Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 32._ Donnerstag� den 14 Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) säj JVIadame cTOra. Roman von Johannes V. Jensen. Nach Verlauf einiger Minuten erschien Eid wieder, sie kam schnell aus dem Kabinett heraus. Sie war verändert. Sie glich einem Fieber. Ein Stöhnen rang sich aus dem Kreise los. Die Situation wurde kritisch. Mit Eld war eine große Veränderung vor sich gegangen, ihr Mund stand offen, ihre Augen weinten, sie war ganz wild vor Gemütserregung. Hall stand über seinen Tisch gebeugt, als er die Ringe im Kabinett klirren hörte. Er richtete sich auf, er glaubte, es sei der Urmensch, der sich wieder blicken ließ. Aber als er Eld sah, war er mit einem Sprung bei ihr. „EldI" v!>a. ' Sie schob die Brust vor, verzweifelt und stark, sie atmete so heftig, daß ihr die Weißen Gewänder von den Schultern glitten. „Eld, was ist geschehen?" fragte er barsch. „Ich muß gehen," sagte sie weinend.„Ich muß gehen. Es ist vorbei." „Mußt Du gehen?" ,.�a. „Und kommst Du nicht wieder?" „Nein. Nein." „Warum mußt Du gehen?" fragte er klagend. „Eld, warum?" Sie schüttelte den Kopf, ihn ansehend. „Ich kann es nicht sagen. Ich muß gehen." Hall senkte den Kopf. „Ja, aber Eld," bat er eindringlich,„kannst Du denn nicht noch etwas bleiben? Mußt Du gleich gehen? Gleich? Bleibe noch ein wenig! Wenn es doch das letztemal ist. Eld?" Sie lachte ihn an, stammelnd, seufzend, weinend. „Ich muß verschwinden,— gleich." Hall geht vor ihr auf und nieder, geht einmal um sie herum und wieder auf und nieder, er ringt die Hände, wie jemand, der in bitterer Not ist. >.,Eld, wohin gehst Du dann?" Sie schüttelt den Kopf und da-Z Haar nach allen Richtungen hin. Hall faßt unwillkürlich nach ihr. Sie weicht zurück mit hockzerhobenen Armen und Augen, die vor Angst rmnd sind. Er faßt wieder nach ihr, schwächer. „Nein, nein, nein, nein," fleht sie, und er läßt die Arme sinken, steht mit leeren Händen da, sinkt vor ihr znsammen. „Jetzt muß ich gehen." „Nein, Eld!" „Ja, ich muß gehen." Er lächelt in seinein Schmerz, er will sie festhalten, er will die Zeit in die Länge ziehen. „Und dann willst Du wohl heimwärts? Du willst zurück, Eld, von uns weg. Willst Dm nach den Tälern bei Bingöl Dagh, wo Du Schafe hütetest? Willst Du den Euphrat sehen? Oder wohin gehst Du? Und kann ich nicht mit Dir gehen?" „Ja, das kannst Du!" flüstert sie, vom Kopf bis zur Zehe zitternd. Er sieht die wunderbare Schwäche in ihrem Blick, die ihn trifft, ihn blendet, er tastet mit den Händen vor sich hin. „Kann ich mitgehen?" „Ja. Aber jetzt muß ich fort." Sie gleitet ein Paar Schritte zurück, auf das Kabinett zu, steht undeutlich im Halbdunkel. Er folgt ihr. „Geh nicht," fleht er außer sich.„Geh nicht! Nein, Eld!" „Komm!" flüstert sie und weicht noch einen Schritt zurück. Er steht eine Weile und starrt sie an. Dann läßt Plötz- lich die Erregung nach, die seine Kräfte fast erschöpft hat, und er wird vollständig ruhig. „Willst Du denn, daß ich sterben soll?" fragt er finster. „Komm!" flüstert sie. Er greift in alle seine Taschen, sucht nach einem Messer, nach Gift, oder nur nach einem Nagel, um sich die Pulsader damit aufzureißen. «Ja, Eld. Ich komme!" murmelt er und geht ihr nach in das Kabinett, in die Finsternis hinein. Da ertönt ein rasendes Gebrüll! Ein wilder, schallender Kehllaut, und große Spriinge werden auf dem Fußboden hör- bar. Es ist Leontine d'Ora! Leontine d'Ora wirst sich mit ihrem ganzen Gewicht zwischen die beiden. Und in der Ver- wirrung und dem Tumult, die nun entstehen, hört man aber- mals Madame d'Oras wahnsinniges Gebrüll und dann einen laut gellenden Frauenschrei, und im nächsten Moment kreischt Madaine d'Ora vor Schmerz auf. Und wieder brüllt sie triumphierend. Aus dem Kabinett dringt ein Lichtstreif heraus. „Ich halte sie!" heult Madaine d'Ora.„Licht! Licht!" Der Kreis ist von den Stühlen aufgesprungen, und plötz- lich erstrahlt das Laboratorium in vollen«, blendenden elek- irischen Licht. „Ich halte siel" stöhnt Madame d'Ora.„Seht! Es ist Mirjam! Seht! Seht! Sie hat mich gestochen. Seht sie alle! Ah! Ach!" Sie schwingt den einen blutigeil Arm und schlägt die weiße, leblose Gestalt, die schlaff auf ihrem Bilsen liegt, zwei- mal auf den Stücken, daß es nur so schallt. „Ab! Ich Hab' es mir ja gleich gedacht! Da könnt Ihr sehn! Ah!" Aber nun steigert sich die Verwirrung zu cincin all- gemeinen Ausbruch von Wahnsinn, man schreit in allen Ton- arten. Denn die Portieren zu dem Kabinett tun sich auf, und heraus tritt Dlie missing Uni:, behaart und in seiner Kleidung auS Häuten. Er ist nicht angenehm zu sehen in dem blendenden Licht, als er zähneknirscheiid aiif Madame d'Ora losgeht mit Fingern, die sich nach ihrer Kehle krüminen. Ter