Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 38. Freitag> den 22. Februar. 1907 lNachdruck verboten.) 38] jVIadame d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. „Gut, Herr Hall," sagte Mason, als er sich ausgelacht hatte, „letzt will ich Ihnen etwas sagen. Sie sehen schlecht. Ich habe nie einen Klienten, wenn ich mich so ausdrücken darf, gehabt, der leichter zu verfolgen war. Sie können ja be- greifen, daß Sie hier in New Jork nicht viele Schritte gemacht haben, ohne daß ich nicht vor Ihnen oder hinter Ihnen ge- Wesen wäre, aber, weiß Gott, Sie sehen nicht besser mit der Fassade als mit der Hinterpartie, nein, bei Gott, das tun Sie nicht. Daß Sie also den Schwindel, den man mit Ihnen be- trieben hat, nicht entdeckt haben, namentlich da die Sache so geschickt gedeichselt war, daß man einen so abgebrühten Hund wie mich hinters Licht führen konnte, ist zu begreifen. Ich will gar nicht von den anderen Mitgliedern reden, von dem Kreise, den Sie um sich versammelt hatten. Indessen tut es mir doch Ihretwegen leid, ich halte Sie für einen Gelehrten von Prima Beschaffenheit, und dergleichen Verirrungen können leicht Ihrem Rufe schaden. Ich habe schon Abhandlungen über kriminelle Fragen mit Nutzen gelesen.— Eoanston hat mich darauf aufmerksam gemacht— und darüber wollen wir reden! Was ich zuvor noch bemerken wollte ist: Hochwürden Herr Evanston hatte ein schändliches Spiel im Gange! Wenn er mit meiner Angelegenheit zu schaffen hätte, würde ich ihn entlarven. Damit hat er jedoch nichts zu tun, und eine Sache zur Zeit! Sehen Sie, ich kroch ja hinunter, um zu sehen, was der Strolch da unten hatte, und da finde ich ein ganzes Kontorlokal voll von Engelkostümen und falschen Barten! Jesus Christus! Sie sind in der Klemme gewesen, Professor! Wissen Sie. daß ich seit acht Tagen das Kontor gerade über Ihrem Laboratorium gemietet hatte? Ja, da lag ich. weiß Gott, auf dem Bauch und spähte durch ein Loch im Fußboden, also in Ihrer Zimmerdecke! Aber dann fand ich Gelegenheit eines der Mitglieder zu bestechen, einen alten Knaben mit grauem Bart und goldener Brille. Während der letzten drei Sitzungen habe ich seinen Platz eingenommen. Hat mich fünfundsiebzig Mark gekostet. War ich nicht gut maskiert? Was? Wie, Hall?" Mason stach Hall mit einem Finger in die Seite. Hall fuhr in Zucflingen auf. „Ja," brillant, gab er höflich zu.„Ja." „Mich maskieren, das- kann ich! Nicht daß ich mich des- wegen rühmen wollte, aber in der Beziehung bin ich ein wenig Genie. Das äußerte sich bei mir schon in sehr frühem Alter. Nun ja, also Evanstons 5tleider lagen da unten. In der Brust- tajche fand ich ein Bündel Papiere, von denen ich sofort ver- mutete, daß sie Ihnen gehörten. Die hat er stehlen wollen. Weshalb weiß ich nicht. Ich sah, es waren mathematische Papiere mit«in. und cos. und chemischen Formeln. Hier sind sie." Mason holte die Papiere aus seiner Rocktasche und über- reichte sie Hall. „Evanston hat sich aus dem Staube gemacht," erklärte Mason.„Als er seine Prügel bekommen hatte und wieder nüchtern gewÜrden war, ließen wir ihn laufen. Ilm ihn nicht aus den Augen zu verlieren, mietete ich einen Burschen, der ihm folgen sollte: Evanston ging direkt nach der Hauptstation und nahm einen Zug nach dem Westen, weg von seinen? christ- lichen Ladengeschäft in Bowery und der ganzen Geschichte. Einen koscheren Eindruck machte das ja gerade nicht. Aber ich habe nichts mit ihm zu tun. Ick) denke, er hat es für ratsam gehalten, sein Zelt ein wenig ferner von dem Zentrum der Zivilisation auszuschlagen, wie in den Büchern geschrieben steht Hall saß da und starrte seine Papiere an. Er erhob sich und sah nach der Richtung hin. wo sein Ofen in einer Ecke zu stehen pflegte. Er war umgestoßen. „Wollen Sie die Papiere verbrennen?" fragte Mason. Hall nickte. „Ich weiß nicht, was für Papiere es sind, und welchen Wert sie für Sie haben können. Aber unter den obwaltenden Umständen kann es sicher nicht schaden, wenn Sie sie ver- brennen. Ich verbrenne stets Papiere, wo ich dazu kommen kann.— Der Ofen ist umgestoßen. Aber lassen Sie mich nur machen!" Hall reichte ihm das Bündel Papiere, und Mason war? sie in die Höhe, so daß die Blätter sich schnell über den Fuß- boden zerstreuten. Er sammelte sie wieder zusammen, jedes einzelne Blatt zerknitternd. Dann hielt er ein Streichholz an den losen Haufen. Die Papiere flammten schnell auf undi hinterließen einen verkohlten Haufen auf dem Mosaik- Fußboden. „Das war das," sagte Mason und rieb sich die Hände. „Aber da ist ja sonst noch allerlei zu ordnen.