Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 40. Dienstag, den 26. Februar. 1907 (Rachdruil verboten.) 40] JVIadamc d'Ora. Roman von Johannes V. Jensen. „Ich habe ja ihren Namen gerufen!" sagte Mason schnell. „Ja, das war nun allerdings eine mysteriöse Begebenheit! Das habe ich nicht verstanden. Ich weiß noch nicht, was ich davon deilken soll." „Kannten Sie sie?" „Ich glaubte, es sei Elly. Ich sah sie ja nur einen Augen- blick. Aber finden Sie es nicht sonderbar, daß ich unwillkür- lich ihren Namen rief?" „Ich erkannte sie nicht," sagte Hall.„Aber ich sehe ja auch schlecht. Haben Sie etwas dagegen, mir noch ein wenig Whisky zu geben?" Mason schenkte ihm schweigend ein Glas halb voll, und Hall verschlang es. „Alles, dessen ich mich entsinne, ist, daß ich mit einer zwingenden inneren Macht den Mord fühlte und mich seiner erinnerte, während des einen Moments, daß �lly sich zeigte. Aber ivcnn ich zugebe, daß ich damals selber überzeugt war, so ist damit noch nicht gesagt, daß ich es jetzt tue. Im übrigen ist ja nachgewiesen, daß Evanston alle Geistererscheinungen fabriziert hat, entweder mit verkleideten Personen oder mittels Lichtbildern.. „Sind Sie wirklich ganz sicher, daß er sie alle gemacht hat? Sind Sie wirklich ganz sicher? Ich bin es nicht. Hall!" „Sagen Sie das wirklich? Und Ihren Augen fehlt doch nichts!" „Nein. Und ich glaube, weiß Gott, daß etwas von dem, was wir sahen, tatsächlich war. Ich glaube, Fräulein Kärekin mar das Medium, und sie konnte Geister heräufbeschwören. Dazwischen schob dann Evanston seine Sachen hinein, entweder wenn ihre Fähigkeiten versagten, oder auch um die Wirkung zu erhöhen! Was bezahlten Sie Fräulein Karekin für ihr Kommen? Was erhielt sie pro Sitzung?" „Sie hat nichts erhalten." „Nun gut. Aber Evanston, der ja natürlich mit ihr im Bunde war, sah wohl auf andere Weise seinen Vorteil darin, die Sitzungen im Gange zu halten. Warm die Papiere, die ich bei ihm fand, sehr wertvoll?" „Wertvoll? Ja. das waren sie." .Sehen Sic wohl! Aber dann war es ja schade, daß wir sie verbrannt haben!" Hall grübelte lange. Tonn murmelte er: „Wenn die Frau, die wir sahen, ein Geist war— einerlei. ivas Sie und was ich darunter verstehen— so habe ich wahrscheinlich den Mord begangen." „Ich glaube, daß es ein Geist war. Hall, weiß Gott, ich glaube es. Sie gestehen also..." Hall schielte, als er zu ihm aufsah: „Ja. Ich habe ihr den Hals abgeschnitten und ihr Blut geschlürft." Mason umarmte ihn, tanzte im Polkatakt mit ihm, drehte ihn herum: „So, nun ist es gut. Hall! Nun sollen Sie auch eine frische Zigarre haben, verdammt und verflucht!" Während Mason die Zigarre herausholte, streckte Hall unbemerkt den rechten Arm nach der Whistyflasche aus und tat einen langen Schluck. Er lachte krampfhaft, als Mason es nicht merkte, und er fuhr fort zu lachen, während er seine Zigarre anzündete. „Worüber lacht Herr Hall?" fragte Mason mit einer Art von moralischer Wehmut. „Sie verstehen nicht den tödlichen Reiz, der in dem Genuß von Ironie liegt," flüsterte Edmund Hall.„Sie entdecken nun auch nicht alles, mein lieber Mason. Es be- lustigt mich bis ins Mark hinein, daß ich den Mord begangen haben kann, mit dem Sie sich so eifrig zu beschästigen be- lieben, aber daß ich es selbswerständlich nicht getan l)abe. Ich fühle mich beinahe versucht, Ihnen in bezug auf einige Piziikte bchülflich zu sein, da Ihr psychologischer Sinn nicht ausreicht. szch könnte mit der größten Leichtigkeit beweisen, daß ich Elly llohnston ermordet und„ihr Blut geschlürft" habe..■. Ironie ist doch ein wunderbar gefährlicher Sport! Ich könnte beweisen, daß niemand anderes als ich Elly Johnston gemordet hat. Sagte ich nicht schon vorhin, daß ich kein Alibi habe? Ein Mann wie ich hat nie ein Alibi, merken Sie sich das, �Herr Mason. Ich bin überall zugegen, es geschieht nichts, �ohne daß ich es nicht tue, denn ich bin die Seele in aller Welt! Wie sollte überhaupt ein Mensch getötet werden, wenn nicht Mord in meiner Natur auf Lager wäre? In meinem Kopf sind viele Kaminern— es ist nie etwas passiert, was ich nicht bekräftigen könnte. Das ist die Definition von mir< Deshalb brauche ich ja Elly Johnston nicht getötet zu haben, das sieht mir gar nicht ähnlich. Ich habe es auch nicht getan." Mason wurde dunkelrot, er öffnete den Mund... Hall ließ ihn aber nicht zu Worte kommen. Er näherte sich ihm, auf den Beinen schwankend und lachte ihm ins Gesicht: „Soll ich Ihnen auch erzählen, wer den kleinen Mord begangen hat? Was meinen Sie, wenn ich behaupten wollte. daß Sie selbst es sind, Sich Herr Thomas'A. Mason? Sie bringen alles an die große