Mnterhallungsblatt des Worwärts Nr. 36. Mittwoch, den 20. Februar. IV07 (Nachdruck verbolen.) gq 1>Iaäame ä'Ora. Noman von Johannes V. Jensen. d'Ora lächelte Hall zu, liebevoll, aber mit ein wenig der- zerrten Zügen, sie blieb liegen und dachte nach. Dann kroch sie ein wenig vorwärts, wandte den Kopf um und sah ihn an: „Ich will es nur einmal versuchen. Ich fürchte mich vor Wasser, ja, ich kann kein Wasser sehen.. Sie krümmte ihren starken Rücken und machte einen Sprung auf allen Vieren, vom Wasser weg. Ihre beiden Knie platzten mit einem„Ratsch" durch das dünne Kleid, und im selben Augenblick sprach Todesangst aus ihren Augen, und sie sprang weiter. Sie zog den Kopf herunter, zwischen die Arme, starrte Edmund an: „Wau!" bellte sie.„Wau!" „Leontine, so komm doch Herl" Sie machte einen Sprung rückwärts. „Wuff! Wau, waul Hrrrr., Sie schleppte sich näher heran. „Rrrrrrr..." „Leontine!" Da streckte sie die Kehle lang aus, und während ihr ganzes Gesicht leichenblaß wurde, brach sie in ein jammer- volles Geheul aus, das immer wilder wurde, sie warf sich herum und lief eine Strecke weg, schüttelte den Kopf und blieb auf allen Vieren stehen. „A— ah! Huh! A— oh! Hühl" Sie erblickte das Automobil und lief an eins der Räder heran, schlug ihre Zähne in den Gummiring und rüttelte daran, so daß der ganze Wagen klirrte, knurrend blieb sie daran hängen. Ihr Haar löste sich auf und die weiße Mähne umwallte ihren Kopf. Da wollte Hall sie packen und ihr Vernunft zureden, sie aber sah ihn mit einem wahnsinnigen Blick an und rannte ihm unter den Händen weg: sie lief eine kleine Strecke, warf sich dann mit einem klagenden Geheul platt ins Gras, bohrte das Gesicht in den Erdboden. Als Hall kam und sie aufhob, leistete sie keinen Wider- stand, sondern wandte sich selbst um. Die Augen sahen ver- nünftig auf. Der weit aufgesperrte Mund war voll von Erde und kleinen Steinen. Er half ihr in eine sitzende Stellung, und sie spie die Erde aus, legte sich dann wieder hin und ruhte. Sie schwiegen. Endlich erhob sie sich auf die Knie und sah Hall lächelnd an. „Ich wollte es einmal ausprobieren," stammelte sie. Sie saß eine Weile da, grub dann plötzlich die Finger in den Rasen und stopfte wieder Gras und Erde in den Mund, knirschte mit den Zähnen darauf herum. „Nein," bat er,„nein, Leontine!" Sie spie es zögernd aus. „Es schmeckt gut," sagte sie und nickte ihm überzeugend zu.„Ich habe übrigens schon lange alle möglichen Sachen gegessen, Kohlen, Asche, das kommt wohl daher, weil ich ein Kind haben soll..,, Ich wollte es Dir eigentlich nicht er- zählen, Edmund." „Sollst Du ein Kind haben?" „Ja, Edmund. Ich soll unseren kleinen Sohn haben. > Aber nun wird ja nichts daraus." Er sank vor ihr zusammen, er kniete nieder. Als er sich immer nicht rilirte, nahm sie seinen Kopf und legte ihn in ihren Schoß. Sie saß da und sah auf seine offenen Augen nieder, die von ihr wegstarrten. „Warum weinst Du nicht?" fragte sie mit einer unheim- lichen Stimme, und als er sich nicht rührte, überkam sie selber das Weinen wie ein Stoß, sie weinte bitterlich, den gesenkten Kopf von all dem weißen Haar umwallt. „Ach," schluchzt sie und wirft das Gesicht zurück.„Ich bin unglücklich!" Plötzlich hält sie inne mit dem Weinen und sitzt da und denkt nach. „Ich werde meinen Jungen nicht zur Welt bringen," flüstert sie.„Nein, ich werde es nicht hin. Ich hatte mich dazu gefreut, ihn ans kleinen Beinen hcrumtorkcln zu sehen, mit ihm in den Varl zu fahren, und.. Ihre Stimme ward leiser, flüsternd sprach sie mit sich selber. Sie war so müde und kraftlos, daß sie die Worte kaum zu formen vermochte. Endlich schwieg sie. Nach einer Weile fing sie an zu zittern. Hastig strich sie über Edmunds Haar. „Es kommt wieder," flüsterte sie.„Mir wird so sonderbar. Wuff!" Sie bezwang sich mit Mühe, schloß den Mund ganz fest, aber es stieß in ihrer Brust. Sie versuchte zu lachen, aber das Lachen ward ein rauhes Röcheln. Sie zitterte vor Kälte. Und da sie keine Luft bekommen konnte, brach sie in ein bitteres, angestrengtes Bellen aus: „Ah— uf! Wau, wau! Wuff!" Edmund richtete sich auf und stand da und sah sie an. Ihre Augen fingen an, wild zu blicken. Sie legte sich auf die Hände nieder, weinte trocken und qualvoll. „Ich kann nichts dafür, Edmund. Ich glaube, mir fehlt; eigentlich gar nichts. Ich bin nur so elend. Mein Herz will nicht mehr. Sie schnappte noch ein paarmal nach Luft, schien cS dann aufzugeben und blieb liegen, mit kurzem, ringendem Atmen. „Willst Du sterben?" fragte er. „■vjO. Sie erhob sich mit einem Sanglaut, saß auf den Knien und sah ihn glücklich an.