Nnterhaltungsvlatt des Worwüns Nr. 27. Donnerstag, den 7. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 27] JMadamc cTOra. Noman von Johannes V. Jensen. Die Unterredung mit Evanston. an die Madame d'Ora kaum zu denken wagt, die sie hm keinen Preis erwähnen darf, schürt ihre Angst und Unruhe, die UnHeimlichkeit der Sitzung verwirrt sie, alles steigert sich zu einem Gefühl drohender Gefahr, unaufhaltsam näher rückender Häßlichkeit. Sie hat nur einen einzigen Wunsch, und den empfindet sie jetzt als bittere, physische Qual, sie will-helfen, sie will retten, und sie kann nicht! Er will sich nicht helfen lassen, er hat sich verschlossen. So findet sie endlich instinktmäßig einen Ausweg, so wie in alten �Zeiten, wenn Edmund sich hinlegte und sie glaubte, daß er ihr unter den Händen sterben würde. Sie fühlt, daß sie ruhig werden muß, sie muß ihn einzig und allein durch ihre Nähe, durch ihren Glauben heilen. Und sie seufzt, zwingt alle ängstlichen Gedanken zurück, sie sammelt sich, faßt sich, atmet regelmäßig und ruhig. Jetzt erst merkt sie, in welcher Spannung sie sich befunden lmt, sie wird so iniide, so müde. Aber sie faßt sich immer mehr und mehr. Sie weint einen Augenblick, dann fängt ihr Herz an, Wärme zu verbreiten. Sie sitzt still, sie wacht getreulich. Der Raum draußen vor den Fenstern ist tiefblau. Unten rast der I�-Zug vorüber, macht das Haus erzittern. Edmund Hall schläft, die Spannung hat nachgelassen, er ruht. Madame d'Ora sitzt.da und sieht seine Augen an, die im Schlaf nicht ganz geschlossen sind. Die Augäpfel zittern und schimmern unter den Lidern wie geschmolzenes Blei. Hin und wieder spricht er im Schlaf, schmerzlich und liebevoll, und sie hört ihn nach Eld rufen. „Eld," flüstert er mit einem freudetrunkenen Klang, den sie kennt, ach, den sie vor zehn Jahren gekannt hat. Und sie sieht sich verwundert und ungeduldig um in dem großen Laboratorium, das in cinein-schwachen Lichtschein von den erleuchteten Häusern draußen und von dem des Mondes da- liegt. Das Kabinett ragt schwarz auf, mit hangenden Draperien wie eine Bahre. Die Maschinen und die chemischen Apparate erscheinen in dem großen Raum wie sonderbar verrenkte und schmcrzgekrümmte Gegenstände. „Elly", stöhnte Hall kalt und heftig im Schlaf.„Elly!" Madame d'Ora lc;gt ihre Jgand auf seine schwcißperlende Stirn: er zittert, er bebt im Schlaf. 12. Es vergingeil ein paar Wochen, und die Wärme, die so lange der ruhelosen Stadt den Charakter einer Foltcrstätte verliehen hatte, fing an nachzulassen. Die Listen von denen, die umsanken und am Sonnenstich starben, nahmen ab. Aber noch immer schnurrten die elektrischen Fächer in allen Kon- toren und Eaftss. Regen fiel nicht iibcr der versengten, pulverisierten Stadt, deren harte Umrisse nur von dem Dampf und dem elektrischen Rauch gemildert wurden, den sie selber entwickelte, oder von dem Aschenncbel, den ein Waldbrand landeinwärts erzeugte. An einem solchen klaren, unbarmherzigen Tag, als die Sonne von einem wolkenlosen Himmel auf die Riesenstadt herabslammte, die entblößt ihren Strahlen preisgegeben war, kam Leontine d'Ora zu Hall, um ihm lächelnd ihr weißes Haar zu zeigen. Er erkannte ihr Pochen, aber als er öffnete, wich er zurück, starr vor Schrecken. Da draußen stand eine ältere Dame, eine große und stattliche Frau mit schönen Gesichts- zügen und Augen wie Sterne. Es war Leontine. Sie lächelte ruhig und trat ein. Mitten im Sonnenschein stehend, nahm sie ihren Hut ab, er war von entsagendem Umfang und mit violeten Blumen, sie Nickte— ihr dichtes Haar war weißt „Ja, ich bin es," sagte sie, und selbst in ihrer tiefen Stimme lag etwas Alterndes, etwas nicht mehr Lächelndes: aber da sie so traurig und bewegt war, klangen ihr Worte schöner als Bogelgcsang im Walde.„Ich Hab' mich ergeben, Edmund!" Sie ließ die Arme an den Seiten herabhängen und ließ ihm Zeit zu sehen, wie alt und grau sie war. Sie hatte die Farbe aus ihrem Haar entfernt, aus ihrer rotblonden Mähne, und es in einer schwermütigen Koketterie noch weißer ge- pudert, als es in Wirklichkeit war. Die Schminke, die in all den letzten Jahren stets ihr Gesicht und ihren Hals bedeckte, war verschwunden, so daß man die Haut in ihrem ganzen zerstörten Elend sah, wie einen verkohlten Bauplatz. Sie erhob lächelnd ihre eine Hand und zeigte selbst auf die groben Flecke unter den Ohren, sie blinzelte mit schweren, kaffee- braunen Lidern, die unter dem pulverblauen Schatten der tiefen Branen lagen. Ihr Lächeln enthüllte eine große Lücke in der einen Seite der Zahnreihe, die Lippen waren bleich und glanzlos. Sie stand da in einem einfachen, schwarzen Kleide, das von einem Gürtel um die reife Gestalt gehalten war. Allen Schmuck hatte sie abgelegt, sie trug weder Schlangen in den Ohren noch Brillanten an der Kehle, und an ihren großen, weißen Händen blitzte nicht ein einziger Ring. Nichts, was strahlte, nichts was Licht fing