Glocke, also sind Sie es auch wohl im Grunde, der es als Tatsache in die Welt hineinbringt. Nein, Sie sind unschuldig! Ich scherze ja nur, Nein, Joseph Evanston hat Elly Johnston ermordet!" „Welch ein llnsinn... Sie sind total besoffen. Hall." „Ihr Mord muß ja von einem religiösen Untermenschen begangen sein, von jemand, dessen Geschmack der Prostitution in der Stamfordstreet entspricht. Jospeph Evanston hat es getan. Und er hat alle Indizien aus mich herüber praktiziert, um mein Gehirn zu rauben. Er wollte auch meine chemischen Erfindungen haben und da steckte er das anatomische Prä- parat und die kleine Bibliophilausgabe von Sparkassenbuch statt dessen in meine Tasche— nicht wahr? Sie haben sich natürlich mit i h m auf dem Gare du Nord geprügelt, Mason, und e r hat auch die alten Zeitungen bei mir eingeschmuggelt. um die Geschichte in mein Treibhaus von Einbildungskraft hincinzupflanzen. Er fand einen müden Mann, einen Mann, der seine Augen ruiniert hatte, weil er für die gesamte Menschheit gesehen hat, den konnte er gebrauchen. Joseph Evanston hat Sie auf die Spur gebracht, indem er Sie aus meine kriminalpsychologischen Schriften aufmerksam machte. Unternehmender Mann!--- Ist es nun nicht sonderbar, Herr Mason. daß ich so betrunken sein muß, wie ich es jetzt bin, so tierisch betäubt, um dies alles zu durchschauen, in das ich gerade dank der Entfaltung meines Verstandes hineingeraten bin, ist das nicht sonderbar? Hall tat einige Schritte durch das Zimmer, vergnügt lächelnd und mit einem freundlichen Blick auf Mason. Plötz- lich verlor er das Gleichgewicht und war kurz davor zu fallen. machte aber schnell ein paar Schritte, und mit einem Gelächter sank er Mason in die Arme. „Ich bin ja heimgekehrt," sagte er schluchzend und schnob die Luft durch die Nase auf.«Ich bin ja weit gewesen und so allein. Aber nun bin ich ganz glücklich. Es ist doch schön, wieder nach Hause zu kommen. Nun wird schon für mich gesorgt werden." Er brach in ein paar schluchzende Laute aus und verlor damit völlig die Gewalt über sich. Mason führte ihn an den Stuhl und setzte ihn nieder. „So, Hall," tröstete er.„Kommen Sie nun zu sich. Ich hätte Ihnen nicht so viel zu trinken geben sollen. Sie reden ja ganz wirres Zeug. Aber es hat gar keinen Zweck, jetzt so mit Ihrem Geständnis zu spielen. Was einmal feststeht, daran soll man nicht rühren. Besinnen Sie sich jetzt einmal." Hall lachte laut. Er sah den Detektiv mit ein paar wunderlichen Augen an. mit klugen, kranken und lustigen Augen. „Ich habe Elly ermordet," sagte er schwermütig,„ich habe etwas getötet, was sehr wohl durch Elly repräsentiert werden konnte. Sagte ich Ihnen nicht schon vorhin, daß ich versehentlich„das Weib" verletzt habe, indem ich über das Menschliche hinausstrebte? Damit hat er mich ja auch ge- fangen, dieser Evanston, indem er mir die Ewigkeit vor» gaukelte und das Uebernatürliche.. Ja, ich habe Elly getötet. Nehmen Sie mich nur.". Hall brach in ein herzliches Gelächter aus. Und er, der sonst niemandem seinen Blick aufzudrängen pflegte, sah jetzt Mason starr und sicgesgciviß an. � Mason aber begegnete seinen Blick unsicher, nicht recht zufrieden.., — 158— Plötzlich wurde geschellt, lange. Und fast im selben Augenblick dröhnte es so gewaltsam gegen die Tür, als laufe jemand mit der Schulter dagegen. Von draußen erschollen Stimmen. „Wer da?" kommandierte Mason.„Kuhigl Ruh igt" Er tänzelte hin und öffnete. 17. Zwei hünenhafte Schutzleute und ein Mann in Zivil Lrangen mit geladenen Revolvern in das Laboratorium ein. „Ist Edmund Hall hier?" rief der Zivilist, ein Herr mit iveißem, kurzgeschnittenen Schnurrbart und roten Wangen. Er erblickte Hall und richtete den Revolver auf ihn: „Tie Hände her!" Hall blieb ruhig sitzen. „Verzeihen Sie. aber was wünschen Sie?" fragte Mason Und sah den Weißbärtigen kritisch an. „Wer sinh Sie," fragte der Mann barsch und zeigte mit Nem Revolver auf Masons Bruft.„Wollen Sie gefälligst die Hände ausstrecken!" Mason erhob die Hände wie zu einem Salacun. er lächelte Unendlich überlegen: „Regen Sie sich, bitte, nicht auf! Mein Name ist Thomas A. Mason, London. Beamter der Geheimpolizei. Sie sagten, Sie hießen?" »Higgs, Detektiv hier aus der Stadt. Hallo! Halten Sie ihn! Halten Sie ihn!" Hall hatte sich erhoben und stand da. die Whiskyflasche am Munde. Die beiden Schutzleute eilten herM und entrissen sie ihm. „Legt ihm die Eisen an." befahl Higgs. „Herr Hall ist mein Arrestant!" rief Mafon sehr be- stimmt.