ZlnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 46. Mittlvoch. den 6. März. 1907 8] (Nachdruck verboten.) Im Kampf für Rußlands freikeit. Tausende von jungen Leuten eilten aufs Land, um dort als Lehrer, Gemeindeschreiber, Heilgehülfen usw. dem Volke zu nützen. Anstatt diese Bewegung zu unterstützen, griff die Re- gierung zu Gegenmaßregeln. Tie Presse wurde nach kurzer Freiheit wieder unter eiserne Zensurvorschriften gezwängt. Ich konnte mir lebhast vorstellen, was in der Seele eines freiheitlich gesinnten jungen Menschen vor sich gehen mußte, der, nur von dem Wunsche beseelt, seinem Nächsten zu helfen, plötzlich den Befehl erhielt, eine unfreiwillige Uebersiedelung nach einem nördlichen Gouvernement anzutreten. Er hatte geträumt, den nunmehr äußerlich freien Bauern auch zu einem innerlich steien Menschen zu machen. Er wollte ihm langsam die Schätze der Kultur zurückgeben, welche die Sklavenarbeit des Bauern auch ihm geschenkt hatte. Man konnte in der da- maligen Zeit überall lesen von„unserer"(d. h. der Jntelli- genz)� Blutschuld gegenüber dem Bauern. Man konnte oft den«atz hören, daß der Mann, der uns mit seinem Blut und Schweiß die Möglichkeit erarbeitet hatte, uns in die deutsche Philosophie zu vertiefen, uns an den Künsten zu erfreuen und alle Errungenschaften der Wissenschaft zu genießen, nun endlich auch an diesen Kulturgütern teilnehmen müsse. Die reaktionären Maßnahmen der Regierung machten indessen die Intelligenz stutzig und drängten sie zu terra- ristischcn Akten. Man glaubte die mächtige Reaktion durch den Terror zur Kapitulation zwingen zu können. Man ging sogar weiter. Man wollte den Kaiser, als obersten Vertreter dieses Systems, stürzen und damit das System selbst zu Fall bringen. Ilnd nun begann ein Kampf zwischen der Regierung und der revolutionär gewordenen Intelligenz. Es war ein un- gleicher Kampf. Ich bin fest überzeugt, daß die damaligen Revolutionäre an sich keine blutgierigen Terroristen waren. Ich erinnere mich, einen Protest des russischen revolutionären Komitees gegen die Ermordung des amerikanischen Präsi- denken Garfield gelesen zu haben. Darin hieß es unter anderem:„Wir verdammen den politischen Mord in freien Ländern, wo man auf gesetzmäßigem Wege seine Ziele der- folgen und erreichen kann."— So war die schwankende Politik Alexanders ll. schuld an seinem Tode.— Später ist bekannt geworden, daß au dem Tage seiner Ermordung der Kaiser auf Drängen des Diktators Grafen Loris Melikoff einen llkas über die Einberufung von Ständen unterzeichnet hatte, aber es wurde auch nachgewiesen, daß der Ukas auch nicht den geringsten Versuch zur Einfiihrung einer Verfassung in Rußland darstellen sollte. Dieser Re- gierungsakt, der die Teilnahme von Scmstwo-Vertretcrn an verschiedenen Kommissionen mit beratender Stimme zur Folge gehabt hätte, war in aller Heimlichkeit vorbereitet worden. Älerander III., bei seinem Regierungsantritt vor die Frage gestellt, ob er den llkas veröffentlichen lassen wollte, war zu- nächst unschlüssig und befragte den Staatsrat. Tort fand eine sehr aufgeregte Sitzung statt. Tic nächsten Ratgeber Alerandcrs II., wie Loris Melikoff und der liberale Kriegs- minister Graf Miljutin, empfahlen zur Beruhigung des Landes die Veröffentlichung des Ukas. Pobedouosxcw führte dagegen in seiner Erwiderung aus, daß die Veröffentlichung unbedingt zur Einführung einer parlamentarischen Verfassung führen müsse. Er suchte an dem Beispiel der ausländischen Staaten nachzuweisen, daß der parlamentarische Einfluß eine schädliche Staatsform sei, die den Glanben zerstöre, die lln- Zufriedenheit schüre und einigen Phrasendreschern die Mög- lichkeit gäbe, sich als die wahren Volksvertreter aufzuspielen. Rußland wäre verloren, wenn dieser erste Schritt getan würde. Alexander III. stimmte ihm bei und führte selbst aus. ihm sei oft in Dänemark von Ministern erklärt worden, daß das Parlament nur die Wünsche eines geringen Teils des Volkes zum Ausdruck bringe. Das Resultat war, daß die ehrlichen Ratgeber Alexanders II. ihren Abschied einreichten, und nun begann die Reaktion ungehindert xu berrschen. Die revolutionäre Be- wegung wurde unterdrückt, und es begann eine Totenstille im weiten Zarenreiche. Wohl wurden noch hier und da einzelne Attentatsversuche gemacht, jedoch trat bei den Intelligenten eine Enttäuschung ein. Sie hatten gehofft, die große Masse des Volkes auf ihre Seite zu bekommen. Ihr Ideal war dahin gegangen, dem Volk sein gutes Recht der Teilnahme an der Verwaltung zu verschaffen, und das Volk hatte sie im Stich gelassen. So war es ein heldenmütiger, verzweifelter Kampf der geringen Schar der freiheitlich Gesinnten geaen die gewaltige Macht der Reaktion gewesen. Hatten viellDht einzelne unter ihnen von Utopien geträumt, so wären doch die meisten zufrieden gewesen, wenn die versprochenen Re- formen durchgeführt worden wären. In den achtziger Jahren glich die geistige Kultur Ruß- lands, nach dem Ausspruch eines damaligen Schriftstellers» einer Wüste. Im Anfang der neunziger Jahre