ZlnterhaltMgsvlatt des Horwärls Nr. 26� Mittwoch, den 6. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) söj JMadame d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen, Gib lächelt eigenartig warm und schwermütig, sieht Hall lange an. „Wir werden uns trennen müssen," flüstert sie. Und als sie sieht, wie es ihn erschüttert, lächelt sie mit heißen Augen und läßt langsam ihr Gesicht hintenüber sinken, wie um allein zu sein. Ihr voller und roter Mund öffnet sich leise,.sie kann nicht weinen. Endlich schleudert sie ihr langes Haar zurück und richtet sich wieder aus, sie lächelt lautlos und entschwindet in der Dunkelheit, aus der ihre Augen hindurch- schiinniern, schmerztrunken. „Kommst Dil nicht wieder?" fragt Hall. Sie nickt. „Ja. Aber jetzt muß ich gehen." Vor dem Kabinett stehend, verschwindet sie ganz all- mählich. Sie wird nach und nach undeutlich wie eine weiße Wolke und sinkt gleichzeitig zusammen, wird kleiner und kleiner. Ihre dunklen Augen und der Mund, der so reich und so traurig ist, schwinden zuletzt in dem dunklen Raum dahin. Bald ist nur noch ein niedriger Nebelhaufen auf dem Fußboden, der schnell zusammenschrumpft und ganz weg ist. Der Kreis atmet auf, seufzt, schweigt. Während der letzten Minuten hat man Mirjam drinnen im.Kabinett jammern und weinen hören, niemand aber hat darüber nachgedacht, alle Aufmerksamkeit war auf Eld ge- richtet. Aber gleich imchdem sie verschwunden, ist es, als höre man Mirjain näher und mit größerer Wirklichkeit, sie seufzt so herzzerreißend in dem dunklen Kabinett, jammert und heult ohnmächtig wie ein Kind. Plötzlich schreit sie laut dadrinncn. Edmund Hall tritt einen Schritt vor, um nach dcni Kabinett zu gehen, und mehrere im Kreise fangen an, sich von den Stühlen zu erheben, im Gefühl, daß hier ein Unglück passiert ist. Und nun geschieht etwas sehr Unheiniliches. Hall steht still, und ein Schrei dringt aus dem Chor, wildes Frauenzimmergckrcisch, aus dem man Madame d'Oras Töne wie einen m einer Orgelpfeife heraus- hört und die Ausrufe �««reckens und Entsetzens der Männer. Vor dem Kabstu-rr sielst ein weibliches Wesen, halb nackend und in ihrem Blute schwimmend. Sie sieht aus wie ein ganz gewöhnliches junges Mädchen, das nur mit einem Hemd bekleidet ist, sie trägt lange, schwarze Strümpfe »nit blauen Schleifen iiberm Knie. Die nackten Arme sind von oben bis unten blutig und hängen mit tropfenden Fingern herab. Das Hemd klebt am Körper und trieft von dickem, spiegelrotcm Blut. Eine Schnittwunde klafft am Halse von einem Ohr zum anderen, und von hier aus quillt das nasse Blut an ihr herab. Das Gesicht ist zu einem ent fetzlichen Ausdruck von Atemnot erstarrt, und der Mund steht willenlos offen, rund wie ein Ring in der Qual des Todes. Unter der Stirn, die schon den fahlen Schimmer der Leiche trägt, liegen die halbgebrochenen, sterbenden Augen. Sie macht keine Bewegung, und sie ist nur eine Sekunde sichtbar, dann verschwindet sie ganz, verschwindet, als sei sie nie da- gewesen. Aber ihr Anblick hat wie eine gewaltsame Offen- barung von des Lebens Wirklichkeit und Grausen gewirkt. Sie ist in ihrer elenden Nacktheit erschienen, entkleidet, sie hat sich gezeigt, ihr widerliches, rotes Innere nach außen gekehrt. Es ist ein Mensch, den man gemordet hat. ein blutiges Schlachtopfer, es ist ein Mädchen von der Straße, und sie ist nicht schön, nein, sie ist ein gewöhnliches Geschöpf mit unschönen Knien und vorstehendem Bauch. Aber sie ist entleibt worden, und sie klagt an. Sie komnit stumm, den Todesschatten über den armen Augen, die, toährend sie lebte, wohl kaum etwas anderes als törichte und schmutzige Vor- stellungen erglänzen machten, denen aber nun auf entsetzliche Weise ihr Recht geworden ist... „E l l y Johnson!" rief jemand zwischen den Schreienden. Es ertönte ein.Knall, und eine Flamme schlug in die Höhe wie bei einem elektrischen Kurzschluß, jemand hatte die Stühle verlassen und war auf einen Kontakt im Fußboden getreten,— die Umzäunung war überschritten. Hall zündete die Bogenlampe an. Die Panik löste sich in Verwirrung und lautes Schwatzen auf. Hall stellte sich ruhig an seinen Tisch, ruhig und mit eisiger Miene wie ein Mann, dessen Selbstbeherrschung fast das Bewußtsein aufhebt. Madame d'Ora näherte sich ihm und wollte seine Hand er- greifen, er aber hatte Sinn für nichts, er beugte sich herab und schrieb mit einem Bleistift auf ein Papier. Inzwischen wurden die Vorhänge zu dem Kabinett auseinander ge- schoben, und Mirjam schwankte heraus. Sie stand da und wandte ihr feuchtes Gesicht von der einen Seite nach der anderen wie eine Blinde, ihre Pupillen waren bis unter die Brauen hinaufgezogen, sie sank mit dem Körper und dem Halse vornüber, als könne sie ihr Gewicht nicht tragen, sie tastete mit dem einen Fuß vor sich hin... plötzlich beruhigten sich ihre Züge, ganz langsam sank sie zu Boden. Da trat Hall schnell an sie heran, untersuchte sie. Sie schlief gesund und natürlich. Hall winkte Frau Mc Carthy geistesabwesend zu, daß sie sich ihrer annehmen solle. In diesem Augenblick fing jemand