kleine graue Mann mit der goldenen Brille zieht einen Revolver heraus, und seine Augen haben plötzlich gar keinen alten Blick mehr, er erhebt eine kommandierende Stimme. Aber jetzt ist da ein anderer, der schwer auf den Fußboden springt, Ralph Winnifred Lee! Er fliegt auf den Urmenschen zu und reißt mit einem Ruck den Urmenschenbart von seinem Untergesicht. „Jesus Christus! DaS ist Evanfton!" ruft der kleine Mann mit der goldenen Brille. Und als befolge er ein Bei- spiel, befreit er sich von der Brille und von seinem schönen grauen Bart, den er mit„Plch" in die Tasche steckt. „Mein Name ist Thomas A. Mason," sagt er ganz iin allgemeinen in das Zimmer hinein und zeigt ein Polizeischild. „Nein, so etwas Hab' ich doch--- Jesus Christus!" Madame d'Ora hat Mirjam losgelassen. Sie sieht sich nach Edmund Hall um und entdeckt ihn mitten im Labors- torium auf einem Stuhl sitzend in all der Panik und all dem Austuhr. Hall hat sich hingesetzt, er ist kein Teilnehmer mehr. Leontine schwankt auf ihn zu und kriecht auf den Knien vor ihn hin, zeigt ihm ihren verwundeten Arm und legt ihren Kopf in seinen Schoß. Und während nun alle Aigen auf Lee«md Evanston ge- richtet sind, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber.- stehen, sitzt Edmund Hall da. die Hände auf Leontines Kopf, und beobachtet etwas, das über den Fußboden hinkriecht � Mirjam in Elds weißen Gewändern. Sie hat sich auf allen Vieren aus ihrer Ohnmacht aufgerüttelt und kriecht nun dahin, so gut sie kann, um aus dem Wege zu gelangen. DaS lange, schwarze Haar, das vom Einflcchtcn leicht geflammt ist.— jetzt sieht er das— hängt herab und verbirgt ihr Ge- sicht völlig, aber sie scheint keine Verwendung für ihre Augen zu haben. Sie schleppt sich.mit Mühe und Beschwerde auf Händen und Mien weiter, sie sinkt mit dem Hinterkörper nach der Seite um und erhebt sich nur mit großer Not«vieder, der Kopf auf dem dünnen, kraftlosen Halse sinkt bald nach der einen, bald nach der anderen Seite.� Allmählich gelangt sie bis an die Wand, wo sie umfällt, sie stößt den Kopf mehrmals gegen die Mauer, als wolle sie sich unter einem Busch ein Versteck bohren, sie streicht an der Seite cutlaug, um in Schutz zu gelangen, und als sie den Widerstand fühlt, folgt sie der Wand mit ihren letzten armseligen Kräften, sie will bis ans Ende gelangen, sie will aus dem Wege. Einmal läßt sie das arme, schwache Rückgrat ganL im Stich, so daß sie umsinkt, Md NUN kann sie wohl nicht wieber auf die Beine kommen: dier sie kämpft geduldig, biZ sie wieder weiter kriechen kann. Endlich, endlich hat sie die Ecke erreicht, und hier scheint sie sich wohl zu fühlen, oder auch, sie kann nicht mehr, sie bohrt den Kopf in die allerhinterste Ecke am Fußboden und zieht den Körper und die nackten Beine so dicht wie möglich an sich. <£ie macht noch einen letzten, ganz schwachen Versuch, sich weiter in die Ecke hineinzudrücken und sich besser zusammen- «irollen, bis sie snll liegt. ,Es tut so weh!" jammert Leontine und ringt den blutenden Arm. „Hat sie Dich gestochen?" fragt Edmund geistes- abwesend. „Ja, sie stach mich mit irgend einem Glas. Ich hörte, wie es zerbrach." �Fortsetzung folgt.) (Nochdruck verboten.) Die 'Temperatur- Omhcbr im(Hinter. Von Dr. H. G e r st m a n n. Die Temperatur der Luft nimmt im allgemeinen um so mehr ab, je höher die betrachtete Luftschicht liegt, je entfernter sie von der Erdoberfläche ist. Das kann jeder erfahren, der ein höheres Gebirge besteigt; dort lieg: auch im Sommer beständig Eis und Schnee. Noch merklicher wird es, wenn man eine Lustballoniahrt unternimmt, denn wenn man auch a»s einer am Erdboden kaum erträglichen Hitze aufgestiegen ist, gerät man, wenn der Ballon eine größere Steighöhe erreicht, in eine solche Kälte, wie man sie auf der Erdoberfläche auch im strengsten Winter nicht erlebt. Die größte Höhe, die von Menschen bisher im Lust- ballon erreicht wurde, beträgt 10 800 Meter. Die Professoren Berson und Sünna vom Berliner Meteorologischen Institut drangen am 31. Juli 1901 so hoch in die Luft, doch gerieten dabei beide in dringende Lebensgefahr; bei dieser im tzochsoinmer unternommenen Fahrt— an der Erdoberfläche betrug die Temperatur am selben Tage vormittags über 23 Grad— zeigte das Thermometer in der erreichten Luftschicht minus 40 Grad, die Lust war also oben um 63 Grad kälter als in der Tiefe, gewiß ein deutliches Beispiel für die Temperattlrabnahme mit der Höhe. Die Verringerung der Luftwärme mit der Schichthöhe geht un- gefähr so regelmäßig vor sich, wie wenn man vom Acqnator zu den Polen kommt. Auf hohen Gebirgen in den Aequatorgegenden zeigt sich dies auch an der Vegetälioir, die auf dem Gebirge lebt. Am Fuße des Berges gedeihen die Pflanzen, die eben in der heißen Zone