Anterhaltungsblatt des BorivSrts Nr. 39. Sonnabend, den 23. Februar. 1907 (Nachdruck verboten.) 89j JVIadamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. Hall dankte und Mason war ihm behülflich. die Zigarre anzuzünden. Sie schmeckte ihm gut, er beobachtete den Rauch und leckte sich behaglich den vergrämten Mund. Mason klopfte ihn auf die Schulter. „Sie müssen mich nicht anrühren," bat Hall,„denn dann fange ich an zu weinen." Mason betrachtete ihn erstaunt. Er gestattete ihm eine Pause. Schonen konnte er ihn ja aber nicht. „Nun, Hall, wollen wir dann einmal weiter sehen? Wir ivaren ja davon abgekommen,— Sie sagten, Sie gingen in London umher, ohne zu wissen, was Sie taten. Sie können sich also an nichts mehr erinnern? Wissen Sie auch nicht mehr, wie wir damals in Paris am Bahnhof miteinander rangen? Sie schlugen doch wirklich mannhast um sich. Ich konnte sie nicht halten. Sie müssen ja Kräfte haben." Mason befühlte Halls rechten Oberarm. ..Ja. jetzt kriegt man allerdings nicht mehr viel in die Hand! Aber an dem Abend hatten Sie Kräfte wie ein Bär. «agt man nicht auch, daß Leute im Zustand des Wahnsinns übermenschliche Kräfte haben? Ich hatte ihre Spur ja bis dahin verfolgt. Hall: ich hatte nur wenig Anhaltspunkte, aber ich fand Sie. Und dann glitten Sie mir aus der Hand. Da war ich ärgerlich. Aber dann fand ich die Spur auf dem „Bacharach" wieder. Entsinnen Sie sich nicht mehr des Ruf- laufs auf der Gare Tu Nord?" Hall schüttelte den Kopf. „Ich fand doch die französische Zeitung nnt der Notiz darüber in der verlassenen Farm, wo Sie sie unvorsichtiger- weise hingeworfen hatten. Da hatten Sie auch die„Daily News" niit dem Arikel über den Mord liegen lassen. Es ist ja ein altbekannter Verbrecherzug. daß Sie die Zeitungen aufbewahrt hatten!.Ein durchtriebener Strolch sind Sie nun allerdings nicht.— wofür ich Sie auch niemals gehalten habe, Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Gentleman, der einen gefährlichen Sport betrieben hat.— Uich dann Ihre dunkle Brille! Das war der allerelemcntarste Fehler, den Sie begehen könnten! Sie können mir glauben, Sie waren der allererste, der mir an Bord des„Bacharach" ausfiel, gerade der Brille wegen! Nun, ich denke, unsere An- gelegenkeit ist so klar, wie man es sich nur wünschen kann. lind wenn Sie nun zur Ruhe kommen, und wir die Einzel- heiten einmal gründlich untersuchen, so werden sie Ihnen wohl allmählich alle wieder einfallen." „Ich habe es nicht getan," sagte Hall schüchtern. Er sah beschämt auf sein« Zigarre nieder. „Ach was!" schrie Mason und stampfte auf den Fuß- boden. Er streckte seine Hand aus, nahm Hall die Zigarre aus dem Munde und warf sie in eine Ecke, so daß die Funken stoben. „Wollen Sie mich zum Narren haben? Was zum Teufel bilden Sie sich eigentlich ein?" Hall saß da und dachte darüber nach, ob er Mason schadlos halten sollte, indem er ihm erzählte, daß er Leontine von diesem Leben befreit hatte. Aber was ging seine ver- storbene Freundin den Polizeibeamten dort an? Hall sehnte sich danach, sich das Leben zu nehmen. Er wurde ärgerlich. „Soll ich Ihnen das Essen auch wieder herausbrechen?" iragte er.> „Nehmen Sie sich in acht!" schrie Mason gereizt. „Bange bin ich nicht," erklärte Hall gleichgültig.„Sie können mich ja höchstens totschlagen, und das können Sie meinetwegen gern tun." „Ich kann Dich prügeln. Du eingebildeter Bengel,— Dich durchpeitschen!" Hall lachte harmlos. „Wollen Sie mich denn nicht lieber gleich vergewaltigen?" „Halt's Maul. Du Schwein?" Hall schwieg gern. Mason ging wütend auf und nieder. Er beherrschte sich nur mit größester Mühe. Er sah indesseu ein. daß er mit dem Angeklagten auf diese Weise ia nicht weiter kam. Nachdem er Hall einen giftigen Blick zugeworfen hatte, nahm er sich zusammen. Es nützte ja auch nicht, sich in Geschäften von persönlichem Aerger hinreißen zu lassen. „Na ja. Hall," sagte er in umgänglicherem Ton,„wiv wollen uns ja nicht erzürnen. Ich sehe sehr wohl ein, daß Sie mit Güte gewonnen»Verden müssen. Ich bin eine auf- brausende Nahir, dafür kann ich nun einmal nichts, darin müssen Sie sich finden, ich vertrage es nicht recht, daß man mir widerspricht. Aber mögen Sie im Grunde solche Schlapp- schwänze, mit denen man machen kann, was man will, wie, Hall?" „Ach nein!" „Dann lassen Sie uns fortfahren. Wir waren uns jqj also einig darüber, daß Sie Elly sehr wohl hätten morden können. Sie bezeichnen dergleichen Sacken selbst als Baga- tellen und geben zu, daß Sie sich wahrhafttg nicht jedesmal entsinnen können, wenn Sie einen Menschen zerlegt haben. Mein lieber Hall, ich schenke Ihnen alle die anderen Fälle, und verzeihen Sie, daß ich mich als ganz