Mnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 37. Donnerstag, den 21. Februar. 1907 (Nnchdruck verbalen.) 37] Mäame d'Ora, Roman von Johannes V. Jensen. Mason legte ihm die Handeisen an und puffte Hall vor sich her nach der Tür. Ehe er ging, sah er sich in dem dämmernden Zimmer um, ob dort auch etwas Beachtens- wertes sei. Aber es war nichts Auffallendes zu sehen in den leeren, verfallenen Stuben; etwas Butterbrotpapier, das, wie er wußte, an der Erde umhergestreut gelegen hatte, war aufgesammelt und auf die Kiste gelegt, wahrscheinlich von Hall. Da stand auch eine leere Champagnerflasche. „Jetzt Vorsicht mit dem Arm," bat Mason eindringlich. „Wir wollen zu einem Arzt schicken und ihn einschienen lassen, sobald wir nach Hause kvmmen." Er nahm Halls rechten Arm und führte ihn zum Hause hinaus, ging mit ihm an die Straßenbahnlinie. „Sie sind tüchtig angegriffen, wie ich merken kann," sagte er liebenswürdig.„Ja, nun wollen wir fahren." Die Straßenbahn, die in der Dämmerung daherkam, war erleuchtet. Sie setzten sich auf den vordersten Sitz, und Mason legte schnell seinen Staubmantel über Halls Arme, damit er kein Aufsehen erregen sollte. Hall �sah sich in dem elektrisch erleuchteten Wagen um. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ein wenig schlafe?" fragte er und wandte den Blick geistesabwesend Mason zu. „Wenn Sie schlafen können, so genieren Sie sich ja nicht!" Hall lehnte sich in die Ecke und fiel stöhnend Zurück. Nach einer Weile sank er ein wenig vornüber. Mason lauschte besorgt seinen Atemzügen, aber er schlief natürlich und fest. In Brooklyn mußte Mason ihn wecken und ihn in einen anderen Wagen hinllberbringen, er schlief gleich wieder ein und schlief fest, bis sie in New Aork waren. Als sie die Treppe von der Brücke hinabstiegen, war Halls Gang einigermaßen fest, und er war ganz klar. Und nun empfand er seine körperlichen Schmerzen. Sobald sie in das Laboratorium kamen— Mason hatte einen Schlüssel zu dem Portal und zu Halls Entreetür—- drehte Mason das elektrische Licht an und trat an das Telephon, um einen Arzt herbeizuschaffen. Hall setzte sich auf einen Stuhl, seine gefesselten Arme vor sich haltend. Das Laboratorium glich einem Auktionslokal, alles war bunt durcheinander geworfen: Apparate, Bücher und Papiere lagen niedergetreten auf dem Fußboden zwischen Straßen- schmutz und Staub. Als Hall sah, daß Mason beschäftigt war, ließ er seine Augen zufallen; er saß aufrecht auf dem Stuhl und schlief, als Mason ihn wieder anredete. „Na, Hall,— Sie sind aber eine Schlafmütze— jetzt wollen wir einmal anfangen, die Sache zu bereden. Der Arzt muß gleich hier sein. Sehen Sie, hier habe ich ja d i e Tasche! Ich kann Ihnen sagen, es war eine Wonne für mich, sie in der Hand zu halten, das war einer der glücklichsten Momente, wie wir Detektivs sie haben. Wissen Sie, welche Gefühle ein Ingenieur empfinden muß, wenn er einen Tunnel von zwei Seiten durch einen Berg bohrt, und die beiden Kanäle sich dann in der Mitte ohne auch nur einen Zoll Abweichung begegnen? Das empfand ich. als ich die Tasche hier öffnete. Sie hatten ja ihren dicbssicheren Schrank sperrangelweit offen stehen lassen, mein lieber Herr Pro- fessor! Beachten Sie wohl, daß ich vier Zeugen herbeirief, um zu konstatieren, daß die Tasche von mir unberührt und ungeöffnet war, als ich sie herausnahm..." Mason stellte die Tasche auf einen Stuhl und öffnete sie. Er war in rosigster Laune. „Sehen Sie, da haben wir ja die