„Ich erhebe Protest dagegen, daß Sie ihn anrühren! Im Namen Sc. Majestät des Königs von England! Ber- letzen Sie nicht die britische Ration, meine Herren!" „Ich... die britische Nation," sagte Higgs wild. »Welches Anrecht haben Sie auf den Mann da?" „Was sagten Sie, daß Sie täten?" rief Mason er- Gleichend aus.„Jesus Christus! Das sollen Sie bereuen! Wissen Sie. was es heißt, das britische Kaiserreich verhöhnen? Kartätschenfeuer aus fchnellschießenden Kanonen heißt das! Zur Hölle auch! Ich werde ein Panzerschiff hierher in Euren gottvergessenen Hafen legen und Eure gottverdammten Wolkenkratzer in Grus und Mus über Euch zusammen- schießen!" „Und ich tDÜX Eure elenden Panzerschiffe mit Minen und Torpedos in die Luft sprengen," sagte Higgs und trat dicht an Mason heran.„Ich bin ein Amerikaner! Ich werde Iowa und Illinois nach Eurem Treck-London hinüberfchicken und an Land gehen und Euch allen Eure eigenen Gedärme um Euren Hals wickeln! Ich will Euren gottverdammten Hyöe Patt? zu einem Düngerhausen von rauchenden Leichen machen!" '(Schluß folgt) Arbeitsteilung. Von Löon Xanrof. Lbltorisserte lleberfetzrmg aus dem Fronzöfischen. Ein großes, mit raffiniertem Luxus ausgestattetes Zimmer. Vor dem Fenster ein eleganter, breiter Diptomatentisch; darauf eine prächtige Schreibmappe aus gelbem Krokodilleder und ein Tmteufaß aus getriebenem Kupfer. Beim Anblick des letzteren, das erst eben die Fabrik verlassen zu haben scheint, fragt man sich erstaunt ob es wohl schon jemals benutzt fein mag. Auch Feder und Federhalter machen den nämlichen Eindruck Richt ein Heft, nicht ein Srück Papier ist auf der Schreibtischplatte zu sehen. Nur ein einziges Buch liegt unter einer schiveren Bronze: das Gesetzbuch. Vor dem Schreibtisch, in einem bequemen Sessel, dessen Lehne reiches Schuitzwert aufweist, räkell sich dick und rofig, in: an- enehmen Bewußtsein, ein exquisites Frühstück vor sich zu haben, r, dessen Namen man auf den Herr Machin, der gefeierte Autor, Theaterzetteln am häufigsten begegnet. Ein schwarzbeftackter Diener'tritt geränschlos ein und meldet ?serrn Chose, einen junqen Kollegen von Machiu, der mit einem ae- chickt gemachten, im„Theatre Äntoine" aufgeführten Einakter so- eben den ersten Schritt in die.llnsterblichkeit getmi hat. M a ch i n:„Ich lasse bitten." iEr nimmt hastig einige Bogen weißeö Papier aus der prächtigen Schreibmappe uild legt sie vor sich hin. taucht die neue Feder in das neue Tintenfaß, und drückt die Stirn gegen die Hand, als fei sein Kopf eine Zitrone, dem man nach Belieben die Gedanken auspressen könnte.) Chose(furchtsam eintretend):„Verzeihung, teurer Meister. störe ich?" Mach in:„Aber durchaus nicht, mein junger Freund, durch- aus nicht! Ich war gerade dabei, die letzte Hand an ein Stück zu legen, das... Ich bin schrecklich beschäftigt... Augenblicklich schreibe ich siebzehn Alle!" Chose(entsetzt):„Siebzehn Akte? I" M a ch i n:„Ja... das heißt... natürlich in verschiedenen Stücken!" Chose:„Ach, sehr gut!(Er betrachtet den Bogen, aufweichen Herr Machin angeblich„die letzte Hand anlegt.") Ei sieh' mal an! Sie schreiben Ihre Konzepte aus Stempelpapier?" M a ch i n(seinen Irrtum bemerkend): Ja, eine dumme Gewohn- heit... Jeder hat schon so seine kleinen Eigentümlichkeiten, wissen Sie!...(Er benutzt die Gelegenheit, um alles wieder in der richtigen Schreibmappe verschwinden zu lassen.) Nun und Sie, mein junger Freund, was treiben Sie?" Chose:„Ich, verehrter Meister, ich arbeite augenblicklich an einer Komödie in drei Akten." Machrn(scheinbar gleichgültig):„So, so.... Und wovon handelt das Stück?" Chose:„Von der Ehescheidung, die ich unter einem neuen Gesichtswinkel betrachte."» M a ch t n(auftuerksam):„Und zwar?" Chose:„Ich betrachte die Scheidung als die notwendige Er- gänzung der Ehe, namentlich für Gatten, die einander lieben. Die Scheidung gestattet ihnen, ihr Gluck zu erneuern und ihm noch einen besonderen Reiz zu verleihen, indem an die Stelle einer respektvollen Liebe eine wahnsinnige Leidenschaft tritt. Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr?" M ach i n(mit der schmerzlich erstaunten Miene eines Herrn, der bemerkt, daß mau ihm die Börse gestohlen hat):„Und der Titel? Wie ist Ihr Titel?" Chose:„«cheiduug aus Liebe. Wer ich begreife nicht.. M a ch i n(aufiprtngend und sich erregt dem erschreckten, un- glücklichen jungen Manu nähernd):„Sie begrcrfen nicht? Nun. ich habe genau dieselbe Idee gehabt, absolut dieselbe Idee! Und sogar denselben Titel! I(Er macht Miene, auf seiuem Schreibtisch zu suchen.) Ich will Ihnen das Konzept zeigen.... Schade! Mein Sekretär hat es mirgenommen. Wer morgen sollen Sie es lesen und Sie werden sehen, daß es vollkommen..." Chose(bestürzt):„Was... was ist da zu machen?" Mach in:„Ja, mein lieber, junger Freund, das ist ein Unglück — für Sie k Ich habe über dieses Stück bereits zu wiederholten Malen mit dem Direktor des Ldeonthearers gesprochen. Mein Stück ist so gm wie angenommen...." Chose:„Aber dann ist meine ganze Arbeit...