Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 42. Donnerstag, den 28. Februar. 1907 lNachdruck verboten). 1] Die alte Urude. Von Timm Kröger. -„Anna," sagte Trien Paulse»! zu ihrem Töchterchen, ,, bat's Merra, roop Vadder!" Bei Trien ging es immer auf den Glockenschlag. Fünf Minuten vor halb zwölf wurde Vater gerufen: wenn er in die Küche gekommen war und sich die Hände wusch(die halbe Stunde war inzwischen voll geworden), dann trug sie die Suppe auf. „Roop Vadder," sagte Trien Paulsen zu Anna. Anna lief, so hurtig wie die flinken Füße nur wollten, über die Diele und aus dem Dielentor über die Hofstelle. Eine gelbe Henne flüchtete und verschwand mit großem Ge- schrei um die Hausecke zwischen Streudiemen und Schweine- koben. Anna aber sprang auf den Wall, der Hofstelle und Koppel trennte, und rief in den Nebel hinein:„Vadder, dat's Merra!" „Js good!" klang es von einer Stelle her. wo der Nebel am dichtesten war. M!an hörte, wie jemand die Karre niedersehte, den Spaten einsetzte: dann trat Vater aus dem Nebel heraus und ging auf Anna zu. Hans Paulsen-war ein kräftiger, bäurischer Mann in den besten Jahren. Er steckte in der kleidsamen Tracht von Blauleinen, die Hosen waren in die kurzen Schäfte seiner Stiefel gesteckt. Er verließ seine Arbeit wie einer, dem die Mahlzeit eine unliebsame Unterbrechung ist, der sich freut, bald wieder an- fangen zu dürfen. Er war dabei, wie er sich ausdrückte, mit Gottes Erdboden herumzukarren, und mit Gottes Erdboden karren, tat er zu gern. Wenn in den Ländern an der Wasserkante die Winter- saat bestellt worden ist, wenn es keine dringenden Arbeiten mehr gibt, wenn die üblichen Herbstnebel(sie ziehen in der Regel bis Weihnachten hin) die Natur grau anstreichen, dann fing Hans Paulsen an, mit Gottes Erdboden herumzuwirt- schaften. Denn das Vieh besorgen und was sonst im Hause zu tun war, machte das Frauenvolk spielend ab. Hans Paulsen gehörte zu den Bauern, die für gerade Linien schwärmen. Seine Weide hat an Lerchs Koppel einen Buckel und in der Mitte eine„Lunk", das heißt ein Loch, eine Vertiefung, worin sich zeitweilig Wasser ansammelte. Nun war es seit Jahren sein Vorsatz gewesen: der Buckel soll verschwinden und auch das Loch,— der Buckel soll das Loch ausfüllen. Und nun war er schon ein paar Jahre jedesmal ein paar Wochen dabei, den Buckel in die Tiefe zu karren. Die gute Ackererde wurde dabei hüben wie drüben zurück- gelegt und auf die Ebene wieder aufgelegt, damit nichts umkomme und alles fruchtbar und tragend bleibe. Wenn Hans die Arbeit in Tagelohn durch fremde Leute hätte ausführen lassen sollen, so würde es sich kaum gelohnt haben. Nun aber, da er es selbst tat, kam es ihm wie ge- schenkt vor. Den dicken, grauen Nebel liebte er und hielt ihn für gesund, darin fühlte er sich frisch und wohl. Im Nebel beschwerte ihn weder die Kälte, die im strengen. Winter allem um ihn her einen tönernen Klang gab, noch die Hitze, die sich im Sommer unter den Kleidern ausstaute. Und dann liebte er das, wäs der Nebel mit sich bringt, —• die Stille, die Einsamkeit. Wenn er nicht weiter als zwanzig Schritt sah, wenn er mitten drin in dem grauen Wolkengerinsel steckte, dann ging bei ihm die Gleichung auf, hie in jedes Menschen Brust nach einer Lösung sucht. Jmmenheide hieß der noch wenig angebaute Sandrückcn, auf dem Hans Paulsens Kate lag. Und an der laug aus- gedehnten Landstraße war durchschnittlich alle fünf Minuten .Wegs ein einsamer Katenbesitz hingestreut. Ruhig und versonnen war auf solchem Fleck das Leben immer: im Hcrbstnebel kam es, wenn er den Buckel wegkarrte, zu Hans in ganz kleinen Pulsschlägcn her. Nach Osten fiel das Land gleich von seiner Weide weg hinab, und dicht an seiner Grenze wuchs ein kleines Wäldchen mif, in dem ein Elsternpaar hauste. Das schrakelte öfters aus: der Laut fiel hart auf Hans Paulsens Trommelfell. -Er hörte es gern, freute sich und segelte mit der Karre auf 1 dem Laufbrett nach der Lunk donnernd hinab. Nachbar Thießen,— der wohnte etwas weiter na'chs Norden hin,— war kein so ganz kleiner Bauer,— er hielt aber an der alten Mode fest, er wollte keine Maschine und drosch mit der Hand. Die ganzen Tage, wo Hans gekarrt hatte, war er nicht mehr aus der Melodie der Dreschflegel herausgekommen. Vornnttags hieben bei Thießens drei ein, das gab die rechte Melodie. Und das Geklapper hörend, schaufelte und schaufelte Hans Paulsen die Karre voll und schob und schob. .