und schimmerte. Sie sah gleichsam kleiner aus. Aber das strenge Kleid verlieb dem üppigen Körper einen Ernst und eine Sanimlung, die fast mehr blendeten als die früheren ver wegenen Toiletten, und das Weiße, wilde Haar bildete einen mystischen Glorienschein um den Ausdruck von Schmerz und Ruhe im Gesicht. Der. Mund war noch verzweifelt und schön, und. die Augen brannten wie früher von Edelmut und Leiden- schaft. Sie war kühner denn je. Sie sah, wie Hall sprachlos von dunkler Reue und Staunen dastand, und da hob sie die Brust und lächelte, glücklich im Gefühl neuer Demut und neuer.Kraft. „Als ich heute morgen erwachte, Edmund, konnte ich nicht mehr," sagte sie und lachte, es lag eine unaussprechliche Wärme in ihrer Stimme. „Ich konnte nicht mehr. Die Wiederholimgen der Jahre bedrückten mich, ich wurde mir selbst unmöglich. Ach, es ist ja gerade dieser ewig sich wiederholende Kampf, die Jugend zu bewahren, der uns alt macht. Ich bin nicht müde, Edmund, aber mein Gott, was habe ich mich nun seit tausend Jahren gelangwcilt. Und dann heute morgen war da so etwas Sonderbares und Schönes beim Erwachen, ich weiß nicht, ob ich geträumt hatte, oder ob ich fühlte, daß es mein Todestag war... ich war heute morgen so wunderbar fröhlich und klug. Ich badete im Meer, ich fuhr hinaus und tauchte in dem erwachenden Tage unter. Da war eine große, griinc Welle, die dnhcrgebraust kam und mich halb tot küßte. — Ah!... Ich sang ein Lied da draußen ganz allein. Und da habe ich resigniert. Jetzt wollen wir alt sein, interessant und tief. Ich bestellte mir Ralph zum Frühstück, und der lange, schöne Junge verstummte genau so wie Du. Er wandte sich ab, ich glaube, er zerdrückte eine Träne. Er kommt übrigens in einer Stunde hierher, um Eld zu sehen, Du hast mir ja erlaubt, ihn heute zu der Sitzung mitzubringen. Er raucht nicht und trinkt auch nicht, das Wurm. Er hat um mich angehalten, Edmund, Ralph hat um mich angehalten." „Wirklich?" sagte Hall zerstreut und ganz ohne Interesse fiir das, was in dieser Mitteilung lag: rr sah indessen Leon- tinc aufrichtig an, als ob er sich unter allen Umständen freuen würde, wenn es ihr gut ergehe. Tränen traten ihr in die Augen, aber.sie verbarg es... „Aber ich mußte nein sagen. Weißt Du, aus welchem lächerlichem Grunde er mich liebt? Er sagt, weil ich eine „Vergangenheit" habe, ist es nicht allerliebst? Daß ich genau doppelt so alt bin wie er, das macht gar nichts, gerade nach meinem Alter, nach den Urzeiten in mir, sehnt sich der galante junge Dichter. Er hat Verwendung dafür für sein Amerika, denn Amerika entbehrt der Vergangenheit. Ralph hat nichts weiter als die Eiszeiten und dann natürlich die Indianer und die viel zu frischen Mythen der Emigrantcnzeit, in die er sein Haupt hüllen kann, wenn der amerikanische Tag ihn verletzt. Er liebt es, vor den Klippen draußen im Zentralpark, die von dem Gletscher einer ungeheuer fernen Vergangenheit gefurcht sind, in Nachdenken zu verfallen,— als wenn man nicht in jeden beliebigen Stein Ritzen mit einem Hammer machen könnte. Aber, siehst Du, er behauptet, ich sei für ihn das personifizierte Europa, er sagt, ich trage die Kultur all der alten Reiche, ihren Lenz, ihren Sommer vnd ihren Herbst, in meinem Herzen, er stellt tiefsinnige Dinge über die alten Griechen und über Paris und Skan- dinavien zusammen, und spricht mit Verachtung von der glühenden Blüte des Verfalls und der Schande, er belehrt mich über die rote Mystik des Kölner Domes, und über die Brücken, die über die Themse führen, über Shakespeare... und wenn er mir das alles erzählt, sieht er mich mit feinen gefunden blauen Augen wie ein Gläubiger an. Er kann auf amüsante Dinge verfallen, auf genan so ein dummes und bezauberndes Rebus, wie die. mit denen Du, lieber Edmund, mich in früheren Zeiten lähmtest. Wie schön er heute sprach, nachdem sein Kummer, mich als Ruine zu sehen, sich gelegt hatte. Er konnte ja sofort den Beweis dafür finden, daß er mich gerade so liebte— mit der Schlacht bei Teres de la Frontera auf meiner Stirn und mit Brunhildcns Mund- Winkel und mit dem Uebergang über die Beresina in meiner Seele... kurz, der unschuldige junge Mann wünscht mich als das erste teuere Stück in seiner Sammlung. Aber er hat recht, er hat recht, und ich hätte ihn ja gerade verstanden, solange er mich ansah, wenn ich nicht von meinen Jahren isoliert worden wäre.. Leontines Stimme hatte einen dunklen, sturmvollen Klang angenommen, aber jetzt schwieg sie. Sie saßen jeder auf seiner Seite des Tisches an dem Eckfenster, unter sich die Stadt in Danipf und brennender Sonnenglut. Hall umfaßte das Kinn nnt der Hand, den Blick nach innen gekehrt. Leon- tines Augen hingen an ihm, ihre Züge beruhigten sich und Wurden rund, sie umfaßte seine Kopf mit einem Blick, der groß �war von trostlosem Sehnen und von Angst. Sie verbarg ihm zwei Geheimnisse, die sie schreckten, sobald sie schwieg. Aber