Hlnterhallmgsblatt des Worwärts Nr. 23. Freitag, den 1. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 23] JVIadame cTOra. Roman von Johannes V. Jensen. Madame d'Ora fängt gleichsam an. sich obenauf zu fühlen. Ihre Beobachtungsgabe kommt ihr wieder, and während sie Frau Carthys harmlosem Geschwätz ein höfliches Ohr zu- wendet, ohne länger acht darauf zu geben, richtet sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Gestalten dort mitten im Kreise, auf Eld und Edmund Hall. Sie stehen nebeneinander vor dem kleinen Tisch mit Edmunds Apparaten, und in seiner ganzen Haltung liegt dies Fürsorgliche, das niemand besser kennt als Madame d'Ora, derselbe Ausdruck einer neuen, völligen und frischen Hingebung, den sie einmal bei ihm an- gebetet hat, der aber jetzt an ihrer Seele frißt. So neigte er auch vor Mirjam das Haupt an jenem Tage, als sie zusammen Seifenblasen machten, mit dieser selben unendlich feinen und vertraulichen Scheu, die Mirjam zu einem neugeborenen und schmetterlingsbeschwingten Wesen machte und ihn selber zu dem einzigen, der fein und jung genug war, um der Stim- mung der Flüchtigkeit keinen Abbruch zu tun. Dainals enipörte es sie, erweckte die dumpfe Brutalität ihrer Natur, weil sie sich benachteiligt glaubte, weil sie niemand den Schatz von Edmund Halls Aufmerksamkeit gönnte, aber auch, weil sie. die sie sich nach einem andern Gesetz erneuerte, im geheimen Edmund Hall verachtete, wenn er sich als blinder Anhänger mit irgend einer Schönheit im lebenden Bilde aufstellte. Madame hatte ja in seinem Wesen nie etwas anderes als die Rolle sehen können, wenn sie selber nicht mit im Spiele war. Hier aber beugt sie sich! Denn mit Eld kann sie sich nicht ver- gleichen: hier ist ihrer barbarischen Logik Einhalt geboten. Während sie die beiden ansieht, Edmund Hall und das Geister- mädchen, überkommt sie in dem Interesse des Paares eine Ge- mütsbewegung, die so zusanimengesetzt und fremd ist, daß sie sich nur ihres eigenen Anteils daran, der Neugier und des Entsetzens bewußt wird. Sie lieben sick. denkt sie. Mein Gott, sie lieben sich! Im selben Augenblick, wo sie das weiß und iiber den ersten vernichtenden Eindruck hinweggekommen ist, hat sie ein Gefühl, als sei ihre Neigung für Edmund Hall auf Eld übergegangen, sie ist tief und unwiderstehlich gerührt, ihr ganzes Wesen strömt in Teilnahme über. Sie glüht für Eld, sie fühlt sich mit ihrem ganzen unlogischen, fanatischen Frauenherzen zu dem weißen Mädchen hingezogen.... „Ach, wie schön sie ist," stammelt sie vor sich hin mit weh- mütigem Ausdruck. „Ja, ist sie nicht entzückend," quiekt Frau Mc Earthy dicht an Madame d'Oras Ohr, so daß ihr Atem ihre Wange berührt. Madame schüttelt sich. Aber sie senkt den Kopf: „Ja," flüstert sie. So war Madame d'Ora für den radikalen Spiritismus gewonnen, indem sie von dem Unfaßlichen, dem Unmöglichen gelähmt und von ihrem Schönheitssinn befreit war. Aber ihre Natlirtriebe hatten noch nicht gesprochen. 11. Die Sitzung gestaltete sich zu einer der sonderbarsten und großartigsten, die der Kreis bisher erlebt hatte. Es schien, als ob der ElektrizitätSgehalt der Atmosphäre, der Barometer- stand und die erschlaffende Hitze des Tages zusammen die günstigsten Bedingungen für die Mysterien der Stoff- Umsetzung, die chemischen und physischen Verwandlungen bildeten, die mit Fräulein Karekin im Kabinett als Zentrum von dem Kreise ausgingen. Eld, der materialisierte Geist, das längst akzeptierte Wunder der Sitzungen, gab Edmund Hall zu erkennen, daß sie heute zuerst die Blumen erscheinen lassen wolle. Dies hatten sie schon früher gesehen, indem Eid zuweilen Rosen aus einem Wasserglas genommen und sie verschiedenen im Kreise gereicht hatte, heute aber meinte sie, daß der Zustand des Mediums sie instandsetzen werde, viel größere Dinge zu tun. Sie bat, daß man ihr ein wenig Sand und Wasser in den Kreis bringen möge. Hall holte einen Porzellancimer mit Wasser und stellte ihn an die Erde neben den Tisch. Sand konnte er dahingegen nicht gleich beschaffen, und da meinte Eld, daß sie es auch wohl entbehren könne. Sie wünschte, daß der Eimer ein wenig weiter zurück, näher an das Kabinett heran, gestellt werde, und Hall stellte ihn einen Fuß davon entfernt, ein wenig seitlich, man konnte ihn in der Dunkelheit gerade erkennen. Schon während diese Vor- bereitungen vor-sich gingen, hatte Madame d'Ora eine Luft- Veränderung gespürt, über die sie sich nicht recht klar wurde, bis