vorkommen, wie Palmen und der- gleichen; in mittlerer Höhe findet man die Pflanzen, die bei uns, in der gemäßigten Zone, auf dem Erdboden leben, mrd wenn man noch höher steigt, ist man von dem kümmerlichen Pflanzen- wuchs umgeben, den man sonst im hohen Norden vor sich hat; so kann man dieselbe Pflanzenrcihe von unten nach oben feststellen, die bei der Wanderung vom tropischen nach dem nordischen Klima durch- gemacht wird. Die Ursache dieser Lustabkühlung mit zunehmender Höhe ist leicht begreiflich. Wenn wir Menschen uns gegen die äußere Kälte schützen wollen, so legen wir wärmere Kleidung an. Die Bezeich- nung„wärmere Kleidung'' ist eigentlich nicht richtig gewählt, denn in der Tat ist die Kleidung durchaus nicht warm, sie führt uns auch keine Wärme zu, sondern sie ist nur ein Mittel dagegen, daß unsere eigene Körperwärme in die Lust ausgestrahlt wird. So ist auch unsere Atmosphäre eine Art von schützendem Mantel für die von ihr umgebene Erde, sie verhindert es. daß die Wärme, die uns von der Sonne zugestrahlt wird, sofort wieder an den leeren Wolkcnraum abgegeben'wird. Dabei ist eS merkwürdig, daß die Luft für die Wärme, die von der Sonne zur Erde gelangt, sehr leicht durchgängig ist, während sie in der entgegengesetzten Richtung, also von unten nach oben, der Bewegung der Wärme einen sehr großen Widerstand entgegensetzt. Dieses eigenartige Verhalten wurde von dem englischen Physiker Tyndall dadurch erklärt, daß er annahm, beim Aufprallen auf die Erdoberfläche erleide die Wärme eine gewisse Umwandlung. Die strahlende Wärme wird von einem Punkt nach dem anderen geführt durch eine Wellenbewegung des im leeren Räume und in allen Substanzen und Körpern der Welt als vorhanden gedachten AetherS, dessen Wellenbewegungen ja auch das Licht von einer Stelle des Rauines zur anderen tragen. Nun setzt sich das Licht aber aus Wellen von sehr verschiedener Länge zusammen, die sich dem Auge als die verschiedenen Farben kenntlich machen. Auch die sichtbaren Licht- strahlen tragen eine gewisse Menge Sänne in sich, hauptsächlich wirken aber diejenigen Aetherwellen als Wärmewellen, die größer sind als die Wellen der fichtbaren Lichtstrahlen. Auch die Wärme- schwingungen des Aethers haben nun recht verschiedenartige Wellen- längen, ohne daß wir freilich ein Sinnesorgan haben, das die Wärme- wellen verschiedener Wellenlänge so unterscheiden könnte, wie das Auge die verschieden langen und verschieden farbig erscheinenden Lichtwellen. Nun sind gelvisse Substanzen durchlässig für Licht von gewisser Wellenlänge, z. B. für rotes Licht, alle anderen Lichtwellen verschlucken sie; solche Körper find die rot- farbigen Gläser. andere Körper, z. B. die blauen Gläser, lassen nur Licht von solcher Wellenlänge durch, das uns blau erscheint, alle anderen Lichtwellen werden in ihm verschluckt. Solchergestalt lassen nun auch verschiedene Körper, zun: Beispiel auch die Lust, nur Wännestrahlen von bestimmten Wellenlängen durch, und Tyndall nahm nun an, daß die Wärme- strahlen schon dadurch, daß sie auf der Erde aufprallen, die also eine solche Wellenlänge besaßen, daß sie von der Lust durchgelassen wurden, in Wärmestrahlen von solcher Wellenlänge umgewandelt loerden, daß sie nun von der Luft nicht mehr durchgelassen, sondern in ihr festgehalten werden und, unmittelbar an der Erde ver- bleibend, gehindert werden, in den Weltenraum hinaus- znstrahlen; sie kommen also der Temperatur der Erde, in deren Nähe sie ja find, zugute. Derarttge Umwandlungen von Aelherwellen einer Wellenlänge in solche von anderer Länge find durchaus nichts Unerhörtes, sie kommen auch bei Lichtwellen vielfach vor. wo sie sich als Umwandlung einer Farbe in eine andere kenntlich machen. Die unmittelbar über der Erde lagernde Lust hat nun beinahe die ganze Dicke der A Miosphäre über sich, also einen sehr dicken Lufnnantel, bei dem jedes einzelne dünne Schichtchen etwas Wärme zurückhält, so daß nur wenig Wärme von unten in den Weltraum strahlen kann. Geht nian aber ein wenig in die Höhe, hat man nur noch eine geringere Atmosphärendicke über sich, die die dort befind- liche Wärme zurückzuhalten im stände ist, sie strahlt kräftiger in den leeren Raum hinaus, es ist dort kälter, als dicht an der Erdober- fläche. Unter sonst günstigen Umständen genügt schon eine Erhebung von fünfzig Metern über die direkte Erdbodenluft, um eine be- träcktlich geringere Wärme erkennen zu lassen. Wenn man um eine Strecke weiter in die Höhe geht, hat man dort eine Luftdecke von noch geringerer Dicke über sich. die Strahlung nach oben ist wiedcruni erleichtert, infolgedessen ist es also dort auch wieder kälter. Auf diese Weise ist, je iveiter man in die Höhe geht, eine immer dünnere Atmosphärendicke darüber gelagert und die Temperatur