Anterhallungsblatl des Horwärts Nr. 33. Dienstag, den 19� Februar. 1907 (Nachdruck verbolm.l 35] JVladamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Als sie durch die belebten Straßen in Brooklyn ge- kommen waren, beschleunigte Hall die Fahrt, und sie fuhren landeinwärts. Eine lange Strecke jagten sie mit allen fünf- »indzwanzig Pferdekräften der Maschine: die starke Be- wegung, der Luftzug und die Abkühlung taten ihnen beiden Wohl. Gegen fünf Uhr gelangten sie an den Strand jenseits von Long Island, da wo sie schon einmal vor ein paar Monaten gewesen waren. Leontine sah Edmund lächelnd an, als er den Wagen anhielt, sie freute sich, daß er sie hier hinausgeführt hatte, sie kannte den Ort. Sie setzten sich in das Gras auf den niedrigen Strand, gegen den kleine, klare, träge Wellen plätscherten. Am Horizont waren drei, vier Dampfer sichtbar. Ohne zu zögern, nahm Hall Leontinens Arm und wickelte das Taschentuch ab. Das Blut in der Wunde war geronnen. Und während er nun unverwandt die geschwollene und angetrocknete Wunde betrachtete, er- zählte er ganz ruhig, was das Schlimmste war. Leontine zuckte nur ganz leise zilsammen, als sie hörte, daß sie tödlich angesteckt war. Ihre Augen wurden unklar und sie errötete ganz bis an den Hals hinab, aber sie lächelte: „Das macht nichts, Edmund," sagte sie auf ihre ehrliche Weise. Leben war ja für sie gleichbedeutend mit Hoffen. Selbst jetzt.„Es ist wohl nicht so schlimm. Ich bekomme also die Hundetollwut. Aber das kommt ja nicht gleich so auf einmal, nicht wahr?" „Es kann Monate währen, aber auch nur Tage— es kann auch in wenigen Stunden zum Ausbruch gelangen. Ich fürchte--" „Das macht nichts," entgegnete sie mit einer Miene,„als verfüge sie über alle Reichtümer der Welt. Ich wäre auch ohnedem heute noch gestorben, Edmund." „Wie meinst Du das?" Sie nickte leise in geheimnisvoller Laune. „Ich hätte mich doch heute abend ertränkt." Sie wandte ihr Gesicht ihm zu und sah ihn vergnügt an. Ihre blauen Augen lachten in ihren Höhlen. „Warum hättest Du Dich ertränkt, Leontine?" „Ach!" Sie warf den Kopf leichtsinnig in den Nacken. Sie strich ihm die Mütze vom Kopf und fuhr mit ihren Fingern durch sein Haar, das fast weiß war. Sie war so zufrieden. „Warum? Ich könnte mancherlei Gründe haben. Ich wollte ins Jenseits hinüber, natürlich. Glaubst Du nicht, daß es Dich interessiert hätte, wenn ich in den Sitzungen als Geist erschienen wäre?---- Aber jetzt---" Er schloß die Augen geblendet wie vor einem glühenden Eisen. „Bist Du böse, daß ich Mirjam ergriff?" fragte sie schnell.„Ich konnte es nicht lassen, Edmund. Ich war so eifersüchtig. Aber glaubst Du nicht, daß es doch gnt war, daß ich es tat? Sonst hätten sie Dich wohl dahin gebracht, Dir das Leben zu nehmen. Ich bin fest überzeugt, daß er da drinnen stand, bereit. Dich zu erdrosseln. Aber wir wollen nicht mehr darüber reden. Jetzt ist es ja alles vorbei." „Ja. Ja, jetzt ist es vorbei." Nach einer Weile fragte Hall: „Was machen wir jetzt?" „Das weiß ich wirklich nicht," antwortete sie lachend. „Du pflegtest ja Getränke in Deinem Wagen zu haben, findest Du nicht auch, daß wir etwas genießen sollten? Wir haben ja Zeit genug. Ich brauche mich nicht zu ertränken, da ich doch sterbe, und Du hast niemand, nach dem Du Dich sehnen kannst, da wollen wir es«ns gemütlich machen." Sie schüttelte ihren verwelkten Kopf, sah mit Entzücken die kleinen, gemächlichen Wellen an. Der eine Arm lag lahm in ihrem Schoß. Hall erhob sich und holte eine Flasche Rhein- wein aus dem Wagen. „Der ist ja warm.!" rief sie bedauernd aus, als sie ge- trunken hatte. Sie saßen lange schweigend da. „Leontine." sagte Hall grübelnd und mit großer An» strengung,„Leontine, ich trat meine Reise nach Europa in diesem Frühling doch mit der Hoffnung an. Dir zu be- gegnen..." „Wirklich, lieber Edmund?" „Ja. Jetzt weiß ich es. Aber ich wußte es damals nicht. Ich ging in London umher und grämte mich." „Gingst Du dahin, wo wir gewohnt hatten?" „Ja, das tat ich." „Edmund, warum wolltest Du Dir an jenem Tage auf dem Schiff das Leben nehmen? Ich habe nie gewagt, Dich danach zu fragen. War das auch, weil Du mich liebtest?" „Nein, Leontine," antwortete er langsam.