Hlnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 29. Sonnabend, den 9. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 29] Mäame d'Ora» Roman von Johannes V. Jensen, „Wenn man minderwertige Leute aus seinem Kreise ausscheiden sollte, würde man sich eine fatale Majorität zu Feinden machen," sagte Hall und lachte leise.„Du bist in- konsequent, Leontine, natürlich. Was meinst Du mit G e- s i n d el? Mein Kreis ist gerade so zweckmäßig wie möglich zusammengesetzt. Diese Menschen haben nicht wie wir, wenigstens nicht wie ich, ihre Dummheit und Bosheit ein- gebüßt, und ohne diese Elemente kann man keine ganzen Menschen wieder hervorbringen. Sie sind töricht und aber- gläubisch, ihre Gehirnzellen liegen noch flach aufeinander wie Geldstapel, sie haben nichts gegeben; aber sie haben den Vogel Rok in sich und die große Seeschlange, ihre Phantasie ist prädarwinistisch, d. h. sie besitzen noch alle Variations- Möglichkeiten. Sie sind Gottlob gierig und neidisch und voller Liigen. Es sind tiefe Menschen. Laß sie mir bitte! Na- türlich riechen sie nicht angenehm, und es ist gerade nicht das, was ich unter Glück verstehe, mich zwischen ihnen zu bewegen, ihrem Geschivätz ausgesetzt..." „Ja, aber lvas willst Du denn eigentlich erreichen?" „Erreichen? Was kann man weiter erreichen, als sich weniger zu langweilen? Die ganze Erde ist entdeckt— ausgenommen die Pole, auf denen wir ja möglicherweise noch Diamantberge finden können— ich freilich glaube, daß sie flachgedrückt sind— ich bin fast überall gewesen, ich bin fpcktranalytisch durch das Weltall gereist, es gibt nichts mehr, keine Hoffnung auf Erneuerung. Warum da die Zukunft nicht in dem Uebernatürlichen suchen? Unsere EntWickelung führt geradeswegs dahin. Bisher sind wir uns alle darin einig gewesen, das Leben zu genießen, niemand ist aber auf den Einfall gekominen, den Tod selbst zu genießen. Er kann für die Menschheit erobert werden. Du schüttelst den Kopf, Du verstehst mich nicht. Ich bin kein Mystiker, ich denke an den neuen Typus, auf den wir als Folge der EntWickelung gefaßt sein miissen. Woher sollte er sein Material beziehen, wenn nicht gerade aus unseren Abnormitäten, unserer Auf- lösung? Du weißt wohl, daß der durchschnittliche Verstand der einen Generation so ungefähr den Geisteskrankheiten der voraufgehenden entspricht; wenn Du es nicht weißt, so lang- weile Dich über die banalen Wahrheiten, die die Denker der Vorzeit mit Aufbietung aller Kräfte hervorbrachten. Oder überzeuge Dich davon, wie sehr Idioten oft Affen ähneln. Gut, ich erwarte, daß meine Entdeckungen in bezug auf den Stoff der Chemie neue Wege erschließen werden, und gleich- zeitig hoffe ich, die Menschheit zu der nächsten Entwickelungs- stufe vorwärts zu führen— die möglicherweise jenseits dessen liegt, was wir den Tod nennen." '„Du wirst stets einsam sein, trotzdem, Edmund, selbst „jenseits". Hast Du mir nicht erzählt, daß Dich nichts so peinigt wie die spiritistische Literatur, die voll von der ge- wöhnlichsten Erbauungsfaselei ist. Das kannst Du von Deinen Geistern erwarten." „Wer sagt, daß ich an„Geister" glaube? Wenn Du Dir einen Orang-Utang vorstellen kannst, der an Menschen glaubt, so weißt Du, was ich meine." „Ja. aber die Geisterwesen, die wir bei den Sitzungen erscheinen lassen, sind doch tote Menschen, haben friiher gelebt." „Was verstehst Du unter toten Menschen? Der Tod ist ein physisches Blendwerk. Hier ist der Punkt, auf den ich meine Untersuchungen richte. Ob mich der Kreis, das Medium oder die Geister langweilen, ist eine ganz andere Frage." „Ja, Edmund. Jetzt sprichst Du aber doch nicht von Elb..." Leontine sah ihn vorsichtig an. Seine Züge ver- schlössen sich. „Darf ich Dir etwas sagen?" fragte sie. „Nein." „Ich sage es trotzdem," rief sie lauter und mit einem zornigen Aufblitzen in den Augen ans.