an, die Fenster von den Vorhängen zu befreien. Trotz des starken elektrischen Lichtes schlug der Tag herein wie ein Flammenschwert, wie ein beißender Schmerz. Die Mitglieder des Kreises zerstreuten sich im Labora- torium, während die Laden eine nach der anderen zurück- geschlagen wurden. Der Tag, den alle auf zwei bis drei Stunden vergessen hatten, drang jetzt mit einer ungeheuren, entblößenden Kraft herein. Jetzt sahen sie sich. Und es kam ein Augenblick, wo sie alle stehen blieben, jeder in seiner Stellung, und sich gegenseitig anstarrten; da glichen sie einer Gruppe von Sittlichkeitsverbrechern in einem Panoptikum. Sie waren alle vollständig abgespannt und schlaff, ohne Zeichen von Leben in den Augen, ausgemergelt wie tot- geklemmte Katzen, sie glichen ihrer eigenen Asche. Aber sie waren entzückt, und als sie sich verabschiedeten und gingen, schwatzten sie, schwatzten sie, einen Zungenfchler hatten sie nicht. Edmund Hall war mit seinen letzten Kräften an ein Bort in der Ecke getreten, da stand er, eine Whiskyflasche vor dem Munde, er sog wie ein Schiff, das leck ist. Sonnenuntergang in New Aork. Den Raum vor Halls Fenstern, der tief und luftig ist wie von dem Gipfel einer steilen Felsklippe, durchzuckt ein scharlachrotes, wildes Licht, ein Feuerschein; es ist, als erinnere sich des Abends die Erde ihres Urznstandes. Die hohen, steilen Häuser starren tauscndfenstrig und kohlschwarz beschattet. Die Brooklyner Brücke spannt ihre schwindelnd kühne Luftpassage mystisch durchglüht und ver- schwömmen zwischen den beiden Stadtteilen, die sich über ihr vermischen und tief unten, wo der Schatten schon herrscht, fließt der Strom reißend und stark mit heulenden Fähren und Buasierbooten. Ein schwerer Dampfer mit von Salz graugefärbten Seiten schleicht sich in dem schwindenden Tageslicht langsam den Fluß hinauf. Durch die yffenen Fenster streicht hin und wieder ein Hauch von dem Atem der arbeitenden Stadt, ein Geruch nach Holz, wie im jungen Lenz in den norwegischen Wäldern, wenn die Wärmeentfaltung des Sprossens und Knospens die Luft mit einem Dunst von Schwefel und Essig erfüllt. Die Hitze des Tages ist im Begriff, einer erquicklichen Kühle Platz zu niachen. Die rote Dämmerung, die vom westlichen Himmel herab- sinkt, begegnet dem schneeweißen Licht der Stadt. Weit draußen im Hafen, in dem verblassenden Fahrwasser steht die Frciheitsstatue, der weibliche Koloß, patinagrün, und sendet einen weißen, ruhigen Funken auf das Meer hinaus. Aber nachdem die Soime untergegangen ist, und die Stadt in Dunkelheit gehüllt daliegt, und alle Flammen an- gezündet sind, bildet sich eine grünlich blaue, fast durch- sichtige Luftschicht über New Jork. Sic sieht aus wie daS Gas von rauchfreiem Pulver, alle Dinge sind vollkommen .sichtbar darin, flimmern und eilen aber init einer ungeheuren Intensität— jetzt ist der gewaltige Schuß des New Aorker Tages gelöst! Jetzt ist die langsame Erplosion, die alle Hänser und Pflaster erhitzte wie Büchsenläufe, überstanden. Die Dunkelheit sinkt herab, und dih Stadt liegt schwarz da unter ihrer elektrischen Luftschicht, die Stadt ladet. Edmund Hall erhebt den Kopf ein wenig von dem Sofa, wo er liegt, und sieht hinaus. Wimmeln dort Millionen von lebenden, durchsichtigen Feuerrvesen rings umher in der grünlich violetten Atmosphäre über der Stadt? Sind sie es, die den Aether jenseits der Luft bevölkern und unsere Sinne, atmen sie ebensogut in den Eruptionen der Sonne wie über den luftlosen Kraterhöhlen des Mondes? Sind sie die Stoff- freien, die Ewigen? Es durchfchauert ihn,— ist das alles wirklich? Existiert er selber? Er weist nicht, ob er bei Be- wusttsein ist oder nicht, lebend oder tot? Er fragt sich selbst, ob es der Einflust der strahlenden Stoffe auf seine Augen ist, der ihn sehend gemacht hat, oder ob ihm das Gesicht versagt. Er lehnt sich matt in dem Gefühl tiefer Verlassen- heit ins Sofa zurück. „Geht es Dir besser?" fragt Madame d'Ora, die bei ihm sitzt. „Mir fehlt nichts," sagte Edmund Hall eine Minute später, und die Stimme klingt auch ganz ruhig.«Ich bin Wohl nur müde." „Müssen wir nicht gehen?" flüsterte sie nach einer Weile. „Glaubst Du, dost wir noch hinauskommen können? Das Haus ist ja abgeschlossen." Hall liegt da, die Hand über den Augen, es währt lange, bis er antwortet, aber die Stimme ist noch immer ruhig: „Natürlich können wir hinauskommen." Sie schweigen. Madame d'Ora wird inuner unglücklicher und besorgter um ihn. Nichts ängstigt sie so sehr wie dies unnatürliche Erstarren; sie kennt ihn und weiß, jetzt hat er alle Verbindung mit der Austenwelt abgebrochen, er wird sich auf das höflichste weigern, aus irgend etwas einzugchen. Sie hat stets Furcht und Respekt vor seiner Gedankentätigkeit empfunden, die ihr als die überlegene Entfaltung von Ver- ständnis für Dinge erschienen ist, aus denen sie sich im übrigen nichts machte, jetzt aber erfaßt sie ein Entsetzen bei dem Gedanken, in was er sich in seiner wissenschaftlichen Rück- sichtslosigkeit verwickelt haben kann. Sie empfindet sein Schweigen als das gefährliche