Mnterhalwngsblatt des Worwärts Nr. 31. Mittwoch, den 13. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.l si] JVIadamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Die dicke Dame entlockte dem Harmonium abermals geistliche Melodien, keusch und schweißtriefend saß sie in dem roten Licht da. Herr Mc Carthy hatte sich aus drei Mit- gliedern des Kreises ein Publikum gebildet, dem er Vorträge hielt. Ein Herr saß in seinem Stuhl zurückgelehnt und schlief. Ganz nach links zu saß ein kleiner Mann mit goldener Brille und grauem Bart, er sah sich aufmerksam um und stöckerte von Zeit zu Zeit in seiner Nase herum. Es geschah nichts. Die Wärme in dem geschlossenen Laboratorium fing an, be- unruhigend zu werden. Edmund Hall betrachtete seine In- strumente und stellte eine eigentümliche Launenhaftigkeit im Luftdruck fest; alle seine elektrischen Einrichtungen zitterten unruhig, die Zeiger bewegten sich ruckweise und springend, ohne schließlich in eine bestimmte Richtung zu zeigen. Es war jene Schwere, jenes Zittern in der Luft, wie es einem Gewitter vorauszugehen pflegt. Hall selbst war bis aufs äußerste nervös. Sein ganzer Körper schien in Funktion zu sein. Alle seine Kräfte waren in Anspannung. Er zitterte wie ein großer, lebender Zeiger, der den geheimen Puls der Natur angibt. Jeht arbeitete er. Während er über seine In- strumente und Mikrometer gebeugt stand, glich er einem von Telephonen, Urscheiben und Ferngläsern umgebenen Kapitän, seine Augen, die sonst den Eindruck machten, als schliefen sie, � hatten einen harten Blick, und feine geschäftigen Hände, in die das Blut geströmt war, sahen groß und furchtbar aus. In seiner Spannung beachtete er niemand. Seine Nasen- löcher bewegten sich unaufhaltsam, während er navigierte. Der Kreis hatte fast eine Stunde dagesessen, als Elb kam. Sie zeigte sich auf gewohnte Weise zwischen den Falten, die zu den: Kabinett führten, und wurde von allen willkommen geheißen. Aber sie blieb stehen und sah einen Bestimmten an, Herrn Lee. Er beugte sich hastig zu Madame d'Ora herab und stamnielte:„Fürchtet sie sich vor mir? Das— tut mir leid. Ich will nicht..." Er sah wieder auf und gewahrte, daß im selben Augen- blick ein Lächeln über das Antlitz des Gcistermädchens glitt; sie sah ihn noch immer an. Da lachte der lange Mensch ganz still und glücklich vor sich hin. Er war überwunden. So schön und fein war das fremde Mädchen, eine so große Gnade . war es, daß sie ihn ausersehen hatte, um ihn anzusehen und ' ihm zuzulächeln. Eld trat in die volle Beleuchtung vor. Sie war schön und jung wie immer, heute aber schien sie»och frischer zu sein als sonst. Die runden, dunklen Arme schimmerten, das Haar umwogte sie in einer betauten und funkensprühenden schwarzen Pracht, und ihre Augen waren so klar. Die roten Lippen schinimertcn feucht und lose, als habe sie eben erst vor Sehnsucht geweint. Es lag etwas Allwissendes und Süßes in ihren Mienen, das ebensogut geheimer Schmerz wie Lebenslust bedeuten konnte. Und mit diesem rätselhaften Lächeln näherte sie sich Edmund Hall. Er senkte den Kopf vor ihr, lachte, als habe er sie erst vor einem Augenblick gesehen. „Nun?" rief er sanft aus und strich seine Hände in- einander. Sie nickte mit strahlenden Augen. Und sie blieben neben- einander stehen, ohne etwas zu sagen. Eld zeigte alle ihre weißen Zähne, lind Hall preßte seine Finger in stummer Wiedersehcnsfreude. Aber es sollte etwas getan werden, und Hall kehrte lebhaft zu feinen Instrumenten zurück. Eld ließ die Augen über den Kreis dahinschweifen und nickte verschiedenen zu, die sie anriefen. Frau Mc Carthy meckerte sie wollüstig an und verschaffte sich einen Blick und ein Lächeln. Eld hielt den Blick an bei Madame d'Oras weißem Haar und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie sich ihr nähern, blieb aber mit einem sonderbar langen Ausdruck stehen. Madame d'Ora las gleichsam ihre Gedanken und nickte er- rötend, gleich darauf senkte sie den Kopf und verbarg ihre tränenfeuchten Augen. Hall brachte die photographischen Apparate in Ordnung. Dann fragte er Eld, ob sie glaube, daß der Geist des aus- gestorbenen Bindegliedes(zwischen Affe und Mensch) zum Er- scheinen bewogen werden könne. Eld sah ein wenig ängstlich aus, sie nickte. !„Fa. Aber vorsichtig!" Sie zeigte hinter sich auf das Kabinett, um an die Gc- fahr zu erinnern, in der das Medium immer bei schwierigen Materialisationen schtvcbe. „Laute Musik!" bat sie.