Anterhaltuttgsblatl des Vorwärts Nr. Z9 Soluilibend. deil 26. Januar. IW7 (Nachdruck vcrbote».; ivz l�aäame cl'Ora. Noinan von I o � a n n e s V. Jensen. „Verzeih!" jammerte sie heiß vor Reue und schmiegte sich eng an ihn. Er wandte sich ab, aber sie lief um ihn herum, bis sie ihm ins Gesicht sah, und brannte ihre elenden Augen i» die seinen, machte sich klein vor rhm und flehte an seiner Brust:„Verzeih! Verzeih!" Und wieder slürzeil Tränen aus ihren Augen, sie weint aus dem Herzen heraus, bebt vor Weinen, so daß sie es fast zermalmt. Hall sieht, daß es nicht nützen kann, mit ihr zu kämpfen, seine Redlichkeit läßt ihn im Stich, er streckt die Hand aus und berührt ihre nasse Wange. Ta schlägt sie mit einem tiesen Seufzer der Erlösung die Arme um seinen Hals und hält ihn fest, ruht ihren Kopf an seiner Brust mit geschlossenen Augen, bis sie still wird. � Er steht geduldig da und sieht über ihre Schulter hinweg vor sich hin mit einem Gesicht wie ein Mann in herbstlichem Wetter. „Darf ich schlafen?" flüstert sie endlich und wird im selben Augenblick schwerer. Er streichelt sie betrübt, antwortet aber nicht. Nach einer Weile zittert sie leise. Er sieht zu seiner Verwunderung: daß sie mit geschlossenen Augen lacht. „Tu hast mich so oft gebeten, schlafen zu dürfen," sagt sie mit ihrer tiefen, glücklichen Stimme.—„In alten Zeiten, Edmund." „Ja, Leontine." Endlich schlägt sie die Augen auf und tritt an ihren Stuhl heran, gedankenlos. Sie trinkt ein wenig Eiswasser, dreht an ihre» großen Saphirringen. „In einer Stunde kommen Menschen", sagt Edmund Hall schonend.„Willst Tu nicht ein wenig auf dem Sofa schlafen. Tu bist sehr müde, Leontine." Sie ging sofort nach dem Sdfa hinüber und legte sich hin. Sie lächelte glücklich,- indem sie die Augen zufallen ließ. Tann kehrte sie mit einem letzten Tränenseufze-r die Augen nach der So wecke zu und schlief fast im selben Moment. Als Hall sie Dreiviertelstunden später weckte, hatte sie sich ganz wieder erholt. „Wer kommt denn. Edmund?" fragte sie. ,.D e r K r e i s. Fräulein Karckin und eine Menge Menschen, die assistieren." „Wollt Ihr jetzt eine Sitzung veranstalten?" Hall nickte. „Jetzt!" Mitte» am hellen Tage. Ich dachte, man täte dergleichen nur des Nachts." „Wir schaffen uns unsere lokale, unsere Private Nacht," erklärte Hall und zeigte auf die schweren Stoffvorhänge an den Fenstern. Madame d'Ora sab von ihm zu den Vorhängen hinüber, und als ihr Blick auf die Stadt fiel, die mit ihren Turmhäusern unter dem blendenden Himmel in einer un- ruhiacn Weiße von sonncnbeschienenem Damvf dalag, nahm ihr Gesicht plötzlich den Ausdruck des Unglaubens an. „Willst Tu hier bleiben und der Sitzung beiwohnen?" fragte Hall. Sie sprang auf den Stuhl, ihre Zähne schlugen zusammen. „Nein," rief sie entsetzt.„Ich sterbe, wenn ich etwas sehe! Kommt Eld? Nein, nein!" „Tu stirbst nicht," sagte Hall und lachte so ruhig. Sie starrte ihn in wildem Zweifel an, es zog sie doch, das Schreck- liche zu sehen. „Es ist gar nicht wunderbar oder angreifend, einen Geist zu setzen." fuhr Hall freundlich fort.„Du wirst kein anderes Gefühl des Unbehagens haben, als wenn Du mich ansiehst." „Ja. aber es isi doch dunkel. Ach! Weshalb müssen solche Dinge immer im Dunkeln vor sich geben?" „Aus demselben Grunde, aus dem man photogravhischc Platten nicht iin Tageslicht behandeln kann. Das Dunkel! ist chemische Bedingung. Und wenn wir doch die Geheimnisse'■ der Finsternis untersuchen, ist das vom logischen Gesichts- Punkt aus wohl ziemlich notwendig. Uebrigens haben wir ein wenig künstliches rotes Licht, damit wir uns sehen l könnew," 1 „Versprichst Tu mir, nicht von mir zu gehen?" „Das kann ich Dir nicht versprechen. Ich muß ja meine Arbeit verrichten,.meine Aufzeichnungen, die Instrumente.. aber ich will �Dir über den ersten Eindruck hinweghelfen. Nachher, dafür stehe ich ein, wirst Du Dich vollstmrdlg ruhig fühlen." ■„Gut, ich bleibe," sagte Madame d'Ora und nahm sich mutig zusammen. Aber ihre Augen fingen an, scheu umher zu schweifen. Sie erblickte das Zelt aus schwarzem Sammet, das an der inneren Wand des Laboratoriums stand, geschlossen und mit unbeweglichen Falten. Sie erbleichte. „Ist das das Kabinett?" „Ja, Du. Aus diesem Zelt kamen eines Tages in der vorigen Woche acht verschiedene Wesen, so lebendig wie ich und Du. Aber sie waren sonst das, was wir tot nennen." Madame d'Ora schwieg. Nach einer Weile wurde an der Türglocke geschellt, und Hall ging hin, um zu öffnen. Madame d'Ora trocknete die Schweißperlen von ihrer Ober- lippe und schnappte nach Luft. Die Hitze war außerordent-- lich jetzt, zu dieser Zeit des Tages' Es war gegen zwei Uhr, die heiße Luft hing still in den offenstehenden Fenstern: der Lärm der Stadt drang herauf, gedämpft, aber mehr noch als Plage wie sonst. Ter U-Zug