„Ich war nervös und überanstrengt... ja... ja." Er grübelte lange, mit ganz friedlichem Gesichtsausdruck. Plötzlich war es, als werde ihm etwas klar, er sah sie leb- hast an. „Du, ich bin immer Selbstmörder gewesen. Und zwar im Grunde ans Lebenslust— aus Ungeduld— Ungeduld! Das Leben ist so kurz. Ich habe mich verzehrt vor Sehnsucht, niehr zu besitzen, als mein Teil war, und das hat mich nur meine Zeit gekostet. Ich fing gestern an, und heute bin ich ein alter Mann. Ich tat ein Stück Arbeit in meinem Leben, nicht mehr als eins, und das nahm mir achtzehn Jahre. Es war ein Gedanke, der mir in einer Morgenstunde kam, in dem. Bruchteil eines Augenblicks. Ach, die Angst hat mir tagtäglich den Blick verdunkelt. Unzählige Male habe ich geglaubt, ich sei tot, da das Ganze ja doch nichts weiter ist als eine Wanderung bergauf und an der anderen Seite wieder bergab. Welch Unterschied besteht zwischen Newton und mir, weil er tot ist? Warum ist mein Dasein wirklicher als das seine? Es ist ja doch unwesentlich, daß ich nach ihm geboren bin, daß ich n o ch nicht tot bin. Das war es, was ich fühlte. Keine Zeit! Ich verschmähte das Geschenk von dreißig Erdumdrehungen. Ja, und dann war ich unglücklich in Dich verliebt, Leontine." „Warst Du es also doch!" lachte sie sanft. Sie gab sich einen Ausdruck heiligen Staunens. „Monsieur reist nach Europa, um seine verlorene Ge- liebte aufzusuchen, und als es ihm gelungen ist, sie zu meiden, kehrt er zurück und wird nur durch die sehr zeitgemäße Da- zwischcnkunft besagter Geliebten vom Tode errettet. Monsieur versöhnt sich hübsch mit seiner einstigen Freundin in dem- selben Augenblick, als sein Herz an Bord in eine schöne junge Armenierin hineinfliegt,— nein, in den Schatten einer jungen Armenierin,— Edmund!" Er senkte stumm den Kopf, saß lange da, als erwarte er einen Schlag. „Sie haben uns angeführt," sagte Leontine trocken nach einer Weile.„Sie haben uns gejagt und uns eingeholt." Sie leerte ihr Glas, riß einige Grashalme heraus. Dann bemerkte sie: „Gott weiß, ob Du jemals etwas anderes gesehen hast, als daß sie nackend wart Ja, ja! Das muß Dir wohl als Entschuldigung dienen. Ich muß mich damit trösten, daß Du auf alle Fälle geliebt hast. Ich glaube, im Grunde hast Du m i ch die ganze Zeit geliebt, Edmund. Aber ich war ja im Begriff, eine alte Jungfer zu werden. Ich weiß sehr wohl, daß ich Dich gequält habe mit Wiederholungen, mit Zynisnien, die ich ringsumher aufgesammelt hatte, indem ich Deine Nerven verletzte, indem ich Dich nicht verstand. Aber..." Sie seufzte, als ob alles, alles jetzt aus ihr erschöpft sei. Er sah nicht auf. Das Wasser trieb leise plätschernd gegen den Strand. Es war ein so ganz gewöhnlicher Tag. Das Gras stand nach des Sommers Hitze mit versengten Flecken da, aber darin lag nichts Sonderbares. Der Himmel war wolkenlos. Die blaugrüne Fläche des Meeres hob sich vom Horizont ab, weder weiter entfernt noch näher als sonst. Es war das ein für allemal wohlbekannte Wasser, das gleich- mäßig wogt, mag man es ans einer Vergnügungsfahrt durch- furchen, oder mögen schiffbrüchige Matrosen auf den Ruder- bänken das Los ziehen, wer zur Nahrung für die übrigen oelchlacktet werden soll. Edmund und Leontine hatten lange geschwiegen. Sie sab da und hielt ihren schmerzenden Arm. Sie sing an. mit sich selber zu reden, erst flüsternd, dann nach und nach laut. „So bekomme ich also Hundetollwut. Es ist dasselbe, als wenn ein toller Hund mich angesprungen und mich ge- bissen hätte, ein Hund, der sonst wedelt und gut ist. Aber er hat es von einem anderen bekommen und kann nichts dafür. Er meint wahrscheinlich, daß er es los wird, wenn er die ganze Welt beißt. Es sängt damit an, daß... womit sängt es eigentlich an, Edmund?" Er antwortete nicht. „Ach, es fängt damit an, daß ich so durstig werde... ich bin durstig, Edmund!" Er füllte ihr Glas, aber sie trank nicht, sie starrte vor sich hin, schüttelte ihre Ohren. „Ich bekomme Wasserscheu," flüsterte sie.„Das ist das sonderbarste." Plötzlich legte sie sich auf die Hände und auf die Knie nieder. „Und ich glaube ja. daß ich ein Hund bin, ich fange an, unruhig umherzulaufen.. „Leontine!" rief er ängstlich. (Fortsetzung folgt.) Tkbrnarkt. Von Stefan Großmann(Wien). Der Personenzug hält abends in der Station Dobran. wo heute Viehmarkt gewesen ist. Im Nu sind die Waggons dritter Klasse ilberfiillt. Bauern steigen mit schweren Nöhrensliefeltritten ein und eine Menge Viehhändler, die vorsichtiger und unsicherer austreten... Im Iciitcn Wagggn, einem miserabel beleuchteten, von Tabak- rauch und Heizungsdampf angefüllten l5oup». sitzen fast nur Vieh- Händler. Eine trübselige, niedergeschlagene Sliiiimiing herrscht im Coupb. Regen klatscht an die Fenster, der Fußboden des Waggons ist naß und schmutzig. Oeffnet einer die Waggonrür, so weht scharfe, feuchte Lust in die Atmosphäre herein. Die Händler mummeln sich fester in ihre Winlcrröcke und Pelze... Endlich hört man draußen das Trompetensignal des Kondukteurs und der Fug verläßt Dobran... „Schade uni den Tag." sagt ein alter Viehhändler in großem Pelz ärgerlich. Gegenüber nimmt ein anderer das Gespräch ans:„In Dobra» ist immer das schlechteste Vieh. Alte magere Kühe, die teurer sind, wie anderSwo schöne