Mnterhallungsblatt des vorwärts Nr. 33. Freitag, den 16 Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 33] jVladame d'Ora» Roman von Johannes V. Jensen. Edmund Hall erhob sich, und Leontinens Arm und Kopf suf den Stuhl legend, ging er schnell nach dem Kabinett hin und untersuchte einige Glasscherben, die an der Erde lagen. Es waren die Stücke eines Reagenzglases. Er nahm eine Scherbe auf. an der die Etikette noch festklebte, und als er sie gelesen hatte, kehrte er still nach dem Stuhl zurück. Hundetollwut I Er nahm Leontines Arm und sah, daß die Wunde ein langer gehackter und geschnittener Riß war, der tief ins Fleisch hineinging. Da legte er sich auf die Knie nieder und legte den Kopf auf den Stuhl neben den ihren, das Gesicht nach unten gewandt. Als Lee hinzusprang und Evanston verhinderte, Madame d'Ora nahe zu kommen und ihm den Bart abriß, inachte der wilde Mann eine höchst charakteristische Bewegung mit der rechten Hand an die Hüste, was zur Folge hatte, daß Mason 'saut auflachte. «Kein Revolver da?" sagte er freundlich.„Ich schlage vor, daß Ihr es mit der Faust ausmacht, was Ihr auch mit- einander haben mögt. Freut mich, Sie zu sehen, Herr Evanston! Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, auf den Kriegspfad gekommen. Wohlan! Geben Sie dem Manne eine Chance! Welch eine Höllenhitze! Geben Sie uns das Siwuspiel eines Zweikampfes. Hinterher können wir dann über die verdächtigen Punkte der Situation *cdeii..." Mason knipste in rosigster Laune den Schiveiß mit dem Zeigefinger von seinen Brauen. Evanston sah mit blut- unterlaufenen Augen nach seinen« Revolver. Lee aber fing ganz gemütlich an, seine Jacke und seine Weste auszuziehen, er zog das Manschettenhemd über den Kopf und dann auch �ie wollene Unterjacke. „Polizei! Polizei!" schrie Herr Mc Carthy an der Tür, die er geöffnet hatte, und wo sich die elektrische Beleuchtung des Laboratoriums mit dem grellen Tageslicht voin Vestibül her vermischte. M. An jenem Tage stieg die Hitze in New Aork plötzlich zu einer beängstigenden Höhe, wie es in dieser Stadt, die mit Elektrizität überladen ist, zmveilen vorkommt. Das Thermo- «neter ging mit einem Ruck in die Höhe, und zugleich mit der erstickenden Hitze entstand eine vulkanische Unnche in der Luft, eine atmosphärische Spannung, die allen Nerven- schinerzen machte. Es«aar, als drohe ein Kurzschluß aller Leitungen, als könne die Luft selbst jeden Augenblick in Brand ausbrechen und die Stadt im Handumdrehen in«veiße Asche verlvandeln. Hier und da in der Stadt ergriff die Be- völkcrung massemveise ein Entsetzen: Haufen von Menschen drängten sich uin Springbrunnenbecken zusammen, um einem «lassen Element nahe zu sein. Aus dem italienisckxn Stadt- viertel stieg ein Murren auf lvie aus den Käsigen einer Menagerie. Die Chinesen in der Pellstreet begossen sich«nit Wasser. Die L-Züge liefen auf den knochcntrockenen Schwellen mit einem heidenmäßigen Gerassel dahin, das die Luft zerriß. Uebcrall Glühen und schneidende Zusammenstöße, überall Empfindlichkeit, Verletzbarkeit und verzweifelte Stimmung. Das Haus, in dem Edmund Halls Laboratorium lag, war durch seine fünfzehn Stockwerke ein einziger erhitzter Maulnjurfshaufen, dessen Bewohner. nicht viel Anlaß brauchten, um sich zu erregen und sich hinauszustürzen. Kaum eine Minute, nachdem Mc Carthy die Tür geöffnet hatte, waren zwanzig höchst verschiedene Individuen an ihm vorbei in das Laboratorium geschlüpft, wo sie einen Skandal Witter- tcn, und wo sie auch wirklich zwei Personen im Begriff fanden, sich bis auf die Haut zu entkleiden, um zu kämpfen. Staffetten wurden ausgesandt, und ganze Scharen kehrten mit diesen zurück, Kontoristen in Hemdsärmeln, Leute von der Straße, die unten im Cafs des Erdgeschosses gesessen hatten, Stiefel- Putzer mit roten, wollenen Aermeln, alle Arten von Menschen. Da Mc Carthy trotz aller Handaufhebungen dieser Ein- Wanderung keinen Einhalt z«« gebieten vermochte, schlug er die Tür wieder zu und verschloß sie, so daß sie auf diesem Wege »ücht mehr hereinkommen konnten. Aber unter den Neugierigen befand sich ein junger, behender Bursche, einer jener unüberwindlichen Empor« kömmlinge, die aus den Straßen New Jorks aufsprossen, er fuhr schnüffelnd wie ein Terrier uncher, er hatte mit einem Blick alles übersehen, er entdeckte das Kabinett, tauchte natür« lich da hinein und sah ein großes, rundes Loch im Fußboden. Ein Rost war aus dem Mosaikfußboden herausgehoben. DieS Loch sehen war für den Burschen dasselbe wie seine Beine hineinsetzen, und im nächsten Moment war er verschwunden. Eine halbe Minute später kommt er wieder zum Vorschein, ungeheuer belicstigt, und stürzt zu den anderen in das Labora- torium hinein,«vendet sich an den ersten besten mit dem Er- gebnis seiner Expedition. „Da unten ist ein ganzer Karnevalladen!" Er sieht um sich, begreift, daß«nan die Tür abgeschlossen hat, und von einem genialen Gedanken erfaßt, stürzt er sich «vieder durch das Loch, um die Türen unten zu öffnen. Und als er zurückkommt, folgen ihm acht junge Köpfe. Und nun taucht eine