Knterhaltimgsblatt des Dorwärts Nr. 43� Dienstag, den 3. März. 1907 2] (Nachdruck verboten.) Im Kampf für Rußlande freikeit. „Sie werden dieses Essen wahrscheinlich nicht mögen. Sie können sich aber für eigene Rechnung beköstigen. Hat man Ihnen das in der Kanzlei nicht gesagt?"„Nein." „Dann schreiben Sie es auf und verlangen Sie eigene Kost. Ich werde Ihnen Papier und Feder geben". Der Aufseher ging fort, und ich besah das Essen, das auf dem Tisch stand. Ich hatte nicht den Mut, etwas zu versuchen, so schlecht war es, klopfte nach dem Aufseher und bat ihn, mir etwas Besseres zu bringen. So' verging die Zeit, und der Abend brach heran; über der Zellentür wurde die Lampe angezündet. Ich wanderte auf und ab, und ein Gefühl der Einsainkeit, der Verlassenheit stieg in mir auf. Wieder wurde die Tür aufgerissen, und der Aufseher brachte mir das Abendessen.„Ich bringe Ihnen hier schon auf eigene Verantwortung bessere Kost. Essen Sie jetzt, um neun Uhr müssen Sie zu Bett gehen; dann wird das Licht herab- geschraubt werden." Er ging zur Tür und lieh zwei Soldaten herein, die einen Zuber brachten. Es war ein transportables Klosett, die sogenannte„Parascha", von der ich schon gehört hatte. Der Aufseher und die Soldaten gingen fort; ich war wieder allein in der Zelle, und der Anblick dieses abscheulichen Zubers nahm mir allen Appetit. Die Stunden verrannen so langsam. Meine Stimmung wurde immer verzweifelter, und ich hatte die größte Lust, mit bäuden Fäusten an die Tür zu schlagen und laut zu schreien:„Gebt mir meine Freiheit. Wer hat Euch das Recht gegeben, mich in dieses scheußliche Loch zu sperren?" Doch beruhigte ich mich wieder und hoffte, daß das Ganze bald ein Ende nehmen würde. Von dem nnaufhörlichen Hin- und Herwandern war ich müde und abgespannt. Ueberhaupt hatte der ganze Tag so viel Eindrücke mit sich gebracht, daß ich mich nur mit Mühe aufrecht hielt, aber die Pritsche zu benutzen war ich nicht im- stände. Der Aufseher erschien wieder, und ich bat ihn, mir eigene Laken, eine eigene Matratze und ein eigenes Kissen zu verschaffen. „Nein, Herr, jetzt ist es genug!... Sie sind ein Ge- fangcncr genau wie alle anderen und haben nicht immer un- nütz zu rufen. Weiß Gott, was Sie noch für Phantasien in der Nacht bekommen!... Sie müssen sich hier einleben wie jeder andere und müssen vergessen, daß Sie in der Freiheit ein großer Herr waren."—--- Krachend fiel die Tür zu und ich war wieder allein. Ich setzte mich auf das Bett und dachte sitzend einzuschlafen. Aber die Müdigkeit überwältigte mich, und ich streckte mich doch lang hin. Die Nacht war entsetzlich. Grauenerregende Träume verfolgten mich. Oft wachte ich auf, schaute mich erschreckt unr und wußte im ersten Augenblick nicht, wo ich war. Ich besann mich, und ein schmerzliches Gefühl preßte mir das Herz zusammen. Erst gegen Morgen schlief ich ein. Ein starkes Geräusch weckte mich auf. Entsetzt sprang ich von meinem Bette auf. Der Aufseher von gestern stand in meiner Zelle und sagte freundlich:„Habe ich Sie erschreckt? Es ist Zeit aufzustehen. Hier haben Sie Tee und Weißbrot. Waschen Sie sich und kleiden Sie sich an." Von den Sachen, die ich ins Gefängnis mitgebracht hatte, gab man mir nur die notwendigsten Toilettengegenstände mit in die Zelle, d. h. Zahnpulver, Zahnbürste, Kamm und Bürste und ein Stück Seife. Ich wusch mich unter dem Ausguß, und das kalte Wasser stimmte mich etwas mutiger, �ch beschloß nun, solange ich keine Bücher erhalten konnte, mit Turnen, Spazierengehen und durch eine sorgfältige, viel Zeit in An- spruch nehmende Toilette den Tag auszufüllen. Nach meiner Berechnung mußte ich spätestens um halb sieben Uhr geweckt worden sein. Volle zwölf Stunden sollte ich hier also auf und abgehen und an nichts anderes denken können, als daß ich hier festgehalten wurde. Nach einer Weile klopfte ich wieder an der Tür. Der Aufseher erschien.„Was wünschen Sie?" j,Tch möchte irgend einen Beamten sprechen, entweder den Direktor oder den Inspektor. Ich muß Bücher und Schreib- Material haben. Ich kann so nicht leben!"...„Der Herr Direktor wird bald kommen, dann können Sie ihn darum bitten. Ich glaube aber nicht, daß Sie schon heute Bücher er- halten werden."...„Was Sie glauben oder nicht glauben, geht mich nichts an! Ich will den Direktor sprechen." Wieder verging eine Zeit. Ich war wild und rasend ge- worden.„Nein, ich kann das nicht aushalten, ich muß einen Ausweg finden! Ich will zurück, ich will hier nicht sitzen." Da ging die Tür auf, und ein älterer uniformierter Herr in Begleitung verschiedener Beamten erschien.