junge Ochsen..." „Es war schon vorige? Jahr nichts los," beginnt ein dritter, ein kleines, mageres Männchen:„ich Hab' meinem Vater gesagt: „Vater", Hab' ich gesagt,„es ist unnütz, nach Dobra» zu fahren, lauter teure, alte Kiihe sind dort!... Nein, ich mußte Hinsahren. Wenn ich für dieses Geld nach Brünn fahre, kann ich mir einen an- genehmen Tag und eine angenehme Nacht machen. Dazu hat man nicht das Herz, Geld auszugeben, aber um alte, teure Kühe an- zuschauen und sich im Regen und in der Kälte krank zu macheu, dazu hat der Vater daS Herz."' Die Sliimne des Klagenden erstirbt in mißmutigem Flüstern.... ES wird still im Waggon und da hört man plötzlich in der hinterste», finstersten Ecke den Viehhändler Wolf mit einem Bauer leise sprechen. „Hundertzwanzig Gulden in Gottesnamen," sagt Wolf an- gelegentlich, so daß er gar nicht wahrnimmt, das; ihm jetzt alle neu- gierig zuhören;„so ein Geschäft macht man ohnedies nur, damit man nicht ganz umsonst den iveiten Weg gefahren ist. Aber nicht einen Kreuzer mehr! Es ist nur wegen einem andernmal...." Alle horchen neugierig aus die Antwort des Bauern hin. Der qualmt den Rauch seiner Pfeife vor sich hin und gibt keine Antwort. „Ich möcht' das nicht dafür geben." mischt sich auS der Eni- fernung der Viehhändler mit dem großen Pelz ein. „Last' ihm die alte Kuh I" rufen andere Wolf z». Die Vieh- Händler fühlen sich augenblicklich als Brüder, die zu einander halten müssen. Aver Herrn Wolf ist die Störung nicht angenehm.„Mischt Euch nicht ein," sagt er verdrießlich;„wir sind schon so gut wie einig." Bon nun ab wird das Gespräch in der hintersten, finstersten Ecke de-Z Waggons so leise geführt, daß kein Dritter eine Silbe versteht. Der Regen klatscht noch heftiger an die Fenster. Dunkelste Rächt ist über die Gegenden draußen gesunken und wenn man das angelaufene Fenster abwischt, um hinauSzuschauen, blickt man nur in vlauschioarze Finsternis, aus der dann und wann ein gelbes Lichtchen herausstrahlt. Der kleine, magere Viehhändler, der mit seinem Bater nicht zufrieden ist, hat sich neben den Viehhändler mit dem großen Pelz gesetzt. Auch die beiden flüstern so geheimnisvoll, daß die anderen nichts davon verstehen. Je länger sie miteinander sprechen. desto stiller werden die anderen. Endlich hört man daS kleine, magere Männchen ftagen:«Und woher weiß ich denn, ob er mir sie gibt?" „Lächerlich," flüstert der mit dem großen Pelz voll Gering» schätzung,„er wird froh sein, daß er sie aus dem Haus bringt." Der Viehhändler Wolf unterbricht die Verhandlungen mit dem Bauern, um ein paar Worte von jenem Geschäft, das da drüben geschlossen wird, zu erhaschen. „Ich weiß nicht, was Sie da noch viel überlegen," fährt der Viehhändler mit dem großen Pelz fort;„sind Sie froh, daß Sie nicht zu spät kommen! Gerade für Sie ist das etwas Passendes. Ich habe übrigens schon einmal im Gespräch die Sache an- gebahnt..." „Ob sie nur gesund ist? Sie ist so mager," flüstert das kleine Männchen besorgt. „Gesund? Lächerlich! Wissen Sie, was für eine Kost in dem Haus ist?... Aber wenn die Sache zustande kommt, kriege ich drei Prozent!" Tiefe Stille im ganzen Coupü. Alle spüren: Die beiden stehen schon vor dem Abschlüsse I „Kommen Sie Sonnabend hin!" rät der Händler im Pelz, „sehen Sie sich sie an; Sie bilden sich nur ein, daß sie so mager ist; sprechen Sie mit dem Alten nnd in vier Wochen können Sie— Hochzeit machen." „Ab. so!" stößt der Händler Wolf unwillkürlich auS und wendet sich wieder zu seinen Nachbarn. Auch die anderen Vieh- Händler hören nicht länger zu... In Wißnitz hält der Zug. DaS magere Männchen steigt aus. „Also Sonnabend," flüstert ihm der große Pelz zu,„Sie werden sehen, die Familie wird Ihnen gefallen,..* Kleines f euilleton» Frühling, Liebe nnd Vogelfang. Wenn jetzt die Sonne scheint, dann schmettert trotz des winterlichen Wetters der Buchfink sein Licdlcin herab von dürren Aesten. Es ist sein LicbeSlied. Die nieisteii'Ornithologen sind der Ansicht, daß die Liebe das treibende Moment beim Vogclgesang ist. Eine schöne Studie über diesen Gegenstand hat der bekannte Ornithologe Dr. B. Placzek in einer Arbeit über den Vogelgesang(Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn, XXII. Band), veröffentlicht. Er stimmt mit den meisten Aogelkundigen darin übercin, daß dem Vogclgesang ein erotischer Charakter innewohnt, und bringt hierfür zahlreiche Belege, lieber die kosmische Bedeutung der Liebe finden ivir ja in Mantcgazzns..Physiologie der Liebe", Brehms „Leben der Vögel", Burdachs„Die Physiologie als Erfahrungs- Wissenschaft", Fischers„Aus dem Leben der Vögel", Büchners„Liebe nnd Licbcsleben in der Tierwelt" und anderen Werken markante Aussprüche.