„Und nicht viel Licht." Sie sah zweifelnd nach dem Photographie-Apparat hin- über. Hall fragte, ob sie es für besser halte, wenn er nicht in Anwendung komme. Sie nickte erleichtert. Dann zog sie stch leise in das Halbdunkel zurück und verschwand. Jetzt hörten sie lange nichts aus dem Kabinett herausdringen. Außerdem hatte die korpulente Dame angefangen, eine schwere geistliche Melodie auf dem Harmonium zu spielen, die das ganze Laboratorium mit einem Gcbrause von Tönen erfüllte. Hall milderte das Licht um einen Grad, so daß der runde Umkreis, in dem man sehen konnte, kleiner und das Licht zugleich schwächer wurde. Er wandte sich mit wenigen Worten an den Kreis und bat ihn, sich während des Experiments unter allen Umständen ruhig zu verhalten. Es sei ja nicht gut zu wissen, wie das„missing link" sich darstellen würde, aber Grund zu Angst sei auf keinen Fall vor- handen, da ein Druck auf den elektrischen Knopf jeden Geist verscheuchen könne. Man müsse nur bedenken, welcher Gefahr das Medium durch dergleichen plötzliche Eingriffe aus- gesetzt sei. Jetzt vergingen einige.Minuten, während welcher man gespannt wartete. Da man aber aus dem Kabinett noch immer nichts hörte und auch nichts sah, so fing man wieder an, untereinander zu plaudern. Da ertönte' ein sonderbarer Laut, der irgendwo aus der Tiefe zu kommen schien, ein Knurren. Es konnte von irgend einem wütenden Tier stammen. Der Laut wiederholte sich deutlicher und drohender, es mußte ein Tier sein, daß sich gereizt glaubte und sich knurrend und schnarchend näherte. Es wurde ganz still im Kreis. Die Musik hielt inne, begann aber auf ein euer- gisches Zeichen von Hall aufs neue. Der knurrende Laut kam plötzlich ganz nahe, so daß die Mitglieder des Kreises ängstlich zusammenfuhren. Dann hörte man ihn nicht mehr. Aber nun waren sich alle klar darüber, daß sich in der Dunkel- heit vor dem Kabinett etwas Lebendiges bewegte! Man hörte große, nackte Füße auf dem Fußboden! Eine Dame schrie leise. Hall beschwichtigte sie. Und nun glitt eine Gestalt aus der Dunkelheit in das rote Lichtgebiet hinein, wo sie einen Augenblick spähend stand, ohne scheinbar etwas zu sehen,— als sei sie aus dem Waldesdunkel auf ihrer einsamen Wanderung in eine Mond- lichtung getreten. Es war ein Mann oder ein großes, auf- recht gehendes Tier halb mit rohen Häuten bedeckt. Der Kopf und fast das ganze Gesicht waren mit groben, rostroten Borsten umstanden. Der tiefe Brustkasten war behaart, und die langen, muskelschweren Arme waren vom Ellenbogen ab- wärts behaart. Das Gesicht drückte eine gierige und fürchter» liche Einsamkeit aus. Niemand schrie, es war, als ob eine Lähmung alle befiel, die das schreckliche wilde Tier sahen. Da— im selben Augenblick, als die Gestalt in den Hintergrund verschwindet— ertönt Lces deutliche und sehr gebildete Stimme: .„Dieser Geist hat einen falschen Bart!" Da aber erscheint der Geist wie durch einen Zauberschlag wieder, völlig sichtbar und wendet mit weit aufgesperrtem Munde, in dem die Zähne grinsen, seine weißen Augenkugeln Lee zu. Das Fleisch hebt sich, und die knochigen Glieder ver- schieben sich unter der behaarten Haut. Und nun entsteht eine Panik. Schreie des Entsetzens und der Furcht aus dem Kreise!' Aber die Gestalt ist verschwunden. Als alles ruhig bliibt, legt sich der Tumult bald. Aber Herr Lee ist der Gegenstand keineswegs liebenswürdiger Aeußerungen, als die Mitglieder des 5kreises sich besonnen haben. Er sitzt da und schaut eine Weile um sich, wendet sich dann mit einem Blick nach Hall um, als wünsche er von ihm zu einer Erklärung aufgefordert zu werden. „Ihre Unvorsichtigkeit hätte schlimmere Folgen nach sich ziehen können," sagt Hall vollkoinmen höflich.„Was hier in diesem Laboratorium vor sich geht, Herr Lee, ist so absolut kontrolliert, daß es nicht mehr zum guten Ton geyört, etwas davon in Zweifel zu ziehen." „Ich ziehe nicht in Zweifel, was ich sehe," sagte er ruhig. „Ich habe ein Wesen gesehen, das sehr wohl tlle missiiiz; link sein könnte. Es trug einen falschen Bart. Aber ich sehe nicht ein, weshalb ein Individuum, selbst aus einer so fernen Vergangenheit nicht niit falschen? Bart gehen sollte. Ich bedauere also nur, daß ich laut gedacht habe." Und zu Madame d'Ora getvendet, bemerkte Lee: „Finden Sie nicht auch), daß er etwas an Happy Hooligan (lustige Vagab?lnde??sigur) erinnerte?" Sie sah ihn flehentlich a??. Sie empfal?d zum ersternual Schrecken und Unwillen bei Lees fast unberechenbarer Kaltblütigkeit. Sie selber zitterte noch ul?d ioar bis ins Innerste erschüttert von den?, was geschehen war. ES war, als reiße er etwas a?ls ihr heraus, indem er das Entsetzliche auf diese Weise behandelte. Warum konnte er nicht schweigen? Würde denn niemand sie schonen? Ach, ihr Herz war ja nahe daran, zu zerspringen. Entsetzliche Ahnrmgen erfüllten sie. In ihren? Haar ktocher? Ameisen. Jetzt dachte sie plötzlich, wie