als Hall aufsah, von ihrem Schweigen aufgeweckt, erstarb der Ausdruck in ihrem Gesicht. und sie begegnete seinem Blick, ohne daß er etwas verstand. Seit Lcontine nach New Aork zurückkehrte, hatte sich ein Ab- stand zwischen ihnen gebildet, der nicht mehr überschritten wurde. Leontines Lippen bewegten sich, ohne daß sie es wußte, und wenn Hall sie beobachtet hätte, würde er den Eindruck empfangen haben, daß sie verzweifelt war— sie hatte so lühend an einen Namen gedacht, daß er sich auf ihren Lippe» ildete. Es war Evanstons Name. Leontine hatte in aller Frühe heute morgen einen schriftlichen Befehl vom selbigen Tage von Evanston erhalten, daß sie sich zu einer einsamen Abendmahlzeit in seiner Privatwohnung einfinden solle. Di? Einladung war von besorgten Anspielungen auf Edmund Halls persönliche Sicherheit begleitet... „Ich soll um neun Uhr dort sein," sagte sie mechanisch, „er schreibt, ich soll um neun da sein, sonst.. Sie wurde grau wie Eis, und der Mund trat gelähmt im Gesicht vor. Äeden mußte sie, und es war ihr unmöglich nicht das zu umkreisen, was durch seine Widerlichkeit nahe daran war, sie zu ersticken. Nervös rief sie aus: lFortsetzmig folgt.) (Nalydruit verboten.) �ftrononrifcke Rundfchau« In der Welt der großen Planeten, die sich jetzt fast alle in für ihre Beobachtung günstigen Stellungen befinden, haben sich in der letzten Zeit einige wieder besonders interessant gemacht. Vor allem der Riese unter ihnen: Jupiter. Er geht erst in den Morgen- stunden im Nordwesten unter und ist Anfang Februar 12, Ende noch S'/i Stunden lang sichtbar. Er ist als hellster Stern unseres Rachthimmels, in ruhigem gelblichen Lichte glänzend, leicht oberhalb des Orion aufzufinden. Es löhnt sich, den Planeten einmal auf- merksain im Fernrohr zu betrachten; Berlin bietet dazu sowohl in der alten Urania wie in Treptow gute Gelegenheit. Ter wegen seiner schnellen Umdrehung um seine Achse stark abgeplattete Planet erscheint von zwei dunklen, breiten, ivolkenartigcn Streifen quer durchzogen, die jedem Beobachter sofort auffallen. Seit einigen Jahren war der nördliche Streifen bis fast zur Unsichtbar- keit verblaßt. Im Laufe des vergangenen Sommers hat er sich nun wieder neu gebildet und ist sogar breiter und stellenweise dunkler als das südliche Band. Das paßt zu den Beobachtungen von Köhl, daß zu Zeiten vieler Sonnenslecken nur der südliche Streifen deutlich hervortritt.— Ter im August 1L7S auf der Jupiterobcrfläche erschienene rötlich schimmernde elliptisch be- grenzte Fleck, dessen Ausdehnung mehr Gebiet einnimmt als Europa, konnte zu Zeiten intensiver Färbung auch in kleineren Fernrohren sehr deutlich bemerkt werde». Bon Jahr zu Jahr ist er aber mehr abgeblaßt und jetzt kaum noch zu erkennen.— Im ganzen scheint a�f das Aussehen Juv-te?»(wie auch auf viele andere Erscheinungen) die Sonnentäiigkvit von beherrschendem Einflüsse zu sein. So hat Hansky, der umfangreiche Arbeiten auch auf dem Mont Blaue ausgeführt hat, nachgewiesen, daß die Hellig- keit Jupiters am größten ist, wenn die Sonnentätigkcit, die sich in dem Erscheinen zahlreicher und großer Flecken und Fackeln auf der Sonncnoberfläche und von Protuberanzen am Sonnenrande kund- gilbt, am stärksten ist und umgekehrt. Im ganzen ist nach Hanskys Beobachtungen die Farbe Jupiters von 1898 bis 1904 von gelb in weiß übergegangen, entsprechend der zunehmenden Sonnenslecken- iätigkcit. Die Pole des Planeten sind heller geworden, und die Nebelbildung hat zugenommen. Aber nicht nur Jupiter selbst, sondern auch sein« Trabanten sind beeinflußt worden. Der Astronom Dr. Guthnick hat mit dem Photometer(Vorrichtung zur Bestimmung der Helligkeit eines lichtau�strablendcn Körpers) Helligkeitsbestimmungen der Jupiter- moude vorgenommen und dabei erhebliche Helligkeitsschwankungen festgestellt, die bisher nur aus einer Annahme spiegelnder Flächen erklärt werden können, etwa durch die Anwesenheit von Wasser, wofür die Verhältnisse der Jupitermonde ganz günstig sein können. Uebrigens hat Herr Sola in Barcelona am dritten(größten) Jupitermonde, der mit seinen 5790 Kilometer Durchmesser größer ist als der Planet Merkur, einen weißen glänzenden Fleck am Nordpole bemerkt. Dieser soll wie der Polarfleck des Mars von einem tiefdunklen Saume umgeben sein, wie überhaupt dieser Mond ein verkleinertes Abbild des Mars darstelle. Auch die Venus, die ZKitte Februar 2, am Ende gegen l?