UMeryaUungsMalt des Jorwaris Nr. 28. Freitag, den 8. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 28](Vladamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. „Edmund, siehst Du jemals etwas von diesem Predi- kanten, von Mirjams Vormund? Denk' Dir, Ralph und ich waren heute hin, um ihn zu hören. Als wir gefrühstückt hatten, kam uns der Einfall-, in einer Zeitung stand, daß er eine Vormittagsversammlung abhalte. Evanston predigte in einer großen Halle, oben an der dreiundzwanzigsten Straße, und er hatte einen gewaltigen Zulauf, wir liefen keine Gefahr, erkannt zu werden. Er spricht wie ein Schleifstein, er mahlt, er betäubt die Leute— die Lichtbilder, derentwegen er so berühmt ist, wurden heute nicht gezeigt— er predigte von dem neuen Reich und von dem Kreuzzug gegen die Sünde, diesen ganzen fossilen Nonsens, von dem ich nicht begreife, daß es die Leute immer noch amüsieren kann. Aber er ge- braucht Fremdwörter und entlehnt Bilder aus der Chemie, das ist das Feine an ihm, und er bewegt sich in Gleichnissen aus seinem Jägerleben und aus der Zeit, als er sich im Schmutz der Sünde wälzte,— selbst Ralph fand, daß er Phantasie habe. Er malte unter anderem aus, wie der Weg zur Seligkeit durch Wüsten führe, die mit Tausenden von Knochen und Ochsenhörnern von dem Vorspann der Wanderer übersäet sei, und wie die Pfeile des Versuchers draußen aus der öden Finsternis kommen und sich zitternd in das Wagen- zeit festsetzen, auf der Wanderung über wilde und unwegsame Steppen!— Und da senkte auch Ralph seinen blonden, ehrlichen Kopf und fand, daß es gut war. Später, als wir wieder gingen, machte Ralph die lächerlichsten Versuche, Wyoming mit demselben starken Wildgeschmack auszu- sprechen, wie es Evanston seiner Behauptung nach getan hatte... aber da schlug ich sie beide aus dem Felde, ich jauchzte auf der Straße, während Ralph und ich zusammen gingen, so daß die Leute glaubten, ich sei verrückt— hör' einmal—" Leontine erhob sich, und indem sie sich mit ge- streckter Kehle vorbeugte, brüllte sie wie irgend ein mächtiges und wildes Raubtier, das verwundet ist:„Wyoming! Wyo— ming!" „Die Menschen sind sonderbar, Edmund, die fallen noch um und liegen tot da von einem Gebrüll. Selbst Du fingst ein wenig an zu zittern, eben als ich heulte. Da steht dieser Mormone oben in New Jork und heult sie sich alle mit- einander Untertan, dies hungrige, schmutzige Tier! Aber Ralph fand ihn monumental mit diesen knochigen Streifen an der Nase, er begeisterte ihn zu einem witzigen Aphorismus über den Mandril und die Eiszeit des Menschengeschlechts... genau so wie es Dir in alten Zeiten in den Sinn kommen konnte, als Du immer mit mir über Atavismus redetest und über all das, was ich notgezwungen lieben mußte, wenn ich mit Dir zusammen war. Ihr seid wirklich reizend! Aber ich hasse nun einmal Tiere! Ich werde krank davon! Ah!" Sie fuhr so heftig zusammen, daß sie beinahe zu Boden gesunken wäre, dort wo sie stand. Sie setzte sich, schöpfte Atem, sah Hall an. Er schwieg. Er hatte unwillkürlich daran denken müssen, daß sich Leontine bewußt oder unbewußt stets solcher Ausdrücke und Bilder bediente, die sie der Zoologie entlehnte, was sie sich durch ihren Umgang mit ihm an- gewöhnt hatte, und dies rückte entschwundene Jahre in seiner Erinnerung so nahe, daß er unter einem schneidenden Gefühl von der Kürze des Lebens fast das Bewußtsein des Schmerzes verlor. Leontine sah nicht mehr, obwohl ihre Augen starrten, sie hatte sich nach innen gewendet im Kampfe gegen das, was sie quälte. Ihre Brust zog sich ein paar Mal stark zusammen unter einem physischen Bedürfnis, sich zu befreien, indem sie Edmund alles mitteilte. „Edmund, hör' einmal.. „Ja, Leontine." Sie bezwang sich, sie bezwang sich. „Gib mir lieber ein Glas Whisky," bat sie begehrlich. „Kann es wohl schaden, wenn ich nur ein wenig trinke, kann e6 Mirjam wohl schaden? Du trankst neulich selber, Edmund, als Deine Nerven Dich im Stich ließen..." Hall fixierte sie, er fing an zu ahnen, daß sie sich in Not befand. Hall sah nicht mehr sehr scharf. Er zögerte, Leon- tine aber sprang auf und schrie klagend: „Ich kann es nicht aushalten, Edmund!" Es schien ihm, als habe er keine Berechtigung, sie nach dem Grund ihrer Gemütsbewegung zu befragen. Ohne etwas zu sagen, erhob er sich und holte eine Flasche mit Whisky. Er brachte zwei Gläser und eine Karaffe mit Eis- wasser. Leontine trank und stöhnte laut vor Linderung. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie wurde ruhiger. Das zweite Geheimnis, das sie vor Hall verbarg, beunruhigte ihr Gemüt, sie wurde- flammend rot, und gleich darauf ward ihr Mund so bleich, sie sah ihn mit einem ertrinkenden Blick an, bis ihre Augen zufielen. Sie war guter Hoffnung. Sie wußte es seit heute morgen. Und wie sie nun so saß und Hall ansah, glänzten ihre Augen von heißer und schmerzlicher Sehnsucht, von Zärtlichkeit und Verzweiflung. Sie be- trachtete seinen Mund, als habe sie ihn noch niemals ordentlich gesehen, als empfinde sie eine Verantwortung für die Züge, die sie fortzupflanzen im Begriff stand: sie sah sein Haar an und plötzlich brach sie zugleich in Lachen und Weinen aus: „Dein Haar ist ja auch fast weiß, Edmund," schluchzt sie. und sie lacht und schüttelt den Kopf, sie sperrt den Mund weit auf und seufzt, schnappt nach Luft, ringt die Hände. Hall aber sitzt stumm und still da. Da wendet sie das Gesicht auf- wärts und bricht in einen gequälten Notruf aus, sie dampft aus den Zähnen und dem Schlund, sie bellt ganz laut, bis sie ihr Herz befreit hat, dann bricht sie zusammen und weint erleichtert: die heißen Tränen furchen ihr Antlitz, tropfen ihr von Mund und Kinn, sie bebt, aber jetzt lächelt sie wieder, und sieht Hall unter schimmernden Tränen an, sie klagt und lacht kläglich:„Wyoming! Wyoming!" „Kehr' Dich nicht daran, daß ich mich so anstelle," stammelt sie ganz getröstet und glücklich,„es ist wohl nur so eine Art Heimweh, das mich überkommt. Es kleidet Dich so gut, wenn ich hysterisch bin, Edmund, Du siehst so geduldig aus... Wyoming! Mein Freund!" Sie betrachtet ihn lange, den Kopf auf die Seite gelegt und einen Zipfel des Taschentuches zwischen den Zähnen, ihre Tränen rinnen langsam an den Wangen herab. Endlich scheint es, als fasse sie durch ein strahlend liebevolles und verschämtes Lächeln hindurch einen Beschluß... „Mein Gott, wie ich Dich geliebt habe, Edmund!" flüstert sie.„Ich will es sagen. Ich will es sagen." Hall nähert ihr sein Gesicht, um sie besser zu sehen; er ist sehr bewegt, aber er schweigt. „Ich habe das Recht zu lieben, wen ich will, nicht wahr? Und ich liebe Dich nun einmal. Du brauchst Dich ja gar nicht daran zu kehren. Ich habe Dich immer geliebt, Edmund, habe Dich nie entbehren können." Sie springt auf, unbändig, sie stößt die Luft aus ihren breiten Lungen heraus wie Schüsse, sie steht auf den Zehenspitzen: „Ach, Du bist ja der einzige, der mich zusammengehalten hat, Edmund? Du hast mich immer freigesprochen. Du hast nicht einen Teil von mir geliebt, sondern mich, mich! Du hast alles gewußt, ich habe Dir nichts verbergen können. Edmund! Edmund! Ohne Dich fühle ich mich verhärtet, gewöhnlich und verderbt. Du hast mich immer durchschaut, mich mir selber bewiesen. Wenn ich habe leben können, ijb- wohl ich so roh und so verdorben bin, so danke ich Dir das. Ja, das tue ich!" Sie schnaubt, geht durch das Zimmer, kehrt wieder zurück und setzt sich dann gehorsam hin: „Aber ich weiß sehr wohl, daß es vorbei ist." Die Tränen steigen ihr wieder in der Kehle auf. aber sie schluckt sie mühsam hinunter, drängt ihre Qual zurück. Edmund Hall sitzt gesenkten Hauptes da, sie streckt schüchtern die Hand aus, berührt sein Haar. „Leb' wohl!" flüstert sie.„Edmund! Edmund!" Und nun schweigen sie beide. Leontine leert durstig ihr Glas. Später, als sie ihre Augen getrocknet hatte und sie da- saßen und auf den Kreis warteten, sprachen sie friedlich mit- einander, beide sehr sanft und jedes in sein Schicksal ergeben. Nach einer Pause, während welcher Leontine in tiefe Ge-. Sanken versunken dagesessen hatte, bemerkte sie, daß sie jetzt nach Europa zurückreisen wolle. „Wirklich?" fragte Hall teilnehmend. „Ja, und zwar bald. Vielleicht noch heute abeich. Du weiht, ich entschließe nich immer plötzlich." „Heute abend! Nein, Leontine, daran denkst Du doch nicht!" „Ja, ja! Reisen will ich, und Du muht Dich nicht wundern, wenn Tu ein Marconigramm von mir von hoher See erhältst,— es kann heute nacht sein oder morgen. Ich gehe an Bord irgend eines Schiffes, es ist mir ganz einerlei, ob ich in Neapel oder in Liverpool an Land gehe. Laß es Dir gut ergehen, Edmund! Und habe Tank für.. „Du darfst nicht mehr sagen," bat er mit verzerrtem Gesicht. „Verzeihe! Na ja, ich verschwinde also. Ich sehne mich ja nach der See. Und ist das nicht alles gut? Ich möchte Dir ja wünschen, daß es Dir besser ginge, lieber Edmund... verzeihe, jetzt urteile ich wieder nach mir; Deine Sitzungen sind ja sehr interessant, und ich hätte mir nie in meinen wildesten Träumen die Wunder vorstellen können, die ich gesehen habe! Für einen Mann wie Dich, der sich mit der vierten Dimension beschäftigt und mit selbst- leuchtenden Metallen, muß es ja eine Leidenschaft, eine Spiel- Wut werden— verzeihe den Vergleich, ich liebe ja Monte Carlo— aber weißt Du was, ist während der drei Sitzungen, denen ich beigewohnt habe, eigentlich mehr als imnier wieder dasselbe geschehen? Dieselben Hymnen, dasselbe Aus- und EinHüpfen aus dem Kabinett oder aus der Atinosphäre, wenn