AnterhaltungMatt des Worwärts Nr. 30 Dienstag� den 12 Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) so] JMadamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. „Edmund, entsinnst Du Dich wohl noch des kleinen Kindes, das mitten auf dem Rasenplatz in einem Park saß, an einem Tag im Frühling, als wir zusammen ausfuhren?" Sie senkte die Stimme ganz. „Das war am Morgen nach der Nacht, als Du mich auf dem Treppenflur sitzen fandest." Hall schwieg, er konnte sich des Kindes nicht entsinnen. Und er sah den elenden Blick nicht, mit dem Leontine um sein Erbarmen flehte, oder er verstand ihn nicht. Da lehnte sie sich still in den Stuhl zurück und schloß die Augen und den Mund. 13. Die Mitglieder des Kreises hatten sich eingefunden. Man war im Begriff, die Fenster zu verdunkeln, als an die Tür gepocht wurde. Hall ging hin und fragte, wer es sei, ein Mann draußen sprach einige Worte. „Das ist Ralph I" rief Madame d'Ora aus.„Das ist Herr Lee. Darf er nicht hereinkommen?" Hall durchschnitt mit einem Taschenmesser den Papier- streifen, der über die Türritze geklebt war und öffnete. Als Herr Lee hereingekommen war, wurde die Tür wieder zu- geklebt. Madame d'Ora stellte Lee vor. Er grüßte, indem er sich nach der Mitte des Laboratoriums zu verneigte, weder unerzogen, noch gewandt. Er war ein langbeiniger, jungcer Mann mit einem ein wenig vorgestreckten, klugen Kopf, seine Gesichtsfarbe war hell und frisch, seine Augen lagen tief und waren groß, der ganze blaue Ring in ihnen war sichtbar. Er war auf das sorgfältigste gekleidet, in dem dummdreisten Stil des Tages, mit einem Kragen, der bis an die Ohren hinanging und enorm vorspringenden Schuhsohlen— es sah aus, als sögen sich seine Füße fest. Sein Anzug war funkel- nagelneu und die Beinkleider scharf gepreßt, wie um die Luft besser zu schneiden, und auch sonst bemerkte man an seiner Kleidung alle diese kleinen, ungeheuer wichtigen Details, die eine Woche lang so wunderbar sind, um dann ganz unmöglich >u werden. Er glich dem Sohn eines Millionärs, dem Erben ünes Kohlenlagers oder einem jungen Amateurradler. Als er ein paar formlose Worte mit Edmund Hall gewechselt hatte, nicht mehr als nötig war, richtete er unverzüglich seine olauen, ernsthaften Augen auf Madame d'Ora, ohne sie nieder abzuwenden. „Geht es Ihnen gut?" fragte er. Seine Stinime war laut und ein wenig schleppepd, er dämpfte sie nicht. „Ja,— sehen Sic, jetzt wird es dunkel, Ralph." Er sah ruhig nach den Fenstern hin, die bis auf eins geblendet waren, und ließ dann den Blick durch das Labors- torium schweifen, als wollte er sich nierken, wo alle standen, bis es ganz dunkel wurde. „Sie haben geweint," sagte er. „Ja. Ralph." Einen Augenblick später war die Dunkelheit vollkommen, und fast gleichzeitig zündete Hall das verborgene Licht an. Sie befanden sich in der roten Grotte. Nachdem der Kreis seine Plätze eingenommen hatte,— Herr Lee erhielt einen Stuhl neben Madame d'Ora— verlas Hall wie gewöhnlich das Programm der Sitzung. Es var diesmal weiter nichts Ungewöhnliches zu erwarten, als >as Eld, ihrem Versprechen von der letzten Sitzung zufolge, einen Versuch machen wollte, dem Kreis das fehlende Glied '.wischen Affen und Menschen, das sogenannte rn i k s i n x link, zu zeigen. Dies geschah auf Anregung von Hall 'elbcr. Im übrigen wollte man die Erscheinungen nehmen, vie sie kamen. Hall machte darauf aufmerksam, daß er eine lleränderung mit der Umfriedigung vorgenommen hatte, o daß diese nun anders wirken würde als bisher, falls ie überschritten werden sollte. Dann nahm er Mirjam bei )er Hand und führte sie in das Kabinett. Fräulein Karckin :ah heute wohler und lebhafter aus als sonst, nur lag etwas sonderbar Halbverschlossenes. Teilnahmloses in ihrem Blick. Als sie hineinging, sah man, daß ihr Haar in Flechten um ihren Hinterkopf gelegt war. Nun begann die Unterhaltung: die korpulente Dame setzte sich an das Harmonium und spielte. Das Geschwätz nahm ungestört seinen Fortgang unter den Mitgliedern des Kreises. „Warum haben Sie geweint?" fragte Lee Madame d'Ora. „Ihr neues weißes Haar sieht so gut aus hier in diesem Kirchenlicht..." „Ich werde reisen," sagte Leontine leise.-«Ralph, ich reise noch heute abend." Er schwieg baumstill. „Es ist wahr, Sie werden mich nie wiedersehen... Ich meine, i ch werde Sie nie wiedersehen, Ralph Winnifred Lee." Er murrte. Madame d'Ora lachte ein wenig über ihn. „Sie glauben es noch nicht. Gut." Er fing an, sich unruhig zu bewegen, er unterdrückte einen tiefen Seufzer. „Wohin?" „Nach Hause." „Ach, nicht weiter I" sagte er und lachte erleichtert.