„Ja! Hab Dank, Edmund!" Er ging an den Wagen und suchte in den Vorratskörbcn, die außen herunter hingen, fand ein Gewehretui und nahm die einzelnen Teile einer Doublette heraus, die er zusammen- setzte. Die Läufe gaben einen Ton van sich wie im Schlaf. Er steckte zwei Patronen hinein. Leontine lag auf den Knien im Grase und sah ihn an. „Schieße mich nicht in den Leib," bat sie.„Schieß mich ins Herz." „Schließe die Augen!" sagte er kühl. Sie schloß die Augen und lehnte das Gesicht lächelnd hintenüber. Er schoß sie aus geringer Entfernung in die linke Seite der Brust. Die Hagelladung ging quer durch sie hindurch, sie war äugen- blicklich tot, lag in einem Haufen da, der ein wenig zitterte und zuckte, bis er ganz still ward. Das weiße Haar verbarg ihr Antlitz. Edmund öffnete das Gewehr und nahm die rauchende Kapsel heraus, er hatte nur den einen Schuß abschießen wollen, aber sie waren beide losgegangen. Er lud von neuem, versuchte, ob er den Hahn erreichen konnte, wenn er die Läufe gegen die Schläfe hielt und kam zu der Ueberzeugung, daß es am besten sei, die Waffe unter das Kinn zu halten. Da fiel sein Blick auf Leontine. Ein purpurroter Blutstrom quoll unter ihr auf und schlängelte sich wie ein großer, lebendiger Wurm durch das Gras. „Au!" dachte er, sah zum Himmel empor, sah sich in dem entsetzlich öden Raum um. Er beugte sich herab und versuchte, Leontine in die Höhe zu heben, um sie in Schutz zu bringen. Er konnte sie nicht unter offenen Himmel liegen lassen. Sie war zu schwer für seine Kräfte, aber er hob sie schließlich auf und legte sie in das Automobil. Er setzte sich und legte einen Hebel nach unten. Und die Maschine ging mit voller Kraft rückwärts, drehte sich herum, verlor die Balance an dem Abhang, stürzte und blieb liegen: die Räder sausten in der Luft herum. Hall wurde gewaltsam an den Erdboden geworfen, kam aber nicht unter den Wagen zu liegen. Nachdem er einige Minuten ohnmächtig gelegen hatte, stand er auf und sah sich um, ohne zu wissen, wo er war. In weiter Ferne sah er bewohnte Stätten und nun schleppte er sich vorwärts, uni dorthin zu gelangen. 1(5. Mason fand ihn in deni unbewohnten Hause draußen auf Long Island auf einer Kiste in der leeren Stube sitzen. Es war in der Dämmerstunde. Hall wußte nickt, wie er dahin gekommen war, und welcher Instinkt ihn dahin geführt batte. In einem der Augenblicke, wo er sich gleichsam mit sich selbst idcufizicrte und übersah, was er zuletzt unternommen hatte, entsann er sich, daß er sich an den Nesseln verbrannt hatte, als er in den Garten hineinging. Im übrigen war er ganz klar. Das Gedächtnis wirkte nur in langen Zwischenräumen und bruchstückweise, aber seine abstrakte Einbildungskraft war lebhafter als gewöhnlich, fast von visionärer Stärke. Er stand in einem der fcheibenlofen Fenster, als die Sonne unterging, erfüllt von einem qualvollen Verlangen, sich zu erinnern, sich bewußt zu werden, weshalb er hier war und was nun weiter gesechen follte. Wie er fo dort stand, sah er die Sonnenkugel frei und rund hinter der dicken Luft über New Vork hängen. Sie blendete nicht, man konnte sie unverwandt ansehen und sich davon überzeugen, wie schön sie war, welch ein wunderbar großer, mächtiger Weltkörper und wie weit, unendlich weit sie entfernt war. Hall fühlte, wie er sie liebte, jetzt, wo es zu spät war. Er begriff, was es heißt, daß er unter einem nördlichen Himmelsstrich geboren war. Nach einer Weile sah er als Ergebnis eines unbewußten Gedankenganges ein, daß die armselige Wahrheit, die er mit seinem Leben bezahlt hatte, keinen Wert besaß, da sie ja doch mit ihr starb. Dieser Gedanke schmerzte ihn wie eine qual- volle Erfahrung, und im nächsten Augenblick sagte er sich selbst, daß es ja doch nur ein inneres unfruchtbares Blühen von traurigen Dingen sei, die ihm zugestoßen waren und deren er sich nicht mehr erinnern konnte. „Achl" flüsterte er vor sich hin. Er verließ das Fenster, klar und öde in seinem Innern, nur insofern lebend, als er eine physische Veränderung, einen schneidenden Schmerz empfand. Er setzte sich auf die alte Packkiste. Und die Finsternis und die Stille senkten �ich herab. Ein Schwarni Fliegen strömte zu den Fenstern herein. Als Mason erschien, machte Hall einen verzweifelten Versuch, sich mit einer Glasscherbe den Hals aufzureißen. Mason stürzte auf ihn wie eine Bulldogge und schlug ihn zu Boden. Hall brachte sich nur einen ungefährlichen Ritz bei. „Nein, mein Herr, nein, nein," murmelte Mason sehr erregt, während er Hall wieder auf die Beine brachte.„Nein, so was gibt's nicht I" Hall gab keinen Laut von sich. Er stand auf seinen schwankenden Beinen und hielt sich aufrecht, so gut er konnte. „Ich wußte ja, wo ich Sie finden würde," sagte Mason in vertraulichem Ton, ohne Spur von Persönlichkeit.