nimmt mit der Höhe beständig ab. Es ist also etwa so, wie wenn wir Kleider von verschiedener Dicke anziehen; an dem Tage, an dem wir dünnere Kleidung tragen, geben wir mehr Wärme ab, als dann, wenn wir dickere Kleidung angelegt haben; darum tragen wir im Winter, wenn wir unsere Wärme nach Möglichkeit bei uns be- halten wollen, dicke Kleider, im Sommer dagegen, wo wir von der Hitze gepeinigt werden, kleiden wir uns möglichst dünn, uni der Wärme den Änsttitl zu erleichtern. Die allgemeine Regel, daß die Lust mit zunehmender Höhe immer kälter wird, erfährt aber im Winter nicht selten auf- fällige Ausnahmen. Es kommt vor. daß die Lust gleich am Erd- boden sehr kalt ist und daß über ihr eine höhere Tcnlperatur gc- funden, in noch größerer Höhe ist die Wärme noch größer, und erst wenn man sehr hoch steigt, macht sich wieder der regelniäßige Zustand gellend, voll dort aus nunnit die Luftwänne nmsomehr ab. je höher man kommt. Diese Erscheinung ist den Meteorologen wohlbekannt, sie komm: so häufig vor, daß es sich als noiwcndig erwies, ihr eine besondere Bezeichnung zu geben, und mau nennt sie die Temperatur- umkehr im Winter oder auch die Temperaturinverfion. Man kann sie inanchmal schon bei ganz geringen Höhenuitterschieden feststellen. Wenn man dann anl Boden eine sehr niedrige Temperatur findet, ist sie auf dem Dache eines Gebäudes viel höher, sogar uni sechs bis sieben Grad. Bei so geringe» Höhenunterschieden ist freilich eine so bedeutende Temperatursteigenmg ziemlich selten wahrzunehmen, aber wemi die Enlfenmng von der Erde an einer untersuchten Stelle mehrere hundert Meter größer ist, � als an der anderen, sind so große, ja noch größere Temperadlr- steigerungen ganz häufig. Die nächstliegende Erklärung für diese Temperatur», nkehr wäre vielleicht die, daß man annimmt, in größerer Höhe wehe ein Südwind, der naturgemäß dorthin ans dem Süden Wärme trägt, während näher der Erde dieser Südwind fehlt, also auch die von ihm herrührende Wärme. Denn in der Tat wehen fast immer in verschieden hohen Luftschichten Winde von ganz verschiedenen Richtungen, und dort, wo diese ver- schiedenen Luftströmungen an einander grenzen, macht sich ihr Zusanunenwirkeii durch charakteristische Wolkenforincn und auch durch andere meteorologische Erscheinungen oft geltend. In neuerer Zeit hat man sogar durch Anfsttege von unbemannten Ballons, die schon bis in die gewaltige Höhe von 24 000 Metern gelangten, und die die dort oben herrschenden Luftznstände auf selbsttätig registrierenden Instrumenten verzeichnen, festgestellt, daß in der Höhe von tausend Metern und etlvas darüber fast beständig ein warmer Luftstrom aus Süden weht, der dort die Lufttemperatur nicht wenig über die der dicht darunter befindlichen Luft erhöht. Aber zur Erklärung gerade der winterlichen Teinperattiru, nkehr kann das Vor- herrschen von Südwinde» einfach deshalb nicht herangezogen werden. weil jene Erscheimmg auch da auftritt. wo gar keine Südwinde vorhanden find, sondern wo die Luft aus dem Osten oder Norden weht, also aus Gegenden, die unS Kälte bringen. Die Ursache ist vielinehr in der Tatsache zu suchen, daß zu den ftaglichcn Zeilen auf der Erdoberfläche Frost herrscht; an der vereisten Erde kühlt sich die sie uim, ittelbar berührende Lustschicht sehr energisch ab, und noch einige Meter, auch noch einige hundert Meter reicht die so herbeigeführte Luftabkühlung; aber in einer gewissen Höhe muß diese Wirkung schließlich aufhören, weil die direkte Wärmeleitung der Lust nicht unbegrenzt, ja nicht einmal sehr groß ist; dort ist die Lust also so warm, wie es die Sonnen- strahlung zur Folge hat und darum wärmer als in tieferen Lnft- schichten. Die winterliche Temperaturnmkehr ist eingetreten. Von da aus macht sich dann die gewöhnliche Temperatnrabnahme mit der Höhe geltend und so find alle Einzelheiten der Erscheinung er- klärt. Es ist mit großer Wahrsckeinlichkeit, ja fast mit Sicherheit zu erwarten, daß auch in dem jetzigen Winter Temperaturversioncn auftreten.— Kleines f einUeton* Theater. Schiller-Theater dk.:„Adieu Theres e�, Einakter von Ludwig Renner;„Sein Alibi", Schwank in drei Akten von Wilhelm Wolters. In dem früheren Schiller- Theater N., das augenblicklich dem Zickelschen durch das Kadcl- burgiche„Husarenfieber" für Monate versorgten Lufispielhause als Filiale angegliedert ist, gab eS nach endlosen Wiederholungen des „FamilientagS" am Dienstag zwei Premieren. DaS Publikum schien sich zu amüsieren, mit und ohne Grund wurde viel gelacht. Der Renners che Einakter erinnert, wie der Verfasser selbst eine seiner Personen vorsorglich bemerken läßt, stark an SchnitzlerS „Abschirdssouper", war aber darum doch kein bloßer Abklarsch. Ein Liebhaber von dem bekannten Anatolgenre, dem eine