Unbekannte, sie weist, daß sein Wesen jetzt in einer riesenhaften Selbstbeherrschung gebunden ist, und sie ahnt darunter alles, was Gefahr bringt. (Fortsetzung folgt.) Hus den Berliner Kunrtfalone. Von Ernst Schur. Ter Kunstsalon Schulte bringt nach der geschlossenen Dar- bietung der russischen Malerei, die einen dauernden l�ewinn be- deutete, eine reiche Auswahl von Bildern verschiedenster Künstler, unter denen man sich die besten herausfischen muß. Kollektiv tritt der Kunstverband Düsseldorf auf. Und man muß zugeben, daß sich hier so etwas wie neues Leben regt. Düsseldorf war in letzter Zeit schlecht beleumundet. Die gute Malerei hotte hier wenig Vertreter. Nun sehen wir hier Kräfte, die jeder sentimentalen Genremalerei, die nmii sonst in Düffeldorf zu finden gewohnt war. abhold sind, die kräftig drauf los malen und das Atalerische, und nicht den Inhalt in den Bordergrund rücken. Die gute alte Tradition erfährt dadurch eine wohltätige Modernisierung. Besonders tut sich Geich. Janssen hervor, der mit Franz Halsscher Verve seinen Pinsel handhabt. Breite Striche geben in zuckender Lebhaftigkeit den malerischen Eindruck. Dabei kann Janssen vorzüglich zeichnen. Die Impression hindert ihn nicht, gründlich zu sein. Der„Trinker", ein Farbengeschmetter in Braun und Grün, hat diese wuchtige Konzentration des Moments. Daneben entzücken ein paar feine, ganz kleine Bildchen, farbige Momcntbilder aus den Cafes, die in ihrem kühlen, grauen Ge- samtton eigen wirken, während im Bordergrund eine besondere Karbe, etwa ein auf dem Tisch liegender Hut in Rot, apart heraus- leuchtet. Man denkt bei diesen schnellen, farbigen Notizen an Menzel, weiterhin an die französischen Maler, denen diese Motive geläufig sind. Janssen ist ei» Temperainent, das ganz wegstrebt von der Konvetttion. Zarte Lyriker der Landschaft sind Ernst Hardt, Nikutowski, Liesegang. Jeder hat seine besondere Art: Rikutowski nimmt sich die Eifel als Stoff, deren braune und grüne Farben ihn reizen; Liesegang malt weiträumiges, freies Wiesen- gelände mit feiner Beobachtung der Atmosphäre; Hardts Domäne ist die knospende Frühlingslandschaft. Alle drei sind wirkliche Künstler, die der Natur mit Geduld ihre stillen Reize ablauschen. Als Gra« phiker ist S ch ö n n e n b e ck an erster Stelle zu nennen. Seine Lithographien find fabelhast malerisch, dabei von äusterster Vereinfachung in der Verwendung der Farbe und fimpel im Vorwurf. Ein schlafender Bauer auf der Bank, ein Zecher, ein Lesender, das genügt dem Maler. Das dunkle Blau der Schatten- töne in denen der Dargestellte erscheint, geht mit der gelbbraunen Tönung der Wand malerisch weich und doch kräftig zusammen. Auch Janssen hat temperamentvolle Blätter lithographiert, Liesegang stinimungsfcine kleine Landschaften. Im ganzen also: es find wieder Hoffnungen auf Düsseldorf zu setzen. Interessant ist fernerhin die Kollektivausstellung einer polnischen Gruppe. Viel Wollen, das noch nicht in die rechte Bahn gekommen ist. Der Symbolismus steht hier noch sehr in Blüte. Blasse Ge- sickiter, dekorative Gestaltungen, verzerrte Karikaturen, die die Wirklichkeit darstellen sollen. Man kann dabei an die Russen denken, deren Talent ruhiger, fichcrer ist. Man mutz diese Versuche, die vielen unreif erscheinen werden, als Vorstufen in der Entwickelung der polnischen Kunst ansehen. Es steckt hinter diesen Werken eine glühende Extase, ein zartes, lyrisches Empfinden, die in den rechten, künstlerischen Zwang erst eingedämmt noch stuchtbar sich auswirken können.— Roll, der sehr zu Unrecht einen grossen Saal zugebilligt er- hielt, ist ein ganz konventioneller Künstler. Den konservativen Kreisen wird damit eine Konzesfion gemacht. Nur eine gewisse, äusserliche Mache täuscht über die Hohlheit hinweg. Am besten find noch die kleinen Landschaften, die einen zarteren Reiz haben; in Nebel verhüllte Berge. Geradezu unausstehlich ist die Art, unter simple, ganz süsslich gen, alte Akte, die noch dazu verführerische Posen haben, Unterschriften zu setzen, wie etiva: Die Verlorenen oder der- gleichen. Dagegen zeigt sich W. T u ch als ein feiner, geschmackvoller Maler der märkischen Landschaft. Man spürt den Einfluss der französischen Maler, die die Uingebung von Paris malten; Monet vor allen,, Pisarro, Sisley. Aber Tuch hat Selbständigkeit und er spürt den eigenen Charakter dieser feinen Landschaft um Berlin heraus. Die blitzblaue breite Havel zwischen schmalen hellgrünen U'ern; weissgraue Segel aus mattblau schimmernder Wasserfläche; dämmernder Morgen an den Ufern der Seen, wo alles zart grau erscheint; Miitagsglut über dem gelben Sande; das alles sind Motive, in denen Tuch sich ehrlich müht. Zu den vielen L e n b a ch- Ausstellungen, die nach des Künstlers Tode arrangiert wurden, die das gesamte Lebenswerk in ermüdender Vollzähligkeit vorführten, gesellt der Kunstsalon G u r l i t t noch eine hinzu. Es ist nicht einzusehen, welche Idee ihn dabei lenkt. Gerade die Art Lenbachs ist uns so bekannt, daß unmöglich hierüber etwas Neues gesagt werden kann. Immer wieder sehen