Hand!" sang er bei- nahe. Und aus der Tasche hervor zog er etwas, das der Mumie irgend eines kleineren Säugetieres glich. Er hielt den Gegenstand mit einer Vorsicht in die Höhe, als sei er eine kostbare Reliquie. Es war eine eingeschrumpfte Menschen- Hand, umwunden mit langem, braunem Frauenhaar. Mason wickelte ein wenig von dem Haar ab. „Der Ring ist allright," sagte er. Und ersog die Luft voller Zufriedenheit durch die Zähne. „Und hier ist dal! Sparkassenbuch." Er öffnete das kleine Pappbändchen und las auf der ersten Seite! Fräulein Elly Johnston, Stamfordstreet. Er betrachtete Hall mit dem lebhaftesten Ausdruck von Forscher- freude. „Und Sie haben sie gemordet!" „Nein, das habe ich nicht getan," sagte Hall und schüt- telte den Kopf. „Wie beliebt?" fragte Mason aufsehend.„Hören Sie einmal... wir wollen doch nicht wieder ganz von vorne an- fangen? Ich glaubte, Sie wären ein gebildeter Mann. Ich habe nicht erwartet, daß Sie ein gewöhnlicher Zuchthäusler sind, aus dem man das Geständnis heraushungern muß. Wenn das der Fall ist, so merken Sie sich, was ich sage.— Sie sind reif! Sie sind schon längst auf Indizien hin ver- urteilt... Sagten Sie etwas?" Hall schwieg. „Nun, ich brauche ja kein Geständnls von Ihnen," fuhr Mason in milderem Ton fort.„Das bleibt eine Sache zwischen Ihnen und dem Untersuchungsrichter, wenn wir nach Hause kommen. Ich habe Sie verhaftet auf Grund defi- nitiv belastenden Beweismaterials, das ich in Ihrem Besitz vorgefunden habe. Das habe ich getan. Sehen Sie dies? Dies ist die richtende Hand!" Er hielt die Reliquie in die Höhe und nickte mit Nach- druck. Hall starrte die Mumienhand an. „Ja, Sie begucken sie," sagte Mason.„Es ist auch ärger- lich für Sie. In Ihrer Stelle hätte ich meine ganze Energie tzaran gesetzt, so ein Corpus delicti loszuwerden. Sie hätten sich an das Sparkassenbuch halten sollen, statt mit perversem Geschmack übelriechende Kirchhofssachen zu sammeln. Wes- halb Sie sich übrigens mit dem alten Sparkassenbuch herum- geschleppt haben, nachdem Sie das Geld erhoben hatten, ist mir nicht ganz klar... obwohl es keineswegs das erste Mal in meiner Praxis ist, daß ein Verbrecher sich unwiderstehlich versucht fühlt, doch eine Spur zu hinterlassen— uns sozusagen damit in der Hand zu kitzeln. Nun, Ihre Privatmotive gehen mich ja nichts an... diese Seite des Verbrechens ge- hört wohl eigentlich in das Ressort eines Irrenarztes. Stecken wir die Sachen wieder ein." Hall seufzte tief auf. „Wir einigen uns schon," sagre Mason und sah ihn mit Sympathie an, während er die Tasche schloß und sie an einen Ort stellte, wo er sie fortwährend sehen konnte.„Und nun müssen wir ja über Ihre Angelegenheiten reden. Der Betrieb hier scheint mir ziemlich weitläufig zu sein, der muß ja reali- siert werden. Ich weiß nicht, wie Sie über Ihr Eigentum zu verfügen gedenken. Es wird wohl das beste sein, wenn alles zu Geld gemacht wird... Ich will Ihnen gern dabei be- hülflich sein... Verzeihen Sie." Es schellte, und Mason ging hin, um zu öffnen. Es war der Arzt. Mason nahm Hall die Handeisen ab, und der Arzt begann schweigend, den Arm zu untersuchen. Es war ein Bruch des Oberarmes ohne weitere schwierige Umstünde. In einer Viertelstunde hatte der Arzt den Arm in Gips einge- schient. Es wurde kein Wort geredet. „Wieviel beträgt Ihre Rechnung?" fragte Mason, als der Arzt fertig war. „Vierhundert Mark." „Wollen Sie gütigst quittieren?" Mason führte den Arzt hinaus. „Sie werden uns ein teurer Delinquent, Hall," meinte er, als er zurückkam.