begann man endlich langsam, die Anschauungen über den russischen Staat und die Ideale der siebziger Jahre zu revidieren, und es ergab sich, daß der früher gehegte Glaube irrig war, daß es nämlich in Rußland möglich sein würde, den Gefahren des Kapitalis- mus auszuweichen, weil es noch ein Agrarstaat sei, und daß man daher in Rußland bei einem Siege der Revolution die soziale Frage besser lösen könne als anderswo. Aber der Kapitalismus war tatsächlich auch bei uns eingekehrt. Daher konnten die Revolutionäre nun mit einer Arbeiterbewegung rechnen, und es war ihnen jetzt die Aufgabe gestellt, unter den Arbeitern Propaganda zu machen. Das war der einzige Stand, wo man langsam, aber sicher etwas erreichen konnte. Wir schrieben jetzt das Jahr 1896. Beim Regierungs- autritt Nikolaus II. hofften die Liberalen, die sich bis dahin .sehr still verhalten hatten, durch Petitionen den jungen Kaiser zur Abkehr von der reaktionären Politik seines Vaters ver- anlassen zu können. Ihre Hoffnungen waren indessen völlig unbegründet, denn ihnen gegenüber stand die mächtige re- aktionäre Partei. Ich kann und will nicht deren Vertreter sämtlich als gewissenlose Ausbeuter hinstellen, denen ihre Politik persönlichen Nutzen brachte. Es gab unter ihnen sehr viele ehrliche aber leider kurzsichtige Politiker, die fest davon überzeugt waren, daß Rußland sich vollkommen ruhig auf seinen alten Grundvesten der Nationalität, des Glaubens und des Absolutismus entwickeln könne. Die Unzufriedenheit im Volke sei nur das Werk einer kleinen Zahl von Hetzern, die von der westeuropäischen Sozialdemokratie angesteckt seien. In ihren Augen würde die Entwickelung Rußlands eine ganz andere sein, als die der westeuropäischen Staaten, und sie glaubten daher durch ihre Politik die Aufrollung der Ar- beiterfrage und alle Uebelstände des Parlamentarischen Regimes vermeiden zu können. Die Liberalen freilich, welche die Durchführung der Re- formen der sechziger Jahre durch Bittschriften zu erreichen hofften, bildeten durchaus keine organisierte Partei, wie das. ja bei den russischen Zuständen begreiflich ist. Außerhalb der beiden geschilderten Strömungen stand die gesamte unbewegliche Masse des Volkes, von der nur ein kleiner Teil, die Arbeiter, den Willen hatte, seine traurige Lage durch Ausschreitungen und Streiks zu verbessern. Auf die Frage: was soll ich nun tun?— war für mich nunmehr die Antwort gegeben: Hätte die Regierung Reformen geschaffen, so würde ich wahrscheinlich mein Wissen und meine Arbeitskraft in ihren Dienst gestellt haben, obwohl ich genau wußte, daß es einen harten und schweren Kampf gegen alt- eingewurzelte Ilebelstände gegeben haben würde. Aber ich war jung und beseelt von dem Drang, meinem Baterland Nutzen zu bringen. Die Reformen waren aber nicht ge- kommen, und so war mir klar, daß, wie mein Urteil auch aus- fallen würde, ich doch unter Polizeiaufsicht käme und daher auch nicht daran denken könnte, auf einem meiner Güter eine Schule zu errichten. Auch würde ein Leben in Petersburg für mich ausgeschlossen sein, da ich politisch verdächtig war. Durch die Geschichte der revolutionären Bewegungen in Ruß- land war ich ferner zu der Ueberzeugung gelaugt, daß die Liberalen immer noch ihren alten Weg des Bettelns um Frei- heit weiter gehen würden. Es blieb mir also nur der eine Weg: mich meinen revolutionären Freunden anzuschließen� um das große Ziel der Freiheit meines Volkes mit eiserner Konsequenz zu verfolgen. Ich teilte jetzt auch ihre Meinung, daß man die Bewegung unter den Arbeitern in die rechten Bahnen lenken müsse, da- mit auch diese Bewegung mit der Zeit politischen Charakter gewönne. Die Arbeiter mußten davon überzeugt werden, daß ihnen vor allem die politische Freiheit fehlte, daß aber mit dieser ihre Organisationen die Gesellschaft zwingen könnte, auch ihre gerechten Forderungen vor der Regierung zu vertreten. Ich wußte, daß dieser Kampf sehr lange, viel- leicht ein Menschenalter dauern könnte, aber ich rechnete auch damit, daß andere Ereignisse die russische Gesellschaft auf- rütteln könnten, wodurch die revolutionäre Bewegung an Breite und Tiefe gewinnen würde Eines Morgens wurde ich wieder in die Kanzlei geführt, die ich seit geraumer Zeit nicht betreten hatte, weil die Ver- höre ganz und gar aufgehört hatten. Ich mußte mich zu meiner Empörung vollständig auskleiden, und man unter- suchte meine Kleider, meinen Körper. Ich wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Der Gedanke, man gebe mir vielleicht die Freiheit wieder, tauchte auf, aber ich konnte nicht daran glauben. Oh, es wäre zu herrlich! Ich habe ja in meiner Einsamkeit vieles erlebt, vieles empfunden und will alle meine Kräfte der großen Sache, der Befreiung des Volkes von den Fesseln der Willkür und Gesetzlosigkeit widmen... Oh, in der Freiheit werde ich... Aber warum sagt man mir nichts? Warum hat man mich untersucht? Nein, ich täusche mich— ich werde nicht freigelassen! Zwei Gendarmen erschienen, der eine Beamte übergab ihnen ein Schriftstück in geschlossenem