sauste unten auf dem Schienenweg vorüber, die erhitzten Schwellen sangen unter ihm. Die Brücke da unten verschwamm in einem Knpferncbel mit ihren langsam wandernden Wagenreihen. Eine aus- einander gefaltete Zeitung schwebte von dem Gittcrwerk herunter und flatterte lange in diesem nebeligen Raum um- her, bis sie das Wasser erreichte. Das Haus, das man vor vier Monaten zu bauen angefangen hotte, ragte wie ein offener Turm aus roten und schwarzen eisernen Balken auf, ein betäubendes Hämmern scholl aus /einem Innern: tief unten auf dem sonnenweißen Bürgersteig lag die Leiche eines Pferdes, das infolge von Sonnenstich gestürzt war. 10. Herr Mc. Carthy und Frau sowie Mirjam traten ein, alle ganz angegriffen und bleich von der Hitze. Madame d'Ora sah sofort, daß Mirjam leidend war. Das junge Mädchen hatte kein Licht in den großen Augen, ihr Kopf sah sonderbar klein aus ,und wie dünn sie war! Namentlich aber war der arme, feine Mund verändert, er war so bleich und elend und still, als habe sie eben eine Verblutung gehabt. Sie blieb mitten im Zimmer stehen, als sie Madame d'Ora sah. veränderte aber im übrigen ihren Ausdruck nicht. Ma- dame d'Ora trat an sie heran, strich ihr liebkosend über das Haar, küßte sie. „Sie ist ja sehr krank," flüsterte Madame Edmund Hall besorgt zu,„ihr Mund ist ganz kalt." „Hockehrwürdcn, Herr Mc. Carthv,— Frau Mc. Carthy," stellte Hall vor lind Madame grüßte. Sie empfand migcnblicklich Mißbehagen, als sie die beiden hysterischen kleinen Menschen sah. Es war lange her, seit sie in Gesell- schaft mit anderen als Leuten ihrer Art gewesen war, und diese beiden bürgerlichen Erscheinungen versetzten sie gleich- sam zu etwas zurück, was sie vor undenkbaren Zeiten ver- lasse» hatte. Sie erblickte im Grunde nur ein Paar niedrigere Tiere in den beiden: aber sie bemühte sich ehrlich, sie nicht einzuschüchtern. Frau Btc. Carthy stellte sich vor ihr auf. bedrückt von Verlegenheit und Zuvorkommenheit, sie gab verliebte Blicke von sich und wußte offenbar keinen anderen Ausweg, als über etwas zu schwatzen. Madame befreite sie, indeni sie irgend ein Thema aufgriff. Tie kleine, verblühte Frau war bald e i n seliges Lächeln, unter dem der Speichel auf ihre» blanken, falschen Zähnen eintrocknete. Herr Mc. Carthy sprang währenddes ini Laboratorinni geschäftig auf und nieder, schwatzte mit Edmund Hall, und Madame d'Ora, die ihn nicht aus den Augen ließ, bemerkte, daß er sich ziem- lich vertraut mit der Nmgebimg benahm. DieS ärgerte sie und machte sie eifersüchtig, und sie dachte bei sich, daß es wohl das best.' sei, wenn sie bei Gelegenheit diesen beiden schmeich- lerischeu Parasiten. einen Fußtritt versetzte. Sic hielt in- dessen vorläufig die Unterhaltung mit Frau Mc. Carthy sehr gnädig ini Gange. Miriam saß auf einem Stuhl und starrte vor sich hin. Lange währte cS nicht, bis Frau Mc. Carthy vyn dem einzigen sprach, was sie wirklich interessierte, von den Sitzungen. ,.�ch bin ja selber Medium gewesen," sagte sie mit vor- sichtiger Stimme und schlug die Augen nieder.„Aber meine Kraft reichte nicht weiter als bis zum Tischrücken und zur Eeisterschrift. Aber wir erhielten viele liebe Mitteilungen, wir standen in mehrjähriger inniger Verbindung mit einer Individualität von tiefstem Ernst im Jenseits, mit einem Wesen, von dem wir Grund hatten, anzunehmen, daß es sich aus der Schwelle zu einer vollkommeneren Sphäre befand. Es gibt ja, wie Sie wissen, auch niedrigere, an die Erde ge- bundene Geister. Harry, so unterschrieb sich unser lieber Geist— verließ uns schließlich, um in eine höhere Entwicke- lungssphäre einzutreten, von wo aus er sich uns Erden- menschen nicht mitteilen konnte. Ich habe ihn hier bei den Sitzungen oft gerufen, aber wir haben ihn nicht zu sehen be- kommen, sein Astralkörper ist jetzt zu fein, um sich in Fleisch einzukleiden. Mirjams Kraft ist ja ganz einzig dastehend! Das, was wir in den letzten Monaten mit Eld erlebt haben.. lFortsctzung folgt.) Die Zauberpricftcr bei den'CUnhlt- Indianern* Von Heinrich Tanne nbcrg. Wie die Religion anderer Naturvölker, so beruht auch die der im Nordwesten Amerikas— in dem Goldlande Alaska— hausenden Tliniit-Jndiancr auf einem fast schrankenlosen und in seinen Kon- fcgucnzcn oft überraschenden Dämonenglauben. Dr. Aurel Krause, der mit seinem Bruder an der Spitze einer von der Bremer geo- graphischen Gesellschaft ausgerüsteten Expedition das Volk der Tlintit besuchte und studierte, gibt in seinem Reisebericht auch über diese Seite des nordamerikanischen Lebens dankenswerte Auf- schlösse.') Die Geister, an welche der Tlinkit glaubt, sind eine unheim- liche Sippschaft. Sie greifen verhängnisvoll in das Leben des Menschen ein und lassen den armen Erdcnbcwohnern Tag und Nacht keine Ruhe. Der Indianer lebt in beständiger Furcht vor den