„Ich habe ge- hört, Sie beklagten sich, daß Sie keine Bücher erhalten. Nach den Vorschriften können Sie erst in acht Tagen Bücher ver- langen. Ich werde aber anordnen, daß Sie Papier und Feder bekommen, dann können Sie selbst eine Bittschrift ein- reichen. Der Aufenthalt hier gefällt Ihnen wahrscheinlich nicht besonders. Das ist nicht unsere Schuld." Ich war mitten im Zimmer stehen geblieben, schaute den Herrn von oben bis unten an und antwortete ihm:„Erstens bin ich gewöhnt, daß wenn jemand in meine Wohnung ein- tritt oder mich irgendwo anders trifft, er„Guten Tag" zu mir sagt. Sie scheinen wenig Manieren zu haben. Ich ver- bitte mir außerdem solche Bemerkungen."„Wie Sie es draußen gewöhnt sind," erwiderte er gereizt,„geht mich nichts an. Ich bin hier Ihr Vorgesetzter und tue, was mir beliebt. Wenn Sie sich ungebührlich mir gegenüber betragen, so werde ich Sie einfach bestrafen lassen. Adieu!" Die Tür fiel krachend zu, und ich war allein... Dieser kleine Auftritt hatte mir sonderbarerweise mehr Ruhe und Kaltblütigkeit gegeben. Ich beschloß, mich den Vorschriften zu unterwerfen und nur das, was mir nach dem Gesetze zu- kam, zu verlangen, aber dann auch in der gebührenden Form. Es war vielleicht gegen zwölf, als sich plötzlich die Tür austat und der Aufseher in Begleitung von zwei Soldaten erschien.„Bitte, folgen Sie mir!" Wieder ging es durch lange Korridore, ich hörte, daß ab und zu an den kleinen Fensterchen, die an den Türen angebracht waren, geklopft und gefragt wurde:„Wer bist Du? Warum sitzt Du hier?" Dann schimpfte der Aufseher und drohte den unruhigen In- fassen der Zellen mit Strafe. Endlich gelangten wir in ein großes Zimmer-* die zwei Soldaten postierten sich vor der Tür, und der Aufseher bot mir einen Stuhl an. Ich setzte mich und wartete. Durch das Zimmer gingen ein paar Menschen und schauten mich ziemlich sonderbar an. Schließlich wurde die Tür zu einem anderen Zimmer geöffnet und ich hineingeführt. Da saßen vor einem Tisch ein Gendarmerieoffizier und ein Herr in Uniform vom Justizministerium. Ich vermutete in ihm entweder den Staatsanwalt oder seinen Gehülfcn.„Bitte, nehmen Sie Platz," sagte der Offizier.„Sie heißen so und so und wohnen dort und dort; ich möchte gern wissen, woher Sie die Ver- vielfältigungsmaschine und die Drucksachen, die man in Ihrer Wohnung gefunden hat, haben. In dem Protokoll, das in Ihrem Hause ausgenommen wurde, wird ausdrücklich gesagt, daß die Sachen Ihnen nicht gehören; Sie haben aber jede Auskunft verweigert. Nun, vielleicht haben Sie jetzt die Güte, es uns zu erzählen. Ich muß Sie auf eins anfmerk- sam machen: je aufrichtiger Sie sind, um so kürzer ist Ihr Aufenthalt in diesem Gefängnis. Wir sind überzeugt, daß Sie aus Gutmütigkeit das Opfer gemeiner und nieder- trächtiger Menschen geworden sind."...„Wie ich schon Ihren Kollegen erklärt habe," antwortete ickp„übernehme ich die Verantwortung für die Sachen, die bei mir gefunden worden sind. Daß sie verboten sind, wußte ich. Sie können nach dem Gesetz mit mir verfahren, aber ich weigere mich ent- schieden, unter Ausschluß der Oesfentlichkeit irgend etwas auszusagen! Die nächtliche Haussuchung bei mir war un- gesetzlich. Meine Arretierung ist auch ungesetzlich, und mir als Juristen erscheint es sonderbar, daß sich ein anderer Jurist dazu hergibt, etwas Ungesetzliches durchzuführen. Ich werde erst antworten, wenn ich vor einem Untersuchungsrichter stehe, der das Protokoll aufnimmt, die Anklage dem Staats- anwalt übergibt und mich vor ein öffentliches Gericht stellt. Ich sage Ihnen ein für allemal, daß ich Ihnen keine Antwort zu geben gewillt bin. Sie sollen mich frei lassen und dem Untersuchungsrichter übergeben, das weitere wird sich Kann zeigen." Der Offizier sagte lächelnd:»Durch Ihre schroffe M- Ichnung verschlimmern Sie die Sache nur. Wir handeln vollkommen gesetzlich, und Sie müssen als Jurist wissen, daß es auch ein administratives Verfahren gibt. Alle Angelegen- heiten, die politische Umtriebe betreffen, find uns unter- geordnet. Ihr Protest nützt Ihnen nichts, und ich würde Ihnen raten, uns in ruhiger Weife Rede und Antwort zu stehen. Ich bin überzeugt, daß dann die ganze Sache in ein paar Tagen erledigt ist." Darauf stand ich auf und antwortete:»Ich bitte um Papier und Feder. Ich will mich an den Justizminister wenden."...„Das wird Ihnen wenig nützen." bemerkte der Offizier,„aber wir werden Ihren Wunsch erfüllen. Hier haben Sie das Gewünschte." Nachdem ich die Bittschrift abgefaßt hatte, iiberreichtejch sie dem Staatsanwalt mit den Worten:„Bitte, sorgen Sie dafür, daß dieses Schriftstück noch heute dem Minister zu- gestellt wird... Kann ich jetzt gehen?"