infolge einer Erplosion in ihrem Kopfe, an andere Tinge, ohne es verhindern zu können... „Es ist warm, es ist warm," flüsterte sie jammernd. Lee sah bestürzt in ihr leidendes Gesicht. Das quälte sie, ihre Züge verzerrten sich wie infolge von zwei aufeinander kreischenden Glasschrben. Da sah er ein, daß er sie in Ruhe lassen müsse. (Fortsetzung folgt.) lNochdruck verboten.) Die Leu'. Novelette von Richard H. Schröder. (Schluß.) Die Leu' hustet nicht. Sie pilstct nur ein uic??ig und blättert weiter. Hans Heinrich wundert sich wieder. Es ist doch alles, alles anders. Er qualmt stärker. „HanS Heinrich," sagt die Len' nach einer Weile. „Was, Len?" Er nimmt die Zigarette interessiert auS dem Wunde. „Ich bin in dem Garten der frischen Luft Wege??. Hans Heinrich!" „Frische Luft, ja Len', die ist das beste für Kranke!" sagt er überzeugt. „Gewiß, aber ganz, ganz frische Luft, Hans Heinrich I" Sie betonte die Worte. Er sieht sie erstaui?t an und merkt, wie es um ihren Mimd zuckt. Dann versteht er sie. „Hm", brummt er. Er schleudert die Zigarette zu Boden und tritt sie aus. Die Augen der Len' gehen wieder weit weg. Sie bewegt dabei leise die Lippen, als spräche sie mit je?>?ai?d, der ganz in der Ferne stand. Vielleicht dort, wo die Berge den Himmel berühren oder noch weiter. Die Augen von HanS Heinrich ruhen a?lf der toten Zigarette. Sie beginnen die Steine zu zählen, die um sie herumliegen. Eins — zwe?— drei— vier Steine— fünf Steine— sechs Steine. Der siebente ist ein besonders großer. Das wäre einer für die Amsel in dem Flieder, denkt Hans Heinrich. Wie die wieder flötet) Merkwürdig, sie sagt etlvas damit, ivas er auch sagen möchte. Zu der Len' sage?? möchte, zu der jetzigen Le??'. Aber es ist so schwer, so furchtbar schlvcr. Die Amsel hat es leichter. Bei ihr kommt es so spielend heraits, während seine Lippen?iicht auseinander wolle??. Er lehnt sich ii? den Stuhl zurück u?ld starrt zu den Wolken hinauf. Dann suchen seine Augen wieder die Leu'. Sie hat sich von neuem über das B?ich gebeugt. Früher waren ihr doch Bücher ein Greuel, gerade so wie ihm. Was doch Krankheiten aus einem Menschen machen I Wenn er min auch mal krank lvürde? Dann gewönne er vielleicht auch die Bücher lieb? Bielleicht gar den Homer? All« mächtiger! Vor dieser Kra??kheit graut ih?n. „Len'", sagt er nach einer Pause. Len', sag mal, darfst Du denn eigentlich so viel lesen?" „Warum denn nicht?" „Ich— ich dachte bloß I' Die Leu' will sich wieder in das Buch vertiefen, aber Hans Heinrich läßt ihr keine Zeit dazu. „Was hat Dir denn nun eigentlich gefehlt, Len'. War eS schlimm?" fragte er weiter. „Nein!" antwortet die Len' kurz. Sie wird über und über rot dabei. „Die Le?lte schwatzten so allerlei. Wer niemand wußte es. Selbst Fritze Becker nicht I' meinte Hans Hrii?rich. *„Fritze Becker?" fragt die Len' ersta????t. „Ja, Fritze Becker!" „Was hat er denn gesagt?" Die Len' legt das Buch weg. Ihre Hände zitteri? tlnd ihre Augen gehe?? ganz schnell weit weg, ko??????e?? aber ebenso schnell wieder zurück. Hans Heinrich nim???t eine wichtige Miene an. „Er hat gesagt:„DaS ar?i?e liebe Di?ig" hat er gesagt und dam::„Das verstehst Du nicht. Kleiner" und hat dann— dann hat er gelacht, mächtig gelacht I" Len's Gesicht verfinstert sich. Eine» Augenblick verbirgt sie es in den Händen. Hans Hei??rich schüttelt den Kopf. „Ach. Len', ärgere Dich doch nicht I" sagt er gut?nütig.„Er ist im???er so frech—?mmer!" „Er ist gar nicht frech, gar nicht!" ruft die Len' erregt,„er ist so— so—" Sie ist aufgesprungen und geht ein Stückchen in den Garteit hi??ei??. Hans Heinrichs Auge?? folgen ihr. „Was hast Du denn nur?" ruft er ihr nach. Sie bleibt bei ■ seinen Worte» stehen Eine Weile sieht sie ihn groß a?l, dann gehen ihre Blicke über ili?? hinweg ins Weite. Sie ist Ivieder bei de?? blasse?? Engeln mit den süßen Stimmen. Aber diesi??al stehen sie nicht u?n ihr Bett herum, sondern kom??ie?t ihr e??tgegen. Und einer gehl voran. Der ist so schön wie die So???re,' ivenn sie des Menge??* hinter den Bergen emporsteigt, und seine Sri???me?"