gewöhnlicher Bürger an das eine halte, worüber ich Bescheid weiß. Sie hätten nicht nötig gehabt, den Mund so voll zu nehmen— Sie werden auch ohnedem gehängt werden. Sie sagen ferner, Ihr Gesetz seien die menschlichen Triebe im Ursprung. Ich bin selber nicht verderbt genug, um zu verstehen, was Sie meinen— obwohl Sie eine unanständige Andeutung nach der Richtung hin machten— aber Sie können Ihren natürlichen Neigungen wohl keinen deutlicheren Ausdruck verleihen! Daß Sie sich der Umstände, unter denen Sie das Verbrechen begangen haben, nicht mehr entsinnen können, ist nur ein Beweis mchr für die Wahrscheinlichkeit, da man sich dergleichen dunkle Taten kaum anders als im Zustande der Bewußtlosigkeit begangen vorstellen kann. Was jedoch nieiuals die Verantwortlichkeit aufhebt! Niemals, Hall! Es wäre ja sehr angenehm, wenn das der Fall wäre. Sie wären, hol mich der Kuckuck, ein viel zu gefährlicher Mann, um Sie frei herumgehen zu lassen. Ferner haben Sie zugestanden, daß Ihre Lebensführung Sie weit über die Häupter der Menge hinwegführt. Wissen Sie, daß dies der Ausdruck e'.nes gebildeten Menschen für den Haß des gewöhnlichen Verbrechers auf die Gesellschaftsordnung und ihre Einrichtungen ist? Sie sind Anarchist, Hall! Sie find ein feindliches Raubtier, das unschädlich zu machen Gottlob in unserer Macht steht. Was kann man nicht lwch von Ihnen erwarten! Ich glaube, Sie haben hier in Ihrer unkon- trollierten Werkstatt mehr als eine Bombe fabriziert..." „Was Sic da sagen, ist sehr amüsant, Herr Mason," sagte Hall und lächelte mit todmüden Augen.„Ich habe wirk- lich etwas Sprengstoff liegen. Sie wissen ja, daß unschädliche Bestandteile auf ihrem Weg durch den Kamin Formen passieren können, in denen sie explosive Eigenschaften haben. Ich hatte etwas dergleichen stehen. Ich hätte ja das Haus hier in die Üuft sprengen können, so daß nur ein Loch in der Erde noch geblieben wäre: als Sie und Ihre Freunde mir die Ehre antaten, mich in meiner Arbeit zu stören..." „Spotten Sie nun nicht. Hall!" sagte Mason verdrieß- lich.„Lassen Sie uns lieber fertig werden. Kommen Sie nun mit dem Geständnis! Es ist ja nur eine Formsache. Sie müssen ja doch einsehen, daß Sie mich instand� setzen, mit größerer Gesetzmäßigkeit aufzutreten, und hier ist ja eine Menge zu ordnen, ehe wir nach London reisen können. Die Indizien sind in Ordnung, alles ist in Ordnung, es fehlt nur noch, daß Sie gestehen und es nachher-nicht wieder zurück- nehmen. Bei der Kenntnis, die Sie als außergewöhnlich ge- lehrter Mann von sich haben, kann es Ihnen doch nicht schwer werden, festzustellen, was Sie getan haben, selbst wenn Ihr Gedächtnis sie im Stich lassen sollte. Es ist dies ein moralisches Bekenntnis, das für uns erforderlich ist, das faktische können wir ja in diesem Fall noch nicht verlangen, wenigstens vorläufig noch nicht. Die Sache ist klar,—> es ist nur ein Entschluß! Nun nur rasch drauf los!" Hall grübelte lange. Endlich fing er langsam an zu sprechen:>. „Herr Mason, Sie erzählen mir, daß Sie als einer des Kreises meinen Sitzungen beigewohnt haben. Waren Sie an dem Tage hier, als die blutende Frauengestalt sich zeigte?" (Fortsetzung folgt.) lNachdruck verboten). Der Clown» Skizze von Karl Busse Trara tsching tsching, trara tsching tsching tsching-- hat man schon so etwas gesehen? Als zöge der Kaiser von Indien ein in Pracht und Herrlichkeit I Drei Trompeter ritten voran in knall» roten Röcken, auf denen die Goldbehänge in Schnüren, Tressen, Schleifen märchenhaft blitzten. Purpurn und golden auch die Schabracken über den Sätteln. Und hinter den Reitern, auf einem kleinen Wagen, stand ein Mann... das war ein Weltwunderl Er spielte ein halbes Dutzend Instrumente auf einmal. Er spielte mit Händen und Füßen, er wackelte mit dem Kopfe, und ab- gestimmte Glöckchen begannen zu klingen, er machte eine Bewegung, und die Kesselpauke dröhnte in die Trompeten und Glocken. Die ganze Stadt war in Aufregung. Ueberall reckten sich die Hälse, überall starrten Kinderaugen, erstaunte, von so viel Pracht geblendete, in selige Verzückung versunkene Kinderaugen in den ungewohnten Glanz. Reiter ritten vorbei, schöne Fräuleins nickten aus einem Wagen— man traute sich kaum zu reden, als könnte man während dieser Zeit etwas versäumen. Doch mit einem Male brauste der Jubel... er brauste die ganze Straße entlang... er brauste empor wie ein einziger Ruf, in dem hundert und tausend sich zusammenfanden und verloren: „Der Clown...