„Nach einem ungefähren Uebcrschlag kosten Sie dem englischen Staat bereits an die tausend Mark. Ich habe persönlich gut eintausend Mark auf Ihren Fall ver- wendet,— wovon ich natürlich den größten Teil ersetzt be- komme. Dafür ist es aber auch das hübscheste Stück Arbeit gewesen, das ich jemals ausgeführt habe. Finden Sie nicht auch, wenn Sie von Ihrem eigenen ziemlich verdrießlichen Anteil an der Sache absehen, daß ich groß dastehe? Wie? Für einen Mann, der elternlos in Whitcchapel angefangen hat? Als Junge sammelte ich Pferdeäpfel, Hall. Sie können sagen, ich habe Glück gehabt... Was aber ist Glück? Leugnen Sie, daß ich groß dastehe? Ich finde, hol mick der Teufel, Sie könnten sich vor einer Tatsache beugen!" Hall sah Mason freundlich an, er wollte ihn so gern an- erkennen. „Jetzt können Sie vorläufig ohne Eisen sitzen bleiben," sagte Mason.„Sie müssen wohl auch darauf bedacht sein, Ihre Angelegenheiten zu ordnen. Apropos,— ich fand einige Papiere im unteren Stockwerk, die wohl Ihnen gehören.— Sagen Sie einmal, sind Sie aber Gegenstand einer groben Mystifikation gewesen, Professor! Dieser Evanston hat Sie bis hart an den Wind herangesegelt. Sein letzter Scherz war aber doch wirklich zu arg! Tod und Teufel! Daß er der- kleidete Leute durch das Loch hinaufsandte, daß er uns mit einem Kineniatographen unterhielt, das ist ja alles ganz schlau ersonnen... ich hielt selber eine ganze Zeitlang die Komödie für echt!— aber daß er selbst auftritt und den wilden Mann, den Jingo spielt, das, finde ich, ist ein ganz neuer, unbezahlbarer Spaß... Jesus Christus! Da melde ich mich als Abonnent! Haben Sie den Kinematographen nicht übrigens selbst erfunden, Professor? Oder doch wenigstens zu seiner Erfindung mit beigetragen?" Hall nickte mit erloschenen Augen. Mason brach in ein schallendes Gelächter aus. „Das verringert den Scherz wirklich nicht! Hallo!" Er sandte ein Jndianergeheul zu der Decke empor, klatschte sich auf den Schenkel, wälzte sich vor Lachen... (Fortsetzung folgt.) Giolue Carduccu Von O. Lerda-Olberg. Fremdartig, wie nicht in unsere Zeit gehörig, mutet einen die Gestalt Carduccis an. Wie kam der Riese unier dies kleine kleines Feuilleton. Die Wiege des Menschengeschlechts. Zu einem eigenartigen Beweismittel dafür, daß die Wiege des Menschengeschlechts in einem warmen Lande innerhalb der Wendekreise gestanden haben muß, eine Annahme, die durch mancherlei Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung gestützt wird, gelangt Dr. Ludwig Reinhardt in einem Artikel über„Die Bedeutung der Milch als Nahrungsmittel" im ,.5kosmos". Dieses Beweismittel liefert ihm die Zusammensetzung der Menschenmilch, die relativ fettarm, dafür aber zuckerreich ist. Nach den Milchanalysen, die im physiologischen Laboratorium von Prof. v. Bunge in Basel ausgeführt wurden, ließ sich eine strenge Gesetzmäßigkeit� im Unterschied von Fett- und Zuckergehalt bei den verschiedenen Säugetieren festlegen. Wie der Mensch, je nachdem er in einem kalten oder warmen Lande wohnt, seine Kost modifiziert, indem er in einem kalten Lande instinktiv eine fettreiche, dafür aber eine zuckerarme Nahrung genießt und umgekehrt in einem warmen Landstrich eine zucker-, beziehungsweise stärkereiche, aber fettarme Kost bevorzugt, so ist dementsprechend auch die Milch der Tiere, die in einem warmen Klima leben, oder in einem solchen ursprünglich zu Hause sind, reich an Zucker und arm an Fett, wie beispielsweise