Mächten des Jenseits, und was auch geschehen mag: immer ficht er darin eine Kundgebung der Dämoncnwclt. Da kann es nicht wundernehmen, daß bei den Tlinkit jene nützliche Zunft besonders gedeiht, die sich mit der kunstgerechten Beschwörung der finsteren Mächte befaßt und schließlich wohl gar das wilde Heer bezähmt und dem Menschen dienstbar macht. In diesem ehrenwerten Handwerk, das bei hohen und niederen Völkern sich in entsprechenden Entwickelungsstufen findet und überall eine bedeutsame Rolle spielt, haben wir es mit der Urform des Pricstertums zu tun. Denn Wesen und Aufgabe des Pricstcrtums bestehen ja gerade darin, die Versöhnung der Geister- weit durch systematische Pflege �berufsmäßig in die Hand zu nehmen und zum Heile der Menschheit mit den einzelnen Individuen der anderen Welt, einen regelrechten Ver- kehr zu unterhalten. Bei der naturwüchsigen Form dieser Zunft, wie sie noch unter den Tlinkit anzutreffen ist, laufen die Priester- kichcn Manipulationen ganz folgerichtig zumeist auf Zauberei hinaus. Die neuere ethnologisch-historische Rcligionsforschung hat aus diesem Grunde sehr treffend dafür den Begriff des Zauber- pricstertums eingeführt.') Im Bereiche der Tlinkit wird der Wissende, durch dessen Ein- greifen die Macht der Geister gebrochen werden kann, gewöhnlich „Jchta" genannt. Der Jchta ist durch sein wildcS, schmutziges Aeußcre und sein in Strähnen herabhängendes oder hinten in einen Knoten gebundenes Haar gekennzeichnet. Das Haar darf weder durch Schere noch Kamm entweiht werden, wohl deshalb, weil es nach einer germanisch-fränkischcn Analogie den Geister» zu eigen gegeben ist. Auf diese Weise nimmt das Haar eine filzige Beschaffenheit an, und zwar in einem Grade, daß ver- fchicdcne Forscher die Zuhülfenahme künstlicher Klebemittel ver- muteten. Man hat in dem so beschaffenen Haar sogar eine be- sondere Käferart eingenistet gefunden. Nur in den Fällen höchster Trauer wird der vordere Teil des Hauptes geschoren, und man mutz annehmen, daß dies lediglich zum Zwecke eines Opfers gc- fchieht. Da eigentlich der ganze Mensch Besitztum der verbündeten Geister geworden, so muß auch der Körper des Jchta von den Prozeduren der Reinigung verschont bleiben, wodurch die gerügte Ilnreinlichkeit der tlinkitischen Zauberpriester religionsgeschichtlich erklärlich wird. Zur Würde des Jchta gehört der Besitz von allerhand Ausputz: geschnitzten Knochenstäben, Reifen mit anhängenden Zähnen und Schnäbeln, phantastischem Kopfschmuck mit flatternden Hermelin- fellen, Tanzdeckcn, Gesichtsmasken, Klappern, Trommeln u. dgl. m. ') Vgl. Aurel Krause. Die Tlinkit- Indianer. Jena, /ostenoble. ') Vgl. I. L i p p c r t, Allgemeine Geschichte des Priester- kums. Berlin 1883—84. 2 Bände. Ferner meine„Religions- geschichtliche Njblipthck" Heft 2, S. 38 ff. Bcrlin-Friedrichshagen, Die Lärmwcrkzeugc dienen teils zur Herbeiführung der gczähmken Geister, teils zur Verscheuchung der bösen. Knochenstücke und allerlei Anhängsel gelten als Fetische, d. h. als Dinge, an welchen die Geister oder deren Kräfte besonders haften, und die daher beim Zauber nötig sind. Masken werden vcm Jchta verwendet, um auch. äußerlich einen bestimmten Geist, der bei der Manifestation über ihn kommt und in ihm förmlich seinen Sitz nimmt, vorzustellen. Deshalb hat der Zauberpriester für jeden Geist eine besondere Maske zur Verfügung, deren er sich bedient, sobald er diesen Geist beschwören will. Die Beschwörungen gehen vor sich unter einem wilden Tanze um das Feuer herum, wobei die gewaltsamsten Umdrehungen des Körpers vorgenommen werden. Es ist die nämliche Manipulation, die man bei dem Zauberpriestertum der ganzen Welt findet, und deren Zweck darin besteht, einen konvulsivischen Zustand herbei- zuführen und so den Eintritt des fremden Geistes in das Medium zu ermöglichen. Der in dieser Weise vorbereitete Jchta heilt Kranke, indem er die bösen Geister, welche die Krankheiten verursachen, aus ihnen heraustreibt. Er macht gutes Werter, läßt reichlich Fischzüge in die Gewässer aufsteigen, ermittelt Diebe und sonstige Uebeltäter: kurz, er tut alles, wozu die ihm zur Verfügung stehenden Geister im- stände sind, und was vermöchten diese nicht? Für seine Künste nimmt er immer Bezahlung iin voraus. Haben die Beschwörungen nicht die erhoffte Wirkung, so ist er um eine Rechtfertigung nicht verlegen; andere böse Geister sind hierdurch dazwischen getreten, und deren Austreibung erfordert loiedcr neue Beschwörungen und neue Bezahlung. Dabei ist der Jchta ein gelehrter Mann. Er bat ganze Systeme zur Verfügung, um die schädlichen Einflüsse der ver- schiedenen Dämonen zu erkennen und die Mittel zur Abwehr zu finden. Es ist eine geheime Zunftwissenschaft, deren nur Aus- erwählte teilhaftig werde». Meistens sind Würde und Wissen erblich; beides geht