?berlö?lt all' die anderen. Ihr Klang weckt ei?l seltsa>??es Ja?lchzcn und Singen in ihr und ein Sehnen, das sie noch nie gefühlt. Hans Heinrich wundert sich wieder. ES ist doch wirklich nichts n?ehr m? der Lene, wie früher, denkt er. Ihr Wesen, ihr Aeußeres, alles ist verändert. Früher hatte er sie eingefangelt, wenn sie so a??fgesprungen und davongelaufen war und an den Zöpfen zurück- gebracht. Ob er das jetzt auch mal versuchte? Lieber nicht. Sie steht ja u?u?ahbar wie eine fremde schö>?e Dame dort an der Noscnrabatte, über und über in Sonnci?glanz getaucht. Ihre!lei??e?l Hände liebkosen die Rosenknospett, aber ihre Augen sind ganz wo anders. Sehen sie etwas, was er nicht sehen kau??? Er sieht den Garten und den blauen Him?nel darüber. Dann in der Ferne die Berge, wo er die Anemonen und Maiglöckchen gepflückt. Die armen Al?e???onen u??d Maiglöckwen— sie liegen dort matt und welk auf dem Steintisck?e. Bei ihren? Anblick fängt in Haus Heinrich das namenlose Gefühl wieder au zu bohren. Wieder dränge?? sich Worte auf seine Lippen. Dazu flötet gerade jetzt die A???sel so süße, süße. We???? er jetzt einen Stein hätte-- Plötzlich schießt ihm el?vaS durch den Kopf. Es war dunun von ihm, der Le??' zu sagen, daß Fritze Becker so gelacht. Sie iveiß ja, lvie der sich über alle Mädel lustig macht, und nun ist sie böse darüber. Ueber alle Mädel lacht Fritze Becker? Ha??s Heinrich schlägt sich vor den Kopf. Wahrhaflig, er weiß eS; über die Len' hat Fritze Becker noch??ie gelacht. Was hat er neulich mal über sie gesagt? „Die Len' möchte ich?nal i?? einem langen weißen Kleide sehen, das Goldhaar gelöst, daß es über die Sch??lter?? fließt wie ein me- tallc??er Strom— da????— dai?n köm?te ich vor ihr niederknien—" Ja, das hat er gesagt. Und das muß er der Len' wiedersage??, Gleich, sofort. Dann wird sie ivieder versöhnt sein. ja. Er steht auf und geht auf die Len' zu, die noch immer an der Nose??rabatle steht. Als er in die Sonne tritt, muß er unwillkürlich die Augen schließen. Sie blendet so, und die dumme Amsel. „Len'","ruft er schon von weitem.„Fritze Becker hat das ??icht so gemeint I" Dam? erzählt er. Die Len' sieht ihn groß und fragend an. „Ist daS wahr, Hans Heinrich?" fragt sie ernst. „Wahrhastig wahr!" versichert er.„Ehrenwort!" Auf Len's Gesicht schwindet das Finstere. Sie lächelt. Hans Heinrich hat so ein Lächeln noch nie gesehen. Mit einem Male schreit die Len' laut auf ui?d Hans Heinrich mit. Vo?n Zaune her ist eine Handvoll kleiner Kieselsteine gefloge?? gekommen??nd hat beide getroffen. Gleich darauf erschei??? Fritze Beckers lustiezes Geficht über der Hecke. „Frihile'in Helene— wieder ganz auf dem Damm? Ich grat?lliere I" Die Len' starrt wie gebarmt zu dem Zaun hinüber. Das Jauchze?? und Singen in ihr ist bei Fritze Beckers Worten ganz laut geworden. So laut, daß sie es selbst hört. Sie will antworte??. Irgend etwas. Aber da spricht Fritze Becker wieder. „Len'", sagt er,„liebe, liebe Len' I" dann ist er verschwundcrr. Hai?s Heinrich ist ga??z außer sich. Was war das? Was find das für Worte? Sind's nicht dieselben, die ihm in der Kehle saßen, und die die Amsel immer singt: liebe, liebe Len'— „Len'"— schreit er wütend. Die Len' lächelt. Dasselbe Lächeln wie vorhin. N?lr schöner, glücklicher. Ihr ganzer Körper bebt. Das Goldhaar le??chtet. Dazu die Amsel: Liebe, liebe Len'— Sie biegt die Rosenzweige zu sich herab und drückt sie an sich, fest und??mig. Hans Heinrich sieht es. Wie— wie Fritze Beckers Hände, denkt er. Dabei schießt ihm das Blut ins Gesicht. Er packt die Len' an den Schultern. „Er hat Dir weh getan, Len'. Es war gemein! Ich zeig's an. Wahrhaftig, ich zeig's an>" »Das wirst Du nicht tun", antwortete Leu'. „Ganz bestimmt!" meint er trotzig. „Nein. Wenn ich Dich darum bitte, HanS Heinrichs „Warum bittest Du?" „Weil"— sie zögert und sieht zur Seite. „Sag, warum?" quält er. „Weil— weil— ich Fritz Becker—" Sie bricht ab und sieht über ihn hinweg. Die blassen Engel, die ihr enrgcgenziehen, find jetzt ganz nahe. Und der vorangeht, Winkl ihr. Seine Lippen bewegen sich, und leise, ganz leise sagt er: liebe, liebe Leu'— liebe, liebe Leu'. Hans Heinrich lägt Len's Schultern. Seine Arme sinken schlaff herab. Mir einem Mal weiß er, was es ist das namenlose Gefühl. Die ganzen drei Wochen war's in ihm. Jetzt ist's wie gestorben. Nur ein Brennen ist geblieben, ein dumpfes widerliches Brennen. Aber einmal lodert's noch auf und findet Worte. „Leu'", schreit er verzweifelt.„Leu', liebe, liebe Len' I" Dann, als schäme er sich der Worte, dreht er sich um und geht davon. Erst langsam, dann schneller und schneller. Mit einem Satz ist er über den Zaun. Dahinter bleibt er stehen. Die Len' ist ihm nachgelaufen. „Hans Heinrich, bist Du mir böse?" fragt sie. Hans Heinrich sieht trotzig zu ihr auf und murmelt etwa? vor sich hin. „Was sagst Du, Hans Heinrich?" fragt die Len' von neuem. „Der Zaun mutz höher I" lommt es bestimmt von seinen Lippen. Dann ist er fort.