-der Clown!" Er fuhr in einem Wagen, den zwei Ziegenböcke mit wehenden Bärten zogen. Er hatte das we.te Pluderkleid an mit seltsamen Fratzen darauf, bunt kariert und gewürfelt. Er trug auf dem Kopf die spitze Weiße Tütenmütze, die er so geschickt in die Luft warf, daß sie, trotzdem er weiterfuhr, immer wieder auf seinen Kopf fiel, und er hatte ein Gesicht... ein Gesicht... halbtot konnte man sich lachen! Es war angepinselt von oben bis unten, kalkweiß und zinnoberrot. Es stch aus, als ob es jede Sekunde eine andere Grimasse schnitte.„Der dumme Aujust" stand in großen Buchstaben auf dem Rücken des Clowns. Und„dummer Aujust" jubelten die Kinder. Er aber hielt zärtlich, wie ein Vater seinen Sprößling, ein kleines Schwein im Arm, ein rosenrotes Ferkelchen mit Baby- Wäsche. Er wiegte es, kniff es in das Ringelschwänzchen, daß es grunzte und quiekte, hielt es hoch, gab ihm einen Kuß auf das saubere Schnäuzchen und ließ es auf seinen Knien reiten. Wenn der Lärm und Applaus ringsum dann orkanartig an- schwoll, stand der Clown auf. Groß leuchteten die Worte„Der dumme Aujust" von seinem Rücken. Und plötzlich verbeugte er sich sehr tief— immer noch tiefer, und auf einer sich dabei spannenden Partie seines Pudertleides erschien, gleichsam als Fortsetzung, die Inschrift:„Dankt bestens." Worauf er sich selbst wieder auf diese Inschrift setzte. Solch einen Clown gab eS zum zweiten Male nicht auf der Welt. Sein Name war auch auf dem Plakate fett gedruckt. Er hieß Signor Santelli. Und die Direktion machte bekannt, daß es ihr nur unter den größten Opfern gelungen sei, diesen Signor Santelli zu gewinnen, der sich mit seinem dressierten Schweinchcn „Moses" selbst vor hohen und höchsten Herrschaften hätte produ- zieren dürfen. Langsam zog der„Zirkus Cajetan" so durch die Provinzial- stadt. Es war ein Städtchen wie viele. Es lag freundlich zwischen Seen und Wäldern, es hatte ein entsetzliches Pflaster, aber rosen- überblühte Vorgärten vor den Häusern, es hatte seine Töchterschule und sein Gymnasium. Ohne sonderliche Neugier sahen die fahren- den Künstler sich um. Nur einer war unruhig. Und es war gut, daß sein Gesicht so dick bemalt war, daß es gleichsam ohne fein Zutun Grimassen schnitt. Der Clown„arbeitete" rein mechanisch. Während er das Ferkelchen Moses drückte, dachte er: Nun biegen wir gleich um ... gleich in die Töpferstraße. Da muß vorn der Bäcker Mühsam wohnen... in dem schmalen Lädchen. Er wird sich seitdem nicht gebessert haben, wenn er nicht gerade auf dem Kirchhof liegt. Seine Semmeln waren zu groß, deshalb ist er selber klein geblieben. Soll ein Billett umsonst haben. Hat uns manche Semmel ge- schenkt. Signor Santelli„dankte" dazwischen wieder„bestens", während sein Blick über das Gymnasium flog, an dem die Ziegenböcke jetzt vorüberschritten. Auch einmal drin gesessen, dachte er. Die Ouarta,— da brach die Leiter, und ich fiel vom Baume der Wissenschaft. Es hat mir picht drin gefallen. Mißbilligend schüttelte er den Kopf und schnitt eine Fratze, daß die Kinder lauter jubelten und er sich veranlaßt fühlte, dem Ferkel einen Kuß zu schenken. Schließlich bog der Zug in die Quergasse, die ihn zu seinem Ausgangspunkt wieder zurückführen sollte. Die Häuschen waren klein, sie hatten sich aneinander gedrängt, wie um sich gegenseitig zu stützen. Da wurde der Clown ganz- still. Er kniff das Ferkel nicht mehr in den Schwanz, er verbeugte sich nicht mehr. Er starrte in die Fensterchen und sah aufmerksam all die Gesichter durch, die neugierig herausschauten. Viele Fremde darunter. Viele Kinder, die noch nicht gelebt, ftlS aus einem dieser Häuser der Heinrich Wendlandt bei Nacht und Nebel verduftet war. Hier und da Bekannte... wenig genug. Aber der Spaßmacher auf dem Wägelchen zuckte jedesmal zu« sammen. Und dann kam der Zug wieder auf dem alten Markte an, auf dem die Vorstellungen stattfinden sollten. Unter freiem Himmel waren in großem Kreise Bänke auf- geschlagen. Als es Abend ward, flammten ein paar Dutzend Lämpchen auf. Sie erhellten die Arena leidlich. Und als die Sitz- Plätze sich nach und nach gefüllt hatten, begann die Vorstellung. Der„Zirkus Cajetan" hatte einst bessere Tage gesehen. Ueber fünfzig Pferde hatten ihn begleitet, ein großes Riesenzelt hatte er aufgeschlagen. Diese Glanzzeiten waren längst vorüber. Knapp den vierten Teil des Pferdematerials hatte der Direktor noch ge- rettet, das Riesenzelt war mürbe und rissig geworden, daß man es hatte pensionieren müssen, Geld zu einem neuen war nicht da — so spielte man unter freiem Himmel. Die Musik machte einen Höllenspektakel; unter gellen Rufen jagten Reiterinnen in schäbigen Flitterkostümen durch die Arena und sprangen durch Reifen; das Publikum klatschte; die Lampen flackerten im Zuge; aus den Wagen, die nebeneinander aufgefahren waren, scholl das Lachen und Schelten derjenigen, die im nächsten Moment auftreten sollten. Auch