„Geben Sie jetzt die Hände her, HallI" Hall reichte die Rechte hin und versuchte auch die Linke zu erheben, aber die blieb kraftlos an seiner Seite hängen. Mason griff danach, befühlte schnell den Arm über dem Ellenbogen: „Mensch, Sie haben ja den linken Oberarm gebrochen I Jesus Christus, dann müssen Sie ja Wohl ins Hospital! Wie haben Sie das nur einmal angefangen? St! St! Na ja, kommen Sie her, daß ich Ihnen die Eisen anlegen kann, und dann wollen wir machen, daß wir in die Stadt kommen. Hier haben wir ja nichts mehr verloren. Im Laboratorium können wir miteinander reden. Da ist vielerlei zu ordnen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruit verboten). Me uns der JVIond täufebt» Von Tr. M. H a e d e r. Selbst auf den Mond ist kein Verlaß. Er, der ein so treu- herziges Gesicht hat, er, zu dem die Liebenden als dem der- schwiegenen Mitwisser ihrer süßen Geheimnisse vertrauensvoll auf- blicken, auch er gehört zu den unsicheren Existenzen, denen Lug und Trug nicht unbekannt sind. So scheint eS wenigstens. Denn, weun er als Vollmond über dem Horizont emportaucht, ist er riesengroß und erstrahlt in feurigem Glanz, je höher er aber am Himmelsgewölbe emporrückt, desto kleiner wird er und desto mehr verblaßt er. Und doch ist seine Größe und ebenso die Farbe des Lichtes, daö er auf die Erde zurückwirft, unveränderlich. Er täuscht uns also der gute Mond, der so still durch die Abendwolken hingeht. Wie aber gelingt ihm diese Täuschung, oder ist er selbst an ihr unschuldig und der Grund für die Größenveränderung und den Farbenwechsel ist nicht bei ihm, fondern anderswo zu suchen? Tie Erscheinung, daß der Mond über dem Horizont einer ge- wältigen glühenden Scheibe gleicht, während er höher steigend zu einem bleichen Rund von Tellergröße mehr und mehr zusammen» schrumpft, ist so frappant, daß sie einem jeden, nicht bloß dem Naturfreund, auffällt und zum Nachdenken über ihre Ursachen an- regen muß. Wüßten wir nicht, daß der Mond ein fester Welt- körpcr wie unsere Erde ist, daß er stets das gleiche Sonnenlicht, das auf ihn auftrifft, zurückstrahlt, so könnten wir glauben, daß er seinen Umfang vergrößern und verkleinern und zugleich damit seine Farbe wechseln kann. Bei einem festen Körper, wie eS der Mond ist, ist natürlich eine solche periodische Größcnveränderung nicht möglich. Auch kann, da der Mond kein Eigenlicht befitzt, sondern nur das aufgefangene Sonnenlicht zurückwirft, die Farbe desselben aber keine Schwankungen erleidet, der Farbenwechsel ni'' von, Mond ausgehen. Der große Umfang des Vollmondes ai. Horizont und seine spätere Verkleinerung, sobald er höher ge- stiegen ist, wären, um zuerst bei diesem Punkt zu bleiben, sofort verständlich, wenn der Mond uns bei seinem Tiefstande am Hori- zont näher, bei dem Hochftande aber von uns entfernter wäre. Ein Haus, das 20 Meter von uns entfernt ist, liegt in seiner vollen Größe vor uns. In der Entfernung von einer halben Stunde erscheint es uns wie ein Stück aus einer Spielschachtel. Mit der Länge der Entfernung verringert sich für uns auch die Größe des geschauten Gegenstandes. So müßte es sich daher folgerichtig auch mit dem Mond verhalten. Aber der Mond ist uns nun, wenn er über dem Horizont aufgeht, in Wirklichkeit gar nicht näher. Er ist im Gegenteil bei diesem Tiefstand um einen vollen Erdhalb- messer vom Beobachter weiter entfernt, als wenn er über ihm im Scheitelpunkt steht. Und gleichwohl erscheint er gerade im Scheitel- Punkt besonders klein, während er dann, wenn er von uns bc- deutend entfernter ist. seinen größten Umfang hat. Wäre die Nähe und Entfernung des Mondes ausschlaggebend, so müßte er uns im Scheitelpunkt groß und am Horizont klein vorkommen. Die geringere oder weitere Entfernung kann also bei der Größenver- änderung des Mondes nicht mitspielen. Unter diesen Umständen hatte man denn auch die Erklärung für die Größcnveränderung in anderen Momenten gesucht. Man sagte: Wenn der Mond über dem Horizont steht, so vergleichen wir ihn unwillkürlich mit allen den Gegenständen, wie Häusern und Bäumen, die bei seiner Betrachtung unser Blick streift. Da wir nun aber die Größe der Häuser und Bäume kennen, der Mond aber noch viel weiter von uns entfernt ist wie diese, so rechnen wir jetzt auch dem Mond einen bedeutenden Umfang zu. Steht er dagegen hoch oben im Scheitelpunkt oder in dessen Nähe, so haben wir bei der Betrachtung keine irdischen Gegenstände als Maßstab, mit denen wir einen Vergleich ziehen können, und darum halten wir ihn jetzt für klein. Begünstigt sollte diese Selbst- täuschung noch durch ein Ncbenmoment werden. Bei nebeliger. dunstiger Luft erscheinen uns alle Gegenstände weiter zurückliegend und größer, als sie es in Wahrheit find. Da wir nun beim Tief- stand des Mondes über dem Horizont