„Dahin, wo Sie zu Hause sind, befördert der Portier auch meinen Koffer. Gehen Sie nach Europa?" „Still, Ralph! Jetzt müssen Sie acht geben. Fühlen Sie nicht eine sonderbare Veränderung in der Luft?" Lee streckte den Hals in seinen krachenden Kragen, öffnete die Augen und schloß sie wieder. „Ich merke nichts." „Ich übrigens auch nicht. So! Sehen Siel" Die Portieren vor dem Kabinett bewegten sich. Aber zu aller Verwunderung war es Mirjam selber, die erschien und sich mit einem Blick auf Edmund Hall vor das Kabinett stellte. Er ging hin und sprach ein paar Worte mit ihr, worauf sie wieder zwischen den Draperien verschwand. Hall kehrte an seinen Tisch zurück und erklärte, Mirjam habe gesagt, es sei ihr unmöglich, in Trance zu fallen. Die Luftverhältnisse wären wohl nicht giinstig. Hall notierte den Barometerstand und beobachtete verschiedene andere Instrumente. Vielleicht wirke auch die Anwesenheit eines ganz neuen Mitgliedes störend. „Das bedauere ich sehr," sagte Herr Lee laut.„Wenn meine Anwesenheit einen störenden Einfluß haben sollte, so bin ich gern bereit, mich zurückzuziehen." Hall beruhigte ihn.„Es sei vorgesehen, daß ein ein- zelnes Glied des Kreises eine Verbindung zwischen diesem und dem Medium unterbrechen könne. Aber es seien ja erst einige Minuten vergangen. Wahrscheinlich würde die Anwesenheit eines ganz neuen Mitgliedes nur bewirken, daß es ein wenig länger währte, bis der Strom zwischen dem Kreise und dem Medium geschlossen sei. Lee blieb unruhig sitzen. Madame d'Ora war in einer Unterhaltung mit Frau Mac Carthy be- griffen. Aber es schien heute lange zu währen. Aus dem Kabinett ertönte kein Laut, und kein kalter Lufthauch verkündete, daß etwas vor sich ging. Die starke Dame spielte und sang ein geistliches Lied nach dem anderen. („Willst Du nicht etwas singen?" fragte Hall Madame d'Ora. Sie nickte, erfreut, daß er sie ansah. Sie suchte seine Augen zu fesseln, indem sie ihr anziehendstes Gesicht aufsetzte, sie beeilte sich, mit ihm an das Harmonium zu treten. Und solange er dort stehen blieb, fing sie nicht an zu spielen, sondern saß ihm zugewandt da und freute sich, daß er dort stehen blieb. Als erLing, beugte sie sich stumm und verlassen über die Tasten. Nachdem sie allerlei Bruchstücke zu spielen versucht hatte, ging sie in eine einfache Melodie über und sang ganz, ganz gedämpft: Im Drange meiner vollen Brust Ein süßes Aengsten lebt, DaS ist mein eigenes, stummes Kind, Das unter dem Busen webt. Wenn ich erröte, ist es das Blut Der Kindheit tief in mir? Mein Herz erschrickt mit jedem Mal Bei einem Laut ve« dir. Ich weine im Schlaf, ich seufze und lach Mit ihm, das still gedeiht, Ich träume mit dir und säume dir Das grüne Erdenkleid. Wir träumen von des Meeres Flut Und von des Himmels Blau, Von Wiesen und von Waldesgrün Und Rosen auf der Aul Mit doppelter Lust, mit doppeltem Leid In der bangen, schwangren Nacht, Fühl doppelt ich das Loben nun Und was mich einsam macht. Ach, all, was mit mir fiel und starb Wird dir zum neuen Sein, Der jungen Sterne zartes Licht, Des Mondes Silberscheinl Will sterben, will es lächelnd tun Und schwinden ganz für Dich, Dich mach ich frei, doch dafür auck Verschlingt die Erde mich! Ich schenk' das schöne Leben dir, Laß mich nun gehn zur Ruh Du bist mein Kind, das alles erbt Und nichts dafür gibst du! Sie blieb am Harmonium sitzen, ohne aufzusehen, ohne sich zu rühren. Einige vereinzelte Versuche, Beifall zu klatschen, erstarben. Es entstand eine lange Pause. Als Madame d'Ora nichts anderes zu spielen begann, kam Hall und führte sie wieder an ihren Platz. Sie fühlte, daß er nicht einmal danach hingehört hatte, was sie sang. Herr Lee sah sie forschend an. Aber es war, als kreuzte er seinen eigenen Gedankengang, als ör sprach: »Ich vermute, das hier�ist eine Art Varitllß. Ihr Gesang hat mir gefallen. Soll ich nicht auch ettoos vortragen?" „Nein, Ralph l" „Ich machte heute morgen ein Gediqt. Es war an Sie. Gut, dann sollen Sie es nachher hören. Es war nur über New Fork, das in der Morgenstunde hoch aufragt und nach der See hinausmurmelt. Amerika, das sich sehnt... ich habe heute morgen so an Sie gedacht. Und dann bekam ich das Telegramm." „Liebster Ralph, schweigen Sie jetzt still! Lassen Sie mich in Ruhe! Stecke ich Sie jetzt auch noch mit meincin Gähnen an? Ich bin so müde. Ralph, wie gern ich Sie habe! Aber ich bin ja alt und krank. So!