-- Als die Len' zum erstenmal wieder durch die Gasse geht, ist Fritze Becker an ihrer Seite. Die Leute tuscheln darüber:„Ist das der Prinz zur Prinzessin?" Und die Wafchsrauen im Keller:„Sie hat wieder die grünen Schuhe! Wer er hat schwarze. Und was für grotze!" Hans Heinrich hört und sieht von alledem nichts. Er fitzt meistens in seiner Bude und liest im Homer, als ob er sehr krank gewesen wäre. Wenn er aber in den Garten geht, hat er die Taschen voll Steine. Es ist wegen der Amseln, die inuner in die Erdbeeren gehen. Liemes femUeton. Die Mutter der Parlamente. Am 12. Februar tritt das englische Parlamevt zu einer neuen Tagung zusammen und wieder spielen sich mit prunkvollem Pomp die Eröffnungsfeierlichkeiten ab als erstes Glied in der langen Kette alter Traditionen und ehr- würdiger Formalitäten, von denen die Verhandlungen dieser „Mutter der Parlamente", wie man es wohl genannt hat, in viel reicherem Matze belebt sind, als die Sitzungen irgend einer ihrer so viel jüngeren Töchter. Mit drei zeremoniellen Handlungen wird der gewählte Kandidat in die Reihen der Mitglieder aufgenommen; er mutz einen feierlichen Eid schwören, sich in die Liste einzeichnen und mit dem Präsidenten, dem„Sprecher", einen Händedruck wechseln. Bei einem Quäker oder Angehörigen einer Sekte, die den Eid verabscheut, genügt eine Versicherung; ein jüdisches Mit- glied schwört auf das Alte Testament mit dem Hut auf dem Kopfe. Alle diese Formalitäten sind ohne besondere Bedeutung, aber Vor- schriften ähnlicher Art begleiten das Parlamentsmitglied auf allen seinen Wegen innerhalb der Räume des Unterhauses. So wird auch die ganze erste Sitzung mit Kundgebungen und Reden ausgefüllt, die sich mit Ausnahme der„Rede des Königs" in festgelegten Bahnen bewegen müsien und bei denen ein Abweichen von der altgewohnten Form direkt als unpassend empfunden werden würde. Nachdem der „Sprecher" in„seiner Majestät eigenen Worten" das Regierungs- Programm vorgelesen hat, erheben sich hinter der Ministerbank zwei der Regierungspartei angehörige Mitglieder, die im Gegensatz zu den anderen Hofkleidung angelegt haben; sie haben die Aufgabe, den Antrag für eine Dankadresse an den Konig zu stellen und diesen Antrag zu unterstützen. In genau vorgeschriebenen Ausdrücken gehen sie die Königsrede Paragraph für Paragraph durch, und wenn sie mit ihren langatmigen Lobeserhebungen fertig sind, atmet das ganze Haus ebenso erleichtert auf, wie sie selbst. Der ihnen folgende Redner, der Führer der Oppositionspartei, mutz wiederum seine Rede mit einem Kompliment gegen die beider Vorredner eröffnen und äussert sich dann um so ungenierter über die Stellen, die ihm an dem Regierungsprogramm mitzfallcn, wobei ihn seine Partei- genossen mit lauten Zurufen unterstützen. Ihm antwortet der Premierminister, wiederum mit einer Liebenswürdigkeit gegen den Vorredner und dessen Vorredner einleitend und dann die Pläne der Regierung noch einmal darlegend.... Einen guten Sitz auf den berühmten„grünen Bänken" zu erobern, ist eine schwierige Sache. Das Haus ist nämlich nur so gross, datz etwa die Hälfte der Mitglieder darin Platz findet, wahrend die übrigen gezwungen sind, in den Seitengalerien darüber bei wichtigen Gelegenheiten Platz zu nehmen. Mitgliedern, die bereits lange dem Parlament angehören, sind durch eine Art Gewohnheitsrecht gewisse Sitze re- serviert. Aber das gewöhnliche Mitglied muh sich seines Sitzes dadurch versichern, datz es auf seinem Platz lange vor Beginn der Sitzung eine Karte mit seinem Namen niederlegt. Kurz vor Ein- tritt des Sprechers hat er sich dann wieder an diesem Sitz ein- zufinden. Kurz vor zwei Uhr stellen sich alle Angestellten des Hauses in Gesellschaftskleidung mit ihren goldenen Ketten und Ab- zeichen sowie die diensthabenden Polizeibeamten in zwei Reihen auf; sobald der Sprecher erscheint, ertönt der Ruf:„Hüte ab!" Tann treten in feierlichem Aufzuge zuerst die dem Sprecher unter- stellten Beamten und dann der Sprecher selbst, mit schwerer schwarzseidener Robe, mit schwarzen Kniehosen und Strümpfen und einer wallenden Perücke angetan, auf; die Schleppe des Gewandes wird ihm von seinem Schleppenträger nachgetragen, hinter ihm gehen sein Kaplan und sein Sekretär. Nach mancherlei Zeremonien nimmt dann der Sprecher in seinem grossen Stuhle Platz. Vorher spricht, an dem grossen Präsidententisch stehend, der Kaplan ein Gebet in altertümlichem Englisch und bei dem Schlusswort„Amen" darf jedes Mitglied seine Karte an der Lehne der Bank befestigen und hat damit für diesen Tag von dem Platze Besitz ergriffen. Will er am nächsten Tage wieder einen guten Platz haben, so mutz er dieselbe Zeremonie wiederholen. Eine Rednerliste gibt es nicht, der Präsident hat auch nicht die Möglichkeit, ein Mitglied zum Schweigen zu bringen, wenn es einmal zu reden begonnen hat. Die Mitglieder melden sich zum Reden, indem sie„nach des Sprechers Auge haschen", d. h. ihm sich auf irgend eine Weise bemerkbar machen, worauf der Präsident