auf einer langen Strecke durch die untere dunstige Atmosphärenschicht zu blicken haben, so sollte auch dieser dicke Dunstschleier mit dazu beitragen, uns den Mond über dem Horizont größer erscheinen zu lassen. Beim Hoch- stand des Mondes im Scheitelpunkt dagegen, wo wir nur die ver- hältnismäßig dünne Dunstschicht zu durchblicken haben, die sich unmittelbar zwischen uns und dem hochstehenden Mond schiebt. fällt, sagte man, das begünstigende Nebcnmoment weg, und darum erscheint uns jetzt der Mond auch um so mehr klein. Dies war bis vor kurzem die übliche Erklärungswcise. Daß sie nicht zu Recht besteht, zeigt folgender kleine Versuch. Betrachtet man den Mond, wenn er sich über dem Horizont befindet, durch eine berußte Glasplatte, wodurch die ganze Erdoberfläche ab- geblendet und unsichtbar wird, so erscheint er auch jetzt noch groß. obgleich wegen der Abblendung dem Beobachter alle irdischen Maß- stäbe, wie Häuser und Bäume, fehlen, die ihn zu einer irrtüm- lichen Größeneinschätzung des Mondes verleiten könnten. Die vermeintliche irreführende Verwendung irdischer Gegenstände als Vcrgleichsmaß kann demnach nicht die Ursache der scheinbaren Größenveränderung des Mondes sein. Die Trübung in der Atmo- sphäre allein vermag aber noch viel weniger den Mond so bedeutend zu vergrößern. Wohl aber trägt diese Trübung, um dies vorwegzunehmen. die Schuld daran, daß der Mond über dem Horizont ein rötlich- glühendes Aussehen hat. Bei dem Tiesitand des Mondes haben die Lichtstrahlen, die er aussendet, eine große Strecke in den unteren Schichten der Atmosphäre zurückzulegen. Alle die zahl- losen Stäubchen, die in diesen breiten Schichten schweben, wirken aber zusammen, um die Strahlen so zu beugen, daß sie in unserem Auge eine rote Farbcncinpfindung hervorrufen, und uns daher die Mondscheibe selbst rot erscheint. Steht dagegen der Mond im Scheitelpunkt, so haben seine Strahlen bis zu unserem Auge nur eine viel kürzere Dunstschicht zu durchlaufen, die Staubteilchen vermögen jetzt wegen ihrer geringeren Anzahl die Strahlen nicht genügend zu beugen, in unserem Auge wird daher auch keine rote Farbenempfindung hervorgerufen, und denMemäß leuchtet der Mond jetzt für uns nur in einem weißen Licht. Aber worauf beruhen die Größcuveränderungcn des MondeS? Diese Frage ist unlängst von Professor Zoth einwandfrei beant- wartet worden. Gewisse Erwägungen ließen in ihm die Vermutung auftauchen, daß die Größcnveränderung des Mondes mit der Blick- richtung zusammenhängt. Steht der Mond am Horizont, so sind, wenn wir ihn ansehen, unsere Augen auf eine wagerechte Blick- richtung eingestellt. Befindet er sich im Scheitelpunkt, so müssen wir die Augen, um ihn zu sehen, schief aufwärts richten. Ter Unterschied bei beiden Betrachtungsweisen besteht also darin, daß die Blickrichtung das eine Mal wagcrecht, das andere Mal nach oben verläuft. Ist die Blickrichtung wirklich die Ursache der scheinbaren Größenveränderung des Mondes, so muß er, schloß der genannte Forscher, am Horizont klein aussehen, sobald er mit erhobener Blickrichtung betrachtet wird» dagegen muß er im Scheitelpunkt groß erscheinen, wenn er mit gerader Blickrichtung beobachtet wird. Um hierüber Gewißheit zu erlangen, legte sich der Forscher zunächst auf einer wagerechtcn Unterlage platt auf den Leib und betrachtete so den aufgehenden Vollmond. Bei dieser Stellung kann der aufgehende Mond überhaupt nur gesehen Werden, wenn der Blick zu ihm auftvärts gehoben wird. Ter Er- folg dieses Versuches war, daß jetzt bei erhobener Blickrichtung der Mond klein war, obgleich er eigentlich, da er am Horizont stand. groß hätte erscheinen müssen. Als sich der Mond später dem Scheitelpunkt genähert hatte, setzte sich der Forscher auf einen Lehnstuhl mit verstellbarer Rückenlehne. Tie Lehne wurde so schräg gestellt, daß der Blick des sich zurücklegenden Beobachters auf den hochstehenden Mond nicht mehr emporgerichtet zu werden brauchte, sondern nun wegen der Zurücklchnung gerade auf den Mond fiel. Das Ergebnis war, daß der Mond jetzt, trotzdem er in der Nähe des Scheitelpunktes stand, nicht klein, wie es sonst der Fall ist, sondern groß erschien. So war denn nachgewiesen, daß es tatsächlich die Blickrichtung ist, die uns den Mond bei tiefem Stand groß und bei hohem Stand klein erscheinen läßt. Ter Um- stand aber, daß ein in weiter Entfernung gesehener Gegenstand bei gerader Blickrichtung groß, bei erhobener Blickrichtung klein erscheint, ist in dem Bau und in der Bewegung unserer Augen be- gründet. Diese Eigenheiten bringen es notwendig mit sich, daß in dem ersten Falle ein größeres und in dem letzten Falle ein kleines Bild auf den Netzhäuten unserer Augen entsteht, so daß wir deshalb denselben