— Können Sie merken, daß ich getrunken habe?" Er nickte scheu und schwieg. (Fortsetzimg folgt.) (Nnchdruck verboten.) Die Lcn'. Rovelette von Richard H. Schröder. Die Len' ist fünfzehn Jahr gewesen. Die Leu' hat blaue Augen und blondes Haar. Wenn die Sonne ans die Aöpfe der Len' scheint, glänzen sie wie Gold. Aber nicht wie gewöhnliches gelbes Gold, aus dem die Fingerringe und Geldstücke gemacht werden, sondern wie das Gold, in dem die alten Föhrenstämme erglühen, wenn die Mittagsglut über dem Walde liegt. Alle Leute kennen die Len'. Die Nachbarn rechts und die Nachbarn links— alle grüßen sie, einer wie der andere. Die ganze Gasse sieht ihr nach, wenn sie mit zierlichen Schrillen, das Köpfchen ein wenig gesenkt, einhergetrippelt kommt. Die Leute stoßen sich dann jedesmal an:„Seht Ihr die Len'? Wie'ne Prinzessin, nicht wahr? In den Märchenbüchern gibt's solche." Und die Waschfrauen, die immer im Keller stecken und darum stets nur die kleinen Füße der Len' sehen können, tuscheln:„Sie hat grüne Schuhe an, wie'ne Dame. So'n Ding schon grüne Schuhe I Ach Gott ja. Ob die Len' wohl waschen kann?" Biel besser als alle Nachbarn rechts und links und als die Waschfrauen in: Keller kennt Hans Heinrich die Len'..Das macht, er ist ihr nächster Nachbar. Die väterlichen Häuser stoßen an- einander, und die Gärten dahinter trennt nur ein ganz niedriger Zaun. HailS Heinrich ist nur ein Jahr älter wie die Len' und ihr Freund. Er ficht weder eine Märchenprinzesstn in ihr, noch fragt er. ob sie waschen kann. Ihre Freundschaft stammt vom Sandhaufen her, und der niedrige Zaun hat sie begünstigt. Sie find Tag für Tag darüber gestiegen: einmal die Len'— das anderemal Hans Heinrich, immer abwechselnd. Heute ist Hans Heinrich über den Zaun gestiegen, trotzdem eigentlich die Len' an der Reihe war. Aber die Len' ist krank ge- weien, drei volle Wochen krank, und da wollte er ihr es nicht zu- muten. Len's Kranksein war von den Nachbarn rechts und von den Nachbarn links allgemein bedauert worden. Sie hatten sich ver- wundert angesehen und die Köpfe geschüttelt:„Die Len' krank? Sie war doch sonst immer gesund. Na ja. die Jahre! Und die Luft jetzt I Wenn's so nach Veilchen riecht— da ist sie gefährlich!" So flog's durch die Gaste— herüber und hinüber, bis es sogar die Spatzen auf den Dächern wußten. Die Waschfrauen im Keller lächelten sich verständnisinnig an, als sie die kleinen Füße der Len' nicht mehr sahen.„Das find die grünen Schuhe", sagten sie.„Die find so leichte. Schwarze find besser." Am meisten betroffen von Len's Krankheit war natürlich Hans Heinrich. Die ersten Tage ging er wie ein Träumender umher, dann begann er sich Gedanken zu'machen. Was die Leute meinten und die Waschfrauen, glaubte er nicht. Das mit der Lust, die nach Veilchen riecht, war ihm nnklar, und das von den grünen Schuhen leuchtete ihm auch nicht ein. Nach der ersten Woche fragte er sein Orakel. Das Orakel hieß Fritze Becker und war ein Primaner, von dem die Sextaner sagten, daß er alles wüßte. Die Backfische schwärmten für ihn, weil er mit achtzehn Jahren schon einen ganz ordentlichen Schnurrbart hatte. Er wollte Medizin studieren. Schon jetzt stand in dem ver- schwicgensten Winkel seiner Bude ein blanker Totenschädel, und jeden Morgen wusch sich Fritze Becker in Lysol. Auf HanS Heinrichs sorgenvolle Frage hatte er zunächst nur ein mitleidiges Lächeln. Erst als Hans Heinrich ganz energisch ihn bestünnle, ließ er sich zu einigen Worten herbei.„Kleiner," sagte er.„die Leute quatschen. Sie stehen alle auf einem sehr niedrigen geistigen Niveau. Die Len'— die Len', hm— das arme liebe Ding— doch das verstehst Du nicht, Kleiner." Danach wollte er sich lotlachen. " Hans Heinrich merkte, daß Fritze Becker dunkel war wie alle Orakel. Das peinigte ihn umsomehr, alS sich zu der Ungewißheit noch ein seltsame? Gefühl gesellte, das er vorher nie gekannt, und für das er keinen Namen fand. Das nanicnlose Gefühl ließ ihn oft stundenlang zu dem Fenster hmaufstarren, hinter dem er die Len' wußte. Das namenlose Gefühl ließ ihn in den Wald laufen und Veilchen und Anemonen pflücken. Aber nach Hause brachte er die Blumen nie. Er warf sie schon im- »ier vorher in einen kleinen Bach und sah melancholisch zu, wie die Wellen sie entführten. Dabei murmelte er unverständliche Worte, die die Wellen ebenso begierig verschluckten wie die Veilchen und Anemonen. Im Laufe der zweiten Woche versuchte er sich ernstlich über daS namenlose Geiühl klar zu werden. Es gelaug ihm aber nicht, lieber zwei Gegensätze kann er mit dem besten Willen nicht hinweg. Er sagte sich:„Fritze Becker ist mein Freund. Aber wenn er von mir verlangte, ich sollte auf daS Kirchturuidach steigen und die Wetterfahne herunterholen, so würde ich ihm kalt- lächelnd sagen:„Fritze Becker, du bist verrückt." Die Leu' ist meine Freundin. Doch wenn sie zu mir sagte:„Hans Heinrich, klettere dort auf das hohe Schieferdach und stehe dort oben auf dem Kopfe, ich würde es tun."