Anterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 24. Sonnabend, den 2. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) au JVIadame d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Hall ging an den Eimer heran und trug ihn bis dicht an die Stuhlreihe, so daß alle die prachtvollen Blumen sehen konnten. Es waren wenigstens dreißig große, vollerblühte Lilien auf langen, grünen Stielen, und der Duft, der den feuerroten Bechern entstieg, füllte das ganze Laboratorium mit seinem erstickenden Hauch. Sie rochen wie Blut. Eld stand daneben, das schwarze Haar hing ihr über den Rücken herab. Sie lächelte mild und allmächtig, ihr Blick ruhte wieder auf Edmund Hall. Plötzlich macht sie eine Hand- bewcgung, daß er den Eimer zurückstellen soll, und als er das getan hat, breitet sie ihren Schleier wieder darüber, läßt ihn liegen und steht da mit geschlossenem und lächelndem Munde, als wisse sie alles zwischen Himmel und Erde. Sie erhebt die eine Hand und lauscht, sie hören alle Mirjam dadrinnen im Kabinett. Dann hebt Eld den Weißen Schleier von dem Eimer. Die Lilien sind jetzt weiß, ganz leichenweiß mit naßgrünem Schatten in den Kelchen. Fast im selben Augenblick zieht sich Eld rückwärts in das Kabinett zurück und verschwindet. Aber sie ist nicht länger als eine Sekunde da- drinnen, und als sie wieder herauskommt, hält sie eine lange, eigentiimlich aussehende Pflanze in der Hand, geht gerades- Wegs auf Edmund Hall zu und überreicht sie ihm. Er sieht aus den ersten Blick, daß es eine Xepevtes tostindische pflanzenfressende Pflanze) ist. Sie trieft von Nässe, die Wurzeln umschließen einen großen Ballen schleimigen Morastes— der lange Stengel ist in einer Entfernung von fünf bis sechs Zoll mit Kränzen von fliegensaugcnden Blüten besetzt, und in allen diesen Blüten ist noch Feuchtigkeit ent- halten, als sei die Pflanze eben aus ihrem Boden in einem der Sümpfe Hintcrindiens gerissen. Sie riecht nach rohem Fleisch---- Hall steht da, die nasse Pflanze in der Hand, da nimmt Eld sie ihm wieder fort und legt sie über die weißen Lilien, geht dann schnell auf die andere Seite des Kreises hiniiber. Alle sehen ihren mystischen Blick und folgen ihr erwartungs- voll, da steht sie still und wendet sich um. sieht auf den Eimer. Er ist leer. Aber jetzt scheint es, als ob mehr Leben in Eld hineinkommt, sie bewegt sich unruhig, und die großen Augen schimmern dreist, der Mund ist ernsthaft, sie schwankt durch den Raum, als sei sie mit etwas im Kampf. Sie steht still und hebt beide Arme in die Höhe, wie jemand, der etwas herunterreißt, und unter ihren Armen hervor stürzen ganze Haufen Rosen, die sich über den Fußboden ausbreiten. Wieder hebt sie die Arme in die Höhe, und über ihrem Haupte schneit es von weißen Apfelblüten. Die Rosen liegen nicht mehr auf dem Fußboden, und die weißen Blüten scheinen zu schinelzen und in Nebel zu zerfließen, ehe sie hinabgelangen. Als dies geschehen ist, steht Eld still. Sie legt den Kopf ein wenig hintenüber und lächelt, streckt die Hände langsam nach Hall ans und lacht ihm sonderbar zu, ihre Wangen beschatten sich, als erröte sie. In ihrer leeren Hand wird eine rote Rose sichtbar, sie tut einen Schritt vor und überreicht sie ihm. Dann zieht sie sich zurück in das dämmernde Halblicht vor dem Kabinett. Während Hall gesenkten Hauptes dasteht und die Rose betrachtet, treibt sie drei große Knospen, sie sind mit einem Male da, während er sie in der Hand um- dreht. Er nimmt wie in tiefen Gedanken ein Taschenbuch aus der Rocktasche, legt die Rose da hinein und steckt sie wieder in die Tasche. Niemand spricht mehr, man hört nur schwere Atemzüge im Zimmer. Eld bleibt in der Dunkelheit neben dem Kabinett stehen, sie wagt nicht wieder vo.rzutretcn, und Hall begreift, daß etwas im Kreise vorgeht, oder daß das Medium unruhig ist. Er bittet um Musik, und die starke Dame setzt sich wieder an das Harmonium. Nach wenigen Minuten tritt Eld wieder in den Lichtkreis und nickt zum Zeichen, daß alles in Ord- nung ist. Hall hat währenddes seine Kamera in Ordnung gebracht und fragt Eld, ob er ein Paar Aufnahmen machen darf. „Ja," antwortet sie mit ungewöhnlich warmer Stimme. „Jetzt bin ich stark. Ich lebe." Und sie tritt hastig näher, geht dicht an Hall heran, so daß er die Ausstrahlung ihres Körpers spürt. Aber es ist keine Wärme, die dem florleichten Stoff entströmt, durch den man den Umriß ihres ganzen Körpers ahnt, es ist eine Kühle wie von wachsenden Palmen. Sie ist gleichsam von einem magnetischen Licht umgeben, einem weißen Schimmer, der liebkost: ihre Nähe wirkt wie ein Schaudern des kühlen Lenzes. „Rühren Sie mich nur an." sagt sie und hält ihre beiden Arme weit auseinander, brüstet sich vor ihm.