mehr als sechsmonatliche Liebe als Widerspruch gegen Natur und Her- kommen erscheint, hat nach Ablauf dieser Frist die Dame seines erzens zu sich eingeladen, um ihr auf Grund seiner Prinzipien die otwendigkeit des AuseinandergehenS zu beweisen. Ein schrecklicher, indessen unvermeidlicher Verlust, den fle erleiden wird— so meint der von dem Zauber seines werten Ich aufs innigste Durch- drungene. Er furchtet das aggressive Pathos ihres zu Hand- greiflichkeiten neigenden Zorns und placiert als Hülfskrast, die auf das Stichwort„Adieu Therese" eintreten und seine Beweisführung logisch unterstützen soll, einen Freund ins Neben- zimmer. Therese kommt, ist reizender als je, und so entivickelt fich die Sache gerade umgekehrt, als im Programm vorgesehen war. Wie Butter in der Sonne schmelzen die Vorsätze, vergessen ist die Sechsmonatstheorie. Den lieben Freund wünscht er un Geist zu allen Teufeln. Selbstverständlich platzt der im ungeeignetsten Moment zur Tür herein und beginnt unter völliger Verkennung der Situation die präparierte Rede. Vergebens sind die Bitten und Beteuerungen des reuigen Liebhabers. Therese, rasch von dein ersten Schrecken sich erholend, dreht den Spieß um. Emil bekommt de» Abschied und an dem Arm des Freundes-, der sich bei diesem un- verhofften Rollenwechsel höchst zufrieden füblt, zieht sie mit schaden- frohem Lächeln ab. Die Komik des Umschlags milderte das An- stößige des Stückchens. Marie Mendt spielte mit munterer Verve. Um so größere Anforderungen an die Geduld stellte der mühsam zu drei Akten ausgezogene Schwank von Wilhelm Wolters. Juristische Spinnwebenlogik sucht aus dem Unr- stände, daß ein Angeklagter nach Wochen und Monaten sich über sein Alibi' zur Zeit der Tat nicht ausweisen kann, seine Schuld abzuleiten. Der Verfasser hat wohl ursprünglich eine Persiflage vorgehabt. Eine vortreffliche Tendenz, zu deren Aus- gestallung es ihm aber an allen Vorbedingungen gebrach. Für solche Zwecke hätte es einer schneidend grotesken Satire etwa im Stil der Courtelineschen Gerichtsszenen bedurft. Hier verläuft der Ansatz in einen merkwürdig unbeholfen zugeschuitzten schaal-familiärcn Dntzendspaß von drückender Langweiligkeit. Ein eifersüchtiges Frauchen, das von der Wichtigkeit des Alibi gehört hat. rückt damit ihrem gedächtnisschwachen Mann auf den Leib. Und weil er sich beim besten Willen nicht erinnern kann, wo er den bewußten Abend, über den sie Auskunft haben will, verbracht hat, nennt er in der Verlegenheit ihr irgend ein Lokal. Ein nach Indizien jagender Rechtsanwalt. Spezialist in Ehescheidungssachen, der durch die Frau davon erfährt, konstruiert im Handumdrehen unfehlbar- sicher den Beweis, dann müsse ihr verehrter Gatte der Herr sein, der mit der Gattin seines Klienten an jenem Abende im Säparü der Weinstube saß und durch das Fenster die Flucht ergriff. Die Auflösung, bei der die Augenzeugen sich aufs gründlichste blamieren, erfolgt in einer imitierten Salon-Gerichtsverhandstnig, bei der der Advokat als Staatsanwalt fungiert. Sie überraschte durch un- gewöhnliche Erfindungsartnut. Frau Mallinger zeigte in der Rolle der Eifersüchtigen wieder ihre stische Natürlichkeit, gegen die dann steilich die ungelenke Steifheit des von Ritter dargestellten Gatten um so peinlicher abstach. Mit behaglichem Humor gab Beckmann den um•feine Zeugengebühren besorgten Berliner Droschkenkuischer. dt. Hygienisches. lieber die A u st e r als TyphuSerreger verhandelte kürzlich die Pariser Akademie der Medizin. Die Frage ist für Frankreich von besonderer Bedeutung, da dort die Auster an der ganzen Küste ein wirkliches Volksnahrungsmittel und auch auf dem Tisch der Pariser Arbeiter kein seltenes Gericht ist. Die Gesund- heitsgefährlickkeit des Austerngeiuiffes ist keine neue Entdeckung. Sie war in England schon bor 20 Jahren Gegenstand einer vom Staate angeorditeten Untersuchung. l8LS sprach dann die Pariser Akademie den Wunsch nach einer Ueberwachung der Austernparks und des Austernimports aus. Das Marin eministerium ordnete daraufhin eine Uitterfuchung der Austernparks an der ganzen französischen Küste an, deren Resultate aber ungenutzt in den Amts- alten verschimmelten. Als aber im vorigen Jahre eine Reihe von auffallenden Erkrankungen die Aufmerksamkeit der Presse erregte und das Publikum beunruhigte, wurde eine neue Erhebung angeordnet, die Professor Netter leitete. Er hat nunmehr ihre Ergebnisse in der medizinischen Akademie mitgeteilt. Seine Untersuchung umfaßte III Jilfektionsfälle, die sich in einem Zeittaum von vier Monaten an 13 Orten ereigneten. In allen Fällen handelte es sich um Austern, die aus den Bänken des Teichs von Thau stammten und in den Parks der Kanäle von Cette gelagert waren. Profeffoi Netter konnte den