— Bei all diesen Grübeleien wurde ihm nur eins klar: es gab auch in der Fremidschaft ein masculmum und ein femininura. Am Ende der dritten Woche erfuhr er, daß die Len' wieder gc« sund sei. Bei dieser Nachricht war er wie besestcn in den Wald gelaufen, um die letzten Anemonen und ersten Maiglöckchen zu holen. Als er dann über den Zaun stieg, fand er, daß das namen- lose Gefühl verschivunden war und einer tollen Freude Platz ge- macht hatte. »• « HanS Heinrich" letzte Anemonen und erste Maiglöckchen liegen auf dem steinernen Tische unter dem blühenden Flieder. Die Len' steckt manchmal ihr RäSchen in die Blumen und das macht Hans Heinrich Freude. Er sitzt ihr gegenüber und starrt sie fortwährend an. Die Len' hat ein Buch vor sich, in dem sie eifrig blättert. Hans Heinrich findet die Len' verändert in den drei Wochen. Aber krank sieht sie durchaus nicht aus. Im Gegenteil. Sie ist voller und runder wie früher. Alles Eckige. Knochige ist Verschivunden. Sie blüht förmlich. Ihre Augen, die sonst immer einfältig lachten, haben jetzt einen weichen, warmen Glanz, als ob sich etwas Herrliches darin wieder- spiegelte. Die Len' ist nicht ganz bei ihrem Buche. Sehr oft gehen ihre Augen von den schwarzen Buchstaben hinweg in die Ferne. Dort steht dann jedesmal das vor ihr, was sie drei Wochen lang von der blühenden Welt da draußen gettennt. Sie hört den Frühlingswind an das verhangene Fenster klopfen: .Len', ich bin da. Komm doch". Und sie hört die Mutter:.Len', ein bißchen Geduld, nur ein bißchen. Ich bin doch bei Dir, Kind. Siehst Du, Liebling, das ist ein Stückchen von unserer Domen- Irone. Aber auf unserer Stirn darf man nichts davon sehen, Kind." Dann tritt der Vater ins Zimmer. Er poltert ein wenig und steckt sich, während er spricht, eine Zigarre an:«Nun, Frauen- zimmerchen? Wie stehen die Aktien? Mach' nur flink, dost Du wieder gesund wirst I Was wünscht sich daS Fräulein Tochter? Samt oder Seide? Etwas Buntes für ihre Augen und für die Augen der... der Hahaha I" Und das Schönste. Das Allerschönste. Wenn der Frühlings- wind schlafen gegangen und die Stimmen der Eltern nur ganz ge- dämpft aus dem Nebenzimmer herüberUangen. Dann kams. Ja was nur? Meistens sah es aus wie Engel. Schmale blasse Gesichter und lange wciste Gewänder. Sie standen um das Bett herrim und sangen mit feinen Stimmen. Manchmal aber lag auch ein froh- liches Rot auf den blasten Gesichtern. Dann nahmen die feierlichen Gewänder kecke Farben an, unter denen sich jugendkräftige Glieder strafften. Die Stimmen klangen nicht mehr fein und fern, sondern ganz nahe und wie Meeresrauschen. Das machte die Leu' jedesmal zusammenschauern. Aber es war nicht Furcht. Es war wie niegekannte Freude, wie heimliche Lust, die durch ihre Glieder ging. Hans Heinrich wundert sich über die Len'. Sie sieht immer so weit weg und sagt gar nichts. Früher war das ganz anders. Da ging ihr Mund nur so. Aber seiner auch. Doch heute hat er eine Art Scheu vor ihr. Es kommt ihm fast vor, als wäre es gar nicht mehr die alte Lehn', sondern eine andere, fremde. Nach einer Weile fast er sich ein Herz. Er ist doch schließlich nicht über den Zaun gestiegen, um der Len' nur gegenüber zu sitzen. „Len'," sagt er laut.„Len'—." „Was, Hans Heinrich?" fragt sie ihn ansehend. Ihre Augen machen ihn eigentümlich beklommen. Die tolle Freude schwindet und das namenlose Gefühl konrmt wieder. Er möchte aufspringen, zu ihr hinstürzen und irgend was sagen, so was ganz Verwegenes, etwas, was er noch nie gesagt. Aber er findet nicht die Worte. Ja, wenn's noch die alte Leu' wäre. „Len'," preßt er mühsam hervor.