Du willst, dasselbe fanatische Wiehern des Kreises! Ich kann mich nicht mit den Leuten aussöhnen, mit denen Du zusammen arbeitest, Edmund, wenn ich nur an sie denke, bekomnie ich Gänsehaut. Ich glaube, der Spiritismus ist eine Art seelische Geschlechtskrankbeit. Puhl Und sie hassen mich alle miteinander! Das sind genau dieselben, die im Mittelalter Hexen verbrannten, und ich fühle ganz deutlich, wenn sie mich ansehen, daß ich auf dem Wasser fließen würde. Selbst die kleine Frau Mac Carthy ist mir unausstehlich, dieses arnie mißhandelte Wesen. Man sollte nicht glauben, daß Falsch in ihr ist, wehrlos wie sie ist, aber ich habe ent- deckt, daß auch sie im Grunde ein Tier ist, das keinen Pardon gibt. Es ist nur so wunderbar zu denken, daß Du den Mittel- Punkt in einer Vorstellung für dieses Gesindel bildest. Das ist nicht Dein Geschmack, Edmund!" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) VertKokl Hucrbacb. (Zu seinen» fünfundzwanzigsten Todestage.) Von Ernst KreowSki. Alles hat feine Zeit. Einmal, zwischen dem fünften bis siebenten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, gab eS im deutschen Bürger- tum ein entzücktes Schwärmen für sogenannte.Dorfgeschicliten". DaS war damals ein funke lnagelneucs Genre und wurde„Mode". Diese neue Art VolkSliteratnr kam dem eben erwachten Triebe zur Touristik äußerst gefällig eiitgegeir BädeckerS Reiseführer waren ja wohl schon allenthalben beliebt und gebräuchlich; aber vom eigent- lichen Volksleben hatten sie nichts zu sagen gewußt. Immerhin, daS Reisen kam in Mode— und. waS daö merkwürdigste. Süddeutschland war den Norddeutschen noch ziemlich fremd geblieben. Die Klein- staaterei loar wohl am meisten daran schuld geioescn. Denn darüber. daß die Naturherrlichkeit mittelgcbirgiger und hochalpiner Gegenden schon seit Ewigkeiten bestanden hatte, konnte gewiß kein Zweifel sein. Und ebenso lange hatten ja auch die süddeutschen Volksstämme existiert; .und— was doch daS wichtigste war: dort bestand eine nahezu tausendjährige Kulturl Wohl gab es von ihr auch in einzelnen norddeutschen Landstrichen, zumal in einigen alten Hansastädken einen Schimmer; aber der hatte nur schwache Leuchtkraft nach außen hin gezeigt und war selbst den nächsten Volksgenossen entgangen. Nun stieß man plötzlich auf zwei neue Entdeckungen: die wunder- bare Pracht deS landschaftlichen Bildes und die Bevölkerung dort, inmitten einer reichen Kultur. Das alles war wohl schon früher von manchen wissenschaftlichen Männern bemerkt und verbucht worden. Aber noch war der Natursinn und daS kulturelle Interesse nicht in die Masse gedrungen. Beides mutzte erst erschlossen werden. Diese höchst dankbare Aufgabe übernahm nun mit einem Male'euer neue Zweig der deutsche» Belletristik. DaS war die Dorfgeschichte. Und der Begründer dieser Gattung hieß Berthold Auerbach. Daß es gerade ein Jude sein sollte, mochte damals dem begrenzten Untertanenvcrstaud noch als höchst sonderbar erscheinen. Jndesicn hatte doch schon so mancher Angehörige der semitischen Rasse in, Gebiet strengster Wissenschast und Gelehrsamkeit auf deutschem Boden ganz respektable Pionier- arbeit vollbracht, ohne Dank und Veachtirng gefunden zu haben. Jetzt sollte das anders werden, denn Auerbach war nicht bloß ein treuer Anwalt des Schwarzwäldler Volkes, er forderte auch zugleich seine eigenen StammeSgenossen zu kräftiger öffentlicher Mitarbeit am deutschen Kulturleben auf. Berthold Auerbach, am 28. Februar l812 zu Nordstetten im württembergischen Schwarzwald von jüdischen Eltern geboren, hatte in Tübingen, München und Heidelberg, zunächst Jurisprudenz und Theologie, dann Philosophie studiert. In burschenschaftliche Unter» suchungen verwickelt, war er zwei Monate lang Gefangener auf dem HohenaSperg, wo ja auch ernst der geniale Dichter-Musiker Schubart eine siebenjährige furchtbare Kerkerhaft hatte verbüßen müssen. Darauf lebte Auerbach in rheinischen Städten, am längsten in Mainz, dann in Weimar. Leipzig, Dresden, Berlin. Breslau und Wien, bis er 1860 bleibenden Aufenthalt in Berlin nahm. Die erste Etappe seiner schriftstellerischen Tätigkeit wird durch die Romane „Spinoza" und„Dichter und Kaufmann" bezeichnet. Ward er so der Urheber eines»eilen literarischen Genres, nämlich der nun un- gemein zahlreich folgenden Geschichten aus den, jüdischen Familien- leben, so noch viel mehr durch seine„Swarzwälder Dorf- g e i ch i ch t e n". Ein ganz unbebautes Feld war die deutsche Dorf- geichichte nun zwar nicht; denn sie reicht bis ins Mittelalter zurück und war mich in neuerer Zeit von Jung-Stilling. Pestalozzi, Clemens Brentano und Karl Jmmennami gepflegt worden. Ob Auerbach von ihnen angeregt wurde, hält Robert Schweichel— nach seinem 1882 im Verein„Berliner