wir diese koketten Damen, diese bramarbasierenden Herren; immer wieder diese mit einem Raffinement arbeitende Technik, die uns gerade nichts gibt: Lenbach strebte aus-der ober- flächlichen Schöiimalerei heraus, er suchte den Charakter. Glatt und süsslich wollte er nicht sein. Indem er das aber tat, fehlte es ihm doch an Vielseitigkeit. Er sah die Menschen von einckm Punkte aus. Er selber war nicht reich genug. So zwang er die Modelle alle in eine Pose, die weiblichen in die kokettierende, die männlichen in die protzige. Auch was das Malen anlangt, hatte er ein Rezept. Braunsaucige Manier. Später kam er darüber nicht hinaus. Die moderne Malerei kam nach ihm. Darum suchte er auch im Malerischen durch Mätzchen zu blenden, durch Hinzu- fügen einiger schneller, momentaner Striche in Grün, Gelb und Rot. Lenbach dachte zu viel, er vv: zu wenig Maler. Er ist vielleicht geistreich, darum ist seine ,;>.chnerische Art am eigensten und besonders gilt das für die weiblichen Porträts. Aber z» dem Punkt, zu dem er hinstrebte, kam er wicht. Er stand sich selbst im Wege. Die Wogen der modernen Entwickelung gingen an ihm vorüber. Er steht abseits. Und nur in ganz wenigen Porträts erreicht er eine gewisse urwüchsige Kraft, die frei von Schema ist; breit hingestrichene Köpfe, Charakterschilderungen, einfach, un- geklügelt. Das sind seine besten machen. » Edward Münch kommt bei Cassirer in einer Kollektivausstellung zum Wort. Neues gibt er nicht. Man hat Gelegenheit, festzustellen, dass dieser eigernümliche Nordländer, der so zäh an seiner Art fest- hält und zugleich so rückhaltlos den Lehren der ftanzöfischen Malerei sich hingab, sehr eindrucksvolle Porträts malen kann, wie das von hellstem Grunde sich abhebende Bild des Grafen Kessler in Blau beweist. Barbarei und Raffinement, Kultur und Primitivität liegen bei ihm neben einander. Paris gibt dem Künstler den Mut zu sich selbst. Der Nordländer ist aber noch undifferenziert. Daher diese Mischung. Ein geheimer, nationaler Zuc; bringt den Künstler zum Dekorativen. Landschaften, Gruppen. Interieurs, überall zeigt fich dieses Streben, den Eindruck zu konzentrieren, die Farben zu unterstreichen. Man kann gewisse dekorative Tendenzen bei den jüngeren ftanzöfischen Malern als Parallele heranziehen. Manchmal gelingt eS Münch, einen fertigen Eindruck zu erzielen, wie auf einem dekorativen Gruppenbild mit Kindern. Dann wieder behilft er sich mit Versuchen, in denen er beweist, daß er ein ehrlich und kühn Ringender ist. LoniS C o r i n t h gefällt sich immer mehr in äußerlichen Extra- vaganzen. Im Technischen wird er zugleich trivialer, schematischer. Der Flitterstaat auf dem Bilde„Das Strumpfband" hat sogar etwas Süßliches in den Farben, gran, rosa, blau, was einem Kraftmeier, der Corinth sein will, schlecht ansteht. Corinth behelligt die Antike beharrlich, wohl weil Rubens es auch tat. Er setzt einen halbnackten Droschkenkutscher hin, der ein Beil in der Hand hält und stellt da- neben einen schlecht gen, alten weiblichen Akt in süßlich gedrehter Haltung und trivial schönem Gesicht und nennt das„Mars nnd Venus". Am besten und einfachsten kommt Corinths Art in dem „Fleischerladen" zum Ausdruck. Da schwelgt er in Rot. Ganz eigenartig sind die Aquarelle von Baum, in pointi- listischer spunltartiger) Manier gemalt. Landschaften, meist holländische. Von einer entzückenden Frische und Grazie. Die Motive ganz ein- fach. Ein Bach, eine Brücke, Häuschen. Oder eine Chaussee. Wiesen, Bäume. Alles ist apart gesehen und wirkt trotz der ausgeklügelten Technik einfach. In den weihen Rahmen sehen die kleinen Bilder sehr dekorativ aus. Die hellen Aquarelltupfen erregen das Gefühl von Licht, Lust, Sonne. Monticelli( j) malt in alter, braunsauciger Manier. Er versteht aber außerordentlich farbig zu wirken. Man könnte an Watteau denken, doch ist die Farbe trüber, schwerer, brauner. Nur die Szenen, Damen und Kavaliere im Park, erinnern an die Ver- !|angenheit. Diaz malte in Paris so mit prickelnden Farben, deren chillernde Nuancen sich malerisch und breit von dem braunsaucigen Grund abheben. Das Eigentümliche ist, man vergißt ganz die dar- gestellte Szene und freut sich nur an dem überaus maleriichen, leb- hasten Farbenspiel— rot, blau, grün, in dem jede feste Kontur fehlt und doch alles vollendet steht. In anderer Weise gestaltet Oppen- h e i m e r aus dem Spiegelsaal eines Schlosses oder dem Verkaufs- räume eines türkischen Bazars höchst malerische Interieurs von wundervoller Leuchtkraft der Farben. Ernst Kolbe ist ein Plastiker von herber Kraft. Er mäßigt sein Willen. Er ist jeder Phrase abhold. Die Form reizt ihn. Man denkt bei den gedrungenen Formen, den rauhen Flächen, den eigen- tümlich kurzen Profilen seiner Figuren an den stanzöfifchen Plastiker Maillol, zugleich bei einigen anderen, mehr stagmentarischen Skulpturen an Rodi», ein Beweis, daß Kolbe sich gute Lehrmeister aussucht. Seine Arbeiten haben alle eine wuchtige Intensität der Form, die anzeigt, daß Kolbe eine eigene Persönlichkeit ist. kleines Feuilleton. Ter Phraseubofist. Der