bei Kamel, Lama, Pferd, Esel, während die Milch der Bewohner des Nordens, zum Beispiel des Renntiers, reich an Fett und dafür arm an Zucker ist. Der überaus hohe Fettgehalt der Milch des Schwarz- wals, eines Bewohners des nördlichen Eismeeres, dessen Fettgehalt dreimal so hoch ist als selbst beim Renntier, erklärt sich aus einem doppelten Grund, indem dieses Tier nicht bloß ein Bewohner des kalten Nordens, sondern dazu noch ein Wasserbewohner ist. d. h. es ist umgeben von einem besseren Wärmeleiter als die Luft- bewohner, bedarf also zur Behauptung seiner konstanten Körper- temperatur, die es im Gegensatz zu den wechselwarmen Fischen auf- weist, der intensivsten Wärmequelle, nämlich des Fettes, in Höherem Maße als die von dem schlechteren Wärmeleiter Luft umgebenen Landtiere selbst des hohen Nordens. Die diesergestalt festgelegte Gesetzmäßigkeit in der Zusammensetzung der Milch bei den Tieren übertragen auf den Menschen, ergibt die schon genannte Annahme, daß das Menschengeschlecht aus einem warmen Landstrich hervor- gegangen sein mutz.— Naturwissenschaftliches. mb. Aus der Kampfzeit der modernen Natur- Wissenschaft. Zu den berühmtesten wissenschaftlichen Gesell- schaften der Welt gehört die englische„Royal Society"(Königliche Gesellschaft), die im Jahre 1661 in London gegründet wurde. Sie hatte zwei Vorläufer: zwei wissenschaftliche Bereine, die seit 1649 in London und in Oxford existierten. Der Oxforder Verein versammelte sich in der Wohnung Dr. Pettys, der später als Sir William Petty bekannt wurde und als politischer Oekonom hervorragendes geleistet hat. Der Zweck der Gesellschaft war:„einen Mittelpunkt zu bilden für würdige Personen, die in der Naturphilosophie(Naturwissenschaft) und in anderen Gebieten menschlichen Wissens forschen wollen, besonders aber in dem Gebiete, das n?au Neue Philosophie oder Experimentale Philosophie genannt und die seit Galilei in Florenz und Baeo in England mannigfache Anhänger in Italien, Frankreich, Deutschland und England gefunden hat." Die Gesell- schast hat sich seitdem einen Weltruhm erworben; zu ihren Mit« gliedern gehörten die bahnbrechenden Geister Englands, wie Newton, Davy und Darwin; ihre Medaillen, die sie von Zeit zu Zeit an verdienstvolle Gelehrte der Welt verleiht, werden hoch geschätzt. Aber im ersten Jahrhundert ihres Bestehens hatte sie viele Ber- folgungen zu bestehen. Schöngeister. Geistliche und Politiker wurden gar nicht müde, sie durch bitteren Spott, fanatische Beschuldigungen und„überlegene" Beweisführungen zu widerlegen und zu töten. Die Ursachen der Angriffe loaren folgende: Erstens: Der Zweifel der Gesellschaft an der Wahrheit deS damaligen Wissens, sowie die Ausstellung des Grundsatzes der freien Forschung. Zweitens: Die Anerkennung der Vernunft als höchster Autorität; die Auffindung der ursächlichen Zusammenhänge der natürlichen Er- scheinungen. Drittens: Die Ulltersuckjung der Natur der Tiere. Pflanzen und Mineralien; die Anwendung von physikalischen Instrumenten. Diese Ziele und Methoden, die uns heute als etwas Selbst- verständliches erscheinen, versetzten damals den größten Teil der englischen Nation in Aufregung und Schrecken. Es wurden zahl- reiche Pamphlete gegen und für die Königliche Gesellsckiaft geschrieben. Ein Vikar in Sommersetshire verfluchte die Gesellschaft als eine Verschwörung der Jesuiten gegen das englische Volk und seine Religion, etwa wie Eugen Richter den Lassallesche Arbeiter- verein als eine Verschwörung