„Also Sie wollen uns keine näheren Erklärungen geben, wie die Sachen in Ihre Wohnung gekommen sind? Daß sie Ihnen nicht gehören, das wußten wir. Wir wissen auch, daß Sie eine Reihe von Revo- lutionären unterstützen, wir wissen vielleicht noch mehr, aber das genügt vollkommen. Wollen Sie sich nicht lieber setzen und unsere Fragen beantworten? Durch Ihre Hartnäckigkeit und Ihre an dieser Stelle ganz unnötigerweise an den Tag gelegte ideale Auffassung von,— na, von„Freundespflicht" wollen wir sagen, wird Ihre Untersuchungshast nur ver- längert." „Ich habe Ihnen erklärt, daß ich weder mit Ihnen, noch tnit dem Herrn Staatsanwalt irgend etwas zu tun haben will, und bitte Sie, mich in meine Zelle zurückbringen zu lassen." „Wie Sie wünschen," war die Antwort, und derselbe Auffeher. der mich zum Verhör gebracht hatte, führte mich wieder zurück. Aus der Gefängnisbibliothek erhielt ich Bücher wissen- schaftlichen Inhalts und eigentümlicherweife sogar„Das Kapital" von Karl Marx. Dieses Buch studierte ich mit großem Eifer, denn ich wußte, es fei das Evangelium der materialistischen Geschichtsauffassung. Zuerst ftel es mir schwer, ich las mich aber hinein und fühlte mich von nun an stärker, gesunder und frischer. Es bestärkte mich in meinen politischen Anfchcnomgen und wurde grundlegend für meine weitere Entwickelung. Meine Zeit hatte ich ziemlich genau eingeteilt, hatte mir selbst einen Kalender gemacht und strich nun Tag für Tag das Datum aus. Ich glaube, es war am Ausgang des Zwesten Monats, als ich wieder einmal in die Kanzlei gebracht wurde. Zu meiner kteberrafchung war es weder ein Verhör, noch eine lästige Unterredung mit meinen Verwandten, sondern ein freudiges Wiedersehen mst meinem guten Bekannten, dem Arzte Popofs. Wie er es fertig gebracht hat, eine Unter- redung mit mir auszuwirken, weiß ich nicht. Wir konnten in Gegenwart des Gendarmerieoffiziers zwar nur ein paar gleichgültige Worte wechseln, aber das Be- wußtsein, daß er noch frei ist. stimmte mich froh. Zum Ab- schied drückte er mir fest die Hand, und ich sah am Leuchten seiner Augen, daß er mir für mein Vcrhasteir dankbar war. So vergingen acht Monate. Meine trüben Stimmungen hatten mich verlassen, die Nächte verbrachte ich ruhiger, und meine Klagen dem Direktor gegenüber hatten bewirkt, daß die Aufseher mich wieder Höf- lich behandelten, ja, ich scherzte und lachte sogar mit ihnen, wenn sie das Essen brachten oder meine Zelle reinigten. Noch immer hatte ich die Vergünstigung, meine eigene gute Kost, sogar einen Schluck Wein und recht viel Milch zu bekommen. Ich wollte aber die bessere Kost nicht allein ge- nießen und zahlte daher monatlich einen bestimmten Beitrag in die Unterstützungskasse für politische Unterfuchungs- gefangene: das ist alter Brauch unter den Revolutionären. In meiner Einsamkeit, in der Stille der Zelle ging ich oft im Geiste durch, was ich über die staatliche Entwicklung Rußlands gelesen und über die früheren revolutionären Be- ftrebungen gehört hatte. Selbstverständlich stellte ich mir auch die Frage, was ich nun weiter tun sollte. Ich täuschte mich nicht mehr über die Politik Alexanders II. Ich sah in ihm nicht mehr den gütigen Zar- Befreier, nun ich wußte, daß nach dem Krrmkriege die Frage der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Einführung von Reformen unbedingt gelöst werden mußte. Nicht sein guter Wille oder der Wunsch seines sterbenden Vaters war in diesem Falle maßgebend. Der Krieg, den der stolze, von seinem Gottesgnadentum überzeugte Kaiser Nikolaus geführt hatte, bewies in jeder Hinficht die Morschheit des alten Systems und die Notwendigkeit von Reformen. Aus den historischen Doku- menten über die ersten Verhandlungen der Kommission, die Zllexander II. zur Lösung der Leibeigenschaftsfrage eingesetzt hatte, war klar zu erschen, daß die wirklichen Freunde ihres Vaterlandes bei der Durchführung ihrer Wünsche stets voi* den Vertretern der Reaktion gehemmt wurden. Tie ganze Regierungspolittk Alexanders II. gibt in ihrer historischen Entwickelung das Bild einer Kette von Halb- heiten. Auch hier konnte man wieder sehen, daß. wie überall in der Welt, eine Regierung von ihren Prärogativen(Vor- rechten) immer nur so wenig wie irgend möglich abzutreten bereit ist. In allen den Kommissionen, die wegen der Leibeigen- fchastsfrage, der Justizreform, des Schulwesens, der Militär- fragen eingesetzt wurden, waren neben liberal gefilmten Mst- gliedern die ärgsten Reakttonäre zu Borsitzenden bestimmt. Damals schon machte sich in der russischen Gefellschast ein Mißtrauen gegenüber den Reformvorfchlägen der Regierung und ihrer Verwirklichung geltend,— und mit Recht, denn die Reformen, die in den sechziger Jahren beabfichttgt und auch teilweife eingeführt wurden, hat man im Jahrzehnt darauf wieder aufschoben oder beschränkt. Man spricht oft von der damaligen revolutionären Bewegung als von einer nihilistischen, doch darf man nicht denken, daß die Leute so ohne