Kuvert und sagte ihnen ein paar Worte, die ich nicht verstand. Dann wurden meine Sachen gebracht, und ein Gendarmerieoffizier sagte zu mir: „Nun nehmen Sie Abschied von uns. Glückliche Reise!". lFortsetzung folgt.) Der Garten des Laubenkoloniften. März. Als Freund Prietzke dieser Tage bei Hellem Sonnenschein nach seiner Laube ging, traf er dort zu seiner freudigen Ueberraschung einen ihm lieben Gast vom verflossenen Jahre an. Auf dem kleinen Sprunghölzchen des Starkasten, der, auf langer Stange be- festigt, die Laube weit überragt, saß Papa Starmatz in seinem dmcklen, hellgeperlten Kleid, das den alten. Knaben kennzeichnet, und schmetterte fein anspruchsloses Liedchen in die reine Morgen- luft. Unterdessen waltete drinnen, im Kasten, die züchtige Haus- frau, seine Alte, die Starmätzin, im notdürftig aufgearbeiteten Neste ihres Amtes. Eine Träne der Rührung rann Prietzke beim Anblick dieses Familienidylls über das furchige, von Feuerglut und Sonnenbrand gebräunte Gesicht. Er hatte im Vorjahre nicht uneigennützig an seinen gefiederten Gästen gehandelt, ihnen die Brut genommen, um sie aufzupäppeln, und doch waren die Alten aus Liebe zu ihrem Heim, dem schlichten Kasten, zu ihm zurück- gekehrt. Ein langes Fahr war darüber verstrichen, das erste Jahr seiner gärtnerischen Liebhaberarbeit und vieles hatte sich inzwischen ver- ändert, daheim und da draußen in der Laube. Daheim war die Familie zusammengeschrumpft, Freier hatten den drei ältesten Töchtern die Hände fürs Leben gereicht und sie nach Rixdorf, Neu- Ruppin und Pasewalk entführt, da darußen war so manches, was er zuvor gepflanzt, inzwischen üppig gediehen und ließ in diesem Jahre reichen Ertrag erhoffen. Prietzke setzte sich auf die kalte Laubcnbank, steckte sich die Pfeife an, blies den Rauch in wohlgeformten Ringen von sich und dachte darüber nach, wie er nun den Garten bestellen solle. Die kleinere Kopfzahl seiner Familie gestattet es ihm nun, den Blumen einen größeren Spielraum zu gönnen und, diesen Verhältnissen Rechnung tragend, will er zunächst die Rabatten, d. h. die fchmalen, den Hauptwcg der Parzelle begrenzenden Beetstreifen, mit aus- dauernden Blütcnpflanzen besetzen. Von Rosen, für die seine Frau aus der Zeit ihrer ersten, verunglückten Liebe noch immer schwärmte, mußte ich ihn abraten, weil sie von den Parzellen mit ganz be- sonderer Vorliebe gestohlen werden, dagegen riet ich ihm zu ein- fachen, dankbaren, leicht weiter wachsenden Stauden. Für diese ist der März eine vorzügliche Pflanzzeit. Manche schöne Staude findet man weiwerbreitet in den Laubenkolonien, man erhält sie in Tausch, von gutmütigen Nachbarn vielfach auch gegen ein gutes Wort. Solche Stauden sind die reizenden, schon im Mai-Juni blühenden Zwergschwcrtlilien(Iris pumila), die in herrlichen Farben blühenden Formen unserer deutschen Schwertlilie(Iris germanica), die weiß und rosa blühenden Fedcrnclken(Diantlius plumarius), die Bart- oder Studentcnnelken(Diantlius barbatus), Glockenblumen(Campanula), herbstblühende Staudenastcrn, die in unserem mageren, märkischen Sand so schön gcdeihene Goldrute !(Solidago), Stauden-Sonnenblume(Helianthus) u, a. Diese Stauden können zwei bis drei Jahre unverändert stehen, dann werden sie im Herbst oder Frühling ausgenommen, durch Teilung der Wurzelstöcke vermehrt und auf neue Beete verpflanzt. Für die schönen Mohnsorten, die vornehmeren Verwandten der Klatschrosen, nicht-Basen, unserer Getreidefelder, für die Gartenkornblumen, deren Stammutter auch als Unkraut in unseren Roggenfeldern zu finden ist, für Reseda, Rittersporn und wie sie alle heißen mögen, will Prietzke da seine oder andere der vor- jährigen Gemüsebeete zur Verfügung stellen. Diese harten Sommerblumen werden nicht verpflanzt, sondern gleich dahin ge- sät, wo sie sich vollständig entwickeln sollen. Man vergesse aber nicht, vorher die betreffenden Beete gut zu düngen, sorgfältig und möglichst tief zu graben, sauber mit hölzerner Harke abzuharken und, was eine Hauptsache ist, die Samen recht weitläufig aus- zustreuen. Herr Prietzke, der seine Parzelle in praktischer Weise, genau nach meinen Angaben eingeteilt hat, besitzt auf ihr auch eine Ab- teilung für ausdauernde Nutzpflanzen. Diese Abteilung ist es. die ihm jetzt, im zweiten Jahre, ganz besonderen Spaß mächt. Da steht zunächst sein Erdbeerbect, bepflanzt mit Setzlingen der aller- frühesten Sorten Deutsch Evern und Laxtons Nobel, die ich ihm im Vorjahre verehrt hatte. Na. Prietzke hat entschieden Glück damit gehabt, ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugt und mir dabei nicht nur schmutzige Stiefel und nasse Strümpfe, sondern auch einen Schnupfen geholt, der, wie Frau Rosine Prietzke treu» herzig meinte, nicht von schlechten Eltern ist. Ich habe jetzt übrigens bei Frau Prietzke entschieden einen Stein im Brett und dies wird so lange dauern, bis, ja bis sie meine Schwiegermutter geworden ist. Aber davon wollen wir heute nichts reden, sondern von den Erdbeeren. Prietzkes allesamt läuft schon