— Ich hätte große Lust, mit Ihnen über die kriminalpsychologischen Studien zu reden, die Sie herausgegeben haben. Sie sind mir ein wichtiger Schlüssel zu Ihrem Charakter gewesen. Evanston inachte mich, wie gesagt, auf sie alle aufmerksam. Sie wissen nach mancherlei Richtungen hin Bescheid, daS will ich nicht leugnen, aber das Entscheidende für mich ist, daß Sie sich überhaupt mit dein Gedanken an Verbrechen und Ver» brecher beschäftigt haben! Sehe ich richtig? Dieser ständige Verkehr mit Vorstellungen trübseliger und schändlicher Natur. worauf deutet der hin? dachte ich sogleich bei mir. Daß Sie durch übrigens talentvolle Schlußfolgerungen zu dem Resultat gelangen, daß der Verbrecher an und für sich verantwortungs- frei ist und im Grunde als elender, unzurechnungsfähiger Mensch betrachtet werden inuß, als Invalide innerhalb der Rasse, das merkte ich mir ja! Es war natürlich von Wert für Sie mit ihren tiefverborgenen Neigungen, das Gesetz mit einem solchen Räsonnement zu entkräftigen! Das gefiel Ihnen wohl! Sie babrn sich heimlich in Ihrer Produktion verraten. Hall! Habe ich recht? Wollen Sie zugeben, daß ich mich aufs Lesen verstehe? Wie, was. Hall?— Ich bin nicht dumm. Aus Ihren Büchern heraus machte ich mir ein Bild von Ihren Ahnungen. Ihren schon beginnenden Ge- Wissensbissen. Daß Sie die Bücher geschrieben haben, ehe Sie Elly töteten, hat ja nicht viel zu sagen. Sie sind, wer Sie sind. Und ich kann mir ja lebhaft denken, wie Ihre Redlich- keit und ihre feinen Enivfindungen einen Kampf mit dem tierischen Blutdurst in Ihrer Natur geführt haben. Ach, dies ist ein einzig dastehender, sonderbarer Fall. Ich habe vom ersten Augenblick an die richtige Spur gehabt. Meinen Sie. daß ich auch nur einen Augenblick Gewicht auf Ellys Geld gelegt habe? Nein, hier ist ein Mann, dachte ich, von dem zu glauben, daß xr ein Mädchen um ihrer armseligen, Zweifel- hast verdienten Groschen ermorden könnte, Wahnsinn sein würde. Hier haben wir es mit einem modernen Gelehrten zu tun! Das habe ich gedacht. Hall. Dieser Mord hat den Charakter einer Vivisektion— das sagte ich zu einem. Kol- legen.— Sofort. Wie Figura zeigt, habe ich gleich das Richtige gefunden. Vielleicht mit einer Modifikation,, Edmimd Hall..." Mason hatte sich iii Eifer geredet, er beugte sich über Hall und verlieh seinen Worten einen starken Nachdruck: „Edmund Hall, Sie»ocrden ohne Rücksicht auf Ihre latente Selbstverteidigung in Ihren Schriften, wohl vielmehr aus Grund daraus, wegen Mordes gehängt werden! Oder Sie erhalten lebenslängliches Zuchthaus unter Bezugiiahme auf die mildernden Umstände, die in dem Begriff Lustmord liegen." Hall hatte ein Gefühl, als sinke er, er wurde leichenblaße Er war ja halb bewußtlos in London unchergegangen...« „Herr Mason," stammelte er.„könnte ich nicht einen Tropfen Whisky bekommen. Ein klein wenig Whisky?" „Ja, Hall," sagte er endlich gerührt.„Ja, Sie sollen einen Whisky haben. Sie lmben es nötig. Wir haben doch welchen hier oben, nicht wahr?" Masons Detektivinstinkt brachte ihn gleich auf die richtige Spur. Er schenkte Hall ein Glas bis an den Rand voll. „Wollen Sie ein paar Butterbrote haben?" fragte er, Geständnisse machten Mason allemal weich. „Ja. gern." „Ich will etwas kommen lassen." Hall trank seinen Whisky mit einer so ausschließlich darauf gerichteten Aufmerksamkeit, daß er einem Kinde glich. „Na, Hall, dann lassen Sie einmal hören." Hall sah mit einem ivahrhaftigen Blick auf. „Es ist ja nicht unmöglich daß ick iraend ein Abenteuer ttt London erlebt b�be." sagte er.„Ich war infolge von Kummer, den ich hatte, zu jener Zeit sehr niedergeschlagen, vielleicht hin und wieder oder auch längere Zeit auf einmal, unzurechnungsfähig. Ich entsinne mich sehr wohl der Stam- fordstreet. Es regnete dort. Die Frauen gingen im Schmutz mit ihren durchlöcherten Schuhen. Es war im Januar.. Mason nickte ernsthaft. „Was weiter?" fragte er gedämpft, als Hall schwieg. „Ja weiter weiß ich nichts," sagte Hall und schüttelte Len Kopf.„Ich entsinne mich nicht jeder äußeren Bagatelle, die mir begegnet." „Bagatelle! Aber Hall!" „Ich habe natürlich keine jener Aermsten ermordet," sagte Hall und erhob die Stimme. Das Getränk fing an zu wirken. „Aber hören Sie! Mit so etwas verschonen Sie mich freundlichst!" „Es ist, wie ich bereits gesagt habe, nicht unmöglich, daß ich es getan haben kann. Aber was sollte mich wohl dazu bewegen, einen mir gänzlich unbekannten Menschen abzu- schlachten? Also habe ich es nicht getan." „Sie bedienen sich roher Ausdrücke, Herr Hall! Ab- schlachten!" „Gehen Sie nicht tagtäglich an Wildhändlergeschäften vorüber?" fragte Hall, dem der Whisky etwas von der Kälte seines Wesens zurückgab.