Bofist ist eine unschuldige Pilzart. in seiner Jugend ist er sogar eßbar, trägt aber einen sehr üblen Namen, denn das niederländische bcmst(eigentlich boofist) heißt so viel wie Bubenfist, ein Gebläse, das sicherlich nicht angenehm riecht. Diesen Bofist habe ich schon in meiner Jugend gekannt und mich über ihn gewundert, wie er sich zur Reisezeit öffnete und seinen Sporenstaub weithin verstreute. Was aber ein Phrasenbofist ist, habe ich bisher nicht gewußt, und hätte es auch nie erfahren, wenn ich nicht von seinem Ent- decker, einem Herrn Eduard Engel, darüber belehrt worden wäre. Es ist der ungefüge, von Fremdwörtern wie ein Puffschioamnr aufgeblähte Satzbau des größten Teils der Schriftsteller, die für Arbeiterzeitungen schreiben; besonders derer, die als einfache Arbeiter beginnend die Feder in die Hand nehmen und die von ihnen be- wunderten, meist irgendwo auf dem Gymnasium geknickten sogen. Akademiker nachahmen. Natürlich gibt eS unter denen, die für Arbeiter schreiben, mich einige„wahrhaft hochgebildete" Schriftsteller, die sich von der kindi- schen Eitelkeit steigemacht haben, ihre Universitäts- oder Gymnasial- bildung in jedem geschriebenen Satz vorweisen zu wollen, meint Herr Engel. Die sind aber nicht gar häufig. Bleibt also im großen und ganzen Hack und Mack übrig, lauter Leute, die staubige Bofiste wachse» und platzen lassen. Nebenbei sei bemerkt, daß„wahrhaft hochgebildet" nach meiner Meinung auch ein Phrasenbofist ist, freilich nur ein ganz kleiner, lieblicher. Doch weiter I Herr Engel ist angeblich weit entfenlt davon, seine Vorwürfe gegen die Prefie einer besfimmten Parteirichtung zu schleudern. sondern er meint die Arbeiterpresse im allgemeinen. Nun stage ich aber einen Menschen, ob er irgendwie im Zweifel sein kann, welche Presse eigentlich gemeint ist. Doch vor allen Dingen die sozial- demokratische Partcipresse und die Gewerkschaftsprejse. die doch zum großen Teile auch sozialdemokratisch ist. Was gibt es außerdem noch für eine Arbeiterpresse von Bedeutung? Und so weist denn auch Engel gleich im Anfange seiner Betrachtung deutlich aus den verstorbenen Liebknecht hin, gibt einen Satz aus dem„Vorwärts" und einige Sätze aus der Geiverkschaftspresse und waltet als wahr» hast hochgebildeter Schriftsteller für die befferen Stände seines Amtes als Richter. Den Satz aus dem„Vorwärts" führe ich hier an, denn ich er- innere mich genau, ihn im vergangenen Sommer dort gelesen z» haben. Auch muß ich noch auf ihn zurückkommen, und daim muß der Leser ihn des Verständnisses halber kennen. Er lautet r„Sonst hatte fich ja der Conferencier(Vülow) des Zolltarifs keinen Gemein- platz entgehen lassen. Die Rechte posierte während der Rede wieder- holt steinerne Kälte." Gleich im Anfange seiner Bettachtimg wendet Herr Engel einen Kniff an, inden, er dieselbe Bofistsprache für die sogenannten befferen und gebildeten Stände ungefährlich findet, für die Arbeiter aber eine klare und einfache Ausdrucksweise in gediegenem Deutsch verlangt, da diese doch ihre Bildung nur aus der Zeitung schöpften. Alles recht schön und gut. Weshalb aber denn auf einmal die Teilnahme unseres Federhelden für die geliebten Arbeiter? Das verrät er am Ende seines anmaßlichen Geschreibsels, wo er als einer von den wachsamen schnatternden Gänserichen des Kapitals auf die furchtbare Polstische Gefahr hinweist, wenn eine nach Millionen(hui) zählende Leserwelt infolge der Unklarhest des Aus- drucks, die manchmal einer völligen Gedankenverschleierung und Ge- dankenverichleimung gleichkomme, in ihrer„inneren" Gesinnung ver- wirrt werde. In der inneren Ge innung glaube ich wieder einem jungen lieblichen Bofisten begegnet zu sein, werter Herr Engel, aber das schadet nickts, denn dadurch wird Ihre innere Gesinnung allen denkenden Menschen sofort klar. Es verrät sich der einsichtige und vorausschauende Politiker ohne Gedcmkenverschleimung. Zur Sache I Weiß denn Herr Engel nicht, oder will er es nicht wiffen, daß die Arbeiterpreffe vor allen Dingen eine Kampfpresse ist, die nicht nur von Belehrung suchenden Arbeitern in die mehr oder weniger schwieligen Hände genommen wird, sondern auch, wenn- gleicki mit Widerwillen oder Gruseln, von den Inhabern parfümierter Hände mit gebürsteten Nägeln angefaßt wird? Und kann es denn schaden, wenn zu ihnen in der ihnen eigenen Bofistsprache gesprochen wird? Hat er denn gar nicht begriffen, daß die Stelle' aus dem „Vorwärts", wo von dem Conforenzier Bülow die Rede ist, ihre Fassung nur deshalb bekonnnen hat, um diesen Herrn der Wichtigkest des Augenblicks gegenüber in seiner ganzen Seichtheit und Oberflächlichkeit erscheinen zu lassen? Er ist doch sonst ein so großer Schlaukopf, der über alles und jedes schreibt und es sogar für nötig befunden hat, ein« Literaturgeschichte zu verfassen. Weiß er ferner nicht, daß der Arbeiter seine Belehrung weit mehr aus den ihm so häufig gebotenen Reden»nd Borträgen in Volksversammlungen oder an Disputierabenden holt?