sie sah, wie mehrere im Kreise sich bewegten, als ob auch sie etwas empfänden: da sog sie die Luft ein und merkte, daß es Bliimengeruch war, der anfing, das Zimmer zu erfüllen. Nach einer Weile schlug ihr eine Welle schweren, süßen Wohl- geruchs entgegen, der ihr bekannt erschien, und gleichzeitig fühlte sie, wie drückend die Hitze im Raum war. Sie brach in Schweiß aus, ihr Blut flammte in ihre Haut hinein... und mm hüllte der Duft sie wieder ein, so daß sie nichts weiter atmete: es war dieser erstickende und süße Lilienduft, der ein ganzes Meer von Blumenhauch enthält, aber er war von nächtlicher Färbung, so daß man ihn begehrlich und bange trank. Eld hatte den Eimer mit einem Teil ihrer weiten Schleiergewandung bedeckt, der Stoff lag leicht darüber, so daß man nur gleichsam in einen großen Hausen Spinnen- gewebe hineinsah. Sie glitt dann in das Kabinett hinein, und man hörte einen Augenblick Mirjam da drinnen seufzeil und im Schlaf jammern. Eld kam gleich wieder heraits und nickte Hall kräftig zu: „Es ist gut! Musik!" Hall wandte sich an den Kreis und bat die Mitglieder, nicht an das zu denken und ihre Aufmerksamkeit nicht zu stark auf das zu lenken, was Eld vorhatte, da Erfahrungen aus früheren Sitzungen gelehrt hatten, daß das die Prozesse erschwerte. Um die Nerven des Kreises zu harmonisieren und von dem Unterbewußtsein zu befreien, von dem alle Materialisation abhängig war, wollte er Madame d'Ora vorschlagen, zu singen. Er sah Leontine an, und sie war so- gleich bereit, stand auf und folgte ihm an das Harmonium. „Wie es hier nach Blumen duftet I" flüsterte sie.„Es ist doch erstickend. Nicht wahr?" Hall nickte und hielt seinen Kopf wie jemand, der die Spannung vor dem Gewitter fühlt. Er war sehr blaß. Als Leontine sich gesetzt hatte und anfing zu präludieren, kehrte er zu Eld zurück, die mit gesenktem Haupt dastand, die um- gekehrt gefalteten Hände vor sich haltend. Abgesehen von der Musik war es still im Laboratorium. Hin und wieder schnüffelte jemand leise, als lvolle er seinen Eindruck von dem Vorhandensein dieses mystischen Blumenduftes erneuern. Er war jetzt zeitweise fast betäubend, kam in heißen Wellen, als ränge er sich von irgend einem Mittelpunkt los. Während Madame d'Ora auf dem Harmonium tastete und suchte und in ihrer Erinnerung forschte, um etwas zu finden, was sie singen könnte, hörte sie den Lärm der Stadt da draußen, er klang gleichsam erstickt, durch die niit Läden geschlossenen Fenster. Es iiberkam sie eine Sehnsucht nach Freiheit. Es klang wie Meeresbrausen tief unter einer Felsklippe. Jedesinal, wenn der I�-Zug voriiberdonnerte, erzitterte das Haus und es war, als ob der Lärm durch das Mauerwerk heraufdringe wie der Laut einer Welle, die an das Ufer treibt. Madame spielte weiter und ging in einen breiten, altmodischen Ton iiber, jetzt wußte sie. was sie singen wollte. Das Harmonium gehorchte ihren Händen, sauste und seufzte, wie sie wollte. Sie sang: ES wiegte sich manch tüchtig Schiff Auf Wellen frisch und blau, Und an dem harten Steuer ward Schon mancher Schiffer grau, Kolumbus auch trieb einst das Herz Voll Sehnsucht auf das Meer, Im ewig wandelnden Mondenlicht Fuhr suchend er umher. Christoph Kolumbus fühlte sich Am wohlsten schon als Kind, Wenn durch der Wogen Mähne pfiff Heihoh! der wilde Wind. Doch als er ergraut, da packte ihn Ein Sehnen nach dem Glück. Nach etwas Ewigem, da? in un? Kehrt ewiglich zurück. Des Meeres Salz im grauen Haar» Verwittert von Müh' und Not, Verlieh er den Weg nach Osten hin» Der nie ihm Frieden bot. Auf Reisen ostwärts schwand dahin Seiner fugend Morgenschein. Nun will er gen Westen im Abendrot Der Schmied seines Glückes sein. Und einsam schwebt wie in Wolken der Mond Sein Schiff auf hoher See, Matrosen blicken hin und her. Ob keiner Land erspäh. Sie sehen nichts und glauben schon, Dem Abgrund geht es zu, Wo der Erde Rand hinabwärtö stürzt Sie all in Grabcsruh. Sie stürmen drohend auf ihn ein Und schreien ihm zu wie toll: .Kehr um ans Land, wenn unser Schif, Nicht hier versinken soll!" »Drei Tage gebt mir," erwidert ex still, „Wenn dann das Land nicht erscheint, Dann will ich sterben von Eurer Hand, Wie es Euch gut erscheint." Und glühend sinkt die Sonne schon Drei mal ins öde Meer, Da dunkelt aus der goldnen Glut Ein schwacher Umritz her, Das ist das Land, das er gesucht. Und als sie jubelnd schrein, Da ist nur einer, der nicht jauchzt Und ernst bleibt wie ein Stein. Denn als er das