dann mit der ganzen Ausrüstung auf den Sohn oder Enkel über. Es kann auch geschehen, daß der Meister einen fremden Schüler heranbildet und seine Kunst auf ihn überträgt. In jeden: Falle bedarf es zur Erlangung der Schamanen- würde einer langwierigen Vorbereitung und Erprobung, und zu diesem Ztvecke pflege» die Adepten für einige Wochen oder Monate die Einsamkeit der Berge und Wälder aufzusuchen. Draußen in dr Wildnis erleben die Pricsterschüler unter Fasten und Kastciungen die mannigfachsten Rendezvous mit Geistern, erhalten Offenbarungen aller Art usw. Das wichtigste Ereignis ist die Begegnung der Fischotter, die dem Novizen vom obersten der Geister gesandt wird. Es handelt sich dabei um eines der Jetischtiere, die selbst als Träger der Geister gelten. Durch eine Beschwörungs- formcl tötet der angehende Jchta die Otter. Sic streckt die Zunge hervor und er reißt sie ihr aus, wobei er den Wunsch vernehmen läßt, ein tüchtiger Zauberer zu werden. Die Otterszungc ist der Talisman des Priesters, der besondere Gcistcrsitz, den er gut ver- wahren muß.: Ludwigs II. und Wagners Zeit. auch gar nicht sein dürfen. Die Münchcner sind für Musil— zumal für die des Bayreuther Meisters— mehr eingenommen als für Dramen Ilassischei: oder ernsten Genres. Obendrein hat die klerikale Presse, die katholische Geistlichkeit von jeher die Schauspiel- aufsührungen scharf in: Auge gehabt. Zensur wurde von jener Seile aus beharrlich geübt. Als vollends die jüngftdeutschen Dra- matiker Vie Theater zu okkupieren begannen, wuchs der Argwohn und der Haß. Da war dem Hofthealer von vornherein eine enge Grenzlinie gezogen. Sudervtann, Hauptmamr feierten Triumph über Triumph— nur nicht im Münchcner Hoftheater. Das srappierte mich. Ich mutzte dahinter kommen ES war um 1892. Eines Tages beschloß ich, Pcrfall persönlich über die Materie: Ailfsührung oder Nichtaufführuiig Sudcrmannscher bezw. Hauptmannscher Stücke zu interpellieren. Der Generalintendant ging sogleich lebhast aus die Frage ein. ..Ja", sagte er im Dialekt des eingefleischten Münchners,„sag'nS, dös iö so eine kitzliche Such'. Ich möcht' ja schon. Beispielsweise den„Kollegen Krampton" Hab' ich wirklich aufführen woll'n. Aber da war ich bald hingesaust. Wissen's, wenn die Schwarzen nöt hmt'nl Aber da hat das„Fremdenblatt" gleich an G'schrei'macht. „Hanneles Himmelfahrt" vorher hat die Geistlichkeit schon sowieso auf'bracht. Nun is der Erzbischos und der Hofiaplan gleich beim Prinzregcnten vorstellig worden. Daraufhin Hab ich an Wink kriegt, und das neue Hanptmannsche Stück wurde ad acta gelegt. Seh'nS, so is die G'schicht'. Ja. wenn die Schwarzen nöt w ä r' n I Na. und die B i e r d i m p f l n I Ich bin ja doch auch ein richtiger Altmünchiier und trink' meine unterschiedlichen Krügeln auch ganz gern, dös muß ich schon sagen. Aber die Bier- Philister, das is eine gar b'sondere Sorl' von Menschen. Tie sind not vorwärts zu krieg'n. Und an denen ihren Quadratschädeln scheitert die beste künstlerische Absicht. Ohn' die Pfaffen und die Bierdimpfeln kann man nix mach'n..." AnS solchen Erwägungen heraus hielt Perfall säintlicheHostheater für eine überlebte, ja die Kunst schädigende Einrichtung. Er hat sich darüber auch einnral ausgesprochen und hielt ein Fe st spielhaus Iii r das Volk keineswegs für eine Utopie— sondern geradezu nr eine u n a b iv e i s l i ch e N o t lo e n d i g k e i t. In einer von ihm 1892 im Münchcner Ralhause veranlaßten Versnmnilnng sagte er, atisgehend von Richard Wagners Idee zu einem Festspielhause in München folgendes: „ES müßte ein Festspielhaus für das Volk werden. das die verschiedenen Kunstrichtungen von Bayreuth. Walz- bürg und Worms in sich vereinige, dessen Pforten im Gegen- satz zu Bayrerlth jedem aus den» Volke um ein in» Verhältnis geringes Entgelt sich öffucken. Es müßte ein Festspielhaus iverdei», das frei von jedwedem F r o n d i e n st e, dem mehr oder weniger alle in gclvöhnlichen» Geleise sich bewegenden Theater unterworfen sind, in v o l l st e r Unabhängigkeit und mit reichen Hilssquellen durch den Beistand der königlichen Theater an der Errcichimg großer Ziele zu arbeiten vermöchte. Es müßte ei» Festspielhaus loerden, das dnrch all' dies ihm zu Gebot stehende imstande wäre, Jahr aus Jahr ein durch wahrhaft mustergültige Darstellungen mit den anscrleseusten Kräften der cinheiniischcn' wie auswärtigen Bühnen wahre Festtage sür die Kunst und die Kunststadt München zu feiern." Goldene Worte, die wert find, im Gedächtnis behalten zu werde» I E. K r e o w S k i. Theater. Königliches Schauspielhaus: Wallen st eins Tod, Trauerspiel von Schiller. Ter Neueinstudierung von Hebbels Siegsriedtragödie ist die von Schillers Wallcnstcin-Trilogie gefolgt. Lange Jahre hatte der Dichter mit der Sprödigkcit des weitverzweigten historischen