Bismarcks und seiner Leute gegen den Liberalismus brandmarkte. Der Vikar erklärte, die optischen Gläser der Naturforscher seien unmoralisch, da sie die Dinge in einem unnatürlichen, falschen Lichte erscheinen lassen. Es sei ungemein leicht, das Verderbliche der optischen Gläser zu be- weisen; man nehme zwei Brillen und gebrauche sie gleichzeitig und man werde nicht so gut sehen, wie durch eine Brille. Da aber Mikroskope und Teleskope aus mehreren Gläsern bestehen, so seien diese Instrumente nur zum Zwecke des Betruges eingeführt worden. Der berühmte Prediger Dr. South aus Oxford, dessen Predigten wahre Muster der Kraft und Schönheit der englischen Sprache sind, erklärte, die Mitglieder der Königlichen Gesellschaft bewunderten nichts so sehr als Flöhe, Läuse und sich selber. Und Jonathan Swift, der größte Satiriker Englands, beschrieb in seinem wellbekannten Buche:„Gullivers Reise" die gelehrte Akademie von Lagado, unter der die Londoner Königliche Gesellschaft zu verstehen ist, folgendermaßen: In der Akademie seien die Naturphilosophen damit beschäftigt, Sonnenstrahlen aus Gurken herauszuziehen, sie in luftdichte Flaschen einzusperren, und sie bei kaltem Wetter heraus- zulassen um die Menschheit zu ertvärmen. Andere Projekte dieser Gelehrten gingen darauf aus, verkalktes Eis in Schießpulver zu ver- wandeln, Marmorblöcke in weiche Polster, und beim Bau von Häusern mit dem Dach anzufangen und nach unten zu bauen bis zu den Fundamenten. Eine der besten Antworten auf diese Satire schrieb Joseph Glanville, ein Mitglied der Königlichen Gesellschaft, im Jahre 1665. Sein Buch heißt:„Plus Ultra", over der Fortschritt und die Förderung der Wissenschaft seit den Zeiten von Aristoteles. Er bringt den Beweis, daß Zeitgenossen selten imstande sind, neue Gedanken und Methoden zu würdigen und daß«spätere Geschlechter die Mut- maßungen und Forschungen, die anfangs fiir lächerlich und fremd- artig gehalten wurden, als greifbare Realitäten verwirklicht sahen." Glanville prophezeite", es werde eine Zeit kommen, wo Menschen, die räumlich von einander so weit entfernt sind, wie England von Indien, mit einander werden sprechen können." Selbstredend lachten die Gegner der Naturwissenschaften darüber noch mehr, aber die König- liche Gesellschaft betrachtete Glanvilles Buch als die wirkungsvollste Verteidigung, so daß eines ihrer leitenden Mitglieder ausrief:„Nun mögen die Hunde den Mond anbellen, bis ihre Hälser trocken sind." Außer Swift sind die Satiriker und Verfolger der Königlichen Gesellschaft vergessen. Und die Naturwissenschaften blühten auf und revolutionierten die Welt mit Hülfe jener Methoden und Instrumente, die als Träume und Betrügereien von so vielen praktischen, klugen und frommen Leuten gebrandmarkt wurden.— Medizinisches. Horn Hautpfropfung. In der„Umschau" berichtet Dr. Mehler über einen gelungenen Versuch, Hornhautstücke von einem Menschen auf einen anderen zu übertragen. Hornhaut» Pfropfung ist der Ersatz undurchsichtigen Hornhautgewebes im Auge durch ein anderes durchsichtiges Gewebe, um das Sehen zu er» leichtern oder zu ermöglichen. Der Gedanke dieser Operation stamnit von Reisinger(1824). Er wollte die getrübte Hornhaut des Menschen durch die eines Tieres ersetzen, ein Verfahren, dem er den Namen Keratoplastik gab. Die bedeutendsten Chirurgen griffen seine Idee auf und versuchten durch neue Instrumente, besondere Operationsmethoden usw. die bis dahin schlechten Re- sultate zu verbessern. Alle diese Bemühungen führten zu keinem Erfolg, so daß fast 30 Jahre diese Operation nicht mehr aus» geführt wurde. Erst in den 70er Jahren durch Power und von Hippel wurden die Versuche wieder aufgenommen. 