- Auch davon, daß es eine ganze Menge klar und einfach geschriebener Bücher und Broschüren in der Parteiliteratur gibt, scheint er keine Kenntnis zu haben. Möge er sich doch einmal eine Arbeiterzeitung etwas ge« nauer ansehen und er wird finden, daß das. was den Arbeiter am meisten angeht, auch in einfacher und klarer Svrache geschrieben fft. Uebrigens stelle er fich selbst den Arbeiter mit schwieliger Hand, der die Arbeiterpreffe liest, ja nicht so dumm vor, jedenfalls ist er klüger als die Leser des„Lokal-Anzeigers" oder der.Morgenpost". Was ist denn nun Wahres an der ganzen Sache? Ist die Arbeiterpresse wirklich so schlecht, daß sie Millionen ihrer Leser ent- weder dem Jrrenhause zuführt oder zu einer alles verrungenierenden Maffe macht? Wenn Ihnen ein mitleidiges Lächeln als Antwort peinlich sein sollte, Herr Engel, will ich Sie lieber auf die allen Säbelrasselern ärgerliche Tatsache aufmerksam machen, daß die deutsche Arbeiterschaft bei diesen oder jenen Aistässen eine höchst unbequeme' Besonnenheit bewahrt hat.-? Außerdem gibt Herr Engel selbst zu, daß die Arbeiterpresse nicht wesentlich schlechter ist, als die der sogenamtten befferen oder gebildeten Stände, die also von ebenso vielen irgendwo geknickten Akademikern bedient wird, denn sonst wäre sie doch wesentlich besser. Und nun will ich Ihnen etwas sagen, Herr Engel, die Unebenheiten in der Preffe aller Gattungen rühren erstens von dem elenden deutschen Unterrichte auf unseren höheren Schulen her. Wenn eS Ihnen nicht bekannt ist, so ist es mir bekannt, daß jeder Latein- schüler für die deutsche Sprache verloren ist, wenn er sich nicht auf der Universität oder nach ihrem Besuche noch rechtzeitig besinnt, daß seine Mutter auch in einer Sprache zu ihm gesprochen hak, deren Beherrschung doch wohl eigentlich viel wichttger sein müßte, als das Richwerstehen der griechischen und lateinischen Schriftsteller. Man sollte es nicht für möglich halten, aber wahr ist es, daß man iu der Schlußprüsung unweigerlich raffelt, wenn man z. B. über die verschiedenen Konstrukttonen des lateinischen cum keine Rechenschaft geben kann, daß aber kein Gewicht daraufgelegt wird, also eine Frage danach gar nicht vorkommen kann, wie es sich mit dem deutschen Konjunktiv verhält. Und zweitens rühren die Unebenheiten von der schnellen und übereilten Herstellung einer jeden Tageszeitung her. Uebrig bleibt also nur die leidige Fremdwörtersrage, und hierin brauchen die Arbeiter nicht erst von Herrn Engel belehrt zu werden oder auf seinen Rat zu warten, denn diese Frage ist in ihren eigenen Reihen schon oft erörtert worden. Ich selbst gehöre zu denen, die da meinen, daß die Werbekraft der Arbeiterpreffe bedeutend stiege, wenn die ewigen Probleme. Phänomene und symptomatischen Be- deutungen verschwänden. Und auch hier wird allmählich die Ge- sundheit triumphieren, verlassen Sie sich darauf, Herr Engel. Ernst W r e d e. Theater. Kleines Theater.„Zu den Sternen", Drama in vier Asien von Leonid Andrejew. Andrejew, der Freund mid Gesinnungsgenosse Gorkis, der Dichter des„roten Lachens", der in Visionen von unvergleichlich packender Gewalt die Greuel des letzten Ruffenkrieges gebrandmarkt, gibt in seinem Drama, Ivie Gorki nr den„Feinden", Spiegelungen, seelische Reflexe der großen rnssffchen revolutionären Bewegung. In die stille Bergeinsamkeit eines astronomischen Observatoriums tönt von fern her dumpf und drohend das Grollen des Gewittersturms, angstvoll lauschen die Seelen hinaus, ob nicht endlich erlösend der Blitz herniederfahren und ein Flammen- meer entzünden wird, da? prasselnd die Zwangsfesten schmaibvoller Tyrannei verzehrt. Ein Sohn des Gelehrten, Kolja, die Freude und Hoffnung des Vaters, ist ausgezogen, mitznstteiten in den, Freiheitskampf. Um ihn vor allen bangt das Herz der Mutter. Der jüngere, ein blaffer nervöser 5rnabe, dessen weiche Seele krankhaft bei jedem fremden Leide mitzittert, sehnt sich, ihm zu folgen. Ein armer, russischer Jude, den, die Eltern von der wütenden Menge erschlagen sind, in der Glut seines leidenschaftlichen Mitempfindens der Natur dieses Knaben verwandt, und ein beschaulich tränmcrischer Russe, die Assistenten des Professors, verbringen ihre Tage unten im Wohnzimmer bei der Frau. Der lähmende Druck der Erwartung raubt ihnen jede Sammlung zur Arbeit. Die Gedanken pendeln fortwährend im gleichen Kreise hin und her. Dag ihr Meister auch in solcher Zeit die Blicke von der Erde nach dem Sternenhimmel richten, beobachten und rechnen kann, erscheint ihnen als Zeichen seelischer Verhärtung, die Wissenschaft, die unbekümmert um alle Menschennot ihr Denken auf das Ferne, Fremde wendet, als Abfall von der menschlichen Bestimmung. Die Nachrichten, mit denen der verwundete Werchowzew, der Schwiegersohn des Ge- lehrten von seinem Streifzug heiinkehrt, lassen das schlinimste be- fürchten. Sein Begleiter Treilsch, ein Arbeiter, in dem Andrejew wundervoll die unerschütterliche Lebenskrast, das ruhige Selbst- vertrauen des revolutionären Proletariats verkörpert, hat an der Seite Koljas mitgefochten in einer verlorenen Barrikaden- schlacht. Der Jüngling fiel den anstürmenden Soldaten in die