* M a ch i n:„Ja, so etwas kommt vor. Rur gut daß Sie mir von Ihrem Stuck erzählt haben! Sonst— vergegenwärtigen Sie sich einmal die Situation! Sie bringen einem Direktor das Stück, das sich als die getreue Kopie eines Stückes von mir entpuppt... So etwas ist immer sehr gefährlich für einen Ansängerl" Chose:„Das rst wahr. Wer Sie können sich wohl denken: wenn ich auch nur eine Ahnung davon gehabt hätte,, daß Sie die nämliche Idee wie ich zur selben Zeit..." M a ch i n(verbessernd):„Vor Ihnen l... Ja, dann würden Sie natürlich nicht Ihre Zeit damit vergeudet haben...(oiirletdig) haben Sie denn schon viel an diesem Stücke gearbeitet?" Chose:«Leider ja I Ich bin bald mit dem zweiten Akt fertig." Machin:„Mein armer, junger Freund!... Das tut mir auf- richtig leid l... Wenn Sie noch nicht so weit gewesen wären, hätte man es vielleicht möglich machen können..." Chose(von neuem Hoffnung schöpfend):„Was 1" Machin:„Aber nein! Das ist jetzt unmöglich. ES ist auS» geschlossen, daß man jetzt noch die beiden Stücke zu einem einzigen verschmelzen könnte." Chose(mit bittend gefalteten Händen): JDH l verehrter Meister, vielleicht..." Mach in:„Sehen Sie. ich liebe die Jugend. Ich weiß, wie hart man ringen und kämpfen mutz, bis man sich einen Platz cm der Sonne erobert. Und Sie gefallen mir ganz besonders. Ich wäre vielleicht nicht abgeneigt gewesen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Wer unter diesen Umstanden ist das natürlich ausgeschlossen, absolut ausgeschlossen I Sie sind schon beim dritten Akt— ich auch l" Chose:„Oh I... Und ich wäre so glücklich gewesen: an» gcbeteter Meister, mit Ihnen.. M a ch i n:„Ja. es tut mir aufrichtig Kid. Wer urteilen Sie selbst I Wie soll man zwei Stücke zu einem verschmelzen, denen die» selbe Idee zugrunde liegt die aber von ganz verschiedenen Vor- aussetzimgen ausgehen, naturgemäß also auch zu ganz verschiedenen Reftrltaten gelangen müssen? Wenn Sie nicht gerade ein Meister- werk geschaffen haben...(sich vor die Stirn schlagend.) Halt! Ich habe einen Gedanken! Sie bringen mir Ihr Stück, ich lese es, und wenn es mir gefällt ich meine, wenn ich Ihnen einen gewissen Erfolg provhezeien kann, füge ich ihm ein wenig Esprit hinzu, und wir vollenden gemeürfam. Nun, mein junger Freund, was sagen Sie zu dieser Idee?" Chose(in Dankbarkeit aufgelöst):„Ah I verehrter Meister.. M a ch i n:„Schon gut l... Also nun setzen Sie sich sofort hin und schreiben Sie den dritte» Akt! Es ist besser, daß Sie ihn schreiben, ich werde ihn später bearbeiten, wenn eS nötig sein sollte. Aus die Weise behält das Ganze mehr seinen inneren Zusammen- hang." Chose: ,, Gewiß, teurer Meister I" M a ch i n(sich erhebend):„Na schön I Ich hoffe, Sie find zu- frieden, he? Ein Glückstag für Sie! Mitarbeiter von Machin — das ist eine gute Empfehlung!... Ja, und die Tantiemen... Sehen Sie, wenn ich Sie zun, Mitarbeiter an einem Stück nehme, das ich so gut wie fertig habe, so ist das natürlich eine große Liebenswürdigkeit von mir... Na, ich will Ihnen den vierten Teil geben. Paßt Ihnen das?" Chose(ein wenig enttäuscht):„Ja, aber..." Machin:.Oh! wenn Sie eS vorziehen, daß ich mein Stück ganz allein vollende, mir soll's recht sein! Nur wird es dann natür- lich für Sie eine absolute Unmöglichkeit sein, Ihr Stück irgendwo unterzubringen." Chose(einlenkend):.Ja, ja, ich verstehe... Also schön l Den vierten Teil!" M a ch i n:„Abgemacht! Ich gebe Ihnen ein Viertel.(Freundlich:) Ich bin anständig, was? Ich begnüge mich mit drei Viertel» und den Freibilletts." Chose:„Die Freibilletts auch? Aber die repräsentieren ja fast ebensoviel wie die Tanttemen?" Mach in(nachläsfig):„Ja, ungefähr... Also einverstanden?" Chose(seufzend):„Gott! es wird mir wohl nichts andres übrig bleiben, mein Herr." M a ch i n(sich an den Schreibtisch setzend und einen Stempel- bogen nehmend, den er ausfüllt):„Wenn es Ihne» recht ist, bringen wir die Geschichte gleich ins Reine. Wir setzen einen kleinen Konttakt auf, nicht wahr?" Chose(mit erstickter Stimme):„Ja, natürlich!" M a ch i n(läßt den unglücklichen jungen Mann das Papier unterzeichnen und begleitet ihn zur Tür):„Auf Wiedersehen, mein verehrter'Mitarbciter, auf Wiedersehen l...