„Ich will es sagen, ehe ich gehe. Du sollst ein Ende mit Eld machen, Edmund, Du mußt es. Ihr müßt Euch haben. Ich habe das Recht, Dir einen Rat zu geben. Könnt Ihr Euch denn nicht b» kommen? Gibt es denn keine Möglichkeit?" „Es gibt zwei Möglichkeiten," sagte Hall und hielt ruhig! Leontinens robustem Blick stand.„Zwei und nicht mehr." „Die eine ist?" „Daß ich ein Mittel finde, Elbs Menschlichkeit zu fesseln. Ich muß die Materialisation stabil machen. Das ist für mich ein chemisches Problem. Leider scheint es, als könne das nur auf Kosten von Mirjams Gesundheit geschehen, vielleicht auf Kosten ihres Lebens. Ich weiß übrigens bis jetzt weder aus noch ein, ich sehe das Problem und weiß, daß es gelöst werden kann." „Und die andere Möglichkeit, Edmund?" Hall zog die Brauen zusammen und sah Leontine gerade in die Augen: „Es ist die, daß ich auf Elds Seite übergehe." Ein Schrei durchzuckte Leontine, aber sie blieb voll- kommen ruhig sitzen, als sei sie besorgt, ihm durch ihre Angst den festen Grund unter den Füßen zu rauben. Sie nickte mit einer klugen und besonnenen Miene. „Das Experiment solltest Du lieber m i r überlassen." äußerte sie, und indem ein Gedanke sie durchzuckte, fuhr sie heftig zusammen. Sie veränderte den Gedankengang mit großer Willensanstrengung und fuhr in leichtem Ton fort: „Ja, mein Freund! Uebereile Dich nur nicht! Ich kann es begreifen, daß Du Eld liebst, sie ist reizend. Dünne ist sie— wie mir scheint— da ist gar nichts. Aber... Nun! Wenn Du sie nun also liebst. Du sagtest vorhin, es gebe nur zwei Möglichkeiten, Edmund,— ich finde, da ist eine dritte." Sie richtete ihre Augen dreist, fast mit Kälte auf ihn. Er stand fragend da. „Kaufe das Dutzend Plebejer! Kaufe sie. Du hast ja Geld genug, oder Du kannst zu dem Zweck einige Kilo Radium zu Geld machen. Stelle ein Himmelbett mitten im Kreise auf oder baue das Kabinett um... so lange Eld materialisiert ist, ist sie körperlich genug, ich habe sie selber befühlt, da ist, was da sein soll. Kaufe sie, stopf ihnen den Mund mit Dukaten, so lange es währt... ich werde Mendel- söhn auf dem Harmonium spielen... Ach nein, ich will hinaus und auf den Wellen rollen, ich will nach memer eigenen großen, grünen See hingus. Hah!" Mit einem Schnauben und einem Heulen fährt sie von dem Stuhl auf und wirbelt sich um sich selbst durch das ganze Zimmer. Hall legt die Hand über seine müden, geschwollenen Augen. Als er hört, daß sie ruhig wird, sieht er auf. Sie steht neben dem Kabinett und hebt die Vorhänge mit einem Finger in die Höhe, sieht zu dem Diwan und den Borten hinein. Leise schleicht sie davon und nähert sich der Orgel, ihre Lippen bewegen sich, sie spricht mit sich selber. Sie schlägt eine Taste an, läßt sie aber wieder los, als habe sie sich verbrannt. Als sie wieder zurückkonimt, ist sie gefaßt, aber es funkelt etwas Gefährliches in ihrem Blick, das Hall kennt und wogegen er sich wappnet, indem er jeden Ausdruck in dem seinen ersterben läßt. Leontine setzte sich, lautlos in allen Bewegungen. Sie preßte beide Arme gegen ihre Brust, sah Hall an, nickte, blinzelte. „Ich liebe es, geliebt zu werden," sagte sie und ihr Kopf bebte auf dem Halse, sie lächelte wie ein Kind.„Ich liebe Wärme, ich liebe Lachen und frische Zähne und sorglosen Appetit. Weißt Du, wenn jemand flüstert:„Ich liebe Dich!" so werde ich ein reiches Geschöpf, ich werde gut und gehorsam, fast ohne Rücksicht darauf, wer es ist. Das erste Mal, wenn jemand es sagt, zittere ich.