„Fühlen Sie mein Herz!" Hall legt die Hand auf ihr Herz, sie begegnet dem Druck seiner flachen Hand mit ihrem ganzen Gewicht. Und während er sie stützt, kann man sehen, wie Elds Herzschlag sich durch ihre ganze Gestalt verpflanzt und sie in sichtbarem Takt er- zittern macht. Hall legt seine andere Hand in ihr schwarzes, loses Haar und läßt sie da hindurch gleiten. Dann richtet Eld sich auf und weicht nach dem Kabinett zurück. Hall wendet sich schweigend nach dem Tisch um und stellt seinen photographischen Apparat ein, er nimmt eine kleine Pfanne mit Magnesium, da fällt ihm der Kreis ein, und er macht ihm Zeichen zu, die Augen zu schützen. Die meisten schlössen die Augen oder legten die Hand darüber, aber Madame d'Ora wollte alles sehen, sie saß mit weit geöffneten Augen da, als die Explosion eintrat. Das Licht zerriß fast ihre Sehkraft. Die plötzliche Helligkeit, die entstand, war so intensiv, daß das ganze Laboratorium in einen einzigen Augenblick wie in weißglühender Asche dalag. Sie sah eine lange Reihe Totenköpfe oben auf einem Bort, sie sah einen kleinen Glaskolben mit Flügeln darin, sie sah Halls Kopf in einem weißgrünen Dampf mit scharfen und kahlen Zügen. Die Paneele, die Decke, jede Einzelheit in dem großen Raum ward von dem durchdringenden Licht in seiner Stofflichkeit entblößt, glotzte einen Augenblick mit harten und schattenlosen Oberflächen. Im nächsten Augen- blick war alles von funkensprühender Finsternis verschlungen. Hall nahm noch eine Platte, und dasselbe wiederholte sich, aber diesmal sah Madame d'Ora nur Eld an. Sie stand vor den Draperien zu dem Kabinett, das iy den kleinsten Einzel- heiten deutlich hervortrat. Ihr schwarzes Haar hatte einen starken Kohlenglanz, und von dem Gesicht trat namentlich ! der Mund deutlich, dunkel und voll in dem blendenden Licht ! hervor, von dem weißen Gewand war aber nur wenig sichtbar. Sie staBd da, die Arme in die Falten des Kleides gewickelt. So würde Madame d'Ora sich ihrer ständig erinnern. Nach dem Photographieren trat Eld in das Kabinett zurück und blieb einige Minuten da drinnen. Als sie wieder herauskam, schien sie sehr zufrieden, sie ging direkt auf Hall zu: „Gleich kommen mehr," sagte sie.„Aber ich will erst noch etwas tun." Als sie sich umwandte, sah man ihre bloßen Füße. Sie ging halb in dein Schatten vor dem Kabinett und stellte sich so hin, daß ihr Gesicht dem Kreise zugewandt war, streckte � die Arme über ihrem Kopf in die Höhe, und fing an, mit ! den Händen in der Luft herum zu fechten. Es war, als ver- ändere sich die Beleuchtung um sie her, als gerate sie in eine � fieberhafte, flimmernde Schwingung. Plötzlich ist es, als ' habe sich der Raum über ihr und hinter ihr erweitert, das � Kabinett, die Wand und alles, denn von hoch oben und tief unten, aus einem unsichtbaren Hintergrund, wälzt sich eine Welle roter Rosen in die Luft hinaus und auf den Fußboden herab und verschwindet spurlos über ihrem Haupte, eine blut- rote Welle, und ihr folgt eine zweite, die gelb ist wie Feuer, ein Schwall strahlender Sonnenblumen, und darüber hinweg rollt eine mächtige blaue Sturzsee von Veilchen zu Tausenden, die auch auf den Fußboden stürzen und über Elds Haupt in der Luft verschwinden. Und im nächsten Augenblick ist der Raum wie mit einem Blitzschlag von karminroten Mohn- blumen angefüllt, die in einem Grün verblassen, in dem Orchideen schäumen, und nun ist die Luft über Eld ein � Sturm von Farben, ein lautloses Sprühen und Knittern � von Licht. Blumen strömen von allen Seiten herein und i strömen in das grundlose Nichts hinab. Es schäumt von Meißen Blumen, Rosen schießen in gewaltsamen Eruptionen auf, es regnet herab, es wirbelt herab, und neue Welten von Farben werden entzündet und folgen einander, Schauer von Blumen, Wasserfälle von Blumen... und mitten in dem Orkan steht Eld mit den nackten, braunen Armen, die wie Flammen in der Luft züngeln. Das Haar umwallt sie, und ihr Blick ist so groß, so allmächtig, sie reckt sich, so daß das weiße Gewand von ihren Schultern gleitet, sie reckt sich be- schwörend und steht nun in einem einzigen wilden, ungeheuren Wirbel von purpurroten Rosen. Sie reckt sich aus ihrer Ge- Wandung heraus, es ist, als höbe sie sich ein Stück vom Fuß- boden in die Höhe in dem Wirbel von Blutblüten... und so verschwindet sie, verschwindet gänzlich wie eine Flamme, die aus ihrer Asche herausspringt! Dort, wo sie gewesen war, sahen sie das Helldunkel vor dem Kabinett, und darüber, wo Tiefe, Farben und Be- wegung gewesen, stand nur noch die dunkle Wand. Mehrere von den Mitgliedern des Kreises stöhnten laut. Aber sie kamen schnell wieder zu sich und fingen an, einander ihre Empfindungen mitzuteilen und festzustellen, was geschehen war. Mitten in dem Stimmengewirr zupft Frau McCarthy d'Ora am Acrmel und flüstert ihr, ganz atemlos vor Ent- zücken, zu: „Ach, haben Sie nicht gesehen, daß Vögel zwischen den Blumen herumflogen! Sehen Sie es nicht— zwischen den Orchideen— kleine, entzückende Kolibris I Ich sah es, ich sah es