zerlumpte, schweißtriefende Person nach der anderen aus diesem Mannloch auf. Sie strömen durch da? Kabinett in das Laboratorium hinein. Es ist, als«volle daS Kabinett nicht mehr aufhalten, lebendigen, atemlosen Pöbel in das Laboratorium zu entsenden, Scharen von Zeitungs- jungen, Tagedieben, Arbeitern, Kontoristen, Leilte aller Nassen, Italiener, Montenegriner, Neger. Und vor diesem anschwellenden Publikum wird das Duell zwischen Joseph Evanston und Ralph Winnifred Lee auS- gekämpft. Mason hat sich gleich von Anfang an zum Leiter deS Kampfes aufgelvorfen, und er gestattete Evanston und Lee nicht, aufeinander los zu gehen, bis alles in bester Ordnung ivar. Sie hatte«, deswegen reichlich Zeit, sich instand zu setzen, und das Publikum hatte reichlich Zeit, sich einzufinden. Evanston hatte keine Lust zum Zweikampf, aber er sah ein, daß er jetzt nicht davon abkommen konnte. Er bat wütend um ein paar Beinkleider und erhielt ein paar leinene, die irgend jemand herbeischaffte. Lee stand bis an die Taille entblößt mit gekreuzten Armen da. Z«vei junge Jankees traten vor und stellten sich Mason als freiwillige Sekundanten vor und wurden ai«erkannt: nach einer Unterhandlung wurde .bestimmt, daß der 5tampf nicht«nit bloßen Fäusten geführt «Verden sollte, was lebensgefährlich werden konnte, sondern daß Handschuhe herbeigeschafft werden müßten,«vas auch ge- schal«. In Ermangelung eines„Ringes" wurde mit Kreide ein Platz von der richtigen Größe auf dem Fußboden be- zeichnet: einige von Edmund Halls Maschinen wurden um- gestoßen oder mit dem Fuß beiseite geworfen. Lee und Evanston«vurdcn in den entgegengesetzten Ecken des Ringes aufgestellt, und hinter ihnen standen ihre Se- kundanten mit Waschschüsseln und Schwäinmen bereit. Das Publikum ordnete sich ringsuinher in bester Einigkeit: d. h. die Stärksten erhielten die besten Plätze. Und«uin«nusterte «nan die beiden Gegner: die Ansichten wärest schnell geteilt, und die Wetten«vurden schleunigst mifgestcllt. Evanston«nackte«inmittelbar den Eindruck, der stärkste zu sein. Seine dicken, vorspringenden Knöchel waren überall mit Sehnen und hartgespoi«ncner Muskulatur bedeckt. Er hatte ein knochiges Gesicht, und sein Kiefer sah aus, als sei er aus Schmiedeeisen gemacht. Der Brustkasten«var sehr tief, fest zusammengedrückt: die braunrote Behaarung trug viel dazu bei, ihm ein gefährliches Aussehen zu verleihen. Die Aime waren ungctvöbnlich lang und fleischig,«ind die Hand glich der Tatze eines Bären. Aber er hatte zweifelsohne kurze Beine, obwohl sie sehr stark gebaut«varen. In«velcher Kon- dition er sich betaird, konnte«nan nicht von vornherein sagen, sein Unterleib stand jedoch ein«venig vor. Die Zuschauer, die die Namen der beiden Gegner nicht kannten, tauften ihn ui«verzüglich den Orang-Utang, ein Name, der in wenigen Mimiken zu„Tang" verkürzt«vurde. Lee wurde wegen seiner «veißen Hautfarbe das große Kind getauft, und diesen Namen verkürzte man in„daS Kind". Lee«var beträchtlich größer als Evanston. von der Taille nach unten zu war er ihin sicher überlegen. Aber seine Schulterpartic«var nicht so gilt, und die Arme, wenn auch gut entwickelt, waren weder so lang noch so zähe wie die Tangs. Lees Brustkasten erstreckte sich j in die Breite, was seinen Brust- und Rückenmuskeln eine be- deutende Länge verlieh; es lag offenbar eine sehr gefährliches Schlagtüchtigkeit darin. Sein Nacken war gut und der Kiefer erschien recht massiv. Der Totaleindruck war indes im Ver- hältnis zu Evanstons robuster Zusammengedrängtheit, Schmächtigkeit. Dafür aber würde ein geübtes Auge bei dem �.Kinde" durchgehends besseren Training erkannt haben, und sein Körper machte den Eindruck, als sei er überhaupt besser beschützt infolge einer runden Verteilung der Muskulatur und eines Zurücktretens von Gliedern und Nerven. Wie es mit den Lungen der beiden, ihrem Wind beschaffen war, konnte man höchstens erraten. Das Gewicht war offenbar so ziem- lich dasselbe. Auf Grundlage dieser Beobachtungen teilten sich die Zu- schauer, und es wurden lebhaft Wetten geschlossen. Die Odds Wettausfichten) neigten sich ein wenig zugunsten für Tang, als der erste Gang seinen Anfang nalim. Sie traten in die Mitte des Ringes und standen dicht voreinander, indem sie beide vorsichtig und prüfend die Arme bewegten und allerlei Finten»lachten, um gegenseitig ihre schwachen Punkte zu erkennen. Evanston schlug zuerst, holte Vit dem linken Arm aus und verfehlte sein Ziel. Lee pflanzte <*nen leichten Stoß mit der Linken in Evanstons Rippen. Gleich darauf schlug er ihm hart erst mit der Rechten, dann Vit der Linken in den Körper hinein. Sie waren nun dicht ««einander gerückt und hielten sich gegenseitig die Arme fest. Als sie sich losließen, schlug Lee mit der linken Hand von unten i« die Höhe und traf Evanston hart unter das Kinn: Evanston drängte ihn bis an den Kreidestrich zurück und hämmerte ihm «nit der Rechten in die Seite. Evanston schäumte schon. Lee Wzwang seine Linke und traf den Hals, sie hielten einander wieder fest. Evanston tat zwei wütende Fehlstöße mit der Linken und drängte Lee bis an den Strich. Hier standen sie wieder, sich gepackt haltend, so daß sie nicht schlagen konnten. Aber Lee riß sich los und traf Evanston mit der Rechten hart in die Rippen. Jetzt klingelte Mason mit der Glocke. (Fortsetzung folgt. 