Signor Santelli mußte in wenigen Minuten hinaus. Er saß, schon in vollständigem Aufputz, an einem der kleinen Fenster des Wagens, in dem er mit drei anderen Mitgliedern der Truppe umherrciste. Moses, das Schweinchen, hatte er an der Leine. Der Abend— es war ein Juliabend— hatte Sterne herausgeführt, große und goldene, die majestätisch über der verdämmern- den Erde leuchteten. Die Glut des Tages war gedämpft von leisem Wehen, doch schwamm die Luft noch durchs Fenster wie eine laue Welle. Sie war gesättigt von Rosendüften. Aus den umliegenden Gärten strömte sie daher. Sie schwebten nicht' flüchtig heran und zogen nicht eilig in dem sachten Luststrom wieder vorüber, sondern sie kamen gleichsam dichtgedrängt, wie etwas Körperliches, Bleiben- des, sie umgaben und durchdrangen alles. Der Clown sog den Dust tief ein.„Er kommt von Pfeiffers", murmelte er, als könnt er ihn prüfen und die Rosen bestimmen, denen er entströmt war. Und eine Stimme hörte er plötzlich neben seinem Ohre:„Welche willst Du, Schlingel? Die gelbe oder die rote?" Agnes Pfeiffer hatte so gefragt:„Achnes die Blonde". Zwei Rosen hatte sie zwischen den Lippen. Er aber im Nachbargarten sah über den Zaun.„Es gibt nur eine Liebe, Agnes, und die ist rot." Da hatte die Blonde gelacht, ohne die Lippen zu öffnen, ohne die Rosen zu verlieren. „Du aber, Heinrich, mein Freund, bist noch so grün und schon so ein Taugenichts!" Und in weitem Bogen war die Rose— die röte zu ihm hin- übergeflogen. Der Clown lächelte in der Erinnerung. Bei der scheußlichen Bemalung des Gesichtes ward das Lächeln zum Grinsen. Träume des dummen Jungen... Es kam ein Tag, wo Heinrich Wendlandt es nicht mehr aushielt. Knüffe vom Meister, Prügel vom Vormund, trotzdem er fast neunzehn war. Die Knüffe und Prügel kosteten in der Welt ebensowenig wie zu Hause. Außer- dem hatte er keine Aussicht, hier etwas zu werden. Wenn man einmal als Taugenichts bekannt war— I So beschloß er auszukneifen. In der Welt war viel zu holen; es gab manchen Schopf zu packen, an dem das Glück hing. Et hatte vage Vorstellungen; einst würde er zurückkommen, reich, berühmt, in einer Equipage auf Gummirädern. Scheu würde der Meiste� der Vormund, jeder, der ihn gequält und'gescholten, sich vor ihm ducken, er aber würde sich von den Rosen fort Pfeiffers blonde „Achnes" holen als seine Frau. Und sie würden eine glückliche kleine Familie bilden. In einer Julinacht floh er. Am späten Abend hatte er sich über den Zaun geschwungen. So stand er im Nachbargarten unter dem Fenster des Mädchens. Er warf eine Handvoll Sand gegen die Scheiben, bis das Fenster klirrte, der Vorhang zurückging. „Wer ist da?" „Ein Rosendieb." Sic erschrak etwas. Sie hatte ihr Haar, das blonde, schon losgebunden für die Nacht. Er sah zum erstenmal, aber undeutlich in der Dämmerung, es breit niedcrflutcn. „Was willst Du denn?" fragte sie dann. „Adieu sagen!" rief er empor und kam näher.„Ich geh fort!" Er setzte ihr seinen Plan auseinander. Und ganz gläubig sprach er davon, daß sie warten Müsse. Er hole sie schon..�. ganz sicher. Und sie müsse ihn zum Abschied küssen.., dann würde er Glück haben. „Du bist ein Narr," sagte sie. Aber es war etwas Weiches und Willfähriges, wie sie es aussprach. Vielleicht weil sie ihn und seinen guten Glauben in dieser Minute lieb hatte; vielleicht weil die Rosen stärker als je den Duft emportrieben. Da zog sich Heinrich Wendlandt am Fensterkreuz in die Höhe. Er bog ein wenig verwirrt das Haupt zurück. Er hört« wieder: „Du bist ein Narr," aber sie neigte sich über ihn, und in dem Augenblick, in dem ihre Lippen die seinen berührten, fiel das ge- löste Saar bei der tiefen Beugung ihres Kopfes nach vorn und hüllte ihr Gesicht und das seine zu beiden Seiten ein, gleich als sollten sie nun nichts anders sehen als sich... Der Clown hörte jetzt den Lärm aus der Arena nur wie ein ganz fernes Brausen. Aber Moses, das Schweinchen, quiekte un- geduldig. Es empfand, daß seine Stunde gekommen war. Da sprang auch jemand die Stufe empor... ein heißer Fluch:„Mach, daß Du rauskommst, die Leute rufen schon!" Und ein giftiger Blick. Signor Santelli schrak auf. Er lachte. Die„Künstler" der- achteten den Clown, das wußte er. Es kümmerte ihn auch nicht. Sie neideten ihm den Beifall; sie hatten eine dumpfe Wut, daß der Nichtstuer, der Possenreißer mit einem billigen Spaß das Publikum besser fing, als sie mit einer halsbrecherischen Leistung, auf deren Gelingen sie die Arbeit eines halben Jahres verwandt. Das war in jedem Zirkus so. Aber während der Clown die Leine ergriff, an der Moses lag, zuckte ihm noch so vieles durch den Kopf: Pfeiffers Rosen. die blühten noch. Wo war die blonde Agnes, die