Hände. Alles belltet darauf hin, daß die Reaktion zn neuen, immer schwereren Schlägen wider ihre Gegner ausholt. Die tiefe Depression durchbricht im zweiten Akte ein Hoffnungs- strahl. Marußja, Koljaö fröhlich-tapfere Braut erscheint, und ihre feste Zuversicht, es werde ihr gelingen, den Geliebten aus dem Ge- fängnis zu befreien, reißt auch die anderen mit sich fort. Jeder steuert an Geld, lvas er vermag, zur Ausführung des Planes bei. Prächtig ist cS, wie in dem anfangs noch müde hin und wieder schleichenden Gespräche der Tatmensch Treitfch seine Stimme erhebt und dem Erkenntnisideal des Gelehrten den Glauben an die Welt um- gestaltende Macht menschlichen Handelns gegenüberstellt. Siegreich in kühnem Vorwärtsschreiten wird die tätige Kraft jedes Hnnmende in der Gesellschaft wie in der Natur überwinden. Zu kühnstem Bilderschwung erhebt sich seine Sprache: Wenn die Erde auseinander- klafft, wird der Mensch sie ausfüllen, wenn der Sonnenball erlischt, sich einen neuen schaffen. Ein HymnuS auf die Gattung, in dem Sehnsucht und Stolz der zum Bewußtsein ihrer Menschenart und Menschenwürde erwachten Unterdrückten triumphierend hervorbricht. In diese Szene, die - tontrastterend das Gegenstück zum letzten Aufzug bildet, gipfelte der Akt. Der dritte wiederholt, nur in noch schwärzeren Farben, das Gemälde der Depression, mit dem die Dichtung anhob. Die Einsam« keit verdoppelt die Pein der Harrenden, treibt den schwächlichen Knaben und Lump, den Juden, an die Grenzen des Wahnsinns. Da? Schlußbild zeigt den Forscher auf seiner Warte unterm Sternenhimmel. Im Anschauen dieses Ewigen klingen die Töne des JammerS nur leise und gebrochen an sein Ohr, empfindet er die Dissonanzen des Endlichen als etwa? flüchtig Wesenloses, das sich auflöst in den Harmonien des unendlichen Weltalls. Ein Pantheismus, der an Giordano Brunos feurige Begeisterung geinahnt, läßt ihn in den Millionen kreisender Ge- slirne belebte, brüderliche Wesen sehen, unterworfen dem Geist all« herrschender Vernunft, der in dem Menschen erkennendes Bewußtsein geworden. Er grüßt in ihnen den„unbekannten Freund". Und fein in unennestene Fernen schweifender Glaube gibt ihm die gleiche Kraft, das Schiverste zu ertragen, die Treitfch aus seiner Menschheitshoffnung schöpft. Weinend bringt die Marußja Kunde, daß KoljaS, deö Geretteten lichtes Geniüt dunkler unheilbarer Umnachtung anheimgefallen, furchtbar trifft ihn der Schlag, aber im Ausblick zn den Sternen löst sich der Krampf in stille Wehnrut. Ist es nicht MenschenloS, hundert- und tausendfältig sich Ivieder- holend, das seinen Sohn betroffen? Lebt nicht ein jeder unter dem Verhängnis? Der Duft von KoljaS Seele wird in denen, die ihn kannten, nicht verwehen, und es werden andere geboren werden, so rein und edel an Gemüt als er. Zerstörung und Er- Neuerung der Erscheinungen, das ist da? ewige Gesetz des Welt- gefüges i aus der denkenden Betrachtung dieses erhabenen Ganzen quilll ihm der Trost für alle Schmerzen. Reicher wirkte tief und weihevoll in dieser Szene. Auch im übrigen war die Aufftihrung. von einigen Partien des zweiten Aktes abgesehen, in welcher die Figur Marußjas nicht voll heransttat, ftimmungsreich und fein in der Nuancen abgetönt. Indessen die Zerfaserung der Handlung in lauter Gefühle und Reflexionen, die breite Ausmalung ließ eine Spannung, wie die dramatische Form sie erheischt, nicht aufkommen. dt. Technisches. 11 eher die Fernübertragung von Photographien. Seit man im Telephon ein Instrument besitzt, das die Umsetzung von Schallschwingungen in magnetische und elektrische Energie er- uiöglicht, die ihrerseits, in die Ferne geleitet, ihre Rückvcrwandlung in tönende Luftwcllcn gestattet, sind immer wieder Versuche ge- macht worden, ähnliche Vorrichtungen ausfindig zu machen, welche Lichtcffekte in die Ferne zu übertragen vermögen. Besonders seit der Entdeckung der Eigenschaften des Selens, durch Bestrablung seinen hohen elektrischen Widerstand zu verringern, sind mit diesem Körper mannigfache Versuche der eben erwähnten Art ausgeführt resp. fortgesetzt worden. Und in der Tat besitzen wir eine Reihe von Verfahren, welche die Uebertragung von Lichtwirkungen er- möglichen sollen, jedoch in die Praxis eingeführt ist keine von allen. So einfach es nach der oben erwähnten Eigenschaft des Selens er- scheint, �cinen Sendeapparat mit seiner Hülfe zu konstruieren, so große Schwierigkeiten verursacht es, eine praktische, brauchbare Empflrngsvorrichtung zu enttoerfen. welche die Aufgabe hat, mit Hülfe der aus der Ferne herkommenden Stromändcrungen die Lichteffckte wiederzugeben, die jene Schwankungen des Stromes erzeugt haben. Hierher gehört auch die Fernphotographie von Bildern, welche die Fachwelt bereits'seit vielen Jahren beschäftigt. Einen wcscnt« lichen Fortschritt auf diesem Gebiete hat der Münchener Professor Dr. Artur Korn bei seinen Versuchen, deren Anordnung eine ver- hältnismäßig einfache ist, erzielt, sodaß es nicht ausgeschlossen ist, daß demselben bei Fortsetzung seiner Experimente doch noch die Lösung des Problems der