1 �Zus den Berliner Kunftfalons. Von Ernst Schur. Der Kunstsalon Keller und Reiner bringt die dekorativen Gemälde K l i m t s zur Ausstellung, um die i» Wien ein so heftiger Streit entbrannt ist. Es sind drei große Wandgemälde, die die »Philosophie", die„Medizin" und die„Jurisprudenz" darstellen, in einer Weise, die von dem bisher Ueblichen stark abweicht. Die Bilder sind für den Festsaal der Universität in Wien bestimmt. Sie waren von dein Untcrrichtsininisterinni in Auftrag gegeben worden. Räch der Fertigstellung regte sich Opposition gegen die AnbriitgiMg der Bilder. Es kam zu prinzipiellen Streitigkeiten. Alte und neue Kunst, Staatsauftrag und Künstlerfreiheit standen gegen einander. Klimt schickte daS Honorar zurück und wollte von dem Auitrag defreit sein. DaS Ministerium besteht aber auf seinem Besitzer- recht und verlangt die Auslieferung. Es ist so recht eine Wiener Hetz, viel Lärm und viel Reklamesncht und der eigentliche Kern, die Wahrheit an der Sache ist schwer herauszufinden, für einen, der nicht die ganze Lage und die Persönlichkeiten beurteilen kann, unmöglich. Die Broschüre, die der Kunstsalon beigibt, riecht sehr nach Künstlerreklame. Bon einer sehr selbstverständlichen Sache, der Rückständigkeit des Staates in Kunstdingen, wird ein Lärm ge- macht, der nur allzu deutlich dem persönlichen Ruhm dienen soll. Dies ist natürlich nicht zugunsten des Swates gesagt. Weshalb vereinigen sich zwei so disharmonierende Faktoren, denen jeder objektive Betrachter hätte voraussagen können, daß sie sich nicht würden vertragen können? Klimt ist kein originelles Talent, dazu fehlt es ihm an Kraft. Die Anregungen— japanische Kunst, die symbolische Kunst eines koroop, eines Khnopff u. a.— liegen deutlich fühlbar zu tage. Das Reue und Gute ist, daß Mimt den farbigen Eindruck so leicht und sprühend auflöst. Die„Medizin" zeigt die bunte Fülle verwirrenden Lebens, eine reiche Auswahl von Gestalten, in der Mitte der ver- schleierte Tod. Die„Philofophie" führt in goldener und blauer Tönung mystische, stunim und fragend blickende Gesichter vor. Die »Justiz" ist auf schwarz und grau gestimmt. Bleiche Gestakten, Verbrecher, das erwachende und das beruhigte Gewissen. Mimt hat es nicht verstanden, den Eindruck wirklich ganz ins Dekorative aufzulösen. Er will noch zu viel sagen. Wäre er kühner gewesen, hätte er eine wirklich freie, eigene Dekoration ge- geben, hätte er sich nicht nur an gewisse äußerliche sezessionistisch- wienerische Mätzchen gehalten, so wäre der künstlerische Ertrag reicher gewesen und der Streit wäre wahrscheinlich nicht eingetreten. Ist nicht dieses Motiv der übereinanderstürzenden Körper uralt? Malen nicht alle schlechten, dekorativen Maler die Wände mit diesem Gewimmel übereinander fallender Körper voll? Das ist daS Alte, Unkünstlerische in Klimt. daS er mr durch kokettierende Posen, durch süßliche Frauentypen, durch barbarischen Goldprunk verdecken will. Es ist das alte, erzählende Bild, das durch seinen Inhalt gefallen will, durch seinen Tiefsinn blenden will. Es ist ein Mißverhältnis zwischen Idee und Form; die Idee ist alt, die Form strebt Neuem zu. Darum ist die künstlerische Befriedigung nicht da. Wir können im günstigsten Falle in diesen Bildern einen Anfang zu einem neuen, dekorativen Stil sehen, aber nichts Fertiges, Vollendetes. LI i v i« r e ist ein graziöser Kleinplastiker. Er weiß eS und bleibt vernünftigerweise in diesen Grenzen, Innerhalb dieser aber ist er ein fertiger, reifer Künstler. Wie viel Leben haben seine kleinen Gestalten. Wieviel Charakter bringt er in die momentan erfaßten Porträts I Er mischt zuweilen gern die Materialien, Elfenbein, Holz und Silber und immer erreicht er die eine sichere, rein-künstlerische Wirkung. Besonders fein weiß er den weiblichen Körper zu bilden. Manchmal erinnern dieie kleinen Statuetten cm die feinen Tenegra- Figuren des Ältertumö. Riemals versagt seinKömien; was er will erreicht er und klugerweise will er nicht mehr, als er kann. Auf kleinem Raum, den solche Figur bietet, entfallet er ein reiches, formales Leben. Manchmal icheinen alle Linien vor Bewegung zu zittern, dann wieder übt Riviere ganz breite, ruhige, flächige Wirkungen aus. Kurz, Rivisr« sst ein Künstler und viele Plastiker, die zu hoch hin- aus wollen»ud ohnmächtig an großen Einwürfen versagen, sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen und auf begrenztem Gebiet so diel Schönheil und Reiz entfalten leruen. Wohin die Konkurrenz führt, das erlebt man mit Schaudern in dem Kimstialon Schulte. Die vielen Säle mit Bildern zu füllen. ist ein Kunststück. Es kann nur fertig gebracht werden, wenn wähl- los alles durcheinander kritiklos gegeben wird. Die Masse muß es bringen I Für jeden Geschmack etwas, Warenhaus betrieb in der Kunst. Und das in einem Salon, der sich, etwas darauf zugute tut, das