ja!.. Ihr Herz ist so voll, und als sie keine Antwort erhält, lehnt sie sich in den Stuhl zurück und seufzt mit gebrochener Stimme vor sich hin:„Ich sah es ja! Ich sah es ja!" sFortsctzung folgt.) Der Garten des Laubenkotonilten. Februar. Prietzke hatte sich bereits in dem süßen Glauben gewiegt, daß «L nun unbedingt Frühling werden müsse. Im Geiste sah er schon die ersten Radieschen sprießen, da schlug die Witterung plötzlich uui und eine gewaltige Kälte setzte ein, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt hatten. Kurz vor Eintritt des Frostes hatte er sich vorgenommen, im Garten alles umeinander zu spaten. Als aber der Boden wieder steinhart gefroren war, die Finger trotz der Fausthandschuhe rasch kalt und steif wurden und ihm der scharfe Ostwind um die gerötete Rase pfifs, gelangte er doch zu der Einsicht, daß Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit sei und zog sich zu Muttern in die warme Stube zurück. Abwarten, dachte er bei sich, und es ist dies auch das Ge- scheitestc, was man in solchen Fällen tun kann. Wenn man aber nun einmal, wie Prietzke, mit Leib und Seele Gartcnkolonist ist und Tag für Tag den langen Wintevgbend vor sich sieht, man sich aber doch gern irgendwie betätigen möchte, so kommt man auf allerlei Gedanken, und schließlich auf die Garten- kultur am Küchen- und Zimmerfenster. So war es auch bei Freund Prietzke. Er hatte sich nun einmal vorgenommen zu säen und zu pflanzen, der Frostrückfall machte ihm draußen einen Strich durch die Rechnung, und so tröstete er sich dann mit kleinen Saatvcrsuchen im Innern seiner vier Wände. Seine ersten Saaten wurden durch den Mangel an frischem Grün, über den Frau Prietzke schon lange geklagt hatte, bestimmt. Die Schnittlauchtöpfe waren längst bis zur Wurzel hinunter ge- schnitten, die Petersilienwurzeln matt und abgetrieben, aber auch in der Halle am Alexanderplatz war das frische Grün rar und teuer geworden. Run sollte Prietzke seiner Alten zeigen, was er konnte. Da ist er denn in eine Samenhandlung gegangen, um sich für 5 Pf. Kressensamen zu holen, d. h. Samen der gewöhnlichen Gartenkresse, deren schnelles Keimen jeden in Verblüffung setzt, der ihn zum ersten Male aussät. Daß dieser Samen auch ohne Erde auf dem Rücken sogenannter Glücksschweine keimt, die mit Wasser gefüllt werden, worauf ständig genügende Feuchtigkeit durch die porösen Wandungen dringt und den Samen befruchtet, war Prietzke bekannt, aber so ein grün überlaufenes Schwein imponierte ihm nicht, er macht deshalb die Sache auf andere Weise. Er nimmt eine Wein- oder Bierflasche, umwindet sie mit einer dünnen gleichinäßigen Schicht entfetteter und durchfeuchteter Watte, füllt die so vorbereitete Flasche mit Wasser und streut die Samen- körner auf diese Wattehülle, auf welcher sie hängen bleiben. Zur Erlangung der nötigen Feuchtigkeit wird die Flasche vollständig mit Waffer gefüllt, dann werden aus der gleichen Watte drei Dochte geformt, gründlich mit Wasser durchfeuchtet und so in den Hals der Flasche gesteckt, daß sie zur Hälfte nach drei verschiedenen Seiten heraushängen. Diese Dochte ziehen langsam das Wasser aus der Flasche heraus, allmählich sickert es. Tropfen um Tropfen, an ihnen herunter und tropft auf die Umhüllung der Flasche. So ist den Eamen gleichmäßige und ausreichende Feuchtigkeit gesichert, man hat nur nötig, täglich für das abgetropfte Wasser frisches nach- zufüllen und die Flasche zur Vermeidung einer Bcnässung des Zimmers in einen Suppenteller zu stellen, in welchen etwa über- flüssige Feuchtigkeit abläuft. Schon am zweiten Tage nach der Herrichtung einer derartigen Flasche hat man die Freude, aus allen Samen helle Würzelchen herausbrechen zu sehen, die sich tief in die Watte einbohren. Am dritten oder vierten Tage entwickeln sich die Keimblätter und nach fünf bis sechs Tagen bedeckt ein dichter Kreffenrasen die ganze Flasche, die so ein prächtiges Zimmer- schmuckstück darstellt. Jetzt kann auch die Ernte beginnen. Ver- mittels einer Schere wird die Kresse je nach Bedarf herunter- geschnitten; sie liefert mit Essig und Oel zurechtgemacht einen äußerst würzigen Salat, der uns bis zum Frühling zur Verfügung steht, wenn wir uns wöchentlich eine neue Flasche herrichten. Wenn jetzt mildere Witterung eintritt, kann man auch diese Gartenkresse gleich im Freien säen, wo sie bei kühlem Wetter freilich langsamer wächst. Man zieht hier durch ein gegrabenes Beet einige gerade Rinnen, streut die Samen ziemlich dicht hinein und bedeckt sie mit Erde. Später wird auch hier die Kresse im Jugendstadium mit der Schere geschnitten. Die sogenannte Brunnenkrcffe, die man jetzt in der Markthalle und auch in sogenannten Delikatetzgeschäften sieht, ist ein ganz anderes Gewächs, wie der Name besagt, eine Wasserpflanze; sie er- fordert fließendes Wasser und wird hauptsächlich in Dreienbrunnen bei Erfurt in künstlich