dazu gehörte? Wartete sie? Unsinn! Sie war beinahe so arm gewesen wie er, trotz der Rosen. Wo war sie? Im nächsten Moment hatte er alles abgeschüttelt, stand auf der Treppe, unter sich die Arena, die dunkle Menge, und schrie lang- gezogen sein stereotypes«Ai gutten Abend, maine libbe Kusin," daß sich alle Köpfe wandten und das erste noch zage Lachen durch die Reihen lief. In Bajazzosprüngen hopste er dann, das quiekende Ferkel hinter sich, in die Manege und begann seine Rolle. Unter ungeheurem Jubel der Kinder und Erwachsenen stolperte er ijber den Teppich, gab und empfing schallende Backpfeifen, fiel von neuem hin, stellte sich tot, ließ sich von Moses beriechen und küssen, er- zählte Witze, rannte, von dem Schweinchen gefolgt, mit den Pferden um die Wette, ließ seinen Tütenhut von Moses apportieren, schrie sich heiser und trug unter Applausstürmcn, für die er mit der Kehrseite„bestens dankte", den rosenroten Vierfüßler, dessen Ringelschwänzchen aus blütenweißen Hößchen hervorsah, im Kreise herum „Hier, libbe Kusin, maine klaine Fammillijehl" Dann setzte die Musik wieder dröhnend ein, und während die Reiter von neuem gellende Rufe ausstießen, und der Direktor in die Mitte der Arena trat, um mit ewig knallender Peitsche die müden Gäule anzufeuern, lief Signor Santelli, der einstige Heinrich Wendlandt, aus der Manege. Der linke Arm hielt das Ferkel, in der rechten trug er den Sammelteller, um von den Zaun- gästen, die sich hinter den Bänken drängten, ein Trinkgeld zu kassieren. Natürlich stob alles zur Seite, als der gefürchtete Teller nahte. Der Clown konnte sich heiser brüllen:„Ain klaines Trinkgeld für maine klaine Fammillijeh,"— nur wenige blieben stehen und rückten ein paar Kupfermünzen oder ein Fünfpfennigstück heraus. Er hatte gerade wieder gerufen und streckte den Teller einer Frau hin, als er sich jäh unterbrach. Die Frau hielt einen vielleicht fünfjährigen Knaben in die Höhe— so hat sie wohl den geborenen Feind aller Zaungäste nicht bemerkt. Sie wurde rot, griff in die Tasche und warf einen Groschen auf den Teller. Das Kind hatte sie vorher niedergesetzt. Auf dem Teller klimperten die Geldstücke wunderlich. Der Teller zitterte und schaukelte. Aber Signor Santelli faßte sich rasch. „Großen Dank," rief er,„im Namen meiner klainen Fammillijeh." Und zu der Frau:„Schönes Kind, Madam'— gehört es Ihnen?" Etwas verwirrt und unwillig faßte sich die junge Mutter an ihr Haar, das blond und zu einem starken Knoten zusammen- gedreht war. „Ja." sagte sie kurz. Der Clown zuckte zusammen. Er wollte das Kind streicheln, aber es drängte sich erschrocken an die Mutter. Da faßte Signor Santelli das Ferkel fester. „Ihr Kind, Madame, sieht ja nichts— kommen Sie mit! Ich will Ihnen einen guten Platz geben." Erstaunt schüttelte die junge Frau den Kopf. Was wollte denn der Komödiant? Sie sah sein rot übermaltes Gesicht und verzog die Stirn. Er mochte es verstehen, was in ihr vorging. Ganz leise und still sprach er: „Ich mein' eS nur gut... Mögen Sie nicht?" Es war, als ob. sie mit dieser Stimme etwas Entschwundenes berührte... etwas, dessen sie sich nicht mehr entsann, daS sie nicht bestimmen konnte, das aber schön und rein gewesen sein mußte. Sie neigte bejahend das Haupt. Der Clown aber ging ohne jedes weitere Wort ihr voran, wieS auf einen unbesetzten Platz in der ersten Bank und verschwand. Er trat noch einmal auf und entfesselte wieder stürmischen Beifall. Dann schminkte er sich ab, wusch sich, zog einen an- ständigen Rock an und mischte sich unter die Zuschauer. Er konnte gerade in das Gesicht der blonden Frau blicken. Es war ruhig und regelmäßig; es wurde weich und warm, wenn sie sich zu dem jubelnden Knaben neigte. Fraglos stand sie in kleinen Verhält- nissen, aber war zufrieden mit ihrem Lose, mit ihrem Knaben, mit ihrem Mann.. Signor Santelli, aus dem jetzt Heinrich Wendlandt geworden, ging ihr nach. Er sah, wie ein Mann auf sie zutrat; er hörte daS Kind„Vater" jubeln. Die drei schritten nun durch die schon dunklen Straßen ihrem Hause zu. Es stand eine Laterne davor, Schräg fiel ihr Strahl nieder... in diesem Strahl leuchtet sekundenlang noch einmal das blonde Haupt auf. Immer stiller wurden die Gassen. Die Sterne droben schienen reiner und größer hervorzutreten, seit die Stadt schwieg. Der Geruch der Rosen ward heftiger, die Häuser schienen darin z schwimmen wie in einer zarten Wolke. Ziellos wanderte der Clown straßauf, straßab, bis er müde war. Dann schritt er zurück nach dem alten Markte, zu seinem Wagen. Wie hatte er geträumt? Er würde zurückkommen, reich, be» rühmt, in einer Equipage auf Gummirädern. Aber er kam zurück in einem Wägelchen, das zwei Ziegenböcke