feinste Publikum zu baben, Um einen Begriff zu geben: Der EinigungSsaal zeigt sechs süßliche, geleckte, glatte Porträts der Sängerin Farrar, deren posierendes Weien nebenbei»och einen höchst ungünstigen Eindruck macht. Daun komn» Sarolla, der Spanier, mit dreihundert, sage dreihundert Bildern. Dann einige«ollellionen westdeutscher rheinischer Mater. Dem schließt sich an die Ausstellung Jagd und Sport, eine Freude aller Nimrode. für die Kunst ein trauriges Kapitel, weil die Photographie derlei Arbeite» besser liefert. Dann findet nian Lenbach und eine Reibe anderer Küiisiler; dazwischen eine Ausstellung von Sinrplicissimusoriginalen. Wer all dies verdaut, hat einen guten Magen. Der Bespreclinng wert ist die Kollektion S o r o ll a und die Ausstellung der drei rheinischen Künstler. Der Spanier Sorolla hat ichvn öfter in Deulichkand ausgestellt. Vor zwei oder drei Jahren hingen im Eingangssaal der großen Berliner Kiinslausslellung einige große Bilder von ihm, Arbeiter und Arbeiterinnen im Weinberg darstellend. Voller Glut des Lichts. Die Gestalten in derben, grobe« Flächen, grell beleuchtet. Was mau hier nun sieht, bringt nicht viel Neues. Gerade das Zuviel schadet. Ein geschicktes Talent, das niit sicherer Rauline arbeitet, aber über ein Durchichmtts- Niveau nicht hinanskoount. Das Können ist da. Da eö aber nicht intelligent geleilet wird, da die sorgsame Disziplin fehlt, mangelt es an Verfeinerung und Vertiefting. Daher die dreihundert Bilder, die Quantität ersetzt die Qualität. In der Schnelligkeit dieses Arbeitens liegt etwa« Heißblütiges, und man kann das als nationale Eigenttimlichkeit ansehen. Auch die krasse Buntheit der Farben ist spanisch. Sorolla ist ein Opier des Moments. Oft hat er gute Ansätze, die aber nicht zum Ausreifen komnien. Er hat viel gesehen. Am besten sind seine Landschaften, deren heiße Pracht oft etwas Dekoratives hat, z. B. Orangenbäume mit den dunkelgelben Früchten im vollen, grünen Laub, vor dunkelblauem Hinimel, über eine grevweiße Mauer nickend. Auch die Potträt? haben eine sichere Att. Seestücke, namentlich Schwimmer ftn Wasser, malt Sorolla mit Berve; das Flüssige kommt gut zum Ausdruck, ebenso die leuchtende Weichheit der Körper im Wasser. Am eigenartigsten ist ein Bild,„Mutter" betttelt. Vor heller Wand e»n großes, tveißes Bett, daneben ein kleines, ebenfalls weiß. In diesem Hellen ist der Kopf der liegenden Mittler mit den braunen Haaren das einzig Dunkle und das Rotglänzende des schlafendeit Kindes, das nichts Süßliches hat, sondern die runzelige Glätte solches Reu- geborenen mit einem gewisse» Humor zeigt, paßt eigenartig hierzu. Das Ganze ist ganz aus die malettschen Wette hin angelegt._ Ein Künstler auf den zu achten sein wird, ist E. R. Weiß. Er stellt Stilleben und Porträts aus. Er gehött zu den komplizierten, denkenden Künstlern. Er übt Disziplin über fein Können aus. In seinen so außerordentlich farbigen Frucht- und Blumenstücken kommt er zu einer hervorragend dekorativen Wirkung. Durch die Kollettion E. R. Weiß wird dieser Saal zum Mittelpunkt. Kleine Landschaften in zortbraunen Farben von intimem Reiz von Schönleber und Ansichten von Haniburg von Kallmorgen, sowie dekorative, in breiten, grünen Tönen gemalte Landschaften von Lamm, die an Trübner erinnetti, fügen sich passend an. Unter den Snnplieissimus- leuten fällt Bruno Paul auf, vornehmlich mit einer Zeichnung: „In Zentrumskreisen", die ungeschlachte Bauernlypen von grotesker Kurzkopfigkeit mit breiten Klumpfüßen, dicken Hosen und einem Aus- druck im Geficht zeigt, der jeder Intelligenz bar ist. Im Porträt und in der Landschaft leisten die englischen Maler ihr bestes. Fünfundzwanzig englische Künstler stellen m dem Kunst- salon von CaSper aus, die sich zu der„Society of 25" zusammengeschlossen haben. Sie alle find vorwiegend, oft ausschließlich Landschafter. Sie find es durchweg mit einem Geschmack, daß man wohl von Kultur und Tradition reden kann. Sie geben keine Blender, fie gehen allen Effekten aus dem Wege. Sie beschränken sich auf ein ganz kleines Format, das bescheiden auftritt, um durch die Fülle des Femen und Schönen dann um so nachhaltiger zu überraschen. Bei ihnen wird die künstlerische Lehaudlung der Land- schaft beinahe schon zu einem abstrakten Problem, das fie gelöst haben und das ihnen nun in jedem Einzelfall sichere Mittel zur technisch geschmackvollen Lösung an die Hand gibt. Kaum wird man ein Abweichen von dem allgemeinen Weg, den alle diese Künstler gehen, wahrnehmen; fie ähneln sich alle einander. Und doch greift keine Monotonie Platz, ein Beweis, daß im einzelnen doch feinere Differenzen sich geltend machen. In diesen Landschaften ist alles auf eine matt-schimmernde Farbig- keit gestellt. Die sanfte, glei chmäßige Beleuchtuug gleicht alle krassen Gegensätze aus. so daß alle grellen Lichteffekte fehlen. Sie geben keine frischen, kecken Momentskizzen. Der inrpresfionrstische Eindruck erfährt eine Mäßigmig, die dem ruhigen, malerischen Effekt nur zu- gute kommt. Die künstlerische Disziplin tritt vorteilhaft dadurch zu Tage, und das Auge