weiteres zur Bombe und zum Revolver gegriffen haben. Bevor diese Freiheitsbewegnng zu einer terroristischen wurde, zeigte sie recht friedliche Formen. Tie damalige Intelligenz wollte ihren freigewordenen Nächsten zu Hülfe eilen. Die ge- famte Literatur, die belletristische sowohl wie die Wissenschaft- liche, beschäftigte sich ausschließlich mit der Psychologie, mit den Wünschen und Hoffnungen der frei gewordenen Bauern. (Fortsetzung folgt.) �Zstronomifcde R.utKtfd>aii. Mit einer klntersmhuuz über die scheinbare Form des HimnrelszewölbeS, die Pros, von Sterneck vor kurzem in den Sitzungsberichten der Wiener Äkademie der Wissenschaften der- össentlichte, hat er sich an ein Problem gemacht, das vor ihm schon Männer lote Helmholtz beschäftigt hat. Tos Himmelsgewölbe er- scheint ja dem Beschauer keineswegs als eine Halbkugel, sondern als ein mehr oder weniger flaches Gebilde, deren Form unbestimmt erscheint und decher schwer zu bestimme» ist. Sterneck hat die Sache von der rein erfahrungsmägigen Seite angefaßt und sich dabei auf eine Tatsache gestützt, die anscheinend ganz fruchtbar sstr die Be- trachtung ist. Beim Beschauen von Gestirnen und Sternbildern hat mau das Bestreben» diese ihrer Größe nach anzugeben. Steht z. B. der Mond iu mäßiger Höhe, so ist man geneigt, feine Größe z» 13 Zenti- meter anzugeben. Dabei denkt mau sich, ohne es zu wissen, den Mond aus einer Fläche angebracht, auf der er uns 13 Zentimeter groß erscheint. Da wir nun den Mond unter einem Sehwinkek von 31 Minuten erblicken, müßten wir eine 18 Zentimeter große Scherbe in einer Entfernung von IS Meter anbringen, damit sie uns gleich groß wie der Mond vorkourmt. Das klingt merkwürdig, weil ein Beschauer genau weiß, daß der Mond nicht bloß 18 Zentimeter im Durchmesser hält und nur lS Meter�von ihm entfernt ist. Dennach können wir von dieser allgemeinen Schätzung Gebrauch mache» und mit dieser idealen..Refereuzs�äche". wie sie von Sterneck nennt, operieren. In gleicher Wesse schätzt man die Rfferenzflächen von Sonne. Sternbildern usw. Unter Benutzung dieser Schätzungen hat Pros, von Sterneck die Referenzflächcn einiger speziellen und häufigsten Formen des Himmelsgewölbes berechnet. Er fand auf diese Weise die Höhe H des Himmels und die Weite kl. bis zu welcher es sich in wagerechter Richtung ausdehnt, beim Sternen- himme! H— 12I Meter R— 24.4 Meter, bei der Referenzfläche der Sonne H— 10,1 Meter R= 25,3 Meter. bei der Refcrenzfiäche eines bestimmten Wolkenhimmels H— 12,2 Meter R— 109,4 Meter. Bei klarem Sternenhimmel erscheint uns als» das Himmels- gewölbe in wagerechter Richtung doppelt so weit abzustehen, als es hoch ist. Da wir nämlich gegen den Horizont durch eine dicke Dunst- schicht schräg hindurchsehen müssen, leuchten die Sterne diel we- niger und scheinen uns weiter entfernt zu sein. Die Sternbilder erscheinen uns am Horizont daher etwa doppelt so groß, als wenn sie gerade über uns stehen. Bemerkenswert ist, wie flach uns der Wolkenhimmel erscheint. Der Grund dafür liegt in den Beleuchtungsderhältnissen. die die Entfern ungsschätzungen ungemein beeinflussen. Die scheinbare Form des Himmelsgewölbes läuft überhaupt nach Sternecks Ver- suchen auf Entfernungsschätzungen hinaus, die unter mehr oder weniger günstigen oder ungünstigen Verhältnissen erfolgen. Welche Rolle dabei die Beleuchtungsverhältnisse spielen, kann jeder selbst beobachten, wenn er einmal einen verschiedenartig beleuchteten Wollenhimmel betrachtet. Diejenige Stelle, hinter welcher die Sonne steht, die also heller ist als andere Partien, scheint uns viel näher zu sein, als die dunkleren Partien. Man erkennt daher auch sogleich, daß der Mond mehrere Referenzflüchen hat, je nach- dem, ob er uns bei Tage erscheint oder in der Dämmerung oder bei Nacht. Am 22. Januar ist Herrn Prof. Wolf die Wiederauffindung des von ihm mit Hülfe des großen Bruceteleskops entdeckten kleinen Planeten 1SM TG, Nr. 588, mit demselben Instrument gelungen. Dieser Planet hat neben dem Planeten Eros und den zuerst entdeckten kleinen Planeten die größte wissenschaftliche fcedeiitung erlangt. Bekanntlich hielt man den Mars einerseits und den Jupiter andererseits bis vor kurzem für die Grenzen des Systems der kleinen Planeten. Allein hier sollten fich die Bahnen der nun schon auf über 600 angewachseneu kleinen Planeten in den mannigfachsten Verschlingungen durcheinanderziehen. Die Entdeckung des Planeten Eros durch Dr. Witt auf der Berliner Urania-Sternwarte im Jahre 1898 aber erweiterte die Grenzen nach innen zu, da dieser kleine Himmelskörper feine Bahn zum größten Teile zwischen der der Erde und des Mars, nur zu ein Siebentel außerhalb der Marsbahn zieht. Der von Wolf entdeckte Planet TG hat nun auch nach außen hin