zogen; er kam zurück als Zirkusclown, den nur der Anschlagszettel für weltberühmt ausgab. Und reich? Ihm war, als wäre er in der Nacht, als er fortlies, reicher gewesen. Nein— er hatte kein Glück gehabt. Auch der Kuß der blonden Agnes hatte nichts genützt dazu. Sie hätte auf ihn warten sollen. Damals hatte er in fester Zuversicht geglaubt, daß er einst ihr Mann, er der Vater ihres Buben sein würde. Eine kleine Familie wollten sie bilden. Er betrat den Wagen, in dem er wohnte. Eine dumpfe, schwere Luft schlug ihm entgegen. Moses lag an der Leine, lief ihm ent» gegen und grunzte. Da übermannte ihn die Wut. Er stieß mit dem Absatz nach dem Schwein, daß es unter jämmerlichem Gequieke entfloh. Denn es hatte ihn an seinen stereotypen Clownwitz:„Maine klaine Fammillijeh" erinnert. Dann saß er lange an dem niedrigen Fenster. Nebenan zwei Kunstreiter. Bedrückt und kummervoll lag Moses in der Ecke. Da wandte sich der Clown. Im ungewissen Licht unterschied er den Vierfüßler. Der ernährte ihn. Der zog übermorgen weiter mit ihm in eine andere Stadt, in der es nur den Signor Santelli gab. Der hing ihm sogar an. Der Rosenduft, die Töpferstraße, die blonde Frau, Erinnerungen—— das konnte er nicht halten. Und was hatte er sonst. „Moses!" rief er Da kam mit kurzem, fröhlichem Nutten das rosige Ferkel auf ihn zu. Er nahm es auf, kraute eS, drückte es fest an sich und sagte seltsam, ohne Bitterkeit und Schärfe, was er sonst als Possen» reißer zur Belustigung des Publikums zum besten gab: „Meine kleine Familie!" kleines feuilleton. Musik. Der Vorhang geht auf, aber trotzdem ist noch keine Szene zu sehen, sondern erst wiederum etwas Vorhangartiges, Dunkles; man unterscheidet gerade noch eine Umrahmung von einem Mittelstück. Und nun geht dieses Mittclstück zweiteilig nach den Seiten aus- einander, und ein mehr oder minder helles Szenenbild gräbt sich in das Auge des Beschauers hinein. Das eine Mal ist es auf Gelb und Braun gestimmt, das andere Mal aus ein verblüsfendes Mohn» rot, schließlich auf einen Mondschein, der allmählich die bläulichen Hügel und Wasser erglänzen macht. Das war wohl der Haupwindruck von dem neuen Musikdrama, das Donnerstag in unserer„Komischen Oper" zum ersten Mal aufgeführt worden ist. Titel und Inhalt sind entnommen der ergreifenden Erzählulch„Romeo und Julia auf dem Dorfe", von Gottfried Keller. Der danach gearbeitete Text ist ersichtlich zuerst in englischer Sprache verfaßt worden; wenigstens hören wir, er sei aus dem Englischen übersetzt von Jelka-Rosen. Begreiflicherweise kommt man, auch wenn man die Wiederholung von Altbekanntem scheut, über die längst bekannte Warnung zur Vorsicht bei der Uebertragung epischer Dichtungen auf die Bühne nicht hinweg. Der Text, wie er unsl vorliegt, besitzt den Vorzug einer würdigen, einigermaßen poetischen Sprache; der Aufbau de» Inhaltes ist jedoch so undramatisch wie nur denkbar. Zwei reiche Bauern in dem schweizerischen Dorfe Seldwhla entzweien sich über ein Brachfeld, dessen richtiger Eigentümer als ,cher schwarze Geiger"' umherzieht. Der Sohn des einen und die Tochter des anderen Bauern sieben sich, rönnen aber erst nach dem Verfalle der Familienguter einander näher kommen. Dann ziehen sie umher, bei Festlichkeiten usw., fühlen die Unmöglichkeit der endlichen Skr» einigung und suchen Liebcsruh im Wasser. Die Notwendigkeit gerade dieses Ausweges fühlt der Leser dieses Textes nicht. Nun haben Komponist und Theaterleitung die Aufgabe, darüber hinaus den Zuhörern und Zuschauern eine solche SJotwenbigkcit überzeugend vorzuführen. Ob auch nur die Tatsache des tragischen Entschlusses im Zuschauerraum genügend klar wird, möchten wir um so mehr bezweifeln, als die Aufführung am Schlüsse von dem Textbuch in einer weniger deutlichen Weise abweicht. Bleibt also die Aufgabe, Stimmungen zu erzeugen, aus denen man gebnis als eine notwendige Folge empfiuden könnde. Tatsächlich hat der Komponist FrederickDeslius nicht Uebles in dem Aus« bieten seiner Kittel, namentlich der Klangfarben, für die Stimmung des Idyllischen gele.stet. Noch mehr hat die Ausstattung dazu getan, die aus der Hand von Kart Walser uns wirklich schöne Landschaftsbilder und dergleichen zeigt. Doch aller Fleiß, der auf die reichhaltige Partitur verwendet ttmrdw und alle die bereits wohl- bekannten Bühnenkünste vermögen die erzeugte Stimmung nicht zu spezialisieren, daß sie gerade zu diesem End« führen uiüßte. Und jemehr im Orchester sowie auf der Bühne an Interessantem aufgeboten wird, desto ermüdender wirkt es. In den einzelnen Künstle rstungcn wurde wieder sehr Gutes borgeführt. Die Direktion hat durch das Engagement des Baritons Rudolf P r o e l l, vom