„Haben Sie nie ein Reh auf offener Straße mit einem Stock durch den Bauch hängen sehen? Sind Sie nie einem Wagen mit nackten Schweineleibern begegnet, wie, Herr Mason? Leichen von Schweinen mit blutigem Wasser in den Augen?" „Sie wollen doch wohl keinen Vergleich zwischen Tieren, von denen man lebt, und Ihrer eigenen entsetzlichen Mordtat ziehen? Sind Sie denn ganz verrückt?" „Ich bin nicht verrückt. Aber Sie haben keine Sympathie für Schweine, Herr Mason. Das ist Ihr Fehler. Das schadet Ihrer Logik." „Ich verbitte mir Ihre Unverschämtheiten! Wollen Sie Noch frech sein? Ich glaubte nicht, daß ich nötig hätte, Sie als Gefangenen zu behandeln! Her mit den Fingern!" Hall lächelte, als ihm Mason die Handeisen anlegte. Mason bereute es, nahm sie ihm jedoch nicht sofort wieder ab. Nach einer Weile, als sie wieder miteinander sprachen, tat er es. „Es ist doch im Grunde gar nicht konsequent von Ihnen, daß Sie sich durch die zynischen Ausdrücke verletzt fühlen, die ich benutze," sagte Hall scherzend.„Das bestärkt Sie jedoch nur in Ihrer Ueberzeugung, daß ich ein Missetäter bin." „Ich billige Ihre Untat nicht, wenn ich auch glaube, daß Sie sie begangen haben." „Richtig geschlußfolgert. Mason!" „Ach, Sie sind allerliebst!" sang Mason und legte den .Kopf aus die Seite.„Bekomme ich nun eine gute Zeugnis- nummer von meinem Arrestanten! Aber zur Sache! Sie find kühn genug, den Mord bestreiten zu wollen trotz alles Beweismaterials, das ich gegen Sie gesammelt habe. Dann beweisen Sie mir gefälligst einmal, daß Sie ihn nicht begangen haben. Her mit Ihrem Alibi!" Hall ließ den Kopf sinken. „Ich habe kein Alibi. Ich träume mit der gleich großen Wirklichkeitskraft, wie ich erlebe. Und ich habe gar kein Ge- döchtnis. Es ist möglich, daß ich Ihren Mord begangen habe. Verlangen Sie aber von mir, daß ich Handlungen gestehen soll, von denen ich nicht das geringste mehr weiß?" „Das verlange ich ja gar nicht." sagte Mason befriedigt. „Noch einen kleinen Tropfen, Herr Hall? Nun will ich nach Butterbrot telephonicren." Hall trank und blieb lange sitzen, mit einem mehr und mehr grübelnden Ausdruck im Gesicht. Es war, als schüfe das zweite Glas andere Stimmungen in ihm. „Ich könnte jedes Verbrechen begehen," sagte er ruhig. „Könnten Sie das?" „Ja. Aus zwei Gründen. Weil meine Phantasie mich glücklcherweise im allgemeinen über die Häupter der Menge hinwegführt. Mein Gesetz sind die menschlichen Instinkte in ihrem Ursprung. Ich kenne nichts, was an sich verboten ist. Und weil ich in der Hinterhand stets den Wunsch gehabt habe, sterben zu wollen." „Nun, nun," sagte Mason.„Ja, daran wollen wir Sie schon verhindern." Hall grübelte tiefer. Er saß da und empfand die innere Unmöglichkeit zu leben, die sich in ihm ausgebreitet hatte und jetzt gereift war. „Ich bin schuldig," sagte er. Mason nickte.„Na ja, da haben wir es! Er machte ein paar Tanzschritte durch das Zimmer. „Ich bin schuldig," sagte Hall und sah vor sich hin. Seine blutunterlaufenen Augen hatten einen entsetzlich sehenden Blick.„Ich habe keinen Selbsterhaltungstrieb gehabt, das ist auf alle Fälle ein Mord. Unterwegs verfiel ich in Grübeleien. Das ist nicht gesetzmäßig. Das ist Chilpa(Schuld). Ich setzte das Weibliche in meiner Natur zu, den Urnebel und die bebende Unwissenheit, indem ich nach Klarheit rang. Meine Sinne lösten sich von der Wirklichkeit los, während ich nach Verfeinerung strebte. Ich erhielt nichts dafür. Man stieß mich in den Magen, während ich unbeschützt dastand und navigierte und zu den Sternen aufsah..." „Nun, die Erde bleibt deswegen doch wohl in ihrer Bahn," bemerkte Mason tröstend. Er lauschte interessiert, auf eine Fortsetzung hoffend. Hall aber schwieg. Nach einer Weile schellte es. Es war ein Bote aus dem Cafs unten mit Butterbrot. Hall fing an zu essen, saß da und sah kauend vor sich hin mit roten, müden Augen wie ein Schiffbrüchiger, der große Not auf dem Meere ausgestanden hat. Mason pflegte ihn freundlich, holte ihm ein Glas Wasser und reichte ihm mehr Butterbrot. Er selber aß ein Sandwich mit Käse.% „Rauchen Sie jetzt eine Zigarre," sagte er, als Ha> mit dem Essen fertig war. (Fortsetzung folgt.) Hapeten. Die Tapete spielt nicht nur im Handwerk und der Industrie eine große Rolle, sondern nimmt auch einen hervorragenden Plich in der Ausschmückung unseres Heimes ein. Recht interessant ist ihre Geschichte. Die Tapete ist, wenn auch ihre Form und ihr Material im Laufe der Jahrhunderte gewechselt hat, fast so alt wie die Mensch- heit selbst. Ist die heutige Tapete ein Produkt unseres papierenen Zeitalters, so hatte in früheren Zeiten der Teppich, in welcher Be- Nutzung das Wort„Tapete" wurzelt, dieselbe Bestimmung. Schon aus der Beschreibung der Stiftshüttc wissen wir, daß zehn kostbare Samtteppiche von gezwirnter weißer und gelber Seide, mit Schar- lach und Rosinrot geschmückt, mit Schleifen und goldenen Haken verbunden, den Raum schmückten und elf Teppiche von Ziegen» haaren die äußere Schutzwand des Heiligtums abgaben. Die Araber und die übrigen nomadisierenden Völker bedienten sich nicht starrer Wände zur Abgrenzung der einzelnen Räume ihrer Wohnstätten, sondern des leicht beweglichen biegsamen Gewebes. Diese Ge- wohnheit