kann mit nachhaltigerem Genießen das Bild betrachten. Die Licht- und Lustwerle treten nicht so aus- schließlich in den Vordergrund. Auch die Lokalsarben werden genügend betont, und so bringen diese englischen Künstler Werke von einer Feinheit zustande, in denen alle Naturwahrheit enthalten und doch die Kunst, die in deni Auswählen des Passendsten besteht, vorherrscht. Man kann solche Bilder nur als Farbenerscheinung genießen und man wird voll befriedigt sein und sich über die ästhetische Uni- Wertung des gesehenen Naturansschnitts freuen. Solch' Bildchen erhält dadurch für die Wand einen dekorativen Wert, der zurück- hallend, aber fein im Raum mitspricht. Aber man wird sich auch an das Dargestellte halten können und die Vornehmheit der Auswahl und der Einfachheit des Sujets loben müjseit. Wir sehen hier eine Natur. die eigentlich ohne Reize ist. Weite Ebenen, Wiesen, Baum und Strauch. Em weiter Himmel darüber. Zarte Tönungen des Lichts spielen über die Fläche». Das Farbige ist nur bescheiden verteilt. Dieses Bevorzugen des Einfachen, Anspruchslosen, und die Totsache, daß die Künstler aus diesem Einfachen eine Schönheit herausholen, die das Auge entzückt, zeigen, daß wir hier vor fertigen Künstlern stehen. Und wir, die wir dieselbe anspruchslose und doch so intime und feine Natur um uns sehen, können von diesen Künstlern lernen, und hoffen, daß auch bei uns einmal eine Künstlerschar ersteht, die unsere Um- gcdung mit so liebevollen Augen sieht»md das Geseheue mit so reifen, sicheren Mitteln wiedergibt. kleines feuilleton. Karneval im Nheinland. Schon feit� Wochen spürte man in Stadt und Dorf die Vorbereitungen für den Fasching. Die Schaufenster und Auslagen der Geschäfte boten bunten Flitter, Tand, Masken. Perücken usw. feil. Frauen und Mädchen saßen und prickelten und stickten, um ein Faschingskostüm herzustellen. Die Arbeiterinnen opfern hierfür ihre schwer verdienten Groschen und entbehren dafür oft die warme Mittagsmahlzeit und das zum Leben notlvcndigste. Kostümverleiher haben ihre Fenster geschmückt, und bald schauen schmucke Zigeunerinnen, bald Pierrots, bald Ritter und Edeldamen großspurig ans das Treiben der Straße. Bis zu den eigentlichen drei Fastnachtstagen spielt sich der Karneval mehr in den karnevalistischen Sitzungen und Veranstaltungen ab, in denen es je nach dem Geldbeutel der Beteiligten mehr oder minder hoch hergeht. Alter, ehrwürdiger Gürzenich im heiligen Köln, wenn du reden könntest! Was würden deine Hallen und Säle, deine Wintergärten und lauschigen Nischen erzählen von Flirten und Schmachten und Stelldicheins, unter dem Schutze der Masken- ftciheit, von wilden Chanipagncrorgien am dämmernden Morgen, wo die ganze und die halbe Welt als letzte das Schlachtfeld be- haupten._ Am Sonntag, Montag und Dienstag sind die tollsten Tage, wo alles aus Rand und Band ist. Das find die Tage zum Aus- toben für alle Welt. Die Arbeit ruht, und wer Lust hat, schreit, tobt und fiedelt ugd steckt andere an, deren Vernunft nicht so voll- ständig niet- und nagelfest ist, daß sie durch nichts ins Wanken gebracht werdeil kann. Die Menschen wogen in großen Trupps, voll von Traubenblut und Gerstensaft, denn die Narrheit hat sich das Recht auf die Straße erobert._ Alles ist mit irgend einem Zeichen der Narrheit geschmückt; selbst das Kind auf dem Arm ist in bunte Fetzen gewickelt. Der Karnevalshumbug erstreckt sich bis auf— den Hund. Zwischen den wie toll lärmenden Menschen- Haufen sieht man Köter mit Picrrotshalskrausen und Clownmützcn behängen herumspringcn, von der Verpflichtung durchdrungen, ihr Teil mit zu der allgemeinen Verrücktheit beizutragen. Es ist, als ob die wilde Jagd ihr Wesen treibt und wehe dem griesgrämigen Pedanteil, der mit seiner Alltagsmiene sich ans die Straße wagt. Schon haben ihn oie„Schuljungen" und„Schul- mädchen" von 20 Jahren mit KniehöLchcn und Grctchenkleid er- wischt und wie im Wirbelwind wird der Aermste im Kreise gedreht, um im nächsten Augenblick in die Arme von strammen Milch- mädchen u»d lustigen Tirolerinnen nebst Begleitung zu falle». bis er verzi.ieifelt in den ersten besten Laden stürmt und niit einer großen Papicrsonnenblume geschmückt, dem Prinzen Karneval seinen Tribut erstattet. Am Fastnachtsmontag oder„Rosenmontag" ist der«wichtigste� Tag. Die karnevalistischen Gesellschaften, in deren exklusivsten sich die Knallprotzen zusammengefunden haben, veranstalten einen Urnzug durch die geschmückten Straßen der Stadt. Prinz Karneval hält mit seinen Getreuen, männlichen und weiblichen Narren. Umschau in seinem Reich. Im Zuge sieht man Autos und Droschken, feenhaft mit Blumen dekoriert, und fabelhaft aus- gebaute Wagen mit Charaktergruppen bevölkert, dazwischen die Trompeterkorps der Militärkapellen, auch in Narrenlivree, und hoch zu Roß die Vertreter der heiligen Hermandad als Schützer der deutschen Narrheit. In Düsseldorf soll die Stadtverwaltung sogar aus Mitteln der Allgemeinheit zur Ausschmückung der Straßen beigetragen haben. Und Männlein und Weiblein werfen Blumen und Sützig- keilen aus dem Wagen, um die die