die Grenzen durchbrochen, denn seine Bahn reicht über die des Jupiter hinaus. Bald nach seiner Entdeckung kam er, von der Erde aus gesehen, in die Nähe der Sonne und konnte dort monatelang nicht beobachtet werden. Die Vorausberechnung für die Wiederauffindung hatte Dr. Bidschof in Trieft geliefert und Wolf fand den Himmelskörper wieder. Die Umlaufszeit um die Sonne hat sich als noch etwas länger ergeben, als nach den ersten Bahnberechnungen, die Bahnform dagegen etwas kreisförmiger. Die größte Entfernung des Planeten von der Sonne macht 6, die kleinste 4% Erdbahnhalbmeffer(ä 149 000 000 Kilometer) aus. Die Helligkeitsschätzung. Wolfs ergab 15. Größe; bis zum März, der Zeit der günstigsten Stellung, wird aber die Helligkeit noch zunehmen, so daß dann auch direkte Beobachtungen mit den größeren Fernrohren gelingen dünsten. Eine scharfe Be- stimmuug der Bahnelemente wird unter Hinzunehmen diesjähriger Beobachtungen leicht durchführbar sein; damit wird sich auch wohl die Erwartung erfüllen, daß man mit Rückwärtsrechnung des Laufes photographische Spuren dieses interessanten Planeten auf älteren Platten von photographischen Aufnahmen entdecken wird, wie es bei dem Planeten Eros mehrfach der Fall gewesen ist. Das ist natürlich für die Bahnbestinunung und die Geschichte eines solchen besonders merkwürdigen Himmelskörpers von größtem Werte. Denning in Bristol ist es gelungen, genauere Beobachtungen über einige besonders auffällige Meteore und Stern- schnuppen zu sammeln und nach Berechnungen Angaben zu machen über Höhe, Aufleuchten, Verschwinden, die beobachtete Bahn» länge»nd die Geschwindigkeit, mit der sie die Atmosphäre durch- sausten. Diese Daten hat er kürzlich in den„Astronomischen Nach- richten" veröffentlicht. Die größte Höhe beim Aufleuchten hatte danach eine am 21. April v. I. erschienene Sternschnuppe, die Siriusgröhe aufwies. Sie wurde zuerst in 144 Kilometer Höhe ge- sehen, durchlief die Atmosphäre mit 40 Kilometer Geschwindigkeit in der Sekunde und verschwand in 90 Kilometer Höhe. Die beobachtete Bahnlänge betrug 52 Kilometer. Diese Beobachtung läßt erkennen, daß auch noch in diesen Höhen die Atmosphäre stark genug ist, um den mit großen kosmischen Geschwindigkeiten ein» dringenden Körpern erheblichen Widerstand zu bieten. Man er- kennt zugleich, daß diese Höhe noch lange nicht die Grenze der Erst- atmosphäre darstellt. Die niedrigste Höhe von 95 Kilometer beim Aufleuchten zeigte ein am 27. Januar erschienenes Meteor, das etwa Mondgrötze hatte. Es legte 63 Kilometer mit einer Ge» schwindigkeit von 39 Kilometer in der Sekunde zurück und ver- schwand in 73 Kilometer Höhe. Die niedrigste überhaupt beobach- tete Höhe erreichte eine Sternschnuppe vom 16. April beim Ver» schwinden mit 35 Kilometer. Sie wurde zuerst als etwa Jupiter- großer Körper in 112 Kilometer Höhe gesehen und hat auf ihrem 86 Kilometer lang beobachtetem Wege sehr stark an Geschwindigkeit eingebüßt. Letztere wurde auf nur 24 Kilometer pro Se- künde festgestellt Die größte bei einem sehr hohen Meteor beobachtete Bahnlänge betrug 116 Kilometer, die kleinste, deren Höhe auch groß war, 39 Kilometer. Die größte festgestellte Geschwindigkeit betrug 48 Kilometer in der Sekunde bei einer sehr hohen Sternschnuppe, die geringste 24 bei der schon erwähnten. Früher sind solche Feststellungen nur ganz Vereinzell und äußerst selten gelungen. Eine der bemerkenswertesten war die am 14. März 1905 frühmorgens in der Wiener Gegend gesehene Stern- schnuppe, die auf einer Strecke von 400 Kilometer sichtbar war. Der Hemmungspunkt, d. h. derjonige Punkt, in dem die Meteore meist plötzlich stillzustehen scheinen, um dann zu explodieren, lag in der Höhe von 37,3 Kilometer über der Gegend südlich von Schcbetau in Mähren. Die erste Beobachtung, die wohl kurz nach dem Aufleuchten gemacht wurde, geschah in 87 Kilometer Höhe über der Panska Ja- Vorina in Ungarn. AuS der beobachteten Bahnlänge von 145 Kilo- meter ergab sich, daß das Meteor sich gegen den Erdmittelpunkt um 36,3 Kilometer, gegen den Sonnenmittelpunkt um 52,3 Kilometer bewegte. Diese Geschwindigkeit ist natürlich eine andere, weil j» die Erde sich gegen die Sonne bewegt. Liemes Feuilleton. g. Pensioniert. Leicht wars nicht für den allen Graubart, Tag fiir Tag die Runde durch die Dörfer zu machen und den Leuten ihre Briefschaften, Zeitungen und auch die kleineren Pakete zu bringen. Sein braunes Gesicht hatte die Struktur einer gedorrte? Pflaume; die Sommersonne einer langen Reihe von Jahren hatts längst das letzte Fett unter der Haut geschmolzen; die Dienst-- uniform wüsde immer weiter und weiter und schlotterte um den mageren Körper. Peterhans ließ es sich nicht anfechten.. Im Frühling und Herbst, wenn die„wässerige Zeit" kam, steckte er die Hosen in die Schaftstiefel und marschierte durch dick und dünn- durch feuchte, moorige Felder, nasses Gras und sumpfige Wiesen, als ob ihn das gar nichts anginge. Als ob es so sein müsse und man nichts dagegen sagen und nichts daran ändern könne tn alle Ewigkeit. Mit der Pünktlichkeit einer guten, llhr stellte Peterhans sich ein. Tag für Tag, Jahr für Jahr, die Scmn- und Festtags ausgenommen. An einem Vormittag aber kam ein anderer. Ein junger Mann mit vollen runden Backen, bartlosen Lippen, mit Fett unter der Haut. Er kau? etwas später als Peterhans und schwitzte trotz den Kalle.