� �tiiiAcn als Morgenstern sichtbar ist, hat in letzter Zeit wieder von sich reden gemacht. Im Annuaire du Bureau des Longitudes sind die Werte für den Aequator- und den Polardurchmesser dieses Planeten zusammengestellt, die teils direkt, teils auf photographi- schcn Aufnahmen gelegentlich des Vcnusdurchgangcs von 1882 auf französischen Stationen gemessen worden find. Dabei ergibt sieh der Polardurchmesser stets erheblich kleiner, d. h. es ist eine wcscnt- liche Abplattung an den Polen vorhanden. Die dort gegebenen Werte sind wahrscheinlich etwas zu groß; ist aber die Abplattung auch nur annähernd so groß, dann deutet das auf eine rasche Rotation des Planeten um seine Achse hin, auch dann, wenn die Ausbauchung am Aequator von einem Wolkengürtel herrührt. Nun hat aber der berühmte italienische Astronom Schiaparelli schon vor länsp:rer Zeit im Gegensatz zu älteren Ansichten auf Grund seiner eigenen Beobachtungen den Schluß gezogen, daß die Achsen- drehung der Venus wie auch des Merkur eine sehr Langsame sei und augenscheinlich ihren Umlaufszeiten um die Sonne gleich- komme,— wie das auch bei unserem Monde in bczug auf tne Erde der Fall ist. Dagegen wurden gewichtige Bedenken laut und es war nötig, sich auf eine andere Weise an die Lösung dieser Auf- gäbe zu machen. Hierzu bot sich die spcktroskopische Methode dar, die Slipher auf der Lowell-Sternwarte in Flagstafs(Kolorado- Plateau in Arizona, Vereinigte Staaten) anwandte. Sie beruht darauf, daß ein spektroskopisches Spaltbild des Venusäquators so- genannte Linienverschiebungen hervorbringt. Bei einer Um- drehungszcit der Venus von 24 Stunden müßte ein am Endpunkt ihres Aequators gelegener Ort seinen Abstmid von der Erde um 450 Meter in der Sekunde verändern. Aus Sliphers Beobach- tungen wurde diese Acnderung aber nur gleich 5 Meter gesunden, also 90mal kleiner als jene Annahme zur Voraussetzung hat. Hier- nach ist also eine kurze Dauer der Venusrotation vollkommen aus- geschlossen, und wenn man in Betracht zieht, daß die bei der an- gewandten Methode erreichte Genauigkeit innerhalb der ziemlich weiten Grenzen von 8 Meter liegt, so ist selbst die Annahme, daß die Dauer der Umdrehung den Betrag von 225 Tagen erreicht, mit dem gewonnenen Ergebnis nicht unvereinbar. Auf die Konsequenzen davon hat Professor Berbcrich in Berlin schon im Jahre 1898 hingewiesen. Kehrt nämlich die Venus der Sonne immer dieselbe Seite zu. wie Schiaparelli behauptet, so müssen alle Meere und alle Feuchtigkeit des Planeten auf der der Sonne stets abgewandtcn Seite, der Nachtseite des Planeten, zu ewigem Schnee und Eis erstarrt sein. Tie Venusbeobachtungen widersprechen aber dieser Folgerung und damit jener Annähmet Die nun schon seit fast zivei Jahrhunderten schwebende Frage ist also noch immer nicht erledigt. Bon der Mitte des Februar ab ist auch der Merkur vor Sonnenuntergang im Westen sichtbar, am Ende des Monats bis zu Stunden. Ter Planet kommt jedesmal nach IIS Tagen in ungefähr dieselbe Lag« zur Sonne, der er aber stets so nahe steht. daß er nur aus acht bis zehn Tage aus der alles überstrahlenden Lichtflut der Sonne heraustritt. Im Jahr macht das im ganzen ungefähr 15 Stunden I Ist während dieser Zeit der Himmel klar, So kann man dieses flüchtigen Gestirnes habhaft werden, das die Ilten wegen seiner Schnellsüßigkcit und Flüchtigkeit mit dem Queck- filber verglichen. Von den anderen Planeten ist noch zu erwähnen, daß der rot flimmernde Mars noch fast 4 Stunden lang des Morgens sichtbar ist. Der Saturn, merkwürdig durch die ihn frei um- schwebenden, aus lauter kleinen festen Einzelkörperchen bestehen- den, leuchtenden großen Ringe, schließt diese immer mehr. Während man noch vor wenigen Jahren so schräg auf die Ringe sah, daß man durch die Oeffnung zwischen ihnen und der Saturnkugel hindurchsehen konnte, haben sich die Erde und die Sawrnkugcl so gegeneinander verstellt, daß wir jetzt fast auf die schmale Kaute blicken und der Planet uns den Anblick eines durchstrichencn Notenkopses gewährt. Wcr Gelegenheit hat, ein großes Fernrohr benutzen zu können, der sollte nicht versäumen, sich bie Wundevbaren Sternhaufen im Herkules» Perseus usw. sowie die merkwürdigen Nebel im Orion, in der Leier anzusehen; gerade sie spielen heute wieder in der Forschung eine wichtige Rolle.—. FL. Ktdnee Feuilleton. Kunst. — Rem brau dt im Volke.„Het Officielle Kunst- Nederland en De Nationale Eembrandt-Hulde" ist der Titel einer bei Beek u. Co. in Amsterdam erschienenen Broschüre, in der I. W. Gerhard über die Tätigkeit des Komitees für nationale Rembrandt-Huldigung und über deren Erfolg berichtet. Dieses Komitee stand von Anfang an in einem gewissen Gegensatz zu der „offiziellen" Rcmbranot-Kommission, die wohl dasselbe Ziel der- folgte: den größten Meister der niederländischen Kunst an seinem 300. Geburtstag zu huldigen, dabei aber keine Rücksicht auf die große Masse des nicht mit Glücksgütern gesegneten Volkes nahm. RembrandtS Kunst unter das Volk zu bringen, dazu lvar die von jener Kommission herausgegebene Biographie mit 50 prächtigen Photogravüren zum Preise von 22,50 Gulden nicht geeiauet, wohl aber das Rembrandt-Album des Komitees mit den sechs in Vierfarbendruck wiedergcgebenen Bildern. Es kostet die Arbeit eines JahreS, bis in 190 von den 1130 Gemeinden Niederlands Ortskomitees gebildet waren, die den Verkauf des AlbumS über- nahmen. So gering im Verhältnis