rettende Eiland fand, Versank zugleich sein Traum, Denn wieder in das Unendliche Schob sich ein irdischer Raum. Und ob du das Land gewonnen hast, Schiffbruch erlitt dein Herz, Und über dich schwoll wie der Wogen Last Der ewige WeltenschmcrzI Unselig ist. daß Weh und Begehr Nicht Frieden finden kann, Er gleicht der Woge auf dem Meer, Die sinkend fällt und steiget an. Es gibt keinen Gott in der tosenden Flut, Kolumbus, du allein« Durftest Schöpfer einer neuen Welt In deinem Weltschmerz sein. Mitten im Singen kam es Madame d'Ora zum Be- wußtsein, was ihr vorgeschwebt hatte, als ihr dies Lied ein- gefallen war, nämlich das} sie es ja an jenem Tage gesungen hatte, als sie mit Edmund am Strande draußen auf Long Hsland saß. Sie senkte die Stimme und sang leiser, sommer- licher, sie vertiefte sich so wie damals in die innige, sangbare Einfachheit der alten Melodie, wiederholte mehrere von den Versen, kehrte zu ihrer Stimniung von Endlosigkeit zurück... allmählich floß sie über von der Erinnerung an den schönen Tag und wandte sich um und sah Edmund an. Sie der» stummte, die Töne auf dem Harmonium erstarben. Denn Edmund Hall stand dort mit einem so leichenblassen und onderbar entkräfteten Gesicht, daß sie glaubte, er müsse um- inken. Er starrte leer vor sich hin, seine Nasenlöcher weiteten ich, zitterten, und doch lächelte er, als söge er einen süßen. � chwermütigen Dust ein... Im selben. Augenblick, als Madame d'Ora inne hielt. raffte sich Edmund mit einem Ruck zusammen, der aussah wie eine letzte Kraftanstrengung. Sie wollte aufstehen und zu ihm hingehen, er aber stützte sich auf seinen Tisch und blieb dort stehen, und sie sah, daß er sich schnell wieder erholte. Eld war in das Kabinett hineingegangen, jetzt stand sie Plötz- Zich vorne an dem Tisch und ließ ein leises Zwitschern hören: „Jetzt seht!" Und sie richtete ihre klugen, stummen Augen auf Edmund Hall, als wolle sie ihn mit ihrem Blick in unaussprechliche Dinge einweihen. Sie sahen alle auf den Eimer. Das Weiße Leinen, das Eld darüber ausgebreitet, hatte sich eine halbe Elle in die Höhe gehoben, als sei etwas darunter. Eld ging hin und nahni es weg. Der Eimer war voll großer Feuer- Zilien. „Ahl" ertönte es im Kreise.„Ah, seht doch, Hab Dank, liebe Eld!" (Fortsetzung solgt.) (Nachdruck verboten.) ScbWmgungen. Neue Gedichte von Karl Henckell (Bard, Marquardt u. Co.. Berlin). Eine hymnisch gestimmte Poetennatur ist Karl Henckell. Organisch gliedert sein neues VerSbuch sich den Bnchzeugen seines bisherigen Schaffens«in. LebenSatem ist dieses Schaffen, ein Geben, das so natürlich und selbstverständlich ist wie alles Ineinander-- überwandeln und Umzcugen von Stoff und Wärme und Kraft. Die Welt mit ihrem unendlichen Spenden löst gesteigertes Lebensfüblen aus, das voll Gläubigkeit und Dankbarkeit den hellen Augenblick der Gegenwart immer als den Berwirklicher erhoffter Zuknnstsfreuden und als Verkünder werdender Weltherrlichkeiten ausschlürft. Das wesentliche dieses neuen Buches von Henckell ist. daß neben zwar nur einigen, aber doch in Ton, Schwingung und Bild stark heraustretenden Gedichten, die aus revolutionärer Zeit- stimmung stammen und wild und groß ihr Menetekel an die Wand der Gegenwart hinglühen. Gedichte voll hellster Sonnenfrcude an den nie sich erschöpfenden Schönheitsoffenbarungen aller Natur umher stehen, und daß in allem ein so jauchzendes LebenSbcjahen ist. ES gibt für dies Gefühl viele. viele AuSdnicksinöglichkeiten, Henckell ist keineswegs der einzige Lyriker der Lebensbejahung. Aber er ist der Mensch. in dem das Gefühl eben dann in der höchsten Steigerung zu rhythmischem Schwingen und seiner wortmeisternden lyrischen Gewalt emportreibt, wenn es ergriffen wird von den Antrieben dieser Herzkraft alles Seins, in dein sich ein Werden regt: der Lebensbejahung. Hier ist der Schlüssel, wie es kam, daß Henckell einmal als der feurigste Dichter des kämpfenden Proletariats empfunden werden konnte. Von dem Henckell der Amselruse und des Dioramabuches tremit uns nicht nur eine Zeit von zwei und anderthalb Jahrzehnten: zwischen damals und heute liegt daZ wichtigste junger LebenSent- wickelung. Wernicht dem verderblichen Stillstehen inneren Werdens verfiel, der kann als ein Mann, der die Vierzig überschritt, nicht derselbe sein, der er als Jüngling von zwanzig Jahren war. Aber den Reichtum eines Lebens wird man auch danach bemessen, ob Jmrg- erworbenes als lebendiger Besitz auSdauert. Jubelnde