Presse" gehaltenen Vortrage— für ungewiß; ja er bezweifelt sogar die Einwirkung der Dorftomane des Schweizer Pfarrers Albert Bitius(Jeremias Gotthelf), die da- inals kaum schon in Deutschland bekannt waren. Da- für weist Schweichel ausschlaggebend auf die„Elsässer Dorf- gcschichten" von Alexander Weil hin,„welche in die Oeffent- iichkeit traten, als Auerbach in seinen, letztgenannten Roman (Dichter und Kausmami) auf einem Gebiete, das ihm vertraut war, daS Vermögen seiner poetischen Begabung eben erprobt hatte.» Gleichviel jedoch, von wem die unmittelbare Anregung ausgegangen ist, die Dorfnovelle zur künstlerischen Vollendung erhoben zu haben, ist Auerbachs dauernder Ruhm." In ihm fand sich der Dichter n»f seine», HeimatSboden zurccht. und aus diesem erwuchs ihn, die Kraft für die Gestaltung des landvolklichen Lebens. Um an- zudcuten, welche ungeheuere Wirkung diese.Schwarzwälder Dorf- geschichtet," auf Auerbachs Zeitgenossen ausübten, erinnert Schweichel mit Recht an Goethes„Werthcr"-Roniai,. Den allerhöchsten Aus- druck jener Begeisterung bildet zweifellos Ferdinand Freiligraths bekanntes Gedicht an Auerbach: Aus deines Schwarzivalds tanncndunkeln Wiesen Mit seinen Kindern kommst d» froh geschritten, Und setzest'hin das Tnchwamms und die Flechte In ihre alten dichterischen Rechte. Das ist ein Buch I Ich kann es dir nicht sagen, Wie mich's gepackt hat recht in tiefster Seele; Wie mir das Herz bei diesem Blatt geschlagen, Und wie mir jenes zugeschnürt die Kehle; Wie ich bei dem die Lippen Hab' gebissen Und wieder dann hellauf Hab' lachen müsienl Das alles ist dir aber nur gelungen, Weil du dein Werk an, Leben ließest reifen; Was aus dem Lebe» frisch hervorgesprungen, Wird wie das Leben selber auch ergreifen, Und rechts und links mit Wonne und mit Schmerzen Sturmschritts erobern warme Menschenherzen. Das trat tatsächlich ein; die„Schwarzwäldler" machten, st, die meisten Kultlnsprachen übersetzt, die Runde über den halben Erd- kreis. Und das war begreiflich; denn sie erschienen in der Oede der damaligen Literatur wie ein frischllarer Quell. der von Felsenbergcn durch alte harzige Tannensiedelungen rauscht. Treffend hat sie Schweichel„gleichsam Straßen" genannt, „die Auerbach ins Gebirge baute". Das läßt sich so verstehen: Eininal hat Auerbach len Schwarzwald der Touristik erschließen helfe». Denn nun war jeder, wetz Landes er auch sein mochte, be- gierig gemacht, jene stillen Bergbewohner leibhaftig kennen zu lernen. lind vornehmlich daher kam es, daß seitdem alljährlich große Menschenströme ihren Weg st, die Reviere deS Schwarzwaldcs lenkten. Und das ist, wie man Über die moderne Touristik als Modesport auch denken mag. für das Land von Segen und mannig- fache», Nutzen gewesen. Damit aber wurde gleichzeitig auch das Schtvarzlväldcr Bauernvolk aus seiner Abgeschlossenheit heraus- getrieben. Es trat fortan in Verkehr mit den Städtern, »ah und fern, und lernte die Augen aufmachen für die Mannigfaltigkeit des politischen und sozialen Welt- lebenS, obwohl es zunächst dabei keine angenehme Erscheinung bot. Auerbach ging jedoch von weit höheren Gesichtspunkten aus, als er seine Dorfgeschichten schrieb. Ihm war es darum zu tun. für die Arnien und Unterdrückten, selbst für verbrecherische Naturen zu kämpfen. Er scheute dabei vor einer wahrhastigen Schilderung der Zustände und der Landbewohner nicht zurück. Sonach konnte es ihm auch nicht beifallen, das Dorsleben in die Farben arkadischer Unschuld zu tauchen. Wohl liebt seine über alleö gütige Art das Holdselige und Zarte in leinen Gestalten, zumal bei Mädchen und Frauen, wohl schwelgt er, der die schöne Natur ttcf in sein Herz geschlossen, förmlich in malenden Worten und Dergleichen, wohl pflegt er gern beim Glück braver Menschen zu verweilen, aber gleichzeitig und eigentlich überwiegend bringt er. wie Eugen Zabel kurz vor seinem siebzigsten Geburtstage sich ausgelassen, heftige Schmerzen und erschütternde Schicksals- sügungeir. Die unbestochene Beobachtungsgabe des Land- lebens, die nichts unterdrücken und nichts hinzusetzen will, steht im innigen Zusammenhange mit Auerbachs spinozistischem Glaubens- belenntnis. Sein großer Meister in der WelUoeisheit hatte be- hauptet, daß man die Handlungen des Menschen weder beklagen. noch belachen oder verabscheuen, sondern begreifen müsse— daß man sie samt den Begierden ganz so untersuchen könne, als ob es sich um geometrische Linien oder Flächen handle. Demgemäß der- fährt Auerbach in seinen Dorfgeschichten. Wenn wir sie in seiner ganzen reichen Produktion betrachten. so geben sie eigentlich die Linie der Entwickelung an, die der Dichter durchlaufen ist. Erst schreibt er ihrer soviele, daß sie die ersten acht Bände seiner Schriften umfassen. Dann, etwa von der Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ab, gibt Auerbach, wie gleich bemerkt sei. mit weniger Glück, eine Anzahl großer Zeitromane„Auf der Höhe",„Das Landhans am Rhein" und„Waldfried", in deren Handlung das dörfliche Element nur unselbständig als Augenblickskontrast hineinspielt. Den Beschluß seines Schaffens bilden dann wieder einige Heimatsgeschichten, die unter dem Titel„Nach dreißig Jahren" zusammengefaßt find. Von seinem Geburtsort Nordstetten als Schauplatz ist er ursprünglich ausgegangen. Er hatte sich die Aufgabe gestellt,„ein ganzes Dorf gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Hause zu schildern". Der den Novellen zugrunde gelegte Stoff ist außerordentlich mannig- faltig; dennoch lassen sich deutlich einige Richtungen kennzeichnen, innerhalb derer sie in der Phaniasie des Dichters ausgereift sind. Die erste Reihe schildert die falsche vom Landmnnn mit Recht zurück- gewiesene polizeistaatliche„ZMtnr" und wird mit„Befehlerles" eingeleitet. In des„Schloßbauers Vesele" verführt ein städtischer Windhund eine Landschöne— und sie geht, um ihre Schande zu ver- bergen, ins Wasser. In„Luzifer" handelt cS sich um den Zusammen- prall von selbständigen Dorfgemeinden mit einer sie bevormundenden Klerisei. Vollends wird die Macht der katholischen Kirche auf das Gemüt eines zum eigenen Denken erwachenden Knaben in„Ivo der Hejrle" mit wunderbarer Macht geschildert.„Die Frau Pro- fessorin" hat, abgesehen von ihrem Gehalt, auch noch eine eigene literarische Berühmheit erlangt. Diese Erzählung diente nämlich Auerbachs landSmännischcr Kollegin Charlotte Birch-Pfeiffer als Grundlage für ihr noch heute im Repertoir vieler Provinzbühnen stehendes Rührstück„Dorf und Stadt". Mit Recht fühlte sich der Dichter durch dies an ihm begangene poetische Verbrechen beleidigt und strengte gegen die Verfasserin einen Prozeß an. Allerdings mit negativem Erfolg; denn die Klage wurde von den Gerichten abgewiesen. Trotzdem hat die schauspielerisch sehr dankbare Gestalt des„Lorle" von der Bühne herab erst recht die Auerbachsche Er- Zählung dem deutschen Lesepublikum bekannt gemacht. Sozialen Einschlag hat die Erzählung„Sträflinge". Ter Dichter macht sich hier zum Anwalt neuzeitlicher humaner Bestrebungen.„Das Nest an der Bahn" sin„Nach dreißig Jahren") bildet die Fortsetzung jener Novelle.„Der Lehnhold" kehrt fich gegen den verderblichen Wahn von der Unteilbarkeit der Güter. In„Hopfen und Gerste" handelt es sich um die köstlich abgewandelte Abneigung der Bauern gegen den rationellen Betrieb der Landwirtschaft. Lüderliche zum Verbrechen herabgleitende Dörflermoral kommt in„Florian und Creszenz" zum Austrag. Aehnliche Vorgänge geben in der Erzählung„Ein eigener Herr" den Faden der Handlung. Wie sich solch Leben rächt, indem es zum Verbrechen führt und wie nun der Verbrecher die Skorpionen des mahnenden Gewissens verspüren muß, bis er selber hingeht, um sich anzuklagen, das ist der Gegenstand in „Dicthelm von Buchenberg" und„Landolin von Rautershöfen". Die„Helden" dieser Erzählungen sind zwei allmählich zerbröckelnde Menschennaturen. In einigen anderen Geschichten, wie„Tolpatsch",„Der Tolpatsch aus Amerika" und„Der Viereckig oder die amerikanische Kiste" spielt die Auswanderung nebst ihrem Gcgenbilde eine Rolle. Gern schildert Auerbach das Handwerkslcben, so den Maurer in „Brost und Moni", den Musikanten im„Geigerlex", die schwarz- Wälder Uhrmacher in„Edelweiß". Allerdings begibt sich in dieser Erzählung ein herber Ehcstandslonflikt, der aber— und diese Hin- neigung zur Versöhnlichkeit mit dem Daseiir kennzeichnet den im Alter milde gewordenen Dichter— nach allerlei Prüfungen und Seelenläuterungen ein gutes Ende nimmt. Die gleiche die Tragik umgehende oder glättende Vorliebe sehen wir in„Barfüßele" und«Joseph im Schnee". In den Kreis der Dorfgeschichteir gehören dann noch zwei Schöpfungen: Der zwei- bändige Romai,«Der Forstmeister" und Auerbachs letzte Dorf- crzählung„Brigitta". Es ist wohl wahr: Auerbach hat alle seine Dörfler etwas idealisiert. Die meisten sprechen gelvöhnlich nicht wie simple Menschen tun, sondern wie philosophische Grübler. Das lag in der einseitigen Natur des Dichterdcnkers— und dennock sind seine Schwächen, gegen seine Ethik gehalten, so klein, daß sie beinahe verschwinden. Um ihres dichterischen Gehalts willen sind die Schwarzwälder Dorf- geschichten auch heute noch lesenswert. Wenn Auerbach schließlich ins Hintertreffen geriet, so lag die Schuld an der großen Zahl seiner Nachtretcr. Die Dorfgeschichte war eben Mode geworden, wie die touristische Fexerei auch— uild mit der Zeit kriegte das Publiftun den Lawendelgeruch herzlich satt. Diese Abkehr hat Auerbach nicht mehr erlebt. Gegen Mitte Dezember 1881 war er nach Cannes gegangen, um