„Len'— Du— Du— es hat uns allen sehr leid getan, daß Du so krank warst— mir— mir auch." „Das ist hübsch von Dir", lächelt sie. Dann beugt sie sich über das Buch. Hans Heinrich blickt ärgerlich zu Boden. Warum mir heute die Worte so schwer kommen, denkt er. In den drei Wochen ohne sie hat er sich so diel zurechtgelegt, was er sagen gewollt, und nun bleibt alles in der Kehle stecken. Früher ging das alles so leicht. Wie oft hatte er nicht schon gesagt:.Len', Du bist frech", oder „Len', ich geb' Dir eine Ohrseige", oder.Leu', dummer Fratz". Ob er das jetzt auch mal sagte? Nein— lieber was anderes. Was — was ganz anderes— ganz Leises— ja was nur? Hans Heinrich nimmt einen Stein vom Boden und wirft nach einer Anisel, die über ihm auf einem Baume sitzt und flötet. Die Len' sieht vorwurfsvoll auf. Er merkt es und erschrickt ein wenig. „Die gehen doch bloß in die Erdbeeren", sagt er entschuldigend. Die Len' liest schon wieder. Hans Heinrich wühlt in den Taschen und bringt eine Zigarette zum Vorschein. Das ist das Richtige, denkt er. Das hat der Leu' früher immer imponiert.„Wie ein Student", hat sie immer dazu gesagt. Er zündet sich die Zigarette an und bläst den Rauch keck über dep Tisch der Len' entgegen. Ob sie wohl wieder hustet wie früher? Er hat ihr dann inuner auf den Rücken geschlagen und gesagt:„Na, stirb nur nicht, Leu'. Du kannst auch gar nichts vertragen." (Schluß folgt.) Kleines f eirilleton* lieber die Denkmäler auf der Potsdamer Brücke in Berlin ist schon so diel geschrieben worden, daß man meint, es ließe sich kaum noch etwas Bemerkenswertes darüber sagen. Man ist ja in Berlin in Denkmalsfragcn so sehr abgebrüht, daß es kaum wundernehmen kann, wenn die vielen Millionen Augen all die Mängel kaum noch sehen, um so weniger, als sich ein halbwegs anständiger Mensch in Berlin überhaupt keine Denkmäler mehr ansieht. Da mich aber mein Weg spät abends, wenn ich noch am ehesten ein paar Augen- blicke Zeit hatte, oft über die Potsdamer Brücke führte, so kam ich fast wider Willen in die Verlegenheit, mir die Denkmäler der großen Gelehrten etwas näher zu besehen. Was den Denkmälern die größte Antipathie eingetragen hat, nämlich die Position der vier Männer, ist vielleicht noch am ehesten zu entschuldigen. Die Darstellung der Personen auf Lchustühlen sollte offenbar an die sitzende Lebensweise der meisten Gelehrten erinnern. Da doch nun aber der Mensch etwa 8 Stunden täglich, also ein Drittel seiner gesamten Lebenszeit, im Bette zubringt, so könnte ein sinniger Künstler nach demselben Prinzip auch auf die glänzende Idee kommen, jemanden in dieser seiner Hauptbeschäftigung darzu- stellen. Zu welchen Konsequenzen das bei den oft schlechten Wohn- Verhältnissen und Schlafgelegenheiten führen könnte, ist gar nicht abzusehen. Doch sehen wir einmal von den künstlerischen Mängeln ab. Wir können das auch hier um so leichter, als wir ja zu solcher Ver- zichtleistung bei jeder Dcnkmalsenthüllung in Berlin einfach ge- zwungen sind. Wir müssen dann vor allen anderen Dingen die historische Wahrheit des Bildwerkes verlangen. Jedoch auch in diesem Punkte ist es bei den Denkmälern sehr übel bestellt. Wenn ein Künstler das Bildwerk eines bedeutenden Mannes darstellt, so müßte man vermuten, daß er das nur tun kann, nachdem er sich innig mit dem Charakter dieses Mannes vertraut gemacht haj, um ihn der Nachwelt in seinen markanten und historisch bedeut- amen Zügen zu hinterlassen. Wir können da etwa an den Klinger- chcn Beethoven denken, der uns den gewaltigen Genius in ideali. iertester Form dennoch in aller Treue überliefert hat. Dem nach- zukommen, war besonders bei dem Denkmal von Siemens nicht schwer, da dieser selbstgeschriebene Lebenserinnerungen hinter» lassen hat, aus denen man sich in Verbindung mit manchen anderen leicht zu Gebote stehenden Nachrichten ein ganz gutes Bild dieses Mannes zu machen imstande ist. Nun schreibt Siemens, daß er sich immer mehr als Gelehrter gefühlt habe denn als Kaufmann und Praktiker. Seine Freunde, Zeitgenossen und Mitarbeiter be- stätigen diese Selbstkcnnzeichnung. Daraufhin stellt der ausführende Bildhauer des Denkmals den Gelehrten im— Werkstattarbeitskittel dar!— Bei Röntgen wird man erstaunt sein über das merkwürdige Ding, das er in seiner Rechten hält und sinnend beschaut. Der Fachmann wird nach langem Ueberlegen schließlich zu der Einsicht kommen, daß er es mit einer allerdings sonderbar geformten Kathodenstrahlenröhre zu tun hat. Nach dieser Erkenntnis wirkt diese eigenartige Sorte von Allegorie nur noch um so komischer.