halbwüchsige Menge sich balgt u» d danach schnappt, wie der Hai nach einem fetten Bissen. Der- weilen aus Fenstern und Balkons bunte Papierschlangen ihre Ringe schießen, sich um Hals und Hüte der Zuschauer legen, Kon- fetti und Goldstaub sich in lockige Frisuren und ehrwürdige Bärte einnisten, und Konfetti und Farben und Schellengeklingel � und Musik mit Knallwerk und Getose sich zu einem unbeschreiblichen Milieu der Tollheit und Ausgelaffenheit vereinigen. Dienstagnacht findet der tolle Spuk sein Ende. Werktag und unsäglicher Katzenjammer kleiden alles in bleiernes Grau, und kaum sollte man es glauben— Tausende, die vor acht Tagen sanatisiert im Wahlkampf standen, verfiigcn buchstäblich über keinen Nickel mehr; sie sinnen, wie sie die versetzte Uhr oder den Paletot oder einen Teil des Bettes aus dem Leihhaus auslösen und hoffen auf das nächste Jahr,«wo's noch schöner" werden soll. Und fromm wie Rheinland ist— Mutter Kirche, die drei Tage beide Augen zugedrückt hat, hält ihre Arme auf, und alle Narren, die zur Verrücktheit auch noch Glauben besitzen, schleppen ihren Katzenjamnier in die Tempelhallen und lassen sich vom Geistlichen ein Aschenkreuz auf die Stirne zeichnen. „Gedenke, Mensch, daß du Staub bist"— das ist der Ascher- mittwoch. Der Deutsche hat alle Ursache lustig zu sein. Die Straße ist sein. Um Fastnacht gehört fie der Narrheit, in der Wahlnacht gehört fie dem Patriotismus— am l. Mai wird sie dem dcmon- strierenden Volke gehören und die Behörden werden den Zug der Arbeit schützend begleiten, w« zu Fastnacht im Rheinland und wie in der Wahlnacht zu Berlin. Oder nicht? Sind vor dem Gesetze nur wirkliche und patriotische Narren gleich? XV. K. Literarisches. Die Poes re der Landstraße. Zu keiner Zeit hat das Leben auf der Landstraße die Künstler so beschäftigt, wie in unseren Tagen. Der moderne Litrraturforscher würde diese Er- scheinung historisch erklären und fie als den letzten Ausläufer der sozialen Literatur bezeichnen, die mit der Eroberung des dritten Stande- für die Kunst begann und jetzt bei der äußersten Grenze» angelangt ist. Jedenfalls hat die jüngste Zeit«ine beträchtliche Reihe von Kunstwerken gebracht, die ihren Stoff dem Vagabiinden- leben entnehme». Vielen war es nur um das Symbol der Land» straße als Hciinat der Heimatlosen und Ruheplatz der Fried- losen zu tun, wie dem Rheinländer Schmidt-Bonn, dessen„Mutter Landstraße" seinerzeit einen schönen Erfolg erzielt hat. AchnlicheI beabsichtigte Frank Wedekind, der das Problem mehr von der grotesken, sckaurigen Seite nahm und in seiner Elendenkirchweih — dem berühmten Akte aus„So ist das Leben"— die Feste der Aermsten zeichnete, mit ihrer flitterhaften Buntheit und cynischen Armseligkeit. Ungleich veredelt wächst die Vagabundengestalt aus der Phantasie Henrik Ibsens, der in lllrik Brendel den literarischen Typus des Vagabunden festlegt. Ist es diesen Dichtern— wie erwähnt— mehr um das Symbolisckie der Landstraße zu tun, so schildert Hans Ostivald in seinem„Kaiserjäger"(zusammen mit Hans Brenncrt) schon mehr realistische Gestalten, ob schon die Freiheit des Stromerlebens auch hier das Leitmotiv bildet. Ihren Höhepunkt erreicht diese Art der Dichtung in Gorkiö„Nachtasyl", das mit seinen halb gigantisch verzerrten, halb sentimental versüßlichten und doch so lebensechten Gestalten eine große Wirkung erzielte. Gegenüber diesen sozusagen romantisch-Iiterarischeu Be- strebungen müssen die Bücher Hans Ostwalds genannt werden, deS früheren Goldschmieds, der der eben skizzierten Richtung zwar mit sftnem oben erwähnte»„Kaiserjäger".seinen Tribut zollte, aber auch sehr naturalistische Bücher schrieb. Er gibt und nimmt der Landstraße nichts. Sein Bestreben ist, möglichst unparteiisch daS in harten Wanderjahren Erlebte wieder aufzuzeichnen. Und doch lebt ein unendliches Mitleid mit den Heimatlösen, Geächteten in ihm, das mit einer heimlichen Bewunderung ihrer Freiheit gepaart ist. Leicht erwacht in solchen Fällen das Gefühl, aber er ist zu hart iu der Schule des Lebens gezeichnet, um da? rastlose Wandern der Kunden von Ort zu Ort, ihre verkommene und armselige Lebensführung zu vergessen. Ständig vom Gendarm bedroht, auf daS Mitleid ihrer Mitmenschen-angewiesen, von zweifelhafter Rein- lichkeit und entwickelter Faulheit. Man braucht nicht gerade Philister zu sein, um ihr Leben nicht übermenschlich und erstrebenswert zu finden. Und gerade bei der augenblicklich modernen Bewunderung deS»freien LebenS" der Landstraße inag ein so verhältnismäßig kühles, objektiv wirkendes Büchlein wie Ostwalds kürzlich erschienenes „Vagabunden"(Bard, Marquard u. Go.) von Bitzen sein, das diese Verhältnisse etngehend, mit knappen Strichen und außerordentlich lebendig darstellt. Osttvald greift ans der vielbewegten Fülle des LandstrcicherlebenS ein paar Bildchen heraus, schildert sie mit lebendigen Farben und zeigt nüchtern und kalt ihre Verknüpfung mit der modernen Kultur. Darin liegt ein besonderer Vorzug dieses Büchleins, daß ihm das Vagabundenleben nicht Vorwand zu ein paar idyllischen Genrcbildchcn ist, sondern daß in