„Herrschasten," keuchte er. ,chas ist'ne Tour!" „Wo ist denn Peterhans?" „Das fragen mich alle Leute." Er lächelte. ,»„Kraut ist er. Im Schnee stecken geblieben." „Er muß sehr krank sein." Der Neue zuckte die Achseln:„Dielleicht." Dann ging er. Nun war Peterhans ein sehr alter Bekannter von mir. Hott� mir manche gute Botschaft gebracht, manche Geldanweisung, wenn's grad Matthöi am letzten war. Man kriegt ein Dankgefühl für solche Menschen.. Ich packte also einige Tage später eine Flaschg Rum ein und machte mich aus den Weg nach seinem Dorf. Man wies mich in eine enge rmgepflasterte Gasse, die von der Hauptstraße abzweigte. Rur drei oder vier kleine Häuschen stehen dort; schwarzgeräucherte, windschiefe, von Sturm und Wetter zer» fressene Baracken mit niedrigem Unterbau und hohem, spitzet, Giebel. In einer wohnte Peterhcms. Eine alte krumme Frau empfing mich auf der halbdunklen Diele, die zugleich als Küche dient«. Ein Feuer flackerte im Herde und füllte den Raum mit Holzrauch. In dem Qualm, vom Feuer zeitweise beleuchtet, faß am dreizehn- jähriges Mädchen und schälte Kartoffeln.„Unsere Jüngste, er» klärte die Frau.„Ein Jahr noch, dann kann sie sich selbst durch? Leben bringen." „Wieviel Kinder haben Sie, Frau Peterhans?" „Sieben. DaS heißt: gehabt habe ich neun. Zwei find früh gestorben. Sechs verdienen Gott sei Dank schou." „Da haben Sie's auch nicht leicht gehabt." „Leicht?" Ihre krumme Gestalt rrchtete fich ein wenig auf und zeigte ein runzeliges Gesicht mit trüben Augen, die mich ganz verwundert, fast vorwurfsvoll anblickten. Dabei hob sie bchds Hände bis zur Kopfhöhe. Dann sank die Linke. Die Rechte de» wegte fich einige Mal« wagerecht in der Lust hm und her:„Nee!'' „Ist Ihr Manu schwer krank?" Sie ging der Beantwortung der Frage aus dem Wege, indem sie eine Tür öffnete:„Da liegt et!" Eine mittelgroße, niedrige Bauernstube, mit den notwendigsten Möbeln, tat sich auf. Dann entdeckte ich Peterhans, der in Woll- decken eingehüllt, auf dem glanzledernen Kanapee lag. Er richtet« den Oberkörper auf:„Wer ist da?" „Hab ich Sie im Schlaf gestört, Herr Peterhans?" „Nee, das nicht. Sie sinds." „Wie geht's?" „Mir geht's schlecht. Schlecht!" „Dacht ich mir. Ehe S i e ausbleiben.— Also hat der Scynee Sie untergekriegt? Wo fehlt'S denn?" „Der Schnee— ja." Er sagte es langsam, überlegend, mit einem beobachtenden Seitenblick. Der blieb dann einen Moment auf der Rumflasche haften. Ich reichte sie ihm hin.„Dürfen Sie?" Er lachte nur seltsam. Dann rief er nach serner Frau und bestellte heißes Wasser. Zucker und Gläser. Als alles auf dem Tisch stand, warf er wie umt einem raschen Entschluß alle Wolldecken zur Seite und setzte sich ohne Beschwerde auf. Dabei blickte er mich wieder an. Ja, ich wunderte mich natürlich Dachte: er wird diese merkwürdige Krankheit schon erklären, und bot ihm eins Zigarre an. Dann rauchten wir und tranken Grog. „Auf baldige Wiederherstellung, Herr Peterhans, und daß Sie mir bald wieder mit.'ner anständigen Postanweisung kommen.!" „Ich bring Ihnen keine mehr. Ich nicht." „Sind Sie denn wirklich so krank?" „Ich?" Er sah mich an, lachte laut auf, hielt aber erschrocken innc. Um gleich darauf ruhig zu sagen:„Es ist eine erbärmlicbe Komödie, Herr. Ich bin wohl zu all zum Theaterspielen. Sie habeüs schön gemerkt: es ist etwas wicht richtig. Ich sag's Ihnen im Vertrauen: ich bin gar nickt trank. Ich soll bloß trank sein." .„Sie sollen?" „Ich soll." Er tat emen Schluck.