(sich besimiend): Ach ja, ich vergaß... Im Grunde genommen stammt die Idee des Stückes doch von mir, ich hatte die Idee vor Ihnen. Nun. da versteht es sich wohl von selbst, daß auf dem Theaterzettel metu Name vor dem Ihrigen gedruckt wird, nicht wahr?" kleines Feuilleton. Theater. Lefsing-Th eater:„ Mieze und Maria.", Komödie in vier Akten von G e o rg H i r s ch fe ld. In einer Novelle hätte Hirschfclds aufs Intime gerichtete Talent das„Mieze- und Maria"- Thema, das dem des Mebigschcn Romans„Einer Mutter Sahn" in vielen Beziehungen verwandt ist, gewiß ohne Riffe und Sprünge psychologisch völlig überzeuaend durchführen können. Indes ein Drama erregt durch die Austührimg heute hundertmal größeres Auf- sehen als die gediegendste Erzählung, und aus diesem Grimde wohl mußte das kleine in eine Gruuewaldvilla verpflanzte Hinterhaus- mädel zur Hauptperson einer„Komödie" avanfieren. Dieser Stoff, der seinem Wesen nach durchaus den Formen dramatischer Au- fammensassung wiederstrebt, wurde je nachdem verkürzt und ausgereckt, vergröbert und mit fremden Zutaten versetzt, bis er zur Füllung des Theaterabends hinreichte. Wenn mancherlei glück- lrches Detail die Stimmung eine Zeitlang aufrecht hielt, so ttat am Schlüsse der Bankrott ganz hüllenlos hervor. Der Autor griff in seiner selbstverschuldeten Verlegenkeit Kl den abgemitzteften Aus- Hülssmitteln. Ein edler jüdischer Sekretär und heimlicher Dichter läßt eine Moralpaule gegen den Villenbesitzer und Millionär los, in der dcni Publikum nach ältester Familienstück-Manier so recht Hand- grcislich auseinandergesetzt wird, was es von diesem Herrn zu halten hat. AIS ob es dessen bedürste! Wendelin Weisach, dem Mieze, sein uneheliches Kind, nach nenn Jabren plötzlich von ihrer armen Mutter ins Hans geschickt wird, möchte das unbequeme Ding mit einer kleinen Unterstützung heimwärts senden. Doch seine kinderlose Gattin ist von dem Anblick des hübschen Mädchens so bewegt, daß sie die Kleine zu sich nehmen will, umsomehr, als sie von ihrem Manne nach einigem Lügen den Sachverhalt erfährt. Wie Weudelin, der krasse, willenschwache, aufgeblasene Egoist, der sich mit den seltensten Raffinements des modernen Luxus umgibt, für diesen Plan allmählich Feuer fängt, wie seine Eitelkeit sich regt, ein Meisterwerk moderner Kunst- erziehung an der Kleinen zu vollbringen, wie in der Sorge um das Kind die Frau aufblüht und durch den neuen, unbewußten Reiz den ihr fremd gewordenen Gatten zurückgewinnt.— ist hübsch ersonnen und in ironischen und stimmungsvollen Wendungen ausgemalt. Wer das Interesse an diesem Hintergrunde ist mit dem zweiten Akte ausgeschöpft, von da an drängt stch das Grelle und Gesuchte immer mehr hervor. Dem Kontrast zwischen der derb- gesunden Statur des Proletarierkindes und den ästhettsch überspannten Erwartungen, mit welchen die neuen Eltern an ihm herum kurieren, bis die Kleine endlich zur Mutter und den sechs Geschwistern zurückflieht, gewinnt die Komödie wohl einige komische Situattonen ab. Aber der Zwang, das weit zerstreute Einzelne im dritten Alt in eine geschlossene Szenenfolge zu konzentrieren, führ« zu den aewundeniten Verknüpfungen. Je deutlicher indes die Brüchigkeit des dramaiischen GefügeS sich kenntlich machte, um so lauter wurde merkwürdigerweise der Beifall. Die Darstellung war wie gewöhnlich im Lessing-Theater glänzend. Ida O r I o f f, die tanzende Pippa in Hauptmanns Mm chenstück, spielte das kleine Proletariermädel, Bas s ermann und Else Lohmann das Weisachsche Ehepaar. F o r e st einen ttottelhaft schöngeistigen Wiener Grafen; jede dieser Rollen kam in gleichmäßiger Vollendung heraus. dt, Kleines Theater:„Die Kralle". Schauspiel in vier Wen von Henri Bernstein. Die Aufführung des Stückes er» regte in Paris besondere Sensation, weil die Gestalt des alten Koniurunarden, der zum Verräter feiner Freiheitsidealo. wird» an Rechesort erinuerte, den glänzenden oppositionellen Pamphletisten des Kaiserreichs, den wegen seiner Teilnahme an der Kommune Verbannten, der nach der Rückkehr aus dem Exil die Sache Boulangers wie der milltaristisch-jesnittschen Kamarilla verfocht und allen chauvinistischen Instinkten schmeichelte. Welches immer die Anregungen zu dem Drama gewesen sein mögen, in seiner Ausgestalmug ist es jedenfalls vollkommen frei. Es ist darauf gerichtet. e'N Schicksal, das sich den Grundzügen nach in den aller» verschiedensten Formen wiederholen kann, in einer Reihe lose ver» knüpster Bilder darzustellen. Oder doch andeutend darzustellen. Denn die wirkliche Umwaudluug des offenen und enthusiastischen Achills Cortelon zu einem ehrlos bestechlichen Schwächling hätte zusammenhängend nur im Roman geschildert werde» können. Was Dencstein bietet, sind Herausgerisseue. dra- matifierte Kapitel eines solchen biographischen