1878 verpflanzte Sellcrbeck auf das durch Hornhauttrübung völlig erblindete Auge eines Mannes die Hornhaut eines L'�jährigen Mädchens. Am 14. Tage konnte der Patient lesen, allein schon nach kurzer Zeit trübte sich auch der überpflanzte Hornhautlappen und da» EelMrinogen schwand wieder.— Einen bleibenden Erfolg konnte Dr. E. Zinn(Olmütz) kürzlich in Wien vorstellen. Der Patient Kar infolge Kalkvcrätzung auf beiden Augen völlig erblindet, beide Hornhäute weiß, völlig undurchsichtig. Das Pfropfmaterial wurde �ent Auge eines Iljährigen Knaben entnommen, das nach einer .Sisensplitterverletzung entfernt werden muhte. Acht Tage nach < er Operation waren die überpflanzten Teile auf beiden Augen llar, im rechten Augen jedoch traten bald Schmerzen auf, die die Abtragung des überpflanzten Lappens schließlich nötig machten. Klus dem linken Auge jedoch blieb die neue Hornhaut klar und durchsichtig! Das Sehvermögen hob sich allmählich und der Mann geht jetzt wieder seiner früheren Beschäftigung nach(schneidet Gras, oersorgt sein Vieh, geht und reist allein usw.). Verfasser glaubt, daß ein günstiger Erfolg nur dann zu erzielen sei, wenn das über- jtragenc Hornhautstück vom Menschen stammt, und zwar wenn »nöglich, von einem jungen Individuum. Ferner muß die Ueber- kragung ohne Desinfektionsmittel(natürlich streng aseptisch) derart Erfolgen, daß ein spätere? Vcrsckiebftn unmöglich ist. Natürlich wird das zu überpflanzende Hornhautmaterial nur selten zu er- halten sein; immerhin dürsten große Kliniken mit reichem Ver- letzungsmatcrial bei richtiger Auswahl der Fälle diese Schwierig- ?cit überwinden können.— Technisches. D i c Erfinder der Nähmaschine. In Amplepuis isFrankrcich) soll dem Erfinder der ersten brauchbaren Nähmaschine Warthelemy Thimonnier ein bescheidenes Denkmal er- richtet werden. Der Lyoneser Färbersohn hat die Frucht seiner Arbeit nie genießen können; nur spärlich flössen dem Alternden die Einnahmen zu, indes seine Nähmaschine in stetem Fortschritt sich die Welt eroberte. Thimonnier war ja nicht der erste, der auf den Gedanken kam, das Nähen durch mechanische Vorrichtungen zu erleichtern und zu beschleunigen. Bereits im Jahre 1790 wurde einem Engländer Thomas Saint auf eine freilich noch höchst un- vollkommene Nähmaschine ein Patent erteilt; 1804 konstruierten Thomas Stone und JamcS Henderfon, wiederum zwei Engländer, eine Nähmaschine, mit der man eine überwendliche Naht her- stellen kannte, und 1814 erdachte Joseph Madcrsperger in Wien seine Nähmaschine, die aber alle wegen zahlreicher ihnen an- haftenden Mängel keine Verbreitung fanden, bis 1829 Thimonnier init seiner Erfindung der einfachen Kettenstichmaschine ein In- ftrumcnt konstruierte, indem das technische Prinzip unserer mo- dcrncn Nähmaschine, der von Walter Hunt erfundenen Doppcl- lettcnstichmaschine, enthalten war. Thimonnier mußte mit seiner Erfindung bittere Enttäuschungen erleben. Ohne über methodisch geordnete technische Kenntnisse zu verfügen, war er, nur der. Ein- gebung eines Augenblicks folgend, an die Arbeit gegangen. Allein »ind ohne Beistand ging er daran, seine Ideen zu verwirklichen. Wald aber begriff ein Ingenieur, Beaunier, die Tragweite des Ge- bankcns und mit dessen Hülfe wurden achtzig Maschinen fertig- gestellt. Die