sie beim Namen zum Reden aufruft. Die Mitglieder der Regierungspartei werden vor den übrigen Mit- gliedern aufgerufen; der Sprecher mutz jedes Mitglied kennen und bei seinem Namen aufrufen. Wichtige Ereignisse find die„Jungfern- reden". Meldet sich ein Mitglied zum erstenmal zum Wort, dann rufen sogleich einige„neues Mitglied" und alle Augen richten sich mit besonderer Aufmerksamkeit auf den Unglücklichen, der in dem weiten Raum Hülflos und verlassen dasteht und ausser auf den Sinn seiner Rede noch auf tausend Aeusserlichkeiten achten muh, da jeder Verstoss bei ihm besonders streng beachtet und verspottet wird. So ist die„Jungfernrede" das drohende Schreckgespenst, dem viele Abgeordnete durch beständiges Stillschweigen aus dem Wege zu gehen suchen. Eine ganz eigentümliche Einrichtung find die„Peitschen", d. h. die Aufmunterungen an nachlässige Mit- glieder, bei wichtigen Abstimmungen nicht zu fehlen. Tann aber gibt es auch offiziell angestellte„Einpeitscher", deren sanktionierte? Amt es ist, dafür zu sorgen, dass immer eine Mehrheit der Re- gierungspartei bei Abstimmungen anwesend ist. Der oberste dieser Beamten führt den Titel Sekretär des Schatzamtes und hat ein Gehalt von 40 000 M.; unter ihm stehen einige jüngere„Lords des Schatzamtes". Es ist eine sehr komplizierte Aufgabe, jeden Moment über die Präsenz der Mitglieder im Hause unterrichtet zu sein, und sie lässt sich nur vollbringen durch bestimmte Vorschriften, denen sich die Mitglieder der Regierungspartei nach einem ungeschriebenen Gesetz unterwerfen. Sie dürfen nach stillschweigender Ilcbereinkunft das Haus nicht durch eines der vielen Portale, sondern nur durch den privaten Korridor der Mitglieder verlassen. Diese Tür nun wird beständig von zwei Beamten bewacht, die kein Mitglied der herrschenden Partei herauslassen, es sei denn, es hätte mit einem noch anwesenden Mitglieds der Opposition ausgemacht, dass dieses bis zu einer bestimmten Zeit seine Stimme nicht abgeben werde. Diese Ausmachuugen gelten als bindendes Ehrenwort. So i" e- nwglich, die Mitgliederstärke während der Sitzungen genau zu kon- trollieren und im kritischen Moment stets die genügende Mehrheit der Regierungspartei bereit zu halten.— Kunst. 0. s. Karl B u ch h o l z. Kaum nennen ihn die modernen, kunstgeschichtlichen Werke und doch war er einer der eigensten Künstler gegen da« Ende des 19. Jahrhunderts. Die Landschaftsmalerei ist die besondere Kunst unserer Zeit und in ihr feierte Karl Buchhölz ausschlietzlich seine Triumphe. Er leitet eine neue Aera ein; eine neue Anschauung vertritt er. Er befreit sich von allein Ballast, allem Nebenher, er gibt Natur. Natur zugleich als Mittel seelischer Dar- stellung. Nicht im Sinne oberflächlicher Stimmungsmacherei. Er gibt ernste Kunst mit absolut echten, künstlerisch-technischen Mitteln. Aber er entwarf kein Programm. Er drängte sich nicht vor. Karl Bnchholz(geb. 1849). der in Weimar i. I. 1889 sich daS Leben nahm, ist als Maler eine ganz eigene Pen'önlichkeit gewesen, der es zu verdanken ist, wenn die öde Zeil dieser Jahre für die EntWickelung der deutschen Malerei nicht nutzlos verstrichen ist. In einer Zeit des hohlen Akademismus malte er schlicht und fein. Die Liebe zur Natur erzog ihn zu den stillen Schönheiten von Wald, Wiese, Lust und Wolken. Im Kleinen wie im Grossen war er echt. Diese feinen, kleinen Landschaften, die so ganz ohne Staffage und ohne Effekt sind, mahnen einmal an die Holländer, mit denen sie bw Schlichtheit gemein haben, dann an die Franzosen, deren malerische Fein- heiten m der Wiedergabe des Atmosphärischen � sie ahnen lassen. Die Jahrhundertausstellung brachte_ einige Bilder von diesem merkwürdigen Maler und die erste Aus- stellung des neuen Knnstsalons Rabl in der Potsdamerstrasse gibt in einer reichhaltigen Kollektion Gelegenheit, diesen ausrechten Künstler, der ein so feines Auge, eine so zarte Hand besass, zu bewundern.. Man kann drei Perioden in der Malweise dieses Künstlers unterscheiden. Mit zwanzig Jahren malte er ein Frühlingsbild von so köstlicher Frische, so strahlenden Farben, dass man dieses Bild, das sicd in der Nationalgalerie befindet, in gewissem Sinne als einen Markstein in der deutschen Landschaftsmalerei bezeichnen kann. Das überreiche Detail ist mit einer unerschöpflichen Liebe behandelt. Es blüht und leuchtet auf diesem Bilde, wie wir es in gleiche« Kraft und Schönheit selten gesehen. Da ist eine Feinheit drin, die Grobes erhoffen läßt. Buchholz sah in seiner unmittelbaren Umgebung, in Weimar, die Schönheit, die ihn zu eigenem Staffen reizte. Die Bilder der Folgezeit, die so voll zarten Lichtes sind, das zwischen den un- regelmäßig stehe.ideu Bäumen webt, sind ohne Weimars Umgebung kaum denkbar. Bon Weimar nach Tiefurt fiihrt ein Weg durch einen wundervoll iippigen Märchenwald, den niemand vergessen wird, der ihn einmal gegangen ist. Zarteste Lichlhannonicn breiten sich zwischen dem weichen Grün aus. Das hat Buchholz gemalt. Zu zeder Jahreszeit. Morgens und abends. Und er hat die Natur zum Träger seiner Stimmung gemacht. Alles Laute ist emfernt. Zarl, siein sind alle Nuancen. Gerade das Undefinierbare malte er, die leisesten Schönheiten derLuftstimmungcn. 