Romavs. Wir scchen die Ilisachen, die Triebkräfte nur durch das Medium der Resultate, in welche jene münden. Die Resümienmg des zeitlich weit verzweigten in einige wenige Bühnenbilder gibt der Tarstellung etwas aphoristisch Unzulängliches, verleitet zur„Mache". Trotzdem steigerten sich die zwiespältigen stimmungeir, mit denen mau der» Verlaufe folgte, in dem letzten Akte dank Reichers Kunst zu einer mächtig anschwellenden Empfindnug, die alle vorhergehenden Mängel leicht vergessen ließ. Der Eortelon Reichers behielt auch iu der äußersten Eni» Würdigung etwas Kindliches. Rührend>oar eS anzusehen, wie dies« gutherzige fünfzigjährige Sanguiniker der verschlagenen Antoinette von seiner unbezwinglich großen Liebe spricht, wie er glückstrahlend in die ausgespanmen Netze einer Mttgiftjägerin läuft. DaS zweite in der Mottvierung schwächste Bild zeigt Cortelon� wie er, um Antoinettes_ ausschweifende Lebensbedürfnisse z» befriedigen, den ersten Schritt der abschüssigen Bah» tut, einen parteipolitischen Artikel in seinem Blatte unterdrückt� um dafür die fetten Jirsetate einer kapitalistischen Eisenbahngesellschaft einzuheimsen. Das dritte Bild, zehn Jahre später. malt«» grellen Farben daS Schwanken des bettogenen Greises zwischen dumpfer Reue und kläglicher, durch unauslöschliche Begierde stets von neuem angepeitschter Eifersucht. Er steigt zu den höchsten Poll» fischen Ehren auf. Joden giest von Ueber zeugung opfert er im Fron» dienst feiner Frau, die ihren Ekel vor ihm längst nicht mehr ver» birgt. Die Linke hat in der Kammer eine Jnterpellatton auf Grund von belastenden Briefen, die die BestechlichkettDdes Ministers bündig beweisen, angekündigt. Cortelon memoriert die phrasenhaft verlogene Rede, die seine Gegner niederdonnern soll. Als er im letzten Augen» blick erfährt, Antoiuette sei mit ihrem Liebhaber geflüchter, kauert er sich eigenfinnig in den Lehnftuhl. Mögen sie ihn anklagen, wie sie wollen, er wird nicht aus dem Hanse gehen, wenn fie nicht zurück» kehrt! Der Lärm oer johlende» Menge auf der Sttatze lockt ihn aus Fenster, ein Steinwurf verletzt seine Sfirn. I» aus» brechendem ParoxismuS erklettert er den Tisch und wie er so dasteht, blitzen plötzlich verschollene Bilder seiner Jugend auf. Noch einmal sieht er sich, der Schmutzbesudelte, als kampfbereiten Kommunarden die rote Fahne schwingend. Die Weise eines revolufionären Marschliedes tönt von seinen Lippen. Die Glieder straffe» sich. Dann sinkt er gebrochen in die Arme seiner Tochter. Das Spiel war gut. Reben ReicherS grandioser Leistung verdient Klein-Rohdens Verkörperung eines ordinären polftischen Durchnittsstrebers besondere Erwähnung. dt. Neues Theater. Gastspiel Suzanne DeSpres. Sie brachte neue Töne auf die Bühne, die schmächttge Proletarierm. nach» dem ihr hartnäckiger Eifer und die Hülfe ihres jetzigen Gatte». des Direktors des experimentierenden L'oeuvre- Theaters, Herr» Lugas- Poe, ihr den Weg dahin gebahnt hatte». Die halbe», die gebrochenen Töne des Scheuen, Gedrückten, llnierd rückten, ließ sie mit wunderbar« Tiefe und Raturttene vernehme». Dann bereicherte sie ihr Darstellmigsgebiet: Ibsen, Maeterlinck. dÄnnunzio boten ihr Gelegenheit, ihre anpassungsfähigen und doch im Grimde nnveränderlichen Gaben zu entfalten. Vorher hatte sie, die es so ernst nahm nnt ihrem Studium, die ftanzöfische Akadenfie d« Schauspielkunst— das Conservatoire besucht und sich dort zwei ersts Preise geholt. Und als sie dann an der klasftschen Stätte des französischen Theaters, der Comödie ftanyaise, nach mancherlei Schwierigkeiten sich den Einttitt erkämpft hatte, wagte fie sich dort mit ihrer Phödre hervor, die sie schon am Conservatoire gespielt hatte. Die Vertreter der konvenfionellen Tradition gerieten darüber in bedauerliches Entsetzen. Wer die Künstlerin ging ihren eigene» Weg weiter, der fie glücklicherweise bald wieder_ ans dem Zwange der bureaukratisch verwalteten Kunstanstalt in die Freiheit führte. Am Sonnabend hat Fra» Despres bei ihrem erneuten Gast- spiel im Neuen Theater wieder einmal ihre Phödre gespielt Es war ein interessantes Experiment. Racines Tragödie, die aus dem altgriechischen Sagenstosfe ein regelrechtes„klassisches" französisches Theaterstück gesonnt hat, im abgezirkelten Alerandrinerschritt und niit gleichmäßig plätschernden Reiinen, wurde aus dem klassischen Stil der Attitüden und des Pathos ins Natura- listische, Moderu-Menschliche übersetzt. So mußte in der Tat von der DeSpres die Phodre verkörpert werden. Der Lebende hat Recht. Jede Generation schafft sich ihren eigenen Stil. Aber wenn dieser Stil auf einen anderen Stil