„Vadder, dat's Merra!" hatte Anna gerufen, „Dat's good, ik kom." Es gab Erbsensuppe. Hans Paulsen aß wie ein gesunder Arbeiter, der den ganzen Vormittag mit Gottes Erdboden geschoben hat, ißt. Und nachmittags ging er wieder in der Karre. Am anderen Tag um halb zwölf lief Anna wieder über die Hofstelle, diesmal war keine Henne da: die schwarze Katze ging wie eine feine Dame mit seinen Pfötchen über den Hof. „Vadder, dat's Merra!" „Good, Kind!" Es gab Mehlbeutel und Speck und Rauchfleisch un8 braune Tunke und Pflaumen darin. „Nun," sagte Trien,„hilst's bald mit dem Berg?" „Ja, Trien, wenn das Wetter so bleibt, und wenn ich mich daran halte, kann es diesen Herbst glücken. Aber ich weiß nicht, vielleicht muß ich mal abbrechen." „Nu?" „Ja, Trien, ich glaub', ich muß nach Hohenwichel." Trien legte den Löffel weg und sah ihren Mann ber-- wundert an. „Nach Hohenwichel, Hans, zu Klaus?" „So dacht' ich." „Hans, was hat das zu bedeuten? Vergessen kannst Du's doch nickst haben? Klaus hat gesagt. Du sollst ihm nicht wieder„über'n Drüssel"(über die Hausschwelle) kommen." „Das stimmt, Trien. Aber übermorgen sind's zehn Jahr, daß Mutter starb. Und wenn ich auch nicht hineinkommen sollte, daß ich mal vorbeigehe, kann Klaus mir nicht wehren." Triene schwieg. „Und wer weiß, Trien.. sagte Hans weiter,„wer weiß, wozu es gut ist?" „Du mußt wissen," erwiderte Trien und fing an abzu« räumen. „Sieh, Trien? Wenn ich auf dem Berg stehe und mein Tragseil um den Nacken lege und die Karre hebe und dann in den Nebel hineinsehe, dann ist mir immer, als sähe ich Hohenwichel und sähe zwei Männer, die Arm in Arm auf das Haus zugehen. Und ich will mir immer einreden: eä sind Klaus und ich." Hohenwichel, in anderer Landschaft gelegen(man ging viele Stunden bis dahin), hieß die Landstdle, auf der Hans groß geworden war. Der Vater war früh verschieden, die Mutter hatte die Wirtschaft fortgesetzt: ein Krieg hatte sein struppiges Haupt erhoben/ die Verhältnisse hatten sich ver- schlechtert. Die Mutter starb zu einer Zeit, als Hans und!, Trien die Kate ailf Jmmenheiderfeld bereits mit dem Geld, das sie sich bei Bauern verdient, zu eigen erworben hatten. Die Mutter hinterließ ein verschuldetes Erbe, und es war fraglich, was mit Hohenwichel werden solle. Da verheiratete sich der einzige Bruder von Hans, Klaus, so günstig, daß er die Stelle mit„Schuld und Unschuld" übernehmen konnte. Hans war damit einverstanden: er bat sich nur die Truhe. die immer in der Hörn an der Kellerwand gestanden hatte, als Andenken an seine Mutter aus. Die Mutter stammte aus der Buchholzkate(sie liegt etwa in Wegesmitte zwischen Jmmenheiderfeld und Hohenwichel), wo jetzt ihr Brudersohn Max Schütt wohnt, her, und hatte die Lade als Aussteuer mit« bekommen._. M.: Die Truhe tvar immer hochgehalten worden, nicht so sehr wegen der trefflichen Skulptur(die kannte und wertete man nicht), sondern weil ein Urältcrvater der Mutter selbst sie gemacht und geschnitzt haben sollte. Ueberall waren Figuren und Blattwerk und Laubwerk. Löwenköpfe und Löwenfüße und Adlerflügel sprangen an den Ecken heraus. Die Vorder« fette war m ziSer Felder geteilt, und die waren durch Gruppen- bilder geziert, die man als Kain und Abel und David und Jonathan erkannte� Und an der unteren Leiste längs war quer über beide Felder weg frei nach Matthäi 5, 23/24 ein Spruch hinge schnitzt:„Sobald du denkst, es Hab' ein Bruder etwas gegen dich, geh' hin, versöhne dich! Und dann zu mir, zu deinem Gottl" Die Lade bat Hans sich aus. Aber Klaus wollte nicht. Nicht aus Eigennutz(beide Brüder hatten weder� von dem materiellen noch von dem Kumtwert des alten Stücks eine Ahnung),— nein!— aus Ehrfurcht gegen das Andenken der Mutter, die er ebenso tief und ebenso verschlossen geliebt hatte, wie sein Bruder Hans. „Laß sie mir, Klaus!" bat Hans.„Mutter hat mir zugesagt, daß ich sie haben solle." Da war das unselige Wort heraus, das die beiden Männer. die so ehrlich waren und so ehrlich liebten, vor der Welt und auch vor sich selbst zu bitteren Feinden machte. Denn auch Klaus glaubte von der Mutter die gleiche Zusage erhalten zu haben. Tie Mutter kann nicht falsch gewesen sein. Das war der Vordersatz, von dem beide ausgingen. Daher,— folgerten beide Brüder,— kann sie nur einem das Versprechen gegeben haben: einer von uns beiden muß lügen, muß unglaublich ge- mein und falsch sein. Und da ich die Wahrheit auf meiner Seite weiß, so ist mein Bruder der Lügner und Lump. Natürlich waltete ein Mißverständnis bei einem von ihnen oder bei beiden vor. Aber wer hätte diesen Ährlichen und heftigen Männer» von Mißverständnrsien predigen wollen? Wenn sie nur nicht so heftige Leute gewesen wären, wie es die Paulsen von Hohenwichel, die immer wegen ihres ge° rechten Sinnes in hohem Ansehen gestanden hatten, von jeher gewesen waren.. Wenn sie nur ein bißchen weniger rechtlich und ehrlich und sittlich hätten denken können,... ein bißchen sich selbst betrügend um den Pol, der alle hält, herum denken können,... Wenn nur ein bißchen bei ihnen anders gewesen wäre, als es war,.. dann wären sie vielleicht selbst auf den Gedanken gekommen, daß doch wohl ein Irrtum vorliege, oder sie hätten es nicht so hochernst genommen, hätten sich erzürnt und wieder