Zuianimenhang zwischen diesem Ursprungsort und der Erkrankung feststellen. Die Infektion der Austern rührte, tvie er darlegt, von der Verunreinigung des Wassers durch die Abfallkanäle von Cette, einer Stadt von 3.j CHX) Einwohnern, her. Die gefährlichen Austen» waren stisch, zum Teil sogar an Ort und Stelle verzehrt worden. Sie waren durchaus wohlschmeckend, trotz des außerordentlich niedrigen Preises, der 20, 15, ja selbst 10 Centimes für das Dutzend betrug. Die Erkrankungen waren verschiedener Art: in der Mehr- zahl gastrische Fieber, Kolik. Diarrhoe, in 33 Fällen aber hatten sie Typhnscharakter. und zivar trat der TyphnS gewöhnlich in einer schweren Form, in Begleitung von Herzaffektionen auf. In Autun allem kninen in 13 Familie» 30 Erkrankungen vor, darunter vier mit tödlichem Ausgange. Die auffallende Tatsache, daß die Bewohner von Cette selbst von schweren Erkrankungen ziemlich verschont bleiben, erklärt Prof. Netter aus einer durch wiederholte Anfälle seil der Kindheit hergestellten Schutzimpfung. Diese Magen- und Eingeweideerkrankungen sind aber so bekannt, daß sie das Volk mit dem Namen„Cettoise". d. h. die Krankheit von Cette belegt hat. Netter hat auch festgestellt, daß das reine Seewasser dem Eberlhschen Bazillus und anderen Krankheitserregern nicht abttäglich ist, daß also sein Eindringen in die Austernparks die Gesundheitsschädlichkeit der Austern nicht aufheben kann. Immerhin besteien sich Austern, die aus dem infizierten Wasser entfernt werden, nach und nach von den gefährlichen Bazillen und hören nach 5 oder 6 Tagen auf gesund- heitsschädlich zu sein. Leider werden sie aber schon vor dieser Zeit konsumiert. Die Schlußfolgerung Retters ist: Die Auster ist an sich eine gesunde Nahrung. Das einzige Mittel aber, um sie nicht gesundheitsschädlich werden zu lassen, besteht darin, die Austernkultur unter Bedingungen zu betreiben, die die Berührungen mit ver- unreinigtem Wasser ausschließen. Völkerkunde. Negerzauber. Im inneren Afrika gibt eS für uns noch so manche Geheimnisse. Wir wissen, daß viele Negerstämme auf große Entfernungen sich Nachrichten geben, wir können uns aber diese Uebermtttelung schlecht erklären. Wohl hört man in Westastika nächtlich daS Trommeln, das die Nachrichten weitergibt und unter den feinhörigen Kaffern ist. so sagt man, der Steinboden der Leiter für die Weitergabe der Meldungen. Doch bleibt viel von alledem unklar. Ter englische Arzt Dr. Felkin, der seinerzeit mit Emst, Pascha in Uganda war, kam von dort von Süden her in Lado am Nil an. Dorr teilte ihm ein Zauberer mit, er habe in derselben Nacht erfahren, in Meschao er Rek— abwärts im Bahr el Gasalgebiete— sei die Ankunft von zwei Dampfern auf dem Nile angemeldet worden. Auf diesen Tantpfen» befänden sich»nehrere Europäer, die der Zauberer schilderte. Einer sei ein kleiner Dicker mit einem langen Barte. Er bringe Briefe an Dr. Felkin und werde nach dreißig Tageil in Lado eintteffen. Felkin gab nichts auf die Rede des Schwarzen, der darüber sehr verstimmt war. Nach zweiunddreißig Tagen aber behielt jener doch Recht, der kleine Dicke kam an, Luptoi, Ney mit den angekündigten Briefen. Im Burenkriege erfuhren den Ab- zug der Buren von Mafeking und den Ausfall des Obersten Baker Eng- länder im Zululande ohne Telegraph und quer durch Südafrika schon am Tage des Vorfalles. Man kann diese Mitteilungen auf so bedeutende Entfernungen durch Rauchsignale. Feuerzeichen und ähnliches durchaus nicht erklären, denn viele Reitende berichten gleichlautend, daß die Kaffern auch über flaches Land hin weithin Nachrichten melden können. Es schien ihnen wohl, als ob steiniger Boden der Träger der Laute sei, doch den eigentlichen„Zauber" hat man nicht erkunden können. Durch ganz Afrika verbreitet find die Nganga, die zugleich Zauberer und Aerzte find. Der schwarze Medizinmann hat seine Medizin geivöhnlich in einem� Säckchen oder einer Kürbiskalebasse. Da ist wunderbares Zeug versammelt, ein Stück Büffelhorn, ein Stück Band, Menschenzähne. Affenhaut, Körner, Haare, häufig auch Geschlechtsteile von Menschen. Soll die Medizin wirksam iverden, so nimmt der Zauberer Gegenstände an sich, die den» Kranket» gehören, einen Zahl», Haare, Blut. Dann erscheint er in der Hütte, angetan mit einer Gesichtsmaske, und beginnt seine Beschwörung Wie in der Zeitschrift„Le Congo" der Baron de Haulleville mitteilt, find den Zauberern viele wirksame Mittel bekannt. Am bäufigsten wenden sie Bäder und Massage an gegen das Gliederreißen, die allgemeine Plage der Neger, die»n Kälte»ind Hitze im Freien leben und tagelang des Fischfanges ivegen am Wasser wohnen. Am Unter-Kongo setzt man den Kranken auf eilten Schemel, unter den» est» Kessel mit siedendem Wasser aus glühender Asche steht. Der Scideude wird dicht in Stoffe e»n- gewickelt und erhält nun, während der Medizinmann den Geist der Krankheit beschwört, ei» regelrechte? Schwitzbad. Am Lber- Kongo wird der Kranke in eine Gnibe gesetzt, so zugedeckt, datz nur der Kopf herausschaut, und dann siedende? Wasser in die Grub« gegossen, in dem illcrhand Kräuter gesotten worden sind. Der Kranke mutz manchmal zwei Tage lang das heitze Bad aus» halten— und der Zauberer lutzt sich dann für seine anhaltende Be» kämpfung de?