Maschinen funktionierten ausgezeichnet. Aber es ging hier wie bei so manchen anderen Erfindungen, die die Grund- lagen eines Berufes zu revolutionieren schienen; die Arbeiter, die den unheilvollen Einfluß dieser Maschine auf ihre Stellung fürchteten, schlugen die Apparate in Trümmer. Zerschlagen und verhöhnt mußte Thimonnier in sein Heimatland zurückkehren und sich mit dem Gedanken trösten, daß auch Jacquard für seine Er- findung Schimpf und Mißhandlung erführen mußte, ehe seine Web- ftühle die Welt eroberten. Fortan blieb Thimonnier allein, rastlos an der Verbesserung seiner Erfindung arbeitend. Mit seiner Maschine auf dem Rücken zog er von Stadt zu Stadt, und überall itrat man ihm mit Mißtrauen und Spott entgegen. Schließlich, da man in seinem Heimatland Frankreich kein Verständnis für sein Werk aufzubringen vermochte, gab er endlich, nach langen Kämpfen, aas Anfcrtigungsrccht an daö Ausland ab. Er starb bald darauf, im Jahre 1857. Die Maschine, die er gebaut, existiert noch; auf der retrospektiven Ausstellung war die ehrwürdige Vorfahrin der heutigen Nähmaschine zu sehen, und man bemüht sich jetzt, ihr einen flZlatz in einem Museum gu sichern.— HnnioriftischeS. — Blaue Bohnen in der Chirurgie. Arzt(in der Sprechstunde): Also, worüber klagen Sie? Patient: Ich babe hier am Unterleib so ein Unbehagen. Arzt: Tut cS weh, wenn ich hier drücke? Patient: Ja, sehr. Arzt: So, so. Das gibt eine Vermutung, aber keine Gewiß- heil Es kann nur eine vorübergehende Verstimmung sein, möglicher- weise liegt aber auch etwas Ernsteres vor. Die Diagnose ist in diesen, Fall sehr schwierig. Patient: Können Sie mich vielleicht mit Röntgenstrahlen Durchleuchten? Arzt: Das tväre hier zwecklos. Aber ich lvürde empfehlen, daß Sie sich mit einem Jnfanteriegcwehr durchschießen lassen. Patient:??? Arzt: Das- ist die neueste Methobe. Hören Sie zu: da ist neulich ein Soldat vom Infanterieregiment„Hamburg" desertiert. Er wurde verhastet, unter Bedeckung abgeschickt, riß Iviederum aus, und sechs Schüsse knallten hinter ihm her, von denen einer den Aus- reißer zu Boden streckte. Veranlwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Patient: Herr Doktor, ich bin zu Ihnen gekommen, weil mir der Unterleib weh tut, aber nicht, um Militärgeschichten zu hören I Arzt: Da? hängt alles zusammen. Vor dem Kriegsgericht der 17. Division erklärte der Oberarzt, der Verletzte habe durch den Schuß einen dauernden Vorteil an seiner Gesundheit erlangt. Denn bei der ärztlichen Besichtigung des Schußkanals habe man ent- deckt, daß eine Entzündung des Blinddarms vorhanden sei und man habe den Blinddarm deshalb entfernt. Patient: Und Sie meinen, daß bei mir auch so was vor« handen sein könnte? Arzt: Das meine ich allerdings. Haben Sie schon gedient? Patient: Nein. A r z�t: Also melden Sie sich bei einem Infanterieregiment, kneifen Sie zweimal aus und lassen Sie sich zu Boden strecken. Da haben Sie für den Erfolg die G e w e h r l e i st u n g. Ist eS der Blinddarm, so wird das Uebel bestimmt beseitigt. Patient: Wenn mich der Kerl aber durch die Brust schießt? Arzt: Na, dann sind Sie es doch erst recht los l — Cooks Nachtreisen durch Berlin. Engländer: Uoas is hier noch zu sehn? Führer: Die Theater sind leider schon aus, aber wir könnten mal ans Schloß ranfahren, vielleicht wird noch etwas aus dem „Prinzen von Homburg" vorgetragen. („Lustige Blätter".) Notizen. — Kunst und Tendenz. Mit dem Sinclairschen Roman „Sumpf" ist die wohlanständige„Düsseldorfer