das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an die ersten Junitage und die ver- führerischen, roten Beeren denken. Der schnecreich? Winter ist den Erdbcerpflanzen gut bekommen, die weiße Decke hat ihnen das Laub in unveränderter Frische erhalten, wahrend es sonst in unserem Sande unter dem Einfluß der trockenen Winterwinde bald dürr zu werden pflegt. Die gesunde Beschaffenheit des Erd- beerlaubes im Frühling gewährleistet einen reichen Ertrag. Ich habe Freund Prietzke nun folgendes geraten: Die schlechten und kranken Blätter zu entfernen, aber nur diese, besser eins zu wenig als ein zu viel, das ganze Beet gleichmäßig aber dünn mit Peru- Guano, Taubendung oder Blutinehl überstreuen, das Unkraut aus- ziehen und danach das Beet leicht und vorsichtig beHarken. Von dem Graben der Erdbeerbeete, wie es sonst überall noch üblich ist, bin ich ganz abgekommen, weil man die Pflanzen dadurch ein.es erheblichen Teiles ihrer Wurzeln beraubt. Erdbeeren werden im August-September auf gut gegrabene Beete gepflanzt und bleiben dann drei bis vier Jahre>— bis zur Erschöpfung— auf diesen Beeten, bei jährlicher Düngung und jährlich zweimaligem BeHarken im Frühling und Herbst. Neben den Erdbeeren stehen Prietzkes ausdauernde Küchenkräuter, die jetzt auch gedüngt und behackt werden. Diese Küchenkräuter hat Frau Prietzke in ihr Herz gc- schlössen. Mit dem Sauerampfer bringt sie Aroma in den Spinat, mit Schnittlauch würzt sie den Eierkuchen und die Butterstulle, mit anderen Kräutern Suppe und Braten. Die vielen sonstigen würzigen Pflänzchen, die bei der Fabrikation von Alpenkräuter- und anderen Gowürzbittern eine Hauptrolle spielen, schneidet sie teils vor, teils in der Blüte, bündelt sie und läßt sie hängend in luftiger Kammer für den Winter trocknen. Noch heute duftet ihr Wäscheschrank nach Lawendel, ihr Küchenspind nach Thymian, Salbei, Raute, Rosmarin, Esdragon und Waldmeister und— die ganze Familie duftet mit, sogar die Pfeife Prietzkes, da er seinen Kanastertabak(Marke A. B. Reuter), der sonst nicht schlecht stinkt, mit etwas trockenem Waldmeister zu mischen pflegt. Daß der Duft Prietzkes feiner und gesunder ist, als das Patchouli-, Moschus- und pean d'Espagne-Parfüm, mit welchem gewisse Mode- damen sich selbst und die Luft verpesten, dürfen mir die Leser ruhig glauben. Neben den Würzkräutcrn stehen bei Prietzkes einige gewaltige Rhabarbcrstauden, deren oberirdische Teile mit Eintritt des Winters von der Bikdfläche verschwanden, deren kräftiger Wurzelstock aber lebensfähig im Boden ruht. Diese prächtigen Pflanzen sind Prietzke so ans Herz gewachsen, daß er es kaum noch wagt, sie einer ihrer dicken Wurzeln zu berauben, die dem Schnaps eine so pikante Würze geben und ein gutes— Abführmittel sind. Aber Frau Prietzke rechnet als praktische Frau schon heute mit den saftigen, kraftstrotzenden Blattstielen, aus denen sie früh im Jahre ein bekömmliches, stachelbcerartig schmeckendes Kompott, bei feierlichem Anlaß— ihrem eigenen Geburtstag— aber auch eine schmackhafte Torte, die Rhabarbertorte, herstellt. Will man diese Stiele recht früh und recht zart haben, so stülpt man jetzt über jede Staude eine alte Zementtonne. Bald wachsen die Stiele auf der Suche nach Licht durch die ganze Tonne und wenn man dann diese abhebt, fallen sie nach allen Seiten aus- einander und brechen dabei dicht über dem Wurzelhals ab. � Die so getriebenen und gebleichten Stiele sind teils gelblich, teils zart rosafarbig und von besonderer Feinheit im Geschmack. Nachdem die Erdbeeren bei Prietzkes einen so viel versprechen- den Anlauf zu gutem Gedeihen genommen haben, interessieren sie sich weiter für Beerenobst, zunächst für Himbeeren. Sie waren alle im Vorjahre bei mir in den Himbeeren, sauber und chic, aber mit leeren Magen kamen sie heraus nach dem Albertshain, gut gesättigt, mit vom Himbeersaft extra geröteten Lippen und rosa- farbigen Fingern traten sie am späten Abend den Heimweg an. Seitdem schwärmen sie alle für Himbeeren und ich kann es ihnen nicht verdenken. Nun will Herr Prietzke einige„Ableger und Senker", wie er sich ausdrückt, von meinen Himbeeren haben und, was will ich machen, ich mutz sie ihm schon verehren, wenn unsere Freundschafl nicht in die Brüche gehen soll. Er weitz es nur zu gut, meine Sorten: Harzjuwel, Fastolf und Scheffers Kolossal und Lukretia sind fein und echt. Ich brauchte ihm nicht erst zu sagen, datz er die Ruten gleich nach dem Pflanzen dicht über dem Boden unbarmherzig abschneiden müsse, damit sich schon im ersten �ahre ein junger, kräftiger Trieb bildet, der im nächsten Jahre reichlich sützc Beeren bringt. Das und noch viel, viel mehr hat Prietzke aus dem„Praktischen Taschenbuch für Gartenfreunde"(Verlag von Paul Paretz, Berlin LW., Hedemannstratze 11) herausgezogen; er meinte die 2yj Mark, die er dafür angelegt, hätten auf seiner Parzelle reiche Zinsen getragen und im ganzen„Nassen Dreieck" sei kein Kolonist mehr, der nicht das gleiche Buch täglich zur Hand nähme. Auch über die Wechsclwirtschaft im Gemüsegarten ist Prietzke jetzt ganz genau orientiert. Alle Gemüse, sagt er, deren Blätter, Blüten oder Früchte man genictzt, erfordern frische Düngung, auch darin hat er natürlich wieder einmal recht; er wird auch in diesem Jahre wieder die schönsten Tomaten, Gurken, Salat- und Kohlköpfe ernten, davon bin ich schon jetzt im März felsenfest überzeugt.