— Acki, selbst wenn ich sehr wohl sehe, daß es unwahr oder frech ist— das zweite Mal, wenn er sagt:„Jck> liebe Dich!" werde ich so schwach, so schwach, und das dritte Mal, wenn er sagt:„Ich liebe Dich!" falle ich wie ein großer Baum. Ja. Aber ist Zwang nicht schrecklich, Edmund— Gewalt? Denke, wenn jemand schlagen lvollte, denke, wenn jemand gegen meinen Willen--" Sie wurde leichenblaß. „Was willst Du nur, Leontine," fragte Hall Verwunderl. „Was redest Du nur auf einmal?" „Nichts. Mir ist wohl nicht ganz wohl. Edmund. glaubst Du. daß ein kleiner Tropfen Whisky mehr schaden könnte, nur ein ganz klein wenig? Ach was?" Hall schenkte ihr ein wenig in ihr Glas. „Auf Dein Wohll" sang sie, am ganzen Leibe bebend. „Und aus Wiedersehen, Edmund!" Sie schwiegen. Draußen lag die Stadt Und die Brücke in dem immer gleich glühenden Sonnenschein, ein weißer Ofen, die Stätte der Unseligen. Leontine saß nervös da und drehte das leere Glas zwischen den Händen, von Gedanken beschwert. „Wenn Eid nun bewogen werden könnte, ein Jahr lang zu bleiben," stammelte sie—„wenn Du etwas ausfindig machen könntest, daß es möglich wäre, und Ihr Euch be- kämet, und wenn sie dann ein kleines Kind bekäme, wenn das überhaupt zu denken ist, glaubst Tu, daß sie dann das Kind mitnehmen würde, wenn sie verschwände?" „Wie kann ich Dir wohl Antwort auf so etwas geben I" lachte Hall kopfschüttelnd.„Welch ein Einfall von Dir!" „Ja, es ist natürlich törichtes Gerede. Aber ich habe so oft über dies mit den Kindern nachgedacht— woher kommen die? Du glaubst doch nicht, daß sie schon früher gelebt haben? Sage mir eins, Edmund,— ich setze den Fall-- jetzt bekomme ich wohl keinen Whisky mehr? Nein. Gut, ich setze den Fall, eine Frau stürbe, die ein Kind haben sollte, was dann? Was würde dann aus dem Kinde? Würde es etwas, oder-- oder--" Hall schüttelte den Kopf abweisend und müde. Pause. (Fortsetzung folgt.j (9fn(66niit nerfioffn.) 6üi moderner Brfmder und feine Merk statt. Zum 60. Geburtstage E d i s o n s. Von Dr. Franz Hoppe(Berlin). Die Legendenbildung, der Hang der menschlichen Natur, her- vorragende Persönlichkeiten mit dem Schimmer des Märchenhaften, mit wohlgemeinten Uebertreibungen und geheimnisvoller Mystik zu umgeben, trifft meistens nur solche Persönlichkeiten, die längst der Vergangenheit angehören und deren Tätigkeit zumeist auf oen Gebieten des Stantslebens oder der religiösen Wandlungen lag und über Generationen und Jahrhunderte fortwirkte. Ganz ausnahmsweise nur gelingt es wohl auch einem Lebenden einmal, die Menschen seiner Zeit durch das Verblüffende seines Tuns, durch feine Alles überragende Persönlichkeit und gleichzeitig durch eine gemisse Abgeschlossenheit seiner Lebensführung so sehr zu interessieren, daß die Phantasie ihr Gewebe um ihn zu breiten beginnt, um sein Leben, das im Grunde ebenso nüchtern und von Verdrießlichkeit erfüllt ist wie des Philisters Alltagsdasein, das sich aber von ihm durch die Größe der Ziele und die errungenen Er- folge unterscheidet. Ausnahmen gibt es aber doch zuweilen. Mit Werner von Siemens, dem ehemaligen preußischen Artillerieoffizier, der die Dynamomaschine erfand und dadurch das Fundament für die ge- samte moderne Elektrotechnik legte» beschäftigte sich die EinbildungS- kraft zwar ebensowenig, wie mit dem unglücklichen Erfinder der Schiffsschraube Josef Ressel, den die ewig mit Geistesblindheit geschlagene Polizei seines Vaterlandes daran verhinderte, seine bereits gelungene Erfindung weiter auszubauen. Es muß»och ein Stück Jugendromantik, das Geborcnscin in den untersten Lebensumständen, und ein Emporsteigen aus der Tiefe, das von Millionen nur einem gelingt, dazukommen, dann verzeiht die öffentliche Meinung dem Genie, daß es sich mit praktischen, techni- scheu Dingen beschäftigt hat. Einer von diesen wenigen Bevorzugte» ist Thomas Alva Edison, der am l0. Februar 1907 sein 60. Lebensjahr vollendet. Im Alter von 12 Jahren ein bettelarmer Junge, der an den Eisen- bahnzügen entlang laufend, Zeitungsnummern zum Verkaufe aus- schreit, zehn Jahre später in leitender Stellung am Zentraltele- graphenamte in