Zeitung" arg in den Sumpf geraten. Sie kündigte mit großem Tamtam die Erwerbung dieses Romans für seinen Unterhaltungsteil an. Nun wäre eS, wie unser Düsseldorfer Parteiorgan bemerkt, ein ganz netter Spaß ge- wesen, in der„nationalen"„Düsseldorfer Zeitung" diesen sozialistischen Roman einem— wenn auch beschränkten— Leserkreise zugängig gemacht zu sehen, denn bekanntlich bilden die weltbekannten Schweinereien in Chicagos Schlachthäusern nicht die Hauptsache in Sinclairs Werk, sie sind vielmehr nur einer von den vielen Gründen, die den Helden des Romans, Jurgis. vom Standpunkt der Naturmenschen aus mit zwingender Gewalt auf die Bahn des Sozialismus treiben. Das hat auch das Blatt bald bemerkt und was tat eS? In einer seiner letzten Nummern dekretiert es einfach: Schluß I Die Hauptsache, die Apotheose auf den Sozialismus bekommt der Leser nicht zu Gesicht. Denselben Trick hat übrigens auch bereits die amerikanische kapitalistische Presse angewendet. Das Geschrei hätten wir indes hören mögen, wenn ein sozialistisches Blatt eine solche Verstümme- lung vorgenommen hätte. Calderons strafende Mahnung gegen die diebischen Nachdrucker müßte jetzt gegen diese unterschlagenden Kastrierer lauten:„Wie sie der Verfasser schrieb, nicht wie sie Tendenz entstellte." — Neue Dramen. Ferdinand Wittenbauer, der in seinen„Privatdozentcn" die akademische Jugend geißelte, hat ein soziales Drama:„Der weite Blick" vollendet, das im Wiener Deutschen Volkstheater zuerst aufgeführt werden soll. Ein neues Drama von Max Halbe betitelt sich:„ D a s w a h r e Gesicht". ES spielt im mittelalterlichen Danzig. — Uraufführungen. Im Wiener Lustspiel- Theater wurde ein satirisches Drama„Rechtsfreunde" von Felix Knoll, das die Rechtsverdreher verhöhnt, mit starkem Erfolge gegeben. Ein Soldatenstück„Nicolae Oltean" von Ernst Klein wurde im Wiener Raimund-Theater beifällig aufgenommen. — Die Mannheimer Kunst Halle, die zum 1. Mai mit einer internationalen Kunstausstellung eröffnet werden soll, geht ihrer Vollendung entgegen. Das in mächtigen rotem Sandstein auf- geführte Gebäude, däs einfach monumental wirkt, ist von Professor Hermann B i l l i n g erbaut. Es wird ein neuer Schmuck Mann- heims werden, das in seinen neueren monumentalen Bauten mancher größeren Stadt zum Vorbilde dienen könnte. — DaS„britische Charlottenburg". Der von Lord Roseberv warm befürwortete Plan, in London eine technische Hochschule nach dem Muster der deutschen in Charlottenburg zu gründen, soll jetzt zur Ausführung gelangen. Die englische Regierung hat entscheidende Schritte getan, ein großes nationales technisches Institut in Soutd Kensington zu gründen. Die Regierung will das Land geben und beträch'rliche Geldzuschüsse gewähren. Das neue Institut wird auch tatkräftige Unterstützung von industriellen Firmen im ganzen briti- schen Reich genießen. Der verstorbene Alfred Bett hat für die Au§- führnng des Planes 5 Millionen hinterlassen. — Der Verbrauch von Pferdefleisch in Paris. In Paris wird das Pferdefleisch in gewaltigen Mengen verbraucht Im Jahre 1900 wurden von 28 987 Pferden, die zum Verlank kamen, 22 792 der Schlachtbank zugeführt, außerdem aber noch eine ganze Anzahl direkt verarbeitet. Man hat ausgerechnet, daß Paris im Jahre 1906 mit dem Fleisch von ungefähr 40 000 Pferden ven sorgt ist, d. h. mit zirka 11 Millionen Kilogramm Pferdefleisch, 6 Millionen Kilogramm mehr als im Jahre 1899. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo., Berlin L W.