ging bei jenen Völkern, bei denen mit zunehmender Kultur sich„in feste friedliche Hütten wandelte das bewegliche Zelt", wie bei den Persern und Indern, auch in den Hsusbau der späteren Zeit über, und wir finden daher bei solchen Völkern noch heute gewebte Stoffe als Wand. Den vornehmen, kalten Marmor- Palästen der Griechen und Römer ward Leben und Traulichkeit eingehaucht durch die Pracht der seidenen Tücher, Decken und „Tapcs", die der farbentrunkene Orient mit seinen vollkommenen Gebildwirkereien in schier unerschöpflicher Fülle spendete. Die Mohammedaner verbreiteten, als sie 700 Jahre nach Christi Geburt Spanien eroberten, neben einer Menge anderer nützlichen Kennt- nisse und Erfindungen auch das Weben seidener, wollener und baumwollener Waren, das Durchziehen mit Gold und Silber und das Einwirken kunstvoll entworfener Zeichnungen. Daraus zogen vorzüglich die Niederländer Gewinn, die bald Musterwerke der Gcwebkunst verfertigten. Namhafte Künstler verschmähten es nicht, direkt für die Tapctcnerzeugung Entwürfe zu schaffen, die sie vorher auf Papier ausführten, und dann auf Leinwand malten. Der große Vorzug der niederländischen Teppiche, daß sie dauerhaft waren und zugleich die Wände der Zimmer erwärmten, machte ste allgemein beliebt, und mehrere Jahrhunderte hindurch kannte und wünschte man im nördlichen Europa keine schönere und zweck- mäßigere Dekoration der Wände. Anton Tucher kaufte 1b07: „2 alte tappe, waren des fürlegers geweest pro 4 fl." 1502:„2 alt niderländisch Tebig mit pildwerck, der eine von 5 und 0 ele, der andere von 4 und 5 ele prait und lanck, dafür 10 fl." 1509:„ein- gewürckt rücktuch grün in grün, 6 ellen lanck." Von den Niederlanden aus hatte sich die Tapetenmanufaktur nach Frankreich verbreitet und unter dem Könige Ludtvig XIV. die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht. Der prachtliebende Monarch gab der Tapetcnwirkerei dadurch den höchsten Aufschwung, daß er gewebte Stoffe schaffte, deren Kostbarkeit alle anderen übertraf. Der Staat kaufte die im 10. Jahrhundert errichtete Werkstatt der Söhne des alten Färbermeisters Gilles Gobelin, nach dem die Gobelin genannten Gewandungen, Nachbildungen der orientalischen geflochtenen Teppiche, ihren Namen erhielten. Die große Menge schöner Muster und Zeichnungen begründete den hohen Ruf dieser Erzeugnisse, und noch heute werden schöne Ta- peten dieser Art in Frankreich verfertigt. Durch die ausschließlich auf gemäldeartige Vollendung gerichtete Technik verteuerten sich aber die Gobelins so sehr, daß nur die oberen Zehntausend sich diesen herrlichen Wandschmuck leisten konnten. Die Herstellung der Gobelins ist ungemein mühsam, gleichsam ein Sticken und Malen mit den Fäden. Etwas später kam die Sevonnerie-Tapete auf. eine Nachahmung persischer und türkischer Tapeten, die viel Hand- arbeit erforderte, indem die Noppen an die Kettenfäden angeknüpft werden. Ein weiterer Schritt in der Fabrikation der Tapeten bedeutete die Ledertapete. Das Bedürfnis, die Wohnräume und namentlich die Wandflächen auszuschmücken, machte sich bei den hochkultivierten Völkern Europas schon im 17. Jahrhundert in immer weiteren Kreisen, also auch bei jenen Ständen fühlbar, denen die An- schaffung gewebter Tapeten wegen der Höhe des Preises unmöglich gemacht war. Man suchte deshalb einen Ersatz für jene auf- zufinden und fand einen solchen in der Anwendung von Leder zu Tapeten, indem man dieses mit Firnis überzog oder auch noch vorher mit Farben, Gold und Silber bedruckte. Es ist dieses Verfahren mit dem Zeugdruck-Verfahren als eine Vorbereitung für den nachmaligen Farbendruck und die Papiertapete anzusehen. Die Erfindung der Ledertapete schreibt man den Spaniern zu. Aus Spanien gelangte die Kunst, Ledertapeten zu verfertigen� nach Frankreich, den Niederlanden und England. In ersteren Landern hat sie ihren Hauptsitz in Paris, Lyon, Avignon, Brüssel, Ant- werpen und Mccheln aufgeschlagen. Nach Deutschland sollen die ersten Produkte dieser Art über Neapel gelangt sein. Derartige Tapeten waren mit geraden oder krummlinigen Ornamenten oder mit den auch sehr beliebten Darstellungen von Jagdszenen aus- gestattet. Den größten Effekt suchte man durch schön lackierte Farben zu erreichen, die an Glanz dem Email gleichkamen, und auf deren Grund man gern Gold und Silber druckte. Auch die niederländischen Fabrikate dieser Art hatten eine große Verbreitung. So erzählt der Reisende Meyerberg im Jahre 1659 folgendes über den Komfort der Vornehmen, der Gutsbesitzer oder„Bojaren" unter den östlichen Slaven:„Erst im 17. Jahr- hundert fingen von diesen einzelne an, ihre Wohnhäuser zum Teil aus Backsteinen erbauen zu lassen. Obgleich ihre Häuser größer und ansehnlicher als die Mehrzahl der Bauernhütten waren, so bildeten die gewöhnlichsten, notdürftigsten Gegenstände