sich dort zu er- holen. Hier starb er aber schon am 8.'Februar des neuen Jahres. In M o r i z Lazarus' deS ausgezeichnete» Gelehrten und Berliner Hochschulprofeffors von Nahida Lazarus und Alftcd Leicht im vorigen Jahre herausgegebenen„LebenSeriimernngen" finden wir auch einen großen Abschnitt über das Freimdschastsverhältnis zwischen diesen beiden edlen Menschen. Lazarus hat dort dem Abgeschiedenen die Leichenrede gehalten. Er sorgte auch, da die Leiche im Hause der Dr. Tritschlerschen Pension nicht bleiben durfte und andrerseits noch kein Leichenpaß zum Transport mit der Eisenbahn eingetroffen war, für einen anderweitigen Unterstand. Auf Lazarus Bitte gestattete der protestantische Geistliche die Aufbahrung in der Sakristei,„und so— im Schutz der christlichen Kirchenmauern— lag der tote jüdische Dichter, bis er in die deutsche Heimat abgeholt wurde." In Nordstetten hielt Friedrich Theodor Bischer die Gedenkrede und hier liegt Auerbach begraben. Kleines f euilleton» Faschingsspnk. ES ritz laut ein altes, ein närrisches Wort, Die Narren ringsum zur Begeisterung fort. Sie eilten mit Klappern und Schellen herbei, ErHuben ein mächtiges Narrengcschrei: „Der Narren Erblandc sind schwer in Gefahr; Es raubt uns die Freiheit die bluttote Schar. Vergällt uns den schönsten, den närrischsten Streich Und stört uns's Behagen im heiligen Reich. Es sollen die Nörgler hinaus aus dem Land; Druni reichen wir Narren uns heute die Hand."—- Noch niemals ein Fasching so glänzend verlief; Die Sache der Narren ging Ivirklich nicht schief. Nun jauchzen und hüpfen die Narren wie toll Und haben die Köpfe von Plänen so voll. Und alles ivohl läuft und alles wohl rennt Zu hören das FaschingS-Parlament. Die armen Narren! Sie merken gar nicht, Wie unter den Füßen die Bühne einbricht. Die armen Narren I Sie glauben noch heut'; Sie könnten hemmen die werdende Zeit! Karl Stobra. Die Guillotine. Tie Kultur der Hinrichtungen steht in Süd- deutschland höher als in Preußen. Zum Excmpel der königlich bayerische Scharfrichter ist ein höflicher Mann, erscheint im Frack, wenn er amtiert, stellt fich mit einer guten Verbeugung neben der Guillotine auf, drückt zart auf einen Knopf, das Beil fällt. Aus. Der Herr königliche Scharfrichter verneigt sich wieder vor den übrigen Respektspersonen und entfernt sich. Die Preußen dagegen stecken noch völlig in der blutrünstigen. Gemeinheit des Mittelalters. Ihre Scharfrichter find Schlächtermeister. Sie schlagen den Ebenbildern Gottes die Köpfe mit Hand- beilen ab. Sie müssen sich die handwerksmäßige Fertigkeit des Mordes aneignen, und sie müssen einen schätzbaren Fonds persönlichen Roheit besitzen, damit ihre Kraft nicht durch lächerliche Gefühle beeinträchtigt wird. Die Hinrichtung Hennigs soll ja außerordentliche Anforde- rungen an die Brutalität der Mitwirkenden gestellt haben. Denen aber vollauf genügt wurde.. Die grausige Sache entbehrt nicht ganz des Humors. Warum hat man in Preußen das Fallbeil nicht eingeführt? Der Grund ist so lächerlich, daß viele nicht daran glauben werden. Und doch steht er durchaus fest. Nämlich, die Guillotine gilt heute noch in Preußen als Werk« zeug der Revolution. Die preußische Regierung hat eine heillose, abergläubische Furcht vor diesem Instrumente. Sie denkt an den dicken Ludwig, den man an einem frostigen Januarmorgcn so lieblos unter den Jreiheitshobel geschoben hat. und sie glaubt offenbar, daß auch den gutmütigen Staatsbürgern rechts vom Rhein nicht zu trauen wäre, wenn sie nur erst eine Guillotine hätten. Der Besitz eines solchen Werkzeuges ist emfreizcnd. Wie leicht könnte das Volk auf dem Wege der Jdccnassoziation dazu kommen, die Maschine einmal a la Robcspierre zu gebrauchen. Kein treuer Untertan schüttle hier zornig das Haupt und sage, derartige Befürchtungen lägen den Hohenzollcrn ferne! Ich verweise auf das Gespräch, welches der spätere Kaiser Wilhelm I. Anno 1362 mit Bismarck geführt hat, und das dieser in seinen Gedanken und Erinnerungen erzählt. Der König prophezeite seinem Minister, daß man sie beide vor dem Schlosse hinrichten werde. Ulld ee sagte, er sähe ganz beutlich das Schafott vor sich. Ueber die näheren Details sprach er sich nicht aus, aber ganz gewiß dachte er an das Fallbeil. Denn wo eine Revolution ist, da ist immer eine Guillotine. Seit l,ouis Seize. Man darf ohne Frivolität annehmen, daß die Gedanken eines Fürsten auf die Nachfolger übergehen können. Der ungeheure Schrecken, der 1793 allen europäischen Herrschern Zn die Glieder fuhr, wirkt fort und fort. Das„böse Volk" ist der Wau-Wau für die kleinen Prinzen; den heranwachsenden wird die Geschichte der französischen Revo- lution erklärt mit der Nutzanwendung, daß man dem Volke nie gänzlich trauen darf. Wir wissen, daß