angelvendet wird, so gibt es Dishannonien. und keine noch so verdienstliche Dar- stellung, kein noch so glückliches Gestalten nach einem neuen Stilgefühl gibt einen restlos befriedigenden Einklang. Ob Racine mit modernen Mitteln uns überhaupt menschlich näher zu bringen ist, als mit den übernommenen, das ist die Frage. Aus alle Fälle ist der Versuch dankbar, wenn eine DeSpres ihn unternimmt. Ein schcueS, zartes Mädchen dünkte sie uns, die ihr inniges Gefühl und die innerliche Tragik, die wir an ihr bewundern, in Racines Königin hineinlegte. Kein Stelzengang der Deklamation, keine lauten Gesten, kein Tragödinnenschrei. Dafür das fein abgestufte Helldunkel deS Gefühls und eine schöne, zartlinige Plastik. Dem L'Oeuvre-Theater wird das gute Enscmblespiel nach- gerühmt. Aber nicht alle Darstellendeit rechtfertigten den Ruf.. Herr Lugnö-Poe(Theramöne) und Phsdres Vertraute, Madame Lemercier, noch am besten. Aber ein allzu stutzerhafter Hippolyte und eine weder griechische noch racinemäßige geartete Aricie störten einigermaßen.— r. Freie Volksbühne lim Berliner Theater):„Bau- meister S o l n e ß". Es ist eine eigene Bewandtnis um die Feierlichkeit in den Jbsenschen Dramen. Im„Baumeister Solneß" scheint das Leben aus geheimen Tiefen zu sprechen. Der Dialog bewegt sich oft an den äußersten Grenzen weihevoller Tragik. Da mag es wohl häufig geschehen, daß der Dichter mißverstanden wird? daß der gespannte Ernst, der in den Worten und Situationen liegt, im Publikum einer heiteren Auslegung begegnet. Ibsens Höhen- kunst verträgt sich sehr schlecht mit Lustspielstimmung von gewöhn- lichem Schlage. Sie fordert auch dort, wo des gealterten Dichters Hinneigung zu mystischen Rätseln und seltsamer Symbolik be- fremdend vor die Smne des Hörers tritt, respektvolle aufhorchende Stille. Allerdings stellt Ibsen auch an die Darsteller große Anforderungen. Die Titelrolle hier ist wohl eine der schwierigsten. Sie muß aus tieffter seelischer Verinner- lichung heraus gestaltet werden, um auch überall zur äußerlichen Klarheit und Deutlichkeit zu gelangen. Daß Magnus Stift seiner schweren Aufgabe durchaus sich gewachsen zeigte, kann nicht behauptet werden. Er suchte mehr durch äußer- liche schauspielerische Behelfe zu wirken; vom innerlichen Verwachsen- sein mit seinem Helden war wenig zu verspüren. Gleichwohl zeigte der Künstler hie und da, daß er zu einer Vertiefung in: Geist und Sinn des Baumeisters Solneß gelangen kann. Eine rechte Hilde Wange! war auch Meta Jäger nicht. Der jugendfrohen Unbe- kümmertheit wird sie prachtvoll gerecht; wo Feierlichkeit und Ernst in ihre Rolle treten, versagt ihr soubrettenhaft sprudelndes Talent. Was sie dann gibt, ist gezwungen. Else Schlösser gab die Gattin des Baumeisters mit mehr Starrheit als natürlicher Schmerz- durchsättigung. Erna Pawlitzky als Kaja Fosli, Ernst Neßler sDr. Herda!) und Lothar Äövner Wagnar Brovik) sind dann noch zu nennen. Eine vorzügliche Charokiercharge bot Claudius Merten als Knut Brovik.— e. lc Literarisches. Carlo Goldonis, des italienischen Lustspieldichters des acht- zehnten Jahrhunderts, der noch lebendig geblieben ist, wird in diesen Tagen bei der 200. Wiederkehr seiner Geburt gedacht. Seine venezia- tuschen Landsleute veranstalten, wie das so üblich geworden ist, ihm zur Ehre Feste und geben endlich eine gute Gesamtausgabe seiner Dramen heraus, die sich auf etliche IM belaufen. Ein rechter und schlechter Theatermann war Goldoni. S8on_ früh auf zogen ihn seine Neigungen zur Bühne. Studien und die Advokatenlaufbahn gab er rhr zuliebe auf. Ein reichbewegtes Leben und frisches Beobachtungstalent machten ihn zu seinem Berufe sehr geeignet. Sein Schaffen war ein außerordentlich leichtes. In einer Stagione— Saison würde» wir heute sagen— schrieb er einmal 1ö Stücke. Nicht allzuviel lebt noch davon, aber immer ist doch noch ein Teil seiner Lust- und Charakterspiele auf dem Repertoire. Uild italienische Schauspieler— wie die Duse und Novelli— haben ihn auch im Auslände immer noch mit Erfolg gespielt. Venedig lag im 18. Jahrhundert im Todeskampfe. Wirtschaftlich rumiert, politisch und. gesellschaftlich korrumpiert, war es nur noch ein Kadaver ehemaliger Größe und Pracht. Aber sein langsames Dahinsiechen wurde zu einem ewigen Karneval. Man amüsierte sich, koste es, was es wolle. Venedig war so eine Theaterstadt im hervor- ragenden Sinne. Und Goldoni wurde einer seiner leichten und besseren Theaterunterhalter. Kein ernstes, höheres Streben, keine Satire— wie wäre sie auch möglich gewesen—. aber etwas sanfte Moralisiererei und dann möglichst nawr- getreues Konterfeien des LebcCs