Gegenstand das eine Mal qrotz und das andere Mal klein erachten und schätzen. kleines fciiUleton. ArmeS Kind. Es war eine kinderreiche Familie, und Franziska die Aelteste. Sieben hungrige Kinderschnäbel alltäglich zu bc- friedigen, war sehr schwer für Vater und Mutter. Ein ungelernter Arbeiter in kleiner Stadt kann von Glück sprechen, wenn er des Vorzuges der ständigen Beschäftigung in der Zuckerfabrik sich er- freut. Zur Kampagne, in der winterlichen, arbeitslosen Zeit, drängen sich Hunderte auf dem Fabrikhofe zum Verdienen; hier wird schon Auslese gehalten. Und die Nüchternsten, Vertrauens- würdigsten, bleiben dann das ganze Jahr als Aufräumearbeiter. Wie ein angestellter Beamter erschien sich der Mann mit seinem Lohn von 2 Mark pro Tag. Gott, was wollte man machen! Die anderen standen im Winter auf der Straße und warteten sehn- süchtig auf die Zeit des Eiscinholens, wenigstens für kurze Zeit ein Verdienst. Mehr wie 2 Mark wollte die Fabrik nicht geben. Mancher hätte es vielleicht noch billiger gemacht; denn die Kinder verlangten Kartoffeln, und in der Stube war es meist bitter ralt. Daß der Direktor neben festem, hohem Gehalt, mit freier Wohnung, Beleuchtung und Feuerung jährlich 13— 13 000 Mark Tantieme erhielt, erschien im Hinblick auf die niedrigen Löhne etwas ungerecht; aber so war es wohl immer bei großen Herren. Auch daß der wohlhabende Gutsbesitzer als Äufsichtsratsmitglicd fast täglich während der Rübenverarbeitung in feinem Wagen in den Fabrikhof zu kurzem Verweilen und frohem Trunk mit dem Direktor fuhr und dafür das Mehrfache eines Arbeiter- Jahres- einkommcns erhielt, schien natürlich. Also, er war mit seinem Lose leidlich zufrieden. Nur daß es nicht reichen wollte, trotzdem er sich fast nie einen Schnaps oder eine Zigarre gönnte, war schlimm. Die Frau half, was sie Tjclfen konnte: Sic kehrte Straßen, räumte Düngergruben aus, scheuerte Treppen und Flure; aber zu einem Festessen mit Ziegenfleisch blieb selten etwas übrig. Auf die Kinder und die Häuslichkeit hielt sie sehr. In ihren ärmlichen Kittelchcn waren die Kinder immer blitzsauber, und das dürftige Stübchcn war stets hübsch aufgeräumt. Die Elfjährige hatte als Stütze der Mutter große Pflichten. Wenn sie in deren Abwesenheit die kleinen Geschwister oersorgt, dann ging es bei ihrer Rückkehr oft in den Wald zum Holzsammeln. Das loar manchmal sehr gefährlich; denn der Förster, ein grober Mensch, hatte einen dicken Stock. Man nahm die Schläge hin, wenn er nur nicht Anzeige erstattete.— Am meisten jedoch gab es im Winter zu tun. Die Ziege, die im Sommer am Straßenrande gehütet wurde, und die man im unbewachten Augenblicke auch mal einen Happen vom angrenzenden Kleefelde nehmen ließ, hatte ungcr. Also raus auf die Straße, hinter den Rübcnwagen her. ie Zeit des Rübcnfahrens nach der Zuckerfabrik mußte ausgenutzt werden; denn sie dauerte nicht lange. Die kleinen Brüder liefen mit und griffen auch zu. Es waren ja so viele Kinder, die auf die herabfallenden Rüben zustürzten. Auch besser angezogene Kinder mischen sich manchmal in den Schwärm und beteiligten sich an der Hascherei. Wie schön, wenn solch Junge dann dem armen Mädchen mit den kleinen Brüdern die erkämpfte Rübe in die Schürze steckte. Schlimmer war daS Kohlensuchcn auf dem Bahnhofe. Die Mutter brauchte aber alle Tage Kohlen für die kalte Stube, und Geld hatte sie immer so wenig. Dazu waren sie ja auch.noch so furchtbar teuer, 1,30 Mark der Zentner. Es klaubte ja doch die auf der Erde liegenden Stückchen niemand auf; die Wagen zer» malmten sie nach und nach zu Staub. „Herr Kollege,' spricht, das Klassenzimmer betretend der Rektor,„die Franziska H. aus Ihrer Klasse hat nach einer An« zeige der Bahnverwaltung wieder Kohlen auf dem Bahnhofe ge- stöhlen. Bitte, das Mädchen ernstlich zu verwarnen." Der Lehrer guckt, nachdem der Rektor weggegangen, daS feuerrot gewordene Mädchen an und sagt:„Nicht wahr, jetzt ist cS in der Stube tüchtig kalt? Da muß man ein paar Stückchen mehr hineinlegen? Vom Wagen hast Du doch keine genommen?" „Nein, Herr Lehrer." „Mädel, sie Dich nur vor, daß Dir kein Unglück passiert!" In später Abendstunde, kurz vor Weihnachten, sagte mir in fröhlicher Gesellschaft der eintretende Bahnmeister:„Herr Z., eben ist ein Mädchen aus Ihrer Schule vom Eisenbahnwagen getötet worden; das Rad hat ihm die rechte Kopfseite eingedrückt." „Wie heißt sie?" „Ich glaube, es ist die Franziska H." Mein armes, munteres Mädchen ist im Kampfe um Not und Elend verunglückt! Ter Biergenuß war mir plötzlich verekelt; ich konnte das Lachen der bald zur alten Fröhlichkeit zurückkehrenden Tischrunde nicht vertragen und verabschiedete mich vorzeitig. Und dann haben wir sie begraben. In der