Ostwald der Gesichtspunkt deS GcfellschaftZkritikers lebendig bleibt. Ganz exakt weist er den Umfang der Wanderbettelci durch Statistiken nach, sucht sie auZ dem sozialen Milieu zu erklären, rechnet nüchtern die Beteiligung der Stände nach und gibt Mittel an, wie die Vagabundage erfolgreich zu bekämpfen sei. Plötzlich formt sich seine Erinnerung zu einem Beispiel, und er plaudert von dem Leben der Kunden, wie der Mann„in die Unruhe" kommt,— übrigens ein prachtvoller Ausdruck— sich auf die„Tippelei" begibt, wie sein Leben auf der Landstraße und im Chaussecgraben sich fortspinnt, abwechselnd durch mehr oder weniger freiwilligen Aufenthalt in Arbeiterkolonien, Arbeitshäusern, Diakonisienheimen usw. unter- brochen. DaS Leben selbst ist ja nicht allzu anstrengend, mehr als vier Stunden am Tage marschiert ein echter Kunde nicht, und die einzige Anstrengung ist das„Talfen"(Betteln). Sehr hübsch ist dies in einem Kundenlied dargestellt, das Ostwald anführt: Ach, wie ist das Walzen schön i Schumpeidi, schumpeida. Ei, man mutz es nur verstehnl Schumpeidi, eida. Hier gibts Pickus(Essen) da gibts Hanf(Brot) Kunde schiebt niemals Kohlendampf(hungert niemals) Schumpeidi, schumpeida usw. Abends gehts in die„Penne".(Herberge), oder der Kunde „macht platt"(schläft im Freien). Ab und zu wird auch einmal gearbeitet, aber um Gottes willen sich nicht anstrengen, sonst fällt das „Tippeln" schwer und seinen Berus will doch keiner verfehlen. Wenn man Ostwalds Schilderungen liest, erwacht wohl unser Interesse für die abenteuerliche Welt der Vagabunden, vielleicht erinnert man sich auch an HanS Baluscheks köstliche Typen— von denen eine dem Wändchen borangesetzt ist— aber man sollte doch nie vergessen, daß es sich um eine soziale Schicht handelt, die abgeschnitten ist von unserer Kultur, unfähig zur geistigen Fortbildung, unstät und nur aus augenblickliche Befriedigung ihres Hungers bÄacht. Das sollte die romantische Schwärmerei ein wenig eindämpfen, und es sei nochmals als Ostwalds Verdienst erwähnt, daß er über die bewegte Buntheit der Außenseite niemals das Kulturfeindliche, Niedrige der Wanderbcttclei vergißt. R. K. W. Technisches. Ein Automobil bor 130 Jahren. Es ist merkwürdig, daß der Mensch immer wieder die Erfahrung wiederholen muh, daß es nur höchst selten eine wirkliche neue Idee in den Geistes- Wissenschaften wie in der Technik gibt. Auf beiden Gebieten, hauptsächlich aber in der Technik, scheint der wesentliche Unterschied zwischen Alt und Neu immer vorzugsweise in der Ausführung zu liegen. Der Automobilismus ist doch wirklich wie etwas ganz Modernes über uns gekommen, und doch sind die Gedanken, die ihm zugrunde liegen, erstaunlich alt. Ein auffallender Beweis für diese Behauptung ist in einem alten französischen Werk „Recrcactions mathematiqucs" von Ozonam enthalten, das schon im Jahre 1773 veröffentlicht wurde. Es heißt darin:„Man hat seit einigen Jahren versucht, die Fcucrniaschine dazu anzuwenden, im Wagen zu betreiben, und man hat sogar im Arsenal von Paris ein Experiment damit gemacht. In der Tat ist die Ma- schinc gelaufen, aber ich halte diese Idee doch immer mehr fiir genial als für praktisch ausführbar. Es würde auch keine große Annehmlichkeit für die Reisenden sein, hinter sich eine Maschine zu wissen, die sie jeden Augenblick in die Luft schleudern könnte, und ich bezweifle, daß die Plätze im Fond eines solchen Wagens sonderlich gesucht sein würden."— Roch interessanter werden die Ausführungen dieses alten Buches dadurch, daß unmittelbar neben dem Automobil das Dampfboot besprochen wird, weil sich dadurch die Frage aufdrängt, warum das Dampfboot wohl schon etwa 20 Jahre nach jener Zeit und das Automobil erst mehr als ein Jahrhundert später in den Verkehr eingeführt wurde. ES ist dort auch von dem Versuch mit einem Dampfboot auf der Seine die Rede, der aber recht kläglich ausfiel. Das Boot war mit einer„Feuermaschinc" ausgerüstet und hatte Räder, deren Speichen als Ruder dienen sollten. Infolge des zu heftigen und plötzlKhen Antriebes, den diese Räder von der Maschine empfingen, sprangen sie jedoch in Stücke. Mancher Ingenieur der Gegenwart möchte toohl ctivaS darum geben, wenn er bei diesem Experiment hätte dabei sein können, oder wenn er heute etwa eine kincmatoaraphische Vorführung davon betrachten könnte. Damals aber stand tnan dem Versuch überhaupt mit größtem Bedenken gegenüber, und der Ver- fasicr jenes alten Werkes bemerkt dazu, daß die Mehrzahl der Mechaniker, die bei den Vorbereitungen zugegen gewesen waren, einen derartigen Mißerfolg vorausgesch>A hatten. Jetzt kann man es sich kaum mehr vorstellen, von welcher Art diese Ma- schincric gewesen sein muß, die beim ersten Anlaß in Stücke zer- flog. Mit seiner Prophezeiung bezüglich des Automobils hat das Buch allerdings doch nur teilweise Recht behalten, denn der Platz im Fond eines solchen Fahrzeuges wird heute trotz gewisser Ge- fahren, die dann aber nicht von der Maschine, sondern von einem Zusammenstoß her drohen, immerhin bedeutend lieber ge- wählt, als der Platz unter dem Wagen. Eine