die Zahl der Ortskomitees war, der Erfolg ihrer Arbeit, die Kunst unter das Volk zu bringen, über- stieg alles, was mit ähnlichen Bestrebungen in anderen Ländern bisher erreicht worden ist. Nicht weniger als 20 654 Rembrandt- Albums waren bis zum 1. Dezember 1906 in den Niederlanden selbst verkauft worden, dazu 1506 in Niederländisch-Ostindien und 50 in Niederländisch- Westindien. Von den Nahmen, die daS Komitee herausgegeben hat, find rund 20 000 abgesetzt, so daß man damit rechne» kann, daß in mindestens ebenso vielen niederländischen Familien Bilder von Rembrandt an der Wand hängen. Im Ans- lande waren am 1. Dezember 1906 9546 Albuins verkauft, wovon die größte Zahl. 8332. aus Deutschland, die zweitgrößte, 551 auf die kleine Schweiz kamen. Am Jahresschluß waren' im ganzen 32 755 Albuins verbreitet. Wenn die Herren von der Nembrandt-Kommission von der Meinung befangen waren, daß die Werke des großen Meisters vielleicht Kaviar fürs Voll seien, so beweist der Erfolg der Nationalen Rembrandt-Huldiguiig, daß die Kunst dem Volke gehört und im Volke wurzelt. Sprachwissenschaftliches. Der Ursprung der Sprache. Das vielerörterte Problem des Ursprungs der Sprache wurde kürzlich von dem Germanisten der Münchener Universität Prof. Hermann Paul in einer vom Münchcncr Zweig des Allgemeinen Deutschen sprach- Vereins veranstalteten öffentlichen Versammlung behandelt. Die Frage, wie Sprache entstehen konnte, oder, was dasselbe besagt, entstehen mutzte, läßt sich, nach Paul, auf dem Wege der geschichtlichen Forschung nicht lösen, da die Periode der Menschheit, in der die erste Sprachbildung erfolgt sein muß, weit vor jedem durch geschichtliche Forschung erschließbarcn Sprachzustande liegt. Der einzige Weg, der hier zum Ziele führen kann, ist vielmehr der, zu untersuchen, ,n welchen Formen und unter welchen Bedingungen wir gegemvärtig im entwickelten Leben sprachliche Tätigkeit aus- üben, Sprachen erlernen, sprachliche Neubildungen entstehen und Sprachen sich verändern sehen, und hieraus Schlüsse auf die Bc- dingungcn zu ziehen, die einst das Entstehen der menschlichen Sprechtätigkeit und die Formen und Stufen, in denen sich dieser Vorgang vollzog, zur Folge hatten; denn man darf bei der Be- trachtung dieses Problems nicht vergessen, daß die Sprechtätigkeit auf den entwickelten Stufen des geistigen Lebens und die Ursprung- liche Sprachschöpfung zwar dem Grade, nicht aber dem Wesen nach verschiedene geistige Tätigkeiten sind, und daß die Bedingungen, die einst zur erstmaligen Sprachschöpfung führten, auch auf den höheren Stufen der menschlichen Entwickelung noch ihren Einfluß ausüben. Die Grundsunktionen des sprachlichen Lebens, Sprechen und Verstehen, find nun auf diesen Stufen des geistigen Lebens dadurch bedingt, daß die Wörter eine gewissermaßen doppelte Be- deutung haben, eine allgemein übliche— usuelle— und eine für den vorliegenden Fall gültige— occasionelle— von denen die letztgenannte ihnen im bestimmten Fall durch den Zusammenhang gegeben wird und den im Wort bezeichneten allgemeinen Gattungs- begriff auf individuell bestimmte Gegenstände oder Personen be- schränkt. Zum Verständnis eines Sprechenden ist daher immer mehr nötig als die Kenntnis der usuellen Bedeutung der von ihm gebrauchten Worte, nämlich auch ihr durch Umstände und Zusammenhang gegebener occasioneller Sinn; je reicher und ein- dringlicher eine gegebene Situation das Verständnis unterstützt, desto spärlicher kann der sprachliche Ausdruck sein. Diese Unterstützung des Verständnisses durch die Situation ist aber für die Entstehung der Sprache von größter Bedeutung, da ja bei der ersten Sprachbildung offenbar von einer bereits vorhandenen usuellen Bedeutung der Wörter, die deren Verständnis bedingte, noch keine Rede sein kann. Einen weiteren Hinweis auf die Be- dnigungcn der Sprachentstehung gibt das Verhalten der Menschen bei der natürlichen Spracherlernung. Oftmals hört man bekannt- lich behaupten, daß Kinder den Gegenständen und Personen ihrer Umgebung selbstgeschaffcne Namen geben; doch ist dieser Bc- hauptung gegenüber Vorficht am Platze, da man leicht für selb- ständige Wortschöpfung nimmt, was vielfach EiMvirkung der Ammensprache ist, und andererseits Lautbildungen ohne Sinn hier nicht in Betracht kommen. Für die Beantwortung der Frage, in welcher Stufenfolge die Bildung der Sprache vor fich gegangen ist, mug man sich gegenwärtig halten, daß alle Sprache in der Mitteilung eines Zustandes in der Seele des Sprechenden an den Hörenden besteht. Das Mittel solcher Mitteilung find Aus- drucksoewegungen, die ihrerseits in Lauten und Gebärden be- stehen können. Für die allererste Zeit der Sprachentstehung müssen wir wohl annehmen, daß solche Mitteilung— durch die etwa ein Urmensch seine Genossen auf eine drohende Gefahr auf- merksam machte— unwillkürlich und gewissermaßen als u n b e- ab fichtigte Nebenwirkung bestimmter