Leichenhalle der barmherzigen Schwestern lag sie aufgebahrt mit kaum zu erkennen- dem, dick geschwollenem Gesicht. Eine breite tiefe Wunde ging von der Stirn bis unten ans Kinn. Liebende Kinderhände hatten un- zählige Heiligcnbildchen auf das weiße Totenkleid gelegt. Zwei Schülerinnen trugen einen Kranz an der Spitze des Leichenzuges. Tann kam der lange Zug der Kinder bor dem Sarge. Hinter ihm ging im stummen, tränenlosen Schmerz der hochgewachsene ehrlich« Fronärbeiter, wankte mit leisem Weinen die gebrochene Mutter. Dann fielen nach kurzem Gebet des Geistlichen die„drei Hand voll Erde" auf den Sarg, es schloß sich die Grube, die ein warmes, junges Leben aufgenommen hatte. Armes Kind!... Kulturgeschichtliches. Der erste Streik in Rußland. Die Anfänge der industriellen Entwickelung Rußlands reichen bis in das 17. Jahr« hundert. Schon im Jahre 1733 erlaubte ein Reglement des Manufaktur» kollegiums den Fabrikanten, Dörfer(mit den leibeigenen Be» wohnern) zu kaufen,„um die Fabriken zu vermehren und in eindn besseren Stand zu setzen". Ein Utas vom Jahre 1744 gewährt« allen Fabrikanten im russischen Reiche die Erlaubnis,„Bauern (Leibeigne) zu besitzen, und sie zur Arbeit zu gebrauchen". Seit 1753 schließlich durften die Fabrikanten Bauern„auch ohne Land" kaufen. Auch ermangelte das jeweilige„Väterchen" oder„Mütter- chen" nicht, den Günstlingen unter den Fabrikanten und Berg- Werksbesitzern, den Grafen Schuwalow, Woronzow, Tschernischew und anderen, für geleistete Hülfe bei Thronräubereien u. dergl., Hunderte von Leibeigenen zu schenken. Diese gewalttätigen und rohen Höflinge schreckten vor keinem Mittel zurück, wenn es galt, aus ihren Arbeitssklave» die Un- summen herauszupressen, die sie ihren gemeinen Vergnügungen opferten. Sie behandelten, unterstützt von viehischen Bebollmäch- tigten und Aufsehern, ihre Leibeigenen mit größter Grausamkeit, betrogen sie, zahlten zeitweise überhaupt keinen Lohn und riefen bei dem geringsten Proteste das nächste Militärkommando herbei, um die„Empörer" zur Ruhe zu bringen. Um kein Haär besser hatten es die Arbeitssklaven von den der Krone gehörigen Berg- werken. Diese schrecklichen Zustände waren die Ursache zu der ersten großen Arbeitsniederlegung in Rußland, an der zunächst 50 000 Bergleute beteiligt waren. Später griff die Bewegung über auf die Kloster-Leibeigcnen, die im Namen Christi nicht wenjger brutal behandelt wurden, so daß schließlich an 300 000 Mann sich i» Streik befanden. Im Oktober des Jahres 1702 meldete die Hauptverwaltung der Bergwerke nach Petersburg, die Bauern„in den Krön- und Privatfabrikcn seien einstimmig widersetzlich und wären in vielen Fabriken von der Arbeit weggegangen". „Die Bauern der Schuwalowschcn Bergwerke," so behauptete der Bericht weiter,„fahren auf die anderen Fabriken und schlagen diejenigen, welche arbeiten, treiben sie aus ihren Häusern und verwüsten diese." Zu jener Zeit„zierte" den russischen Thron die liebestolle Katharina II. Sie war sogleich bereit, den Streik blutig nieder- schlagen zu lassen, einmal, weil sie dadurch ihren Günstlingen einen großen Gefallen erweisen konnte, zum anderen, weil sie sich ihre eigenen Einkünfte nicht schmälern lassen wollte, baute sie doch gerade ihrem lieben Orlow, der dem abgesetzten Zaren so bereit- willig die Kehle zugeschnürt hatte, ein prächtiges Palais. Sie schickte ihren Gencralquartiermeister, den trotz seiner Jugend berüchtigten Fürsten Wjasemsky, zur Unterdrückung des Ausstandes ab und versah ihn mit barbarischen Instruktionen. „Jetzt ist es Zeit," schrieb sie,„die Bauern zu sklavischem Gehör» sam zu bringen— und dann die Untersuchung... Es soll den Bauern nichts versprochen werden, bis sie sich unterwerfen und ihre Arbeit wieder ausnehmen... Zu Ihrer Verfügung stehen: in der Provinz Perm ein Feld- und ein Garnisonregiment; im Orenburgschen Gouvernement ein Feldregiment und drei Garnison» regimcnter; im Gouvernement Sibirien vier Dragoner- und fünf Garnifonregimentcr..." Mit Befriedigung konstatierte später diese„größte Hure von Europa", wie Bhron sie in seinem„Don Juan" nennt, daß es ihr ..mit Hülfe der Waffen, namentlich der Kanonen" gelang, die Ar- bcitseinstellung zu unterdrücken. Das genügte der„Schülerin Voltaires und Rousseaus"; Maß- regeln zur Befriedigung der Bergwerks- und Klostcrsklaven ergriff sie nicht. II. Ii. Technisches. Werkzeug maschinen-Antrieb durch Elektro- tu o t o re n. Der Antrieb von Werkzeugmaschinen durch Elektro- »notorcn. welche die Maschinen einzeln oder in Gruppen betätigen, hat längst anerkannte Vorteile gegenüber dem Transmiffions- ontrieb. bei welchem die treibende Kraft mittels Wellen von der Dampfmaschine auf die Werkzeugmaschinen übertragen wird. Um nur einen