vertragen, oder der eine hätte sich von dem andern auskaufen lassen. Aber da sie das alles nicht waren und das alles nicht kannten, so war jeder bereit, den lang bewährten rechtlichen Sinn seines Bruders für nichts zu achten, zu vergessen, daß jener immer ehrlich gewesen sei. Jeder war bereit, das alles lieber für eine Täuschung zu halten als die Falschheft, die er jetzt mit Händen greifen zu können glaubte. Jeder glaubte an einer Charakterverkehrnng seines Bruders und hielt ihn für einen ganz erbärmlichen Kerl. So flammte ihre sittliche Empörung auf. Hans sagte es zuerst. „Klaus" sagte er,„wcrt böst du för'n leegen Kerl!" Klaus wurde bleich und schwieg eine halbe Minute, dann spie er vor feinem Bruder aus. „Pfui Deibel, dat seggt mi en Lump. Ja, en Lump. Un hat man mit so'n Lump ünner en Tack sin motl" Solch harte Worte fielen auf der Diele, wo die alte Truhe stand and cur der untern Leiste der fromme, sanfte Spruch:„Sobald du denkst, es Hab' ein Bruder etwas gegen iieffc geh' hin. versöhne dich!"... Die Zornentbrannten sahen ihn nicht, wollten ihn nicht sehen, oder hatte» vergessen, was die-alle Lade sagte. „Daß man mit einem solchen Lump unter einem Dache Haufen muß," hatte Klaus geschrien. (Schluß folgt.) Die pbonetife. L Wohl jeder kennt eine sogenannte Stimme aus einer Zieh- Harmonika. Wer sie als Knabe fand, nahm sie, blies Luft hindurch «ud freute sich an dem entstehenden Ton. Manchmal war die dünne, längliche Metallplatte, Zunge genannt, verbogen und bei dem Versuche, sie zurecht zu biegen, bemerkte er, daß diese gelb« Zunge durch eine längliche viereckige Oeffuung in dem dickeren Srauen Metallstück hindurchschlug, ohne die Ränder zu berühren. bcr eS gelang ihm niemals, die verbogene Zunge wieder in Ordnung zu bringen, die daneben liegende unversehrte Nachbarin gab einen viel schöneren Ton. Die Veränderung des Tones mußte also mit der Verbiegung der Zunge zusammenhängen. Dadurch war fie anders, unregelmäßig geworden, schlug an die Ränder und rächte sich durch ein unangenehmes Schnarren. Die plötzliche Hemmung infolge des Anschlagens hinderte die Entwickelnng eines Tones, es gab nur noch ein verdrießliches Geräusch. Für unsere Darlegung genügt ein so kleines Ding wie die Harmonikastimme nicht ganz. Machen wir sie daher ein wenig größer und angemessener, indem wir eine schmale Konservenbüchse ohne Deckel in der Mitte von oben nach unten durchschneiden und die so entstandenen offenen Halbzhlinder der Länge nach wieder mit einer Blechplatte zulöten. Jetzt schneiden wir eine längliche viereckige Oeffnung in die aufgelötete Platte, nieten eine hindurchschlagende Metallzunge darauf fest und setzen diese große Stimme in die Wand eines Holzlastens von der Gestalt einer Zigarrenkiste ein. Bohren wir nun oben und unten ein Loch in die Kiste, schieben in das untere Loch ein bequemes Rohr und blasen tüchtig Luft hinein, so entsteht ein kräftiger Ton. Dies st» geschaffene Gerät ist im wesentlichen ein« sogenannte Zungenpfeife, wie sie in jeder Orgel zu finden ist. Der Borgang bei der Erzeugung des Tone» spiell sich auf folgende Weise ab. Durch das Hineinblasen in den Kasten wird die Lust durch die von der Zunge nicht fest verschlossene Oeffnung in den Zlzlrnder getrieben und versetzt die Zunge in lebhafte Schwingungen. Um überhaupt einen Ton von sich za geben, braucht sie, wie oben bei der Harmonikastimme, nur ein wenig angeknipst zu werden. Dieser schwache Ton wird aber durch die mit in Schwingung versetzte Luft des Zylinders so sehr verstärkt daß er deutlich hörbar wird. Dieser Vorgang ist derselbe bei allen Musikinstrumenten. Durch das Anstreichen einer Saite gerät diese in Schwingungen und läßt einen schwachen Ton hören. Die Schwingungen setzen sich durch den Steg, auf dem die Saite liegt, auf die Decke der Geig« fort, der in dem Hohlraum der Geige befindliche Luftkörper gerät ebenfalls in Schwingung, verstärkt dadurch den Eigenton der Saite, und wir erhalten einen hörbaren, angenehmen Ton. Wollen wir den Ton der Iungenpfeifc, der durch das Hinein- blasen von Lust entsteht, noch mehr verstärken, müssen wir uns bemühen, noch mehr Luftkörper in Schwingungen zu versetzen. Ties erreichen wir, indem wir in die obere Oeffnung des Holz- kastcns einen Schalltrichter aus irgend welchem festen Stoffe setzen. Solche Schalltrichter kennt der Leser in dem unteren Ende einer Klarinette, Trompete, Posaune usw. Jetzt merke man genau auf! Nicht nur verstärkt wird der angeblasene Ton durch den Schalltrichter, den man auch Ansatz- rohr nennt, sondern er erhält erst durch diesen Schalltrichter seine eigentliche Klangfarbe. Verändere ich die Form dieses Ansatz- rohres, so zeigt sich ebenfalls eine mehr oder weniger bedeutend« Aenderung seiner Klangfarbe. Macht man den Aussatz Würfel- förmig, klingt der Ton anders, als wenn er kugelförmig