187V sollBuchholz in München gewesen fein und dort auf der Ausstellung Werke des französischen Landschafters Daubignh gesehen haben. Möglich, daß die Flachlandschaften, die er nun malt, beeinflußt sind von Daubignh, der sich wieder an die Holländer anlehnt. Jedenfalls haben diese Bilder, die den tiefen , Reiz der unendlichen Landschaft der Ebene haben, so viel Eigenes, daß man wohl richtiger sagl: Daubignh machte deshalb so großen Eindruck auf ihn. weil gleiches Streben in Buchholz selbst lag. Buchholz>var ein unermüdlicher Arbeiter. Er legt nicht auf das Was, den Inhalt Wert, sondern auf das Wie. Mit einer un- nachahmlichen Zartheit zaubert er die Reize der Luststimmungen auf die Leineivand. Dabei ist er ein erstaunlich sicherer Zeichner. Das verschafft seinen Bildern bei aller subtilen, duftigen Behandlung die sichere Struktur. Und beides zusammen macht einen vollendet künstlerischen Eindruck. Solch ein Baum ersteht mit allem Leben Vor uns. Diese Genauigkeit ist nicht mühsam nachgeNügell, sie ist Buchholz zu eigen geworden, indem er unermüdlich von der Natur zeichnete. Da erwarb er sich diese fabelhaste Sicherheit. Darum � gelang cS ihm, bei aller Ungeztvungenheit und Siatürlichkeit des Ausschnitts der Natur doch über die Skizze hinauszukommen; er gab abgeschlossene, fertige Bilder, von schöner Raumwirkung, auf denen doch alles in natürlicher Zwanglosigkeit steht. Man muß die Zeichnungen dieses Kiinstlers besonders ansehen, um die Gründlichkeit und zugleich die Feinheit zu bewundern. Die Zeiten änderten sich. Die- Freilichtmalerei kam. Und Buchholz sah nicht, daß er das, was nun als Programm aufgestellt wurde, schon längst instinktiv erftillt hatte. Er wollte wieder von neuen, anfangen. Da versagten seine Kräfte. Er, der durch und durch originell war, wollte aus Bescheidenheit das nicht merken. Sein Gemüt umdüsterte sich. Er hatte nicht die Gabe, die Auf- merksamkeit auf sich zu ziehen. So trat er allmählich in den Hintergrund. Verzweiflung und Hunger— man spürt diese Klage in den letzten, mit' wehmütiger Freude gemalten Herbstlandschaften— trieben ihn in den Tod. Es ist eine eigentümliche Tatsache, daß der Name dieses Künstlers so gut wie unbekannt blieb. Man kann daraus dem deutschen Publikum einen Vorwurf machen. Ebenso aber auch der damaligen Krittk, die nur zu oft das Feine. Eigene nicht sah. Jedenfalls gehört Buchholz, der mit siebzehn Jahren so be- geistert sich der Kunst hingab, um als Mann so verzweifelt zu enden, von nun ab für uns zu der Schar der Künstler, die nicht ver- geffen werden. Er war ein persönlicher Künstler. Er drängte- sich nicht vor. Darum soll man sein Schicksal auch nicht allzusehr bedauern. Es ist sein Glück und sein Unglück gewesen. Wir sollen uns vielmehr freuen und stolz darauf sein, daß es noch solche Künstler gibt, die nicht gleich um das Ausposaunen ihrer Künstlerschaft besorgt sind und das Tamtam schlagen, die vielmehr im stillen schaffen und arbeiten. Hygienisches. Kaffee und Schönheit. Bei manchen Frauen ist noch immer der Glaube verbreitet, Kaffee„mache schön". Nun ist der hartnäckige Hautausschlag, den man Finne oder Akne nennt, be- kanntlich eine der unangenehmsten und verunzierendsten äußeren Krankheitserscheinungen. Ueber dieses fatale, weitverbreitete Uebel findet sich in der Berliner Klinischen Wochenschrift eine interessante Arbeit aus Professor Lassars Klinik für Hautkrankheiten:„Die Akne und ihre Behandlung" von Dr. Jsaac, Vortrag mit 5tranken- Vorstellung in der Berliner medizinischen Gesellschaft. In diesem Vortrage erhalten wir unter anderem besonders wichtigen Auf- schluß darüber, daß gewisse Genußmittel bei der Entstehung und dem Umsichgreifen der Finne eine nicht unbedeutende Rolle spielen. »Hierzu"— führte Dr. Jsaac aus—„maß bestimmt auch der Kaffee gerechnet werden, und es ist bei dieser Gelegenheit vielleicht nicht ohne Interesse, darauf aufmerksam zu machen, daß die Zahl der gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkcr viel größer ist, als man ge- meiniglich annimmt. Die Sucht, in übermäßigem und häufigem Genuß starken Kaffees ein Analeptikum sErregungsmittel) zu