„Das mit dem Schnee ia richtig. Ich könnt' nicht durch." Er legte die Hand an die Brust. „Bis Kier saß ich drin. Es ging einfach nicht weiter. Keiner hätt's geschafft. Keiner. Auch der Generalpostmeister nicht. Bin also umgekehrt. War natürlich nafz bis auf's Fell. Ein paar Pakete hatten was abgekriegt. Gewiß. In die Brieftasche war auch ein 'bischen Schnee'reingekommen. Wie, weiß ich nicht. Es war oumm von mir und nicht aufgepaßt. Ich geb's zu. Kriege also einen Wischer. Der war mchr als grob. Jeder war nervös, weil nichts klappte an dem Tage. Ich auch. Fährt's mir in die Krone: du hast dir nie tvas zuschulden kommen lassen, also— ich packe aus. Gehörig. Sagte, was ich auf dem Hemen hatte. Alles. Was sich so in Jahren ansammelt in einem— Sie wissen ja. Daß ich Hülfe haben muß und nicht auf der Strecke verrecken will. Und so weiter. War wohl dumm von mir, aber gefreut hat's mich doch, wie sie geschaut haben. Die, die da kommandieren. Na also: cnd- lich hat's geheißen:„Sie sind krank, Peterhans. � Gehen Sie nach Hause. Das Weitere wird sich finden." Das heißt soviel wie: laß dich pensionieren. Geh zum Teufel!" Er trank. Die Hand bebte. ..Jetzt lassen sie den Schneepflug fahren. Ist's da ein Kunststück, durchzukommen?" Er weinte fast; alle Falten seines vertrockneten Gesichts zuckten:„Ist das ein Kunststück?" Eine lange Pause. Dann sagte ich:„Schließlich ist's eine wohlverdiente Ruhe, Herr Peterihans. Sind Sie auch nicht krank, alt genug sind Sie wirklich." „Meinen Sie?" In seinem ganzen Gesicht vibrierte es. Dann brach er los:„Was nützt mir'n dos, wenn ich nicht leben und sterben kann bei der Pension? Wenn's n-o ch magerer zugehen soll bei mir als jetzt?" Er war aufgestanden. In sein dürres, lederartigcs Antlitz stieg heiße Röte. Er schlug auf den Tisch:„Ich Hab die Komödie satt! Ich bin nicht krank! Bin kerngesund! Ich geh bis zur höchsten Instanz! Jawohl! Verstehen Sie mich?" Ein Faustschlag:„Bis— zur— höchsten— Instanz!" Die Frau stand in der Tür, alt, gebückt, den Kopf ein wenig Schoben. Die Reckte ging wieder wagcrecht in der Luft hin und er:„Laß doch, Peterhans. Das nützt Dir ja alles nichts..." Theater. Schillertheatcr O.: Narrenglanz, Ein Spielmannsdrama in vier Akten von Rudolf Rittner.(Buchaus- gäbe im Verlage von Oesterheld u. Co., Berlin). Der ausgezeich- nete Schauspieler, einer der bewährtesten im Brahmschen Ensemble, der— in den besten Mannesjahren stehend— mit Ablauf der Saison von dem Ähcater auf immer scheiden will, wurde bei der Aufführung seines Stückes mit stürmischen Ovationen gefeiert. Nach Recht und Billigkeit, wenn der Beifall dem Bühnenkünstler gelten sollte, der wie kein anderer den Zauber spezifisch mann- lichcr, selbstsicherer, herber Kraft in der Verkörperung dramatischer Gestalten wiederzugeben wußte. Das Werk aber, mit dem er hier als Bühnendichter auftrat, an sich genommen, abgelöst von den Erinnerungen, die der Name Rittner lebendig macht, verdiente leider solchen Enthusiasmus ganz und gar nicht. Die Sprache hat jene aufgebauschte, fchellcnlaute, prätentiöse Art, die zu den Re- quisiten des üblichen Kostümstückes gehört. So kleidet, um ein kleines Beispiel anzuführen, ein verliebtes Fräulein ihren Wunsch, der Spielmann solle die Treppe heraufkommen und sie küssen in die schönen Worte:„Bring mir Deinen Mund". Die Gestalten chwanken schattenhaft, und schattenhaft bleibt gleichfalls der Zu- ammenhang von Handlung und Idee. Hier und da klingt etwas Wie persönliches Empfinden an. So, wenn der Spielmann, der am Hofe eines Fürsten hohe Ehren und mächtigen Einfluß ge- Wonnen, in Klagen ausbricht über die Leerheit seiner Gaukler- künste, wenn er aus dem Glänze dieses fremden Kreises, der ihn zur Unterhaltung braucht und ihn als Hörigen im Grunde doch verachtet, sich hinaussehnt in ein schlichtes, tätiges Leben, in dem er gilt nach seinem wahren Manneswerte. Der Wunsch, derartige Stimmungen, die wohl aus eigenem Erleben wuchsen, in einem Bilde künstlerischen Ausdruck zu verleihen, mag wohl den ersten Anstoß zu der Dichtung gegeben haben. Aber die Ausführung biegt weit von diesem Kern ins Gleichgültige, Beziehungslose ab. Die Züge männlichen Stolzes in dem Spiclmann und Hofnarren vermischen sich mit so viel Aeußerungen hochfahrenden Parvenü- sinns und blinder Uebcrhebung, daß die Figur, die nach der Ab- ficht doch gewiß sympathifch wirken sollte, das Anziehende verliert, »n ihrem Schickfal völlig kalt läßt. Dieser Sänger, der seine Stellung in der Gunst des Fürsten ausnutzt, um nach Laune das Höflingspack so schroff als möglich zu brüskieren, der die Ver- führung hochgeborener Damen als Sport betreibt, die Verliebten zwingt, ihm die Hand zu küssen, der ein boshaft-niederträchtiges Spottlied an einem bornierten Junker rächt, indem er den Uu- bewehrten mit einem Schwertschlag niederstreckt— wie kann der sich wundern, wenn Schimpf mit Schimpf gelohnt wird! Daß der Fürst, um sich den Lautenschläger zur Zierde seines Hofstaates zu erhalten, ihm nicht wie einem Freien nach diefer Tat die Hand abhacken läßt, sondern ihn als Hörigen den Geißelhieben der Ritter für eine Stunde preisgeben will, dünkt den Narren der schlimmste aller denkbaren Despotenfrevel. Prügel sind Schande, Ver- Mmmelung nicht! In endlosen Deklamationen ergeht er sich darüber und stößt nach erhaltener Strafe— das ist die Tragik! — höchst heldenmäßig sich ein Messer in die Brust. Die Schauspieler des Schillertheater setzten für das tot- geborene Stück viel Eifer und Können ein. Sehr gut war Ziegel in der Hauptfigur und Ida W ü st, ein Gast von der Lessing- bühne, in der Rolle des kokett perverfen Adelsfräuleins, durch die der Spielmann, wunderlich genug, an sich erfährt, was eigentlich die wahre Liebe ist. ckt. In der Besprechung des Einakters„Wegen Preßvergehen" ist ein Irrtum unterlaufen, den wir nachträglich richtig stellen. Der Darsteller des Sträflings, welcher aus Freundschaft zu dem„Preß- sünder" Dr. Walldorf das ominöse Zeitungsblatt entwendet, ist nicht Herr Kupfer, sondern Herr B a s e I t. Humoristisches. — Bändigung der Premierentiger.