Ammenmärchen, Kindererinnerungen sehr großen Einfluß auf unsere EntWickelung haben können. Es gibt auch in bürgerlichen Kreisen viele Erwachsene, die nicht in einem finsteren Zimmer bleiben können, oder die sich nicht ge- trauen, nächtens über den Friedhof zu gehen. lind so gibt es eben erwachsene Fürsten, die hinter einer Guillotine immer den kleinen Max Robcspierre erblicken. Das ist einmal so. Niemand kann für seine Nerven. lind darum hält man an der Sitte fest, mit Handbeilen den Ebenbildern Gottes die Köpfe abzuhacken. Das ijr königstrcu; das ist gutes, alte? Preußen; das riecht bricht nach Revolution und Paris und Teufelszeug. Wie tapfer von den süddeutschen Fürsten, daß sie ihre Hinrich» jtungen durch die Guillotine erledigen lassen I Sagt hier der Leser. Ja, da ist noch etwas beizufügen. Man muß der Wahrheit immer die Ehre geben. Auch der Patriotismus darf uns nicht davon abhalten. Gewiß, die süddeutschen Fürsten haben mehr Vertrauen auf iihre Völker, aber so ganz koscher ist ihnen die Sache dock; nicht. Ich meine, das bombenfeste Vertrauen haben sie auch nicht. Sie lassen die Guillotine zu; jedoch ihre. Regierungen sorgen dafür, daß das Mordinstrument nicht so leicht dem erzürnten Volke in die Hände fallen kann. Sie zerlegen das Werkzeug und bringen die Bestandteile an verschiedene Orte. Die königlich bayerische Guillotine ist in drei Teile zerlegt. Das Gerüst befindet sich in dem Zuchthanse, wo geköpft wird. Der Rahmen ist in der Obhut des Münchener LandbauamtS. Das Beil aber liegt wohlverwahrt im Zeughause, wo der Pöbel .s nur nach Ueberwindung zahlreicher Soldaten erbeuten kann. Man sieht also, ein bißchen mißtrauisch sind alle Fürsten, und , ebbst>das leblose Instrument der Revolution gibt einen Anlaß zu Befürchtungen. Während dagegen das Volk sogar die lebendigen Werkzeuge blutiger Unterdrückung arglos in seiner Llähc duldet und zum Beispiel beim Anblicke der Herren Dominikaner nicht gleich an eine Wiederholung der Bartholomäusnacht denkt.— Habebald im„März". Archäologisches. Funde in Theben. In der altberühmten Stadt Theben werden demnächst Ausgrabungen vorgenommen werden, durch lvelche die archäologische Wissenschaft voraussichtlich wesentlich gefördert werden wird. Das Ziel dieser Erforschungen ist der Palast des Königs Ka d m o s, dessen halbmythische Persönlichkeit in der Geschichte Altgriechenlands mit der Gründung der Stadt Theben verknüpft wird. Der Palast, der aus dem sechzehnten Jahr- hundert vor Christi Geburt herrühren soll, hat aus historischen Gesichtspunkten so viel Bedeutung wie der Palast des MinoS auf der Insel Kreta, welcher vor einiger Zeit in Knossos entdeckt worden ist. Der Boden Thebens, der zweifellos unzählige antike Gegenstände enthalten muß, wurde bisher von den Archäologen nicht genügend berücksichtigt. Zwar hat man vor einigen Jahren in der Näbe" der Stadt drei antike Grabdenkmäler entdeckt, welchen eine große kunsthistorische Bedeutung beizumessen ist, insofern die Wissen- schaft dadurch etwas Näheres über die mykenäische Geschichtsperiode erfahren hat; so wurden hier u. a. sehr seltene Vasen vorgefunden, welche in wundervoller künstlerischer Weise bearbeitet sind. Die Ruinen des antiken Palastes befinden sich aus einer hohen Bodenfläche, auf der alten Agora, welche im Laufe der Geschichte ihrer alten Bestimmung nicht entzogen worden ist. Unterhalb der Stätte dieser Ruinen sind die Spuren der antiken Bauten bemerkbar, welche aber jetzt durch die auf der Stelle gebauten Häuser überdeckt sind. Es scheint indessen, daß auch der Palast des Königs KadmoS auf den Trümmern eines vorhistorischen Gebäudes gestanden hat. Bei einer oberflächlichen Ausgrabung der in Frage kommenden Stelle wurden Marmorwerke von grüner Farbe vorgefunden, welche in hervorragend künstlerischer Weise bearbeitete Bildhauerwerke im mhkenäischen Stil aufweisen. Diese Marmorwcrke bildeten»nitmaßlich das Gesims einer der Tore des Palastes. Weiter wurden noch dreihundert farblose Wasen gefunden, fünf große kolorierte Amphoren, welche zur Auf- bewahrung von Duftstoffen. Orlen und Wein bestimmt waren. IleberdicS sind Wandmalereien aufgedeckt worden, welche sich durch künstlerische Zeichnungen und durch Frische der Farben auszeichnen. Endlich sind Ziegelsteine, Perlenhalsbänder, Goldstücke, Blciblöcke und andere Gegenstände, tvelche ein Alter von mehr als 3000 Jahren haben, zutage gefördert worden. Erziehung und Unterricht. Die Uhr in der Hand des Kindes. Wer Kinder dauernd zu beaufsichtigen hat, macht mit großer Wahrscheinlichkeit die Beob- achtung, daß die kindliche Neugier sich durch die Betrachtung einer Uhr besonders stark angezogen fühlt. Schon ganz kleinen Kindern pflegt man mit einiger Vorsicht eine Uhr zum Spielen zu geben, sie