ist, ohne im übrigen seine Höhe oder Schärfe zu verändern. Dies ist genau zu beachten! „Wozu denn diese ganze Erzählung von der Zungeup seife k" fragt jetzt der Leser ungeduldig. Ich will es ihm verraten. Mit der Beschreibung der Zungenpfeife habe ich stieben seine eigene Zungenpfeife, womit er die Frage tat, im wesentlichen beschrieben: das Luftrohr zum Anblasen ist die Luftröhre, der Kehlkopf mit seinen beiden Stimmbändern die eigentliche Stimme mit ihrem Zylinder, die Rachen- und Mundhöhle der allerdings stets ver- änderliche Schalltrichter. Veränderlich aber muß er auch sein, denn in dem ersten Wort der Frage„wozu" hat die erste Silbe„wo" schon eine ganz andere Klangfarbe als die zweite Silbe „zn". Wie ich schon gesagt habe, hat zunächst jeder in Schwingung gebrachte Körper seinen Eigenton, wie die Zunge in der Har- monikastimme, die man zu diesem Zwecke nur anzuknipsen braucht. Wenn das von jedem Körper gilt, muß auch jeder eingefchloffen« Luftkörper seinen Eigenton haben. Dieser entsteht denn auch schon, wenn man dessen Hülle schwach beklopft oder ihn schwach an- bläst. Man nennt diesen schwachen Eigenton den Grundhall des betreffenden Luftkörpers. Bringen wir nun einmal den Lufftörper unserer Rachen- und Mundhöhle in die Form, in der wir gewohnt sind ein a zu sprechen, und blasen diesen Lufftörper durch einen sehr schwachen Lnftstro« aus der Luftröhre an, so erhalten wir als Eigenton für dies« de- stimmte Einstellung, also als Grundhall, den geflüsterten Vokal a. Setzen wir nun durch Anspannung unserer Stimmbänder einen Ton von beliebiger Höhe hinzu, so erhalten wir den kanten Vokal a. Verändern wir die Gestalt des Schalltrichters oder An- satzrohres, hier unserer Mundhöhle, und setzen wieder einen Ton von beliebiger Höh« hinzu, so erhalten wir einen anderen Vokal. vielleicht ein u. Also find unsere Vokale oder Selbstlauter, wie sie auch genannt werden, Verschmelzungen beliebiger Töne unserer Stimmen mit gewissen Hallen des Lautrohres. Die verschiedene Stellung der einzelnen Teile deS Lautrohres nennt man dessen Gliederung oder mit einem Fremdwort dessen Artikulation. Die Artikulation verhält sich also zu dem hervorgebrachten Laute wie Ursache und Wirkung. Daß der Inhalt dieser Darlegung richtig ist. davon kann man sich selbst durch einen ohne Schwierigkeit auszuführenden Versuch sehr leicht überzeugen. Man bringe das Lautrohr(Mundhöhle) in die a-Stellung, klopfe mit dem fleischigen Teilender Fingerspitze mehreremale an die straffe Wange und man hört deutlich den Grundhall a. Noch deutlicher kommt uns dieser Hall zum Bewußt- sein, weun wir durch geeignete Artikulation in die u- Stellung übergehen und nun zum Unterschied vom ersten Hall den Grundhall u hören. Wie mit den Vokalen, so verhält es sich auch mit den Kon- sonanten, den sogenannten Mitlautern, nur daß wir die dabei entstehenden Halle Geräusche nennen. Diese entstehen, indem ein Hohlraum des Lautrohrcs von bestimmter Gestalt und Größe durch einen Luftstrom angeblasen, aber gezwungen wird, durch eine Enge zu streichen, oder indem er durch Verschließung der Lippen plötzlich gehemmt oder durch plötzliche Oeffnung hinausgctrieben wird. Man denke dabei an die oben erwähnte verbogene Metall- zunge, die wegen ihrer unregelmäßigen Form auf die Ränder aufschlug, den Luftstrom hemmte und so Geräusche verursachte. Jetzt weiß jeder, was Phonetik ist: es ist die Lehre von der Entstehung der Laute, die wir beim Sprechen anwenden. Das Wort selbst kommt aus dem Griechischen, von dem Zeitwort pbonein. das tönen bedeutet. Ucber Wert und Bedeutung der Phonetik wird ein weiterer Artikel Auskunft geben. _ Ernst W r e d e. Kleines feuületom Wie Leuchttürme gebaut werden, �n den Berichten über das Schiffsunglück von Hoek wurde sehr häufig der Leuchtturm er- wähnt, der nur etwa 10 Meter vom Wrack entfernt steht. Unter welchen Schwierigkeiten solche Leuchttürme gebaut werden, ersehen wir aus den nachfolgenden Ausführungen, die wir einem Ab- schnitte des soeben erschienenen Werkes„Das Meer" von Dr. I. Wiese entnehmen. Der Verfasser führt aus, die Bcleuchtungs- frage bildet nur einen Teil der Wiffenschaft der Leuchttürme. Die Physik mutz sich mit der Mechanik zu einem Bunde Vereinigenz für diese gewaltigen Lichtherde, die oft in Höhe von 70— 80 Metern herabstrahlen, ist eine feste, widerstandsfähige Basis nötig. Nichts leichter als das, wenn diese Aufgabe auf festem Lande zu lösen ist. Aber eine andere Sache ist es, an sie heranzugehen, auf offenem Meere, auf Klippen von einigen Ouadratfuß, im Sturm- gebraus und Wellengang. Die absoluteste Festigkeit im flüssigen Element, in der fortwährenden Bewegung und Erschütterung her- zustellen, ist eine schwierige Aufgabe, die auch die Hülfsmittcl moderner Bauweise nur unter gewaltigem Kraftaujwand und unter großen Opfern zu lösen