—_ Hd. Kleines feuilleton* Timulation von Geisteskrankheiten. Die Psychiatrie ist einer der jüngsten wissenschaftlich ausgebauten Zweige der Medizin. Da kann es nicht wundernehmen, wenn die Psychiater, sowohl in prinzipiellen Fragen als auch besonders bei einzelnen praktischen Fällen, sich oft genug schroff gegenüber stehen. Ganz besonders ist dies der Fall bei der gerichtlichen Psychiatrie, welche ja die breite Ocffentlichkeit am meisten interessiert, da ja wohl alle schon eine Reihe psychiatrischer Gutachten gehört haben, sei es nur aus Zeitungslcktüre, oder als Zuschauer, Zeugen, Schöffen oder Ge- schworene vor Gericht. Besonders bleiben natürlich sensationelle Fälle im Gedächtnis, in denen sich verschiedene Psychiater gegen- über standen. Es sei nur an den sattsam bekannten Fall des rumänischen Hochstaplers Manolescu erinnert, über dessen Geistes- zustand immer noch keine Klarheit geschaffen ist. Jahrelang er- klärten ihn bald weltberühmte psychiatrische Autoritäten für einen nicht verantwortlichen Geisteskranken, bald andere ebenso ge- wichtige Stimmen für einen Simulanten. Kann es da Wunder- nehmen, datz der Laie— wozu in den meisten Fällen auch die Juristen zu zählen sind— allzu geneigt ist, in jedem Verbrecher, der pathologische Symptome zeigt, einen Simulanten zu erblicken? Um so mehr ist dies der Fall, als der Laie sich nicht so leicht über- zeugen lätzt, datz sich Geisteskrankheit bei weitem nicht immer auf dem Gebiet des Verstandes allgemein bemerkbar macht, datz z. B. raffinierte Schlauheit beim Ausbrechen von Verbrechern, die auf ihren Geisteszustand untersucht werden, oder ihre geschickte Selbstverteidigung vor Gericht, längst noch nicht auf ihre Geistes- gesundheit schließen lassen. Da dürfte es denn wohl auch weitere Kreise, namentlich aber diejenigen, welche vielleicht einmal als Schöffen oder Geschworene sich selber ein Urteil über einen solchen„Simulanten" zu bilden haben, interessieren, zu erfahren, was die psychiatrische Wissen- schaft in dieser Frage sagt. Im„Archiv für Psychiatrie"(Band 46, 1966, Seite 254— 285) veröffentlichte Dr. A. S ch o t t einen längeren Aufsatz über„Simulation und Geistesstörung", in welchem er auf Grund einiger ausführlich geschildeter praktischer Fälle und der eingehend berücksichtigten allgemeinen und speziellen psychiatrischen Literatur zu folgenden Ergebnissen kommt: Es ist überhaupt sehr fraglich, ob reine Simulation von Geistes- störung bei völlig Geistesgesunden überhaupt vorkommt; jedenfalls ist sie verschwindend selten. Bei weitem am häufigsten findet sich Simulation bei degenerierten Individuen und ist als ein Ausflutz der Degeneration aufzufassen. Selbst die Entlarvung eines Simu- lanten, sowie sein Geständnis, datz er simuliert habe, beweisen noch nichts für seine geistige Gesundheit. Irgend ein besonderes charakteristisches Merkmal, das sicher auf Simulation schlietzen lasse, gibt es nicht, vielmehr bedarf es zu ihrer Beurteilung ebenso wie bei allen anderen psychischen Zuständen der umfassenden und vorurteilsfreien Berücksichtigung aller Umstände und einer ein- gehenden körperlichen und geistigen Durchforschung des Jndivi- duums. Deshalb mutz in allen irgendwie schwierigen Fällen, in denen anscheinend Geisteskrankheit simuliert wird, der Arzt darauf dringen, daß der Angeklagte zu einer mehrwöchentlichen Unter- suchung in einer Irrenanstalt untergebracht wird. Kulturgeschichtliches. Die Erfindung des Linnenpapiers. Kein Teil der Diplomatik(Urkundenlehre) ist häufiger erörtert worden, als die Frage nach dem Ursprung des Linnenpapiers. Die Unter- suchung ist um so interessanter wegen des grohen Einflusses, welchen dieser Stoff auf die Fortpflanzung der Wissenschaft und Zivilisation gehabt hat, und konnte auch dem Philologen nicht gleichgültig sein, da sie das Mittel zur Altersbestimmung von Handschriften bietet. Das älteste Dokument von Linnenpapier soll im Jahre 13V8 geschrieben worden sein, und da die Erfindung doch jedenfalls dem Niederschreiben vorausgegangen sein muß, s< nimmt man das Jahr 1306 als das wahrscheinlichste Datum der- selben an. Gotthelf Fischer zitiert in seiner Abhandlung über Papierzeichen einen Auszug aus einem auf Linnenpapier 1301 ge- schriebenen Bericht. Sein Zeichen ist ein Kreis, darüber ein Reis» an dessen Ende sich ein Stern befindet. Das Papier ist dick, fest und wohl genarbt; seine Wasserlinien und Wasserzeichen lassen sich deutlich unterscheiden. Schwandner, Oberbibliothekar der kaiserlichen Bibliothek in Wien, rückt das Datum der Erfindung des Linncnpapiers viel höher hinauf. Er fand unter den Urkunden des Klosters Götz in Obersteiermark eine ziemlich zerlumpte von nur sieben Zoll Länge und drei Zoll Breite, deren