in seinem Durchschnitt— das charakterisiert fein Schaffen. Und doch war er dabei ein Re- former. Er führte— allerdings nach toskanischem Wtuster— das regelrechte Drama in Venedig und damit in Italien ein. Wie Gottsched bei uns, kämpfte er gegen die Stegreifkomödie, die sogen. commsclm dell'aite mit ihren stehenden Figuren. Auf die Dauer blieb er Sieger, aber die natürwüchsige, volkstümliche ältere Form des Dramas hielt sich noch lange. Die Kämpfe aber, die sich darum entspannen, trieben ihn nach Paris, wo er des Königs Kinder im Italienischen unterrichtete. Voltaire und Roust'eau schätzten ihn, er schrieb auch französische Komödien. Wie er selber von Macchiavellis kräftig satirischer Mandragola und besonders von Molieres Charakterdramen abhängig war, so wirkte er auch wieder auf die Entwickelung des französischen Dramas. Diderots bürgerliche Rührstücke stehen unter seinem direkten Einfluß. Die französische Revolution erlebte der politisch Ahnungslose noch. Sie brachte ihn, der von ihr nichts mehr begriff, um seine Pension. Harte Tage kamen. Der Dichter Andrö Cbönier setzte es aber 1793 im Nationalkonvente durch, daß ihm die Pension wieder bewilligt wurde. Er war aber bereits tot, als man ihn davon be- nachrichtigen wollte. Goldonis Memoiren geben ein gutes Spiegelbild seiner Person und seiner Zeit. Kein Sturm und Drang, kein Ahnen und Kämpfen fiir neue Ideen, Geniächlichkeit und künstlerisch angeregte Klein- bürgerlichkeit prägen sich darin aus. Kotzebue und Jffland bieten eine Anzahl Vergleichspunkte, nur daß Goldoni mehr bedeutet. Seine Laune, sein Humor und Witz und seine Charakterisierung des enghorizontigen venezianischen Lebens, das er so gut kannte, seine Volkstünilichkeit, die ihn vielfach im Dialekt dichten ließ, werden ihn noch länger lebendig erhalten als einen kulturhiswrisch interessanten und immer noch amüsanten Mann vom Theater, der sein Fach verstand. Humoristisches. — Die zweite Haager Friedenskonferenz! Da die erste Haager Friedenskonferenz einen so koloffal mörderischen Erfolg errungen hatte— vergleiche russisch-japanischen Krieg!— so sieht sirti das Komitee veranlaßt, in Bälde schon eine zweite Friedenskonferenz zu arrangieren: Aus Petersburg kommt die Meldung, daß die russische Regierung das Pogrom für die zweite Konferenz bereits fertiggestellt habe; die Vorschläge an die Regierung lauten: 1. Zur Schlichtung von Streitigkeiten werden allerorts Feld- gerichte errichtet. 2. Meinungsverschiedenheiten werden durch Pulver und Blei ausgeglichen. '3. Um eine schöne Einigkeit zu erzielen, werden Andersdenkende gehenkt. 4. Als Ort der Zusanimenkünfte wird ein russisches Gefängnis bestimmt. Der Zar beantragt, daß mit der Durchführung der obigen Vor- schäge eine bombensichere Persönlichkeit aus seiner unnutlelbaren Umgebung betraut werde. Schließlich hegt der Zar den aufrichtigen Wunsch, die Mächte möchten sich hauptsächlich dahin einigen: Auf welche Art eine große Anleihe für Rußland aufzutreiben wäre. — Di e Verlass'ne(das Zentrum zu Biilow):„Du ganz schlechter Kerl! Gel, solang' D' nix g'habt hast, war i Dir recht I Jetzt hast Dir an Andre zuawig'legt! Aba da brennst Di, wenn D' moanst, i mach Dir's Aushülf-Madl!" — Nach dem Begräbnis.„Und so bald hat's sterb'n- müss'n, und sauber iS gwen, und oan Zentner achtzig Pfund hat's g'wog'n."(„Jugend".) — Mildernde Umstände.„Allerdings ist dieses Unglück ipr Saarrevier eine schwere Schickung des Herrn; immerhin aber ist zu bedenken, daß es Ultramontane oder gar Sozialdemokraien ge- Wesen sind." — Pech.„Denken Sie, der arme Kerl war so dumm, daß er Leutnant werden mußte. Und dann hatte er einen gescheiten Ein-' fall, der ihn beim Militär immöglich machte." — Märkischer Adel.„——— und cS ist manchmal schwer, an Gott zu glauben, wenn daS Pfund Schweinefleisch bloß siebzig Pfennige gilt." („Sinrplicissimus".) Notizen. — Gertrud Ehsoldt ist plötzlich an Diphtheritis erkrankt, infolgedessen müssen die Aufführungen von Hedda Gabler in den Kammerspielen des Dentschen Theaters verschoben werden. — Der Kun st maler Professor V.Diez ist in München 68 jährig gestorben. Er war von der alten Garde der Pilotyschüler und Epigonen, die in der geschickten Nachahmung der alten Meister ihr Heil sahen. — Jakob Julius Davids gesammelte Werke werden im Verlage von R. Piper u. Co. in München erscheinen. Erich Schmidt wird die Vorrede schreiben. An der Herausgabe sind Oskar Bie, Ernst Heilborn, Emil Franke, H. Glückmann und Alexander Weilen beteiligt. Verantwortl. Redakteur: Hanb Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagtanstalt Paul Singer L�Co.. Berlin LlV.