hergerichteten Gräben, durch welche man laufendes Wasser leitet, gezogen. Wer aber diesen wirklich aroma- tischen Salat schätzt, kann sich ihn auch gelegentlich kostenlos be- schaffen. Die Brunnenkresse ist nämlich keine tropische, sondern eine weitverbreitete heimische Pflanze, die in Gräben, Quellen und Bächen zerstreut vorkommt. Ich habe sie in prächtiger Entwicke- lung in der Umgebung von Spandau gefunden, und dann aber auch vielfach auf meinen Wanderungen im Harz, wo sie mir an heißen Sommertagen stets willkommene Erfrischung bot. Sick ist so würzig und aromatisch, daß man sie ohne jede Vorbereitung direkt aus dem Wasser heraus speisen kann. Wer Wert darauf legt, recht zeitig im Jahre schon Gurken und Kürbisse zu haben, der kann im Laufe des Monats auch schon die ersten Kerne im Zimmer in Töpfe legen. Diese Fruchtgewächs« des Gemüsegartens find bekanntlich außerordentlich frostempfindlich und man kann sie deshalb auf der Parzelle nur dann vor Mitte Mai legen, wenn man sich hierzu nach Art der französischen Gärtner großer Glasglocken bedient, die man über die Saatstelle und später über die jungen Pflanzen deckt, um auch diese gegen übermäßige Nässe und kalte Witterung zu schützen. Noch besser ist aber eine Vorkultur im Zimmer. Dabei ist zu beachten, daß die Samen von Gurken und Melonen am besten in ganz leichtem, porösem Material keimen. Solches Material haben wir im Sägemehl und im Torfmüll. Man nehme von beiden, was gerade zur Verfügung steht, feuchte es etwas mit warmen Wasser durch und fülle es dann in kleine Töpfchen, die etwa 3 bis 4 Zentimeter oberen Durchmesser haben. In jedes Töpfchen legt man 2 Gurken- oder Kürbiskerne und bedeckt sie etwas mit gleichem Material. Die Töpfchen stellt man nun warm, möglichst in die Nähe des Ofens, und begießt sie nur mit angewärmtem Wasser. Die Samen keimen nach 3 bis 4 Tagen, dann stellt man die Töpfchen hell, ans Fenster der Wohnstube, und gießt auch für die Folge nur mit warmem Wasser, da sie nach kaltem Wasser sofort umfallen und absterben. Nach 8 bis 40 Tagen wird aus jedem Töpfchen, in welchem beide Samen keiniten, das schtvächste Pflänzchen entfernt. Wenn sich dann nach 14 Tagen das erste richtige Blatt zwischen den Keimblättern gebildet hat, so verpflanzt man die Gurken und Kürbisse»n größere Töpfe von etwa lv Zenti- meter oberer Weite, unter Verwendung guter Erde, so tief, daß die Keimblätter dicht über dem Erdreich stehen. Die Erde wird nur mäßig angedrückt und erstmals nach 2 bis 3 Tagen begossen. Es gibt übrigens eine Gurkensorte, die speziell für die Zimmcrkultur bestimmtist, sie heißt Rhtowsch« Zimmergurke, ist eineMiniaturgurke, die später noch ein zweites Mal in größere Töpfe versetzt und gut gedüngt werden muß, um auch am Zimmerfenster recht brauch- bare Früchte zu ergeben. Wem im Sommer eist Balkon mit Sonne zur Verfügung steht. und wer geeignete Balkonkästen besitzt, oder sich solche anfertigen will, dem empfehle ich ihre Bestellung mit den wohlriechenden Wicken. Die Engländer nennen diese Wicken ihres vorzüglichen Duftes halber„süße Erbsen" und namentlich die englische Arbeiter- bevölkerung pflegt sie mit aufopfernder Liebe. In den Samen- Handlungen bekommt man eine ganze Düte Samen für 10 Pf. Diese Samen können schon jetzt nicht nur auf der Parzelle, sondern auch in die Balkonkästen gesät werden, sie keimen dann mit Beginn des Frühlings. Später zieht man die Pflanzen wie Erbsen an Birkenreisern, bezw. auf den Ballonen an gespannten Schnüren. Sie beginnen zeitig zu blühen und setzen den Flor, wenn man die alten Blumen vor dem Samcnansetzen regelmäßig abschneidet, bis zum Spätherbst fort. Die Blumen sind sogenannte Schmetter» lingsblütler, wie Erbsen, Bohnen, Goldregen und andere, sie zeichnen sich durch wechselvolle zarte Färbungen und, wie bereits erwähnt, durch köstlichen zarten Duft aus. Bei früher Aussaat be- ginnt der Flor bereits im Mai. Wie diese wohlriechenden Wicken, so kann man jetzt auch die nützlichen Erbsen säen, natürlich nur bei frostsreiem Boden. Auf ein gewöhnliches Gartenbeet von 130 Zentimeter Breite legt man die Erbsen, etwa sechs, nach der Schnur gezogene Reihen, 8 bis 10 Zentimeter tief, und die einzelnen Körner in 3 bis 10 Zentimeter Abstand, voneinander. Das Tieflegen hat den Zweck, die keimende Saat gegen Spätfröste zu schützen. Sollten wirklich die über der Oberfläche erscheinenden Spitzen abfrieren, so treiben die Erbsen bald aus dem Boden erneut nach. Die allerfrühesten Erbsen- sorten, wie: Wunder von Amerika, Buxbaum, oder früheste Mai- erbse, brauchen nicht mit Reisern versehen zu werden, sie bleiben niedrig und kriechen über den Boden hin. Die Hauptarbeit auf der Parzelle fängt erst an, wenn die Witterung dauernd milder zu werden verspricht. Dann sät man neben der Gartenkresse auf vorher gedüngte Beete, Spinat, der das erste grüne Gemüse liefert, neben