Boston und im Alter von 28 Jahren bereits ein weltberühmter Erfinder, dem die goldenen Millionen in den Schoß zu regnen beginnen. Echt amerikanisch im kühnsten Sinne des Wortes, aber auch ein Schicksal, bei dessen Schmiedung Glück, Fleiß und Genie zusammenarbeiteten, das Schicksal eines Self. mademannes von größter Originalität, und schwerwiegender Be- deutung— ein neuer Benjamin Franklin, zwar ohne politische Neigungen, im übrigen aber in verbesserter Auslage und in der elektrischen Beleuchtung des 20. Jahrhunderts. Es heften sich heute an Edisons Namen zahllose anekdotische Geschichten, die ihn als modernen Cagliostro zeigen. Auch wenn man alle diese phantastischen Märchen streicht, bleibt in EdisonS Leben genug des eigenartigen übrig, besonders wenn man berücksichtigt, daß sich heute auf der Grundlage der überall ins Gewaltige gehenden amerikanischen Verhältnisse zwar noch ein von Fortunas Gunst getragener Spekulant, nur sehr schwer aber ein Autodidakt der Technik und Naturwissenschaften zum Multimillionär und zu anerkannter, wissenschaftlicher Bedeutung emporringen kann. Zu Milan in Ohio als Sohn eineS holländischen Vaters und einer schottischen Mutter geboren, verlebte Edison seine frühe Jugend in Port Huron, dem Hauptort der County Saint-Clair, in deren belebtem Handelshafen schon damals mancherlei technisch Interessantes zu sehen war. Da er nicht in der Lage war. eine höhere Schule zu besuchen, arbeitete er als Autodidakt zu Hause alle ihm in die Hände kommenden Bücher durch, unter denen ihn besonders solche, die die Chemie zum Gegenstand hatten, mit Macht anzogen. Boni zwölften Jahre an hatte er für sich selbst zu sorgen. Er zog in ein kleines Rest bei Detroit und verkaufte an der Grand- Trunk-Eisenbahn, wie schon erwähnt, seine Zeitungen. Im Alter von 14 Jahren, als er als ZeitungLverkäufer mit den Fernzügen fuhr, verfiel er auf den Gedanken, im Zuge selbst mit einer Hand- presse eine kleine Zeitung herzustellen, die er unter dem pompösen Titel Grand-Trunk-Herald vertrieb. Wichtiger aber war»hin seine geliebte Chemie. Er richtete sich insgeheim ein kleines Laboratorium im Bahnwaggon ein und experimentierte dort— ganz wie Justus von Liebig bei seinem Apotheker— so lange, bis eines Tages eine Explosion erfolgte und der Wagen in Brand ge- riet, was selbstverständlich seiner Karriere als nevrspaperbox (Zeitungsjunge) ein jähes Ende bereitete. Er hatte zu seinem Glück inzwischen telegraphieren gelernt und erlangte eine Stelle am Telegraphenamt in Port Huron, ging aber schon 6 Monate später außer Landes nach der kanadischen Seite des Saint-Clair- flusses, wo er in Stratford Nachttclegraphist wurde. Als er später in Adrian im Staate Michigan in derselben Stellung arbeitete, be- gann er niit der Errichtung einer kleinen mechanischen Werkstatt, die er bald darauf nach Indianapolis verlegte. Hier glückte es dem 18jährigen. die erste nennenswerte Gr- findung des Automatic Repcaters, eines telegraphischen Hülfs- apparates, der zwei Linien derart verbindet, daß jedes auf der einen Linie einlangende Zeichen sofort und ohne Zutun eines Beamten in die andere Linie weitergegeben wird. Biel Geld hat er zwar daraus nicht gewonnen, und so war er als kleiner Beamter noch mehrere Jahre lang zu einem Romadenleben gezwungen, das ihn nach Cincinatti, Memphis, Louisvillc, New Orleans, wiederum nach Cincinatti und im Jahre 1868 nach Boston führte. Seine erste Erfindung hatte aber doch das Gute zur Folge, daß seine Vor- gesetzten auf den hochbefähigtcn Kopf aufmerksam wurden, so daß er 1869 Ableilungsdirektor im Bostoner Telegraphenamt wurde. Wiederum richtete er sich eine Werkstatt, verbunden mit einem Laden für Feinmechanik ein, in dem er einen Gegensprecher erfand. Dieser zur Duplextelegraphie dienende Apparat, mit dessen Hülse