vermögen. Kostet doch oft der Transport und die Montage der Materialien mehr als der ganze Leuchtturm! Nehmen wir nur als Beispiel den Bau des Leucht- turmes Armen an, bei dem Geduld, Energie und Wissen der Ingenieure und todesmutige Aufopferung des Personals in Ueber- Windung aller Schwierigkeiten auf ungeahnte Proben gestellt wurden. Armen, Madiou und Schomeur sind die drei äußersten Felsen de? Dammes von Sein. Die Brandung an ihnen ist eine gewaltige, Madiou und Schomeur liegen kaum bei niedrigem Wasserstande bloß: von Armen sieht man undeutlich eine Art ab- geplattetes und weitzgischtiges Maul und die Spitze, die nieder- taucht und wieder auftaucht aus den Wogen. Was an Schiffen an Schomeur, Madiou und Armen verloren gegangen ist, entzieht sich jeder Schätzung. Diese drei Banditen des Meeres an dem vorgerückten Punkte des alten Kontinents verbündeten sich zu un- heilvoller Gemeinschaft, die grausigsten Mordtaten zu verüben. Jahrhunderte hindurch haben sie die schlechtesten Taten verübt, die ein Felsen begehen kann. Das Bett des Meeres um sie herum ist ein gewaltiger, weiter Kirchhof und deshalb wurde der Ge- danke, auf diesem Trio von Mördern ein Feuer anzuzünden, oft in Erwägung gezogen. Man schreckte aber vor der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit, zurück. Indessen begann man die Vorstudien, und 1867 ward die Ausführung beschlossen, ohne daß man an einen Erfolg glaubte.„Sobald eine Möglichkeit vor- lag, zu landen," schreibt einer der Ingenieure, die die Arbeiten leiteten,„sah man Fischerboote herbeieilen. Zwei Mann aus jedem von ihnen stiegen auf den Felsen, mit ihrem Rettungsgürtel an- getan, duckten sich auf ihn nieder, indem sie sich mit einer Hand anklammerten, mit der anderen einen Bohrer oder einen Hammer hervorholten und mit fieberhafter Tätigkeit arbeiteten, fortwährend bedeckt von den Wogen, die über ihre Köpfe dahineilten. Wenn einer von ihnen von der Gewalt der Strömung hinweggerisscn wurde, so hielt ihn sein Gürtel über Wasser und eine Bootsbesatzung fischte ihn schleunigst auf, um ihn zur Arbeit zurückzubringen. Am Ende der Arbeitszeit hatte man siebenmal landen und acht Stunden arbeiten können z fünfzehn Löcher waren an den höchsten kten gebohrt worden. Im folgenden Jahre landete man ehnmal und arbeitete achtzehn Stunden, Klammern wurden an den Felsen angebracht. Ein großer Schritt zum Erfolg."«Der eigentliche Bau beginnt 1869," so erzählt der oben erwähnte Ingenieur/„Es war eine möglichst schnelle Arbeit nötig, denn man arbeitete inmitten der Wogen, die bisweilen den Händen des Arbeiters den Stein entrissen, den er sich anschickte, an den rich- tigen Platz zu bringen. Ein erfahrener Seemann, gegen eine Spitze des Felsens gekehrt, stand auf der Lauer, und man beeilte sich zu mauern, wenn er eine kurze Windstille ankündigte und sich anzuklammern, wenn er die Ankunft einer großen Woge vorher- sagte. Die Arbeiter, der Ingenieur, der Aufseher, die stets die Arbeiter durch ihre Anwesenheit ermutigten, waren mit den von der Rettungsgesellschaft gelieferten Gürteln und Ginsterschuhen zur Verhütung des Ausgleitens versehen." Am Ende dieser dritten Kampagne hatte man SS Kubikmeter Mauerwerk«mf» geführt, die man im folgenden Jahre unversehrt wieder vorfand. 1870 landete man achtmal und verbrachte achtzehn Stunden auf dem Felsenz 1871 landete man zwölfmal und arbeitete zweiund» zwanzig Stunden; 1372 waren über 114 Kubikmeter an Ort und Stelle und die Ausgaben beliefen sich schon auf 135 336 Frank. Der Leuchtturm von Armen konnte endlich 1881 der Benutzung über» geben werden. Sein Feuer dringt 20 Meilen weit, und er ist der letzte, den man beim Verlassen Europas bemerkt. Im ganzen hat er 942 000 Frank gekostet, d. h. 1025 Frank pro Kubikmeter Mauerwerk. Man sieht aus diesem einen Beispiele, daß, abgesehen von den sehr beträchtlichen Unterhaltungskosten, der Bau eines solchen Leuchtturms ein kleines Vermögen erfordert. Bell-Rock und Cherry-Vore haben noch mehr gekostet, ersterer 1 390 000 Frank letzterer gar 1805 000 Frank. Medizinisches. Die Behandlung der Blinddarmentzündung. Die Aerzte nehmen der Blinddarmentzündung gegenüber einetl verschiedenen Standpunkt ein, sowohl bezüglich des Zeitpunkte», den sie für einen operativen Eingriff geeignet erachten, als auch in den prinzipiellen Fragen der innerlichen oder chirurgischen BeHand» lung. Es werden immer aufs neue Erfahrungen gesammelt und in ärztlichen Kreisen bekanntgemacht, um die bestgeeigneten Mi»■? zur Bekämpfung dieser gefährlichen Krankheit aussindig zu mach. t. In der„Münchener Medicinischcn Wochenschrift" spricht sich Dr. Garhammer auf Grund der in der inneren Abteilung des Marien» Hospitals zu Stuttgart gesammelten Erfahrungen dahin aus, daß durchaus nicht in allen Fällen von Blinddarmentzündung»in chirurgischer Eingriff donnöten