Wert er aber als seltsame Reliquie so hoch schätzte, datz er 1788 einen weitläufigen Bericht über deren Entdeckung herausgab. Das Dokument ist ein Mandat des Kaisers Friedrich II. Schwandner weist nach, datz es in das Jahr 1243 zu setzen sei. Was die Umstände angeht, welche zur Erfindung des gebräuchlichen Papiers führten, oder auch was das Land dec Erfindung betrifft, so findet man bei allen Schriftstellern, die über diese Materie geschrieben haben, nichts als Vermutungen. Eine Bemerkung des arabischen Arztes Abdallatif, welcher Aegypten im Jahre 1260 besuchte, wirft auf die Frage ein helleres Licht. Er sagt nämlich, datz aus dem in den Katakomben ge- fundenen und zur Einhüllung der Mumien gebrauchten Zeuge ent- weder Kleider gefertigt wurden, oder datz man es an die Schreiber verkaufte, die Krämerbücher daraus machten. Tychsen hat in einer Abhandlung bewiesen, datz Aegypten bis gegen Ende des 11. Jahr- Hunderts ganz Europa mit dieser Art Papier versorgte. Dir Araber hatten infolge ihrer Eroberungen in der Bucharei um daS Jahr 764 die Kunst der Baumwollenpapierbcreitung erlernt, und durch sie oder die Sarazenen kam diese Kunst im 11. Jahrhundert nach Europa. Alle bekannten Schriftsteller über diesen Gegen» stand vermuten, datz der Abt von Cligny mit der Bemerkung„auS den Abschabsel alter Lumpen" nur auf wollene oder baumwollene» nicht aber auf Linnen angespielt habe. Allein, da zweifellos die Erfindung des Linnenpapiers in eine frühere Zeit zu setzen ist» und da die Erwägung bei Abdallatif den Schluß rechtfertigt, datz es in Aegypten einige Zeit vor seiner Bereisung dieses Lande? 1126 bereitet wurde, so kann man mit Recht vermuten, daß Peter von Cligny, dessen angeführter Traktat um 1266 geschrieben sein soll, auch linnene„Abschabsel" meinte. Die vorstehenden Tatsachen stimmen mit der schon längst von Prideaux ausgesprochenen An- ficht, datz Linnenpapier eine morgenländische Erfindung sei, und datz diese durch die Sarazenen Spaniens zuerst nach Europa ge- bracht wurde. Aus dem Tierleben. Musikempfängliche Tiere. Ueber eine Reihe höchst interessanter Versuche zur Feststellung der Musikempfänglichkcit von Tieren berichtet der„Türmer"(Verlag von Greiner u. Pfeiffer» Stuttgart) in seinem letzten Heft. � Durch den Militärarzt Ad. Guönon wurde ein Versuch ber Pferden angestellt. Er bediente sich bloß einer Violine und einer Flöte; mit letzterer erzielte er allerdings mehr Wirkung als mit dem Saiteninstrument. Nach seiner Beobachtung sind Pferde für wohlklingende Musik, für kleine melodiöse Fragmente empfänglicher als für unzusammenhängende Töne; bei diesen hatte er fast gar keinen Erfolg zu verzeichnen. Bei dem ersten Ton der Flöte wendeten sich alle Pferde dem Musiker zu und sahen ihn auf» merksam und neugierig an; man bemerkte, datz einige sich wieder dem Futtertrog zukehrten und ihre frühere Stellung einnahmen, sobald sie den Tonerreger gesehen hatten; das Verhältnis der In» differenten zu den Empfänglichen beträgt aber ungefähr 1:5; diese letzteren sirib sichtlich erregt und bewahren, so lange das Jnstru- ment sich hören lätzt, eine besondere Haltung. Man kann ohne Uebertreibung sagen, datz diese Tiere geradezu bezaubert und tief erregt sind; man sieht deutlich, datz die Musik sie intensiv beschäftigt- Es ist merkwürdig und bloß den Pferden eigen, daß jede Auf» regung, der sie unterworfen sind, sich-in Blase und Darm fühlbar macht. Schon nach kaum einer Minute, wenn die ersten Tön« hörbar werden, sieht man diese Wirkung, die sich im Zeitraum von zehn Minuten 3— 4mal wiederholt. Junge Tiere sind viel empfänglicher als ältere; die erzielte Wirkung ist viel stärker, die Erregung lebhafter, was sich aus der heftigeren Darmtätigkeit schließen lätzt. Endlich, und dies verdient besonders hervorgehoben zu werden, wurde öfters konstatiert, datz der Aufruhr, den die Musik bei Pferden hervorruft, seinen Höhepunkt bei scheuen Pferden er» reicht; diese werden feige wie die Hasen, die ihr Leben in ewiger Angst zubringen; anstatt ruhig und unbeweglich zu bleiben und aufmerksam hinzuhorchen, ängstigen sie sich und kratzen am Boden; sie bewegen die Ohren nach allen Richtungen; mit einem Wort» sie geben lebhafte Unruhe kund. � Unter den anderen musikalischen Tieren mutz man in erster Reihe den Elefanten nennen. Das ist seit langem bekannt, da schon Kaiser Gallienus nach einer Rückkehr aus Spanien bei einer Vorstellung in Rom Elefanten sehen ließ, die nach dem Ton eines Instrumentes nach dem Takte auf einem Seile auf und ab gingen. An zwei Elefanten im Jardin des Plantes wurde die Wirkung eines ganzen Orchesters erprobt. Die melancholischen Weisen einer Romanze ziehen sie wie mit einem Zauber an. Während des ganzen Liedes geben sie nicht einen-Ton von sich; ihre Bewegungen sind langsam, gemessen und passen sich der feinen Melodie des ■HHHBHplllHiHHHHHHiHHHHHRIIHHHHHHIHlHIHHHIHHHHIlHH Liedes an. Beim Ertönen der lustigen und bewegten Melodie des Liedes„Co irz." in D-Dur dagegen, das von den? ganzen Orchester gespiekl wurde, sind