die andere Ausstattung. Die Wände der Zimmer waren durchgängig völlig nackt. Nur wenige hatten ihre Wohnräume mit gemalten und ver- goldeten, niederländischen Ledertapeten, aber so nachlässig tapeziert, daß dies nicht zur Verschönerung beitrug." Den Ledertapeten reihten sich die Wachstuchtapeten an, pnd diesen die Kattuntapeten. Erstere kamen trotz ihrer Dauerhaftig- keit und Billigkeit bald wieder außer Gebrauch, letztere, bei denen bunte ostindische Baumwollenzeuge verwendet wurden, konnten sich wegen der hohen Preise der Kattunzeuge nicht behaupten. Aber sie schufen den Boden für die Papiertapete, die heute dank der hochentwickelten Technik des Farbendruckes die Hauptwandbekleidung von Arm und Reich bildet. Auch die Papiertapete hat ihre besondere Geschichte. Die Kunst, Papiertapeten zu verfertigen, die sich außer der Mannig- faltigkeit schöner Formen vorzüglich durch Wohlfeilheit vor allen übrigen auszeichnen, stammt aus China, wo seit undenklichen Zeiten sehr feine Zeichnungen auf Papier gemalt werden. Die Chinesen verwendeten zur Erzeugung dieser Tapeten hölzerne Platten und Wassersarben. In Europa ist es England, das zuerst Muster dieses Erzeugnisses gesehen hat. Die ersten Versuche, dieses chinesische Papier nachzuahmen, fallen zusammen mit der selbständig ge- faßten Idee, an die Stelle der Gewebe, der gemalten und gedruckten Leder- und Leinwandtapeten papierene zu setzen. Der Schauplatz dieser Versuche, bei denen abwechselnd Schablone und Druckmodell in Anwendung gebracht worden sein dürften, ist England und Frankreich. In England wurden im Jahre 1746 die ersten Tapetenfabriken errichtet. Die ersten Erzeugnisse waren noch primitiver Art und er- rangen keinen großen Erfolg. Man druckte die Dessins mit Hülfe großer und leichter Modelle, die zuweilen eine Länge von 2 Metern hatten, auf die Papierbogen. Auf der Oberfläche der Modelle waren die Gegenstände, welche man darstellen wollte, graviert. Erst 40 Jahre später nahm diese Industrie einen größeren Auf- schwung, indem sie sich auf einen verwandten Fabrikationszweig stützte. Georg und Friedrich Echard in Chelsea bedruckten im Jahre 1780 gleichzeitig neben Leinwand und Seidenstoffen auch Tapeten. Dieselben Modelle dienten für beide Industrien. Die Mittel, die Druckfarben mit der Hand aufzutragen, waren damals beinahe dieselben, wie sie es heute noch sind, und es ist in der Tat nur die Komposition der Farben und die Art ihrer Fixierung, die die Verschiedenheit zwischen den beiden Fabrikationen erweist. In Frankreich gebührt Reveillon das Hauptverdienst, daß die früher gebräuchliche Schablonen- und Patroncnmalerei durch das Druck- Verfahren ersetzt wurde. Im Jahre 1760 war dieser �Industrie- zweig in Frankreich beinahe unbekannt; 20 Jahre später wurde das erste industrielle Etablissement in Paris begründet, nach Art derjenigen, die bereits in England bestanden. Bald darauf errichtete Legrand in Paris eine Tapetenfabrik und seit dieser datiert diese Industrie ihren Aufschwung. Im Jahre 1800 war sie bereits von Bedeutung. Die Tapctcnfabrikation mutzte sich bei ihrem Auftreten dazu bequemen, aus einzelnen sehr genau rechtwinklig beschnittenen Papicrbogen lange Streifen zusammenzukleben, da es Papier von den für Tapeten notwendig-.» Di- mensionen gegen Ende de? vorigen Jahrhunderts noch nicht gast. Die Erfindung der Papiermaschine und die dadurch ermöglichte Herstellung von Papier in beliebigen Dimensionen ist also für d'e Tapetenmacherei von der größten Wichtigkeit gewesen. Man kann behaupten, daß gerade die Erfindung der Papiermaschine es war. die zum raschen Aufschwung der Papiertapeten-Fabrikation und zum gänzlichen Aufhören der Schablonenmalerei Veranlassung gab. In Deutschland wurde die erste Fabrik 1797 von Zudar in Rixheim gegründet; sie besteht noch heute und fertigt die feinsten Nachahmungen der Stoffe Ludwigs XV. und Ludwigs XVI. an.- In unserer Zeit trägt die Tapetenindustrie ganz und gar den Typus des modernen Kunstgewerbes. Die wertvollsten und feinsten Produkte liefern die Franzosen und Engländer. Die größte Mengen von Tapeten dürfte Frankreich erzeugen. Erste Künstler sind in der Tapetenindustrie tätig, um schöne Muster zu schaffen. In letzter Zeit hat die Tapeten-Fabrikation auch in Deutschland nicht nur in ihren quantitativen, sondern auch in ihren qualitativen Leistungen erfreuliche Fortschritte gemacht. kleines Feuilleton. Shakespeare als Lehrmittel für Polizeibeamte und Richte«, Der Kopcnhagener Polizeiinsepktor August Golk ist ein Mann� der bereits in verschiedenen Schriften der Auffassung Geltung zu verschaffen suchte, daß das Verbrechen ein naturnotwcndigcs®r> gebnis gewisser Ursachen ist und daß man, um Verbrechen zu ver- hüteni, statt zu strafen vor allem nach den Ursachen forschen sollte, Von demselben Geiste wissenschaftlicher