Kämpfer« zuversicht, wütender Groll, grimmige Schmerznot füllt Henckellö Jugendbücher an, und das erste ist flammend geblieben und das andere ist nicht in weltflüchtiges Verzweiftln umgeschlagen, sondern ist entwickelt zu männlicher Kraft, die aufrecht und mit geradeaus gerichtetem Auge sich vor daS Furchtbarste der Gegenwart stellt und eS in der grausigen Wirklichkeit seines Eindrucks mit der plastischen Bildkroft des Dichterwortes festzuhalten sucht. lieber daZ schneeweiße Leichenfcld Eine Riesenhyäne heult und bellt... Nur dieS eine Gedicht:„Die Hyäne" zeugt von Rußland. Alle Greuel losgelassener Bestialität, zusammengetürmt zu einer blutigen symbolischen Scheußlichkeit, hat ausbäumender Abscheu im Wortbilde zu packen gesucht. Etwas Kolossales, Entsetzliches soll vor den Augen geschehen. Auf eine riesige Leinwand, vor der die Menschheit Platz hat, ist es mit erbarmungslosem Realismus hingewühlt. Nicht in rednerischen Worte» entlädt sich die empörte Erregung, sondern in künstlerischem anschaulichen Gestalten, das zugleich des DichterS Empfinden in jeder Zeile lebendig pulsieren läßt. ES ist wahr, der wortwirbelnde Uebernnit von ehedem springt und überschlägt sich nicht mehr so toll, die Satire redet sich nicht groß auf und wirft auch den Kopf mit den glimmenden Augen nicht mehr so bissig und bißsicher herum, mehr eine Neigimg zn vergnüglichem Scherzen mischt sich bisweilen ein. Aber das Pathos des jungen Henckell, also daS soziale Pathos, hat nichts eingebüßt: in seiner Wucht ist ein Dröhnen von langschwerem Nachhall, die Wucht scheint gesättigter, und diese Wirkung hängt zusammen mit dieser von jungen Schwächen besser freigewordenen künstlerischen Gewissenhaftigkeit, die da weiß: nur der wird als starker Dichter empfunden, der Gefühltes fichtbar zu machen und also gleichsam durch das Auge dem Gefühl der Mit- menschen zuzutragen versteht. Der Vläme Emile Verhaeren ist ein solcher Dichter: mächtige Quadern sind seine sozialen Gedichte, und für Henckell? Kunst bezeichnend ist die Kraft des RachgestaltenS, die sie an VerhaerenS Sturm auf dem Meer erweist. Reben diese Nach- dichtung setzt Henckell dann das eigene Gedicht Fron- bauern(ein Bild von LaermanS gab die Anregung): \n seiner Art ist eS ganz anders als VerhaerenS' Gedicht, vielleicht auch stammt es gar nicht auS jüngster Zeit, aber das Bild des LebenS ist deutlich: keine Zeile, die nicht den Bild- eindruck durch eine vorstellbare Einzelheit vervollständigte und in seiner trostlosen Düsterkeit verstärkte. Und dann daS Gedicht, Der Riefe: Aus dunklen Tiefen Tagempor, Sonnenhungrig Ringt ein Riese. Seine Schläfen triefet» von Schweiß. Mühsalheiß Durch's Trümmertor, Ouaderwalzend, Schicksallrotzig bricht er sich Bahn. Ehern die Stirn, Muskeln von Stahl, In seinen Adern kreisen Der Menschheit Sehnsucht und Qual! Aus seinen Augen zucken Unlöschliche Strahlen des Licht?, Und ob fie mit goldenen Händen Ihn niederdrücken und schänden. Der Riese läßt sich nicht ducken Und wächst mit gewaltigen Rucken Aus dem verachteten Nichts. Was also die Jugend ihm eroberte, das blieb ihm unverdorrt: daS erhabene Gefühl für die mächtigste geschichtliche Erscheinung und Verkündigung der Gegenwart, Und noch ein anderer Gefühlsgewinn entstammt jungen Jahren. Er war einmal dem Zerfall nahe und hat dann da? Wicdererwachen der Lebenskraft hellbewafet und in voller Sehnsucht erlebt. Die Er- innerung an diese Zeit zwischen Tod und Leben und an den jubelnd gegrüßten Sieg des Leibes und der Seele klingt immer einmal wieder auf, auch in diesem Buch der Schwingungen. DaS Erlebnis bedeutet also dauerndes ftir ihn, und vielleicht half es ihm zu dem großen Maß von Lebensdankbarkeit, das in der Seele so vieler seiner sonnigen Gedichte aus dem letzten Jahrzehnt wohnt; vielleicht auch erklärt es die Inbrunst deS Genießers, der die Schönheit immer in vollen Aügen nimmt und zu allen Himmeln aufjauchzt und doch me satt und müde wird und immer von neuem schlürft und sein Jauchzen selbst in den Klängen von Ruhe und Stille, wo alles unter waldgrünen Schattengeweben sich gedämpft vollzieht, eigentlich niemals ganz zu verbergen vermag. Das Reifen der Henckellschen Lyrik bringt die Vertiefung dieser Inbrunst. Der Ton ist leicht erkennbar, aber er ist nicht eng: Wechsel in seinen Grenzen und Fülle ist ihm reich gegeben. In dieser Inbrunst lebt ein Gefühl von Befteiung, Läuterung, Erlösung, und nun sucht dies Gefühl das Verwandte in allen