zwei Telegramme zugleich in entgegengesetzter Richtung auf einem Drahte befördert werden sollen, erfüllte jedoch bei seiner 1870 in Rochester bei New Dork vorgenommenen Erprobung nicht die auf ihn gesetzten Erwartungen. Gleichwohl nahm aber die Gold- Jndicator-Company, die telegraphisch vielen Hunderten Abonnenten aus Börsen- und Spekulantcnkrcisen viertelstündlich die Gold- kurse übermittelt, den Erfinder in ihre Dienste und machte ihn bald darauf sogar zu ihrem Superintendenten. Nach weiteren tclcgraphischen Erfindungen entschloß Edison sich dazu, in Ncwark, einem westlich von Hobokcn gelegenen New gorker Vororte, eine Fabrik zur Herstellung der von ihm ersonnenen Maschinen zu gründen. Auch dieses Unternehmen gab er aber bald wieder auf, um in Mento Park im Staate tziew Jersey die berühmt gewordenen Laboratorien zu errichten, in denen er bis 1887 arbeitete und einen großen Teil jener Erfindungen machte, dte seinen Namen auf der ganzen Erde zur Popularität brachten. Als ihm auch hier der Raum zu eng geworden mar, baute er endlich die ihm noch heute dienenden, großartigen Laboratorien bei Orange, aus denen die technisch durchgearbeiteten Erfindungen zur Verwertung nach den großen, mit den Laboratorien zu einer Aktiengesellschaft ver- bundenen Fabriken in New Aork, Schenectedy, Newark und Orange gehen. Edison ist nicht der strenge Theoretiker, der erst, nachdem eine Aufgabe mit Hülse der Disserenzial- und Integralrechnung behandelt ist. an die Durchführung geht. Sein ganzes Denken ist intuitiv und experimentell, wobei er die erfinderischen Grundgedanken schöpft und das weitere den Gehirnen seiner zahlreichen, allerdings unter seiner steten Kontrolle und Anregung arbeitenden Assistenten überläßt. Jede Idee wird durch das hundertköpfige Personal seiner Institute unter einem geradezu verschwenderischen Aufwände von Material und sonstigen Hütfsmitteln nach allen denkbaren Richtung durchgeführt, um das praktisch Brauchbare vom Un- genügenden zu trennen und die Goldkörner vom wertlosen Sande auszusieben. Ueberall und nirgends bewegt er sich in salopper Kleidung— er trägt in den Werlstätten nie Rock und Weste, sondern doppelte Leibwäsche— anscheinend teilnahmslos. die Augen wie traumverloren in die Ferne gerichtet, durch die Laboratorien. Niemand würde in ihm, dessen welkes Gesicht mit schlapp herunterhängenden Hauffalten den Eindruck der Müdigkeit macht, den berühmten Erfinder vermuten. btS irgendwo die Arbeit eines Assistenten, die sein Interesse erregt, den ganzen Mann wie mit einem Schlage verwandelt. Setzt er fich dann selber über ein wichtiges Problem, so arbeitet er. los- gelöst von allem und fast unnahbar, feine 36 Stunden ununter« brachen in einer Tour, streckt si-h dann einige Stunden auf ein Sofa hin, um wieder rastlos weiter zu arbeiten, so datz er oft eine ganze Woche lang nicht aus den Kleidern kommt. Ohne Temperenzler aus Prinzip zu sein, ist er überaus mätzig im Genutz aUoholischer Ge- tränke und ist noch heute schlecht auf die Franzosen zu sprechen, in deren Lande man ihn, einmal glaubhaft gemacht hatte, datz er, um fich gegen Fieber zu schützen, Wein trinken müsse, worauf er Glieder- zittern bekam. Datz nicht alle von Edison gemachten Erfindungen kostbare Perlen sind, ist selbstverständlich. Unter den 900 Patenten, die er bisher gelöst hat, find nur ewige Dutzend von grotzem und bleibendem Werte. Such sein neuer Akkumulator, der nach den An- preisungen der Western-Union-Telegrapb-Companii dem Äutomobilis- muS einen neuen und imerhörten Aufschwung geben sollte, leistet nicht die Wunder, die man sich davon versprochen hat. Bon grotzer Wichtigkeit ist dagegen sein Batterielelephon, fem Zugtelegraph, das Mikrophon'besonders das zur Musikübertragung bestimmte Modell der Wesrern-Elektric-Company von 1894). das