die Tiere von einer Art Fieber er- griffen. An ihrem Entzucken, an ihrem Freudengeschrei, das zu- weilen ernst, dann wieder gellend Hingt, aber in seiner Betonung stets verschieden ist. an ihrem Pfeifen, an ihrem Kommen und Gehen bemerkt man. daß der Rhythmus dieser Melodie sie erregt und verfolgt und sie zwingt, sich nach seinem Takt zu bewegen. Ein ähnlicher Versuch wurde im Zoologischen Garten in London mit Bären angestellt. Sie hörten mit geradezu komischer Auf- merksamkeit zu und steckten, aufrecht stehend, Pfoten und Schnauze durch das Gitter des Käfigs. Bei einem absichtlich falsch ange- schlagenen Akkorde zogen sie sich fast erschrocken in die Tiefe ihres Kerkers zurück; beim Ertönen eines Marsches gingen sie im Käfig auf und ab und suchten ihre Schritte dem Takte anzupaffen. Bei den Löwen war der Erfolg ein gleicher. Alle kamen dem Instrumente so nahe wie möglich; einer bewegte wie im Takte das Büschel schwarzer Borsten, mit � denen sein Schwanz endigt, hin und her; eine Löwin stieß ihn beiseite, um seinen Platz einzu- nehmen und dem Violinspieler näher zu sein. Bei den Wölfen ist das Resultat ein ganz anderes; die Musik erschreckte sie. Der gemeine Wolf hob seinen Rücken und knirschte in gräßlicher Weise mit den Zähnen; der indische Wolf schien den furchtbarsten Schrecken zu empfinden; zitternd und mit zu Berge stehenden Haaren kroch er auf dem Bauche in den äußersten Winkel feines Käfigs. Schakale und Füchse werden durch Musik weniger erschreckt als der Wolf. � Tic Schafe scheinen durch die Musik bezaubert; sie unterbrechen ihr Fressen, um dem Violinspiel bester zuhören zu können. Besonders aber bei den Affen bewirkt die Musik das größte Erstaunen und die höchste Aufreizung. Große Affen find eher er- schrocken als entzückt. Ein junger Orang-Utang kehrte sogleich dem Musiker den Rücken und kletterte in seinem Käfig so hoch als möglich. Einer hörte ernst und mit verschlungenen Händen zu; bei einem Crescendo ließ er ein sehr deutliches Zeichen von Ver- ständnis vernehmen. Sämtliche Affen, wie übrigens auch alle arideren Tiere, scheinen durch falsche Akkorde erschreckt zu werden. Der Hund ist ebenfalls für ZWufik sehr empfänglich, nur ist er sehr wählerisch. Man weiß z. wie sehr ihn ein« Barbarie- Orgel(ein Modeneser Fabrikat) in Wut versetzt und ihn dazu veranlaßt, ein unheilverkündendes Geheul anzustimmen, was mich übrigens bei einem so haarsträubenden Instrumente nicht wundert. Aber gewiste Akkorde können dem Hunde angenehm sein. Nichts ist interessanter, sagt Gnenon, als der Gesichtsausdruck, den ein junges Tier dieser Gattung annimmt, wenn es zum erstenmal den To» einer Flöte oder einer Violine hört. Bei tiefen, langsamen Tönen streckt es den Hals vor und nimmt eine höchst komische, niedergeschlagene Miene an; um bester hören zu können, hebt es die Ohren und neigt den Kopf so tief, daß es um sich selbst einen Halbkreis beschreibt; diese Entzückung kann einige Minuten währen, hört jedoch auf, sobald das Tempo sich beschleunigt oder die Töne durchdringender werden; in diesem letzteren Falle ist das Tier peinlich erregt und zeigt es auf seine Weise, indem es bellende, gedehnte und sehr durchdringend heulende Laute ausstößt; diese schließen meistens mit der Ursache, die sie hervorbrachte. Auf dem Klavier erzielte Resultate sind ungefähr die gleichen. Der Eindruck, den die Musik auf Schlangen macht, ist bekannt. Die„Schlangenkünstler" benutzen diese ihre Neigung, um sie lebend zu fangen oder Objekte, die sie dem Publikum vorführen wollen, aus ihrer Schlaftrunkenheit zu wecken. Bei der.Schlangenausstellung" machen die Hindus mit einer kleinen Klarinette ununterbrochen Musik. Sogleich kommt die Schlange aus dem Korbe, in dem sie eingesperrt ist. hervor und richtet sich auf; manchmal bewegt sie ihren Körper, als wollte sie die Musik begleiten. Während dieser Zeit sind sie nicht gefährlich und denken nicht ans Beißen; sie werden erst wikd, wenn die Musik aufhört; die Hindus wissen das Wohl und trachten meist, ihnen die Giftzähne vorher auszureißen.— Auch die Eidechsen lieben die Musik ganz besonders. Sie ziehen die langsamen Töne den rauhen heiseren vor. Actis spricht von einer Eidechse, die mit besonderer Freude daS Adagio in f-Dur aus dem E-Dur-Ouart«tt von Mozart anhörte; so oft man iefcS Stück spielte, kam sie aus ihrem Loch hervor und blieb unbe- weglich; sobald man zu spielen aufhörte, beeilte sie sich, in ihr Bersteck zu kommen. Dr. H. Chomet begab sich einmal in einen Wald und begann eine Melodie aus einer italienischen Oper zu singen; plötzlich sah er sich von kleinen Eidechsen umgeben, die ihn tllit vergnügten Mienen betrachteten. Auch die Mäuse lieben die Musit außerordentlich. Sie lockt sie aus ihrem Loch und läßt sie alle Furcht vergeffen. Sie wagen es bei helllichtem Tage in ein Zimmer zu laufen, in dem Musik gemacht Ivird. Zum Schluß erinnern wir noch an die deutlichen Beweise einer Musikempfänglichkeit bei Spinnen. Man kennt die Sage von Peliffon, der eines dieser Tiere bezauberte, indem er ihm Dndelsack borspielte. Gretrh erzählt, daß eine Spinne bis auf sein Klavier kam, wenn er spielte, und verschwand, sobald er aufhörte. Michclet berichtet vor einem ähnlichen Fall. Eines jener kleinen Opfer, aus denen man schon in jungen Jahren Virtuosen macht, Berthome, der im Jahre 1800 gefeiert wurde, verdankte seine staunenerregen- "---—-■ � i � I I-.