ihnen ans Ohr zu halten und ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Der Grund dafür ist in diesem Fall allerdings wohl mehr ein äußerer, weil man bei einem kleinen Kinde die sinn- liche Wahrnehmung zu wecken und zu prüfen wünscht und zu diesem Zweck kein Gegenstand, den man fast immer mit sich herum trägt, so geeignet ist wie die Taschenuhr. Uebrigens stammt bei dem älter gewordenen Kind das Interesse für Uhren vermutlich noch aus derselben Quelle, weil die rastlos Geräuch und Bewegung zeigende Uhr den Eindruck eines lebendigen Wesens hervorruft, was sie doch augenscheinlich nicht ist. Der Lehrer F. Weigl hat in den„Münchener Pädagogischen Blättern" dafür Stimmung zu machen versucht, das Jntereffe der Jugend an der Uhr in der Erziehung zu verwerten, indem er die Hoffnung ausspricht, daß durch eine ftühe Vertrautheit mit der Uhr und ihrem Zweck das Kind schneller und besser den Wert der Zeit schätzen lerne. Weigl mußte aber eingestehen, daß die tvichtigste Vorbedingung für eine Prüfung dieser Ansicht noch nicht erfüllt sei. Wenn man bcispiels- weise in England den Kindern schon früh die Bedeutung der Uhr auseinandersetzt und sie ihnen auch zu eigener Benutzung übergibt, so ist das natürlich nur möglich, wenn die Uhrenindustrie diesem Bedarf dadurch Rechnung trägt, daß sie für Schüler eine gleichzeitig besonders billige und haltbare Uhr auf den Markt bringt. Nunmehr hat nach der Anregung von Weigl die Nomos-Uhr-Gesellschaft eine Umfrage bei möglichst vielen pädagogischen Autoritäten ersten Range? veranstaltet, um zu er- Mitteln, ob jene Ansicht von dem Werk einer frühen Zeit- schätzung seitens der Jugend in weiteren maßgebenden Kreisen geteilt wird. Diese Umfrage hat recht beachtenswerte Ergebnisse geliefert. So hat Professor Paulsen in Berlin geschrieben:„Ohne Zweifel ist für unsere Schilljugend gegenwärtig eine genaue Zeit- orienticrung viel notwendiger, als sie eS zur Zeil unserer Väter war. und daß ein erziehliches Moment im Besitz und in der Be- Handlung einer Uhr liegt, ist nicht zweifelhaft." Dr. Paul Barth. Professor der Pädagogik an der Leipziger Universität, spricht sich noch etwa? ausführlicher über diesen Punkt aus: „Es scheint mir sehr Wünschenwert, die Kinder an frühe Beachtung der Zeit zu gewöhnen. Sie werden dabei aber immer passiv bleiben, solange sie aus Mangel einer eigenen Uhr von den Zeitangaben der Erwachsenen abhängig sind. Auch hier muß die Selbsttätigkeit de? Kindes angestrebt werden. Darum wird es für seine Zeiteinteilung, für sein Zeilbewnßtsein und damit für sein Pflicht- bewußtsein nützlich sein, wen» eS etwa vom vollendeten neunten Jahre an sich des Besitzes einer Uhr erfreut, und zwar möchte ich zwischen Knaben und Mädchen keinen Unterschied gemacht wissen. Auch die Mädchen müssen sich an Pünkllichkeit gewöhnen. Das spätere Leben kann ihnen allerlei Geschäfte bringen, in denen cS auf die Minuten an- kommt, und auch ihnen ist es notivcndig zu wisse», daß das Leben kurz, die Kunst aber lang ist." In ähnlicher Art und in gleichem Sinne haben sich auch Hochschullehrer der Pädagogik in Karlsruhe, in Bern, Posen und Prag, viele Schnlräte und' Lehrer an höheren Lehranstalten ausgesprochen. Notizen. Im Schillertheater d>.(Friedrich Wilhelmstädtischcs Theater) wird zugleich niit dem dreiaktigen Lustspiel von Wilhelni Wolter? „S e i n A l i b i" am Dienstag, den 12. d. M., ein Einakter von Ludwig Renner:„Adieu Therese" zum erstenmal zur Auf- führung gelangen. — Jin Theater des Westen« findet die Uraufführung der Operettennovität„Schwerenöter von Anno Tobak", Text von Dr. Bruno Decker, Musik von Gustav W a n d a am Donnerstag, den 2t. d. M. statt. In der Titelpartie eröffnet der Tenorbuffo Edmund Löwe sein Gastspiel. — Eine französische N o r d p o l e xp e d i t i o n. Auch die Franzosen wollen sich energisch an der Polarforschung beteiligen und eine arkttsche Expedition ausrüsten, die der frühere Seeoffizier Kapitän B ö n a r d leiten wird. Da? Organisationskomitee trat dieser Tage zu einer Sitzung zusammen. Das Schiff, welches zu dieser Expedition verwendet werden soll, wird den Namen„Jacques Cnrtier" nach dem französischen Seefahrer, der in den Jahren lö34 und 1541 Expeditionen nach Neufundland und Kanada unternahm, führen. — Der verhängnisvolle Romanschluß. Mit schmunzelnder Freude genießt es der Leser, wenn in seiner Zeitung der neckische Kobold, der spöttische Hausgeist aller Druckereien, auch einmal seinen Schabernack spielt. Damit unaufmerksame Leser nicht um ihre berechtigte Ergötzung kommen, weisen wir sie darauf hin, daß in Nr. 27 des Unterhaltungsblattes der Roman also endigt: „Nervös rief sie aus: (Fortsetzung folgt.) Wcrantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer«:Co..Berlin LIV.