„Die ganze Natur ist nur ein einziger Licbcshymnuö". „Die Liebe ist daö allgemeine, erhaltende Prinzip, welches das Weltall zusammenhält nnd welches auf der Erde nicht erlischt, sondern so lange auf ihr wirkt und schafft, als diese selbst besteht." „Die Nachtigall ist Dichterin in der vollsten, schönsten Bedeutung des Wortes; sie bringt die Gedanken und Gefühle, die Lust und de» Schmerz, die Sehnsucht und die Klage der Liebe, welche ihr Innerstes erfüllt, in Form uich EinHall und findet für das Wort auch zugleich den Klang und die Weise. Ihr Gesang flutet dahin wie ein klarer, milder Strom; er steht einzig da in seiner Art und ist unerreichbar, unnachahmlich; er wetteifert an Innigkeit und Verständnis niit dem deS Menschen und übertrifft ihn vielfach an Fülle und Schönheit des Tones." „Die Wxlt der Vögel," sagt Toussencl,„ist nicht bloß diejenige, in der am meisten geliebt wird: es ist auch die erste, in der man liebt; durch sie verkörpert sich daS Prinzip der Liebe in der Tier- weit."„Der Vogel ist in der Wonnezeit der Liebe ein ganz anderes Tier als sonst. Sein ganzes Wesen ist wie ausgewandclt, er tritt sozusagen höher aus sich heraus." Aber trotz dieser Allgewalt der Liebe hat dieser mächtige Lebensfaktor, sagt Dr. Placzek, den Sangestrieb nicht erzeugt, viel- mehr die aus anderen Quellen stammende Tendenz erhöht. D i e Luft am Leben ist es, die sich nnbezwinglich in den Tonweisen des Vogclgesanges kündet. Wo solche Lebenslust ihren Höhepunkt erreicht, gelangt auch der Gesang zur höchsten Stufe. Ich möchte da auf Aeutzerungcn über den Vogelgcsaug verweisen, welche die Brüder Müller, fleißige Beobachter deutschen Tierlcbens, schon viel früher getan haben: Auffallend wirkt die Zaubergcwalt des Minnetriebeü auf die Kehle des Vogels, auf seine Stimme, seinen Gesang. Sie wird geschmeidig, beredt, zu wirkungsvollem Bortrag bei den Sängern befähigt, selbst bei gesanglosen Vögeln einzelnen melodischen Tönen dienstbar; sie stimmt ein in die allgemeine Ge- hobenheit und Neubelebung des ganzen Organisncus. Welches Wunder entfaltet sich da unserem lauschenden Ohr! Wir nehmen sogar im Gesänge der hervorragendsten Meister eine gewisse Pro- duktivität wahr, eine, wenn wir so sagen dürfen, dichterische Emphase, wo die zur Höhe der Begeisterung gestiegene Empfindung nach neuen Formen ringt und sonst nie Gehörtes leistet. Die eigentliche Blüte des Gesanges wird durch die Minne hervor- getrieben. Theater. Freie Volksbühne(im Neuen Schauspielhaus):»Weh' dem. der lüg t", Lustspiel von Franz Grillparze r. Heidnisch- germanisches Barbaren- und christlich- zivilisiertes Frankentum stellt der Dichter hier einander gegenüber. Aus diesen Kontrasten löst er sein dramatisches Problem, das er mit historischem Sinn und �poetischer Gerechtigkeit in eine Handlung �umsetzt. „Weh' dem, der lügt", das ist die Grundformel: Auf ihr baut sich der innerliche Konflikt auf. Grillparzcr hat ihn mit fein- ironisierendem Gedankeneinschlag entwickelt, obwohl er der cigent- lichen Kraft der Komödie ermangelt. Grillparzers Lustspiclton ist von schwererer Art, als wir zu hören gewohnt sind. Wohl hat seine Verssprache Biegung; allein allzu wenig Charaktcrisierungs- kraft. Die ungeschlachten Barbaren sprechen genau so gebildet, wie die Franken. In ihrem äußerlichen Gebaren jedoch liegen eher derpossenhafte, als fein-lustspielmähige Gegensätze. Taraus ergibt sich denn so etwas wie Unorganisches. Diese Elemente zu mildern, miteinander organisch zu verdichten: das bleibt wohl einer sorgsam herausgearbeiteten Darstellung überlassen. In diesem Punkt ist diesmal der Dichter nicht ganz auf seine Rechnung gekommen. Den besten Eindruck hinterließ Richard Hahn, der den schlauen Naturburschen Leon wirksam charakterisierte. Josephine Sorger war als Germanentochter besonders in ihrem ersten Auftritt gut. Ernst Arndt machte aus dem „dummen" Galomir schlechtweg einen Kretin, der, obzwar un- artikuliert halbe Worte gurgelnd, doch wieder durch den Darsteller geistig so weit wieder hergestellt wird, daß er reichlich extemporieren kann. Weder sind solche Extemporees noch Uebertreibungen vom Dichter vorgeschrieben. Auch Toni Zimmerer machte aus dem trotz aller Gefräßigkeit gutmütigen Barbaren Kattwald zwar einen auf den äußerlichen Effekt gestellten„Wild- und Gaugras", um mit Uhland zu reden; aber dieser Kattwald konnte auch zugleich als fürchterlicher Ritter Blaubart, Heini von Steins, Ritter Kuno, Bayrischer Hiesel oder was ähnliches gelten. Im Monolog des Bischofs Gregor ließ sich Arthur Retzbach mehr als nötig pathetisch gehen. Der mit überschüssigem Standesdünkel begabte Junker Atalus war Franz Höbling anvertraut: er löste seine Aufgabe äußerlich mit Geschick; desgleichen Fritz Kleinke die seinige als