Wesen und Dingen, die eS von diesem Punkte auS mit ganzer und höchster Freude versteht, künstlerisch aufsaugt und im Gedichte ausströmt. Das sagen mir die BekemittiiSworte: Mit allen Mächten fühl' ich mich verbündet, Die Strom des selbsterlösten Lebens sind, Mein Glaube liegt in meinem Blut begründet. Immer haucht eS durch Henckells Gedichte wie hochgestimmte Verklärung. Aus dem verklärten Fühlen lösen sich ihm Selbst- schauen der Seele, enthüllte Fernblicke. Feierlich nimmt er die Stimmungen der Natur auf, mit dem Hellglanz der Freude im Innern. Kleine Vorgänge werden fast wie etwas Heiliges mit ehrfurchtsvollen Wortfügungen vorgetragen; so in dem Ge- dicht von der gelben Rose. die ein junge-s weißge- kleideteS Mädchen in der Trambahn achtlos aus dem Gürtel verliert und die ein Schaffner vor deni Zertreten behütet. Zwei Gruppen Gedichte geben insbesondere dem Buche sein Wesen: Zyklen von der Rügener Seeküste und auS dem Thüringer Walde. Die Rügencr Strophen find landschaftliche Aquarelle, farbige Merk- blätter aus sonnigblauen, wellenglitzcrnden Sommertagen. Lyrisch höher zu bewerten sind die Thüringer Gedichte. Auch hier hält sich einiges im GelegenheitsverSton leichten, frohen BerichtenS aus Stunden, die ohne Schwere verruht wurden; einiges aber hat sich zum kleinen Liede gestaltet, in dem Bild und Gefühl in feiner innerer Musik zur Einheit verwoben sind. Und dann taucht in diesem Waldgrün das weiße Roß und der leuchtende Panzer Parsifals auf, und Gralsstimnrungen leiten abermals zu den feier- lichsten und reinsten Höhen, die aus des Dichters Lebensstunden für dieses Buch der Schwingungen gewonnen wurden. Gedicht wie: Ein Dreiklang, Morgen und Abend im Walde, FroheS Erwachen, Künstlers Erde und Himmel mag man sich als besondere Gruppen zu geschloffenem Genießen auS dem Ganzen lösen. Sie geben des Dichters Daseinöfteude und Lebenswandern am meisten abgeklärt und am femsten geprägt. Mit dem Ausklang: Ob ich wohl altre? Spüre das nicht. Spiele und psaltre Wiedergeboren WeltüberwindendeS Sonnengedicht. Auch ein Bllndelchen SpruchartigeZ wurde herangetragen. Nicht alle? wiegt schwer und nicht alles war für daS Buch notwendig. Aber eins hat Schlagkraft und stehe deshalb hier: .Weh jenen, die den Ewigblinden Des LtchteS Himmelsfackel leihn I"— Weh jenen, die daS Maul verbinden Den Menschen, die nach Wahrheit schrei n.� _ Franz Diederich. Kleines Feuilleton. Mufik. Neuerdings mehren sich auch in der Tonkunst die Bestrebungen. uns mit der russischen Produktion vertraut zu machen. M. Bala- kirew, geb. 1837, das Haupt derer, die man als„neurussische Schule" zusammenfaßt, ist längst anerkannt; einige Instrumental- werke von ihm und von dem noch minder bekannten S. Liapounow hat uns der Verlag I. H. Zimmermann nähergebracht. Nicht mehr unbekannt sind zwei verhältnismäßig junge Russen: G. Eatoire» geb. 1861, und R. Gliöre, geb. 187S; beide aus Moskauer Schule» jener auch in Berlin beeinflußt. Am Mittwoch gab es im M o z a r t- saale Kammermusiken von ihnen zu hören; der erstere war durch ein Klaviertrio, der letztere durch ein Streichquartett vertreten. Den Vorstellungen, die man sich ettoa von schwermütigen slawischen Weisen und von einer russischen Kombination grüblerischen Sinnens mit verhaltener Glut machen mag, kommt wohl nur das Werk von Gliere nahe; und erst in diesem verschlungenen Satzbau, in dem rasch aufleuchtenden dritten sowie dem orientalisierenden letzten Satze des Quartettes spürt man den Gegensatz gegen die Heimat, um dessentwillen man Ausländer hört. Dagegen gibt CatoireS Trio Zeugnis von der fortlebenden Kraft des Stiles Mendelssohn- Schumann, der gerade für Klavierkammermusik mehr bedeutet, als gewöhnlich zugestanden wird. Die Aufschließung des dem Klaviere möglichen Harfencharaktcrs ist am ehesten hier zu suchen und kennzeichnet nun auch jenes frisch phantasicvolle, wenngleich nicht eigenartige Werk.