von ihm hervor- gebrachter Laute oder Gebärden entstand, und daß erst durch diese Erfahrung der bewußte Wille sich auf die Hcrvorbringung dieser Wirkung durch die nun bekannten Mittel richtete. Die größere Mannigfaltigkeit und Wahrnehmbarkeit der Laute gegenüber den Gebärden mag dann bald zur Bevorzugung der Lautsprache vor der Gebärdensprache geführt haben, loährcnd im ersten Anfang menschlicher Mitteilung wohl die Gebärdensprache die wichtigere Rolle gespielt haben mag, ähnlich wie wir sie bei den Taubstummen kennen. Daß nun diese Laute eine bestimmte Bedeutung aus- drückten, setzt für das erste Stadium der Sprachbildung wohl not- wendig voraus, daß sie in einer natürlichen und leicht verstand- lichen Beziehung zu der unmittelbaren sinnlichen Umgebung des Sprechenden und Hörenden standen. Eine große Rolle hat bei jeder Sprachentstchung sicherlich die Sch a l l n a ch ah m u n g gespielt, deren Bedeutung man wohl mit Unrecht gelegentlich zu verringern gesucht hat. Es ist gewiß nicht ohne Bedeutung, daß in den sehr weit zurückliegenden Sprachzuständcn, die toir unter- suchen können, die Bezeichnungen für Geräusche und mit Gc- rauschen verbundene Bewegungen außerordentlich zahlreich sind. Das läßt den Schluß zu, daß diese Bezeichnungen in früheren Zeiten noch häufiger waren, und daß viele Wörter eines jüngeren Sprachzustandes, bei denen wir eine solche Beziehung nicht mehr wahrzunehuien vermögen, doch letzten Endes in schallnachahmenden Lautbildungen ihren Ursprung haben; spielt doch auch in der Kinder- und Ammensprache die Schallnachahmung eine sehr große Rolle. Man kann also wohl nur darüber streiten, wie groß der Anteil der Schallnachahmung bei der ersten Sprachbildung ge- Wesen sein mag, nicht aber überhaupt ihre große Bedeutung leugnen. Mißlicher steht es mit der sogenannten— namentlich auch von Mündt in seinen sprach-psychologischen Untersuchungen vertretenen—..Lautsymbolik", wonach die Laute ursprünglich in einer etwas entfernteren symbolischen Beziehung zu den bezeich- ncten Vorgängen oder Zuständen gestanden haben sollen, etwa die Nähe durch hellere, die Ferne durch dumpfere Vokale in manchen Sprachen wenigstens bezeichnet worden sein soll. Immerhin hält Paul eine solche Beziehung wenigstens nicht in allen Fällen für unmöglich, namentlich bei der Lautwahl für gewisse ursprünglich- menschliche Tätigkeiten wie die Ernährung u. a. Die Frage, ob die ersten„Wörter" Vorgänge oder Dinge bezeichneten, ist wohl dahin zu beantworten, daß sie Vorgänge an Dingen bezeichneten — etwa so, wie wenn wir in starker Gemüiserrcgung den Ruf: „Feuer!" ausstoßen. Diese ersten Wörter lvaren offensichtlich Augenblicks schöpfungcn; damit sie Wörter tn_ unserem Sinn wurden, d. h. eine den augenblicklichen Gebrauch überdauernde Bc- deutung erhielten, mußten sie vom Gedächtnis aufbewahrt und wiederholt werden. Mit aller Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen. daß sich nicht alle derartigen Augenblicksbildungcn erhalten haben; was sich behauptete, werden die lebenstüchtigsten Lautschöpfungcn gewesen sein, o. h. jene, die am meisten in innerer Beziehung zu den bezeichneten Vorgängen standen. Immerhin müssen wir uns jenen ältesten Zustand der Sprache wohl als einen Zustand großer Anarchie vorstellen; damit Einheitlichkeit und Ordnung in dieses Chaos kam, bedurfte es noch weit mehr, als zur Erhaltung der Einheitlichkeit auf späteren Stufen nötig ist, der ausgleichen- den Wirkung des Verkehrs und des UeberwiegenS des Sprach- gcbrauchs einzelner Persönlichkeiten. Nach und nach werden sich dann einzelne Lautverbindungcn zu einem gemeinsamen Besitz von bestimmter Bedeutung herausgebildet haben, die sich dann später zu einem eigentlichen Lautsystem vereinigten. Die nächste wichtige Entwickelungsstufe war dann der Uebergang vom einzelnen Wort zum Satze, der ursprünglich wohl in der bloßen Nebcneinanderstellung zweier Wörter bestand, wie es ja heute noch vielfach auch bei uns in bestimmten Redeformen— man denke an Sätze wie:„Träume— Schäume"— vorkommt; auch die Kindersprache oder das Verhalten Erwachsener beim Gebrauch einer nur mangelhaft beherrschten fremden Sprache gibt ja für diese Art der Satzbtldung bekannte Beispiele. Der Ausgangs- Punkt dürfte auch hier lediglich die unmittelbare Wahrnehmung gewesen sein, die ursprüngliche Satzbildung nur zur Bezeichnung dieser gedient haben; aber eben die Zweiglicdrigleit des Vor- stellungsinhalts, die auch im einfachsten Satze stets gegeben ist, bot die Möglichkeit, über die bloße augenblickliche Wahrnehmung hinauszugehen und die Sprache zunächst als Vermittlerin ver- gangener Ereignisse, später auch zum Hinweis aus künftige zu verwende». Völkerkunde. — Was si»d Parias? Der aus Indien stammende Begriff der Parins hat sich in einem gewissen Sinne über die ganze Welt verbreitet. Die Parias sind im Sprachgebrauch unserer Völker immer die AuSgestoßenen, vom