— Wendet man sich zu Gauß' Denkmal, so sieht man, daß ein Telegraph herhalten muß, um dem Denkmal das ganz überflüssige allegorische Beiwerk zu geben. Wäre es nicht viel besser gewesen, man hätte die dort besonders geschmacklose Versinn- bildlichung weggelassen und einfach an den Sockel geschrieben: „Karl Friedrich Gauß, Erfinder des elektromagnetischen Tele- graphen"? Zudem hätte man dann zugleich noch dem viel größeren Mathematiker Gauß gerecht werden können. Der aus- führende Bildhauer hat sich überdies hier auch diejpite Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich noch einen besonderen Scherz zu leisten. Wenn einmal zu Hause die elektrische Klingel entzwei war, so haben die meisten von uns sich schon mit Erfolg an deren Reparatur herangemacht. Gewöhnlich war dann das Element schlecht und wir haben es„neu angesetzt". Das machte dann zwar ein bißchen Schweinerei, aber es„ging" doch nachher dafür auch wieder. Wir wußten dann, daß wir einen der beiden Leitungsdrähte an die Kohle, den anderen an das Zink zu legen hatten. Nicht so der Bildhauer des Gauß-Denkmals. Und so telegraphiert denn Gauß jahraus jahrein schon mit den beiden Drähten an der Kohle, wohingegen das Zinkende frei in den schönen Weltraum hinaus- ragt. Offenbar allein zu meinem Gaudium! Denn ich habe schon die ganzen Jahre vergeblich gewartet, ob's niemand merkt.— So verdiente Beachtung finden bei uns Denkmälerl Nun noch zu Helmholtz' Denkmal. Dieser Helmholtz stützt sich mit seinem rechten Arm. Es ist sein unzweiselhaftes Recht, sich mit seinem rechten Arm zu stützen, noch dazu auf eigene Lebenswerke. Und gar auf solche Lebenswerke! Man hätte aber dabei nicht notwendigerweise in Konflikt zu kommen brauchen mit der Tat- fache, daß seine epochemachende und ganz außerordentlich be- deutende Arbeit„Ucber die Erhaltung der Kraft" im Original nur 71 kleine Oktavdrucksciten umsaßt, also eine kleine Broschüre dar- stellt, während man ihm am Denkmal unter diesem Titel einen Wälzer vom Volumen einer aus dem 11. Jahrhundert stammenden geschriebenen Altarbibel unterschob. Man hätte schließlich im Druck noch dickere Lebenswerke von ihm gefunden— noch ist der er- wähnte Mangel nicht so schlimm.— Man hat sogar auf solche noch zurückgegriffen. So trägt z. B. eins der dort liegenden den viel- verheißenden Titel„Physiologische Optik". Immer stand der Titel nicht dort. Vielmehr konnte der staunende Naturforscher und auch der Philologe kurz nach der Enthüllung eine„Physiologie der Optik" liegen sehen, als von Helmholtz verfaßt. Der ausführende Bild- Hauer hat doch sicher die so vielgepriesene humanistische Bildung vollkommen intus gehabt— anderenfalls hätte man ihm doch wohl kaum die künstlerische und ideale Darstellung eines so bedeutenden, vielseitigen und tiefen Gelehrten wie Helmholtz übertragen können. Ein« kleine Seitenfragc: Was sich der betreffende Herr dabei wohl gedacht haben mag? Von dem rein Künstlerischen habe ich bei alledem noch gar nicht geredet. Wohin könnte es auch führen!— Fl. Theater. Residenz-Theater.„Haben Sie nichts zu verzollen?" Schwank in drei Akten von Hennequin und B e b e r. Der neueste Pariser Residenz-Theater-Schwaick unter- stellt bei seinem Publikum eine, sagen wir in höflicher Um- schrcibung: Ungenicrtheit, die daS für dieses Genre sonst er- forderliche Turchschnittsmaß der Abhärtung noch um einige Grade übersteigt. Das junge Eheglück des Herrn de Trivelin hat in der ersten Nacht der Hochzeitsreise eine Störung erhalten, von der es sich in Wochen nicht erholen kann. Gerade in dem Augcichlick, da seine Liebcsbeteucrungen sich zum kühnsten Schwung erhoben, wurde die Coupetür vom Grenzbeamten aufgerissen und die rauhen Worte:„Haben Sie nichts zu verzollen?" zerschnitten jäh und' grausam das Idyll. Unauslöschlich hat sich der Schreck in Trevelins Seele eingegraben; jedesmal, wenn seine Leidenschaft die Schwingen wieder regen möchte, ertönt in seinem Geiste die verhängnisvolle Frage und reißt ihn unbarmherzig aus der Illusion. Dem drollig originellen Einfall gewannen die Szenen des ersten Aktes bei all ihrer grobschlächtigen Verfänglichkeit Situationen von schlagend komischem Effekte ab. Im zweiten Akte gab's bei der Kokotte, die Herr Trivelin, um sich Mut zu machen, aufsucht, das übliche Ver- steck- und Ueberraschungsspiel, bereichert um den neuen, verblüffend inszenierten Possentrick, daß drei Männer auf offener Bühne Rock und Hose wechseln; der dritte schleppte sich in humorlosen ge- quälten Frivolitäten hin. Das Spiel war flott und munter und unterstrich das Peinliche nicht. Vor allem Alexander in der Nolle de Trivclins hatte seinen guten Tag. 6t. Medizinisches. Der Rückgang der Lungentuberkulose. In den meisten zivilisierten