Statistik würde toohl den Nachweis liefern, daß das Automobil mehr Personen durch Ueberfahren als durch Explosionen zu Schaden gebracht hat. Notizen. Denkmalsheuchelei. Alle Proteste haben nichts ge halfen. Die„deutsche Wissenschaft" im Bunde mit Bülow, Studt dem Schulverpfaffer, dem Kriegsminister von Einem, dem Unter« drücker der Lehrfreiheit an den Universitäten Althoff, dem Junker v. Kröcher, der die parlamentarische Würde in der Form lokaler Begünstigungen verramscht, und dem unvergeßlichen Ex-ReichstagS- Präsidenten v. Ballestrem, will Johann Gottlieb Fichte zum Herbst 1910 ein Denkmal setzen. Kein Erbe Fichtes kann gegen diese Schmach protestieren, kein anderer Erbe— als das deutsche Pro« letariat, das die Erbschaft der großen Dichter und Denker verwaltet und zu ihren Idealen den Weg der Verwirklickiung sucht. Inzwischen aber schmücken sich die herrschenden Klassen mit fremdem Raub, wie ein wildes Volk mit europäischen Fetzen. F'ckste, der Herold der Freiheit� der Volks freiheit und nicht der Für>tenbefrciung, wie die Geschichtsfälscher dem nationalen Philister vorgaukeln. Fichte, der Künder fteiester Sittlichkeit und nicht dogmatischen Korsettzwanges, Fichte, der kühne Denker und Forscher— muß sich von den kleinen Gernegroßen und Zauberkünstlern des nationalen Prestiges, von den kulturfeindlichsten Krautjunkern und ihrem Beanitentroß seiern lasten. Und die deutsche Wissenschaft macht die Lakaienmusik dazu. Oder sieht sie in der Ehrung de» ersten Rektors der Berliner Universität durch solche Elemente etwa noch eine unbewußte und halb unfreiwillige An« erkennung, die sich das Ingenium auch von seinen Feinden und Bedrückern erzwingt? Ein süßer Sklaventrost. — Bonn, der deutsche Idealist, hat bei Conan Dohle, dessen Detektivromane er gegen Doyles Willen natürlich nur zur Verbesserung des deutschen Bühneugcschmacks im Berliner Theater ausschlachtet, kein Glück. Dieser abscheuliche Engländer hat offenbar gar kein Verständnis für diesen praktischen Idealismus. Er weist die Zumutung, als habe er von Bonn eine Einladung angenommen, mit Entrüstung zurück und will, ihm lieber verklagen helfen. — Ein ständiges französisches Theater in Berlin gedenkt Direktor Lugnö-Pol mit Suzanne Desprös und der Truppe des Pariser Theater de lOeuvre, die bei ihrem Gast- spiel im Neuen Theater einen so starken Erfolg erzielten, zu be- gründen. Die Saison soll— das ist klug— aber nur die Monate April-Mai umfassen. Zurzeit sucht Herr Lugnö für diese Monate ein Theater zu pachten. — K l e i st s„Zerbrochener Krug" ist von dem Hamburger Wilhelm P o l ck ins Plattdeutsche übersetzt worden. Der Gerichtsrat Walter spricht hochdeutsch, ebenso Adan, und Licht im Zusammenspiel mit ihm, sonst spricht alles plattdeutsch. Der Schau- platz ist an die Waterkant verlegt. — Zu Ehren Wilhelm Jensens, der am 15. Februar seinen 70. Geburtstag begeht, hat die Deutsche Dichter-Gedächtnis- Stiftung beschlossen, 800 Exemplare des Jeusensche» Romans„Die Pfeifer vom Dusenbach" anzukaufen, um sie an klein« ländliche VolkSbibliothckeu zu verteilen. Ferner gibt die Stiftung als Heft 12 ihrer„Volksbücher" eine Novelle Wilhelm Jensens„Ueber der Heide" heraus, die im 30 jährigen Kriege in der Lüneburger Heide spielt. Die Novelle„Heber der Heide" ist im Buchhandel für 25 Pf. geheftet oder 55 Pf.) gebunden erhältlich. — Der Maler Rudolphe Julian ist in Paris, 68 Jahre alt, gestorben. Weniger seiner Kunst wegen— obwohl er einmal ein guter Porträtist ivar— als um seiner Schule willen war er in allen Künstlerkreisen sehr bekannt. Er betrieb den Kunstunterricht in einer ganzen Anzahl Schülerateliers engros. Besonders die Ausländer— Deutsche und Amerikaner— waren sein« Klienten. Wenn fie nicht malen lernten, so hatte er doch den Profit davon. Wie in allen anderen Malschulen. — Der Kölnische Karneval degeneriert von Jahr zu Jahr mehr. Das ist erklärlich. Wirkliche Volksfeste können nur auS einem einheitlichen frohen BolkSbewußtsein ertvachsen und haben ein freies politisches Leben zur Voraussetzung. Und wo sollte daS herkommen? Krampfhaft bemühen sich die Bürget und— die Interessenten um die Belebung des Karnevals und doch ist de� liebe Müh' umsonst. DaS liest man auch zwischen den Zeilen einer Betrachtung in der „Köln. Zeitung" heraus: „Der Karneval lebt, inag man ihm Freund oder Feind sein, er hat eine breite Wurzel in der Volksseele, er ist in seinen Er- scheinungen ein Bestandteil des Volkscharaktcrs. Er lebt— mögen gelehrte Doktores, die neidisch auf Köln, auf seine Bedeutung, sein Kölnisch Master und seinen Karneval sind, die Diagnose stellen: Er liegt im Sterben I Er lebt im Volksbewußtsein als ein ererbtes Gut, und mag das Gut nun wertvoll oder antiquiert sein, ererbte Güter, mag ihnen auch eine neue Politur von Nutzen sein, sind mit einem flüchtigen Wort, einem hämischen Satz oder einer unwissen- schaftlichen„ärztlichen Diagnose" nicht weggewischt." Und— fügen wir hinzu— durch Palliativmittel nicht in lebendigen Besitz wieder umzuwandeln. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer«rCo..BerlinL>V.