■...,■ Verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: den Kenntnisse der absoluten Einsamkeit, in der er lernen mußte. Mit acht Jahren entzückte er alle durch sein wundervolles Liolin- spiel. In seiner fortwährenden Verlassenheit hatte er einen ein- zigen Kameraden, von dem niemand eine Anhnung hatte, nämlich eine Spinne. Zuerst hielt sie sich in einem Winkel der Mauer auf, dann nahm sie sich die Freiheit, bis zum Notenpulte vor- zudringen, endlich kam sie auf den Arm des Kindes, der so geschickt den Bogen führte; von da aus konnte diese immer zitternde, er- regte Musikschwärmerin die Töne aus nächster Nähe hören. Sie bildete sein ganzes Auditorium. Das Kind hatte unglücklicherweise eine Ziehmutter, die eines Tages das empfindsame, kunstliebende Tier aus seinem Platze sah. Ein heftiger Schlag mit dem Pan- toffel— und das ganze Auditorium war vernichtet. Der Knabe fiel rücklings zu Boden, er war drei Monate krank und dem Tode nahe.— Humoristisches. — Aus der Schule. Lehrer:.Ein Sprichwort sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Nennt mir Beispiele dazu! Fritz:.Dem Herrn Lehrer seine Nase." — I e nachdem..Wie Ihre Aelteste beim Zeitungslesen die Farbe Ivechselt l" „Ja, beim politischen Teil bleibt sie gleichgültig, bei den TageS- Nachrichten wird sie blau, beim Roman rot und bei den Verlobungs- Nachrichten grün und gelb." — DeplazierteFrage. Der Lnftschiffer gewinnt in unserer Gegend immer mehr an Boden. — A ch s o I Richter:.Zwei Jahre lang haben die beiden Herren miteinander stets friedlich gefischt, warum find Sie denn gerade bei diesem Fisch m Streit geraten?" Kläger(zögernd):»Herr Richter, das war der erste, den wir überhaupt gekriegt haben...* l.Meggendorfer-Blätter".) Notizen. — Im Goethe-Berein hält am Sonutag, den 10. März, nachmittags S Uhr, im Saale der Secession, Kurfürstendamm, Fritz Stahl einen Vortrag mit Lichtbildern über Michel Angela. Karten bei Wertheim, Plothow, Kantstr. 21, sowie Sonntags an det Kaste. — Roman'und Novelle nach englischen Begriffen. Es gibt in der englischen und der deutschen Sprache ähnliche oder sogar dieselben Worte, die aber verschiedene Bedeutungen haben. Zu ihnen gehören auch die Worte: Roman(englisch: Romanos) und Novelle(englisch: dlovel). In» Deutsckien unterscheiden sich Roman und Novelle durch ihren Umfang und ihre Verwickelung. Ein Roman ist umfangreicher und verwickelter als eine Novelle. Im Englische» sind beide inhaltlich unterschieden. Ein Roman(Romanos) ist eine Erzählimg, ursprünglich in Versen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat und u»§ durch phantastische Abenteuer, idealifierte, ritterliche Liebesszenen unterhält; das Wort bedeutet nichts weiter, als daß der Stoff auS romanischen Sprachen und Ländern(Frankreich. Spanien) genommen wurde. Eine Novelle(Novsl) dagegen ist eine Erzählung'von Begebenheiten, die möglich sind imd die so geschildert werden, als wären sie ganz natürlich. Im Laufe der Zeit ist daS Wort„Romanos" ganz verschwunden und man nannte die Werke der schönen Literatur(englisch: Fiotion, ausgesprochen: Filschon) Novsls. Im 16., 17. und 18. Jahrhundert findet man auch anstatt.Novel" das Wort„Tale" oder„Hystory"(Erzählung, Geschichte). — Zur Geschichte der politischen Terminologie. Die Bezeichnungen: Monarchist. Aristokrat. Demokrat sollten nach bisheriger Annahme zuerst gegen Ende des 13. Jahrhunderts in den Pariser Salons entstanden sein. Wie indes die.Revue d'Histoire littsraire de la France" nachweist, kommen sie bereits in den gegen 1500 verfaßten»Genfer Chroniken" des Genfer Geschichtsschreibers BonivardS vor. Da es an einer grundlegenden Geschichte der Politik fehlt— Roscher? Werl ist nur eine fleißige Kompilation— ist eS keineswegs ausgeschlossen, daß diese Bezeichnungen noch älteren Ur- sprungeS sind. — Die Indianer in Nordamerika vermehren sich wieder naib den neuesten Untersuchmtgeit. Gegenwärtig lvird ihre Zahl auf 284 000 in den Vereinigten Staaten angegeben. 150 000 Indianer tragen ganz oder teilweise dieselbe Kleidung wie die Weißen und 70 000 können Englisch lesen und sprechen. 28 000 indianische Fa« Milien leben in modern eingerichteten Häuschen. Der Stamm der Cherokee-Jndiancr ist am weitesten in der Kultur vorgeschritten und auch sehr vestlcbt, die Bildung der Weißen unter seinen Mitgliedern zu verbreiten. Die Chcrokee-Jndianer geben 200000 Dollar jährlich für Schulen und andere Bildungszwecke auS.— Vor kurzem trat der erste Indianer als Mitglied in den Senat in Washington ein: Senator CurtiS von Kansas, ein Angehöriger des Stammes der Kaw-Jndianer._ Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Siitge r&Co..Berlin S W.