Pilger. c. Ic. >l. M ü n ch e n e r Theater. Die neue Intendanz des Münchener Hoftheaters, Baron Speidcl. ist sehr Wien-freundlich gesinnt. Das bewies schon der gescheitere Versuch, Hermann Bahr als Dramaturg nach München zu bringen. Ebensowenig glücklich war der erneute Versuch, einen jungen Wiener Feuilletonisten, namens Dr. Hans Müller, zu importieren, von dem vier Einakter am Sonnabend im Residenztheater zur Uraufftihrung kamen. Der Generalnenner für diesen Einakterzyklus heißt:„Das stärkere Lebe n". Die mystische Bezeichnung entpuppte sich jedoch als Mystifikation, denn ein innerer Zusammenhang, eine durchgeführte Idee, wie überhaupt eine tiefere Bedeutung ließ sich nur bei sehr gutem Willen herausfinden. Nr. 1:„Die Stunde" ist eine romantische Episode aus Napoleons Gefangenschaft auf St. Helena. Nr. 2:„A r m e kleine Frau" eine rührselige Familienblatt- gcschichte vom ungetreuen Künstler, in der die rachsüchtige Neben- buhlerin vor der Güte der Legitimen die Waffen streckt. Nr. 3: „Blumen des Todes" Mjnen sich mit den nötigen Verände- rangen an das Opfer-Motiv der Charlotte Stieglitz, der� todes- mutigen Frau des jungen Deutschland an, die durch den Schmerz ihren sanften Heinrich aufrütteln wollte. Hier fingiert eine Frau einen Treubruch, damit ihr Mann sich von ihr losreiße und— Künstler werde. Nr. 4:„T r o u b a d oü r" ist ein Lustspiel voller Dagewesenheiten, in dem sich bei einem literarischen Wettbewerb der Dichter glutvoller Liebegedichte als Vater von ö Kindern herausschält. Die Einakter leben nicht durch den Gedanke», sondern durch die Mache. Wienerische Fingerfertigkeit. G'schnas-Literatur. Der Beifall hatte kein stärkeres Leben. Musik. Es ist bekannt, daß unsere modernsten Komponisten im Durch- schnitt besser instrumental als vokal komponieren. Dadurch machen sie den Gesang ungesanglich, drücken ihn unter der Wucht deS Lrchesters und schaden den Gesangsstimmcn. Nun hatte» wir Ge- legenhcit, jene Musikwidrigkeiten auch auf dem, sonst gut gcsang- lichen, Opexettenfelde kennen zu lernen. Seit vorigem Sonnabend spielt das Z e n t r a l- T h e a t c r eine ganz neue, nicht von draußen übernommene Operette„Der Milliardär", komponiert von einem Neulinge, Ferdinand G r a d l. Was da den Gesangs- stimmen zugemutet wird, zumal durch Anstrengung in der Höhe und durch den Druck vom Orchester, muß uns nicht nur für die Kunst und ihre Kräfte, sondern auch für die Gesundheit der Darsteller mit Besorgnis erfüllen. Dazu kommen die Tanzgebräuche der gegen- wältigen Operette und die leicht rücksichtslos auf den äußeren Er- folg gehenden Ansprüche der Direktionen. Robuste Körper leiden darunter höchstens an ihrer Stimme, zartere an ihrem Leben. Daran mögen die Direktion des Zentral-Theatcrs und die sonst dabei Beteiligten denken, wenn sie sehen, wie in der genannten neuen Operette Frl. W i n i Grabitz auf unverantwortliche Weise über- angestrengt wird. Der Hauptschlager deS Stückes ist ein reizen- artig endigendes Terzett; in der zweiten Aufführung vermochte bei dem vom Publikum geforderten Dakapo jene Sängerin ihren Part nur mehr zu markieren. Ihr AuftrittSwalzcr(Nr. 5) könnte und sollte langsamer genommen werden, uu nicht eine, vielleicht noch gesunde, menschliche Lunge tot zu machen. Die Stimme dieser Dame, nur in der Höhe stark, verträgt allerdings in den tieferen Lagen noch eine Herausarbeitung, würde jedoch auch dann schwerlich gegen jene Hemmungen aufkommen, um so bedauerlicher, als Frl. Grabitz hier in Spiel m.) Vorrrag allerbestes leistet! Gegen derartige Kunstschädigungen ist alles übrige, was wir diesmal zu berichten haben, belanglos. Ter Text, dessen Autoren lvir lieber nicht nennen, überbietet womöglich unsere krasseste» Erfahrungen. Um eine Zweimilliarden-Erbschaft in Amerika ringen zwei Karikaturen von Advokaten miteinander; der eine wi l den Verwandten des Erblassers einen Pferdejungen aus de* Prairie als Erben aufschwindeln, der andere bringt in seiner Tochte einen Gcgen-Cowboy. Schließlich bekommt der echte Cowboy un unechte Erbe die„Cousine", und der andere wird auch glücklich- durch den dritten Akt. der übrigens nicht einmal an die elementarst Possentechnik heranreicht. Frau R. G ü n th e r- S ch m i th sang mit reicher dramati scher Opernstimme und spielte sympathisch, doch etwas matt; Frl M. P o r t h fiel in einer Nebenrolle günstig auf; Herr O. B r a u r hatte mit dem Naturburschen Gelegenheit, seinem üppigen baritonal-sonorcn Tenor noch mehr zuzumuten als sonst; Herl E. Deutsch machte sich ebenfalls gut, würde jedoch durch ein« Ueberwindung des Blechklanges seiner Stimme noch besseres er- reichen; die zwei Komiker H. Peer und E. Albes trugen zum Publikumserfolg ganz besonders viel bei; und noch andere halfen wacker mit, zumal Kapellmeister F. Redl. Die Musik verdient Anerkennung lediglich dank einer gewissen Bescheidenheit, durch Anläufe zu kunstvollerem Satz(besonders von der Stelle„Er ist fürwahr so übel nicht" angefangen) und dank einer Innigkeit, die allerdings noch kaum über die„Schmachtfetzen" hinauskommt. Originalität, dramatischer Bau usw. fehlt. Ani gröbsten greift in unser Ohr jener Hauptschlager ein. �-ein Text, zu Unrecht an Heines Insel Bimini erinnernd, sei hierhergesetzt, damit seine Tiefe nicht verborgen bleibe:„Bimini, so heißt die Quelle, Da kriegst Tu schnelle,'Ne neue Pelle. In Bimini, da mußt Tu baden, Da kriegst Tu Waden Und Leidenschaft."