Staat und Glück Vernachlässigten gewesen, also etwa dasselbe, was man zu Zeiten der französiscken ptevolution als tiersötat und heute als den vierten Stand be- zeichnet hat. Der Urbegriff Parias ist nicht so einfach fest- zustellen und deckt sich auch nicht ganz mit der Auffassung. die iin allgemeinen damit verbunden wird. Allerdings nennt ,nan in Indien Paria auch die von anderen Kasten aus- gestoßenen Leute, aber diese Anwendung des Namens ist nicht die ursprüngliche. Die wirklichen Parias find vielmehr die Vertreter des großen eigentlichen KernS des indischen Volkes, deren Voreltern ein alteS unabhängiges Volk aus der Familie der DravidaS bildeten. Dies Volk war, wie Dr. Laloy im„Archiv für Anthropologie" nach- gewieselt hat. in alter Zeit sehr mächtig lind geriet erst nach und nach in Abhängigkeit von anderen Völkern. Daher kommt es, daß in den Parias noch eine Erinnerung an eine einst bessere und herrliche Zeit nachwirkt und sie noch immer einen Stolz auf ihre Kaste' festhalten läßt, so sehr auch dieses Selbstgefühl mit der Mißachtung der anderen.Kasten kontrastiert. Ueberhaupt aber ist es mit dieser Mißachtung nicht so schlimm bestellt, da die Parias bei gewissen religiösen Zeremonien sogar noch Vorrechte besitzen, namentlich in der AusstatKaig und Amtsführung ihrer Priester. Allerdings stammen diese Vorzüge aus einer längst vergangenen Zeit, als man sogar noch sagte, der Paria sei der ältere Bruder deS Brahmanen. Auch heute noch zerfallen die Parias in eine Reihe von Klassen, die sich streng von einander halten, aber viele von ihnen fühlen sich so gedrückt, daß sie gern ihren Ursprung verleugnen und Schutz bei einer anderen Kaste oder im Nebertritt zum Islam oder Christentum suchen. Physikalisches. Die Entstehung des Grundeises. Aus einer Arbeit von Gottlieb Lüscher gibt der„Globus" die Ergebnisse wieder. Danach hat die große Menge des in den Gewässern entstehenden Grurideises ihren Ursprung in der gestörten Eisbildung an der Wasseroberfläche, oft auch in dem ins Wasser fallenden Schnee. Setzen sich unter dem Einflüsse von Geschlvindigkeitsstörungen im Waffer treibende Eiskristalle an einen durch Wasser oder Eis bereits binreichend gekühlten Gegenstand, so kann an diesem die Grund- cisbildung vor sich gehen. Die unter Grundeis bekannten Eis- bildungen unterscheiden sich nach ihrem Vorkommen, nach Art und Stadium ihrer Entwickelung und in der Folge auch nach ihren speziellen Eigenschaften als drei bestimmt- abgegrenzte Arten. Bc- finden sich die antreibenden Kristalle noch im ersten Stadium ihrer EntWickelung— gleichviel ob in festem Zustande, als Gallerte oder bereits in Verflüssigung begriffen—, so bildet sich in nicht zu großer Strömung das blätterige Grundcis aus, als gcsetz- mäßiger KristallisationSprozcß unter Einwirkung der Molekular- kräfte. Werden dagegen bei größerer Kälte die Treibeiskrislalle in bedeutenden Mengen, auch schon als versammelte Kristall- gruppen zusammengetrieben und in stärkerer Strömung mit 5traft massiert, so entsteht das körnige Grundeis als mechanisches Gc- menge unter Einfluß der Regclation. Große Mengen ins Wasser fallenden Schnees, massenhafter Grundeisauftrieb oder zerbröckelte und in großer Zahl ins Wasser getriebene Stückchen einer zerstörten Oberflächcneisschicht können nun die Bildung deS Gallertcises veranlassen, in der Weise, daß das ganze Waffer gallertartig fließt und etwa an seichten Flußstellcn ins Stocken gerät. Streng ge- nommcn gehört das Gallerteis nicht zum Grundeis, wird aber seines durchaus ähnlichen Aussehens wegen allgemein als solches bezeichnet. Es tritt meist auf bei Umschlag von großem Frost in Tauwetter oder umgekehrt und hat seinen Grund in der Grenz- flächcnspannung verschiedener temperierter Wasserblasen oder Wasserschichtcn. Bereits die geringsten Mengen gelöster Salze, wie sie'in keinem Wasser fehlen, genügen, um bei den kleinsten Temperalurdifferenzen Grenzflächenspannung hervorzurufen. Ge- langen im Wechsel von Tauwetter und Frost große Mengen Eis- Partikel in das Wasser von etwas höherer Temperatur, so entsteht unter dem Einfluß ihrer Schmclzgallerte starke Grenzflächen- spannung, so daß es sich in der Folge in Schaum und Gallerte verwandelt, und auf diese Weise der Wassertransport eines ganzen Flußkanals ins Stocken geraten kann. Solche Eisstop'sungen treten namentlich gern auf, wo große Mengen Grundeis, Schnee und zerbröckeltes Oberflächcncis an einer Stromschnelle unter eine an stauer Flußftelle gebildete Oberflächeneisschicht getrieben werden. Auf diese Weise können ganze Flußläufc verlegt und angestaut werden, so daß deren Wasser sich über die Ufer ergießt. Eine dem Grundeis ähnliche Eisbildung kommt auch in wasscrzügigem Boden vor, auch hier in blätteriger oder körniger Gestalt, je nach Um- ständen. Wobei an das Bodcncis in Sibirien erinnert sei.