Ländern hat im Laufe der letzten Jahre die Zahl der Todesfälle an Lungenschwindsucht merklich ab- genommen. In Paris, Berlin, Hamburg, Kopenhagen, London und New Uork ist der Betrag ziemlich gleichmäßig zurückgegangen, und zwar sank er in einigen dieser Städte um die Hälfte. Eine Ausnahme bildet Norwegen. Dort ist in den Jahren 1871 bis ISlXI eine erhebliche Zunahme an Todesfällen an Lungentuberkulose bc- obachtet worden. Auch in Irland hat eine Zunahme stattgefunden, wenn auch nicht in einem so erheblichen Maße wie in Norwegen. Der Rückgang der Krankheit in den anderen Ländern ist auf die moderne Beerbefferung der sanitären Lebensbedingungen und auf das Wachstum des Volkswohlstandes zurückgeführt worden. Nach einer Mitteilung des Journals der amerikanischen medizinischen Vereinigung hat nun Newsholme statistische Untersuchungen an- gestellt, und die Lebensart, die Uebcrvölkerung, den Preis des Weizens und sonstige Nahrungsmittel, die Armut, die öffentliche Erziehung, die Absonderung der Kranken durch ihre Unterbringung in Anstalten als mögliche Ursache des Rückganges in Rechnung gc- zogen. Nach der Meinung Newsholmcs besteht, soweit sich die Sache übersehen läßt, nur zwischen der Anstaltsvcrsorgung der Kranken und den Todesfällen an Tuberkulose ein eindeutiger Zusammen- �ang. Letzterer war durch einen Vergleich der in Anstalten be- sandelten Fälle mit den sonst aufgetretenen Erkrankungen in einer Reihe von Städten und Ländern feststellbar, und nur dieser Faktor wies konstante, mit der Sterblichkcitsziffer gleichlautende Schwankungen auf. Demnach muß die Anstaltsbchandlung als die wichtigste Waffe im Kampfe gegen die Tuberkulose betrachtet werden.— Technisches. Schnellbeförderung von Postsachen. Im An- schlnß an das an anderer Stelle bereits skizzierte Projekt der Sicmens-Schuckert-Werke, zwei wichtige Postämter Berlins durch eine elektrische Tunnel-Schncllbahn zu verbinden, mag erwähnt werden, daß in Frankreich die Societe des chemius de fcr electro- postaux erfolgreiche Versuche mit einer solchen Bahn von Paris nach Chantilly in einem Kreise von 1000 Meter Durchmesser schon vor zirka zwei Jahren angestellt hat. Die Versuche haben zu dem Resultat geführt, daß eine solche Bahn jetzt zwischen Paris und Marseille geplant wird. Die Wagen laufen ähnlich wie bei dem Berliner Projekt in einem Tunnel, der aber 3,80 Meter hoch und 2,38 Meter breit ist. Bemerkenswert ist die kolossale Geschwindig- keit von 2a0 Kilometer in der Stunde, mit der die Wagen, deren jeder 000 Kilogramm oder 2 Kubikmeter fassen kann, laufen sollen. Der Wagen hat ein Eigengewicht von zirka 000 Kilogramm und läuft nur auf einer unteren Schiene und wird oben an einer zweiten Schiene mittels Rollen geführt. An den Enden ist das Fahrzeug stark zugespitzt, um den im geschlossenen Tunnel bei der hohen Geschwindigkeit sehr großen Luftwiderstand leichter über- winden zu können. Die Versuchsbahn sowie die endgültige werden mittels Drehstrom betrieben, da sich dann die Geschwindigkeit selbst- tätig reguliert.— Elektrizität durch Wind. In den„Eng. News" ist eine kleine interessante elektrische Station beschrieben, bei der die zur Erzeugung der elektrischen Energie notwendige Kraft durch eine Windmühle erzeugt wird. Die Windmühle kann einerseits eine kleine Dynamo antreiben, andererseits aber eine Waffer- pumpe, die Wasser in ein höher gelegenes Reservoir pumpt. Der Betrieb geht folgendermaßen vor sich: Die Windmühle treibt die Dynamo solange an, bis eine kleine Akkumulatorenbatterie voll- ständig geladen ist. Die dann noch zur Verfügung stehende Kraft wird dazu benützt, um Wasser in das Reservoir zu pumpen. Wenn nun der Windniotor nicht genügend Wind hat, um die Dynamo zu treiben, so wird durch das Wasser eine kleine halbpfcrdige Turbine angetrieben, die ihrerseits die Dynamo zur Akkumulatoren- ladung in Betrieb erhält. Die Dynamo direkt zur Speisung von Lampen zu verwenden, ist wegen der unvermeidlichen Spannungs- fchwankungen unmöglich. Durch diese Verbindung elektrischer und hydraulischer Akkumulierung soll ein vollkommen sicherer Betrieb erzielt werden, bei dem die Betriebskraft, der Wind, kostenlos zur Verfügung steht.— Humoristisches. — Höchste Potenz.