Erkenntnis und mensch» lichen Mitgefühls ist ein Buch durchdrungen, das dieser Polizer- beamte kürzlich im Gyldendalschen Verlag herausgegeben hat. ES führt den Titel„Verbrechcrtypen bei Shakespeare". Aus diesem Gegenstand seiner Betrachtungen sucht er selbst Belehrung zu schöpfen und empfiehlt sie anderen, namentlich Polizeibeamten und Richtern, als ein treffliches Mittel zur Erkenntnis der Verbrecher- seele. Ob ein Beamter der Kriminalpolizei, der tagtäglich mit Leu» brechern zu tun hat, diese Erkenntnis nicht weit besser aus dem Leben selbst schöpfen kann? Nein, das ist nicht so leicht, meint der Verfasser. Richtige Verbrechernaturen pflegen sich zu verstellen, suchen Polizei und Richter auf alle mögliche Art icher die Motive ihrer Tat, über ihre Absichten�, ihre Seelenstimmungen, ihren Charakter zu täuschen, ob sie nun frech auftreten oder unterwürfig, ob sie den Unschuldigen oder den Reumütigen spielen. Da bedarf es großer Ueberlegenheit und psychologischen, Scharfblickes, um daS Echte von dem Unechten zu unterscheiden, und man kann nicht er» warten, daß jeder Richter, Polizeibeamte oder Gefängnistvärtev so hervorragende Fähigkeiten dieser Art besitzt. Darum, meint Göll, müsse man sein Wissen aus der Literatur ergänzen, doch nicht aus Kriminalromanen wie„Sh er lock Holmes" und dergleichen, d« nur von Verbrechen, nicht von den Verbrechern selbst handeln. Nein, an eine ganz andere Art von Literatur muß man sich Inenden, an die. die geschrieben ist von Menschen, „denen die wunderbare Fähigkeit gegeben war, ihr eigenes geistiges Sein zu verwandeln, ihr eigenes Ich identisch zu machen mit einem anderen, und zu denken und zu fühlen wie diese? andere Ich. Diese geisfig großen Männer, die für die Erkenntnis der Menschenseele fast eben so viel bedeuten, wie ein Newton, Darwin, Pasteur für die Naturwissenschaften, diese feinsten Forscher der Psychologie, sie lassen uns lesen in, der Verbrecher» seele wie in einem aufgeschlagenen Buch— sie zeigen uns daS Entstehen des Motivs, die Spannung, die es hervorbringt, die Entwickelung dieser Spannung in der Richtung auf das Verbrechen, das gradtvcise Wachsen des Gedankens, die Beschlußfassung und Ausfuhrung, die geistigen Schwingungen während und nach der Tat— diese ganz verbrecherische Entwickelung, die uns ander«' so dunkel und unverständlich erscheint."-- Mit solchen und ähnlichen Worten leitet der Verfasser seine Be- trachtung der Shakcspearischcn Verbrechertypen ein Wir haben eS also mit einem Manne zu tun, der ernsthaft nach Erkenntnis der Menfchennatur strebt und bei einem der größten und feinsten Menschenschilderer Belehrung sucht, Belehrung als Mensch, wie für seinen Beruf als Polizeibeamtcr. Solche Erkenntnis, wie sie hier erstrebt wird, müßte sich jeder Polizeibeamtc, jeder Richter, jeder, der mit Verbrechern zu tun hat, über sie und ihre Taten urteilen muß oder möchte, zu eigen niachen. Aber wie weit sind wir davon entfernt! Wie unverständlich wird solches Streben einem preußisch- deutschen Polizeihirn erscheinen! Richter und Pvlizeileute glauben genug getan zu haben, wenn sie lange Instruktionen und Gesetze». Paragraphen auswendig gelernt haben, wenn sie schlecht und recht nach Vorschrift handeln. Was kümmert sie die Person des Ver» brechers? Was ist ihnen die„Verbrecherseele" mit all ihren mensch- lichen, unmenschlich erscheinenden Regungen?— Ein Nichts oder ein verworfenes Ding, wert in den Abgrund verbannt zu werden wo Heulen und Zähncklappern herrscht.., � r rl_ Glücklicherweise besteht fürdiepreußisch-deutschc Kultur keinerlei Gefahr, daß solche Bücher von Staatsanwälten, Polizisten usw. gelesen— oder gar geschrieben werden. Physioloflisches. Wie beeinflußt die Kälte den menschlichen Körper? Die wechselnden Kälteperioden, die sich in den letzten Wochen eingestellt haben, zeigen von neuem, daß der schnelle Wechsel der Temperatur besonders unangenehm ist. Der menschliche Organismus besitzt die Fähigkeit, sich in ausgiebiger Weise gegen Kälte zu schützen, und zwar einerseits durch vermehrte Warme- bildung, andererseits durch verminderte Wärmeabgabe. Mehr Wärme erzeugt der Körper durch eine größere Zufuhr von Nahrung, d. h. von Heizmaterial. Da bei der Verarbeitung der eingeführten Nahrung Wärme erzeugt wird und diese Wärmemenge z. B. bei Verbrennung von 1 Gramm Fett S�mal so groß ist, als z. B. bei 1 Gramm Eiweiß, so ist besonders Fettnahrung in kalten Zeiten angezeigt. Eine fernere Wärmequelle sind die Muskelbewegungen, daher die vermehrten Bewegungen in der Kälte, die zum Teil unwillkürlich, wie z. B. Zittern und Zähne- klappern, sind._ Auf der anderen Seite gibt der Körper weniger Warme ab; die Blutgefäße der Haut ziehen sich zusammen, das Blut kommt weniger in die Haut' und kühlt sich so schwerer ab. Dadurch, daß die Schweißabsonderung