suchen, ist zu einer weit verbreiteten Lebensgcwohnheit geworden und unter den Kranken, namentlich von.Acne rosacea(die typische Trinkernase), welche unsere Klinik aufgesucht haben, hat sich ein auffallend hoher Prozentsatz Koffeinistcn gefunden, die an Haupt- gefätzparalhse mit Neigung zu Acne rosacea laborieren." Der Bohnenkaffee ist demnach nicht nur— wie wissenschaftlich längst feststeht— in ziemlich hohem Maße ein gesundheitSgefährliches, sondern auch ein schönheitsgefährlicheS Getränk, insofern er die Entstehung und das Ueberhandnehmen häßlicher Hauterscheinungen begünstigt und fördert. Das sollte jede Frau und jedes Mädchen bedenken und schon aus diesem Grunde den regelmäßigen Genuß des, außerdem noch Herz und Nerven schwächenden, Kaffees gänz- lich meiden.— HunioriftiseheS. — Gewissenhaft. Schaffner(zu einem Herrn, der sich mit seiner jungen Frau allein im einem Abteil befindet, beim Halten auf einer Zwischenstation):„Hier san furchtbar viel Leut' Herr, die mitfahr'n woll'n— da hab'n S' Ihr Zigarrl wieder I" — Gelungene Frage. Bürgermeister(als es beim Hornbauern brennt):„I' dacht' immer. Du bist gar net ver- sichert I" — Hohe Anforderung. Unteroffizier:„Kerls, bei einem richttgen Parademarsch müßt Ihr austreten, daß man's am Seismograph ablesen kann!" — Anregung.„Ja. Freunderl, ivas machst Du denn da, bei der rinnenden Wasserleitung?"—„Laß mich! Ich dichte an einer ,Ode auf den Niagarafall'." („Meggendorfer Blätter".) Notizen. — Die Freie Volksbühne veranstaltet für die VI. Serie im Neuen Schauspielhause vom 17. Februar bis 14. April zehn Vor- stellungen von Grillparzers„Weh' dem. der lügt", und für die Vit Serie im Berliner Theater vom 24. Februar ab Henrik Ibsens Schauspiel:„Baumeister Solneß". Am 16. März feiert der Verein sein Stiftungsfest(das 10. seit der Wieder- eröffnung im Jahre 1897) in den Konzertsälen der Friedrichshain- Brauerei unter Mitwirkung deS Mozartsaal-Orchesters unter Leinmg des Kapellmeisters Prill.- — Der Goethe-Verein veranstaltet seinen XU. Nachmittag zu volkstümlichen Preisen am Sonntag, den 17. Februar, nachmittags 4'/z Uhr, im Saal der Sezession. Kurfürstendannm Fritz Stahl hält einen Vortrag mit Lichtbildern über Arnold Böcklin. Karte» bei Wertheim, Plethora, Kantstr. 21, sowie Sonntags an der Kasse von 2 Uhr ab.» — Frau Rosa B e r t e n s wurde für das Hebbel-Theater verpflichtet. — Der Verband deutsche r I llustratoren wird sich in diesem Jahre nicht an der Großen Berliner Kunstausstellung beteiligen, weil ihm die Bedingungen nicht zusagen. — Zu Ehren von Max Kling er, der am 18. Februar 50 Jahre alt wird, ist im Leipziger 5k u n st v e r e i n eine reich- haltige Ausstellung seiner Werke veranstaltet. Aus öffentlichen Museen und Privatbesitz ist eine erschöpfende Uebersicht(Radierungen, Gemälde, Skulpturen) geboten. Die Berliner Nationalgalerie hat die Wandgemälde beigesteuert, die ehemals eine Villa in Steglitz schmückten. — Osiris' Stiftung für das Pariser Institut Pasteur beträgt nicht, wie es zuerst hieß, 23 Millionen, sondern 69 000 Fr. jährliche Rente: Die Sunime soll der Erforschung der Krebs- krankheit oder Tuberkulose und anderer ansteckenden Krankheiten dienen. — Eine neue englische Südpolar-Expedition wird im Oktober d. I. unter Führung Shakeltons, der während der vorigen englische» Südpolar-Expedition dritter Offizier der Discovery war, abgehen. Die Expedition geht zuerst nach Reu-Seeland und bezieht dann die früheren Winterquartiere der Discovery-Expedition. Das Ziel der Expedition besteht in erster Linie darin, die auf der Schlittenreise der Discovery-Expedition gemachten Forschungen weiter zu verfolgen. Es iverden zu diesem Zwecke Hunde, kleine sibirische Pferde und ein eigens für diese Reise konstruiertes Automobil mit- genommen werden. — Die Nationen als Raucher. Den Ruhin, der stärkste Tabakraucher der Welt zu sein, kann der Holländer für sich in An- sprach nehmen: auf jeden Kopf der Bevölkerung entfällt nach der amtlichen Statistik ein jährliches Verbrauchsquantum von 3 Kilo 400 Grainm Tabak. Mit 2110 Gramm folgen die Bürger der Ver- einigten Staaten: die Belgier verbrauchen 1352 Gramm pro Kopf. Deutschland hat im Nikotinwettkampf mit 1485 Gramm pro Kopf den vierten Platz inne. In kurzen Abständen folgen Australien mit 1400 Gramm, Oesterreich-Ungarn mit 1350 Gramm. Norwegen mit 1335, Dänemark mit 1125, Kanada mit 1050, Schweden mit 940, Frankreich mit 933 und Rußland mit 910 Grainm. � Den geringsten Tabakverbrauch verzeichnet Spanien mit einem jährlichen Konsum von nur 550 Gramm pro Kopf der Bevölkerung. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VcrlagZanitaltPaulSingcrLlCo..BerlinLV.