Stoffes gerungen, bis es ihm gelang, das Ausciiiandcrstrebende künstlerisch zusammenzuschweißen. Tie Helden seiner Jugenddramen, sein Karl Moor, der Ferdinand in Kabale und Liebe, Ton Carlos, Marquis Posa, in gewiffcm Sinne auch Fiesko, waren Spiegelungen der wogenden Frciheitsgefühle seines eigenen Ich gewesen. Nun galt es. eine schars umrissene, im Wescnskcrn ihm selber fremde, za feindselige Gestalt inmitten eines ganz bestimmten geschichtlichen Milieus nachbildend zu er- neuen. In seiner„Geschichte des dreißigjährigen Krieges" hat Schiller die gehässigen, abstoßenden Züge des gesürchteten Kriegs- inannes, die grausam despotische Härte, die kalte Rachsucht, den finster verschlossenen, auf die Vermehrung der eigenen Hausmacht als letztes Ziel gerichteten Ehrgeiz mit vollem Nachdruck hervor- gehoben. Was ihn trotzdem an der Figur fesselt, ist der Eindruck der mächtigen Intelligenz und Willenscncrgic, welche im Bewußt- sein angeborener Hcrrscherkraft kühn die Schranken ererbten SlechtS durchbrechen, im Kampfe wider„das ewig Gestrige" Königs- Kronen erobern will. In dem Prolog zum Lager deutete er, von „des Jahrhunderts ernstem Ende" redend, auf die Verwandtschaft dieser Kraft mit der Natur des weltcrobernden Korse» hin. Ihn reizt die Schicksalstragik, die den lange Zögernden unabwendbar zur Tat zwingt, und ihn im Augenblicke, da er die Erfüllung seines Höffens nahe wähnt, in jähem Sturz begräbt,— reizt das weithin hallende Echo, die übergreifende Verkettung des Einzclloses mit dem geschichtlichen Ganzen. Aus„des BürgerlcbcnL engem Kreis" will er den Blick„auf einen höheren Schauplatz lenken". Für den Zwang dichterischer Objektivität, den die Schilderung des Hüben wie Trüben die Kräfte in Bewegung setzenden Eigen- nutzes von ihm verlangt, entschädigt sich Schiller, indem er dem großen Realisten Wallenstein in Max und Thekla Bilder idealistischer Sehnsucht gegenüber stellt. Erst so, das Gegebene durch den Ausblick auf ein Höheres ergänzend, findet er die seiner Persönlichkeit letzthin entsprechende Formung des Stoffes. Matkowskys Wallenstein war eine gewiß höchst aner- kenncnswcrte Leistung, um so berühmcnswcrter, da der Wchau- spieler seinem Temperamente hier Gewalt antun mußte. So sehr hatte er sich in die ihm fremde Rolle hineingearbeitet, Gesten und Stimme so diszipliniert, daß man glauben konnte, nicht er, ein anderer stecke in der Maske. Das Stürmische war einer eisigen Rcserviertheit gewichen. Gedämpft und doch mit einer haarscharfen Bestimmtheit sielen die Worte aus seinem Munde. Klug und sicher. wie sie angelegt war. wurde die Figur durchgeführt, nirgends Sprünge und Riffe. Aber die Wirkung auf Gefühl und Phantasie blieb hinter der, die Matkowsky in anderen, seiner Natur ent- sprechenderen Rollen erreicht, trotz aller Mühe weit zurück. Es fehlte jener Hauch des überraschend Genialischen, der von seinem Kandaules, seinem Götz, seiiiem Siegsried ausgeht. Wohl empfand man die Gediegenheit des� Spieles, doch es riß nicht mit, rührte nicht an die Tiefen der Seele. Sehr fein stellte Vollmer den Jsolani, P a t r y den schwedischen Abgesandten dar. Die anderen Mitwirkenden, Fräulein L i n d n e r, als Gräsin Terzky, Fräulein Wachner als Thekla, Kraußncck und S t a c g e- mann als Oetavio und Max Piccolomiiii, M o l e n a r als Buttler boten nichts sonderlich Markantes. Arndts Terzky, Keßlers Jllo, blieben hinter den anderen Leistungen zurück. dt. Trianon- Thcatc r.�„Fräulein Josette meine Frau". Lustspiel in vier Akten von Paul Gavault und Robert Charvay. In diesem von Max Schönau verdeutschten Stück wird das Thema„Schein"- oder„Gesälligkeits- hcirat" variiert. Andre Ternay— seines Zeichens Pariser Jung- geselle und Lebemann im Alter von zweiundvierzig— ist Pate von Josette. Sie muß zwei Monate vor Vollendung ihres 18. Lebens- jahres verheiratet sein— sonst geht ihr ein bedeutendes Erbteil von einem Onkel verloren. Die Eltern haben natürlich schon eineir Gatten für sie in petto. Ihr gefällt er nicht. Sie liebt einen jungen smarten Engländer. Der Pate wird ins Vertrauen gc- zogen. Er soll helfen. Weil der Engländer aber erst auf ein Jahr nach J»»diei» geht und Josette, wenn sie solange warten wollte. ihrer Erbschaft verlustig würde, so soll Adrs Ternay rechtzeitig mit ihr eine Gefälligkeitsche schließen, versteht sich, ohne jegliche Ver- pflichtung. Herr Ternay ist, wie alle Paten, ein guter Kerl. Trotz- dem kostet es ziemlich viel Ucberredungskunst, ihn, den ein- gefleischten Junggesellen, der natürlich sein„zartes Verhältnis" hat, zu diesem Pakt zu bewegen. Aber Josette müßte nicht Josette sein. Die Scheinheirat kommt also zustande. Um allen Bekannten und höchstwahrscheinlichen Unannehmlichkeiten auszuweichen, macht man eine Hochzeitsreise in die Schweiz. Dort gibt's ein bißchen