— sz. Mozarts Rokoko-Köpfchen grüßte am Sonnabend die Mitglieder der F r e i en-SB o l k s b ü h n e, die zu einem eigenen Mozart- Konzert in den gleichnamigen Saal gekommen waren. Und die Verwandtschaft der Mozartschen Musik mit dem, waS in der bildenden Kunst als der Stil des Rokoko gilt, trat gerade bei der diesmaligen Zusammenstellung des Programms besonders deutlich hervor. Wie die üppigen, in feine Fädchcn endigenden Ranken an der Wanddekoratiou eines französischen Zimmers aus jener Zeit laufen, so liefen hier die zarten Passagen der Instrumente in luxuriös-gcschmackvollen Figuren ineinander und auseinander. Wie damals dem wirklichen oder vermeintliche» Hirten- und Landleben bildkünstlcrische(und dichterische) Motive entnommen wurden, so wetteiferten hier die Flöte» und ihre schalmeiartigen Verwandten (zumal in der Sinfonie, der hochragenden„dritten") miteinander in der musikalischen Ausprägung des Idyllischen. Das damalige Uiitcrhaltungslebcn in den Gärten der hohen Herrschaften hatte natürlich zahlreiche liebenswürdige Abendmusiken(„Serenaden"), Abschicdsstücke(„Kassationen") und sonst noch Unierhaltungsmusiken (Tivertinienti") im Gefolge. Von Mozart nehmen gerade die Bei- träge zu diesem Gebiet einen höheren Rang ein, als es nach ihrer geringen Beachtung in unserer Zeit scheint. Um so danke nölverter war diesmal die Vorführung einer Serenade für Streicher. Melodien wie die in der Romanze und im Trio zum Menuetto dieses Stückes dürften über moderne Produktionskraft hinausliegen. Sie könnten allerdings gestaltungsreicher gespielt werden, als eS hier geschah. Im übrigen erfreute das Mozartsaal-Orchester unter Paul P r i l l insbesondere durch die jenem Komponisten ge- bührcnde Diskretheit. Lb eine für Spieluhr komponierie Phantasie besser in Uebertragung für Orchester als im Original anzuhören ist, fragt sich allerdings noch; und selbst den„Türkischen Marsch" hört wohl mancher mit Recht lieber auf dem Klavier.— Der„Freien" gereicht ihr Bemühen, sich aus den nicht eben sehr kunstwürdigen Sälen des Ostens herauszuwickeln, zum Ruhm; und der erläuternde Text(von P. E r t e l) lvar ebenfalls dankenswert, obwvbl sich da immerhin noch ein Mehr wünschen läßt.— sz. Kunst. Max.Kling er. Am 18. Februar ist Max Klinger ein Fünf« ziger geworden. Stetig fortschreitend auf der Bahn, die ihm durch sein Wesen vorgeschrieben uikd die er nnt der Hartnäckigkeit eines Dentschen gegangen, hat er schließlich sich einen Platz erkämpft, den ihm niemand streilig machen kann. Er hat sich mit einer Zähigkeit entwickelt, die seinem ehrlichen, bewußten Willen das beste Zeugnis ausstellt. Niemand wird ihn, bestreiten können, daß er sich organisch entwickelte. Wohl nahm er Fremdes auf. In Berkin kam er den sozialen Fragen nahe, und daS Milieu, das wir auf seinen graphischen Blättern fiichen, ist vielfach Berlin entnommen. In München»ahm er entscheidende künstlerische Anregungen auf, die dann in Paris weiter wirkten, wo er drei Jahre weilte. Drei Jahre Zwischenstation in Berlin und dann suchte er Ron» auf, das seinen plastische» Sinn förderte. Seit 83 wohnt er in Leipzig, seiner Baterstadt. Klinger sondert sich vollständig ab von den modernen, künstlerischen Be- lucfjimf!«», die in München, in Berlin, in Tarmstadt, entscheidend einsetzten und schliefcüch Schuren von Künstlern nm ihre Fahnen sammelten. Er steht allciin Weder die neuen malerischen Tendenzen, die in München und Berlin auskamen, noch die kunstgewerblichen, die mit Darmstadt einsetzten, zählten ihn unter ihre Anhänger. Und doch war er alles zusammen, Maler, Radierer, Bildhauer, ja auch Knnstgcwerbler. Die hohe und reife Intelligenz, die Klinger besitzt, ließ ihn sich der Betätigung in anderen Techniken zuwenden. DaS sinnlichte- kiinstlerische Element fehlt ihm so stark, daß er als Maler kaum in Betracht kommt. Gerade hier ist der Mangel seiner Begabung am auffälligsten. Sein„Prei?urtcil", seine„Kreuzigung", sein„Christus ini Olymp", alle diese Bilder scklcppen an einem Ballast von Ge- danken, der