Fernübcrtragung von Photographien, Zeichnungen usw. gelingen dürfte. Bereits vor zirka zwei Jahren trat Professor Dr. Korn mit den bei seinen Versuchen erzielten Resultaten an die Oeffentlichkeit und wurde seine Methode in der Fachpresse damals allgemein günstig beurteilt. Jetzt bringt der. „Elektrotechnische Anzeiger" in einer der letzten Nummern einen eingehenden Bericht über wesentliche Verbesserungen des Kornschen Systems, von welchem wir im Nachstehenden nur einige An- deutungen bringen wollen. Um dem Laien einen oberflächlichen Begriff einer derartigen Vorrichtung zu geben, sei zunächst das Prinzip, welches der bereits erwähnten ersten, jetzt aber verbesserten Anordnung zugrunde lag, mitgeteilt. Zwei Walzen, je eine auf der Sende- und Empfangs- station, laufen synchron(sind gleichlaufend). Auf der ersteren, einer gläsernen Hohlwalze, befindet sich das in die Ferne zu über- tragende Bild in Form eines durchscheinenden Films(Negativs oder Positivs), auf der zweiten, einer Hartgummiwalze, ein licht- empfindliches Film. Durch den ersten Film dringt ein feiner Licht- strahl und fällt auf eine Selenzelle, die mit einer Sammlerbatterie, der Fernleitung und den Apparaten der Empfangsstation zu einem Stromkreis vereinigt ist. Je mehr oder weniger Licht von dem Bilde durchgelassen wird, desto mehr oder weniger vermindert sich der Widerstand der Selenzelle. Diesen Widerstandsvcränderungen entsprechend erhöht sich der Linicnstrom mehr oder weniger und dreht dementsprechend einen auf der Empfangsstation befindlichen Stromzeiger. Dieser seinerseits schaltet in den Lokalstromkreis einer luftverdünnten Röhre lsog. Geißlersche Röhre) mehr oder weniger Widerfftand ein, so daß diese bald dunkler, bald heller leuchtet. Ein feiner von dieser Röhre ausgehender Lichtstrahl fällt auf den Film der Empfängerwalze und schwärzt diesen entsprechend der Schwärzung des Films auf der Sendestation. Da sich beide Walzen synchron drehen, und sich den Lichtstrahlen gegenüber nach Art der Phonogrvphcnwalzen in der Achsenrichtung allmählich verschieben, so wird das Bild der Scndestation als Schraubenlinien von geringer Ganghöhe praktisch genau wiedergegeben. Den unter Verwendung der Gcißlerschcn Röhre erzielten Bildern haftete aber noch eine merkliche Verschwommenheit an. Um für die Bildtönung im Empfänger ein möglichst beständiges Licht zu erhalten, wurde bei dem verbesserten Apparat als Quelle eine Nernstlampe gewählt. Die Aufhebung der Trägheitsfchler der einen Selenzelle wurde durch Einiübrung einer zweiten Selen- zelle erzielt. Zur Vermittelung des Bildes wird der Spiegel eine» Galvanometers benutzt. Die technische Ausführung ist übrigens im wesentlichen dieselbe geblieben. Die dem Text des oben er- wähnten Aufsatzes beigefügten Photographien lassen eine große Vervollkommnung des neuen Verfahrens gegenüber dem alten er- kennen. Professor Korn hatte am 1. Februar d. I. in Paris Gelegen- heit, das Wesen seines Systemes sowie die bis jetzt erzielten Re- sultate zu erläutern und fand allgemeinen Beifall.— Astronomisches. Die Lebensdauer der Sonne. Unter der Voraus- setzung, daß in der Natur alles der Veränderung unterworfen ist, hat die Wissenschaft sich auch mit dem Gedanken beschäftigt, die Wärme der Sonne könnte nicht ewig sein. Nach einer Unter- suchung, die Professor See in den„Astronomischen Nachrichten" ver- öffentlicht, ist die sogenannte spezifische Wärme der Sonne be- trächtlichen Schwankungen unterworfen. Nach den bisherigen Er- Mittelungen kann sie im Durchschnitt zwischen den Beträgen 0,5 und 6,8 liegen. Den Höchstwert würde sie erreichen, wenn alle auf ihr vorhandenen Elemente so einfach wären wie der Wässerstoff. Wärme und Licht der Sonne werden von ihrem Innern lediglich durch Strahlung abgegeben. Die Gase in ihrem Innern sind in hohem Grade transparent, aber auf der Photosphäre der Sonne können gewisse Elemente, wie der Kohlenstoff, zur Bildung von Wolken Veranlassung geben, die für Licht nicht durchlässig sind. Wenn man die Dichte der Sonnenobcrfläche in Betracht zieht, so würde der Wärmevorrat der Sonne zur Aufrechterhalwng ihrer jetzigen Temperatur wenigstens 16 Millionen Jahre ausreichen. Nimmt man aber außerdem an, daß sich die Sonne allmählich zu- sammenzieht und dadurch einen Teil der ausgestrahlten Hitze wieder ersetzt, so würde unser Muttergestirn seine heutige Tem- peratur ettva.36 Millionen Jahre beibehalten können. Die Tem- peratur der Erde ist nach der Meinung von See auch während der Urzeit, als unser Planet noch keine feste Kruste besaß, wahrschein- lich nie so hoch gewesen, daß die Erde einen selbstleuchtenden Stern darstellte. Für die größeren Planeten wird die Ober- flächentcmperatur zwischen 300 und 800 Grad geschätzt, so daß auch bei ihnen ein Sclbstleuchten ausgeschlossen erscheint. Merkwürdig ist die Ansicht des Gelehrten, daß die großen Planeten sich jetzt nicht weiter abkühlen, sondern sogar immer heißer werden.— sp-T'-poetl. Redakteur: Hau» Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrlagsaustalt Paul Singer LrCo..Berlin L Vk.