—- HitmvristifcheS. — Der zer st reute Kraftmensch. Gestern— so er- zählte der Athlet Fäustling— hatte ich einen Wortwechsel im Kaffee- Haus. Ich hatte meine Melange ausgetrunken und wollte fortgehen, da greift ein fremder Herr nach meinem Schirm. Bitte vielmals um Verzeihung, sage ich, Sie irren sich entschieden, das ist mein Schirm. Nein, sagt der andere, Sie befinden sich im Irrtum, das ist mein Schirm. Na, wie kann ich mich bei so wa? irren, ich kenn' doch meinen Schirm ganz genau und sage nochmals, mein Herr, Sie werden Ihren Schirm anderswo hingestellt haben, suchen Sie nur. vielleicht haben Sie ihn auch zu Hause vergessen, ich weiß ganz bestimmt, es ist mein Schirm. Jeuer bleibt aber bei seiner Meinung, wir reden so noch ein paar Minuten hin und her. ich immer ganz höflich, er immer erregter, wo ich doch einen heiligen Eid darauf hätte ablegen können, daß es mein Schirm war, was soll ich Ihnen sagen, erst wie sie den Herrn am Büfett mit Essig gewaschen haben, sehe ich, er hat doch recht gehabt, es war wirklich sein Schirm. — Die Stütze des Festes.„Seht's, Kinners, ich ver- kleid' mich nit, ich red' kein Ton, ich bin nit g'scheit genug zum Diskurs— aber b'soffener bin ich, wie Ihr Schafsköpp' alle mit- einander!" — Rekord. Käufer: Sie haben auch Taschenuhren? Hausirer: Sehr scheene. Hier diese für acht Mark. Und die für zwölf Mark. Käufer: Zwölf? Die sieht doch ganz so aus wie die andere? Hausierer: Den Unterschied möcht ich' reich sein, was die für zwölf Mark geht schneller! (»Lustige Blätter.") Notizen. — Der Komponist Ludwig Thuille ist in München gestorben. Ein liebenswürdiger, feiner Künstler, der uns einige interessante Kammcrmusikwerke, ein paar zart empfundene Lieder mit volkstümlichem Einschlag und Männerchöre voll Kraft geschenkt hat. Von seinen Opern ist das Märchenspiel„Lobetanz" auch in Berlin aufgeführt worden. Der Künstler, der aus Bozen stammte und nach Studien bei Rheinberger an der Münchener Akademie der Ton- kunst bereits mit 22 Jahren Lehrer wurde, ist nur etwas über 46 Jahre alt geworden. — Die Darmstädter K ü n st l e r k o l o n i e soll in: Herbst wieder zu neuem Glanz durch großherzogliches Mäcenatentum er- weckt werden. Eine Reihe von Künstlern soll besonders von Minchen her berufen werden. — Der B ü h n e n h e r v o r r u f ist nach den: Mißgeschick, das Hauptmann mit seinen„Jungfern" im Lessing-Theater zustieß. plötzlich bei den Autoren in Ungnade gefallen. Schade, daß sie nicht vorher auf die Idee gekommen sind. Vor kurzem hatten noch unsere Dramatiker bei einer Umfrage sich ganz einverstanden mit dieser Unsitte erklärt. Unter der Annahme natürlich, daß sie immer und so oft wie möglich gerufen würden. Das selbstverständliche Recht der Gegenpartei auf Zischen scheint ihnen aber vorläufig wieder einmal die Freude am Hervorruf(mit genauer Statistik in allen Morgenblättern und frisierten Depeschen für die Provinz) etwa? verleidet zu haben. Immerhin wäre es zu begrüßen, wenn dem Rufe Hauptmanns nach Reform, das heißt hoffentlich radikaler Beseitigung des Hervorrufes, Folge geleistet würde. Wenn die Prennerentiger und die seidene Plebs so um eine Sensation kommen, um so besser für das Theater. Aber die Direktoren, Regisseure und andere Leute brauchen auch nicht mehr vor die Gardine zu kommen. — Was dahinter st eckt. Ein in Amerika ansässiger Deutscher, der sich den Spaß machen wollte, zu sehen, wie weit der Humbug mit Reklame geht, ließ es sich nach der„Köln. Ztg." 8 Dollar kosten, um auf den Grund einiger besonders hartnäckiger Annoncen zu kommen. Die erste lautete:„Für einen Dollar heile Trunk- sucht usw." Antwort: Schwöre das Trinken ab und werde nie mein- eidig. Nummer zwei versprach für einen Dollar ein probates Mittel, um Rüben erfolgreich zu ziehen. Die Antwort lautete: Fasse die Rüben oben an und reiße sie heraus. Die dritte Annonce war etwas sür Heiratskandidaten und lautete:„Wie mache ich einen ttefen Ein- druck?" Nach Einsendung des geforderten Betrage? kam die Ant- ivort: Setze Dich in einen großen Napf voll Teig l Auf eine Annonce:„Wie verdoppelt man in kurzer Zeit sein Geld?" erhielt unser Gewährsmann den guten Rat, sein ganzes Geld in Bank- noten umzuwechseln und diese durch einmalige? Zusammenfalten zu verdoppeln. Die nächste Anzeige versprach für einen Dollar zwölf sehr nützliche Gegenstände, die indes, wie sich herausstellte, in zwölf Nähnadeln bestanden. Eine verlockende Ausbeute versprach folgende Annonce:„Wie kann man schnell reich werden?" Nach Ein- sendung des verlangten Dollars erhielt er den guten Rat:„Arbeite wie der Teufel und vor allem gib nie einen Cent aus:"„Wie kann man ohne Tinte oder Feder schreiben?"„Gebrauche einen Bleistitt", lautete die Antwort; aber die letzte übertraf alle anderen: Wie kann man leben, ohne zu arbeiten?" Die Anttvort für einen Dollar lautete:„Suche Dumme wie ich l" Bcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaItPaulSinaerLrCo..BerlinL>V.