der obengenannten Kresse den sogenannten Pflücksalat, der keine Köpfe bildet und rasch ver- brauchsfähig wird, sowie die ersten Radieschen, die bei gutem Wetter von der Saat bis zur Ernte knapp 6 Wochen erfordern. Gerade die Radieschen der ersten, frühesten Saat werden die besten. Später, bei heißem Wetter, werden sie bald holzig und pelzig, wenn man keine schattigen Bcctchen für sie zur Verfügung hat. Hd. Kleines f eirilleton* c. Schnreschipper. Ehe die Bewohner der stillen vornehmen Straße noch recht wußten, daß es in der vergangenen Nacht m dichten Flocken vom Himmel gekommen und Trottoir und Fahr- danun mit einer weißen weichen Polsterschicht bedeckt war, klirrten da draußen schon die Hacken, schurrten die Besen, klangen die Schaufeln. KommerzienratS Lucie preßte die noch bcttwarme Rase an's Fenster, zog sie aber mit einem leichten Schrei zurück:.Gott, was für Leute! Frau Rat saß am Kaffeetische und wollte gerade ein Stück Gebäck zum Munde führen. ES blieb in halber Höhe.„Was hast Du? Ist Dir etwas?" „Ach nein doch, Mama." Lucie setzte sich mißmutig.„Die vielen Arbeiter da draußen I ES ist ein so ungewohnter Anblick. Und so ruppig und struppig wie manche aussehen I" Die Hand der Frau Rat vollendete den Weg zum Munde. Ein Achselzucken.„Ja, irgendwie muß der Schnee doch fortgebracht werden. Dazu zieht mau sich natürlich nicht das Beste an." „Man." Lucie lächelte ironisch..Du tust gerade, als ob Du auch schon mal—" „Hab ich auch. AlS wir anfingen— Papa und ich—, da fegte ich nach jedem Schneefall das Trottoir vor unserem Laden. Ist lange her, aber wahr ist eS doch noch. Schadet auch nichts, desto besser sieht's sich jetzt zu." „Das müßtest Du mal sin Salon erzählen." „Lieber nicht." Frau Kommerzienrat lachte und trat ans Fenster:„Es sind wirklich ganz verwilderte Gesellen dabei. Dem einen ist wohl gar der ganze Bermel von oben bis unten geplatzt. Jetzt schnürt er ihn mit Bindfaden zu. Und der Alte dort. Ihm gucken wahrhaftig die Zehen aus den Stiefeln. Jack I" Sie klingelte. Ein Diener trat ein.„Jack, sehen Sie den alten Mami dort unten? Bringen Sie ihm ein Paar alte Stiefel von meinem Mann." Jack stand einen Augenblick ganz verblüfft. Dann verschwand er mit einem kaum merklichen Kopfschütteln. Lucie schüttelte auch den Kopf, sagte aber nichts. Frau Rat setzt« sich wieder, hoch befriedigt.„Der wird sich nicht schlecht freuen. Nein, s o bm ich doch nicht gegangen." „Und Stiefel hat Dir wohl auch keiner geschenkt?" „Nein. War auch nicht nötig. Wir hatten ja olleö im Laden. WaS ich brauchte, zog ich m>. Und nachden, wurde cS verkaust. O, wir lvaren sehr praktisch, das kannst Du glauben. Sonst säße« wir nämlich nicht hier." „Und ich müßte womöglich Schnee schnippen. Lucie ward ganz rot. „Vielleicht. Wahrscheinlich sogar." Lucie ging nachdenklich auf und ab.„Weißt Du was, Mama? Ich werde doch zur Probe filr unser WohltättgkeitSkonzert gehen." „Fahren, meinst Du." Mama klingelte.„Jack, das Journal." „Und lassen Sie das Eoupee vorfahren," befahl Lucie. Frau Rat blätterte im Modejournal:„Es wird von Jahr zu Jahr schwerer,«tivas Besonderes zu finden." Lucie stand am Fenster:„Wo kommen eigentlich die Leute her, Mama?" „Die grüne Samtrobe würde mir nicht schlecht stehen. WaS sagst Du, Kind? Woher die kommen? AuS dem Asyl, von den Arbeitsnachweisen und so." „Aus dem Asyl für Obdachlose?" „Ich glaube wohl." „Dann haben die Leute vielleicht gar nichts anderes anzuziehen, alS was sie auf dem Leibe tragen?" „Manche wohl nicht. Aber willst Du Dich nicht fertig machen?" Lucie sah nach der Uhr:„Ja. Es ist die höchste Zeit." Sie ging, um sich zur Ausfahrt anzukleiden. Frau Rat fröstelte. Sie machte sich au der Heizung zu schaffen, setzte sich in einen Lehnstuhl und studierte weiter das Journal. Eine behagliche Wärme strömte in das Zimmer und mischte sich mit einem I leichten Parfümduft. Auf den, Kaminsims tickte laut eine bronzene Pendule. Von unten herauf kam noch immer das Klingen der Schaufeln, das Schurren der Besen, das Klirren der Hacken. Aber müder als am Morgen, weniger lebendig.„Nicht soviel'rumstehen," sagte der Aufseher mit der Dienstmütze.„Wenn wir warten woll'n, bis der Schnee taut, dann brauchen wir Euch nich." Ein junger, untersetzter Arbeiter mit magerem Gesicht und sehnigen Händen richtete sich auf.„Wir. Hört ihn doch mal. Als wenn er der Schah von Perflen wäre." „Sei doch still." Der Alte mit den zerrissenen Stiefeln mahnte ihn.«Wir können zufrieden sein, daß wir'n paar Groschen ver- dienen. Und arbeiten müffen wir—" «Na. Denn sei zufrieden." Der andere höhnte.