ist. Allen Patienten, die wegen Blinddarmentzündung in das Marienhospital gelangten, wurde zunächst entweder flüssige oder reine Milchdiät und ein gewisses Quantum Opimn verordnet. Außerdem wurde ihnen eine Eis» blase aufgelegt. Nur solche Kranke, deren Bauchfell durch die Er» krankung des Blinddarmes in größcrem Umfange m Mitleidenschast gezogen war, oder bei denen das Vorhandensein eines Abszesse» festgestellt werden konnte, wurden sofcrt operiert. Wenn diese Er» schcinungen im Laufe der Krankheit, die anfangs einen gutartige» Charakter zeigte, auftraten, so wurde ebenfalls zur Operation ge» schritten. Be: häufigen Rückfällen wurde eine Operation in der anfallfreien Zeit angeraten. Bei Befolgung dieser Grundsätze war die Sterblichkeit eine geringe. Im Laufe von 16 Jahren wurden im ganzen 167 Fälle behandelt, davon 84 feichte, 40 mittelschwere und 43 schwere Erkrankungen. Bei den 43 schweren Fällen kcu» es I8mal zur Operation, von den Operierten starben 3, von de» nichtoperierten 25 keiner. Die mittelschweren und leichten Erkran» kungen führten kein einzigeSmal zum Tode, demnach starben von 167 Kranken nur 3, also 1,8 Proz. Läßt man die leichten Fälle unberücksichtigt und zieht nur die schweren in Betracht, so ergibt sich eine Sterblichkeit von 3,6 Proz. Bergleicht man diese Angaben mit den statistischen Mitteilungen anderer Autoren, so muß daS Ergebnis als ein außerordentlich günstiges bezeichnet werden. Sahli berichtet, daß von 7200 Patienten im ganzen 10 Proz. starben, und zwar von den Nichtoperierten 9, von den Operierten 21 Proz.; nach Renvers kamen bei 2000 erkrankten Soldaten 4 Proz. TodeS» fälle vorz Stocker erwähnt 6300 Fälle in der Armee, von denen 4 Proz. zum Tode führten. Diese Ergebnisse scheinen, ,m Vergleich mit den m Stuttgart gesammelten Erfahrungen, dafür zu sprechen, daß ein chirurgischer Eingriff bei Blinddarmentzilnidung nicht inimer nötig ist, selbst nicht immer in solchen Fällen, die heftig auftreten und einen schweren Verlauf nehmen, da auch diese sehr wohl ausheilen können, wenn sie in geeigneter Weise behandell werden. Diese Tatsackze ist übrigens von Orth auf Grund von anatomischen Untersuchungen bestätigt worden. Eine genau« Ueberwachung der Kranken ist durchaus erforderlich, da eine Wen» dung der Krankheit sehr schnell und zänzlich überraschend eintreten kann. Ebenso unvermutet wie eine Verschlimmerung in leichten. Fällen kann auch eine Besserung solcher Erkrankungen eintreten, die ansang? sehr heftig einsetzten. Geographisches. Der magnetische Nordpol in Bewegung. Mit dem„ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht" ist es bei unserer Mutter Erde auch nichts. Schon vor etwa zwei Mensche na lter» wurde der Verdacht bei einigen Gelehrten rege, daß die Pole der Erdachse nicht immer dieselbe Stellung eingenommen hätten wie in der Gegenwart. Der französische Physiker Poisson wollt« sogar die große Eiszeit, die zurzeit des ersten Auftretens de? Menschen- gefchlechtes auf der Erde große Teile von Nord- und Mitteleuropa mit ungeheueren Massen von Gletschereis überschwemmt hat, da- durch erklären, daß der Nordpol der Erde eine andere, d. h. mit Bezug auf Europa südlichere Lage gehabt habe und dann erst mit der Zeit wieder in seine heutige Stellung zurückgekehrt sei. Diese kühne Hypothese ist übrigens von der Wissenschaft verworfen oder vielmehr nie anerkannt worden. Dagegen hat man in neuerer Z«it festgestellt, daß die Erdpole in der Tat keine feste Lage Habens sondern sich in eigentümlichen Kurven bewegen, mit deren Verlaut sich selbstverständlich auch die geographische Breite aller Ort« auf der Erde ändert. Nunmehr hat der norwegische Polarreisend» Amundsen etwas AehnlicheS euch von dem magnetischen Nordpol ermittelt, der. nach der Entdeckung von Roß, auf der Halbinsel Bootihia Felix gelegen ist. Amundsen hat an dieser Stelle während seiner großartigen Expedition, über die er im nächsten Monat auch i» Deutschend Vorträg« halten wird. 83 Monate kampiert uns während dieser ganzen Zeit magnetische Messungen ausgeführt, die ihn eben zu dem Schluß veranlaßt haben, daß der magnetische Pol wahrscheinlich keine dauernde Lage besitzt, sondern sich in ständiger Bewegung befindet. Technisches. DieastronomischeKunstuhr, die der Kunstmcchanikcr Christian Reithmann in München für das neue Münchener Rat- Haus in jahrelanger Arbeit ausgeführt hat, darf besonderes Jntcr- esse beanspruchen. Nicht weniger als vier Meter Höhe und fast ebensoviel Breite besitzt der dreilürmige Aufbau des Ganzen. Dreizehn Zifferblätter sind den Vorder- und Seitenflächen ein- gepaßt. Die Mitte der Vorderfront nimmt das Harchtzifferblatt ein; zwei der Zeiger dienen der Münchcner Ortszeit, während ein dritter auf mitteleuropäische Einheitszeit eingestellt ist. Ein Ring mit den Hauptstädten der Welt umgibt das