das rein Künstlerische beinahe erdrückt. Gerade das, tvaZ wir heute anstreben, die reinliche Trennung der Techniken und da? HerauSfpüren der matcrialgcmäßeu Behandlung miß- achtete er. Er vermischte die Techniken. AIS Maler war er Illustrator, als Plastikcr malerisch, als Zeichner plastisch. Aber nichts brachte ihn von diesen Irrwegen ab. Die Not, der Zwang der Verhältnisse, traten nicht an ihn heran. Als Graphiker begann Klinger. Graphiker, Zeichner, Illustrator ist er immer geblieben. Er hat das feinste Buch über das Ver- hältnis von Malerei und Zeichnung geschrieben. Hier, in seinen Zyklen, konnte er sich unbehindert austprechcn, daS Motiv von ver- schiedenen Seiten beleuchten, fragen und Antwort geben und das reizvolle Spiel einer lebendigen Phantasie sich austoben lassen. Der Spanier Goya, Böcklin, die Franzosen, die Antike sind seine Bor- bildcr. Er verschmilzt alles zu einer Einheit, deren Wucht und Klarheit imponiert, die aber im einzelnen die Spuren der Einflüsse noch deutlich aufweist. Hier konnte er der Lust, zu erzählen, un- gehindert nachgehen. Er selbst hat das Wesen der Graphik in diesem Sinne treffend erläutert. Diese Kunst lag ihm am nächsten. Und darum ist auch iu diesen Zyklen am meisten von dem Zeitgeist hincingebannt. Er ist da graziös, phautasievoll, leicht, düster, parodistisch, grübelnd. DaS soziale, kritische Element tritt hier naturgemäß am offensichtlichsten zutage; Blätter, wie sie sich in„Ein Leben" und in„Dramen" finden, deren Milien und Hintergrund die Großstadt Berlin bildet, zeigteir zum erstenmal in Deutschland den Künstler als Träger einer neuen, sozialen Anschauung; man braucht daraufhin nur tue Blätter„März- tage" anzusehen. Technisch sind diese graphischen Blätter vollendet gearbeitet. Klinger arbeitet virtuos mit allen Mitteln; Grabstichel- technik, Radierung, Aquariute kombiniert er vielfach, ohne je die Mirlnug zu verfehlen. Und wundervoll sind auf diesen Blättern oft die Landschaften, malerischer, als sie nachher der Maler in Farbe darstellte. Auch der Plastiker Klinger wird bleiben. Wenigstens in deit Werken, die den Einzelkörper behandeln. Da erreicht Klinger schlechthin eine einzig dastehende Vollendung. Man kann vielleicht sagen, in der Darstellung des nackten Eiuzelkörpers ist er klassischer als die Antike. Der Körper ist beinahe aus eine abstrakte Form gebracht und doch lebt jeder Teil, ist durchpulst von Blut, ist Fleisch. Aber nur seltener finden wir diese Reinheit I In seinen großen Werken, die als seine eigentlichen Schöpfungen anzusehen sind, strebt Klinger zu einer ebensolchen Vermischung, die seine Malerei kennzeichnet; die Formensprache wird übertrieben und bombastisch. Der„Beethoven" zeigt diese Häufung. Es ist ein Stil darin, die Stilsprache KlrngerS, doch haben wir heute andere An- schauungcn vom Stil. Dies sind uns Matcrialhäufungcn, Erzählungen, »vir vermissen die Form, gerade das. was Klinger in seinen Einzelkörpern, in der„Badenden", der„Schlafenden" so vollendet gibt. Was also von Klingers Schaffen bleiben wird, ist damit schon angedeutet, und eS ist genug, ihm bleibenden Ruhm zu sichern. Seine intellektuellen Kräfte standen seinen künstlerischen Sinnen oft hemmend im Wege. Statt Maler zu sein, wurde er oft Poet und Philosoph. Doch find diese Nachteile zugleich seine Vorteile, wie seine graphischen Arbeiten zeigen. Auch da, wo er irrt, irrt er nicht auS kleinlicher NachahmungS'ucht, sondern weil er ein Charakter ist. der nur sein Wesen geben will. Vielleicht haben wir diese Eigensucht auch schon über- wunden und achten sie nicht mehr so hoch. Mit all seinen Fehlem und Vorzügen ist Klinger der Typuö eines Künstlers, der seine Zeit »nit allen Organen erlebt, und selbst seine Irrtümer sind lehrreich, weil sie nicht Launen, sondem Zeit- und Knlturirrtümcr sind. Eine Kraft wie Kling er in unsere Gegenwart mit jungen Kräften hinein- gestellt, von gleicher Intensität, und wir hätten den Künstler, den 'vir erwarten. Hnmorististches. — Nachtarbeit. Zu den vielen aufreibenden Geschäften, die der Reichskanzler schon bisher zu erledigen hatte, sind nun auch die Nachtreden gekommen. Schon zweimal ist es in den letzten Wochen vorgekommen, daß die Berliner sich den Kauzler auS den Federn geholt haben, damit er ihnen eine Rede halte. Sie riefen einfach„Bülow, Bülow" und dachten dabei an das Wort des Dich- terS:„Rieke, wenn ick piepe, denn komm!" Und welcher Autor käme »licht, wenn er vom Publikum hervorgerufen lvird! Auch Fürst Bülow kam. Zu einer Stunde, zu der selbst die Nachtloächter schlafe», mußte er noch eine Rede halten I Seine Sprechstunde kgn» er auf eine bestimmte Zeit des Tages legen, aber seine Rcdestunde darf an keine Zeit gebunden