Stadttheater in Frankfurt a. M., einen besonders glücklichen Griff getan; diesmal konnten sich allerdings nur in einer kleinen Rolle der Glanz seiner Stimme und das Lebensvolle seines Spieles entwickeln. Auf die beiden Haupt- Personen, Sali und Vrenchen. konzentriert sich fast alles Interesse. In einem Borfpiel erscheinen sie als Kinder, in dsn.drei Aufzügen"(Wie es im Textbuch heißt) oder den„fünf Bildern"(wie es bezeichnenderweise auf dem Theaterprogramm heißt), erscheinen sie um sechs Jahre älter. Tort wurden sie von den zwei Damen Ery S. Urban und Ilse Lorenz verkörpert, hier von Willi Merkel und Lola Artot de Padilla. Im allgemeinen leisteten sämtliche Mitwirkende Gutes. Dies gilt auch von einem merktvürdigen und bereits musikalisch interessanssw Gesangsquintett gegen Schluß, dessen Partien heißen:„Der schwarze Geiger, das schlanke Mädchen, der arme Hornist, der bucklige Baßgeiger." Die Aufnahme des Stückes war für Berlin etwas zweifel- hast. Doch gelang es einer kleinen Partei, auch dem Kouchonisten einen äußeren Erfolg zu bereiten. Wir glauben, Dieser sei keineswegs unverdient, doch schwerlich auf dein eingeschlagenen Wege der Steigerung fähig, bz. Kunstgewerbe. e. s. Im Kunstgewerbemuseum findet eine interessante Ausstellung statt, die die Resultate eines SchriftkurfuS zeigen, den Profrnor Peter Behrens in Düsseldorf für die Lehrer an den preußiscven Kunstschulen veranstaltet. Die künsUerische Leitung lag in den Händen von Peter Behrens, dessen monumentale Art im Dekorativen bekannt ist und der also berufen erscheint, die Schrift wn all dem zeitlichen Schnörkelwerk zu befreien. Den fachlichen Interricht erteilten Maler F, Ehmcka und Frl. A. Simons, Jeder, der fich für Schrift interessiert, sollte sich diese Ausstellung tnsehen. Sie gibt eine praktische Anleitung, die besser einführt in da? Wesen und den Zweck und Stil der Schrift als langatmige Borträge. Sie zeigt, wie durch sachgemäßen Unterricht eine sichere Ausbildung erreuht werden kann, wie auf praktischem Wege feste Regeln gewonnen werden können. Das Augenmerk richtete fich immer daranf, den Unterwiesenen ein Gefühl für �>as beizubringen. IvaS man organische Struktur des Buchstabens nennen kann. Auf diese Weise findet eine natürliche Zurückführung des Wesentlichen eines Buchstaben statt. Der Charakter der alten Typen ist dabei benutzt, weiter gebildet, gereinigt von allem Schnörkelwerk und so ersteht schließlich eine neue, moderne Swönheir, die das Beste der allen Meister überinmmt und weiter ausbildet. So verschieden schließlich diese einzelnen Schriften find— ,aS Sachliche gibt den Grnndloa. das Persönliche prägt den eweUigen Charakter, auch der Zweck wandelt das Aussehen — sie hoben das Eine gemeinsam, die Grimdidee, die >arauf ausgeht, die natürliche Ausgestaltung eines Buchstabens u finden, gleichgültig, ob sie mit Grund- und Haarstrich entworfen nd, ob sie in Grell- oder Pinselschrift gehalten sind oder in latei- ischer oder Uncialschrift geschrieben find. Dcuint aber nicht genug. Der Buchstabe steht nicht allein. üchstaben fügen fich zusammen zum Wort, Worte zu Zeilen, Zeilen zur Seite. Diese Zuiammenfügung ist nur eine Weiterbildnug der gegebenen Ideen. Auch hier Geschlossenheit, Festigkeit. ES gilt. die Welte der einzelnen Buchstaben, die fich verschieden ergeben nach dem Raum, den sie emuehmen, herauszufinden und richtig zu beuutzeu. Es wird hierzu ein in kleine, blaue Vierecke geteiltes Papier, wie eS zum Rechneu in den Schulen gebraucht wird, be- nutzt, es erleichtert durch die gleichmäßige Wiederholung der Bierecke die Raimiverteilung. Auf diese Weise bildet sich schließlich ein« Seite, auf der das Satzbild wie eüi geschlossenes Bild steht und gerade die Einfachheit, die Abwesenheit jedes Schmuckes ergibt eine Schönheit, die dämm so imponierend, fast momuneutal wirkt, als sie ganz in das Material eiugegangeu ist und nicht aus Neben- werten, Zusätzen, seinen Reiz entliiunnt. Je nach dem Zweck, je nach der Periöntühkeit läßt fich Zierlichkeit oder Derbheit, Wucht oder Lnftigkeiv im Eindruck erzielen. Weiter wird daim gezeigt, wie die Schrift mtt Bildschmuck organisch verbunden werden kann. Jedes Bild hat eine bestimmte, dekorative oder malerische Haltung und im Verhältnis dazu ist die Schrift zu entwerfen. So ergibt fich auch hier eine Einheit, die die alten Drucke immer haben, die wir in unserer Zeit selten erreichen. Indem die gewonnene» Ersahrungen dann für bestimmte Zwecke nutzbar gemacht werden, für das Plakat, für Prospekte, Buchtitel erweitert sich das Geltungsgebiet in wesentlicher Weise und schließt fich zu dem eamten Gebiet der augewandten Graphik zirsammen. Hoffentlich >en diese Kurse den Erfolg, daß mm der Unterricht in dieser modernen Weise erteilt wird. Denn oft heißt es, wie auch hier: Die Lehrer sollten Schüler sein. Humoristisches. — Der vergeßliche Zeus. Zeus lustwandelte einst, wie er das liebte, in der Nähe von Athen. Da sah er vor sich die holde Gestalt einer jungen Hellenin und beschloß, ihr zu folgen. Weil er aber den Zorn seiner Gemahlin Hera fürchtete, verwandelte er sich— was er schon öfter getan— in ein Tier. Er wählte dazu die Form eine? kleinen, niedlichen Voxls.