„Hast'n Paar Stiebel gekriegt— und nu biste konservativ, was?" „Die Stiebel sind sehr gnt, Du. Da ist noch nich ein Flicken drauf." Ein großer, gebückter Mensch kam mit hängenden Armen heran: „Mir wn alle Knochen im Leibe weh. Ist noch nicht bald Mttag? Hat keiner'ne Uhr?" „Schafskopp." Ein Gelächter antwortete ihm. Und der jintge Arbeiter rief:„Kann mir einer vielleicht'neu Blauen wechseln?" Der Alte kicherte vor sich hin: ,'ne Uhr. Ich Hab' mal'ne Uhr gehabt I Glaubt Ihr woll nich, was? Ja l" Er richtete sich auf:„Bei Gott, ist wahr l" „Für'S Gewesene gibt der Jude nischt." „Gewesen ist gewesen l" Der mit den: zerplatzten Aermel stützte das rote schwammige Gesicht auf den Schaufelstiel. Die trüben Auge» blickten ins Leere. Dann schrie er seinem Rebenmann zu: „Ich Hab' Sekt aus Maßkrügen gesoffen, weißte das? I" «Ruhe, Herr Hauptmann I" „Pah. Elende Bande!— Ah I" Er salutierte mit dem Schaufel- stiel. Lucie stieg in den Wagen. Der fuhr davon, mitten durch einen Schneehaufen. Dem Hauptmann spritzte etwas auf die Rase. Er wischte es mit dem Bermel ab, sah mit bösen Augen dem Wagen nach und lachte verächtlich. Der große Gebückte hatte wieder die Hacke geschwungen. Run warf er sie mit einer verzweifelten Geberde hin und ging zun: Alls- seher.„Ist nicht bald Mittag? Ich kann nicht meht." Der mit der Dienstmütze wollte auffahren, besann sich aber, als er dem Manu ins Gesicht blickte.„Fünf Minuten." Er drehte sich zur Seite und sah'S nicht, wie der andere sich auf den Mauer- Vorsprung eines GartengitterS setzte, den Kopf in die Hände nahm und zur Erde starrte. Bald darauf verstummte das Geräusch der Hacken, Besen und Schaufeln. Mittag. Nur einige gingen in eine nahe Destillatton. Die anderen suchten sich irgend einen Sitzplatz und verzehrten ihr Brot mit müden, hoffnungslosen Mienen... Als der Kommerzienrat von der Börse und Lucie von der Probe kamen, lag die Straße rein und still. „Ein prächtiges Wetter I" sagte der Bater. „Herrlich I' „Bekommt den Kohlenaktien vortrefflich." Er lachte.„Scherz beiseite. So ein Winter ist ein Segen, ein wahrer GotteSsegen. Denk' mal, wieviel Leute allein beim Schneeschippen gebraucht werden!" „Und wo gehen sie hin, wenn kein Schnee mehr da ist, Papa?" „Dahin, woher sie gekommen find: in die Asyle, Wärmehallen usw."— Hygienisches. Die Diphtherie als Volksseuche. Seit Einführung des Heilserums hat die Diphtherie ihren Schrecken als Kindcrwürgc- cngcl wesentlich verloren. Doch scheint es, als ob gerade in den letzten Jahren die Krankheit w»eder im Zunehmen begriffen sei. Nach genauen Aufzeichnungen in Bremen starben in den Jahren 189S— 1903 auf 100 000 Lebende jährlich 16 Personen, in den beiden folgenden Jahren aber 31; desgleichen wird aus Hamburg eine Zunahme der Erkrankungen und der Todesfälle in den letzten beiden Jahren berichtet. Auch in Sachsen trat die Krankheit ziemlich bös- artig auf, zog sich recht lange hin und bewirkte vielfache Nach- Irankheiten. Im Jahre 1903 starben an Diphtherie in Deutschland immerhin noch 10 102 Personen. So wohltätig demnach auch das Heilserum wirkte, so hat es doch nicht zu einer Herabsetzung der Erkrankungszfffer geführt und weiter« Maßnahmen zur Be- kämpfung dieser Seuche sind demnach nicht überflüssig geworden. In einem im„Deutschen Archiv für klin. Medizin" veröffentlichten Aufsatze geht daher Dr. Tjadcn, der Leiter des Bremer Gesundheits- amtcs, den Quellen nach, aus welchen sich die Krankheitserreger immer wieder ergänzen. Danach ist der kranke Mensch der Haupt- träger des Anfteckungsstoffes und die Gefahr beginnt, wenn die Krankheitserscheinungen abzuklingen beginnen oder erlöschen und der gewöhnliche Verkehr und die Beschäftigung wieder aufgenommen wird. Ansteckungsfähigc Bazillen können sich in Menschen finden, die vollkommen gesund erscheinen; sie fanden sich in Bremen nach drei Wochen noch bei 2b Proz. der Erkrankten, nach fünf Wochen noch bei 10 Proz. Bei Erwachsenen erfolgt die Abnahme rascher wie bei Kindern. Weiter spielen die Hausgenossen als Krankheits- Verbreiter eine Rolle, die Geschwister und Eltern, das Dienstpersonal und die Gcschäftsgehülfcn. Der Kranke überträgt seine Krankheit außerdem mit dem Auswurf auch auf leblose Gegenstände, auf das Bett, die Wände und den Fußboden, die Eßgeschirre und das Spiel». zeug. Beim Kehren des Zimmers, beim Reinigen der Wäsche und des Eßgeschirres können die Bazillen alsdann ihre Ansteckungskraft entfalten. Von Nahrungsmitteln kann die Milch Diphtherie über- tragen. Dr. Djaden tadelt es als eine Unsitte, daß Spielzeug auS Krankenzimmern öfters an Kinderbewahranstalten und ähnliche Institute verschenkt wird. Um der Diphtherie vorzubeugen, ist es nötig, möglichst alle Erkrankungen kennen zu lernen, daher ist die Anzeigepflicht unbedingt erforderlich. Die kranken Kinder müssen isoliert und die gesunden vom Schulbesuch ferne gehalten werden. so lange bis wiederholte Untersuchungen das Fehlen der Diphtherie- bazillen nachgewiesen haben. Lehrer, Prediger, Verkehrsbeamte, Lebensmittelhändler, in deren Familien Diphtherie vorgekommen ist, müssen ihre berufliche Tätigkeit einstellen. Den Schlußstein des ganzen Verfahrens muß alsdann eine sorgfältige Desinfektion des Kranken und seiner Effekten bilden.