Flirt und sonst viel Langweil. Ternay fühlt sich sehr unbehaglich in seiner Rolle als Pscudogaito. Ein Duell mit einem Schwere- nöter von Zeitungssäfreiber geht noch glimpflich ab. Aber plötzlich platzen Josettens Eltern hinein. Nun gibt's einen Krach, den Ternay absichtlich herbeiführt, um die Pseudogattin los zu werden. Er reist ab nach Paris. Nun wird er wieder fein altgewohntes Leben fortsetzen. Josette reist ihm nach— und nun kommt's zwischen beiden zu einer Katastrophe: aus der Scheinehe wird eine wirkliche, weil die Herzen Feuer gefangen haben. Auch steht dem ungleichen Paar der Englischmann nicht mehr im Wege. Infolge einer Boxecci ist er in Indien zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden— und solange mag Josette doch nicht warten. Aber schon am anderen Morgen ist Mister Joe Jakson leibhaftig da. Was nun? Doch die Lösung ist ja für alle so einfach. Jakson hat dort heiraten müssen— um aus dem Kittchen zu kommen. Nur Ternays Geliebte bleibt noch abzufertigen. Aber auch diese hat schon in Ternays Freund Panard Ersatz gefunden. So schließt denn alles zu größter Zufriedenheit. Das Stückchen hat keine besonderen künstlerischen Qualitäten. Der Freund und der Engländer sind ab- gebrarichte Schabloncnfiguren. Der erste Alt ist etwas leer und lang, der letzte eigentlich überflüssig. Für alles entschädigt aber der dritte Akt. Ohne mancherlei Banalitäten zu entbehren, ist er reizvoll. Else von Ruttershein» hat eine neue Rolle ge- wonnei», und die heißt: Jofetie. Hans Junkermann sAndrS Ternay) stand namentlich im dritten Akt auf der Höhe. Den gut- mütigen„Schasskopf" Panard gab Julius Sachs, und den Engländer Adolf Klein sehr treffsicher. Die Vertreter der sonstigen Episodenrollen fanden sich entsprechend ab. Gesamt, cindruck: abgerundete Darstellung; freundlicher Erfolg.— e. lc. Kunst. e. s. DaS Kunstgewerbemuseum ist einer Neuordnung und Erweiterung unterworfeu worden, die geboten waren, nachdem die Schule nnd die Hörsäle ein besonderes Gebäude erhalten halten. Leider ist die Veräirderung nicht eine gründliche, durch- greifende. Schon das nicht glücklich gebaute Haus erlaubt ja eine solche nicht. das in öder Anordnung Prachtsaal auf Prachtsaal zeigt, ohne den individuellen Charakter der einzelnen Epochen Rechnung zu tragen. Auch ist die innere Ausstattung zu ausgeprägt,»»m eine schnelle Aendernng zu gestatten. ES fehlt der nioderne Zug. Gerade ein Kunftgewerbemuiemn darf und kann den Anschluß au die Zeit, an die Praxis der Gegenwar erstreben. Das Künstlerische muß energisch betont werden. Es muf verstanden werden, die kostbaren Gegenstäilde in ein rechtes Licir zu fetzen. Es ist nicht genug damit getan, daß man sie kaust Sie wollen auch künstlerisch behandelt, geordi»et und auf- gestellt sein. Da hapert es aber bedenklich. Man glaubt in ein Warenlager zu kommen, wobei man die Bemerkung»nacht, daß ein modernes Warenhaus mehr Geschmack und Eigenort entfaltet. Ein Museum soll in seiner Haltung etwas Persönliches haben, es soll ein Wille dahinter stecke», der Wille der Gegenwart, den der Leiter heransznspürcn hat. ES genügt nicht die Sache selbst, das Stück: sie müssen in rechtes Licht gesetzt werden. Bruno Paul, ein Künstler von modernem Geist, den er in zahlreichen Zeichnungen sür den„SimplicissiimiS" betätigt hat, ist an die leitende Stelle der Kunsigewerbeschule Berufen luorbcu. Vielleicht Bringt er etwas freie Luft mit und schafft den ausstreBeudeu Elementen Raum. Was die Erweiterung anlangt, so sind erstens in der unteren Etage mehrere große Räume gewonnen worden, die früher den Be- amten als ArBeitsräume dienten. Ein etwas verunglückter, kleiner Kuppelraum von S ch m a r j e stellt die VerBindung her. Diese kleine Halle mit der leichten Rokokoornamentik, zu der die an römischen Etil sich anlehnenden strengeren Reliefs nicht passen(vielleicht haBen dem Künstler pompejanische Friese vorgeschweBt) hat etwas ganz Unsicheres. Das sollte in einem Museum nicht vorkommen. Die folgenden Räume zeigen die Entwickelung ans dem Rokoko Bis zmn Empire mit genauer Abgrenzung der einzelnen Stilarten. Zuerst Möbel aus der Zeit Ludwigs XVI., die sich an die strenge, geradlinige Antike anlehnen. Dieser Saal leidet durch die Höhe des Raumes, der zu den intimen Möbeln nicht paßt. Dann folgt(als neue, be- deutungsvolle Erwerbung) ein sehr schönes. kleines Zimmer aus der sogenannten Negeneezeit, der Vorzeit des Rokoko. Das Zimmer stammt aus dem Hotel Sillsry vom Jahre 1723. Es hat vollkommene Holzverkleidung und diese, in dunkelbraun Eiche ausgeführt, ist besonders interessant um der geschmackvollen Verwendung des Holzes lvilleu. Zierliche Schnitzereien beleben den Rand. Doch bleibt die Holzfläche im ganzen als ruhige Einheit bestehen und gibt dem Zimmer den ruhigen, vornehmen