Aerophon, das Mitrolasi- meler sein Metzinstrument von grötzter Feinfühligkeit), und das Megaphon. Noch gröher find die Verdienste, die sich Edison um die Einführung des elektrischen LichteS durch die Erfindung der ersten brauchbaren Glühlampe erworben hat. Wichtige Verbesserungen der Dynamomaschine, serner der Phonograph, das Kinetofkop und der Mimeograph, ein BervielfältigimaSapparat, der mehr als 3000 scharfe Kopien von einem Originale gibt, und der Phonograph stammen von ihm. Endlich ist er auch der Erbauer der ersten elektrischen Be- leuchtungSzentrale. In jüngster Zeit hat er fich der Elektrochemie und Photographie zugewendet, die der Arbeit seines niemals rastenden Gehirnes hoffenUich manchen Fortschritt verdanken werden. kleines femUeton. Kunst. e. s. Die Akademie der Künste, die zwei Jahrhunderte hindurch in dem alten Gebäude Unter den Linden ihre Stätte gehabt hatte, ist nun in ihr dauerndes Heim am Pariser Platz übergesiedell. Es ist dies das frühere Palais Arnim, das von einem Nachfolger Schinkels in einfacher und vornehmer Weise in Nassischer Manier während der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut wurde. Zur Feier der Eröffnung hat die Akademie eine inter« nationale Ausstellung von Werken lebender Mitglieder veranstaltet. Baurat Ihne hat die Räume hergerichtet. Sie sind einfach und würdig gehalten. Die graue Waitdbekleidung wirkt angenehm ruhig. DaS Licht ist sehr gut. Jeder Schmuck ist vermieden, so datz die ganze Aufmerksamkeit fich auf die Bilder konzentriert, die mit grotzer Nauinverschwendung gehängt find. Der einzige farbige Schmuck sind die Türeinfaffungen in grün-weitzem Stein. Diese breiten, massiven Türrahmen geben dem Raum etwas Strenges, Ernstes. Zwölf Säle! Den Kritiker packt ein Grausen. Man hört. die Akademie will akademische Kunstausstellungen als ständige Ein« richtung wieder aufnehmen, will also gcwiffcrmatzeit in das Kunstleben Berlins eintreten. Wo Schulte erst kürzlich sich so ungebühr- lich erweitert hat, datz jede Ausstellung, die alle drei Wochen wechselt, soviel Bilder umfatzt, ivie die ganze Sezession im Sommer zusammen. Zwölf Säle! Und womit loerden sie gepflastert werden? Akademische Kunstausstellungen, sagt der Name nicht genug? Wir werden da die offizielle Kunst finden, geboren aus dem Geiste Anton v. Werners. Ist nicht das KünstlerhauS schon akademisch, das heitzt langweilig genug? Doch warten wir ab. Betrachten wir das Gegebene. Bruno Paul, der neue Direftor der Kunstschule am Kunstgciverbenmseum, der damit zugleich Senator der Akademie wurde, hat«in Plakat gezeichnet, das schon bedenklich die Annahme illustriert, diese Lust sei der Kunst nicht günstig. Der derbe und flotte Zeichner ist recht zahm geworden. Er, der einst eines der besten Plakate geliefert hat. das wir haben, das Plakat der Werkstätten mit den roten und braunen Flamingos, hat sich hier die Sache sehr einfach gemacht. Er hat auf schwarzem Grunde den Text in goldenen Lettern geordnet, weiter nichts. Das fleht nicht hätzlich aus, aber ein Künstler sollte an solchem klotzen Arrangement nicht Genüge finden. Die Ausstellung selbst bestätigt die Befürchtungen. Sie steht unter dem Zeichen einer einödenden lleberflüsfigkeit. Die Langeweile herrscht in diesen Räumen. Stietze inan nicht ab und zu auf ein paar Rosinen, so würde man schlietzlich gar nicht mehr anffehen. Diese Rosinen sind: ein vor- züglicher, ernster Liebermann(die.Nctzflickerinnen, hell im Lust- ton, dunkel in den Gestalten, die Grötze haben), ein feiner ll h d e lauS der früheren Zeit des Münchener Malers, wo er in zarten, grauen Tönen malte) und einige andere. Im Saal der Plastiken findet mau mit Erstaunen eine herbe weibliche Statue von Kling er, einige temperamentvolle Porträtköpfc von N o d i n. ebensolche von Hildebrand