Zifferblatt und ist so angeordnet, daß man jederzeit ablesen kann, wieviel Uhr es äugen- blicklich in jenen Orten ist. Auf einem anderen Blatte ersieht der Beschauer den jeweiligen Stand der Sonne und des Mondes unter den Tierzeichen, sowie die Rektafzension un!d sonstigen! astrono- mischen Elemente dieser Himmelskörper angezeigt. Auch die Knoten- läge der Mondbahn, die Lage der Erdnähe und Erdferne des Mondes sind zu ersehen. Die bekanntlich sehr ungleichförmigen Himmelsbewegungen und Sonne und Mond werden so genau Miedergegeben, daß zu jedem Zeitpunkte die Lage beider Himmels- Zörper zueinander und zur Erde, folglich auch das Eintreten von Mond- und Sonnenfinsternissen veranschaulicht wird. Natürlich fehlen auch die Mondphasen nicht, ebensowenig die Jahreszeiten und die Länge des Tages und der Nacht für jedes Datum. Ein kleineres ifferblatt ist der Stcrnzeit gewidmet, bekanntlich dem wichtigen usgangspunkt für unsere Zeitmessung. Wieder ein anderes Blatt ist einem überaus reichen Kalcndarium gewidmet. Selbsttätig sehen wir da die Wochentage nebst Schalttagen und Schaltjahr an- gezeigt. An jedem 31. Dezember stellen sich die Daten der bc- weglichen Festtage durch die Wirkung eines umfangreichen Schalt- Merkes für das neue Jahr selbst ein. Die Zeitdauer der Sichtbarkeit der Sonne und des Mondes über dem Horizonte sotvie der Auf- gang und Untergang dieser Gestirne ist kenntlich gemacht. Die Mahre Sonnenzeit, also die Zeit, die eine richtig eingestellte Sonnen- uhr zeigt, wird von einem Ziffcrblatte auf einem der Türmchcn angegeben, wobei ein dritter Zeiger die Zeitgleichung berücksichtigt, also den Unterschied zwischen der Sonnenzeit und der Ortszeit ständig markiert. An einer der Seitenwände ist eine bewegliche Sternkarte in Hochrelief angebracht, die die über dem Horizonte Münchens ficht- baren Sternbilder schon zwölf Stunden voraus anzeigt. Der für ans nicht sichtbare Teil des südlichen Sternhimmels wird auf einem besonderen Felde vorgeführt und das Gegenstück hierzu ist ein Wandrelief, das alles zeigt, was ein gutes Fernrohr vom Monde erkennen läßt. Wieder eine andere Einrichtung zeigt den genauen Stand von Erde und Mond zueinander und in ihrer Lage zur Sonne fortgesetzt an. Auch unser Sonnensystem ist auf eine Platte in Hochrelief geäzt; alle dazu gehörigen Weltkörper in den richtigen Lagen der Bahnen und in den richtigen Entfernung?- Verhältnissen. Eine Auszählung aller Einzelheiten würde zu weit führen und es sei nur noch erwähnt, daß auch ein Planetarium vorhanden ist. Die gesamte Uhr ist zurzeit im Deutschen Museum lintergebracht, um nach Fertigstellung des Nathausturmes in dessen oberes Stockwerk transportiert zu werden. Auch hier wird sie dem Publikum zugänglich bleiben. Im ganzen hcrt Reithmann 6 Jahre an der Uhr gearbeitet. Ihre Kompliziertheit mag aus der einen Angabe erhellen, baß allein das Planetarium gegen 400 Räder mit zusammen 20 000 Zähnen enthalt. Der Erbauer erhielt den Betrag, von 60 000 Mark, der zu dem wirklichen Werte seiner Leistung kaum im rechten Verhältnis stehen dürfte. Humoristisches. Der Duz-Komment im Parlament, v. Bodel- f ch w i n g h: Alh, du liebes Abgeordnetenhaus, Vielliebe Mit- glieder! Seid Ihr alle da, Kinder?' Na, daS trifft sich ja prächtig; hier rede ich, und Ihr sitzt so gemütlich um mich herum, da lönnen wir uns ja was Hübsches erzählen. So Hab' ich es gern, und darob hüpft mein Herz voller Wonne. Ein konservativer Abgeordneter: Zur Sache I v. Bodelschwingh: Ach, du liebes Schaf, hier handelt eS sich nicht um Sachen, sondern um Menschen, um liebe Menschen, denen geholfen werden soll I Präsident v. Kröcher: Ich möchte den Herrn Redner Litten, die Anrede„Schaf" an Abgeordnete tunlichst zu vermeiden. Wenn ich auch annehme, daß der Redner als Hirt und Seelsorger den Ausdruck figürlich meint, so könnte der Ausdruck Schaf doch zu Mißdeutungen Veranlassung geben. v. Bodelschwingh: Geliebter Präsident, komm' mal'runter und laß Dich umarmen! Du bist mir doch einer der liebsten ans der ganzen Herde. Also, wir wollten doch heute ein bißchen Sozial- Politik treiben I Sage mal, lieber Freund und Bruder Präses, hast du uns nicht deswegen heute in diesen freundlichen Stall kommen lassen? Präsident: Auf der Tagesordnung steht di« Fürsorge für Wanderarme. v. Bodelschwingh: Ganz meine Meinung, gr tes Präsident- chen! Also, da wollen wir uns jetzt ganz niedlich die Bl ckm streicheln Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. � Kl Jj u, Verlag und dabei ein kreuzbraves, sozialpolitisches Gesetzchen machen. Ach, du lieber Minister da drüben, was rückst du denn so unruhig hin und her aus deinem Gesäßchen? Willst mal'rausgehen? Da mußt du das Fingerchen hochheben.