— Dieser sprang schmeichelnd um die Jungfrau, bis sie fich bückte und ihn liebkoste. Da trat hinter einer Pinie Dasixtes hervor, ein attischer Polizeisoldat. Und er sprach:„Lais, Tochter des Anaximandros, gehört Dir dieser Hund?" Aus Mitleid entgegnete sie:„Dn sagst es. Dasixtes I'„Weh Dir l" antwortete er bedauernd.„Der Boxl trägt keine Marke I Das kostet fünfzehn Drachmen Steuer und dreißig Drachmen Strafe!".Beim Schleier der Schaumgeb ornen I" rief sie entsetzt. Weil aber das Hündlein bettelnd an ihr emporsprang, griff sie seufzend in die Tunika und bezahlte. Er gab ihr die Marke und ging. Sie jedoch trat in die Werk- statte des Metallschmiedes BlechurgoS und kaufte dem Boxl ein zier- licheS Halsband, an das man die Marke befestigte. Dann führte sie das Hündlein nach Haufe. Plötzlich aber war es verschwunden. „Beim Styx!" sprach sie traurig..Ein Undankbarerl" HermeS hatte nämlich, von einer Reife heimkehrend, keife etwas in Hera? Ohr geflüstert. ZeuS, der dilä gleich ahnte, war sofort in den Olymp zurückgekehrt. „Hehre Hera," sprach er,„eben habe ich dem Kampf des Achilles mit Hektar gelauscht I" Sie sah ihn an,„Beuge Dich zu zu mir!" sagte fie. Als er dies tat, griff ihm die Listige schnell an den Nacken. „O popoi I" rief sie.„Was ist das:„Boxl No. 1728!?" ... Und ein Gewitter brach los, das man in ganz Hellas ver» nahm.—„Bei den Stockzähnen des Herakles!" murmelte Zeus. „So geht's, wenn man alt wird: Jetzt Hab' ich vergessen, das Halsbandl mitzuverwandeln l" („Fliegende Blätter".) Notizen. — Kainz wird bei seinem Gastspiele im Neuen Schau- spielhause auch am Dienstag den Torquato Tasso spielen, und >mcht, wie angekündigt wurde, den Leon in„Weh' dem.�der lügt". Die bereits gelösten Billetts behatten ihre Gültigkeit, sie käuuen aber auch umgetauscht werden. — Infolge Erkrankung des Frl Honig wurde die Premiere von „Schwerenöter von Anno Tobak' im Theater des Westens bis auf wetteres verschoben. — Hermann Nissen hat bei der Wiener Vurgtheater- intendanz feine Entlassung erwirk, er ist auf fünf Jahre für das im Entstehen begriffene Hebbel-Theater verpflichtet worden. — Die ZeichnenanSstellilng im Kunstgewerbe« museum, die sich zahlreichen Besuches erfreut, bleibt bis zum, 24 Februar geosfuet, abends ist fie von ö Uhr an zugänglich. — Zur Erhaltung der Naturdenkmäler ist in Da nzi g eine amtliche Stelle eingerichtet worden, die der Direktor des Westpreußischen Provinzialnmscums Dr. Conwentz leitet. Sie soll charatteristische Gebilde der heimatlichen Natur(Landschaften, Tiere und Pflanzen) erhalten und schützen helfe». Vielleicht dehnt diese Behörde ihre Tätigkeit auch auf die Kolonien aus und sorgt dafür, daß noch einige Hereros erhalten bleiben. — Der Chemiker Henri Moissan ist in Paris nach einer Blinddarmoperation gestorben. Der miSgezeichiiete Forscher, der im Jahre 13ö2 in Paris geboren war, ist der Wissenschatt viel zn früh entrissen worden. Nachdem er im Laboratorium für Boden- kultur irnd als Physiklehrer am landwirtschaftlichen Institut sowie an der pharmazeutische» Hochschule in Paris tätig gewesen war, erhielt er an letzterer Anstatt 1888 eine Professur, Seine Forschungen erstreckten fich auf mancherlei Gebiete. Die Chemie wie die Physik verdankt ihm.bedeutendes. Zahlreiche wissenschaftliche Ehningen wurden ihm zu teil. Als einer der ersten erhielt er die goldene Hofmami-Medaille und zuletzt noch wurde er durch den Nobel-Preis ausgezeichnet. An, bekanntesten wurde er im großen Publikum durch die künstliche Darstellung kleiner Diamanten (1893). Mit Hülfe riefiger Hitzegrade in dem eigens konstruierten elektrischen Ofens glückte es ihm, ouS reinem Kohlenstoff allerdings sehr kleine Diauiautlnstalle herzustellen. Wichtiger war aber die Entdeckung des Calciumcarbids, daß im Azetylen! icht auch praktischer Verwendung zugeführt wurde. Ihm gelang es auch zuerst. daS Fluor zu verflüssigen. Andere Untersuchungen betrasen die Oxyde deS Eisens soivie die Chrom- und Cyanverbindnngcn. Seine Forschungen über die Chemie der Metalle eröffneten wette Perspektiven, deren Erreichung ihm der Tod versagt hat. verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SW.