— Ob der uns noch unbekannte W. Metzl ebenfalls zu Rußland gehört, wissen wir nicht. Die Lieder mit Klavier- begleitung, die wir diesmal in deutschen Texten von ihm hörten, sind lebhaft bewegte Stimmungsstücke, verdienstlich wenigstens durch den Verzicht auf kleinliche Wirkungen. E. v. Hollstein aus Kopen- Hägen, die sie sang, erfteute durch ein großes, sonores Stimm- Material, das sie geschmeidig, doch in der Höhe nicht weich genug behandelt. Den Schwierigkeiten der beiden Jnstrumentalstücke wurden die bereits wohlangesehcne Klavierspielerin V. Maurina« Preß und die Streicher unter Führung von M. Preß in überzeugender Weise gerecht. sz. Medizinisches. Die Röntgenbehandlung bei Gesichts- Neuralgien. Die Gesichtsneuralgien gehören zu den schmerz- haftestcn Erkrankungen. Es ist vorgekommen, daß Patienten durch die Unerträglichkeit des Schmerzes in den Tod getrieben worden sind. Gewöhnlich werden die Stirn, die Nase, das obere Augenlid, die Wangen, der Ober- und Unterkiefer und das Ohr als der Ort der Schmerzen bezeichnet. Leider habe» sich die von den Aerzten bei diesem Leiden bisher in Anwendung gebrachten Heilverfahren in den meisten Fällen als erfolglos erwiesen. Neuerdings hat man zu den Röntgenstrahlen gegriffen, die der Medizin ja schon so viele gute Dienste geleistet haben. Im„Cosmos" berichtet nun Dr. Le- prince von sehr erfreulichen Ergebnissen, die bei der Behandlung von Gesichtsneuralgien mit Hülfe der Röntgenstrahlen erzielt worden sind. Im Laufe eines Jahres wurden verschiedene 5tranke be- handelt, die an starken neuralgischen Schmerzen im Sehorgan litten und außerstande waren, selbst nur einige Zeilen zu lesen. Unter Benutzung eines geeigneten Apparates gelaug es leicht, die Röntgenstrahlen auf eine beschränkte Stelle des Körpers zu lokali- sieren. Tie zu behandelnde schmerzhafte Stelle selbst wurde vor- sichtshalber mit Watte bedeckt. Die Bestrahlung wurde an vier auf einander folgenden Tagen vorgenommen, dann aber wurden die Sitzungen erst nach einer zehntägigen Pause wieder erneuert. Eine Neuralgie, die acht Jahre lang bestanden hatte, wurde auf diese Weise in zehn Sitzungen geheilt. Bei einer anderen, sehr heftigen Neuralgie, die sich im Laufe von 24 Stunden zehn- bis zwölfmal zu außerordentlich starken Schmerzen steigerte und ein völlige? Schwinden sowohl des Schlafes als auch des Appetits nach sich gc- zogen hatte, konnte nach vierzehn Tagen eine erhebliche Besserung und nach Ablauf zweier Monate völlige Heilung festgestellt werden. Die Erfahrung lehrt, daß es zur Vermeidung eines Rückfalls zweck- mäßig ist, den Patienten während des ersten Jahres nach seiner Wiederherstellung noch ungefähr einmal monatlich einer Bestrahlung zu unterziehen. Daß der Arzt die Technik einer solchen Behandlung genau kennen muß, ist selbstverständlich. Nur die erkrankte Körper» stelle darf den Strahlen ausgesetzt werden, ihre Umgebung muß mittels eines Bleischirms vor ihrer Einwirkung geschützt werden. Tie Behandlung mit Röntgenstrahlen hat den Vorzug, völlig schmerzlos zu sein, und wenn man unter Anwendung gewisser Vor- sichtsmaßregcln eine Reizung der Haut vermeidet, kann mit ziem- sicher Sicherheit auf Heilung gerechnet werden. Leprince und seine Mitarbeiter haben bisher nur Erfolge zu verzeichnen gehabt.— Archäologisches. — Die Ausgrabung eines antiken griechischen Tempels auf Sizilien. Die Ausgrabungen, die im Auf- trage deS Staates unter Leitung des Professor Paolo Orsi in G e l a unternommen sind, hatten nach fast dreimonatlicher Tätigkeit sehr interessante Ergebnisse. Es wurde der Stylobat eines archaischen dorischen Teuchels bloßgelegt, der aus dem Ende des siebenten oder den Anfängen deS sechsten Jahrhunderts v. Chr. stammt. Dabei wurden zahlreiche farbige Terrakotten aufgefunden, die zum Schmuck der Architektur dienten, die aber in kleine Bruchstücke zersplittert ivaren. Auch kleine Stücke von Slawen von verschiedener Größe wurden in der Sandmasse entdeckt, die den Tempel völlig vedeckle. Der Ten,pcl wurde höchst wahrscheinlich im Altertum von den Ein- wohnern von Gela im 5. Jahrhundert selbst zerstört, um an etwas •Her dem WindmNhlenhügel zu gelegener Stelle prächtiger wieder wfgebaut zu werden, ES haben sich dort in der Tat spärliche Reste ,'neS dorischen Tempels durch die Jahrhunderte erhalten. Der archaische Tempel scheint der Arhena gewidmet gewesen zu sein, wie man auS einer Weihinschrift schließt, die auf dem Rande eines ero-ßen WeingefäßrS gefunden wurde. Physikalisches. VomSchnee plaudert Otto N. Witt in der von ihm heraus- gegebenen Zeitschrift..Prometheus" in wahrhaft volkstümlicher Art, die zugleich unterhält und belehrt. Schnee— schreibt er— ist bekanntlich eine Anhäufung feiner Eiskristalle. Nun ist es aber allgemein bekannt, daß nicht nur Wasser, sondern alle Flüssigkeiten beim Erstarren große Mengen von Wärme abgeben, welche in irgend einer Weise beseitigt werden muß. Wenn wir daher irgend einen flüssigen Körper zum Er- starren bringen wollen, so müssen wir