(Der Minister schüttelt berneinend den Kopf.) So, hierbleiben willst du? Schön, dann mußt du aber auch fein was spendieren für den sozialpolitischen Zweck, geliebte Exzellenz. Und du dort, Freund Fischbeck, hör' mal zu, du hast ja so hübsche Ohren, brauchst nicht d'raus zu sitzen, davon werden die schönen Oehrchen ja ganz krumm. Also paß' auf, Fischbeckchen: Vor dem Asyl stehen immer so viel Leute, die nicht hineinkönnen; schaffe doch bis heute abend ein paar tausend frische Betten hinein ins Asyl, damit deine lieben Brüder sich nicht draußen die süßen Beinchen er- frieren. Aber nicht vergessen, Freundchen, wenn du ein Taschentuch brauchst, kannst du meins kriegen, um dir einen Knoten hinein zu machen. Abgemacht. Komm' her. Liebster, sollst'n Kuß haben I („Lustige Blätter.") Notizen. — Dichter- und To n dichte r-Aben de des Schiller- Theaters: Am nächsten Sonntag, den 3. März, wird im Bürger- saale des Berliner Rathauses ein Schubert- Abend, im Schiller-Saale zu Charlottenburg ein Heine- Abend ver- anstaltet. — Im Neuen Theater wird Suzanne Desprss am Donnerstag in der„roten Robe"(„La robo rouge") auftreten und erst am Freitag in„Rosine". — Die Deutsche Gesell,? chaft für Chirurgie wird vom 3.-6. April 1S07 im Langenbeck- Hanse zu Berlin ihren 36. Kongreß abhalten. Bis jetzt sind folgende Themata zur Be- Handlung vorgemerkt: 1. die Chirurgie des Herzens; 2. Lungen« chirurgie; 3. die Exstirpation der Prostata; 4. O'berschenkelbrüche, besonders am oberen und unteren Dritteil. — Die allgemeine deutsche Kun st ge nossenschaft beschloß, im Jahre 1S03 im M ü n ch e n e r Glaspalaste eine Jubiläumsausstellung und im Jahre 1900 in Wien eine deutsch- nationale Ausstellung zu veranstalten. — Joseph Leivinsky, einer der letzten Vertreter de? traditionellen Wiener Burgtheaterstiles, ist in Wien gestorben. Er war 1836 in Wien geboren. Er begann als Aushiilfsstatist gm Burgtheater. Figur und Gesicht schienen ihm keine Aussichten zu eröffnen, ihm fehlten so ziemlich alle äußeren Mittel. Langsam wurde auf dem Umwege über Provinzbühnen fein Talent als Charakterdarsteller erkannt. In beharrlichem Studium brachte er es zu einer außerordentlichen«prechtechnik. Heinrich Laube entdeckte ihn schließlich 1853 für die Burg, der er von nun an treu blieb. Sein erstes Auftreten als Franz Moor war kein geringes Wagnis, aber eS hatte einen glänzenden Erfolg. Wäs schon damals an ihm ge- rühmt wurde: der fließende Vortrag, die reiche Modulation und die lebensvolle Charakterisierung, blieb sein dauernder Vorzug. Nach und nach spielte er das ganze Charakterfach durch. Seine Schnrkenrollen machten Schule. Später wurde er auch ein hervorragender Anzengruber-Darsteller. Als„Wurzelsepp", als „Grillhofer" im„G'wissenSwiirm" wirkte er vorbildlich. Freilich blieb er dabei im Nahmen des überlieferten.Burgtheaterstiles, der mehr aus kluge Berechnung, Klarheit des Vortrages und gewisse Schönheitslinien ausging, als auf unmittelbare Leidenschaft und Tiefe der Empfindung. Bei den Musteraufführungen, die 1888 in München stattfanden, spielte Lewinsky seine besten Rollen mit starkem Erfolge. Als Meister der Sprachbeherrschung, als welcher er sich auch als Lehrer verdient machte, hatte er lange eine un« bestrittene Domäne in der Rezitation. Neue Zeiten, neue Bedürf- nisse kamen, ein anderer Stil brach sich durch. Aber Lewinsky be- hielt seinen legendären Ruhm. Bis in die letzten Jahre hinein frisch und tätig, konnte Lewinsky im Jahre 1905 noch die Ehren seines von der ganzen Bühnenwclt gefeierten 70. Geburtstages aus- kosten. — Richard Strauß hat nun einmal das Unglück— oder andere werden sagen das Glück— daß es fast überall erst einen „Fall Salome" gibt, ehe er sein Werk auf die Bühne bringt. DicS ist ihm auch in Paris widerfahren. Dort sollte er die große Oper„Salome" aufführen, aber dem stand die Abmachung der Direktion mit der Autorengesellschaft entgegen, wonach nur solche Werke aufgeführt werden dürfen, deren Schöpfer Gesellschaftsmitglieder sind. Ein Beitritt Straußens aber war unmöglich, da in den Statuten das Recht der Gesellschaft festgesetzt ist, auch für die Auf- führuugcn im Auslande die Tantiemen einzuziehen sowie allen Mitgliedern die Ueberlassung auch nur eines ihrer Werke an eine Bühne zu verbieten, die mit der Autorengesellschajt in keinem Vcrtragsverhältnis steht. Die Gesellschaft hat sich indes schließlich bereit erklärt, die Anwendung dieser Bestimmungen diesmal auf dje Aufführungen in Frankreich,' Belgien und Monaco zu beschränken, so wie sie es früher schon mit ausländischen Autoren, wie Wagner, Verdi, Pnccini gehalten hat. UnterdcS ist freilich die Zeit so weit fortgeschritten, daß die Aiifführimg in der Oper nicht mehr einstudiert werden kann. Das Werk kommt im Mai oder Juni im Gaito- Theater zur Aufführung und wird von Künstlern der großen Oper dargestellt werden. Vorwärts Buchdruckerei u.Verlsgsanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin SW,