Charakter. Besonders die runde, gekehlte Einfügung der Tür und der ebenso gerundete Einbau einer Nische wirkten in ihrer maßvollen Linienführung sehr fein. Ueber den Türen befinden sich Lmietten, die Schäferszenen darstellen. Die Decke ist in Stuck ausgeführt. Ueber dem Kamin, der in rotgrauem Marmor ausgeführt ist. und außerdem noch an jeder Seite sind große Spiegel angebracht, die den Raum für das Auge erweitern.' Diese Spiegel zeigen schöne, reiche Ein- fassungen in vergoldeter Holzschnitzerei. Was in diesem Raum so angenehm berührt, das ist das Maßhalten. Der Schmuck ist mit Sparsamkeit verwendet. Es kommt eine große Raumwirkung heraus. Dies ist die bedeutsamste Neuerwerbung. Dann folgt ein Zimmer mit den Möbeln der Marie Antoinette. Dann ein richtiges Rokoko- zimmer, dessen Möbel die richtige, geschweifte, ausgebauchte Form zeigen. Ein Kabinett der Rinon de Lenilos vom Jahre 1710, auS einem Gartenhaus in Paris, kommt nun in seinem Boudoircharakter erst zur Geltmig. Früher diente es als Durchgang. Spiegel an allen Wänden, ein Zeichen einer eitlen Zeit. Eine erhebliche Erweiterung bedeutet das Hinzunehmen des zweiten Stockwerkes, das früher hierfür nicht zur Verfügung stand. Hier sind die Ledertapeten aufgehängt: Gipsabgüsse füllen mehrere Gänge. Im ehemalige» alten Hörsaal, der umgestaltet wurde, sollen die schönen Teppiche der Sammlung zur Ansstelluug kommen. Als neu eingerichtet sind dann noch zu erwähnen ein kleines Kabinett(llllO) mit einer als Laubenwerl gemalten Decke, die sich perspektivisch geschickt aufbaut, eni Zimmer aus dem Palast Bartolini in Florenz mit einer wuchtigen Kassektendecke und einer Florentiner Ledertapete mit Pultenfries vom Jahre 1500. In dem Deister Zimmer ist eine von Schlüter herrührende Decke, die man vor einiger Zeit entdeckte, eingefügt. Eine-weitere Neuerung stellt der Ornamentstichsaal dar, in dem wechselnde Ausstellungen des in der Bibliothek vorhandenen Materials au Ornameutslichen ge- bracht werden. Auch der Saal, der wechselnde Stosfansstcllnugen bringen wird, bereichert das Museum und bringt die vorhandenen Schätze allgemein zur Geltung. Sonst hat man sich begnügt, den Wänden durch Bespannung mit einfarbigen Ripsen eine ruhigere, gleichmäßigere Wirkung zu geben. Bor diesem Hintergrund stehen die Möbel feiner. Sie kommen als Einzelstück zur. Wirkung. Die besprochenen kleineu Zimmerchen lösen die großen Säle wöhltueud ab. Die letzteren waren früher durch Querwände geteilt. Die Wände sind beseitigt worden. Es kommt dadurch eine größere Ramnerscheiming zustande, was besonders dem Renaissaneesaal zu gute kommt, wo die schwere Florentiner Kassettendecke nun erst voll zur Wirkung gelangt. Bei so großen Sälen verbietet sich natürlich eine Milien- Gestaltung. Es ist auf eine dekorativere Wirkung des Einzelstücks Wert gelegt. Man war bestrebt, die einzelnen Gruppen schärfer nach den neuen wissenschaftlichen Ergebnissen zu sondern, was namentlich der oft verzwickten Stilauseinanderfolge des Rokoko und der darauf folgenden Stile zugute kommt. Das japanische Zimmer wirkt durch die gelben Wände, die schwarzen Schränke eigenartig. Die Stuckdecke von Schmarje ist iin ganzen Ivieder geschmacklos. So merkt man wohl den Versuch, etwas modernen Geist einziehen zu lassen. Aber eS bleibt Flickwerk. Die Dresdener Kunstgewerbe- Ausstellung bot in den Abteilungen Volkskunst und Techniken bedeutsame Anregungen, wie alte Kunst geschmackvoll dargeboten werden kann. Das scheint hier alles ohne Nachwirkung vorüberzugehen. ES sind Räume hergestellt worden, die in ihrer Anlage jedem modernen Fortschritt in der dekorativen Raum- gestalumg Hohn sprechen. Besonders in geschmäcklosen Decken ist etwas geleistet worden, das geradezu grotesk wirkt.' Mehrere Jahre Arbeit waren nötig, um diesen Mißerfolg zustande zu bringen, der eines großstädtischen Museums nicht würdig ist. Nur die nach modernen Gesichtspunkten geleitete und ausgebaute Bibliothek macht eine Ausnahme. Die Sammlung selbst bedarf einer energischen Reorganisation. Gerade ein Kiinstgewerbennisenm, das wesentlich praktischen Einfluß hat, mutz selbst ein Vorbild sei». Musik. Die Waldstein-Sonate. einer der bekakkutesten der 32 von Ludwig van Beethoven komponierten berühmten Sonaten für das Klavier, bietet ein Leipziger Verleger und Antiquar im Original» »lanuskript, ganz von Beethovens Hand geschrieben, zum Kauf an. Beethoven hatte diese Sonnte(op. 53) dem Grafen b. Waldstein gewidmet, der, selbst ein ausgezeichneter Musiker und Klavierspieler. des jungen Beethoven Anlagen zuerst würdigte und unterstützte. Von Waldstein erhielt der junge Künstler, mit der größte» Schonung seiner Reizbarkeit, manche Geldlinterstiitzimg, die meistens als eine kleine Gratifikation vom Kurfürsten betrachtet wurde. Die Ernennung des löjährigen Beethoven znnt Organisten und seine spätere Seudnug nach Wien war des Grafen Werk. Wenn der reife Mann Beethoven seinem Gönner später die große gewichtige Sonate dedizierte, so war das ein Beweis der Dankbarkeit, die nii'geschivächt bei ihm fortdauerte.