„Meine Frau ist so eifersüchtig, daß sie glaubt, das letzte Kind, das sie geboren hat, ist gar nicht von ihr, sondern von einem Domino I" — Unerhörte Ehrungen stehen dem Fürsten Bülow be- vor I Er wird in Anlehnung an den Titel„Fürst von Dennewitz" de» Tiiel„Fürst von Wahlwitz kriegen. Die Jnsignien der neuen Würde bestehen: 1. in einer Fürstenkrone, frei nach dem Modell einer Wahlurne gearbeitet, 2. einem wunderschönen Fuchspelz mit aus- genähten Köpfen, 3. zwei Achselstücken, Mausefallen, die Bernhards Taktik symbolisieren, und 4. dem großen Optimisten-Orden. („Jugend.") — Politischer Karneval.„Immer wieder diese Kom- promisse! Ich fürchte, daß meinen Pfarrkindern das Rotwählen noch zur Gewohnheit wird l" — Germania und die Berliner Polizei. Peter Schlemihl singt: Hegt Ihr nicht Achtung mehr vor meinen Kindern, Wenn sie in Festesstimmung und Zylindern Den Kaiser ehren durch ein treues Lied? Darf man die Liedertafler so vermöbeln, Wie Arbeitshorden, die aus Hunger pöbelnj?. Und kennt Ihr Rohen keinen Unterschied?! („Simplicissimus".) Notizen. — Holzamer-Abend. Am 16. Februar veranstaltet die Freie Lehrervereinigung für Kunst pflege im Bürgersaale des Rathauses wiederum einen literarischen Vortrags- abend. Diesmal wird Wilhelm Holzamer aus seinen Werken lesen. Einlaßkarten sind zum Preise von 30 Pf. im Dürerhause, Kronen- straße 13, lind bei Herrn Krügel, Fürbringerstr. 22, zu haben. Mit- glieder des Freundeskreises haben fteien Zutritt. — Mit der telegraphischen Uebertragung von Bildern sollen, wie der deutsche Professor Korn im„Matiu" mitteilt, demnächst Versuche zivischen Paris und London gemacht werden. — Was das Pflaster erzählt. Brüssel, die belgische Hauptstadt, ist ausgezeichnet nicht bloß durch ihre stets lustige Be- völkerung, sondern auch, ivie Städte des Orients, durch die große Anzahl ihrer Marmorgebäude und ihr M a r m o r p f l a st e r. Die meisten Einwohner und auch die Fremden werden freilich kaum sich dessen bewußt werden. Doch ist dem so. Die stattlichen, vornehmen Gebäude Brüssels sind erbaut aus dem sogenannten„blauen Steine", und eben dieser hat die Platten für die Bürgcrsteige geliefert. Dieser harte und wetterfeste Stein ist im nassen Znstande schwarz, er ist dann zu erkeitnen als M u s ch e l in a r m o r. Mit solchen Steinen, die in anderen Gegenden mit schwerem Gelde zur Her- richtung von Tischplatten bezahlt werden, ist in Brüssel der Bürger- steig gepflastert. Die Platten, durch jahrzehntelanges Be- treten glatt geschliffen, wie ein Parkettboden. zeigen nach einem Regen das seltsamste Bild. Dieser schöne Muschel- marmor entstammt erdgcschichtlich der Ober- Trias und zeigt eine Fülle von Versteinerungen und Abdrücken, die sich von dem dunklen Grunde weiß abheben. Da»vandelt man wie auf ältestem Meerboden. Die von der Stahlsäge des Menschen mitten durchschnittenen Versteinerungen, natürlich in den allervcrschiedcnsten Lagen, sind deutlich erkennbar. Da sind z. B. Seeigel. Fingerlange Röhrcheu sind Belemuitcn, muschelförmige Nautiliusarten erscheinen, daneben flache Austernschalen, Kmnmmuscheln, kleine und große Crinoiden strecken ihre gebogenen dünnen Finger aus nach winzigen Wesen, die nun, wie sie selbst, für immer in den harten Stein ein- gebettet sind. Da und dort sieht man einen ganzen Blumenstrauß von Korallen, die in einer unendlichen Vorzeit in einem Urmeere ein sozialistisches Gemeinwesen gebildet haben. Die Zeichnungen sind manchmal so schön, daß ich oft bedauert habe, diese Stein- platten, die die Geschichte einer fernen Zeit der Erdgeschichte so deut- lich wiedergeben, nicht herausheben und an sicheren Platz forttragen zu können, diesen Muschelmarmor, der sonst die Tafel manches Palastes ziert, und über den hier eine hastige Menge achtlos eilt. — In schneereichen, harten Wintern kommt das Vogelfüttern teuer. Wird die Fütterung jedoch nicht be- ständig während der schlimmen Tage durchgeführt, so inüssen viele Vögel verhungern. Bisher standen Tier- und Vogelschutzvereine solchen Katastrophen fast ratlos gegenüber, da verhältnismäßig nur wenige und dazu bei Massenverbrauch teuere Futterersatzmittel bekannt waren. Nach vielfachen Beobachtungen besitzen wir aber in dem Straßen- kehricht für sie einen Notbehelf, wie er leichter und billiger nicht beschafft werden kann. In Zürich läßt seit einigen Jahren die Verwaltung de? städtischen Abfuhrwesens an passenden, einsameren Stellen einige Fuder Straßenkchricht ahladen, und eine Unmenge von Vögeln finden in diesem eigenartigen Freitisch leidlich ihre Existenz. Die Gemeinden sollten diese Neuerung beachten. Vcrantwortl. Redakteur: Lians Weber, Berlin.— Druck u. Verlaa: VorwärtsBuchdruckerei u.Verlag»anstaltPaulSingerLcCo..BerIinLVk.