verniindert ist, verdunstet weniger Wasier von der Haut, so daß weniger Kälte dabei erzeugt wird. Die Atmung wird oberflächlicher und die Zahl der Atemzüge geringer, dadurch wird weniger Wärme in der ausgeatmeten Luft abgegeben. lind endlich dient unsere Kleidung dazu, den Körper vor Wärme- Verlust zu schützen. Da sie aus schlechten Wärmeleitern, z. B. Wglle besteht, bleibt um den Körper eine Luftschicht, die ihn vor Abkühlung schützt und z. B. der Luft zwischen den Doppelfenstern unserer Zimmer entspricht. Vermöge dieser Regulationsvorrichtungen kann der Mensch lange Zeit ziemlich hohe Kälte aushalten. Dafür mögen einige Skispiele von der letzten Nordpolexpedition Nansens dienen. Nansen sagt z. B.:»Seltsam, wie sich das Empfindungsvermögen des Menschen ändert. Zu Hause cinpfinde ich es unangenehm, wenn ich bei einigen 20 Gr. Kälte auch bei windstillem Wetter aus der Tür trete. Hier aber finde ich es auch nicht kälter, selbst wenn ich bei 50 Gr. Kälte und Wind draußen bin." Aehnlich äußert sich Nansens Begleiter, Kapitän Swerdrup, über die hohe Kälte:„Was mich persönlich betrifft, so belästigt es mich nicht sehr stark, doch klagen viele darüber, daß sie tief in der Brust Schmerz fühlen. Ich finde nur, daß, wenn ich viel in Bewegung gewesen bin, der Mund ausgedörrt ist." Diese Tatsache beruht darauf, daß die kalte Luft sehr trocken ist und so der Schleimhaut des Mundes viel Feuchtigkeit entzogen wird. Daß es gerade der Wechsel der Temperatur ist, der uns die Kälte viel fühlbarer macht, zeigt ja die Erfahrung, die jeder in den letzten Wochen gemacht hat. So kommt es auch, daß ein Keller im Sommer angenehm kühl ist, im Winter uns dagegen warm er- scheint, obwohl seine Temperatur fast gleich ist, und sich eben nur die Außentemperatur geändert hat. Oft genug aber versagen die Regulierungsvorrichtungen des Körpers, besonders wenn derselbe unter der Einwirkung von Alkohol steht: die Hautgefäße werden gelähmt, können sich nicht mehr zusammenziehen, es tritt eine Rötung auf, die mitunter nach ein bis zwei Wochen bei richtiger Behandlung schwindet, oft auch, z. B. als rote Nase das ganze Leben lang bestehen bleibt. In stärkerem Grade zeigt sich die Erfrierung in Blasenbildung, ähn- lich wie bei den Brandblasen, und als Endstadium tritt dann ein Brand oder Absterben der erfrorenen Glieder ein. Daß gerade Hände und Füße besonders davon betroffen werden, ist oft Schuld enger Handschuhe, Stiefel usw., die die Blutzirkulation erschweren. Weniger gefährlich sind die Frostbeulen, die chronische Ent- Zündungen darstellen und als blaurote, stark juckende Knoten auf- treten und sich bei Vernachlässigung zu recht unangenehmen Ge- schwüren,„Frostgeschwürcn", entwickeln. Besonders Leute in trunkenem Zustande sind in der Kälte der Gefahr der allgemeinen Erfrierung ausgesetzt. Unter immer mehr zunehmender Müdigkeit tritt eine Vcrlangsamung der Atmung und Herztätigkeit ein und der Körper erstarrt allmählich, bis, tritt Nicht rechtzeitig Hülfe ein, der Tod erfolgt. Bei seinem Verhalten einem Erfrorenen gegenüber muß man vor allem einen plötzlichen Uebergang zur Wärme vermeiden. Man reibe die erfrorenen Teile bezw. den ganzen Körper mit Schnee oder kaltem Wasser ab und bringt den Verunglückten erst allmählich in warme Räume.— Dr. Ch. Aus dem Gebiete der Chemie. Seife aus Petroleum. Zwei Chemiker namens Lothammcr und Trocqucnet haben ein Verfahren gefunden, um eine neue hochgradige Seife durch Verseifung von Petroleum her- zustellen und damit eine Aufgabe gelöst, an der seit vielen Jahren von hervorragenden Chemikern erfolgreich gearbeitet worden war. Das neue Verfahren benutzt eine wässerige Lösung des bekannten Panamaholzes, das von der Apotheke her auch unter seinem botanischen Namen Quillaja saponaria vertraut sein dürfte. Bei einer Vorführung der neuen Erfindung, die kürzlich in London stattfand, ivurden 3 Proz. eines solchen Extraktes nach und nach zu vier Litern eines ziemlich �schweren Petroleums hinzugesetzt. Die Mischung wurde dann mit einem gewöhnlichen Schaumschläger behandelt, wodurch sie allmählich erheblich blasser wurde als so- wohl das Petroleum wie der Quillaja-Auszug gewesen war und eine butterähnliche Konsistenz annahm. Die Masse wurde dann weiterhin mit vier Kilogramm Palmöl gemischt und über einem Easfeuer erhitzt. Nach mehrstündigem Kochen wurden nach und nach zwölf Liter Sodalauge hinzugesetzt. Eine genaue chemische Analyse hat in dieser Petroleumseife 23 Proz. Petroleum- und 48,0 Proz. Fettsäuren ermittelt. Nach dem Gesamtgewicht der enthaltenen Fettstoffe entspricht diese Petroleummenge einem Verhältnis von 32fh Proz., und in einer anderen Probe wurde es sogar zu 50 Proz. festgestellt. Fiir die neue Seifenart wird eine ganze Reihe von Vorzügen in Anspruch genommen. Erstens ist sie ausgiebiger als die besten Haushaltsscifen für gleiche Gcwichtsmenge, infolge- dessen im Gebrauch sparsamer, ferner geruchlos, antiscptisch, un- entzündlich und in allen Graden billiger als andere Seifen von gleicher Qualität, da das Petroleum weniger kostspielig ist als die sonst gebrauchten Rohmaterialien.