— AuS dem Tierreiche. Unser Uhu. Der Uhu ist die größte Eulcnart unseres Erdteils kommt aber außer in Europa auch im mittleren und nörd- lichen Asien, sowie in Nordafrika vor; im schwarzen Erdteil aller- ding? nur als ein seltener Wintergast. In Europa fehlt er nur auf den britischen Inseln. Die Ornithologen haben nun freilich noch mehrere Arten des Uhu unterschieden, so wird berspielsweise der Uhu Nordasicns als sibirischer bezeichnet und soll gegen den euro- päischen durch Größe und grellere Färbung abstechen. Der söge- nannte Pharaonenuhu(Bubo ascalaphus), der in den Ländern um das Mittelmeer, namentlich in Kleinasien und Griechenland vor- kommt, ist im Gegenteil merklich kleiner. Ein Verwandter unsere? Uhu kommt übrigens auch in Nordamerika vor und wird virginischer Uhu genannt. In Mitteleuropa besonders ist der Uhu, der wohl für jeden Beobachter etwas Imposantes in seiner Erscheinung be- sitzt, durch verschiedene Umstände arg bedrängt und vermindert worden. Dr. Knauer untersucht im„Zentralblatt für das gesamte Forstwesen" die Tatsachen und Ursachen dieser Erscheinung. Der Hauptfeind des Uhu ist der Mensch, teils absichtlich durch direkte Ver- folgung, teils unabsichtlich, indem die Bodenkultur den Uhu geeigneter Nistplätze beraubt. Am häufigsten ist er noch in den großen Wäldern Ostpreußens und am Rhein und seinen Nebenflüssen, außerdem im südöstlichen Europa, und zwar vorzugsweise in den Karpathen, im südlichen Ungarn und auf der Balkanhalbinsel zu finden. Besondere Beobachtungen über den Uhu sind auf die Anregung des Forstmeisters Loos in Böhmen gesammelt worden, indem an sämtliche Forstbeamte des Landes gewisse Fragebogen versandt wurden. Aus den Antworten ergaben sich zunächst beachtcns- werte Anhaltspunkte für die Nistplätze der großen Ohreule. Meist sucht sie sich einen schwer zugänglichen Ort für ihren Horst auf, namentlich Felswände, die für den Menschen fast unersteiglich sind. Diese Vorsicht scheint aber nur eine Notwehr zu sein, denn der Uhu schlägt, wo ihm vom Menschen weniger nachgestellt wird, seine Behausung gern auch an ganz bequemen Plätzen auf. Wo es wine Felsen gibt, muß er sich ohnehin mit Bäumen begnügen, unter denen er buschige Tannen vorzieht. Auf welche Felsart er sich niederläßt, scheint ihm gleichgültig zu sein. Sein Horst ist übrigens ein ganz kunstloser Bau. Zuweilen ist er zur Errichtung eines solchen überhaupt zu träge und legt seine Eier auf dem nackten Felsen nieder. Zu einem Gelege gehören gewöhnlich 2 bis 4 Eier. Wo der Uhu verfolgt wird, wechselt er sein Rest von Jahr zu Jahr, waS ihm namentlich dann nicht zu verdenken ist, wenn er'seiner Eier beraubt wird, worauf in manchen Gegenden sogar Prämien ausgesetzt sind. Der Uhu zieht seiner Verbreitung auch dadurch selbst eine Schranke, daß er seinesgleichen in der Umgebung seines Nestes nicht duldet, wodurch es zuweilen zu heftigen Kämpfen kommt. Von elterlichen Sorgen weiß der große Raubvogel auch wenig, vielmehr wirft er seine Jungen aus dem Nest, so bald sie sich irgend forthelfen können. Die Speise des Uhu besteht in den verschiedensten Säugetieren und Vögeln. Besonders stellt er Hasen, Kaninchen, allerhand wildem Geflügel, auch Igelit und Hamstern nach. Zuweilen wagt er sich sogar an Rehkitzen heran. Besonders bedenklich ist seine Jagd auf Singvögel. Immerhin scheint man seine Schädlichkeit übertrieben zu haben, und Loos spricht geradezu sein Bedauern über die schrankenlose Pcrfcklgung des Uhu aus, weil jedes Uhupaar doch nur verhältnismäßig ge- ringen Schaden anrichtet, indem es wenigstens jedes getötete Tier bis aufs letzte aufzehrt und zu einer unvollständig verspeisten Beute zurückkehrt, ehe es eine neue aufsucht. Geologisches. Di eberstc inerten Wälder von Arizona. Die amerikanische Regierung hat den Beschluß gefaßt, den berühmten versteinerten Wald von Arizona nunmehr unter ihren Schutz zu stellen und so der Nachwelt eines der merkwürdigsten Naturwunder in Amerika zu erhalten. An und für sich sind ja versteinerte Bäume keine Seltenheit; Neste von ihnen findet man wohl überall; be- sonders die Umgebung von Kairo weift schöne Exemplare auf und neuere Ausgrabungen haben in Algier und Tunis Stätten einer versteinerten Vegetation freigelegt. Aber nichts von dem allen läßt sich mit dem grandiosen Schauspiel vergleichen, das die Einöde von Arizona darbietet. Das sind nicht vereinzelte Bäume, denen man hier und da begegnet, sondern es ist ein ganzer mächtiger Wald, der ein weites mehrere Meilen langes, fast ein Kilometer breites Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck n. Verlag: i und lv bis 2l> Meter tiefes Tal ausfüllt. Die ganze Gegend ist öde und wüst, wie wir einer Beschreibung in„La Nature" ent» nehmen; die Abhänge dieser gewaltigen Aushöhlung der Erde