„Geiste?" doppelt schwer bezahlen. Häufig erinnern die Mittel des Neger-Nganga an unsere mittelalterliche Medizin, die ja unter dem Banernvolke noch heute gilt. So helfen Schlangen- zahne gegen Neptilieubitz, die de? Leoparden gegen dessen Ueberfall. Erstaunlich, aber durch viele Zeugnisse bekmidet ist die Impfung gegen das Skorpiongift, Ein Skorpionschwanz wird eine bestimmte Zeit lang über dem Feuer gebraien, dann zerstoßen. An den Ge- lenken des Patienten werden einige Einschnitts gemacht und die Masse bort hineingcrieben. Der Geimpfte macht ein nicht starkes Fieber durch und ist künftig gegen Skorpionbitz geschützt. Stirbt ein Kranker— da? passiert ja auch Negerärzten— so ist der Nganga an Ausreden nicht verlegen. Bezahlen läßt er sich obendrein, denn nun hat er es in seiner Gewalt, die Verwandten zn verdächtigen, die ihn durch Geschenke günstig stimmen. Ein Nganga kann auch eine Frau iverden. und es gibt im Kongogebiet Aerztinnen genug. Sie sind aber eher gefürchtet als begehrt, denn tvie bei uns Hexerei den Frauen zugeschrieben wird, so auch im dunklen Erdteil, wo sie in Giftmischerei sich auszeichnen und geheime Pflanzenmedizin kennen. Die Einsetzung eine? neuen Nganga, des Medizinmannes im Dorfe, geschieht unter allerhand Feierlichkeiten, an denen das ganze Dorf teilnimmt, nachdem der Bewerber vor einem Rate von Weisen sich als einen brauchbaren Zauberer erwiesen hat. Je nachdem er den hohen Rat bestochen hat, wird sein Examen rigorosum leicht gemacht. Die zivei ältesten Geheimräte erfassen ein langes Band, das in der Mitte einen Knoten hat. Die Alten ziehen am einen Ende, der Bewerber unter Beistand von zehn starken Männern am anderen Ende. Bleibt der Knoten auf seiner Seite— fast immer— so ist die Probe entschieden und alle singen:„Aha, >vaS für einen starken Zl».bercr haben wir." Der neue Medizin» mann erhält dann noch einige Vorschriften, an die er sich halten muß. Oeffentlich vernimmt er die folgenden — insgeheim weitere:„Niemals sollst Du bittere Früchte ins Dorf bringen, wenn du selbst solche essen lvillst, so sollst du sie im Walde essen. Niemals sollst du über Nacht Wasser in deinem Hause haben. Niemals sollst du Aal essen, auch nicht Ziegenfleisch. Niemals sollst du deinen Maniok mit anderen essen, du sollst ihn allein essen!" DaS letzte Gebot entspricht der großen Furcht der afrikanischen Eingeborenen, in Gesellschaft eine? Zauberers zu essen. Der eng- tische Reisende Hauptmann Wellbh berichtet folgenden ihm zu- gestoßenen Vorfall aus Abcsfimen, aus der Nähe von Addis Abeba. Ein Eingeborener kam in sein Lager unter dem Geheule: „Walama, walama, Zauberer!" Wellbh erfuhr nun, daß er bei einem Dorfe verweile, da? von Zauberern be- ivohnt sei, die ihre Gegner wahnsinnig inachen können. Einer der Leute aß trotz einer Warnung in Gegenwart eines Zauberers. Er wurde tollwütig und enttvich. Der Engländer wollte den Glauben bekämpfen und aß vor vielen Zauberern. Es ging ihm beinahe wie»einem Diener. Am anderen Morgen war erkrank und vennochte sich wochenlang nicht mehr zn erholen. Was tun die WalamoS? Beeinflußt der Boden, Malariagift den Fremden, das dem Einheimische!» nickt mehr schadet? Jedenfalls schildert sie der Reisende, der die üble Erfahrung machte, als große gesunde Leute, ihre Frauen als schmucke Weiber, alle gern lustig und zu Tanz und Musik geneigt. Der Glaube der Reger, daß ihnen der. Zauberer übleS anhexen kann, ist mit den Sklaven nach Amerika hinübergckommen. In Jamaika machte unlängst ein englischer Offizier folgende Erfnhrung. Ei»» alter Diener, der sich mit einem bekannten Zauberer gezankt hatte, wurde krank und verlor die Sprache. Der Offizier ließ den Mann drei Wochen lang im europäischen Hospital behandeln. Ber- gcblich, der Mann verkam zusehends. Auf den Rat einer Schwarzen wurde der Kranke zur Hütte eines Zauberers gebracht. Der gab ihm ein Getränk aus Kräutern und nach drei Tagen war der Mann vollkommen geheilt. Kongo-Offiziere haben ebenfalls in vielen Fällen die Erfahrung gemacht, daß ihre erlrankten Leute mit curopäischer Medizin ver- geblich behandelt, daß sie aber nach Behandlung mit den Mitteln der Nganga schnell geheilt lvurden. Der„Zauber" muß eben in diesen Mitteln liegen, die»ms die Neger uin keinen Preis verraten, die zu kennen aber imserer Heilwissenschaft sicher von Vorteil wäre. Humvriftisches. — Der Alchimist. sDernburg, der ans Wüstensand Gold machen soll.)