— Notizen. — Die Neue freie Volksbühne veranstaltet am Sonn- avendabend im Mozartsaale ein Richard Wagner-Konzert unter Leitung von Hans Pfitzner und unter Mitwirkung von Frau Plaichinger und Herrn Rudolf M o e st vom königl. Theater in Hannover. — Am Sonnabend wird Herr Dr. A. Römer in der Aula der Augusta Viktoriaschule, Nürnbergerstratze 03, einen Vortrag halten über„John Brinkmann, den Humoristen und Meister des Niederdeutschen, in seinem Leben und Dichtungen". — Die Berliner prähistorischen Sammlungen de? Museums fiir Völkerkunde sollen in Zukunft nicht mehr, wie bisher, nach Provinzen und Ländern aufgestellt werden, vielmehr wird eine geschichtliche und typenhaste Anordnung Platz greifen. Darüber wird indes noch einige Zeit vergehen, bis die in Dahlem geplanten Neubauten vollendet sind. — Der Deutsche Monistenbund macht nach einer Mit- teilung seines Generalsekretärs bedeutende Fottschritte.— Otts- gruppen bestehen in 17 Städten, und Einzelmitglieder, die Jahres- beitrüge zwischen 3 und 2000 Mark zahlen, befinden sich fast in allen Ländern der Welt. Kcks. Das medizinische Frauen st udium in Deutschland. Wie aus einer Uebersicht von Prof. I. Schwalbe in der»Deutschen Medizinischen Wochenschrist" ersichtlich ist, haben die Frauen in ihrem Bestreben, sich das Recht zum medizinischen Studium auf den deutschen Universitäten zu erwerben, schon einen »cnnensivertcn Erfolg zu verzeichnen. Während sie in Prcutzen nur als Hospitantinuen zum Studium zugelassen, aber nicht immatrikuliert werden, ein Verhältnis, wie es auch in Rostock, in Gießen und Sttatzbnrg stattfindet, genießen sie in Bayern alle Rechte der immatrikulierten männlichen Studierenden; in Jena aber sind sie überhaupt vom medizinischen Studium ausgeschlossen. Schwalbe glaubt, datz es ivohl eine Frage der Zeit ist, bis ihnen in allen Staaten die Befugnis zur Jminattiknlation gewährt wird. An sämtlichen deutschen Universitäten sind im Wintersemester 1000 bis 1907 300 weibliche medizinische Studierende inskribiert, darunter in Berlin 95. Sie bilden zusammen von den gesamten Medizin- studierenden der deutschen Universitäten im Wintersemester 1900 bis 1907(7219) nur den Bruchteil von zirka 4 Proz. — Im Münchener„Verein für Naturkunde" hielt Professor Dr. A. K o r n. der Erfinder der elektrischen Fernphoto- g r a p h i e, einen Vortrag über seine epochemachende Erfindung, der gestützt war durch eine Reihe Lichtbilder, die die angewandten elektrischen Apparate sowie eine Auswahl relativ sehr vollkommener, durch die Kornsche Methode erzeugter Fernbilder zeigten. Korn vermag jetzt schon, wo er nur auf den telegraphischen Leitungs- strecken zwischen München und Nürnberg arbeiten konnte, eine Photo- graphie in der Größe 13X24 Zentimeter binnen 5—10 Minuten auf mehrere tausend Kilometer zu übertragen. Für die projektierte Bus- Nutzung der Erfindung, der vielleicht eine ähnliche Bedeutung für unsere technische Kultur bevorsteht wie den Röntgenstrahlen, stritten Kriminalpolizei und Presse um den Vorrang. Natürlich siegte die Presse und zwar die französische. Korn glaubt seine Erfindung in erster Linie für die Kriminalistik von Vorteil, aber die Pariser Zeit- schrist„Illustration" kam der Justiz zuvor. Sie hat für alle Länder (außer Deutschland) die Berlvertung der Konischen Entdeckmig übernommen. Im Sommer 1907 sollen auf der Sttecke Patts— London die Versuche in" größerem Maßstäbe aufgenonimen werden. Korn selbst beginnt seine Versuche bereits im Frühjahr wieder auf der ihm von den betreffenden Bahnverwaltungen zur Verfügung ge« stellten Sttecke München— Berlin. — Zu Ehren Carlo Goldonis, des unverwüstlichen und immer noch volkstümlichen LustspieldichterS, dessen zweihnndertster Geburtstag auf den 25. Februar fällt, werden in ganz Italien und vorzüglich in seiner Vaterstadt Venedig festliche Veranstaltungen ge« plant. Im städtischen Museum zu Venedig findet eine Goldoms- Ausstellung statt. Die wertvollste Festgabe ist aber eine neue Gesamtausgabe feiner reichhaltigen Werke. — Carduccis Hans in Bologna, da? die Königin Margherita dem.Dichter abkaufte, wurde von ihr der Stadt ge- schenkt. Carduccis Bibliothek und Wohnzimmer sollen unverändert erhalten bleiben.— Der Streit, der sich um Carducci» Leiche zu entwickeln begann, ist geschlichtet worden. Sie bleibt in Bologna in San Petronio und wird nicht in das florentinische Pantheon tu der Kirche Santa Croce übergefühtt. �"'"twortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagSanstalt Paul Singer öc(£o.. Berlin SW.