebensowenig auf alle die späteren dringenden Schreiben. Pitsch wurde alt und älter, aber er erhielt keine Antwort. bis endlich vor wenigen Tagen zu seinem großen Erstaunen ein Schreiben aus dem Marineininisternnn bei ihm ein- traf. Es wurde ihm darin mitgeteilt, daß seine Erfiiidimg der Ab- teilnng sür schiffsbmltechuischr Ersindungen rnuerbreilet worden sei, und er wurde criucht, eine Probe seiner besonderen PanzerungSart vorzulegen. Pitsch aber hat unterdessen all sein Geld und all seine Hoffnungen eingebüßt; er ist ein alter, gebrochener Mann und hofft nur noch, einen Platz in einem Alte n-Männer hause zu erhalten. — Eine Weltausstellung für Elektrizität soll im Laufe des Herbstes in der kanadischen Großstadt Montreal ab- gehalten werden. Die Aus'tellung wird elektrische Apparate und Mas hm en jeder Art umfassen, also sowohl Dynamos, Motoren. Stromwender, Akkumulatoren, wie Lampen und alle Arten von elektrischen Apparaten. Alle Länder der Erde sollen an der AuS- stcllung beteiligt sein. Der ausgesprochene Zweck deS Unternehmens besteht darin, an der Vervollkominming des Wissens über Elektrizität und der elektrischen Industrie selbst zu arbeiten, indem allen Elektrikern der Welt Gelegenheit geboten werden soll, sich genau über den gegenwärtigen Zustand deS Könnens zu unterrichten. Peranlwortl. Redakteur: Hauo Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u.Verlagsanstalt Paul Singer LeCo.öLerlin SW.