der wirtschaftlichen Vorteile zu erwähnen, ist der Uebcr- tragungsvcrlust beim Transmissionsantrieb stets gleich ohne Rück- sicht darauf, ob die Werkzeugmaschinen Arbeit leisten oder nicht; tvohingcgen die elektrischen Lcitungsvcrluste mit der übertragenen Energie proportional abnehmen und bei abgestellten Antriebs- viotorcn gänzlich verschwinden. Einen Nachteil der Trans- »nissiouswellen Pflegt man aber bei dem Ucbcrgang zum elektrischen Nutrieb mitzunehmen: man behält nämlich die Riemenübertragung zwischen der Motorwelle und der anzutreibenden Welle gewöhnlich mich dann bei, wenn sogenannter Einzelantricb in Frage kommt, t. h. wenn jede Werkzeugmaschine ihren eigenen Motor erhält. Obschon zweifellos, wenn der Motor schneller läuft als die Maschincnwcllc, der Preis des Motors nach Maßgabe des Ueber- sctzungsvcrhältnigcs reduziert werden kann, so ist doch die' An- ivcndung des Riemens aus mehr als einem Grunde ein grund- ffäßlichcr Fehler. Denn abgesehen von dem Rutschen des Riemens dni den Scheiben, das eine Unregelmäßigkeit in der Umdrchungs- gahl der angetriebenen Welle ergeben kann, ist beim Riemen- cintrieb die für viele Arbeiten so wichtige Möglichkeit der schnellen Ncndcrung der Umdrehungszahl sehr erschwert. Stufcnscheiben, die einzige Art der Gcschwindigkcitsänderung bei Riemen sind für »nodcrne"Betriebe, wo es auf schnelles und sicheres Arbeiten an- kommt, nicht geeignet. Den Mißständen der Ricmentransmisiion kann nur durch die Einführung direkt gekuppelter Elektromotoren gründlich abgeholfen tocrdcn, welche eine den Arbeitsverhältnissen angemessene Verände- rung der Umdrebungszabl zulassen. An Stelle der lästigen Mani- hulation mit den Stufenscheibcn tritt hier die einfache Verstellung des Stcuerschalthcbels, zu welcher natürlich die Werkzeugmaschine nicht abgestellt werden muß, wie bei den Stufenscheibcn. Außerdem hat man aber auch ein bequemes Mittel in der Hand, um die Zeit- und Maschinenausnützung seitens des Arbeiters jederzeit genauestens zu kontrollieren. Zu diesem Zwecke stellt man ein registrierendes.Amperemeter auf, welches in den Stromkreis irgend einer der in Frage kommenden Maschinen eingeschaltet »vcrdcn kann. Als ein Beitrag zur Beurteilung dcZ Unterschiedes zwischen Riemenantrieb und dem Antrieb mittels Motoren von veränder- lichcr Umlaufszahl möge hier erwähnt werden, daß die Firth- Sterling Steel Company in Dcmmlcr(Pennsylvania) in ihrer ricucn Gcschoßfabrik nach dieser Richtung hin Beobachtungen angestellt hat. Da in der alten Gcschoßfabrik gleich große Dreh- häute mit Riemenantrieb vorhanden ivarcn, wie in der neuen mit direkt gekuppelten Motoren, so war die Möglichkeit eines direkten Vergleiches gegeben. Es ergab sich für drei verschiedene Gcschoßthpen folgendes: Geschoßdurchmesser......... C 8 Zoll In 10 Stunden bearbeitete Geschosse auf Motordrehbänken...... 38 25 Stück In 18 Stunden bearbeitete Geschosse auf Riemendrchbäuken...... 27 17 Stück Mehrleistung in Prozenten....' 40,7 47 Proz. Die Ricmcndrchbänke können übrigens in der Regel auch leicht für direkten Motorantrieb umgebaut werden, wodurch nicht nur die Wirtschaftlichkeit der Anlage, sondern auch die Ucbersicht- kichkcit der Werkstätten gewinnt, da die Riemen ja alle in Weg- fall kommen. Notizen. — Der Goethe-Verein veranstaltet seinen 13. Nachmittag zu volkstümlichen Preisen am Sonntag, den 24. d. M., nachmittags 4 Uhr, im Saale der Sezession, Kurfürstendamnr. Er ist Gott- fried Keller gewidmet. Einleitende Worte und Rezitation: Dr. Rudolf Blümner. — Alfred Messel ist zum Architekten bei den königlichen Museen in Berlin ernannt worden. Der richtige Mann wäre also gefunden, um in Berlin endlich einmal ein künstlerisch befriedigendes vffentlicheS Gebäude zu errichten. Fragt sich nur, ob das absolu- tistische und bureaukratische Regiment ihm die Konzepte nicht vedirbt. — Otto Nicolais, des Komponisten der„Lustigen Weiber hon Windsor", Grab auf dem Friedhofe in der Liesenstraße ist von ivcrantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: der Generalintendanwr der kgl. Schauspiele angekauft worden. DaS Grab wird so erhalten bleiben. — Das Bachmuseum in Eisenach wird dieses Frühjahr in Bachs Geburtshaus anläßlich des dritten deutschen Bachfestes eingeweiht werden.