ihn abkühlen, d. h. wir müssen ihm Wärme entziehen. Auch bei der Bildung des Schnees wird Wärme abgegeben. Darauf deuten schon die bekannton Erschci- nungen, welche man jedesmal beobachten kann, wenn es schneit. Bor Beginn des Schneiens ist eS sehr kalt, das in der Atmosphäre enthaltene Wasser verdichtet sich in fester Form und sinkt als Schnee nieder. Sobald es nun zu schneien begonnen hat, wird es merklich wärmer. Nur selten ist die Lufttemperatur während eines Schnee- aestöbers erheblich tiefer, als— 1 oder höchstens— 2 Grad. Dieselbe Temperatur hat dann auch der herabfallende Schnee. Dieses Steigen der Lufttemperatur während deS Schneiens wird bewirkt durch die von dem gefrierenden Wasser abgegebene Wärme, die natürlich nur von der umgebenden Atmosphäre aufgenommen werden kann. Wenn nun der Schnee schmelzen, wieder in flüssiges Wasser sich verwandeln soll, so muß ihm die verlorene Wärme wieder zu- geführt werden, oder er muß sie irgend welchen, mit ihm in Be- rührung stehenden Körpern entziehen. Die für die Verflüssigung fester Körper erforderliche Wärmemenge, die sogenannte Schmelz- wärme, ist gerade für das Wasser außerordentlich groß. Sie beträgt 79 Kalorien, d. h. mit derselben Wärme» welche 1 Kilogramm Eis oder Schnee verbraucht, um in Wasser von 0 Grad überzugehen, könnte man 1 Kilogramm Wasser von 0 Grad auf 79 Grad er- wärmen! Deshalb ist schmelzender Schnee oder schmelzendes Eis ein ganz ausgezeichnetes AbkühlungLmitrel und wird als solches ja auch in zahllosen Fällen benutzt. Wie kommt nun dieser selbe Schnee, der ein so gutes Ab- tühlungsmittel ist, dazu, zu„wärmen"? Der scheinbare Wider- spruch wird sofort erklärt, wenn wir die Tatsache, um die es sich handelt, nicht in der eben gebrauchten landläufigen Weise, sondern wissenschaftlich korrekt ausdrücken. Der Schnee wärmt nicht, sondern er kann unter geeigneten Verhältnissen Wärmevcrluste verhüten, er ist ein Wärmeschutzmittcl. In dieser Hinsicht steht er nicht, wie sn seiner abkühlenden Wirkung, auf gleicher Stufe mit dem Eise, welches kein oder nur ein sehr schlechtes Wärmeschutzmittel ist, und dieser Unterschied sagt uns sofort, daß diese Wirkung des Schnees auf seiner besonderen Form, seiner feinen Verteilung und lockeren Beschaffenheit beruhen muß. ' In der Tat ist eS nicht der Schnee selbst, nicht das locker kristallisierte Eis, welches die Wärmeschutzwirkung ausübt, sondern die in dem Schnee in sehr großer Menge eingeschlossene, an jeder Bewegung verhinderte Lust. Die Luft ist. wie alle Gase, ein schlechter Wärmeleiter, und wo sie als Abkühlungs- oder Erwär- mungSmittel benutzt wird, da wirkt sie nur infolge ihrer großen Beweglichkeit, indem sie die aufgenommenen Wärmemengen rasch fortträgt und ihren Platz neuen Luftmengcn überläßt, welche wieder Wärme absorbieren können. Stagnierende Luft dagegen leitet die Wärme nur sehr langsam fort, daher sind alle lockeren, fein verteilte Lust in sich schließenden Substanzen, lose Wolle und andere Textilfasern, Pelzwerk, Asbest, Kieselgnhr usw., schlechte Wärmeleiter und somit gute Wärmeschutzmittel, welche vielfach benutzt werden, um aus erwärmten Körpern das rasche Entweichen von Wärme zu verhüten. Genau in derselben Weise, wie die eben genannten porösen Körper, wirkt nun auch Schnee, und er tut es auch aus genau dem- selben Grunde. Aber seine Wirkung ist gebunden an Temperaturen, welche unterhalb derjenigen liegen, bei welcher er selbst anfängt, als Abkühlungsmittel zu wirken, also an Temperaturen unter Grad. Es ist oben gezeigt worden, daß Schnee im Momente seines Niedcrfallens selten viel kälter ist, als 1— 2 Grad unter Null. Nehmen wir nun an, er fiele auf einen Erdboden von gleicher Temperatur und bedeckte denselben 29— 30 Zentimeter hoch, so kann es in den nächstfolgenden Tagen sehr kalt werden, ohne daß die Kälte kstS zum Erdboden und den in ihm wurzelnden Pflanzen durchzudringen vermöchte. Der Schnee, als schlechter Wärmeleiter verhindert die Abgabe von Wärme von feiten des BodenS an die stark abgekühlte Atmosphäre, In dieser Weise wirkt erals Wärmeschutzmittcl, er wärmt in g-nau derselben Weise, wie uns ein pelzgefütterter oder dickwattierter Ueberzieher wärmen! würde, durch Verhinderung von Wärmeverlusten. Daher freut sich der Gärtner und der Landwirt, wenn starker Frost nach vor- herigcm Schneefall eintritt, er weiß, daß unter solchen Umständen die starke Kälte den Pflanzen nichts anhaben kann, während sie andererseits