sein. Wie wir hören, ist der Kanzler jetzt immer auf einen nächtlichen Hervorruf gefaßt. Er hat angeordnet.' daß auf einem Stuhl neben seinen, Bett jede Nacht ein warmer Mantel, die Mütze des kaiser- lichen Nachtklubs und ein Zitat bereit liegt. — Wahres Geschichtchen. Die Rekruteneinstellung und -Einkleidung war beendigt. Der fesche Kommis S. verleugnete auch im Drillichanzuge die Würde seines bisherigen Standes nicht: Stolz und allein, gesondert von der Herde, schreitet er mit seiner Schüssel zur Küche. Da erblickt ihn ein schnauzbärtiger Sergeant: «Wo willst Du denn hin?" „Ich, Herr Sergeant? serstauntcS Gesicht ob des noch ungewohnten „Du"). Ich will zum Speisen". „Was willst Du?" «Speisen, Herr Sergeant!" „So merke Dir ein für allemal: Offizier« speisen, Unteroffiziere esien, Du aber, Du frißt I Verstanden?" („Jugend.") Notizen. — Wilhelm von Bezold, der Direktor des Meleoro- logischen Instituts zu Berlin, rst Sonnabend in Berlin gestorben. Er war 1837 in München geboren und hatte nach Beendigung seiner Studien zuerst eine Professur an der Münchener Technischen Hoch- schule, bis er 1885 einem Rufe an die Berliner Universität folgte. Als Forscher wie als Organisator hat er gleich große Berdienste. In Bayern organisierte er den meteorologischen Dienst und auch in Preußen ist ihm der bessere Ausbau des Wetterdienstes zu danken. Seine wissenschaftlichen Arbeiten kamen besonders der Elektrizitäts- lehre, sowie der Optik und später auch der Meteorologie zu statten. Den erdmagnetischen Forschungen hat er sich mit Vorliebe gewidmet. — Erfolgreiche Uraufführungen erzielten im BreSlauer Stadttheater„Moderne Diplomaten" von Kurt von Neurode(Pseudonym), ein Jntrigenstück aus der Zeit der Bismorckischen Diplomatie, sowie„Der Dieb" von Henry Bernstein, ein Effekt- und Bluffstück in der Art Cönen Doyle? im Wiener Bolkstheatcr. — DaS alte Wcimarifche Theater erlebte am Sonn- abend die letzte Aufführung. Gegeben wurde Goethes„Iphigenie". Ein Epilog von Richard Voß ließ dann noch einmal in Wort und Bild Goethe und Schiller, sowie Gestalten au» Dramen, die hier zuerst ans Licht traten, lebendig werden. — EinHaeckel-Museum in Jena. Ernst Haeckel er- hielt am 16. Februar, seinem 73. Geburtstage, die Mitteilung, daß ein von ihm lang gehegter Lieblingswunsch unmittelbar vor der Ausführung steht. Dieser Wunsch beftaf die Gründung eines Phylogenetischen Museums, einer Sammlung von Naturgegenständen, Präparaten, Bildern und anderen Unterrichtsmitteln, welche dem größeren Publikum die Bedeutung und das Wesen der Phylogcnie oder Stammcsgeschichte erläutern sollte, jener Wissenschaft, die Haeckel 1366 in seiner„Generellen Morphologie", auf Lamarck und Darwin weiterbauend, als selbständigen Zweig der Entwickelungslehre be- gründet hat. Da»„Phylogenetische(oder kürzer Phhletische) Museum in Jena" soll nach dem vorläufigen, schon vor längerer Zeit von Haeckel entworfenen Plane in unmittelbarer Nähe des Zoologischen Instituts errichtet werden und einen großen Teil der Sammlungen aufnehmen, welche bisher in den überfüllten Räumen des letzteren ungenügend aus« gestellt waren; insbesondere die prachtvollen Sammlungen von Korallen und anderen Seeticren, welche Haeckel auf seinen wieder- holten Reisen nach Indien und dem Roten Meere sowie nach den Kanarischen Inseln gesammelt hatten. Außerdem will Haeckel dem neuen Museum auch die zahlreichen Kunstwerke zum Geschenk machen, die ihm selbst im Laufe seiner 46jährigcn Lehrtätigkeit an der Universität Jena verehrt worden sind. In dem Museum soll auch ein Haeckel-Archiv eingerichtet werden, in dem alles Aufnahme findet, was auf Haeckel irgendwie Bezug hat. In einem besonderen Zimmer sollen die Bildniffe der bedeutendsten Zoologen früherer Jahrhunderte zum Aushang ge- bracht werden nebst Erläuterungen, durch waS sie euren Fortschritt in der Wissenschaft herbeigeführt haben. Auch ein Bortragssaal wird nicht fehlen. Zu einer monistischen Bibliorhek will Haeckel durch Hergabo seiner eigenen Bibliothek den Grundstock legen. lieber dem Ganzen soll der Geist Goethe? schweben, worauf schon da? für das Museum in Aussicht genommene Motto hin- deutet: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, Der hat auch Religion." Für das Unternehmen ist bereits ein Kapital von über 100 000 M. vorhanden. Um diese Mittel noch zu erhöhen, wird demnächst unter den älteren Schülern HaeckelS und dem weiteren Kreise seiner Verehrer eine Sanmilnng veranstaltet. Da» Rentamt der Universität Jena, Jcnnergasje 8, ist amtlich beauftragt, die Beiträge einzukassieren und darüber Quittung zu erteilen. Bcrantwortl. Redakteur: HanS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei u.VerlagSanstaltPaul Singer&Co..BerlinLW.