— Der 10. deutsche Geographentag wird vom 21. bis 25. Mai in Nürnberg abgehalten werden. Als Hauptberatungsgegenstände sind in Aussicht genommen: 1. Ge- schichte der Erdkunde, 2. Nordbaherische Landeskunde, 3. Anthropo- geographie mit historischer Geographie, 4. Seen- und Flußkunde, 5. Geographischer Unterricht. — G Carducci ist auf Staatskosten unter riesiger Be« teiligung in Bologna beigesetzt worden. Am Tage des Leichen- begangnisseS herrschte Nationaltrauer in der Stadt seines lang- jährigen Wirkens. Die italienische Kammer hat einstimmig be- schlössen, dem Dichter in der Kirche Santa Croce, die in Florenz als Pantheon dient, ein Ehrenbegräbnis zu gewähren und ihm in Rom ein Denkmal zu setzen. Der Kultus, der jetzt mit Carducci getrieben wird, ließe vermuten, daß er in Italien viel gelesen sei. Das trifft aber bei diesem männlichen, ernsten Lyriker nicht zu. Die Königin Margherita hat ihm seine Bibliothek vor Jahren abgekauft und zur iveireren Benutzung überlassen; von den Honoraren und der Pension konnte Carducci nicht leben. Der Literaturpreis der Nobelstiftung gewährte ihm erst ein sorglokes Alter. Und doch halte schon der Jüngling Carducci gehofft, von der Poesie leben zu können. Sein erstes Bändchen Gedichte gab er heraus, um damit Schulden zu zahlen. Der Erfolg war natürlich eine Vermehrung seiner Schulden. Den Menschen Carducci charakterisiert der Schluß einer Vor- lesung, nnt der er sich von den Studenten verabschiedete:„Ich habe mich immer bestrebt. Euch zu den folgenden Grundsätzen zu erziehen: Im Leben daS Wesen dem Schein vorzuziehen; in der Kunst die Ein- fachheit statt der Künstelei zu erstreben, die Kraft statt des Prunkes, die Wahrheit und Gerechtigkeit statt des Ruhms." — Ein neues Shakespeare-Porträt. Ein bisher unbekanntes Shakespeare-Porträt soll nach dem Bericht englischer Blätter in einem Dorfgasthof zu Winston, zehn Meilen westlich von Darlington. entdeckt worden sein. Der Gasthof, der zu dem Besitz des Lord Brownlow gehört, wird von der Fannlie Ludgate vcr- waltet, die vor vielen Jahren aus Warwickshire eingewandert ist. Zu ihrem Familienbesitz gehörte seit undenklichen Zeiten ein Ge- mälde auf Holz in einem Eichenrahmen. Es hing in einem der Gastzimmer und galt für völlig wertlos, bis ein Edelmann auS der Nachbarschaft es zufällig sah und veranlaßte, daß man das inter- essante Werk zu Christie sandte. Hier ist es nun als das ftüheste überhaupt existierende Bildnis Shakespeares erkannt worden, das etwa in seinem 28. Jahre im letzten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts gemalt worden ist. Der Wert des Gemäldes wird nun auf 00—80 000 M. veranschlagt; es befindet sich in sehr gut erhaltenem Zustande. — Das Musterland der Bibliotheken. Während in Deutschland die meisten Bibliotheken immer noch die elementarsten Rücksichten auf ihren Zweck— vensr,'«n zu dienen— vermissen lassen, ist man in den Vereinigten Staaten geflissentlich bemüht, den Benutzern der Bibliotheken im weitesten Maße ent- gegenzukommen. Ein Mitarbeiter der„Köln. Zeitung" berichtet darüber: Wir kennen sir Deutschland monumentale Bücherpaläste, in denen doch dem Lesesaal nur ein ganz bescheidenes Zimmer mit zwei Tischen zugewiesen ist. nud nach fünf Uhr abends ist nur erst ein Teil der deutschen Büchereien dem Publikum zugänglich. In Amerika schließt kaum eine der großen und kleinen Bibliotheken außerhalb New Dorks vor 9 Uhr abends, und die Lesesäle sind immer die gröyten Räumlichkeiten. Den Hang des amerikanffcheit Lebens zur Ocffentlichkeit machen sich die Büchereien vortrefflich zunutze. Die Kongreßbibliothek in Washington z. B. veröffentlicht fortwährend kleine Kataloge über Tagesfragen, worin Büchertitel und Aufsätze in Zeitschriften auf- geführt werden. In bescheidenem Maße machen dies die kleineren Bibliotheken nach. So haben wir hier in Washington seit etwa drei Jahren eine Carnegiebibliothek, die nicht nur jede Woche ihre neuesten Erwerbungen in der Lokalpresse bekannt gibt, sondern auch die Weltereignisse mit kurzen Zusammen- stellungcn der darauf bezüglichen Bücher und Aufsätze in ihrem Besitz begleitet. Dies alles genügt aber den rührigen Bibliotheksverwaltungen noch nicht, und sie sinnen fortgesetzt darüber, wie sie ihren Leserkreis erlveitern und zu einer stärkeren Benutzung ihrer Bücherschätze anregen können. Der Schreiber diese? hatte bisher die kleinere Caruegie-Bibliothek Washingtons hochmütig übergangen. Da kam kürzlich der wohl verdiente Verweis wegen solcher Vernachlässigung bürgerlicher Rechte und Pflichten in der Form eines Briefes der Carnegie-Bibliothek, worin es also hieß: „Bei der Durchsicht unserer Listen finden wir, daß Sie nicht bei uns eingetragen sind. Obwohl 40 000 Personen als Bücherentlciher eingeschrieben sind und im letzten Jahre 443 000 Bände zur häuS- liehen Benutzung ausgeliehen wurden, gibt es doch immer viele Bürger, die die Bibliothek nicht gebrauchen. Wir erachten es des- halb als unsere angenehme Pflicht, Sie zur Entnahme einer(kosten- losen) Karte für die Benutzung der 90 000 Bände unserer Sammlung einzuladen usw." Vorwärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer ü:Co..Berlin8W.