— Das Manuskript, das jetzt zum Verkaufe steht, stammt auS einem Wiener Privatbesitz i es soll nicht weniger als 41000 M. kosten— eine Summe, die Beethoven kaum für seine gesamten Werke von Verlegern erhalten hoben dürfte. Vor einigen Jahren erwarb der Verein„Beethoveii-Haus" in Bonn die berühmte„Mondschein- Sonate"(op. 27 Nr. 2) für den Preis von 12 000 M., und kleine Billelte mit wenigen gleichgültigen, von Beethovens Hand geschriebenen Worten, bezahlt man jetzt mit Hunderten von Mark. Man sieht, eS ist eine schöne und lukrative Sache um den Ruhm eines großen Mannes, wenn man was geerbt hat. Wenn der auch selbst manchmal darben mußte! Der Schaffende ist leer ailSgegnngen, während Verleger und Händler ungezählle Millionen an seinen nnfterblichen Werken verdient haben und noch verdienen. Henlzittage gibt es Musiker, die an einem einzigen Abend ans einem Paar Beethovenscher Sonaten Tansende von Mark heraushämmern! Astronomisches. Die Sternwarte von G r e e n w i ch ist durch die Er- richtuiig der elektrischen Zentra'.station des Connty Council in einem Abstand von 800 Meter nördlich in eine höchst bedauerliwe Situation geraten. Die Ranchentwickelung und die durch die Maschinen hervor- gebrachten Erschiittenuigen sind so bedenklich, daß Unregelmäßig- keilen bei den Sternbeobachtinigen eintreten und die ganzeTäligkeit der Sternwarte in hohem Grade bedroht ist. Das ist rnn so bedauerlicher, als die Greenwicher Sternwarte eine bedeutende' historische Stätte ist, deren Verleguiig man unbedingt vermeiden müßte. Der Kampf um den Nnllmeridian, von dem ans die tßradzählnng für die ganze Erde vorgenommen wird, hat sich endlich ziigniisten der Greenwicher Sternwarte geneigt. Tie Engländer haben als seefahrende Nation und Kulturvolk von jeher am meisten dazu beigetrage», das See- und Schiffahrtswefen auf Wissenschaft- lichen Grundlagen mehr und mehr ansznbanen. Dazu tritt, daß England bei seinem ausgedehnten Kolonialbesitz in allen Weltteilen sozusagen zu Hause ist. Mit Recht hat eS daher sein gesamtes See- karlenmaterial nach derjenigen Stelle eingerichtet, von Ivo eS die Grundlagen dazu bekam, nach Greenwich, und zwar nach der dortigeil Sternwarte. Der durch den Greenwicher Meridiankreis(Instrument) gehende Mittagskreis ist auf diese Weise zur Anfangs- linie der irdischen Gradeinteilung geworden. Da nun alle anderen Völker die englischen Seekarten beimtzen, so ist diese Zählnngs- weise fast allgemein in Arifnahme gekommen nnd alle Nationen. mit Ausnahme der Franzosen, die an ihrer Zählung nach dem Pariser Meridian ans nationaler Empfindsomkeit festhalten, lassen ihre Schiffschronometer nach Greenwicher Zeit gebe». Nachdem nun fast Einmütigkeit erreicht ist in dem Weltkonzert de» Uhrentickens, ist die historische Stätte selbst iir- Gefahr. Die Astro- uoniische Gesellschaft, der fast alle Astronomen der Welt angehören. hat daher ans ihrer letzten Versammlung in Jena auf Drängen von Professor Wilhelm Förster, dem verdienten frühereu Direlior der Berliner Sternwarte, eine Resolution gefaßt, die verlangt, daß die Greenwicher Sternwarte ein für allemal gegen derartige Schädigungen sichergestellt werde. Auch die Berliner königliche Sternwarte ist durch die Entwickelung der Stadt in ihrer Tätigkeit nnßerordenilich be- schränkt worden. Sie liegt am Enckeplatz, am letzten Ende der Charlottenstraße, zwischen der Linden- und der Friedrichstraße. also mitten in der Stadt. Sie wurde 1835 neu errichtet und von Schinkel erbaut. Damals hatte Berlin erst 270 000 Einwohner und die Grenzen der Stadt waren noch sehr eng gezogen. Jedoch schon in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts war die Sternwarte so von den Häusern der Weltstadt umschlungen, daß ihre Verlegung nach dein Grunewald geplant war. Das ist bis jetzt noch nicht geschehen! es war bis vor einigen Jahren geplant, sie nach Dahlem zu verlegen, doch ist dieser Plan wieder aufgegeben worden, und noch heute ist man sich nicht schlüssig über den neuen Ort der Hanptsteniwarte Preußens. Die Verlegung hat allerdings seine.schwerwiegenden Bedenken, denn an der Vorderseite der Stern- warte, nach dem Enckeplatz zu, liegt der Norinalhöheiipnnkt für die internationale Erdniessnng, von dein ans als Grund- und Haupt» Punkt die Erde mit einem geodätischen Dreiecksnetz überzogen ist. Bevor man zu der Verlegung eines so tvichtigeu Punktes schreitet, muß es natürlich weit konnne». I'L. Berantioortl. RcddUciii: Hans Weber. Bnliu.— Druck u. Verlag: Vvr>värtsBuchdruckereiu.VerlagsaustaltPaulSlugerLiEo.,BerllnLIV.