„Na, Exzellenz, wird's geh'«?" — Im Zeichen ber Fleischnot. sSteinmaurer bei der Arbeit. Der eine seinen Leibgurt um einige Loch enger ziehend): A.(seinen Mitarbeiter erstaunt ansehend): Wat machst« denn, Willem? B.: Ick frühstücke. Polonhi. (Monolog de? ungarischen Justizminister?.) Nur wer sein Brot mit Tränen atz, Vermag der Seele Leid zu nennen; Nur wer in ttefem Elend saß, Wird and'rer Menschen Elend kennen. Nur wer betrogen zwanzigmal, Wird zur Deliktserkenntnis reifen, Nur der, der selber Silber stahl, Wird Diebes-Psyche voll begreifen. Nur wer erpreßt mit eig'ner Hand, Empfindet mit Vcrbrechernöten. Und nur ein Zuchthausaspirant Kann die Justiz im Staat vertreten! („Lustige Blätter".) Wann? Und die Zeiten fließen fort, Und im„Temps" stand Bülows Wort: Werde bald, ihr sollt es spüren, Liberalster regieren.... Manchem scheint dies ein Gewinnst. Fragt sich nur, wann du beginnst. Morgenrot der Liberalen? Wann? Kurz vor den nächsten Wahlen. (Gottlieb im„Tag".) Notizen. — Im Alter von 86 Jahren ist in London Sir William Howard Russell gestorben, ein Veteran der Journalistik, der fast alle großen Kriege tvährend der letzten Hälfte des 19. Jahr» Hunderts als scharfsichtiger Beobachter mitgemacht und in färben- prächttgen, exakten Schilderungen beschrieben hat. Die ersten Er- sahrungen als Berichterstatter machte er in den Jahren 1843/44, als ihn die„Times" nach Irland sandten, um über die Unruhen und dann über den Prozeß gegen den Agitator O'Connell zu berichten. Zum erstenmal nahm Russell an einem Kriege 1859 in Schttswig-Holstein teil; aber sein Ruhm und seine Bedeutung wurden erst durch seine Tätigkeit während des Krimkrieges begründet. Kriegskorrespondenten waren damals noch recht seltene Posten, und als sich daher Russell im Austrage der„Times" bei dem englischen Heere meldete, wurde er als ein seltsames Phänomen angestaunt. Aber durch ihn wurde der Beruf des Kriegskorrespondenteu nun bald ein wichtiger Faktor. Seine Enthüllungen über die Mängel der englischen Kriegs- führung erregten großes Aufsehen und erschreckten die Regierung zu Hause nicht weniger als die Generale im Feld. Verschiedene Reformvorschläge Russells fanden Anklang und lvurden durch das Unterhaus gebilligt. Damit war feine Stelllmg in der englischen und europäischen Presse begründet. Von nun ab war er bei allen wichtigen Ereignissen zugegen. Seine Berichte über die Anfänge deS amerikanischen Bürgerkrieges riefen unter den Aankees eine furcht- bare Entrüstung hervor, sodaß Russell Amerika verlassen inußte. Den dentsch-französischcn Krieg hat er hauptsächlich im deutschen Hauptquartier mitgemacht. — Magnetisches Gewitter, Polarlicht, Sonnen- flecke stehe», wie in den Artikeln über da? Polarlicht hier kürzlich auseinandergesetzt Ivurde, in engem Zusammenhange. Das starke magnetische Gewitter, da? am 9. und 19. Februar sich von den Azoren her über Spanien, Deutschland bis Schlveden und England bemerkbar machte und mit seinen starken Strömungen die schwachen elektrischen Ströme der Telegraphen- und Telephonleittingen„über- tönt", hat daS wieder erwiesen. Es ist ein starkes Nordlicht beob- achtet worden, dem sich bei klarer Lust wohl noch mehrere zugesellt hätten und vor allem sind seit einigen Tagen eine Anzahl be- deutender Sonnenflecke auf der Sonne zumeist in der Nähe des Sonnenäquators erschienen. — Eine Nadelstatistik wird in„Technik und Natur- Wissenschaft", dem Beiblatt des„Kosmos" aufgestellt: Bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts tvar es Deutschland allein(daneben nur Spanien in beschränktem Maße), das die ganze Welt mit Stecknadeln und Nähnadeln versorgte. Später gelang es England, nachdem eS bei den Deutschen in die Schule gegangen ivar, diese fast völlig vom Weltmarkt zu verdrängen, den sie sich aber neuerdings energisch zurückerobert haben. Bis dahin fabrizierte England in seinen kolossalen Stahlwerken zu Sheffield, Birminaham und London die größte Zahl Nadeln: 59 Millionen täglich. Gegemvärtig steht Deutschland ail erster Stelle, dessen Fabriken(etwa 79 an der Zahl) in Aachen und Burtscheid, Iserlohn, Altena, Schivabach usiv. je 299 Millionen wöchentlich erzeugen: dazu kommen Frankreich und die Vereinigten Staaten mit je 159 Millionen wöchentlich. Allem im Aachener Bezirk Iverden jährlich 799 bis 899 Tonnen Stabldraht zu etwa 4'/, Milliarden Radeln aller Art, im Wert von ungefähr sechs Millionen Mark, versandt. Man veranschlagt den täglichen Nadelverbrauch der ganzen Welt auf etwa 299 Millionen Stück. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.VerlagtanstaltPanl Singer ScCo..Berlin SW.