(G. Haupt- mann zu Brahm):„Aber, lieber Brahm, so klug könnten wir auch sein und den Kaiser einladenl Dann hätte doch die ewige Auspfeiferei ein Ende!" — Sein Geschäftstrick:„G'schwind, Kath'l, g'schwind, bind da Deine Strumpfbandl'nauf, Summafrischla gehn Vorbeil" („Simplicissimus.") — Kleines Gespräch.„Ich weiß nicht, die Freisinnigen kommen mir seit dem dreizehnten Dezember ganz verändert vor I" „Hm, natürli, die hab'n sich halt'n„Barth" abg'nomma I" („Jugend"). Notizen. — Vom Verlag S. Fischer wird eine Sammlung der prosaischen Schriften von Hugo v. Hofmannsthal vor- bereitet. Geplant sind vier Bände, von denen der erste im April, die weiteren drei Bände in halbjährlichen Abständen erscheinen. — Das Pariser Odöon-Theater, das jetzt von A n to i n e, dem um das moderne Drama, und zwar auch das ausländische, sehr verdienten Direktor, geleitet wird, beabsichtigt im Spätsonnner in Berlin zu gastieren. Außer klassischen Werken, darunter dem glänzend iuszenienen„Julius Caesar", soll auch die Dramatisierung von Zolas Roman„ha. fante de l'abbe Mouret" aufgeführt werden. Vielleicht kommt auch das ausgezeichnete Orchester Colonnes mit. — Der„Hauptmann von Köpenick" als eng- lischer Operetten Held. Die lustige Geschichte vom Haupt- mann von Köpenick hat die englischen Bühnendichter nicht schlafen lassen. Ganze fünf Mann sind aufgeboten, dem Londoner Publikum die Gestalt des pfiffigen Schusters lebenswahr vorzuführen. Die Operette wird in: Londoner Gaiety-Theater aufgeführt ivcrden. Das V ö l k e r k u n d e m u s e u m hat in letzter Zeit, wie der „Voss. Ztg." berichtet wird, eine Reihe sehr wichtiger und sehr um- fangreicher Erwerbungen gemacht, von denen ivenigstenS ein Teil vorübergehend in den Ausstellungsräumen des Kunstgewerbemuseums aufgestellt werden soll. So eine Auswahl der fast tadellos er- haltcnen, sehr interessanten Fresken mit buddhistischen Dar« st e l l u n g e n, welche die letzte große Sendung der Ausbeute der preußischen Erpedition nach Turfan ausmachen, und die in denselben eigentümlichen Höhlentempeln gefundenen, höchst merkwürdigen Manuskripte und andere Gegenstände. Gleichzeitig ist als Geschenk eines ungenannten Gönners die größte und wertvollste Samm- lung altperuanischer Altertümer, die Sammlung des kürzlich von Peru wieder nach seiner Heimat Hannover über- gefiedelten Kaufmanns Gretzcr, in den Besitz des Völkerkunde- museums gelangt. Sie enthält die zahlreichsten Prachtstücke der ältesten peruanischen Kunst, meist aus der Vor-Jnkazcit, angeblich bis in die Zeit um Christi Geburt zurück. Sehr merkwürdig sind darunter die trefflich erhaltenen, farbenprächtigen, reich mit Figuren versehenen Stoffe. Eine andere, einseitigere, aber ähnlich reiche Sammlung, gleichfalls ein Geschenk, stammt aus Argentinien und umfaßt die von Peru abhängige lokale Kultur dieses Landes. Sehr wertvolle Stücke aus verschiedenen Ländern hat Geheimrat Bäßler, der alte Gönner der Museen, geschenkt. Auch die prähistorische wie die afrikanische Abteilung haben kleinere Sammlungen zum Geschenk erhalten. Alle diese Sammlungen sollen in einiger Zeit in den neu hergerichtcten Ausstellungsräumen des Kunstgewerbemuseums vorübergehend aufgestellt werden. — Herbst E ii l e n b e r g s Jugendwerk„Münchhausen" wurde im Mannheimer Hoftheater ohne Erfolg gegeben. —„Die große Gemeinde", ein Lustspiel nach ftan« zösischen Mustern, das das Thema von den betrogenen Ehemännern witzig erörtert, von L e t h a r u' L i p s ch ü tz wurde im Wiener Burgtheater zum erstenmal aufgeführt. Es soll auch im Berliner Neuen Schanspielhause gespielt werden. — Ein neues Verfahren der Fernphoto graphie soll von einem Brüsseler erfunden sein. Der Achiarat übermittelt telegraphisch Photographien, Zeichnungen usw. und zwar in Gestalt eines Metall- klischees, das direkt zur Reproduktion durch den Druck dient. Zur Reproduktion eines Bildes von 20 Ouadratzentimeter Größe soll nur eine Minute erforderlich sein. Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagtanstaltPaul Singer LiCo., Berlin LAk.