in grotzer, strenger Manier, und von Gaul ehrliche, künstlerische Tierplastiken. Dann kann man nuter den Architekturen HoffmannS stnngemätze, intime Baukunst in dem Kinderasyl in Buch', Messels Museum in Darmstadt, daS merkwürdig schwächlich gegen den Wertheimban wirkt, und Schmitz, in einigen Sälen des neuen Rheingold-Restaurants bewundern. Das ist aber auch alles. Der Rest ist Schweigen. Und in Anbettacht dessen, datz hier einige wundert Bilder hängen, ist das sehr wenig, unerlaubt wenig. Alles andere ist Durchschnitt, und wenn man es bei Licht besieht: die wenigen Ausnahmen find nur deswegen hier, weil ihr Ruhm schon so fest steht, datz man gern mit ihm. wenn er auch fremd war, fich sännückt. Mutz staattiche Kunst immer diese Physio- gnomie zeigen? Freuen wir uns. datz wir eine Sezession haben, mit diesem Gedanken verlätzt man die Akademie— ein Erfolg, der sicher nicht beabsichtigt war. Medizinisches. Ein Mittel gegen das Müdewerden. Wohl alle Menschen haben bereits Bekanntschaft mit dem unangenehmen Gefühl der Ermüdung gemacht. Keiner bleibt davon verschont, selbst der Mütziggänger kann ihm nicht entrinnen, sollte er auch nur vom lleberrnatz der Schwelgereien oder Genüsse Ermattung verspüren. Allen diesen scheint eine ftohe Aussicht zu winken, vielleicht noch in weiter Ferne, aber die ersten Schritte um die Ermüdung aus der Welt zu schaffen oder fie doch wenigstens zu bekämpsen, sind getan. Es wurde bereits an dieser Stelle berichtet, datz die Ermüdung wahrscheinlich aus Bergiftungserscheinungen zurückgeführt werden mutz. Diese Annahme hat in der Tat dank den jabrelangen, mühevollen Arbeiten des bekannten Physiologen Weichhardt ihre volle Bestätigung erfahren. Es ist eine lange bekannte Tatsache, datz der tierische so gut wie der menschliche Körper die Fähigkeit besitzt, sich an die ver- schiedensten Eiste, ich nenne nur Nikotin, Kaffee. Alkohol, Morphium, Opium und Arsenik, durch allmähliche Steigerung der zugeführten Dosen derart zu gewöhnen, datz eine sonst absolut tödlich wirkende Menge ohne nennenswerte Schädigung der Gesundheit ernagen werden kann. Und zwar beniht diese Fähigkeit des lebenden Körpers auf dem Bennögen, sür jedes eingeführte Gift(Toxin) ein Gegengift(Antitoxin) zu erzeugen, das die schädigende Wirkung des elfteren aufhebt. Run bildet aber die vorfichttge Natur im allgemeinen gleich mehr Antitoxine als zur momemanen Reuttalifierung(Absätttgung) nötig find. Diese speichern fich im Körper auf und liegen hier für eme eventuelle spätere Attacke als Schutzmittel bereit. Aus dieser Erfahrung ist auch die Schutzimpstmg hervorgegangen, wie sie allgemein gegen Pocken und andere Jnfettionö- krankheilen angewandt wirb. Denn durch die Impfung wird nichts weiter bezweckt, als im Körper die Bildung eines auf eine Reihe von Jahren wirksamen PockengegengisteS anzuregen, das bei einer etwa ausbrechenden Epidemie selbständig die eindringenden KrcmkheitSkeime zu vernichlen befähigt ist. Die starke Rück- dämmung der Pockenerkrankungen seit Einführung des Impf- zwanges legt am lautesten Zeugnis dafür ab, datz der ein« geschlagene Weg der richtige ist. Bekannt ist eS endlich jedem, datz Personen, die bereits an Masern, Scharlach. Keuchhusten usw. erkrankt waren, gegen eine neue Ansteckung so gut wie gesichert sind, eine Erscheinung, die ebenfalls nur durch die Bildung eines im Körper wirksam bleibenden Schutzstoffes erklärt werden kann. Der Laie sagt, der Körper hat sich an die Krankbeit gewöhnt. Diese und noch viele andere Tatsachen führten W. zu der Annahme. datz die Ermüdung gleichfalls auf der Wirkung giftiger Stoffe beruhe, die bei Anstrengung irgend welcher Art in den MuSkebt durch chemische Zersetzungen entstünden. Seine Versuche bezweckten, zu sehen, ob es nicht möglich sei. diese Toxine auf künstlichem