die höchst schädliche Bespülung und Durchweichung der Pflanzen mit eiskaltem Wasser sicher verhindert und die Eier der Insekten und Keime schmarotzender Pilze tötet, welche auf den Pflanzen in der Absicht gelagert sind, im beginnenden Frühling ihre verderbliche Wirkung auszuüben. Wenn Schnee auf einen Boden fällt, der noch nicht bis auf 9 Grad abgekühlt ist, so liegen die Verhältnisse etwas weniger günstig. Es tritt dann zunächst die kühlende Wirkung des Schnees ein, d. h. der Schnee schmilzt so lange, bis er dem Boden und den in ihm wurzelnden Pflanzen genug Wärme entzogen hat, um seine Temperatur bis aus 9 Grad herunterzusetzen. Dabei bildet sich natürlich Wasser. Ist der Boden, auf dem der Vorgang sich voll- zieht, leicht und durchlässin, so wird das Wasser versickern, und eS wird schließlich derselbe Zustand eintreten, wie wenn der Boden von vornherein kalt genug gewesen wäre. Handelt es sich aber um schweren Lehmboden, so kann freilich unter der. Schneedecke infolge der übermäßigen K�ch�-Zeit Fäulnis sich entwickeln und den Pflanzen großen Schaden zufügen. Der Schnee kann nun aber auch gerade in der umgekehrten Weise wirken, indem er der Luft- und Sonnenwärme den Zutritt zum Boden verlegt. Ihm gilt es natürlich gleich, von welcher Seite die Wärme kommt, der er den Durchgang versagt. Er ist immer nur die schwer durchdringende Scheidewand. Wenn nach starken Februar- oder Märzfrösten von langer Dauer plötzlich warmes Wetter eintritt, dann kann es oft geschehen, daß der Schnee da, wo er dick liegt, noch Tage und Wochen lang in seinen tieferen Schichten eine Temperatur von erheblich unter 9 Grad aufweist. Er ist eben bei der langen Kälte schließlich selbst gehörig durchgekühlt worden. Die dann eingetretene Wärme aber dringt nur sehr langsam ein, zumal da sie schmelzend auf die obersten Schichten des Schnees wirkt und infolgedessen auf. gezehrt wird. Namentlich mit den Haufen, zu welchen der Schnee an den Seiten der Straßen gewöhnlich zusammengekehrt wird, kann man im beginnenden Frühjahr oft die Erfahrung machen, daß ihr Inneres Temperaturen von weit unter 9 Grad zeigt, während an ihrer Oberfläche das Schmelzwasser herunterrieselt. Notizen. — Im„Lortzing-Theater" wird Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor" am Freitag, den 8. Februar, aufgeführt. — D i e Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung, die„hervorragenden Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes" setzen will, hat im ab- gelaufenen Geschäftsjahre 199Ü einen überaus lebhaften Auf- schwung genommen. Ihre Mitgliedcrzahl ist auf fast 3999 ge- stiegen, die Summe der Jahresbeiträge von Privatpersonen auf 14 999 M. Auch die Zahl der verkauften Bände der„Hausbüchcrei" und der„Volksbücher" ist in ähnlicher Weise in die Höhe gegangen. Die Folge war, daß gegenüber 14 999 Bänden, die im Jahre 199ö an kleine ländliche Volksbibliotheken verteilt worden waren, diesmal etwa 33 999 Bücher in 24 999 Bänden verteilt werden konnten. — Voltaire und Rousseau werden Grabdenkmäler im Pariser Pantheon erhalten. Der Unterrichtsminister vergab die Aufträge bereits, Bartholome wird das Denkmal für Rousseau ausführen. — Eine neue Verlvendung der drahtlosen Telezraphie. Auf Wunsch des Meteorologischen Instituts wird die englische Flotte fortan ihre Apparate für drahtlose Tele- graphie auch in den Dienst der englischen Wetterkunde stellen. Die Admiralität hat bereits die nötigen Instruktionen erlassen. Alle Marincschiffe, die mit drahtlosen Apparaten ausgerüstet sind, locrden den Marconi-Stationen von Scilly und Rochc-Point stünd- lich ihre Wetterbeobachtungen mitteilen, sobald sie die Zone er- reichen, mit der sie Verbindung erlangen können. Ein Spczialcode für die Witterungsberichte ist bereits ausgearbeitet. — E i n e G l ü h l a m p e n- S a ni m l u n g hat ein Ingenieur namens Hammer in New Uork geschaffen und dafür jetzt eine goldene Medaille erhalten. Die Sammlung umfaßt mehr als I9U) Glühlampen, die während der letzten drei Jahrzehnte zu- sammcngcbracht worden sind. Ihr Wert wird von Fachleuten außerordentlich hoch veranschlagt, weil sie durchaus einzigartig in der Welt dasteht und im Fall ihrer Zerstörung gar nicht wieder herzustellen wäre. Sie vermittelt eine merkwürdige Anschauung der Entwickelung eines der wichtigsten Gebiete der Elektrotechnik� Berantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtöBuchdruckcrei u.VcrlagsanstaltPauISingerölCo..BerkinLVV.