bieten nur eine verkrüppelte Vegetation dar; man findet versteinerte Bäume von jeder Größe und jedem Umfang. Hier und da erheben sich versteinerte Baumstümpfe, Ueberreste von Bäumen, die der jähe Temperaturwechsel zerbersten ließ und die nur noch in Trümmern von 0,60 Meter bis 7 Meter Länge übrig geblieben sind. Am interessantesten sind jedoch natürlich die Baumstämme, die der Zeit und der Witterung getrotzt haben und noch in Riesengröße dem Blick sich darbieten. Mehrere von ihnen haben eine Länge von 70 Meter mit einem Durchmesser von 1,35 Meter. Ein solch ge- waltiger Baumstamm führt den Namen„versteinerte Brücke". Ueber einen tiefen Abgrund ist er gelagert; seine beiden Enden verbinden die felsigen Abhänge miteinander. Die Versteinerung dieser Pflanzen ist so vollständig vor sich gegangen, daß ihr Inneres sich zu Achat und Chalcedon umgewandelt hat; so stellen sie einen be- trächtlichen Wert dar. Man begreift deshalb, daß die Vereinigten Staaten diese kostbaren Naturphänomene gegen jede Ausbeutung durch industrielle Unternehmungen haben schützen müssen. Die amerikanischen Gelehrten glauben, daß diese versteinerten Bäume zu einer Art von Conifercn gehören, die seit langem von der Erd- oberfläche verschwunden ist. Nach ihnen erlitt der Boden des heutigen Arizona in einer weit zurückliegenden Zeit eine Senkung, die das Eindringen der Wasser des Ozeans herbeiführte. Die Bäume, die den Boden bedeckten, hatten verschiedene Schicksale. Die weniger widerstandsfähigen wurden durch die Wogen weithin fort- getragen; andere hafteten an dem Boden fest und wurden allmählich von dem Salz und dem Sand umhüllt und mit einer dichten harten Masse überzogen. Jahrtausende später hob sich der Boden wieder und die Wasser flössen wieder zurück. Nun begann eine neue Arbeit der Naturkräfte. Unter der Wirkung der Kälte, der Hitze, des Regens und der Ueberschwemmungen zersetzte sich dieser die Bäume umgebende Mantel langsam und die ursprungliche Form trat unter den Trümmern dieser tausendjährigen Panzerung wieder hervor.— Notizen. — Da? in Berlin geplante Hebbel-Theater hat die Theater- und die Baukon�cffion erhalten. Es soll im Herbst ISO? eröffnet werden und in Parkett>md zwei Rängen 760 Plätze ent- halten. Als erste Novitäten sind geplant:„Der Andere" von Julius B a b, ein Werk von Herbert Eulenberg,„Ninon de rEnelos" von Friedrich- Freksa,„ Ig n i S sanat" von Leonid Andrejew,„Frau Warrens Gewerbe" von Bernhard Shaw,„Totentanz" von August Strindberg. — Die Zensur wacht und sorgt für die Sittlichkeit und künstlerische Ausbildung der Untertanen. Soeben hat sie dem Residenz-THeater die Aufführung des Einakters„Ein Debüt" von Alfred Schirokauer untersagt. — Ein Fiasko der Wünschelrute. Zum Zwecke der Wasserversorgung der e i ch S f e l d i s ch e n Dörfer hatte die Geologische Landesanstalt die Bodenverhältnisse des Eichsfeldes wissenschaftlich untersucht, war aber zu dem Ergebnis gekommen, daß für eine Anzahl von Orten die Einzelversorgung mit Wasser gänzlich ausgeschlossen und Hülfe nur von einer zentralen Wasser- leitung zu erhoffen sei. Die Vorarbeiten dazu wurden aber ab- gebrochen, weil man mit Hülfe der Wünschelrute doch noch zu positiven Ergebnissen zu gelangen hoffte. Im Auftrage der Staatsregierung und auf Staatsunkostcn nahm dann der als„Ouellenfinder" bekannte Landrat v. Bülow- Bothkamp im vergangenen Jahre mit seiner Wünschelrute eine ausgedehnte Terrainuntersuchung auf dem Eichs- felde vor und„mutete" dann auch an zahlreichen, zum Teil hoch gelegenen Stellen starke Wasseradern in einer angeblichen Tiefe von 20—30 Metern. Ein daraufhin aus Staatskosten angelegter Probe- schacht hat nun aber das erhoffte Ergebnis nicht gezeitigt und die Versuche mit der Wünschelrute sind deshalb wieder eingestellt worden. — Die Beschwichtigungsrate. Der Petroleumkönig John D. Rockefeller hat sich bereit erklärt, eine Stiftung von acht Millionen Mark für die Errichtung einer neuen Universität in L o u i S v i l l e zu machen, unter der Bedingung, daß eine gleiche Summe von anderer Seite aufgebracht wird. Die Universität von Louisville soll mit den geplanten Universitäten der Baptisten und Methodisten vereinigt werden. Die scheinbare Generosität der amerikanischen Kapitalvampire ist nichts als schlaue Berechnung und Reklame. Sie plündern Milliarden und schenken Millionen. Die Versicherungsprämie, die sie in Gestalt von Stiftungen aufwenden, ist sehr gering. — D e r G o l f st r o m soll seinen Lauf geändert und sich viele Meilen nach Westen hin gewandt haben, so wird in einem offiziellen Bericht des Hydrographischen Amtes der Vereinigten Staaten be- hauptet. Als Ursache wird das Erdbeben in Jamaica vermutet. Der neue Lauf bringt den Golfstrom in die Nähe der Küste von Zentralamerika._ Vorwärts Buchdrnckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer S-Co.. Berlin ZW.