Wege in grötzerer Menge zu er« zeugen und in reiner Form zu erhalten, um ihre Natur genauer erforschen zu können. Zu diesen Experimenten wurden seile Unglück- lichen Tiere verwendet, die nur dazu geschaffen scheinen, um im Namen der Wissenschaft gemartert zu werden: Meerschlveinchen und Kaninchen. Den Ausgangspunkt zur Geivinnung deS Giftes bildet der ErmlldungSakt selbst. So einfach es anscheinend ist. ein Tier zu ermüden, so schwer gestaltet sich die Aufgabe, wenn eS gilt, durch Ermüdung erhebliche Mengen des ErmüdnngStoxinS zu gewinnen. Denn beim Ermüden werden nach W.'s Anficht die in jedem gesunden Organismus zahlreich vorhandenen Antitoxin- bildungsstätten sofort zu erhöhter Tätigkeit angeregt und sättigen daS ErmüdimgSgift gleichsam im Entstehen wieder ab. Ist jedoch die Menge des gebildeten ErmüdungStoxins längere Zeit hindurch eine sehr grotze gewesen, so werden die das Gegengift abso»d«ntdcn Zellen überanstrengt. Jetzt erst häuft fich daS Ermüduugötoxin in dem Matze an. datz an feine Gewinnung gedacht werden kann. Ermüden, das von Zeit zu Zeit unterbrochen wird, führt zumeist nicht zum Ziele. AlS zweckmätzigste Ernrüduiigsart er- wies fich ein stundenlanges Rückwärtsziehen der Berfiichstiere über einen rauhen Teppich, bis endlich der ErmiidungStod sie von ihren Qualen erlöste. Aus dem Muskelfleisch der so getöteten Tiere wurde dann mittels sehr umständlicher Methoden ein Stoff gewonnen, den die weiteren Versuche in der Tat als daS gesuchte Gift erwiesen. Wenn man nämlich von diesem Stoffe einem völlig frischen und gesunden Tier eine Kleinigkeit in die Blntgefätze spritzt, so beginnt eS bereits nach wenigen Augenblicken deutliche Zeichen der Ermüdung zu zeigen. Die Bewegungen werden matt, die Körper- temperatur steigt anfangs, um dann rasch weit unter die Normalhöhe zu sinken, ja war genügend Gift eingespritzt, dann tritt bereits nach wenigcit Stunden der typische ErnmduugStod ein. Damit war der wichtige Beweis erbracht, datz die Erinüdungs« crscheinuugen in der Tat durch einen Giftstoff hervorgerufen loerden. der sich bei Anstrengungen in den Muskeln ablagert. Bedeutet dieser Nachweis auch zweifellos einen groheu theoretischen Erfolg, fo wäre damit allein für die Praxi» noch nichts gewonnen. Durch Einspritzen deS MuskelgisteS in die Adern von Pferden ist es jedoch W. scheinbar gelungen, auch daS ersehnte Gegengift und Heilmittel, ein Serum gegen Ermüdung, zu gewinnen. Sein Verfahren war dabei ein ganz ähnliches, wie es schon lange von Behring zur Erzeugung des Diphtherieserums angelvandt wird. Der Beweis, das; es sich bei dem aus dem Pferdeblut ge- Ivonnenen Stoff wirklich uni das Ermüdungsantitoxin handelt, wurde folgendermaßen geführt. Brachte man einem Meerschweinchen oder einem anderen Versuchstier durch den Mund oder mittels In- ieklion(Einspritzung unter die Haut) eine Kleinigkeit des Serums 1 Milligramm ist bereits genügend) bei, so konnte ihm darnach ruhig eine starke Einspritzung des ErmüdungSgifteS gemacht werden, ohne daß sich eine Spur von Mattigkeit oder andere schädliche Folgen bemerkbar machten. Daß auch die körperliche Leistungs- fähigkeit beim Menschen durch den Genuß des Serums erheblich gesteigert wird, beweist am besten folgender Versuch, der wörtlich mitgeteilt fei: Ergographenversuch(der Ergograph ist ein von einem italienischen Physiologen erfundener Apparat zur Messung der absoluten Muskelkraft):„Ein junges Mädchen hob am 10. Juli nach längeren sorgfältigen Vor- iibungen mittels des rechten Mittelfingers 2 Kilogramm 1,533 Meter hoch. Am 13. Juli hob dasselbe Mädchen, nachdem sie viermal 0,25 Gramm Serum in Pastillen genossen, 2 Kilogramm 2,487 Nieter hoch. Am 27. Juli, nach vollkommenem Verschwinden des künstlich in den Körper gebrachten Antitoxins, hob sie 2 Kilogramm nur Z,